29.12.44

Opfergang (Veit Harlan, 1944)

»Tag meines Lebens!
 / die Sonne sinkt.« Kurz vor Toresschluß (= Kriegsende) liefert Veit Harlan bei seinem Brotherren Dr. Goebbels ein bemerkenswert morbides Melodrama ab, eine schimmernde schwarze Perle aus dem Zwischenreich von ungehemmter Bombenstimmung und schwärmerischer Lust am Untergang. Wie »Immensee« erzählt auch »Opfergang«, der zweite Teil von Harlans spätromantischem Agfacolor-Diptychon, die heikle Geschichte einer ménage à trois: Der dem Leben in jeder Beziehung zugewandte Albrecht (Carl Raddatz) steht zwischen zwei Frauen – auf der einen Seite die unterkühlte Octavia (Irene von Meyendorff), höhere Tochter aus vornehmem Hamburger Patrizierhaus, wo man zwischen Gabelfrühstück und Mittagsmahl (bei zugezogenen Portieren) Nietzsche-Dithyramben zu rezitieren pflegt; andererseits die leidenschaftliche, nordisch-exotische Aels (Kristina Söderbaum), die sich zumeist mit einer riesigen Doggenmeute umgibt, oder aber als pfeile­schießende Amazone im weißen Badedreß den Elbestrand entlangreitet (und dies, obwohl sie längst weiß, daß eine letale Krankheit an ihr nagt). Harlan erzählt gar nicht so viel, er stellt eher – in leuchtenden Farben (Kamera: Brunno Mondi), aber interessanterweise ohne Vorurteile – die verschiedenen Liebes-, Lebens- und Todesentwürfe gegeneinander, um seine ultrasentimentale kinematographische Dichtung in einer überaus schwülen, ins Surreale schwappenden Sterbeszene gipfeln zu lassen … Mit der ekstatischen Trivialität von »Opfergang«, der überspitzten Darstellung von Begierde, Hingabe und Entsagung, gelingt Harlan zum vielleicht einzigen Mal in seinem melodramatischen Œuvre der Durchbruch von konventionellem Kitsch zu delirierendem Camp. PS: »Wir lieben uns, mein Freund, und es wird schlimm.«

R Veit Harlan B Veit Harlan, Alfred Braun V Rudolf G. Binding K Bruno Mondi M Hans-Otto Borgmann A Erich Zander, Karl Machus S Friedrich Karl von Puttkammer P Veit Harlan D Carl Raddatz, Kristina Söderbaum, Irene von Meyendorff, Franz Schafheitlin, Ernst Stahl-Nachbaur | D | 95 min | 1:1,37 | f | 29. Dezember 1944

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