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10.9.69

Hibernatus (Edouard Molinaro, 1969)

Der Winterschläfer | Onkel Paul, die große Pflaume 

Surreal-erhellende Familienfarce mit dem unvergleichlichen Kistenteufel Louis de Funès als Nachfahre eines gewissen Paul Fournier, der 65 Jahre nach dem Untergang eines Dampfbootes auf Grönlandfahrt aus dem Packeis geborgen und erfolgreich aufgetaut wird. Eine wissenschaftliche Sensation! Das Fleisch des anno 1905 Tiefgefrorenen ist so jugendfrisch wie am Tag des Schiffbruchs, doch sein Geist scheint akut gefährdet: Könnte der »Hibernatus« den Schock des Zeitsprungs verkraften? Könnte er die brutalen Völkerschlachten begreifen, die während seiner frostigen Abwesenheit abrollten? (»La guerre de 14. PAF! La guerre de 40. PAF!«) Könnte er den Wahnwitz aushalten, den die Moderne inzwischen entfesselt hat? Die Flugzeuge in Zigarrenform (»ZOF!«), die in New York landen, bevor sie in Paris gestartet sind? Die elektrischen Gitarren? Die Atome? Das Fernsehen? »Les hommes deviennent fous! Ils deviennent fous! La, la, la …« Und so mimen die Abkömmlinge eine intakte Welt, eine heile Belle Époque, um dem rührend unverdorben wirkenden Heim(?)kehrer die Absurdität ihrer verrückten Ära zu ersparen. Vergeblich, wie man ahnt, denn zum einen läßt sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, zum anderen ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts Heimliches, das nicht hervorkomme.

R Edouard Molinaro B Jacques Vilfried, Jean Bernard-Luc, Louis de Funès, Jean Harlan V Jean Bernard-Luc K Marcel Grignon, Raymond Pierre Lemoigne M Georges Delerue A François de Lamothe S Monique Isnardon, Robert Isnardon P Alain Poiré D Louis de Funès, Claude Gensac, Michael Lonsdale, Bernard Alane, Pascal Mazzotti | F & I | 82 min | 1:2,35 | f | 10. September 1969

2.3.65

The Sound of Music (Robert Wise, 1965)

Meine Lieder, meine Träume

Als hätte Robert Wise viel zu viele Heimat- und Schlagerfilme gesehen, fliegt das Auge der Kamera (in Todd-AO!) erst einmal über jede Menge idyllischer Alpentäler, -seen und -wiesen, um sodann eine wie besoffen mit sich selbst tanzende Julie Christie ins Visier zu nehmen, die mit ausgebreiteten Armen »The hills fill my heart with the sound of music!« schmettert. Wise erreicht die luftigen Höhen dieser konsequent ausgespielten Peinlichkeit mühelos immer wieder, und spätestens wenn Christopher Plummer alias Baron von Trapp alias Bill Lee (Stimme) beklampft und bejankert im Kreise seiner Kinderschar »Edelweiß, Edelweiß, bless my homeland forever« zum Besten gibt, kann man die künst­lerische Entschiedenheit dieser einmaligen Huldigung Hollywoods an Kultur und Werte des alten Europa nur noch mit offenem Mund bestaunen. Die Breitwand-Adaption von Rogers’ und Hammersteins monumental-verschmockter Salzburger Familienoperette mit singenden Nonnen, musikalischen Priestern und schnarrenden Nazis bereitet dem masochistischen Connaisseur – schon we­gen ihrer gefühlten Endlosigkeit – ein ähnliches Vergnügen wie eine ganz, ganz langsame Steinigung mit Mozartkugeln.

R Robert Wise B Ernest Lehman V Maria Augusta Trapp, Howard Lindsay, Russel Crouse K Ted McCord M Richard Rogers A Boris Leven S William Reynolds P Robert Wise D Julie Andrews, Christopher Plummer, Eleanor Parker, Richard Haydn, Peggy Wood | USA | 174 min | 1:2,35 | f | 2. März 1965

9.2.61

Matka Joanna od aniołów (Jerzy Kawalerowicz, 1961)

Mutter Johanna von den Engeln

»Was sind das – Engel?« Ein einsames Kloster an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Nonnen sind von Dämonen besessen – Mutter Oberin alleine von acht verschiedenen. Ein vergeistigter Pater, der in seinem obsessiven Drang Gutes zu tun dem Fanatismus der (inneren) Teufel nicht nachsteht, ist die letzte Hoffnung der heimgesuchten Schwestern auf Erlösung von dem Bösen. Doch die Liebe, die er in sich trägt, bringt nichts als Zerstörung … Das kalte Weiß der Nonnengewänder, das tiefe Schwarz der Priestermäntel, das stumpfe Grau der Landschaft und der Gemäuer – Jerzy Kawalerowicz, neben Wajda einer der Heroen der Polnischen Schule, entwirft in kargen grafischen Tableaus (Kamera: Jerzy Wójcik) eine hermetische Welt mit starrem Reglement, das kein Entkommen erlaubt. Die Protagonisten (die den Blick immer wieder direkt an den Zuschauer richten) ringen hilflos um Hingabe, Vernunft und Freiheit, doch sie bleiben gefangen in Furcht, Aberglaube und Repression. »Du gehst im Dunkel, und wie der schwarze Mantel der Nacht ist deine Unwissenheit.«

R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Tadeusz Konwicki K Jerzy Wójcik M Adam Walacinski A Roman Mann, Tadeusz Wybult S Wiesława Otocka P Ludwik Hager D Lucyna Winnicka, Mieczysław Voit, Anna Ciepielewska, Maria Chwalibóg, Kazimierz Fabisiak | PL | 110 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1961

3.9.59

Labyrinth (Rolf Thiele, 1959)

Nadja Tiller als neurotisch-alkoholische Jet-Set-Lyrikerin Georgia Gale, die sich im exklusiven Schweizer Sanatorium von Dr. de Lattre (Amedeo Nazzari) körperlich und seelisch entgiften lassen will. Die ausgebrannt-selbstmitleidige Schnepfe durchläuft das titelgebende Labyrinth der Irrungen und Wirrungen (inklusive einer kurzen Flucht in religiöse Erlösungsphantasien), bis sie der malerische Selbstmord einer depressiven Mitpatientin endlich zur Besinnung bringt. Rolf Thiele visualisiert die gutgenährte Lebensnot und -leere der (nicht nur) bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft mit gewohnt exaltierten Regieeinfällen. Modernistisches l’art pout l’art à l’allemande.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Gregor von Rezzori V Gladys Baker K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Gabriel Pellon, Peter Röhrig S Anneliese Schönnenbeck P Walter Tjaden D Nadja Tiller, Peter von Eyck, Amedeo Nazzari, Nicole Badal, Hanne Wieder | BRD & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 3. September 1959

18.6.59

The Nun’s Story (Fred Zinnemann, 1959)

Geschichte einer Nonne

»There is no resting place. Ever.« Brügge, Anfang der 1920er Jahre: Gabrielle van der Mal (Audrey Hepburn), Tochter eines namhaften Arztes, entscheidet sich für das Leben als Nonne, bewegt von der (nicht allzu) stillen Hoffnung, ihr Orden möge sie als Krankenschwester in den Kongo entsenden. Gabrielles angeborener Eigensinn bringt sie vom ersten Tag an immer wieder in Konflikt mit dem strengen Reglement der klösterlichen Gemeinschaft, das Demut und Gehorsam bis hin zur Aufgabe der individuellen Persönlichkeit verlangt. Fred Zinnemann erzählt die Geschichte der Nonne als unsentimentales Gewissensdrama in rigidem Schwarz-Weiß-Grau (Ausstattung: Alexandre Trauner), das vorübergehend durch die vitale Farbigkeit der Tropen befreiend aufgerissen wird, als Abfolge von Prüfungen, deren tieferer (oder höherer) Sinn letzten Endes rätselhaft bleibt. So ist Schwester Lukas’ schließliche Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – insbesondere nach der Begegnung mit dem ausgesprochen diesseitigen Dr. Fortunati (Peter Finch), der ihre religiöse Bestimmung mitmenschlich-kritisch hinterfragt –, nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als mutige Behauptung von Souveränität: »Dear Lord, forgive me, I cannot obey anymore. What I do from now on is between You and me alone.«

R Fred Zinnemann B Robert Anderson V Kathryn Hulme K Franz Planer M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Walter Thompson P Henry Blanke D Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger | USA | 149 min | 1:1,78 | f | 18. Juni 1959

# 1102 | 2. März 2018

10.10.56

Die Trapp-Familie (Wolfgang Liebeneiner, 1956)

»Vom Kloster zum Welterfolg« oder Der Klang der Musik. Wo Robert Wise im Fahrwasser von Rodgers und Hammerstein überlangen Salzburg-Camp abliefern wird, läßt Wolfgang Liebeneiner seinem Publikum treuösterreichischen Kitsch angedeihen: Ruth Leuwerik (die es, wie in fast jeder ihrer Rollen, schafft, einen Tick zu alt zu wirken) treibt als patent-naive Möchtegern-Nonne Maria dem verbohrten Ex-k.u.k.-Kapitän von Trapp (Hans Holt) die militärischen Flausen aus und bringt dessen vielköpfige Kinderschar auf volksmusikalischen Kurs. Der erfolgreichste Film des Adenauer-Kinos (27 Millionen Deutsche können nicht irren!) erzählt viel von Durchhalten in schwerer Zeit (in diesem Fall: die Jahre rund um den »Anschluß« von felix Austria an das Deutsche Reich) und von frohgemut-tapferer Kopf-hoch-Mentalität: »Wenn Gott eine Tür zuschlägt, öffnet er ein Fenster!« Liebeneiner inszeniert über weite Strecken heimatlich-kreuzbrav und restaurativ-wirkungssicher; wenn er aber gegen Ende des Films – die Trapps sind mittlerweile wegen Schwierigkeiten mit den Nazis in Amerika (genauer gesagt: auf Ellis Island) gelandet – zwei plutokratisch-kulturjüdische Broadway-Agenten (die Herren Samish und Petroff) auftreten läßt, kann er den Film-Professor von Goebbels’ Gnaden doch nicht ganz verleugnen …

R Wolfgang Liebeneiner B Georg Hurdalek V Maria Augusta Trapp K Werner Krien M Franz Grothe A Robert Herlth, Gottfried Will S Margot von Schlieffen P Ilse Kubaschewski D Ruth Leuwerik, Hans Holt, Maria Holst, Josef Meinrad, Friedrich Domin | BRD | 103 min | 1:1,37 | f | 10. Oktober 1956

24.4.47

Black Narcissus (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1947)

Die schwarze Narzisse 

Ein Kloster hoch oben in der kristallklaren Luft des Himalaya – einst lebten in dem abgelegenen Kastell die Frauen eines indischen Fürsten, nun beginnen dort fünf Schwestern eines anglikanischen Ordens ihr tätiges Werk zur schulischen Erziehung und medizinischen Versorgung der örtlichen Jugend. Die Isolierung in majestätisch-abweisender Natur und exotisch-fremder Gesittung konfrontiert die europäischen Nonnen mit längst überwunden geglaubten Anfechtungen: Der Zusammenhalt der kleinen Gruppe zerfällt in individuelle Sinnkrisen, unterdrückte Leidenschaften brechen sich Bahn, selbst die so willensstark scheinende sister superior (Deborah Kerr) schaut schließlich hilflos-entsetzt in den Abgrund ihres eigenen tiefen Zwiespalts … Schauplatz ist eine jener grandiosen inneren Landschaften, die nur das Kino schaffen kann: Von Ausstatter Alfred Junge komplett im Studio errichtet, von Kameramann Jack Cardiff mit bald beherrscht-eisiger, bald sinnlich-lodernder Technicolor-Farbigkeit durchflutet, wird die ständig von einem schneidenden Wind durchwehte Gebirgseinsamkeit zum szenischen Abbild der dramatischen Konflikte zwischen (Selbst-)Kontrolle und (Fremd-)Erregung, zwischen (religiöser) Gefaßtheit und (körperlicher) Ekstase. Mit »Black Narcissus« gestalten Powell und Pressburger einen Film der expressiven (und existentiellen) Kontraste: reinweiße Nonnentracht gegen eine gebräunte Männerbrust, spirituelle Blässe gegen einen knallrot geschminkter Mund, Gemüse gegen Blumen, Zivilisation gegen Instinkte. Und über allem thront der alte heilige Mann, schweigt beharrlich, denkt sich seinen Teil – oder auch nicht.

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger V Rumer Godden K Jack Cardiff M Brian Easdale A Alfred Junge S Reginald Mills P Michael Powell, Emeric Pressburger D Deborah Kerr, Kathleen Byron, David Farrar, Flora Robson, Sabu | UK | 100 min | 1:1,37 | f | 24. April 1947

23.6.43

Les anges du péché (Robert Bresson, 1943)

Das Hohelied der Liebe

Spiritueller film noir (et blanc) – von Robert Bresson dargeboten mit strenger gestalterischer Delikatesse und einem, vor allem gegen Ende des bewegenden Stücks, leise anklingenden Ton katholischer Gefühligkeit: Die junge Anne-Marie (Renée Faure) tritt als Novizin einem Orden bei, der vor allem ehemalige weibliche Strafgefangene in seine Reihen aufnimmt. Durchdrungen von der Mission, gefallene Seelen wiederaufzurichten, konzentriert die bis zum Hochmut und zum Ungehorsam glaubensstarke Schwester ihre ganze Energie auf die abweisende Thérèse (Jany Holt), die, nachdem sie – frisch aus dem Zuchthaus entlassen – einen Rachemord begangen hat, im Konvent nicht Heimat sondern Unterschlupf sucht. Zwar laufen im Hintergrund der Erzählung polizeiliche Ermittlungsarbeiten, aber der wahre suspense entwickelt sich aus der brisanten Beziehung der beiden Frauen, deren geistiger Kampf in einem Opfer und einer Errettung kulminiert … Neben Bressons schnörkelloser Regie und dem (bei aller emotionalen Aufwallung) immer beherrschten Spiel der Darstellerinnen sind es vor allem Philippe Agostinis raffiniert-einfache Licht- und Kameraführung sowie das kühl-poetische Szenenbild von René Renoux, die »Les anges du péché« zur (insbesondere visuell) bemerkenswerten Etüde über Schwarz und Weiß, Sünde und Unschuld, Feindschaft und Liebe, Stolz und Demut, Kloster und Gefängnis machen. PS: »Wenn du das Wort, durch das Gott dich einem anderen verbindet, vernommen hast, sind alle anderen Worte nur ein Echo dieses einzigen.« (Katharina von Siena)

R Robert Bresson B Robert Bresson, Jean Giraudoux K Phillipe Agostini M Jean-Jacques Grunenwald A René Redoux S Yvonne Martin P Roland Tual D Renée Faure, Jany Holt, Sylvie, Mila Parély, Marie-Hélène Dasté | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1943