14.3.72

Roma (Federico Fellini, 1972)

Fellinis Roma

Die ewige Stadt als große Mutter und heilige Hure, als Schmelztiegel von Vergangenheit und Gegenwart – Federico Fellinis episodische Metropolen-Revue folgt kompromißlos der narrativen Libido: Reminiszenzen des Regisseurs an die Ankunft auf der Stazione Termini als junger, unbedarfter Provinzler und an die ersten, tastenden Schritte des staunenden Zugereisten auf dem schlüpfrigen Pflaster der Kapitale stehen unvermittelt neben zeitgenössischen Erkundungen der römischen Unterwelt, einer barock-klerikalen Modenschau sowie einem (an Godards »Week-End« gemahnenden) Höllenritt über den apokalyptischen Stadtautobahnring. In seiner gestalterischen Wahl- und Zügellosigkeit riskiert »Roma« jederzeit (und konsequent) den Umschlag der ›Sinfonie der Großstadt‹ in die urbane Kakofonie: Der allgegenwärtige Ich-Erzähler spricht in vielen Zungen, so als wolle er das Stimmengewirr Babylons ganz alleine in der ersten Person erzeugen … Grandios ist der Film immer dann, wenn Fellinis Jugenderinnerungen an das Rom der 1940er Jahre – an volkstümliche Vaudeville-Theater und schmierige Familienpensionen, an die Verlockungen der Bordelle und die Panik des Krieges – zu prallem Leben erweckt werden; banal wird es, wenn der Autor in der (allzu durchsichtig gefakten) Pose des Dokumentaristen so tut, als führe er einen interessierten Dialog mit der »Jugend von heute«, oder (noch nichtssagender) wenn er des Nachts berühmte Bekannte – wie den amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal oder ›Mamma Roma‹ Anna Magnani (in ihrem letzten Leinwandauftritt) – abpaßt und ihnen belanglose Sentenzen aus dem Mund leiert (besser gesagt: in den Mund legt). Fellini spricht von Rom: der Dichter als Schwadroneur – oder umgekehrt.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Bernardino Zapponi K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Danilo Donati S Ruggero Mastroianni P Turi Vasile D Peter Gonzales, Fiona Florence, Pia De Doses, Renato Giovannoli, Britta Barnes | I & F | 128 min | 1:1,66 | f | 14. März 1972

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