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13.2.72

Cabaret (Bob Fosse, 1972)

Cabaret

»I am a camera with its shuter open, quite passive, recording, not thinking«, heißt es am Anfang von Christopher Isherwoods Roman »Goodbye to Berlin«, auf dem »Cabaret« sehr frei basiert (man könnte auch sagen: aus dem es sich bedient). Genau wie das Buch bleibt der Film betont zurückhaltend in der Bewertung des Aufgezeichneten, auch wenn Regisseur Bob Fosse mitunter eine leicht verzerrende Linse vor seine Optik schraubt. Der Ort des Geschehens: Berlin, kurz vor dem Machtantritt der Nazis. Das Personal: ein Querschnitt durch die damalige Spaßgesellschaft, die puppenlustig ins Verderben schwoft. »Cabaret« nimmt die abgedroschene Formulierung vom »Tanz auf dem Vulkan« konsequent wörtlich und erzählt die Höllenfahrt in die historische Katastrophe als mitreißendes Musical (das zudem einiges über die nostalgische Gefühlswelt der 1970er Jahre verrät). Vor allem die durchweg herausragenden Darsteller und die exzellenten Choreographien machen den Film zum Klassiker (nicht nur) seines Genres. Neben Liza Minnellis und Joel Greys fulminanten Kit-Kat-Club-Auftritten brennt sich besonders jene Szene ins Gedächtnis, in der (fast) alle Besucher eines Biergartens nach und nach in den sentimentalen, national-erweckten Gesang eines Hitlerjungen einstimmen: »Tomorrow belongs to me!« – tja, wie man’s nimmt... Ganz ohne jede Gefühlsduselei, fast wie nebenbei, beobachtet »Cabaret« auch noch zwei sehr schöne, sehr wehmütige Liebes geschichten.

R Bob Fosse B Jay Presson Allen V Christopher Isherwood, John Van Druten K Geoffrey Unsworth M John Kander A Rolf Zehetbauer S David Bretherton P Cy Feuer D Liza Minnelli, Michael York, Joel Grey, Helmut Griem, Marisa Berenson, Fritz Wepper | USA | 124 min | 1:1,85 | f | 13. Februar 1972

24.2.69

The Prime of Miss Jean Brodie (Ronald Neame, 1969)

Die besten Jahre der Miss Jean Brodie

»Give me a girl at an impressionable age and she is mine for life.« Edinburgh in den 1930er Jahren: Miss Jean Brodie, Lehrerin an der Marcia Blaine School for Girls, widmet ihre besten Jahre (»I am truly in my prime.«) voller Leidenschaft (»I am a teacher! First, last, always!«) der Erziehung der ihr anbefohlenen Schülerinnen, von denen sie Großes erwartet (»All my pupils are the crème de la crème.«) ... Maggie Smith in der Titelrolle der unkonventionellen Pädagogin verwandelt Ronald Neames Romanadaption in eine kurzweilige One-Woman-Show, wobei die von Muriel Spark erfundene, faszinierend widersprüchliche Figur – ihr theatralischer Snobismus und ihre erotische Einbildungskraft, ihr überspannter Enthusiasmus und ihre Anfälligkeit für faschistische Ideen, ihr sinnenhaftes Schwanken zwischen Kunst (Mr. Lloyd) und Musik (Mr. Lowther) – letztlich zur mal kuriosen, mal grotesken jüngferlich-schwärmerischen Neurotikerin reduziert erscheint, die versäumte Chancen nachträglich im Leben ihrer Zöglinge zu realisieren trachtet. Wichtige Motive dieser Darstellung einer tragikomischen Existenzverfehlung – Liebe und Sex, Führung und Gefolgschaft, Vertrauen und Verrat – finden sich in Jay Presson Allens Bearbeitung zwar wieder, doch Sparks elegant strukturierte Erzählung mit ihren permanenten Zeitsprüngen und ständigen Perspektivwechseln wird umstandslos auf linearen Kurs gebracht, während entscheidende religiöse Aspekte gleich ganz unter den Tisch fallen.

R Ronald Neame B Jay Presson Allen V Muriel Spark K Ted Moore M Rod McKuen A John Howell S Norman Savage P Robert Fryer D Maggie Smith, Robert Stephens, Gordon Jackson, Celia Johnson, Pamela Franklin | UK & USA | 116 min | 1:1,85 | f | 24. Februar 1969

# 1048 | 20. Februar 2017

22.7.64

Marnie (Alfred Hitchcock, 1964)

Marnie

»You Freud, me Jane?« Die frigid-kleptomanische Sekretärin Marnie Edgar (mal blond, mal brünett, mal schwarz: ›Tippi‹ Hedren) und der helfersyndromisch-sadistische Verleger Mark Rutland (Sean Connery) in einem bresthaften Küchen-Psycho-Mutter-Tochter-Schmock (»Why don't you love me, Mama?«) voller naiver Pappkulissen, derber Farbdramaturgie (Rot! Rot! Rot!), grenzwertiger Darstellerleistungen und kläglicher Rückprojektionen. Der Begriff des »Seelenklempners« ist in diesem viktorianisch-triebhaften Thriller-Melo beinahe wörtlich zu verstehen: Mit ein paar einfachen therapeutischen Handgriffen (Assoziationsspiele, Vergewaltigung, Erinnerungsstimulation) gelingt es dem leidenschaftlichen Hobbypsychologen Mark, Marnies verstopften Mentaltraps gründlich durchzuspülen und ihre posttraumatische Belastungsstörung erfolgreich zu beheben. Trotz aller visuellen Pannen und erzählerischen Abgeschmacktheiten gewinnt »Marnie« eine geradezu krankhafte Intensität, denn Alfred Hitchcocks frustrierender amour fou zu seinem, für ihn unerreichbaren, in Anführungszeichen gesetzten Mannequin-Star quillt düster zwischen den Bildern und Dialogen hervor: »I've tracked you and caught you and by God I'm going to keep you.« So verwandelt sich ein triviales Hintertreppendrama in ein obsessives Trauer-Spiel: »I don't believe in luck.« – »What do you believe in?« – »Nothing.« Dazu schauert und schäumt ein vollfetter Score von Bernard Herrmann (der sein letzter für Hitchcock bleiben wird). A guilty pleasure – für alle Beteiligten.

R Alfred Hitchcock B Jay Presson Allen V Winston Graham K Robert Burks M Bernard Herrmann A Robert Boyle Ko Edith Head, Vincent Dee, Rita Riggs S George Tomasini P Alfred Hitchcock D ›Tippi‹ Hedren, Sean Connery, Diane Baker, Martin Gabel, Louise Latham | USA | 130 min | 1:1,85 | f | 22. Juli 1964