Zum dritten (und letzten) Mal nutzt Ulrich Schamoni das eigene Haus (Furtwänglerstraße 19 in Berlin-Grunewald) als Bühne eines kleinen kinematographischen Welttheaters: vier junge Leute (drei Mädchen, ein Junge) verwirklichen in einem verwunschenen Anwesen den Traum vom alternativen Leben jenseits des allgemeinen Rattenrennens. Doch das Idyll ist bedroht: die eiskalte Baulöwin Sybille Schacht-Blessmann (Judy Winter) plant den Abriß des irdischen Paradieses zugunsten einer modern-beliebigen Eigenheimsiedlung. Beistand erhält die weltferne Wohngemeinschaft in Gestalt des Ingenieurs Conrad Kolberg (Horst Frank), der die Villa Kunterbunt vor der Zerstörung bewahrt, indem er sie mit technokratischer Radikalität zum ökologischen Musterbau umgestaltet. Im Ergebnis bleibt eine zeitgerechte Hülle bestehen, indes der unverwechselbare Geist des Ortes ausgetrieben ist. Mit ironischer Wehmut veranschaulicht Schamoni (nach einem zivilisationskritischen (jedoch recht umständlichen) Drehbuch von Wolfgang Menge) den unauflöslichen Widerspruch von Utopie und Realität.
R Ulrich Schamoni B Wolfgang Menge K Igor Luther M Peter Herbolzheimer A Will Kley, György Janoschka Ko Barbara Naujok S Dörte Völz P Ulrich Schamoni, Regina Ziegler, Willi Benninger D Horst Frank, Judy Winter, Lesley Malton, Jakobine Engel, Jochen Schroeder, Kika Mol | BRD | 113 min | 1:1,66 | f | 4. September 1980
# 1183 | 31. Dezember 2019
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4.9.80
6.9.74
Chapeau Claque (Ulrich Schamoni, 1974)
Nichtstun als schöne Kunst betrachtet: Ulrich Schamoni erzählt (mit sich selbst in der Hauptrolle) vom (weitgehend ereignislosen) Leben eines Pleitiers, der sich mit dem, was er aus dem Konkurs des traditionsreichen Berliner Familenunternehmens (Produktion von Zylinderhüten) retten konnte, in seine kleine Grunewald-Villa zurückgezogen hat und dem genüßlich-asozialen Müßiggang frönt. Der Privatier vertrödelt die Zeit mit einem (meist unbekleideten) jungen Mädchen, kultiviert seine Sammelleidenschaft (Emailschilder, Reklamebilder, Porzellanhasen aller Provenienz) und schlurft ansonsten – alte Kaufmannsweisheiten zitierend (»Wer gute Nächte sucht, verliert gute Tage.« oder, auch schön: »Reiche Leute haben fette Katzen.«) – in ausgebollerten Frottee-Bademänteln durch diesen nostalgischer Abgesang auf die kultur- und wohlstandsbürgerliche Welt. In Nebenrollen glänzen die wunderbare Anna Henkel (nackt und verschmollt), Wolfgang Neuss (noch mit Zähnen) und Karl Dall (als gestreßter Jung-Unternehmer). Eine undeutsche Perle voll verkrachtem Esprit, angeschmuddelter Lässigkeit, schlampiger Eleganz.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Igor Luther M diverse S Regine Heuser P Regina Ziegler, Ulrich Schamoni D Ulrich Schamoni, Anna Henkel, Karl Dall, Wolfgang Neuss, Erika Skrotzki | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 6. September 1974
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Igor Luther M diverse S Regine Heuser P Regina Ziegler, Ulrich Schamoni D Ulrich Schamoni, Anna Henkel, Karl Dall, Wolfgang Neuss, Erika Skrotzki | BRD | 94 min | 1:1,66 | f | 6. September 1974
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31.12.71
Eins (Ulrich Schamoni, 1971)
»Ja, wo kämen wir denn hin, wenn jeder machen würde, was er wollte?!« Eine zwanglose Gesellschaftskomödie, ein boulevardeskes Roadmovie: Autorenfilmer und Hauptdarsteller Ulrich Schamoni verkörpert einen wohlgenährten Nachwuchskapitalisten, dessen Betriebsmittel das vom Großvater ererbte todsichere Roulette-System darstellt. Unterwegs in Südfrankreich, läßt der Geldsack drei Herumtreiber (in hinlänglich gutsitzende Smokings gesteckt) gegen überschaubare Entlohnung an den Casinotischen für sich spielen, während er selbst, am Strand oder im Bett, mit seiner (stets leichtbekleideten) Freundin die Früchte des Mehrwerts genießt. Schamonis launig-improvisatorische Etüde über Abhängigkeitsverhältnisse und Interessengegensätze gipfelt – nach wiederholten Zwistigkeiten zwischen den Sozialpartnern – in einer unverblümten Selbstdiagnose des Chefs: »Ich bin dreißig Jahre, Mensch, ich fühl mich sauwohl. Ich weiß gar nicht, warum ich mich ändern soll. Mein Leben lebe ich, und ich will mein Leben leben und nichts anderes. Das ist das Problem.« Es bleibt die Frage, ob es sein Problem ist oder das der anderen.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Igor Luther M diverse S Heidi Genée P Ulrich Schamoni, Peter Schamoni D Ulrich Schamoni, Andrea Rau, Herbert Hamm, Wolf Fuchs, Pit Schröder | BRD | 94 min | 1:1,37 | f | 31. Dezember 1971
# 1182 | 31. Dezember 2019
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Igor Luther M diverse S Heidi Genée P Ulrich Schamoni, Peter Schamoni D Ulrich Schamoni, Andrea Rau, Herbert Hamm, Wolf Fuchs, Pit Schröder | BRD | 94 min | 1:1,37 | f | 31. Dezember 1971
# 1182 | 31. Dezember 2019
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30.4.70
Wir – zwei (Ulrich Schamoni, 1970)
»Warum denn nicht?« Seit der Schulzeit haben sie sich nicht mehr gesehen, nach zehn Jahren treffen sie sich wieder: Andreas (Christoph Bantzer), nunmehr Doktorand der Mathematik mit Gelegenheitsfreundin, und Hella (Sabine Sinjen), inzwischen Gattin eines wohlhabenden Herrn Meier und Mutter einer dreijährigen Tochter. Damals mochten sie sich sehr, ohne einander ihre Gefühle zu offenbaren, jetzt versuchen sie herauszufinden, wie es (gewesen) wäre, wenn ... Er sieht sie eines Tages zufällig in der Stadt und fährt ihr nach – bis zum Friedhof. Der Ort der Wiederbegegnung hat, wie sich erweisen wird, symbolischen Charakter: eine tote Liebe läßt sich nicht reanimieren. Ulrich Schamoni folgt dem Paar, das nie eines war und letztendlich keines wird, durch ein – von Michael Ballhaus leckerschmeckerisch fotografiertes – zunächst spätsommerliches, dann septembermildes, schließlich herbstgraues (West-)Berlin: Gartenpartys und Tanzvergnügen, Rummelbesuche und Bootsfahrten. Der verspätete Liebesversuch hinterläßt bei den Beteiligten weder Trauer noch Enttäuschung, allenfalls einen bittersüßen Nachgeschmack von halbherziger Vergeblichkeit.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Michael Ballhaus M Xhol Caravan S Heidi Genée P Peter Genée D Christoph Baltzer, Sabine Sinjen, Ulrich Schamoni, Corny Collins, Blandine Ebinger | BRD | 88 min | 1:1,66 | f | 30. April 1970
# 1181 | 31. Dezember 2019
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13.12.68
Quartett im Bett (Ulrich Schamoni, 1968)
»Berlin ist immer eine Reise wert. Börlin olwaiß iß wörß ä träwel.« 1968: Während sich in den Straßen Westberlins wildgewordene Studenten (»Radikalinskis«) und tschakobehelmte Polizisten (»Bullenschweine«) rabiate Scharmützel liefern, läßt der spätbourgeoise Kino-Bohèmien Ulrich Schamoni, eher indifferent gegenüber den semirevolutionären Zeitläuften, einen gänzlich unpolitschen, dafür hochgradig albernen culture clash der vierten Art abrollen: ›Insterburg & Co‹ (»Auf einem Himmelbett der Zeisig / er hat ein Mädchen bei sich.«) gegen ›Jacob Sisters‹ (»Klatsch, Klatsch, Schenkelchen / Opa wünscht sich Enkelchen!«) – gehobener Berliner Brettl-Blödsinn (zumeist vorgetragen auf selbstgebastelten Instrumenten) gegen zappelige sächsische Schlager-Munterkeit (begleitet von wohlfrisierten weißen Pudeln). In der Art einer aufgekratzten musikalischen Nummernrevue, nicht unbeeinflußt von Richard Lesters Running-Jumping-&-Standing-Still-Ästhetik, führt »Quartett im Bett« durch ungeheizte Schafzimmer und elegante Hotelsuiten, über ruinöse Hinterhöfe und klapprige Studiobühnen, durch Kneipen und Fernsehateliers, zum Kurfürstendamm und an die Mauer. Ein hektisch-fröhliches Stimmungsbild ohne Ziel und Plan, aber mit einem gerüttelt Maß an zeitgeschichtlichem Mutter- und Vaterwitz.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Josef Kaufmann M Ingo Insterburg, Jacob-Sisters S Heidi Genée P Peter Schamoni D Insterburg & Co. (Ingo Insterburg, Peter Ehlebracht, Karl Dall, Jürgen Barz), Jacob Sisters (Johanna, Rosi, Eva, Hannelore), Andrea Rau, Rainer Basedow, Dieter Kursawe | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw | 13. Dezember 1968
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Josef Kaufmann M Ingo Insterburg, Jacob-Sisters S Heidi Genée P Peter Schamoni D Insterburg & Co. (Ingo Insterburg, Peter Ehlebracht, Karl Dall, Jürgen Barz), Jacob Sisters (Johanna, Rosi, Eva, Hannelore), Andrea Rau, Rainer Basedow, Dieter Kursawe | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw | 13. Dezember 1968
29.6.67
Alle Jahre wieder (Ulrich Schamoni, 1967)
»Entweder regnet’s hier, oder die Glocken läuten, oder es wird mal wieder ’ne Kneipe eröffnet.« ›Hier‹, das ist Münster, wohin alljährlich zu Weihnachten Hannes Lücke (Hans Dieter Schwarze) zurückkehrt, der schon seit Jahren als erfolgreicher Werbetexter in Frankfurt lebt, um mit Frau Lore (Ulla Jacobsson) und Kindern die Feiertage zu verbringen – und um sich im Kreise alter Saufkumpane einen (oder zwei oder drei) hinter die Binde zu gießen. Erstmals kommt Hannes nicht allein, sondern in Begleitung seiner jungen Freundin Inge (Sabine Sinjen); ihre hellhörig-kritische Außenseiterperspektive auf Sitten und Bräuche der westfälischen Kapitale machen sich auch die Erzähler zu eigen, die gleichwohl über eine intime Kennerschaft des geschilderten Milieus verfügen: Ulrich Schamoni (Regie) und Michael Lentz (Buch) wuchsen in Münster auf, sind der Stadt und ihren Bewohnern in zärtlich-bissiger Haßliebe verbunden. »Alle Jahre wieder« beschreibt, in scheinbar beiläufigen Beobachtungen, eine Gesellschaft, deren moralische Normen und überkommene Etiketteregeln nur mehr als historische Fassade aufrecht erhalten werden, zugleich zeichnet der Film das ironisch-trostlose Bild einer arrivierten und doch verlorenen (Männer-)Generation. »Wir sind vierzig geworden« lautet der Titel eines melancholischen Gedichts, das einer von Hannes’ Zechbrüdern vorträgt: »Ihr habt recht, wenn ihr denkt / der Rest unserer Träume / schmücke die Weihnachtsbäume. / Ja, alle Hoffnungen trügen. / Warum sollen wir lügen?« Die antibürgerlichen Sehnsüchte der ehemaligen Flakhelfer, aus denen Notare oder Bauunternehmer oder Steuerberater wurden (sie erinnern trotz ihrer gehobenen sozialen Stellung an Fellinis desorientierte »Vitelloni«), ertrinken im ritualisierten Rausch. »Jetzt singen sie wieder«, spottet eine ernüchterte Ehefrau, »da kann’s nicht mehr lange dauern.« Ein Jahr später wird in Berlin das Springer-Hochhaus brennen. In Münster bleibt es weitgehend ruhig.
R Ulrich Schamoni B Michael Lentz, Ulrich Schamoni K Wolfgang Treu M Hans Posegga S Heidi Genée P Peter Schamoni D Hans Dieter Schwarze, Sabine Sinjen, Ulla Jacobsson, Johannes Schaaf, Hans Posegga | BRD | 91 min | 1:1,66 | sw | 29. Juni 1967
R Ulrich Schamoni B Michael Lentz, Ulrich Schamoni K Wolfgang Treu M Hans Posegga S Heidi Genée P Peter Schamoni D Hans Dieter Schwarze, Sabine Sinjen, Ulla Jacobsson, Johannes Schaaf, Hans Posegga | BRD | 91 min | 1:1,66 | sw | 29. Juni 1967
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17.3.66
Es (Ulrich Schamoni, 1966)
Es: das Kind, das sie (Sabine Sinjen) nicht will, weil sie glaubt, daß er (Bruno Dietrich) es nicht will. Es: das ungestüme Bauwesen, das auch das noch zerstört, was der Bombenkrieg verschonte. Es: das Westberlin kurz nach dem Mauerbau – Stadt der Brachflächen und Brandmauern, der Schnellstraßen und Friedhöfe, der Witwen und Abschreibungsritter, der modischen jungen Paare und der alten Tanten aus dem Osten. Ulrich Schamonis dynamisches Debüt offeriert weniger tieflotende Analyse denn feuilletonistische Momentaufnahmen, weniger Soziologie einer abgewrackten Metropole denn Kaleidoskop eines weltläufigen Provinzkaffs; als intuitiv-impulsiver Sammler von Augenblicken und Tonfällen, als rasender Reporter der privaten, beruflichen, gesellschaftlichen Beziehungen stellt der Autor die Lockerheit des Entwurfs über die Präzision der Ausführung. So entsteht, stickpunktartig, notizenhaft, elliptisch, das anschauliche Stimmungsbild eines Ortes zwischen Aufbruch und Erstarrung, einer Ära zwischen Ungezwungenheit und Sprachlosigkeit. »Es«: eine Zeitkapsel.
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Gérard Vandenberg M Hans Posegga S Heidi Genée P Horst Manfred Adloff D Sabine Sinjen, Bruno Dietrich, Horst Manfred Adloff, Bernhard Minetti, Tilla Durieux | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 17. März 1966
R Ulrich Schamoni B Ulrich Schamoni K Gérard Vandenberg M Hans Posegga S Heidi Genée P Horst Manfred Adloff D Sabine Sinjen, Bruno Dietrich, Horst Manfred Adloff, Bernhard Minetti, Tilla Durieux | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 17. März 1966
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