Auf Liebe und Tod
François Truffaut persifliert – unter Hinterlassung von fünf Leichen – sehr amüsant die verwickelten Plots des film noir, variiert spielerisch Hitchcock-Motive, zitiert sich freudvoll selbst, ohne der (mehr oder wenig überraschenden) Auflösung des ausgebreiteten Falls große Bedeutung beizumessen. Weniger interessant als die Identität des Mörders erscheint die Triebfeder seines Tuns – die Liebe zu den Frauen: »Les femmes sont magiques, alors je suis devenu magicien.« Nestor Almendros’ virtuos geführte Schwarzweiß-Kamera schaut auf Jean-Louis Trintignant (als aufbrausender Immobilienagent Julien Vercel) und Fanny Ardant (als für ihren Chef entflammte Sekretärin Barbara Becker) wie auf Bogart und Bacall, und das nächtlich-verregnete Städtchen an der Côte d’Azur ist – mit seinen Nachtclubs und Polizeistationen, Seitenstraßen und Hinterzimmern – ein (fast) ebenso dekorativer und abgründiger Schauplatz wie jeder klassische Asphaltdschungel. Mit diesem »gut gemachten«, durch und durch sympathischen Film, der sein letzter bleiben sollte, einer nostalgischen Hommage an ein längst vergangenes Kino (und an eine wunderbare starke Frau – die sich gleichwohl einige Ohrfeigen einfängt), ist Truffaut ironischerweise endgültig bei jenem cinéma de qualité angekommen, das er als zorniger junger Kritiker so heftig attackiert hatte.
R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel V Charles Williams K Nestor Almendros M Georges Delerue A Hilton McConnico Ko Michèle Cerf S Martine Barraqué P François Truffaut D Fanny Ardant, Jean-Louis Trintignant, Philippe Laudenbach, Philippe Morier-Genoud, Jean-Louis Richard | F | 111 min | 1:1,66 | sw | 5. August 1983
# 1025 | 10. September 2016
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5.8.83
18.5.83
L’argent (Robert Bresson, 1983)
Das Geld
»O argent, dieu visible, qu’est-ce que tu ne nous ferais pas faire.« Das Geld, schrieb Marx (auf eine Textstelle aus Shakespeares »Timon von Athen« verweisend), sei die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge: Es verwandele die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, die Tugend in Laster. Robert Bressons illusionslose Modellanordnung (nach einer literarischen Vorlage von Tolstoi) macht diese Eigenschaft des Geldes in glasklaren Bildern und Tönen anschaulich. Ein Halbwüchsiger bekommt von seinem Vater keinen Vorschuß aufs Taschengeld; mit einem Kameraden bringt er eine gefälschte Banknote in Umlauf; der geprellte Händler gibt die Blüte (und zwei weitere) an einen jungen Heizöllieferanten weiter, dessen Leben als Folge dieser Übervorteilung in Stücke bricht. »L’argent« zeigt, visuell und narrativ auf das Wesentliche konzentriert, den menschlichen Absturz des Protagonisten (bis hin zu mehrfachem Raubmord) als Konsequenz der verkehrenden Macht des Geldes in einer Welt, die nur die Wahl von Täuschung oder Betrogensein, von Sterben oder Töten läßt. Die vergebende Güte, die diesem Prinzip in Gestalt einer »petite femme« entgegentritt (»Si j’étais Dieu et s’il n’était que de moi, je pardonnerais à tout le monde.«), hat angesichts der allseits waltenden Zerstörungskräfte keine irdische Chance.
R Robert Bresson B Robert Bresson V Leo Tolstoi K Pasqualino de Santis, Emmanuel Machuel M Johann Sebastian Bach A Pierre Guffroy Ko Monique Dury S Jean-François Naudon P Jean-Marc Henchoz, Daniel Toscan du Plantier D Christian Patey, Vincent Risterucci, Caroline Lang, Sylvie van den Elsen, Béatrice Tabourin | F & CH | 85 min | 1:1,66 | f | 18. Mai 1983
# 1121 | 3. Juni 2018
»O argent, dieu visible, qu’est-ce que tu ne nous ferais pas faire.« Das Geld, schrieb Marx (auf eine Textstelle aus Shakespeares »Timon von Athen« verweisend), sei die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge: Es verwandele die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, die Tugend in Laster. Robert Bressons illusionslose Modellanordnung (nach einer literarischen Vorlage von Tolstoi) macht diese Eigenschaft des Geldes in glasklaren Bildern und Tönen anschaulich. Ein Halbwüchsiger bekommt von seinem Vater keinen Vorschuß aufs Taschengeld; mit einem Kameraden bringt er eine gefälschte Banknote in Umlauf; der geprellte Händler gibt die Blüte (und zwei weitere) an einen jungen Heizöllieferanten weiter, dessen Leben als Folge dieser Übervorteilung in Stücke bricht. »L’argent« zeigt, visuell und narrativ auf das Wesentliche konzentriert, den menschlichen Absturz des Protagonisten (bis hin zu mehrfachem Raubmord) als Konsequenz der verkehrenden Macht des Geldes in einer Welt, die nur die Wahl von Täuschung oder Betrogensein, von Sterben oder Töten läßt. Die vergebende Güte, die diesem Prinzip in Gestalt einer »petite femme« entgegentritt (»Si j’étais Dieu et s’il n’était que de moi, je pardonnerais à tout le monde.«), hat angesichts der allseits waltenden Zerstörungskräfte keine irdische Chance.
R Robert Bresson B Robert Bresson V Leo Tolstoi K Pasqualino de Santis, Emmanuel Machuel M Johann Sebastian Bach A Pierre Guffroy Ko Monique Dury S Jean-François Naudon P Jean-Marc Henchoz, Daniel Toscan du Plantier D Christian Patey, Vincent Risterucci, Caroline Lang, Sylvie van den Elsen, Béatrice Tabourin | F & CH | 85 min | 1:1,66 | f | 18. Mai 1983
# 1121 | 3. Juni 2018
6.2.80
On a volé la cuisse de Jupiter (Philippe de Broca, 1980)
Wer hat den Schenkel von Jupiter geklaut?
»Quel voyage de noces!« Le retour du »Tendre poulet«: Nachdem sie noch schnell ein paar Drogendealer hopsgenommen hat, eilt Kommissarin Tanquerelle aufs Rathaus, um ihren geliebten Professor Lemercier zu ehelichen. Gleich nach dem Jawort reisen Lise (Annie Girardot) und Antoine (Philippe Noiret) in die Flitterwochen nach Griechenland, wo sie – zusammen mit einem anderen französischen Paar – unversehens in einen Fall von mörderischem Kunstraub und internationalem Antikenschmuggel verwickelt werden. Statt über dem (nicht mehr ganz so) jungen Glück den ägäischen Honigmond scheinen zu lassen, schickt Philippe de Broca seine Protagonisten in halsbrecherischem Schweinsgalopp durch ein bald postkartenidyllisches, bald gefahrenträchtiges Klischeehellas voller klassischer Altertümer und sirtakidurchklungener Landschaften, malerischer Sonnenuntergänge und begriffsstutziger Beamter. Ein mediterranes Divertimento ohne störenden Tiefsinn.
R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca K Jean-Paul Schwartz M Georges Hatzinassios A Mikes Karapiperis Ko Catherine Leterrier S Henri Lanoë P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Francis Perrin, Marc Dudicourt | F | 100 min | 1:1,66 | f | 6. Februar 1980
# 1002 | 15. Mai 2016
»Quel voyage de noces!« Le retour du »Tendre poulet«: Nachdem sie noch schnell ein paar Drogendealer hopsgenommen hat, eilt Kommissarin Tanquerelle aufs Rathaus, um ihren geliebten Professor Lemercier zu ehelichen. Gleich nach dem Jawort reisen Lise (Annie Girardot) und Antoine (Philippe Noiret) in die Flitterwochen nach Griechenland, wo sie – zusammen mit einem anderen französischen Paar – unversehens in einen Fall von mörderischem Kunstraub und internationalem Antikenschmuggel verwickelt werden. Statt über dem (nicht mehr ganz so) jungen Glück den ägäischen Honigmond scheinen zu lassen, schickt Philippe de Broca seine Protagonisten in halsbrecherischem Schweinsgalopp durch ein bald postkartenidyllisches, bald gefahrenträchtiges Klischeehellas voller klassischer Altertümer und sirtakidurchklungener Landschaften, malerischer Sonnenuntergänge und begriffsstutziger Beamter. Ein mediterranes Divertimento ohne störenden Tiefsinn.
R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca K Jean-Paul Schwartz M Georges Hatzinassios A Mikes Karapiperis Ko Catherine Leterrier S Henri Lanoë P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Francis Perrin, Marc Dudicourt | F | 100 min | 1:1,66 | f | 6. Februar 1980
# 1002 | 15. Mai 2016
29.6.79
Bloodline (Terence Young, 1979)
Blutspur
Nach dem Mord an ihrem Vater sieht sich die Erbin eines Schweizer Pharmakonzerns tödlichen Nachstellungen aus der geldgeilen Verwandtschaft ausgesetzt; alle sind verdächtig, denn jeder hat triftigen Grund, das traditionsreiche Familienunternehmen an der Börse in Cash zu verwandeln … Die Panik in den Augen von Audrey Hepburn ist vermutlich nicht der Höllenangst der von ihr gespielten Elizabeth Roffe geschuldet sondern dem blanken Entsetzen über das hirnverbrannte Unterfangen, auf das sie sich eingelassen hat, als sie die (Haupt-)Rolle in diesem Film annahm. »Bloodline«, eine konfuse amerikanisch-bundesdeutsche Coproduktion mit apathischem All-Star-Cast, geht bei aller handwerklichen Stümperhaftigkeit und erzählerischen Idiotie leider nicht als guilty pleasure durch: Auch wenn Gert Fröbe als Kommissar neckische Zwiesprache mit einem Ermittlungscomputer hält oder, in einer völlig unerklärlichen Parallelhandlung, ein Frauenkiller seine Taten snuff-cinéastisch auswertet, versandet in diesem Fall das heimliche Vergnügen, das manch andere filmische Entartung mit sich bringt, in hochgestochener Langeweile und in der Erschütterung, Profis wie Terence Young, Ennio Morricone, Freddie Young und Schauspiellegenden wie Romy Schneider, James Mason, Maurice Ronet so tief sinken zu sehen.
R Terence Young B Laird Koenig V Sidney Sheldon K Freddie Young M Ennio Morricone A Ted Haworth S Bud Molin P Sidney Beckermann, David V. Picker D Audrey Hepburn, Ben Gazarra, James Mason, Omar Sharif, Gert Fröbe | USA & BRD | 116 min | 1:1,66 | f | 29. Juni 1979
Nach dem Mord an ihrem Vater sieht sich die Erbin eines Schweizer Pharmakonzerns tödlichen Nachstellungen aus der geldgeilen Verwandtschaft ausgesetzt; alle sind verdächtig, denn jeder hat triftigen Grund, das traditionsreiche Familienunternehmen an der Börse in Cash zu verwandeln … Die Panik in den Augen von Audrey Hepburn ist vermutlich nicht der Höllenangst der von ihr gespielten Elizabeth Roffe geschuldet sondern dem blanken Entsetzen über das hirnverbrannte Unterfangen, auf das sie sich eingelassen hat, als sie die (Haupt-)Rolle in diesem Film annahm. »Bloodline«, eine konfuse amerikanisch-bundesdeutsche Coproduktion mit apathischem All-Star-Cast, geht bei aller handwerklichen Stümperhaftigkeit und erzählerischen Idiotie leider nicht als guilty pleasure durch: Auch wenn Gert Fröbe als Kommissar neckische Zwiesprache mit einem Ermittlungscomputer hält oder, in einer völlig unerklärlichen Parallelhandlung, ein Frauenkiller seine Taten snuff-cinéastisch auswertet, versandet in diesem Fall das heimliche Vergnügen, das manch andere filmische Entartung mit sich bringt, in hochgestochener Langeweile und in der Erschütterung, Profis wie Terence Young, Ennio Morricone, Freddie Young und Schauspiellegenden wie Romy Schneider, James Mason, Maurice Ronet so tief sinken zu sehen.
R Terence Young B Laird Koenig V Sidney Sheldon K Freddie Young M Ennio Morricone A Ted Haworth S Bud Molin P Sidney Beckermann, David V. Picker D Audrey Hepburn, Ben Gazarra, James Mason, Omar Sharif, Gert Fröbe | USA & BRD | 116 min | 1:1,66 | f | 29. Juni 1979
29.9.78
Death on the Nile (John Guillermin, 1978)
Tod auf dem Nil
Eine mondäne Flußkreuzfahrt, eine schöne, reiche, tote Frau, ein belgischer (!) Detektiv: Hercule Poirot (Peter Ustinov) ermittelt an Bord des Nildampfers ›Karnak‹ im Fall der erschossenen Millionärin Lillet Ridgeway (Lois Chiles), die selbstverständlich nicht das einzige Opfer bleibt. Genauso selbstverständlich hatten alle illustren Mitreisenden (gespielt unter anderem von Bette Davis, Maggie Smith, Angela Lansbury, George Kennedy, Jack Warden) jeweils ein starkes persönliches Interesse am Ableben der schnippischen Geldlady – insbesondere die überreizte Jacqueline (Mia Farrow), der die Ermordete kurz zuvor den stattlichen Verlobten ausgespannt hatte … Mit seiner hochkarätigen Besetzung und seinen luxuriösen Zwanziger-Jahre-Dekors, mit Jack Cardiffs delikater Fotografie, Nino Rotas schwelgerischer musikalischer Untermalung und John Guillermins gravitätischer Inszenierung präsentiert sich der Whodunit als großes Kino-Epos; die angedeuteten menschlichen und gesellschaftlichen Konflikte bleiben indes schmückendes Beiwerk in einem elegant-ironischen, bisweilen etwas langatmigen kriminalistischen Ratespiel.
R John Guillermin B Anthony Shaffer V Agatha Christie K Jack Cardiff M Nino Rota A Peter Murton S Malcolm Cooke P John Brabourne, Richard Goodwin D Peter Ustinov, David Niven, Bette Davis, Mia Farrow, Angela Lansbury | UK | 140 min | 1:1,85 | f | 29. September 1978
# 852 | 7. April 2014
R John Guillermin B Anthony Shaffer V Agatha Christie K Jack Cardiff M Nino Rota A Peter Murton S Malcolm Cooke P John Brabourne, Richard Goodwin D Peter Ustinov, David Niven, Bette Davis, Mia Farrow, Angela Lansbury | UK | 140 min | 1:1,85 | f | 29. September 1978
# 852 | 7. April 2014
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19.5.78
Despair – Eine Reise ins Licht (Rainer Werner Fassbinder, 1978)
»Der perfekte Mord wäre der, der nie stattgefunden hat, aber dennoch verübt worden ist.« Berlin, um 1930 – Krise der Wirtschaft, Niedergang der Demokratie, Morgenröte der Nazis: Der russische Emigrant Hermann (disparat und desperat: Dirk Bogarde), »Sohn eines Deutschbalten und einer Rothschild«, bedrückt von den politischen Zeitumständen, von der ererbten Schokoladenfabrik, von seiner sinnlichen, aber hoffnungslos beschränkten Ehefrau Lydia (Andréa Ferréol), vor allem aber von der totalen Hohlheit der eigenen Existenz, sucht ein Entkommen aus seinem Dilemma – und findet es in einem Spiegelkabinett … »Sie wissen doch sicher, was ein Double ist?« fragt der vornehme Hermann den abgerissenen Felix (Klaus Löwitsch), den Mann, in dem er seinen Doppelgänger zu erkennen glaubt. »Nein«, sagt Felix. Darauf Hermann: »Aber Sie waren doch schon mal im Kino!?« Rainer Werner Fassbinders ultrakünstliche Adaption eines Romans von Vladimir Nabokov (nach einem Drehbuch des englischen Dramatikers Tom Stoppard) – ein metaphysisches Kriminalspiel, ein sperrig-luxuriöses, radikal überhöhtes Zeitbild, die psychopathologische Studie einer sich spaltenden Persönlichkeit – gleicht einem filmischen Labyrinth, das aus der hermetischen Art-Déco-Welt (Bauten: Rolf Zehetbauer) eines entwurzelten Ästheten ins schneeweiße Licht der erlösenden (Selbst-)Zerstörung führt: Verzweiflung als Chance, Wahnsinn als Weg.
R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978
# 897 | 22. Juli 2014
R Rainer Werner Fassbinder B Tom Stoppard V Vladimir Nabokov K Michael Ballhaus M Peer Raben A Rolf Zehetbauer S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Peter Märthesheimer D Dirk Bogarde, Andréa Ferréol, Klaus Löwitsch, Volker Spengler, Bernhard Wicki | BRD & F | 119 min | 1:1,66 | f | 19. Mai 1978
# 897 | 22. Juli 2014
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18.1.78
Tendre poulet (Philippe de Broca, 1978)
Ein verrücktes Huhn
»Croyez-moi, nous sommes la carpe et le lapin.« Nach 25 Jahren treffen sie sich zufällig (besser gesagt: unfällig) wieder: Lise Tanquerelle (quirlig: Annie Girardot) und Antoine Lemercier (gemächlich: Philippe Noiret); damals waren sie Studenten, heute ist die eine Kriminalkommissarin der Pariser Polizei, der andere Professor für Altgriechisch an der Sorbonne. Philippe de Broca inszeniert die romantische Begegnung von Karpfen und Kaninchen, das Aufeinandertreffen von Gemütsmensch und Energiebündel als emotional-skurrile Kurvenfahrt mit permanenten Tempowechseln zwischen Hochgeschwindigkeit und Vollbremsung (inklusive der wahrscheinlich langsamsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte). Während Lise eine rätselhafte Mordserie an Abgeordneten der Nationalversammlung aufzuklären hat (»Immer wenn wir uns treffen«, bemerkt Antoine, »stirbt ein Parlamentarier.«), ziehen sich die Gegensätze unweigerlich an, um in einer finalen Karambolage endgültig zueinanderzufinden.
R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca V Jean-Paul Rouland, Claude Olivier K Jean-Paul Schwartz M Georges Delerue A François de Lamothe S Françoise Javet P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Hubert Deschamps, Guy Marchand, Paulette Dubost | F | 105 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1978
# 1001 | 15. Mai 2016
»Croyez-moi, nous sommes la carpe et le lapin.« Nach 25 Jahren treffen sie sich zufällig (besser gesagt: unfällig) wieder: Lise Tanquerelle (quirlig: Annie Girardot) und Antoine Lemercier (gemächlich: Philippe Noiret); damals waren sie Studenten, heute ist die eine Kriminalkommissarin der Pariser Polizei, der andere Professor für Altgriechisch an der Sorbonne. Philippe de Broca inszeniert die romantische Begegnung von Karpfen und Kaninchen, das Aufeinandertreffen von Gemütsmensch und Energiebündel als emotional-skurrile Kurvenfahrt mit permanenten Tempowechseln zwischen Hochgeschwindigkeit und Vollbremsung (inklusive der wahrscheinlich langsamsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte). Während Lise eine rätselhafte Mordserie an Abgeordneten der Nationalversammlung aufzuklären hat (»Immer wenn wir uns treffen«, bemerkt Antoine, »stirbt ein Parlamentarier.«), ziehen sich die Gegensätze unweigerlich an, um in einer finalen Karambolage endgültig zueinanderzufinden.
R Philippe de Broca B Michel Audiard, Philippe de Broca V Jean-Paul Rouland, Claude Olivier K Jean-Paul Schwartz M Georges Delerue A François de Lamothe S Françoise Javet P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers, Robert Amon D Annie Girardot, Philippe Noiret, Catherine Alric, Hubert Deschamps, Guy Marchand, Paulette Dubost | F | 105 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1978
# 1001 | 15. Mai 2016
31.3.76
Police Python 357 (Alain Corneau, 1976)
Im tödlichen Kreis
In und um Orléans (der Heimatstadt des Regisseurs Alain Corneau) jagt Inspektor Marc Ferrot (Yves Montand) den Mörder seiner Geliebten, die (was er nicht weiß) auch die Geliebte seines Chefs, Kommissar Ganey (François Périer), war, der (ohne seinerseits die Identität des Nebenbuhlers zu kennen) aus Eifersucht zum Gewaltverbrecher wurde; das fatale Problem des Inspektors: Spuren, Hinweise, Aussagen lassen ihn selbst unter Tatverdacht geraten ... Basierend auf Kenneth Fearings Roman »The Big Clock« (der schon die Vorlage zu John Farrows gleichnamigem film noir von 1948 lieferte), mit gestalterischen Anklängen an die eisige Stilübungen von Jean-Pierre Melville, aber auch an die kriminalistischen Sozialstudien eines Claude Chabrol, untermalt von Georges Delerues düster-dissonanten Chorälen, gestaltet Corneau nicht nur ein intensives Spannungsdrama sondern vor allem eine Galerie eindrücklicher Charakterporträts: Ferrot, ehemaliger Heimzögling, ein Waffenfetischist, der für seinen Colt Python hingebungsvoll die .357er-Kugeln gießt, ein Loner (»tout seul, toujours«), dem die Begegnung mit der offensiven Sylvia (Stefania Sandrelli) unversehens eine Ausflucht aus seiner unpersönlichen Existenz zu eröffnen scheint; Ganey, nach außen hin das Musterbild des korrekten Beamten, ein kultivierter Schizophrener, der sich im Gefühlslabyrinth seines Doppellebens verliert; schließlich Ganeys gelähmte Gattin Thérèse (Simone Signoret), Erbin eines stattlichen Vermögens, die nolens volens alle Geheimnisse ihres Mannes teilt, erbarmungswürdiges Symbol einer seelisch und emotional versteinerten Bourgeoisie. »Police Python 357«: Protokoll einer vertrackten Ermittlung, kalt-obsessives Sittenbild, Darstellung eines erbitterten Kampfes, der keinen Gewinner kennt.
R Alain Corneau B Daniel Boulanger, Alain Corneau V Kenneth Fearing K Étienne Becker M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Marie-Josèphe Yoyotte P Albina du Boisrouvray D Yves Montand, François Périer, Simone Signoret, Stefania Sandrelli, Mathieu Carrière | F & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 31. März 1976
# 1058 | 22. Juni 2017
In und um Orléans (der Heimatstadt des Regisseurs Alain Corneau) jagt Inspektor Marc Ferrot (Yves Montand) den Mörder seiner Geliebten, die (was er nicht weiß) auch die Geliebte seines Chefs, Kommissar Ganey (François Périer), war, der (ohne seinerseits die Identität des Nebenbuhlers zu kennen) aus Eifersucht zum Gewaltverbrecher wurde; das fatale Problem des Inspektors: Spuren, Hinweise, Aussagen lassen ihn selbst unter Tatverdacht geraten ... Basierend auf Kenneth Fearings Roman »The Big Clock« (der schon die Vorlage zu John Farrows gleichnamigem film noir von 1948 lieferte), mit gestalterischen Anklängen an die eisige Stilübungen von Jean-Pierre Melville, aber auch an die kriminalistischen Sozialstudien eines Claude Chabrol, untermalt von Georges Delerues düster-dissonanten Chorälen, gestaltet Corneau nicht nur ein intensives Spannungsdrama sondern vor allem eine Galerie eindrücklicher Charakterporträts: Ferrot, ehemaliger Heimzögling, ein Waffenfetischist, der für seinen Colt Python hingebungsvoll die .357er-Kugeln gießt, ein Loner (»tout seul, toujours«), dem die Begegnung mit der offensiven Sylvia (Stefania Sandrelli) unversehens eine Ausflucht aus seiner unpersönlichen Existenz zu eröffnen scheint; Ganey, nach außen hin das Musterbild des korrekten Beamten, ein kultivierter Schizophrener, der sich im Gefühlslabyrinth seines Doppellebens verliert; schließlich Ganeys gelähmte Gattin Thérèse (Simone Signoret), Erbin eines stattlichen Vermögens, die nolens volens alle Geheimnisse ihres Mannes teilt, erbarmungswürdiges Symbol einer seelisch und emotional versteinerten Bourgeoisie. »Police Python 357«: Protokoll einer vertrackten Ermittlung, kalt-obsessives Sittenbild, Darstellung eines erbitterten Kampfes, der keinen Gewinner kennt.
R Alain Corneau B Daniel Boulanger, Alain Corneau V Kenneth Fearing K Étienne Becker M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Marie-Josèphe Yoyotte P Albina du Boisrouvray D Yves Montand, François Périer, Simone Signoret, Stefania Sandrelli, Mathieu Carrière | F & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 31. März 1976
# 1058 | 22. Juni 2017
25.12.75
Das Netz (Manfred Purzer, 1975)
»Nur Mörder sind heute normal.« Der römische Herbst des Aurelio Morelli: Ein alternder Schriftsteller (Mel Ferrer), ausgeschrieben und abgeschrieben, meutert gegen eine Welt, die er von ganzem Herzen verabscheut, kämpft gegen die »Übermacht der Unreife, des Unrat und der Sittenlosigkeit«, nimmt Rache an den Frauen, an der Jugend, an allem, was er nicht (mehr) versteht. Der aalglatte Journalist Emilio Bossi (Klaus Kinski) wittert die ganz große Story, und sein Verleger erkennt in der Lebensgeschichte des klassisch gebildeten Einzelgängers, der (wenn er nicht gerade Mädchen meuchelt) schon mal atomverseuchte Fische beerdigt oder die Säulen eines Tempels umarmt, das ultimative Dokument einer Zeit der Verunsicherung: Morelli, selbsterklärter Revolutionär gegen alles »Verkommene, Obszöne, Gemeine, Tierische, Gefühllose«, ein Mann, der nach seinen (ohne Lust begangenen) Taten »Stille und ein Gefühl der Freiheit« verspürt, der im Töten wohl den verlorenen Kontakt mit der Wirklichkeit wiederzufinden hofft, ist der gestörte Held einer gestörten Gesellschaft … Marcel Reich-Ranicki erwies Trivialromancier Hans Habe, dem Verfasser der Vorlage, seine Reverenz, als er schrieb, der Autor liefere »Klischees mit individueller Note und mit sorgfältig ausgewählten Verzierungen; er offeriert zwar präfabrizierte Seelen, aber in solider, in allerbester Qualität.« Manfred Purzer (der für Produzent Luggi Waldleitner zuvor zahlreiche Simmel-Bestseller adaptierte) bemüht sich, die kolportagigen Vorzüge des Textes in seiner ersten Regiearbeit zu bewahren; ausgezeichnete Darsteller wie Heinz Bennent (als ermittelnder Kommissar) tragen das Ihre zum unterhaltsamen Gelingen dieser sonderbaren Mischung aus mokanter Charakterstudie und sentimentalem Psychothriller bei.
R Manfred Purzer B Manfred Purzer V Hans Habe K Charly Steinberger M Klaus Doldinger S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Mel Ferrer, Klaus Kinski, Heint Bennent, Susanne Uhlen, Elke Sommer | BRD | 108 min | 1:1,66 | f | 25. Dezember 1975
# 798 | 13. November 2013
R Manfred Purzer B Manfred Purzer V Hans Habe K Charly Steinberger M Klaus Doldinger S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Mel Ferrer, Klaus Kinski, Heint Bennent, Susanne Uhlen, Elke Sommer | BRD | 108 min | 1:1,66 | f | 25. Dezember 1975
# 798 | 13. November 2013
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19.10.75
Inside Out (Peter Duffell, 1975)
Ein genialer Bluff
Es war einmal im Zweiten Weltkrieg, da hat ein ranghoher Nazi Gold versteckt, viel Gold, sehr viel Gold, und zwar im Bunker seines Landhauses, irgendwo nördlich von Berlin. 30 Jahre später gehen ein in London residierender Ex-US-Major (glücksritterlich: Telly Savalas), ein Ex-Juwelendieb (berufsjugendlich: Robert Culp), ein Ex-Wehrmachtsoffizier (verkniffen: James Mason) und ein Ex-Landser (verschreckt: Günter Meisner) daran, den Schatz nach allen Regeln der Heist-Kunst zu bergen. Peter Duffell hält sich nicht länger als unbedingt nötig mit historischen, narrativen oder technischen Wahrscheinlichkeiten auf, macht großzügig Gebrauch von glücklichen Zufällen, billiger Trickserei und surrealer Erfindungsgabe – grandiose Klimax: Reinhardt Holtz (Wolfgang Lukschy als Rudolf-Heß-Korrelat) wird für ein paar Stunden aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis (»Siegfried prison«!) entführt, um vollgedrogt in nächtlicher Hakenkreuzkulisse mit einem bellenden Hitler-Wiedergänger konfrontiert zu werden, der ihm, dem verschwitzt dienstfertigen Ex-Bonzen, das güldene Geheimnis entlockt –, damit seine schrägen Helden den ehrgeizigen Plan (diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs) erfolgreich über die Bühne bringen können; so gelingt dem furchtlosen Regisseur, trotz haarsträubender Abschreibungsästhetik und unpassend dudeliger Musikuntermalung, eine Räuberpistole von souveräner Abstrusität
R Peter Duffell B Judd Bernard K John Coquillon M Konrad Elfers A Peter Lamont S Thom Noble P Judd Bernard D Telly Savalas, James Mason, Robert Culp, Günter Meisner, Aldo Ray, Adrian Hoven | UK & BRD & USA | 97 min | 1:1,85 | f | 19. Oktober 1975
# 1079 | 11. Oktober 2017
Es war einmal im Zweiten Weltkrieg, da hat ein ranghoher Nazi Gold versteckt, viel Gold, sehr viel Gold, und zwar im Bunker seines Landhauses, irgendwo nördlich von Berlin. 30 Jahre später gehen ein in London residierender Ex-US-Major (glücksritterlich: Telly Savalas), ein Ex-Juwelendieb (berufsjugendlich: Robert Culp), ein Ex-Wehrmachtsoffizier (verkniffen: James Mason) und ein Ex-Landser (verschreckt: Günter Meisner) daran, den Schatz nach allen Regeln der Heist-Kunst zu bergen. Peter Duffell hält sich nicht länger als unbedingt nötig mit historischen, narrativen oder technischen Wahrscheinlichkeiten auf, macht großzügig Gebrauch von glücklichen Zufällen, billiger Trickserei und surrealer Erfindungsgabe – grandiose Klimax: Reinhardt Holtz (Wolfgang Lukschy als Rudolf-Heß-Korrelat) wird für ein paar Stunden aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis (»Siegfried prison«!) entführt, um vollgedrogt in nächtlicher Hakenkreuzkulisse mit einem bellenden Hitler-Wiedergänger konfrontiert zu werden, der ihm, dem verschwitzt dienstfertigen Ex-Bonzen, das güldene Geheimnis entlockt –, damit seine schrägen Helden den ehrgeizigen Plan (diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs) erfolgreich über die Bühne bringen können; so gelingt dem furchtlosen Regisseur, trotz haarsträubender Abschreibungsästhetik und unpassend dudeliger Musikuntermalung, eine Räuberpistole von souveräner Abstrusität
R Peter Duffell B Judd Bernard K John Coquillon M Konrad Elfers A Peter Lamont S Thom Noble P Judd Bernard D Telly Savalas, James Mason, Robert Culp, Günter Meisner, Aldo Ray, Adrian Hoven | UK & BRD & USA | 97 min | 1:1,85 | f | 19. Oktober 1975
# 1079 | 11. Oktober 2017
8.8.75
Farewell, My Lovely (Dick Richards, 1975)
Fahr zur Hölle, Liebling
»What a world.« Er bräuchte einen Drink, er bräuchte eine Lebensversicherung, er bräuchte Urlaub ... und alles, was er hat, sind ein Mantel, ein Hut und eine Knarre. Dick Richards (zu Ruhm gekommen als Fotograf und Werbefilmer) nutzt Chandlers unerhört verwickelte Geschichte des (doppelten) Abschieds von einem Leben und von einer Liebe als Vorlage für eine melancholisch-süffisante (und ziemlich stylishe) Retro-Noir-Etüde, deren (alp-)traumhafte Stimmung sich vor allem einem sinnlich-coolen Jazz-Score (David Shire), den dunkel-nostalgischen Technicolor-Bildern (John A. Alonzo) und ihrem Hauptdarsteller verdankt: Robert Mitchum, legendärer Star schwarzer Kino-Klassiker wie »Out of the Past«, »Angel Face« oder »The Night of the Hunter«, wird in der Rolle des nicht minder legendären Hardboiled-Detektivs zum leibhaftigen Wiedergänger einer fernen Epoche, dessen Erscheinen die hochpolierte Pulpstory um eine verschwundene Perlenkette und eine verschwundene Frau in die Vision einer verschwundenen Welt verwandelt, die sich bei aller nostalgischen Verklärung als genau so korrupt und desolat erweist wie die Ära von Vietnam und Watergate. So wird Richards’ Adaption – trotz der wie in Dmytryks 1944er-Fassung vorgenommenen Simplifizierung der Vorlage – zu einer Art filmischem Doppelspiegel, der Stimmungen und Mentalitäten von Vergangenheit und Gegenwart zu einem irisierenden Bild zusammenfließen läßt. »I wished it was part of my nightmare, but it wasn’t.«
R Dick Richards B David Zelag Goodman V Raymond Chandler K John A. Alonzo M David Shire A Dean Tavoularis S Joel Cox, Walter Thompson P Jerry Bruckheimer, George Pappas D Robert Mitchum, Charlotte Rampling, Jack O’Halloran, John Ireland, Sylvia Miles | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 8. August 1975
# 1147 | 2. Februar 2019
»What a world.« Er bräuchte einen Drink, er bräuchte eine Lebensversicherung, er bräuchte Urlaub ... und alles, was er hat, sind ein Mantel, ein Hut und eine Knarre. Dick Richards (zu Ruhm gekommen als Fotograf und Werbefilmer) nutzt Chandlers unerhört verwickelte Geschichte des (doppelten) Abschieds von einem Leben und von einer Liebe als Vorlage für eine melancholisch-süffisante (und ziemlich stylishe) Retro-Noir-Etüde, deren (alp-)traumhafte Stimmung sich vor allem einem sinnlich-coolen Jazz-Score (David Shire), den dunkel-nostalgischen Technicolor-Bildern (John A. Alonzo) und ihrem Hauptdarsteller verdankt: Robert Mitchum, legendärer Star schwarzer Kino-Klassiker wie »Out of the Past«, »Angel Face« oder »The Night of the Hunter«, wird in der Rolle des nicht minder legendären Hardboiled-Detektivs zum leibhaftigen Wiedergänger einer fernen Epoche, dessen Erscheinen die hochpolierte Pulpstory um eine verschwundene Perlenkette und eine verschwundene Frau in die Vision einer verschwundenen Welt verwandelt, die sich bei aller nostalgischen Verklärung als genau so korrupt und desolat erweist wie die Ära von Vietnam und Watergate. So wird Richards’ Adaption – trotz der wie in Dmytryks 1944er-Fassung vorgenommenen Simplifizierung der Vorlage – zu einer Art filmischem Doppelspiegel, der Stimmungen und Mentalitäten von Vergangenheit und Gegenwart zu einem irisierenden Bild zusammenfließen läßt. »I wished it was part of my nightmare, but it wasn’t.«
R Dick Richards B David Zelag Goodman V Raymond Chandler K John A. Alonzo M David Shire A Dean Tavoularis S Joel Cox, Walter Thompson P Jerry Bruckheimer, George Pappas D Robert Mitchum, Charlotte Rampling, Jack O’Halloran, John Ireland, Sylvia Miles | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 8. August 1975
# 1147 | 2. Februar 2019
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Rampling,
Thriller
21.5.75
The Return of the Pink Panther (Blake Edwards, 1975)
Der rosarote Panther kehrt zurück
»To Catch a Thief« revisited: Wieder einmal wird der hochkarätige ›Pink Panther‹ entwendet; wieder einmal nimmt Inspektor Clouseau (ein Meister der grotesken Maske: Peter Sellers) die kriminalistische Fährte des ›Phantoms‹ auf, die (behäbig) durch den Mittleren Osten, an die Côte d’Azur, in die Schweizer Alpen mäandert; wieder einmal in Verdacht gerät Sir Charles Lytton (leider nicht von Grandseigneur David Niven sondern von Ersatz-Beau Christopher Plummer gespielt), der diese Unterstellung aus der Welt zu schaffen gedenkt, indem er den wahren Täter faßt; wieder einmal gehen zahllose Inneneinrichtungen zu Bruch, fliegen Fetzen, reißen Nerven. Zunehmend wichtiger als die (umständlich verdoppelte) Ermittlung wird jedoch das Geschehen auf dem Nebenkriegsschauplatz, wo Clouseaus haßerfüllt-mörderischer Vorgesetzter Dreyfus (mit irrem Lidflattern: Herbert Lom) seinem kreativ-destruktiven Untergebenen (erfolglos) nach dem Leben trachtet … Solange Blake Edwards sich auf die anarchische Präzision seines Hauptdarstellers verläßt, funktioniert »The Return of the Pink Panther« vorhersehbar gut, in den (viel zu breiten) erzählerischen Zwischenräumen herrschen indes komödiantischer Leerlauf und (gehobener) formaler Durchschnitt. PS: »Compared to Clouseau, Attila the Hun was a Red Cross volunteer!«
R Blake Edwards B Blake Edwards, Frank Waldman K Geoffrey Unsworth M Henry Mancini A Peter Mullins S Tom Priestley P Blake Edwards D Peter Sellers, Christopher Plummer, Catherine Schell, Herbert Lom, Burt Kwouk | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 21. Mai 1975
»To Catch a Thief« revisited: Wieder einmal wird der hochkarätige ›Pink Panther‹ entwendet; wieder einmal nimmt Inspektor Clouseau (ein Meister der grotesken Maske: Peter Sellers) die kriminalistische Fährte des ›Phantoms‹ auf, die (behäbig) durch den Mittleren Osten, an die Côte d’Azur, in die Schweizer Alpen mäandert; wieder einmal in Verdacht gerät Sir Charles Lytton (leider nicht von Grandseigneur David Niven sondern von Ersatz-Beau Christopher Plummer gespielt), der diese Unterstellung aus der Welt zu schaffen gedenkt, indem er den wahren Täter faßt; wieder einmal gehen zahllose Inneneinrichtungen zu Bruch, fliegen Fetzen, reißen Nerven. Zunehmend wichtiger als die (umständlich verdoppelte) Ermittlung wird jedoch das Geschehen auf dem Nebenkriegsschauplatz, wo Clouseaus haßerfüllt-mörderischer Vorgesetzter Dreyfus (mit irrem Lidflattern: Herbert Lom) seinem kreativ-destruktiven Untergebenen (erfolglos) nach dem Leben trachtet … Solange Blake Edwards sich auf die anarchische Präzision seines Hauptdarstellers verläßt, funktioniert »The Return of the Pink Panther« vorhersehbar gut, in den (viel zu breiten) erzählerischen Zwischenräumen herrschen indes komödiantischer Leerlauf und (gehobener) formaler Durchschnitt. PS: »Compared to Clouseau, Attila the Hun was a Red Cross volunteer!«
R Blake Edwards B Blake Edwards, Frank Waldman K Geoffrey Unsworth M Henry Mancini A Peter Mullins S Tom Priestley P Blake Edwards D Peter Sellers, Christopher Plummer, Catherine Schell, Herbert Lom, Burt Kwouk | UK | 113 min | 1:2,35 | f | 21. Mai 1975
9.4.75
Peur sur la ville (Henri Verneuil, 1975)
Angst über der Stadt
Körper in Angst, Körper in der Stadt – »Peur sur la ville« ist hochgradig triebhaftes, rein physisches, entschieden urbanes (Action-)Kino. Die Stadt ist Paris: funkelnd, vibrierend, gewaltig. Die männlichen Körper sind: ein obsessiver Kriminalist, ein psychopathischer Serienmörder, ein rücksichtsloser Schwerverbrecher – Kraft, die sinnlos waltet. Die weiblichen Körper sind: eine lustige Witwe, eine offenherzige Krankenschwester, ein geschäftstüchtiger Pornostar – Fleisch, das zum Verzehren einlädt. Schrecken verbreitet ein sexuell gekränkter Mann, der Frauen umbringt, weil er anders nicht über sie verfügen kann; gehetzt wird er von einem professionell gekränkten Polizisten, dessen unbeherrschter Rachedurst Angst macht – gespalten-frustrierte Charaktere, würdige Gegner. Die Story ist forciert bis zur Groteske, Henri Verneuil erzählt sie direkt bis zur Vulgarität, borgt beim Poliziottesco den einzelgängerischen tough cop (Jean-Paul Belmondo als lederbejackter Kommissar Letellier) und beim Giallo den weiberhassenden Totmacher (Adalberto Maria Merli als glasäugiger Killer ›Minos‹), inszeniert virtuose Verfolgungsjagden durch Straßen und über Dächer, durch U-Bahnhöfe und über die Dächer von Métro-Zügen. Ein dissonant-treibender Morricone-Score hält den Pulsschlag dieser schmutzigen Perle des französischen Genrefilms bis zum finalen Schlagabtausch auf hoher Frequenz.
R Henri Verneuil B Henri Verneuil, Francis Veber, Jean Laborde K Jean Penzer M Ennio Morricone A Jean André S Pierre Gillette, Henri Lanoë P Jean-Paul Belmondo D Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Adalberto Maria Merli, Rosy Varte, Léa Massari | F & I | 125 min | 1:1,85 | f | 9. April 1975
Körper in Angst, Körper in der Stadt – »Peur sur la ville« ist hochgradig triebhaftes, rein physisches, entschieden urbanes (Action-)Kino. Die Stadt ist Paris: funkelnd, vibrierend, gewaltig. Die männlichen Körper sind: ein obsessiver Kriminalist, ein psychopathischer Serienmörder, ein rücksichtsloser Schwerverbrecher – Kraft, die sinnlos waltet. Die weiblichen Körper sind: eine lustige Witwe, eine offenherzige Krankenschwester, ein geschäftstüchtiger Pornostar – Fleisch, das zum Verzehren einlädt. Schrecken verbreitet ein sexuell gekränkter Mann, der Frauen umbringt, weil er anders nicht über sie verfügen kann; gehetzt wird er von einem professionell gekränkten Polizisten, dessen unbeherrschter Rachedurst Angst macht – gespalten-frustrierte Charaktere, würdige Gegner. Die Story ist forciert bis zur Groteske, Henri Verneuil erzählt sie direkt bis zur Vulgarität, borgt beim Poliziottesco den einzelgängerischen tough cop (Jean-Paul Belmondo als lederbejackter Kommissar Letellier) und beim Giallo den weiberhassenden Totmacher (Adalberto Maria Merli als glasäugiger Killer ›Minos‹), inszeniert virtuose Verfolgungsjagden durch Straßen und über Dächer, durch U-Bahnhöfe und über die Dächer von Métro-Zügen. Ein dissonant-treibender Morricone-Score hält den Pulsschlag dieser schmutzigen Perle des französischen Genrefilms bis zum finalen Schlagabtausch auf hoher Frequenz.
R Henri Verneuil B Henri Verneuil, Francis Veber, Jean Laborde K Jean Penzer M Ennio Morricone A Jean André S Pierre Gillette, Henri Lanoë P Jean-Paul Belmondo D Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Adalberto Maria Merli, Rosy Varte, Léa Massari | F & I | 125 min | 1:1,85 | f | 9. April 1975
24.11.74
Murder on the Orient Express (Sidney Lumet, 1974)
Mord im Orient-Expreß
Schon einmal, 17 Jahre zuvor, hatte Sidney Lumet Fragen von Verbrechen und Strafe auf begrenztem Raum verhandelt. In der Agatha-Christie-Adaption »Murder on the Orient Express« werden wiederum zwölf Personen zum Organ von Gerechtigkeit, nur handelt es sich diesmal nicht um eine Gruppe von zusammengewürfelten Geschworenen im tristen Hinterzimmer eines New Yorker Gerichtssaals sondern um eine (nicht ganz) zufällige Reisegesellschaft im exquisiten Ambiente eines europäischen Luxuszuges. Der Regisseur richtet sein Augenmerk diesmal allerdings erst ganz zum Schluß (dann aber mit horrender Drastik) auf die gruppendynamischen Prozesse, die sich aus dem Zusammentreffen von grundverschiedenen Menschen auf engster Spielfläche entwickeln; zuvor arrangiert er eine Revue mehr oder weniger amüsanter Soloauftritte prominenter Schauspieler, zusammengebunden durch die (mit Albert Finney wenig überzeugend besetzte) Figur des im zentralen Mordfall ermittelnden Meisterdetektivs Hercule Poirot. Der atemberaubende All-Star-Cast macht gleichzeitig Reiz und Langweile des Films aus: Aus den darstellerischen Kabinettstückchen entwickeln sich keine lebendigen Charaktere, kaum einmal plastische Typen. Immerhin bringt die betuliche Konventionalität von Lumets überlanger Inszenierung die lähmende Stimmung in einem eingeschneiten Zug beinahe körperhaft zum Ausdruck.
R Sidney Lumet B Paul Dehn V Agatha Christie K Geoffrey Unsworth M Richard Rodney Bennett A Tony Walton S Anne V. Coates P John Brabourne, Richard Goodwin D Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jean-Pierre Cassel | UK | 128 min | 1:1,66 | f | 24. November 1974
Schon einmal, 17 Jahre zuvor, hatte Sidney Lumet Fragen von Verbrechen und Strafe auf begrenztem Raum verhandelt. In der Agatha-Christie-Adaption »Murder on the Orient Express« werden wiederum zwölf Personen zum Organ von Gerechtigkeit, nur handelt es sich diesmal nicht um eine Gruppe von zusammengewürfelten Geschworenen im tristen Hinterzimmer eines New Yorker Gerichtssaals sondern um eine (nicht ganz) zufällige Reisegesellschaft im exquisiten Ambiente eines europäischen Luxuszuges. Der Regisseur richtet sein Augenmerk diesmal allerdings erst ganz zum Schluß (dann aber mit horrender Drastik) auf die gruppendynamischen Prozesse, die sich aus dem Zusammentreffen von grundverschiedenen Menschen auf engster Spielfläche entwickeln; zuvor arrangiert er eine Revue mehr oder weniger amüsanter Soloauftritte prominenter Schauspieler, zusammengebunden durch die (mit Albert Finney wenig überzeugend besetzte) Figur des im zentralen Mordfall ermittelnden Meisterdetektivs Hercule Poirot. Der atemberaubende All-Star-Cast macht gleichzeitig Reiz und Langweile des Films aus: Aus den darstellerischen Kabinettstückchen entwickeln sich keine lebendigen Charaktere, kaum einmal plastische Typen. Immerhin bringt die betuliche Konventionalität von Lumets überlanger Inszenierung die lähmende Stimmung in einem eingeschneiten Zug beinahe körperhaft zum Ausdruck.
R Sidney Lumet B Paul Dehn V Agatha Christie K Geoffrey Unsworth M Richard Rodney Bennett A Tony Walton S Anne V. Coates P John Brabourne, Richard Goodwin D Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jean-Pierre Cassel | UK | 128 min | 1:1,66 | f | 24. November 1974
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20.11.74
Die Antwort kennt nur der Wind (Alfred Vohrer, 1974)
Die Welt der Schönen und Reichen und Gemeinen. Cannes: Palmen, Villen, Strand, Meer, eine explodierende Luxusyacht. Der in die Luft geflogene Eigner war ein Bankier in Geldnöten, sein Schiff war hoch versichert. Assekuranz-Detektiv Robert Lucas (Maurice Ronet), desillusioniert und herzkrank, reist an, um die Hintergründe der Tat aufzuklären: Mord oder Suizid? Unterstützung erfährt der Ermittler durch die attraktive Prominenten-Malerin Angela (!) (Marthe Keller), die ihm nicht nur ihre Bluse öffnet sondern auch den Zugang zu den pompösen Salons der durch und durch verlotterten Gesellschaft … Nach Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles. Johannes Mario Simmel (der einen Cameo-Auftritt als Nabob im weißen Smoking absolviert) zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die bösen Finanzkapitalisten, die die Welt ausleeren wie eine Flasche Champagner (1964er Krug); Alfred Vohrer inszeniert Simmels Anklage straff und geradlinig, mit Gefühl für melodramatische Effekte und Sympathie für den Weg des fragwürdigen Helden: Auch Robert will sein Stück vom Kuchen. Warum alles den gewissenlosen Spekulanten überlassen? Warum nicht auch Handel treiben? Warum nicht ein paar gewonnene Informationen nutzbringend verwenden? Warum nicht selbst ein Nummernkonto (Kennwort: »Angela«) in der Schweiz eröffnen? Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Schweine bleiben lieber unter sich, tun alles, um ihren exklusiven Club zu schützen: Attentate, Bestechung, Autobomben. Kein Wunder, wenn ob dieser Schlechtigkeit irgendwann das gebrochene Herz stehen bleibt. Einfach so.
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Petrus Schloemp M Erich Ferstl A Max Dietl S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Maurice Ronet, Marthe Keller, Karin Dor, Raymond Pellegrin, Charlotte Kerr | BRD & F | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 858 | 16. April 2014
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Petrus Schloemp M Erich Ferstl A Max Dietl S Ingeborg Taschner P Luggi Waldleitner D Maurice Ronet, Marthe Keller, Karin Dor, Raymond Pellegrin, Charlotte Kerr | BRD & F | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 858 | 16. April 2014
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Nuits rouges (Georges Franju, 1974)
Der Mann ohne Gesicht
Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.
R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 1029 | 9. Oktober 2016
Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.
R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 1029 | 9. Oktober 2016
24.9.74
And Then There Were None (Peter Collinson, 1974)
Ein Unbekannter rechnet ab
In dieser holprigen Adaption des altbewährten Agatha-Christie-Bühnenreißers (einer leicht verwässerten Fassung ihres Bestsellers »Ten Little Niggers«) werden die innewohnenden Themenkreise – Schuld und Sühne, Rache und Recht – allenfalls kursorisch behandelt. Das von Regisseur Peter Collinson an entlegenem iranischen Ort versammelte internationale Starensemble (Attenborough, Audran, Aznavour, Celi, Fröbe, Lom, Reed, Sommer) hat nicht viel mehr zu tun, als dekorativ zugegen zu sein und sich von einem unbekannten Hintermann peu à peu dezimieren zu lassen. Für einen gewissen Reiz sorgen allein die phantastischen Kulissen des Stücks: die zweieinhalbtausend Jahre alten Ruinen von Persepolis und das Farah-Diba-schicke Interieur eines gottverlassenen Luxushotels.
R Peter Collinson B Erich Kröhnke, Enrique Llovet, Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Agatha Christie K Fernando Arribas M Bruno Nicolai A José María Tapiador S John Trumper P Alain Dahan, Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) D Oliver Reed, Elke Sommer, Richard Attenborough, Gert Fröbe, Stéphane Audran | BRD & I & F & E | 92 min | 1:1,66 | f | 24. September 1974
# 1137 | 8. Dezember 2018
In dieser holprigen Adaption des altbewährten Agatha-Christie-Bühnenreißers (einer leicht verwässerten Fassung ihres Bestsellers »Ten Little Niggers«) werden die innewohnenden Themenkreise – Schuld und Sühne, Rache und Recht – allenfalls kursorisch behandelt. Das von Regisseur Peter Collinson an entlegenem iranischen Ort versammelte internationale Starensemble (Attenborough, Audran, Aznavour, Celi, Fröbe, Lom, Reed, Sommer) hat nicht viel mehr zu tun, als dekorativ zugegen zu sein und sich von einem unbekannten Hintermann peu à peu dezimieren zu lassen. Für einen gewissen Reiz sorgen allein die phantastischen Kulissen des Stücks: die zweieinhalbtausend Jahre alten Ruinen von Persepolis und das Farah-Diba-schicke Interieur eines gottverlassenen Luxushotels.
R Peter Collinson B Erich Kröhnke, Enrique Llovet, Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) V Agatha Christie K Fernando Arribas M Bruno Nicolai A José María Tapiador S John Trumper P Alain Dahan, Peter Welbeck (= Harry Alan Towers) D Oliver Reed, Elke Sommer, Richard Attenborough, Gert Fröbe, Stéphane Audran | BRD & I & F & E | 92 min | 1:1,66 | f | 24. September 1974
# 1137 | 8. Dezember 2018
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Iran,
Krimi,
Mord,
Selbstjustiz
31.1.74
Supermarkt (Roland Klick, 1974)
»You know I want my celebration, babe, before I die.« Willi rennt. Gegen Wände. Immer wieder weg. Um sein Leben. Willi (lumpenproletarisch-sexy: Charly Wierczejewski), eine arme Sau vom Hamburger Kiez, frettet sich durch, mopst Kleingeld vom Tresen, hat aber immer eine Münze für die Musicbox. Kommen die Bullen, haut er ab, auch wenn er gar nichts getan hat, denn für irgendetwas würden sie ihn schon drankriegen. Da sind welche, die ihm angeblich helfen wollen, aus dem Dreck herauszukommen, aber eigentlich wollen sie alle bloß etwas von ihm: Der berufsbetroffene Reporter (Michael Degen) will eine Story, der wohlhabende Schwule (Hans-Michael Rehberg) will einen Fick, der miese Gauner (Walter Kohut) braucht jemanden, der ihm hilft, ein mieses Ding zu drehen. Willi hat offensichtlich seine Erfahrungen gemacht, beißt konsequent in jede Hand, die sich nähert; ein wenig Zutrauen faßt er nur zu einer blonden Nutte (Eva Mattes), die niemandem helfen kann, noch nicht einmal sich selbst … Roland Klick dreht im Grunde einen typischen deutschen Problemfilm, aber, und das ist der feine große Unterschied, er problematisiert das soziale Elend nicht, skizziert anstattdessen – mit extrem beweglicher Kamera (Jost Vacano rennt so schnell wie der nervöse, immer alarmierte Protagonist) – eine rauhe, unbeseelte Welt, die einerseits ein einziger Supermarkt ist, ein kaltes Paradies der Käuflichkeit, andererseits jedoch gerade dieses eben nicht: Für Willi und Konsorten gibt es nichts zu kaufen, letztlich noch nicht einmal etwas zu klauen …
R Roland Klick B Roland Klick, Georg Althammer, Jane Sperr K Jost Vacano M Peter Hesslein, Udo Lindenberg A Georg von Kieseritzky S Jane Sperr P Roland Klick, Heinz Angermeyer D Charly Wierczejewski, Eva Mattes, Michael Degen, Walter Kohut, Hans-Michael Rehberg | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 31. Januar 1974
R Roland Klick B Roland Klick, Georg Althammer, Jane Sperr K Jost Vacano M Peter Hesslein, Udo Lindenberg A Georg von Kieseritzky S Jane Sperr P Roland Klick, Heinz Angermeyer D Charly Wierczejewski, Eva Mattes, Michael Degen, Walter Kohut, Hans-Michael Rehberg | BRD | 84 min | 1:1,66 | f | 31. Januar 1974
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Gesellschaft,
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Jugend,
Klick,
Krimi,
Presse,
Prostitution
4.10.73
Gott schützt die Liebenden (Alfred Vohrer, 1973)
Wer kennt schon den anderen? Wer kennt schon sich selbst? Paul Holland (Harald Leipnitz) liebt Sybille Loredo (Gila von Weitershausen), macht ihr einen Heiratsantrag. Als Paul von einer Geschäftsreise nach Hause zurückkehrt, ist Sybille verschwunden, und als er sie wiederfindet, ist sie nicht mehr Sybille … Ein Drama des Mißtrauens und der Täuschung, ein Todesspiel der verwirrten Gefühle und der verwischten Identitäten: Sybille heißt eigentlich Viktoria Brunswick, war Undercover-Ermittlerin, angesetzt auf eine berüchtigte Familie von Drogenhändlern. Mamma Trenti residiert in einer nordspanischen Bergfestung, ihre drei Söhne erledigen das Tagesgeschäft. Viktoria verliebte sich in Emilio, den Jüngsten (Nino Castelnuovo), der auch der Liebling seiner Mutter ist und der Verlobte von Laura, die sich wiederum, von Emilio verlassen, in Anna verwandelt, äußerlich eine Hure mit Herz, innerlich ein Engel der Rache, bereit kaputtzumachen, was sie kaputtmachte … Nach und nach werden alle Beteiligten vom heißlaufenden Karussell der Doppelungen ins Aus geschleudert, während Alfred Vohrer, alle Handlungsfäden souverän in der Hand haltend, die ungemütlichen Abseiten von Berlin, Wien und Barcelona erkundet. Mit Glaubensfragen oder Religiosität hat der Film, anders als der Titel nahelegt, kaum etwas zu tun. Zwar versteckt sich Sybille/Viktoria auf ihrer Flucht vor der Vergangenheit vorübergehend in einem Nonnenkloster, aber Gott, macht Simmel glauben, schützt in dieser unseren Welt niemanden mehr. Er scheint nicht nur tot zu sein, mein könnte fast meinen, es habe ihn nie gegeben.
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Hans-Martin Majewski S Eva Kohlschein P Luggi Waldleitner D Harald Leipnitz, Gila von Weitershausen, Andrea Jonasson, Nino Castelnuovo, Walter Kohout | BRD & I & E | 105 min | 1:1,66 | f | 4. Oktober 1973
# 856 | 16. April 2014
R Alfred Vohrer B Manfred Purzer V Johannes Mario Simmel K Charly Steinberger M Hans-Martin Majewski S Eva Kohlschein P Luggi Waldleitner D Harald Leipnitz, Gila von Weitershausen, Andrea Jonasson, Nino Castelnuovo, Walter Kohout | BRD & I & E | 105 min | 1:1,66 | f | 4. Oktober 1973
# 856 | 16. April 2014
16.5.73
The Day of the Jackal (Fred Zinnemann, 1973)
Der Schakal
Ein Film über zwei Profis. Der eine (Edward Fox) will den französischen Präsidenten Charles de Gaulle töten. Der andere (Michael Lonsdale) will dieses Vorhaben verhindern. Und noch ein dritter Profi ist dabei: der Regisseur. Fred Zinnemann beobachtet die beiden Kontrahenten mit jeweils dem gleichen Interesse an ihrer Arbeit und der gleichen Hochachtung vor ihrem Einfallsreichtum. Wenn er am Ende seines knochentrockenen Polit-Thrillers das sogenannte Gute gewinnen läßt, dann 1. weil es der historischen Wirklichkeit entspricht (de Gaulle starb, wie man weiß, friedlich im Bett) und 2. weil das Gute nicht besser sondern einfach einen Tick ausgebuffter, ein kleines bißchen zäher war.
R Fred Zinnemann B Kenneth Ross V Frederick Forsyth K Jean Tournier M Georges Delerue A Willy Holt, Ernest Archer S Ralph Kemplen P John Woolf D Edward Fox, Michael Lonsdale, Derek Jacobi, Alan Badel, Delphie Seyrig | UK & F | 143 min | 1:1,85 | f | 16. Mai 1973
Ein Film über zwei Profis. Der eine (Edward Fox) will den französischen Präsidenten Charles de Gaulle töten. Der andere (Michael Lonsdale) will dieses Vorhaben verhindern. Und noch ein dritter Profi ist dabei: der Regisseur. Fred Zinnemann beobachtet die beiden Kontrahenten mit jeweils dem gleichen Interesse an ihrer Arbeit und der gleichen Hochachtung vor ihrem Einfallsreichtum. Wenn er am Ende seines knochentrockenen Polit-Thrillers das sogenannte Gute gewinnen läßt, dann 1. weil es der historischen Wirklichkeit entspricht (de Gaulle starb, wie man weiß, friedlich im Bett) und 2. weil das Gute nicht besser sondern einfach einen Tick ausgebuffter, ein kleines bißchen zäher war.
R Fred Zinnemann B Kenneth Ross V Frederick Forsyth K Jean Tournier M Georges Delerue A Willy Holt, Ernest Archer S Ralph Kemplen P John Woolf D Edward Fox, Michael Lonsdale, Derek Jacobi, Alan Badel, Delphie Seyrig | UK & F | 143 min | 1:1,85 | f | 16. Mai 1973
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