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18.5.83

L’argent (Robert Bresson, 1983)

Das Geld

»O argent, dieu visible, qu’est-ce que tu ne nous ferais pas faire.« Das Geld, schrieb Marx (auf eine Textstelle aus Shakespeares »Timon von Athen« verweisend), sei die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge: Es verwandele die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, die Tugend in Laster. Robert Bressons illusionslose Modellanordnung (nach einer literarischen Vorlage von Tolstoi) macht diese Eigenschaft des Geldes in glasklaren Bildern und Tönen anschaulich. Ein Halbwüchsiger bekommt von seinem Vater keinen Vorschuß aufs Taschengeld; mit einem Kameraden bringt er eine gefälschte Banknote in Umlauf; der geprellte Händler gibt die Blüte (und zwei weitere) an einen jungen Heizöllieferanten weiter, dessen Leben als Folge dieser Übervorteilung in Stücke bricht. »L’argent« zeigt, visuell und narrativ auf das Wesentliche konzentriert, den menschlichen Absturz des Protagonisten (bis hin zu mehrfachem Raubmord) als Konsequenz der verkehrenden Macht des Geldes in einer Welt, die nur die Wahl von Täuschung oder Betrogensein, von Sterben oder Töten läßt. Die vergebende Güte, die diesem Prinzip in Gestalt einer »petite femme« entgegentritt (»Si j’étais Dieu et s’il n’était que de moi, je pardonnerais à tout le monde.«), hat angesichts der allseits waltenden Zerstörungskräfte keine irdische Chance.

R Robert Bresson B Robert Bresson V Leo Tolstoi K Pasqualino de Santis, Emmanuel Machuel M Johann Sebastian Bach A Pierre Guffroy Ko Monique Dury S Jean-François Naudon P Jean-Marc Henchoz, Daniel Toscan du Plantier D Christian Patey, Vincent Risterucci, Caroline Lang, Sylvie van den Elsen, Béatrice Tabourin | F & CH | 85 min | 1:1,66 | f | 18. Mai 1983

# 1121 | 3. Juni 2018

28.8.69

Une femme douce (Robert Bresson, 1969)

Die Sanfte

»Je suis ici, l’autre est ailleurs, et le silence est terrible.« (Paul Claudel) ... Fahrt durch das nächtliche Paris. Dichter Verkehr, Passanten, Leuchtreklamen. Eine Hand an der Klinke einer Glastür. Der Rücken einer Frau in Schwarz, die durch die Tür in einen Salon tritt. Blick zum Balkon: ein wippender Schaukelstuhl, ein umstürzender Tisch, ein zu Boden fallender Blumentopf. Ein weißer Schal, der vor der Fassade eines Wohnhauses langsam zu Boden schwebt. Das Quietschen von Bremsen. Autos, die am Straßenrand halten. Beine, die über das Trottoir laufen. Die Sirene eines nahenden Krankenwagens. Eine blonde Frau, die mit ausgestreckten Gliedern bäuchlings auf dem Asphalt liegt. Neben ihrem Kopf ein Blutfleck. Am Totenbett der jungen Frau (Dominique Sanda) fragt (sich) ihr Mann – im (Selbst-)Gespräch mit einer alten Haushälterin – weniger nach dem Grund für ihren scheinbar anlaßlosen Selbstmord, als danach, ob sie ihn liebte, ob sie ihn möglicherweise betrog, ob sie wußte, daß er sie liebt. Indem er den Mann Szenen einer Ehe – die sich dem Zuhörer und Betrachter in erster Linie als Momente des Mißverstehens, der Fremdheit, des Schweigens zwischen dem kühlen Pfandleiher und der empfindsamen Träumerin präsentieren – erinnernd rekapitulieren läßt, führt Robert Bresson in seiner freien Bearbeitung einer Dostojewski-Erzählung nicht nur Gegenwart und Vergangenheit parallel, sondern konfrontiert auch das Leben und den Tod, der alle Antworten mit sich nimmt. Ein stilles Meisterwerk über das Geheimnis, den Zweifel, die Einsamkeit zu zweit – und über die Nacht »qui est commune et incommunicable«.

R Robert Bresson B Robert Bresson V Fjodor M. Dostojewski K Ghislain Cloquet M diverse A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Mag Bodard D Dominique Sanda, Guy Frangin, Jane Lobre | F & B | 88 min | 1:1,66 | f | 28. August 1969

# 1128 | 23. Juni 2018

25.5.66

Au hasard Balthazar (Robert Bresson, 1966)

Zum Beispiel Balthazar

»Ich erwachte eines Abends völlig aus dieser geistigen Umnachtung, und was mich erweckte, war das Geschrei eines Esels.« Fjodor M. Dostojewski: »Der Idiot« ... Ein Schicksalsweg von Geburt und Taufe im Stall bis zum Tod durch eine verirrte Kugel inmitten einer Schafherde im Gebirge. Der Esel Balthazar gleicht (um die Worte eines englischen Schriftstellers zu paraphrasieren) einer Kamera, mit offenem Verschluß, ganz passiv, er denkt nicht, registriert nur: das Mädchen, das ihm Blumenkränze flicht, den Gutsherrn, der ihn ins Joch spannt und mit der Peitsche antreibt, die Bäckerin, die ihn das frische Brot austragen läßt, den Zirkusdirektor, der ihn zur komischen Nummer macht, die Schmuggler, die ihn schwerbeladen zur Grenze treiben. Mit der Gleichmut eines Heiligen nimmt das Tier hin, was ihm widerfährt – und das ist nur selten etwas Gutes. Wie Balthazar ergeht es auch seiner ersten Besitzerin, der jungen Marie (Anne Wiazemsky), die nach unbeschwerter Kindheit in unterschiedlicher (zumeist männlicher) Gestalt die Widrigkeit der Welt erfahren muß. Indem er in einer Folge von fragmentarisch geschilderten Situationen, anhand zahlreicher Beispiele aus diversen sozialen Milieus – Bürgertum und Bauernstand, Krawalljugend und Straßenvolk – einen Katalog der menschlichen Schwächen aufblättert, konfrontiert Robert Bresson seine (geradezu herausfordernd) duldsamen, hilflosen, naiven Protagonisten mit Stolz und Neid, Rohheit und Gleichgültigkeit. So entwickelt sich, in den schimmernden Grautönen der geheimnisvoll-klaren Bilder von Ghislain Cloquet, ein unpathetisch-emotionales, ebenso (wort-)karges wie (beziehungs-)reiches Panorama des L(i)ebens, Leidens, Sterbens.

R Robert Bresson B Robert Bresson K Ghislain Cloquet M Franz Schubert, Jean Wiener A Jean Charbonnier S Raymond Lamy P Mag Bodard D Anne Wiazemsky, François Lafarge, Philippe Asselin, Nathalie Joyaut, Walter Green | F & S | 95 min | 1:1,66 | sw | 25. Mai 1966

# 1126 | 13. Juni 2018

16.12.59

Pickpocket (Robert Bresson, 1959)

Pickpocket

Ein Ballett der Hände, eine Choreographie von Griffen. Michel ist ein Taschendieb, sein Revier sind die Rennbahn, die Métro, die Rummelplätze, die Bahnhöfe von Paris. Michel ist davon besessen zu stehlen, er reklamiert für sich die Freiheit, die einem überragenden Wesen zustehe. Sein Antrieb liegt nicht im geldlichen Gewinn (er bleibt, trotz steigender Einkünfte, in seiner ärmlichen Dachstube, behält den abgetragenen Anzug) sondern in der Ästhetik der verbotenen Tat, in der kalten Lust, die ritualisierte Bewegungen verschaffen. Michels so obsessives wie hochmütiges Tun gleicht einer Flucht: vor sich selbst, vor den Menschen, vor der Liebe. Aber, wie Jeanne, die weibliche Gegenfigur des Protagonisten, vermutet: »Tout a peut-être une raison.« Den Alptraum des jungen Mannes, dieses Abenteuer, in das er aus Schwäche gerät, für das er nicht gemacht ist, das ihm schließlich die angemaßte Freiheit nimmt, versteht Robert Bresson als notwendigen Umweg, an dessen Ziel erst Michel die Seele finden kann, die ihn erlöst. Ein Film von heiligem Ernst, von spröder Feierlichkeit, ein Film der abgezirkelten Gesten, der fragmenta­rischen Ausschnitte. Am Ende ist es ein eisernes Gitter, das die Vereinzelung aufhebt, das die Getrennten verbindet.

R Robert Bresson B Robert Bresson K Léonce-Henri Burel M Jean-Bapstiste Lully A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Agnès Delahaie D Martin LaSalle, Marika Green, Pierre Leymarie, Jean Pélégri, Kassagi, Pierre Étaix | F | 76 min | 1:1,37 | sw | 16. Dezember 1959

# 955 | 19. Juni 2015

10.11.56

Un condamné à mort s’est echappé (Robert Bresson, 1956)

Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen

Mit einer Schrifttafel weist Robert Bresson zu Beginn des Films auf die Wahrhaftigkeit der Geschichte hin und erklärt, sie so wiederzugeben, wie sie ist, schmucklos, nüchtern: »Je la donne comme elle est, sans ornement.« Lyon, 1943: Fontaine (François Leterrier), wird als Häftling der Gestapo ins Gefängnis Montluc gebracht. Schon auf dem Transport unternimmt er einen Fluchtversuch, in der Zelle zielen sein Denken und Handeln ganz und gar auf das Entkommen. Begleitet von fernen Geräuschen – Zugrattern, Glockengeläut, Schüsse der Pelotons – und Fontaines nüchternen Kommentaren aus dem Off zeigt Bresson die immergleichen Abläufe des Haftalltags – Essensausgabe, Appell, Hofgang, Kübelreinigung –, die immergleichen Situationen – Zelle, Flur, Treppe, Waschraum –, die heimliche Solidarität der Gefangenen, die minutiösen Fluchtvorbereitungen des Protagonisten (Löffel und Rasierklinge als gegebene Werkzeuge, Stoff und Draht als vorgefundene Materialien) ausschließlich in halbnahen und nahen Kameraeinstellungen, in Groß- und Detailaufnahmen. Das permanente Enge der Kadrage, die konsequente Verweigerung der Übersicht schaffen – ohne Einsatz klassischer Spannungselemente – ein drückendes Klima der Unsicherheit, der Beklemmung, des Ausgeliefertsein, in dem Fontaines beharrliche (wenn auch kaum aussichtsreich scheinende) Aktivität zur Methode des Überlebens wird. Erst in der letzten Einstellung, nachdem der zum Tode Verurteilte (zusammen mit einem Kameraden) entflohen ist, öffnet sich das Bild, einmalig, zur Totale. Die Rückkehr in die Freiheit ist dabei kein Triumphzug, sondern ein Gang in die Nacht, in den Nebel.

R Robert Bresson B Robert Bresson V André Devigny K Léonce-Henri Burel M Wolfgang Amadeus Mozart A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Alain Poiré, Jean Thuillier D François Leterrier, Charles Le Clainche, Roland Monod, Jack Ertaud, Maurice Beerblock | F | 101 min | 1:1,37 | sw | 10. November 1956

# 1125 | 11. Juni 2018

7.2.51

Journal d’un curé de campagne (Robert Bresson, 1951)

Tagebuch eines Landpfarrers

Die Geheimnisse eines Lebens, das kein Geheimnis hat … Schon in den ersten Bildern des Films ist das ganze Drama aufgehoben: ein Ortsschild; ein erschöpfter Ankömmling, ganz in Schwarz, hinter einem hohen Gitter; ein Mann und eine Frau, die sich abwenden und fortgehen, als sie den Fremden bemerken. Von Beginn an schlägt dem jungen Priester (Claude Laydu), der im nordfranzösischen Dorf Ambricourt, seine erste Pfarrstelle antritt, Ablehnung entgegen. Wo er sich nach Freundschaft und Zugehörigkeit sehnt, erlebt er fast ausschließlich Gleichgültigkeit und Spott, Feindschaft und Haß. All das vollzieht sich in kurzen Szenen, die von häufigen Ab-, Auf- und Überblendungen auf das Wesentliche reduziert werden. Der Pfarrer (der sich – bezeichnenderweise – nur von rotem Wein und trockenem Brot ernährt) erträgt seine Einsamkeit mit trauriger Gleichmut, führt gewissenhaft Protokoll über die offenen und verdeckten Demütigungen. Immer wieder zeigt Robert Bresson Bilder der schreibenden Hände, die Seite um Seite des Tagebuchs füllen, während die Einträge gleichzeitig mit nüchterner Stimme gesprochen werden. »Und Gott war das Wort«, sagt der Evangelist Johannes, und es scheint, als fände der Landpfarrer auf seinem Leidensweg im Wort, das er schreibt und spricht, den Abglanz von jener Liebe, die er so schmerzlich entbehren muß. Natürlich gehören zu einer Passion nicht allein (körperliche) Qual und (seelische) Not, sondern auch Momente des Trostes und der Zuversicht – so wie das Kreuz, das am Ende steht, zugleich den Tod und die Gewißheit der Gnade bedeutet: »Qu’est-ce que cela fait? Tout est grâce.«

R Robert Bresson B Robert Bresson V Georges Bernanos K Léonce-Henri Burel M Jean-Jacques Grunenwald A Pierre Charbonnier S Paulette Robert P Robert Sussfeld D Claude Laydu, André Guibert (= Adrien Borel), Marie-Monique Arkell, Jean Riveyre, Nicole Ladmiral | F | 117 min | 1:1,37 | sw | 7. Februar 1951

# 956 | 19. Juni 2015

21.9.45

Les dames du Bois de Boulogne (Robert Bresson, 1945)

Die Damen vom Bois de Boulogne

Eine hochgradig emotionale Dreiecksgeschichte – vorgetragen (fast) ohne Emotion. Ein komplexes psychologisches Drama – verhandelt (fast) ohne Psychologie. Eine exemplarische moralische Erzählung – entwickelt (fast) ohne Moral. Kino als Schachpartie, als Gedankenspiel, als Modellversuch: Hélène (María Casares – eisig) wird, nicht ohne ihr Zutun, von ihrem Gefährten Jean (Paul Bernard – blind) verlassen und treibt ihn, um Rache für ihre enttäuschte Liebe zu nehmen, in die Arme von Agnès (Elina Labourdette – (un-)schuldig), einer jungen Frau mit zweifelhaftem Vorleben (sie war, vulgo: eine Nutte). Situiert im, gestalterisch stark abstrahierten, Milieu der gehobenen (bzw. abgestürzten) Bourgeoisie, läuft »Les dames du Bois de Boulogne« auf einen melodramatischen Höhepunkt zu, der (dann doch) ein gewisses filmisches Quantum an Emotion, Psychologie sowie Moral freisetzt und dabei die Strippenzieherin (auch noch) um den Genuß der Vergeltung bringt… Robert Bressons entschiedene erzählerische Verknappung, Jean Cocteaus strenger literarischer Dialog, Philippe Agostinis subtil schlichte Bilder, nicht zu vergessen die klassizistisch inspirierten Roben von Madame Grès, einer der großen Couturières des 20. Jahrhunderts – all dies zusammen formt einen Film von hoher ästhetischer Noblesse, von großer intellektueller Klarheit und, ja: von tiefer menschlicher Empfindung.

R Robert Bresson B Robert Bresson, Jean Cocteau V Denis Diderot K Philippe Agostini M Jean-Jacques Grunenwald A Max Douy S Jean Feyte P Raoul Ploquin D María Casares, Paul Bernard, Elina Labourdette, Lucienne Bogaert, Jean Marchat | F | 86 min | 1:1,37 | sw | 21. September 1945

23.6.43

Les anges du péché (Robert Bresson, 1943)

Das Hohelied der Liebe

Spiritueller film noir (et blanc) – von Robert Bresson dargeboten mit strenger gestalterischer Delikatesse und einem, vor allem gegen Ende des bewegenden Stücks, leise anklingenden Ton katholischer Gefühligkeit: Die junge Anne-Marie (Renée Faure) tritt als Novizin einem Orden bei, der vor allem ehemalige weibliche Strafgefangene in seine Reihen aufnimmt. Durchdrungen von der Mission, gefallene Seelen wiederaufzurichten, konzentriert die bis zum Hochmut und zum Ungehorsam glaubensstarke Schwester ihre ganze Energie auf die abweisende Thérèse (Jany Holt), die, nachdem sie – frisch aus dem Zuchthaus entlassen – einen Rachemord begangen hat, im Konvent nicht Heimat sondern Unterschlupf sucht. Zwar laufen im Hintergrund der Erzählung polizeiliche Ermittlungsarbeiten, aber der wahre suspense entwickelt sich aus der brisanten Beziehung der beiden Frauen, deren geistiger Kampf in einem Opfer und einer Errettung kulminiert … Neben Bressons schnörkelloser Regie und dem (bei aller emotionalen Aufwallung) immer beherrschten Spiel der Darstellerinnen sind es vor allem Philippe Agostinis raffiniert-einfache Licht- und Kameraführung sowie das kühl-poetische Szenenbild von René Renoux, die »Les anges du péché« zur (insbesondere visuell) bemerkenswerten Etüde über Schwarz und Weiß, Sünde und Unschuld, Feindschaft und Liebe, Stolz und Demut, Kloster und Gefängnis machen. PS: »Wenn du das Wort, durch das Gott dich einem anderen verbindet, vernommen hast, sind alle anderen Worte nur ein Echo dieses einzigen.« (Katharina von Siena)

R Robert Bresson B Robert Bresson, Jean Giraudoux K Phillipe Agostini M Jean-Jacques Grunenwald A René Redoux S Yvonne Martin P Roland Tual D Renée Faure, Jany Holt, Sylvie, Mila Parély, Marie-Hélène Dasté | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1943