»Memories are made of this.« Nach Maria Braun und Lola, deren Blicke starr in die Zukunft gerichtet sind, stellt das zuletzt gedrehte Mittelstück von Rainer Werner Fassbinders BRD-Trilogie, angelehnt an das Schicksal des Ufa-Stars Sybille Schmitz, eine Frau ins Zentrum, die von der Vergangenheit beherrscht wird. München, 1955: Eine gewesene Filmgröße kauft sich die künstlichen Paradiese von Flucht (ins strahlende Gestern) und Vergessen (der tristen Gegenwart) bei einer alles Unglück sorgfältig berechnenden Nervenärztin. Ein Sportreporter verliebt sich in die strahlend-kaputte Diva, will sie retten, scheitert, verliert alles, macht irgendwie weiter. Mehr als die anderen Teile der Reihe ist »Die Sehnsucht der Veronika Voss« ein grandioser Schauspielerfilm: Rosel Zech (in der Titelrolle): wunderschön, depressiv, hysterisch; Hilmar Thate (als Journalist Robert Krohn): zerknautscht, alkoholisch, verunsichert; Cornelia Froboess (als Roberts Freundin Henriette): ironisch, klug, abgekämpft; Annemarie Düringer (als Veronikas Ärztin Dr. Katz): kalt, lächelnd, tödlich. Die Zeit, in der diese Menschen leben, ist friedlich, verlogen, sentimental. Das Land, das sie bevölkern, ist geschunden, grausam, verstört. Erinnerungen an früher sind nicht totzukriegen, nur mit Morphium zu ertragen. Die einen denken zurück an Babelsberg, die anderen an Treblinka. Massenkunst und Massenvernichtung – Traumfabrik und industrielle Tötung erscheinen als zwei Seiten einer Medaille, und den Überlebenden ist in beiden Fällen nur Aufschub gewährt: »You can't beat the memories you gave-a me.« Das Werk ähnelt einer Frottage: die Schrecken der vierziger Jahre durchgerieben auf die Oberfläche der fünfziger. Fassbinder bedient sich, um Traditionslinien kenntlich zu machen, offensiv traditioneller kinematographischr Mittel: Trickblenden und Sternchenfilter, artifizielle Bauten und dramatische Beleuchtungseffekte. Sein Film ist überdeutlich »gemacht«, ausdrücklich »hergestellt«: ein giftiges Melodram, ein weißlackierter Film noir, eine Erzählung über Licht und Schatten, Schmerz und Rausch, über den Irrglauben an den Sieg und die Realität der Niederlage.
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz P Thomas Schühly D Rosel Zech, Hilmar Thate, Annemarie Düringer, Cornelia Froboess, Doris Schade | BRD | 104 min | 1:1,66 | sw | 18. Februar 1982
# 1116 | 29. Mai 2018
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18.2.82
14.1.81
Lili Marleen (Rainer Werner Fassbinder, 1981)
»Und vor allem: mit viel mehr Gefühl!« Es war einmal im Dritten Reich: In einer meisterhaft simmelesken Verschmelzung (man könnte auch sagen: Verschmalzung) von Liebesdrama und Zeithistorie blättert Rainer Werner Fassbinder (nach einem Drehbuch des gewiegten Emotionsexploiteurs Manfred Purzer) den großen Schicksalsroman der ehrgeizig-treuherzigen Sängerin Willie Bunterberg (Hanna Schygulla) auf, folgt dem verschlungenen Lebensweg der sentimental-sinnlichen Diseuse zwischen Scheinfrieden und Weltkrieg, Bumslokal und Showbühne, Widerstand und Führerempfang, geilen Nazis und scharfen Juden. »Der Himmel hat viele Farben«, nannte Lale Andersen – Interpretin der melancholischen Schlagerballade »Lili Marleen«, der legendären »Schnulze mit den Totentanzgeruch« (Joseph Goebbels) –, Bunterbergs Vorbild aus dem sogenannten richtigen Leben, ihre Memoiren; und viele Farben hat auch »Lilli Marleen«, der Film: Selten waren die Nächte so blau, die Lippen so rot, die Klischees so grell. Fassbinder (der nach guter, alter Tradition als »Spielleiter« des Werks figuriert) zieht für seine radikal schwülstige, mit Sternchenfilter und Weichzeichner überzogene Großdeutschland-Revue wirksam alle Register der einst von der Ufa und von Hollywood gestimmten Gefühlsorgel. Seriös-abgewogene Erinnerungskultur sieht anders aus, hört sich anders an, aber wie sagte ein intellektueller Nationalsozialist so schön: »Wenn ich ›Kultur‹ höre, entsichere ich meinen Browning.«
R Rainer Werner Fassbinder B Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder V Lale Andersen K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Luggi Waldleitner D Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Erik Schumann, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 14. Januar 1981
# 1114 | 29. Mai 2018
R Rainer Werner Fassbinder B Manfred Purzer, Rainer Werner Fassbinder V Lale Andersen K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Luggi Waldleitner D Hanna Schygulla, Giancarlo Giannini, Mel Ferrer, Erik Schumann, Hark Bohm | BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 14. Januar 1981
# 1114 | 29. Mai 2018
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13.5.76
Monsieur Klein (Joseph Losey, 1976)
Monsieur Klein
»Allô … Robert Klein?« – »Qui est à l’appareil?« – »Robert Klein.« Es ist ein ganz normaler Vormittag während der deutschen Okkupation, als Monsieur Klein (Alain Delon) vor seiner Tür eine Zeitschrift findet, die er nicht abonniert hat. Mit der ungebetenen Zustellung der ›Informations juives‹ gerät der mondäne Pariser Antiquitätenhändler, der in letzter Zeit gute Geschäfte macht mit Menschen, die (ohne daß sie etwas Böses getan hätten) unter einem gewissen Druck stehen, in den eigentümlichen Apparat der Bürokratie. Schnell drängt sich der Verdacht auf, daß es einen zweiten Robert Klein gäbe, einen Verfolgten, der sich zum Schutz seines bedrohten Lebens hinter der Identität des gleichnamigen Geschäftsmannes verbärge. Monsieur Klein erlebt die Spaltung seiner Persönlichkeit, erfährt die Verwandlung in einen Anderen, muß sein erodierendes Selbst vor einem wahnsinnig-konsequenten Gesetz verteidigen, findet sich wieder in einer Strafkolonie der Absonderung, Entwürdigung, Vernichtung. Joseph Losey erzählt eine historisch präzise lokalisierte Geschichte als blaßgrauen Alptraum, als zwangsläufige Ausbreitung einer tödlichen Idee in der ungesicherten Wirklichkeit, als furchterregend-ordentlichen Prozeß, in dem das Urteil längst feststeht. Monsieur Delon geht durch dieses Geschehen mit der ungläubig-gefrorenen Miene desjenigen, der in einem schwarzen Spiegel die unaufhaltsame Dekonstruktion seiner ehedem festgefügten Welt beobachtet und vor Entsetzen nicht fähig ist zu schreien.
R Joseph Losey B Franco Solinas K Gerry Fisher M Egisto Macchi, Piero Porte A Alexandre Trauner S Henri Lanoë P Alain Delon D Alain Delon, Michel Lonsdale, Jeanne Moreau, Francine Bergé, Juliet Berto | F & I | 123 min | 1:1,66 | f | 13. Mai 1976
»Allô … Robert Klein?« – »Qui est à l’appareil?« – »Robert Klein.« Es ist ein ganz normaler Vormittag während der deutschen Okkupation, als Monsieur Klein (Alain Delon) vor seiner Tür eine Zeitschrift findet, die er nicht abonniert hat. Mit der ungebetenen Zustellung der ›Informations juives‹ gerät der mondäne Pariser Antiquitätenhändler, der in letzter Zeit gute Geschäfte macht mit Menschen, die (ohne daß sie etwas Böses getan hätten) unter einem gewissen Druck stehen, in den eigentümlichen Apparat der Bürokratie. Schnell drängt sich der Verdacht auf, daß es einen zweiten Robert Klein gäbe, einen Verfolgten, der sich zum Schutz seines bedrohten Lebens hinter der Identität des gleichnamigen Geschäftsmannes verbärge. Monsieur Klein erlebt die Spaltung seiner Persönlichkeit, erfährt die Verwandlung in einen Anderen, muß sein erodierendes Selbst vor einem wahnsinnig-konsequenten Gesetz verteidigen, findet sich wieder in einer Strafkolonie der Absonderung, Entwürdigung, Vernichtung. Joseph Losey erzählt eine historisch präzise lokalisierte Geschichte als blaßgrauen Alptraum, als zwangsläufige Ausbreitung einer tödlichen Idee in der ungesicherten Wirklichkeit, als furchterregend-ordentlichen Prozeß, in dem das Urteil längst feststeht. Monsieur Delon geht durch dieses Geschehen mit der ungläubig-gefrorenen Miene desjenigen, der in einem schwarzen Spiegel die unaufhaltsame Dekonstruktion seiner ehedem festgefügten Welt beobachtet und vor Entsetzen nicht fähig ist zu schreien.
R Joseph Losey B Franco Solinas K Gerry Fisher M Egisto Macchi, Piero Porte A Alexandre Trauner S Henri Lanoë P Alain Delon D Alain Delon, Michel Lonsdale, Jeanne Moreau, Francine Bergé, Juliet Berto | F & I | 123 min | 1:1,66 | f | 13. Mai 1976
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Zweiter Weltkrieg
19.11.65
Return from the Ashes (J. Lee Thompson, 1965)
Eine Tür fällt zu
»What I am about to propose to you is bizarre, grotesque.« In der Tat: Stanislaus will eine Unbekannte, die seiner totgeglaubten Ehefrau Michelle verblüffend ähnlich sieht, dazu überreden, in die Rolle der Verstorben zu schlüpfen, um deren von Staats wegen eingefrorenen Vermögens habhaft zu werden. Stanislaus’ Angebot erscheint umso bizarrer, grotesker, da Michelle einst als Jüdin in ein deutsches Konzentrationslager verschleppt wurde. Am bizarrsten, groteskesten ist freilich der Umstand, daß die Unbekannte niemand anderes ist als die Ehefrau selbst, die sich als Holocaust-Überlebende – »rewarded, curious, shocked, even thrilled« – auf das morbide Manöver einläßt … »Return from the Ashes«, eine Erzählung vom Leben nach dem Tod, spielt kurz nach dem Ende der Okkupation in Paris; eine Rückblende führt in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als der mittellose Schachspieler Stanislaus (Maximilian Schell) und die wohlhabende Röntgenärztin Michelle (Ingrid Thulin) einander kennenlernten. »If there is no god, no devil, no heaven, no hell, no immortality, then everything is permissible« – eine Dostojewski-Paraphrase steht als Motto über ihrer ersten Begegnung, eine eisige Mordintrige (in die auch Michelles biestige Stieftochter Fabienne (Samantha Eggar) verwickelt ist) bildet den Abschluß der leidenschaftlich-lieblosen Beziehung. J. Lee Thompson experimentiert in seinem melodramatischen Thriller – nicht immer ganz überzeugend, bisweilen die Lächerlichkeit streifend – mit der filmischen Umsetzung der Spezifika von Schach und Röntgenstrahlung: Kalte Berechnung und ungerührte Bloßlegung prägen den Film auf formaler und erzählerischer Ebene. Der (gewissermaßen post-apokalyptische) Plot erscheint bizarr, grotesk – aber war der Holocaust nicht auch unbegreiflich?
R J. Lee Thompson B Julius J. Epstein V Hubert Monteilhet K Christopher Challis M John Dankworth A Michael Stringer S Russell Lloyd P J. Lee Thompson D Ingrid Thulin, Maximilian Schell, Samantha Eggar, Herbert Lom | UK | 105 min | 1:2,35 | sw | 19. November 1965
# 903 | 21. August 2014
»What I am about to propose to you is bizarre, grotesque.« In der Tat: Stanislaus will eine Unbekannte, die seiner totgeglaubten Ehefrau Michelle verblüffend ähnlich sieht, dazu überreden, in die Rolle der Verstorben zu schlüpfen, um deren von Staats wegen eingefrorenen Vermögens habhaft zu werden. Stanislaus’ Angebot erscheint umso bizarrer, grotesker, da Michelle einst als Jüdin in ein deutsches Konzentrationslager verschleppt wurde. Am bizarrsten, groteskesten ist freilich der Umstand, daß die Unbekannte niemand anderes ist als die Ehefrau selbst, die sich als Holocaust-Überlebende – »rewarded, curious, shocked, even thrilled« – auf das morbide Manöver einläßt … »Return from the Ashes«, eine Erzählung vom Leben nach dem Tod, spielt kurz nach dem Ende der Okkupation in Paris; eine Rückblende führt in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als der mittellose Schachspieler Stanislaus (Maximilian Schell) und die wohlhabende Röntgenärztin Michelle (Ingrid Thulin) einander kennenlernten. »If there is no god, no devil, no heaven, no hell, no immortality, then everything is permissible« – eine Dostojewski-Paraphrase steht als Motto über ihrer ersten Begegnung, eine eisige Mordintrige (in die auch Michelles biestige Stieftochter Fabienne (Samantha Eggar) verwickelt ist) bildet den Abschluß der leidenschaftlich-lieblosen Beziehung. J. Lee Thompson experimentiert in seinem melodramatischen Thriller – nicht immer ganz überzeugend, bisweilen die Lächerlichkeit streifend – mit der filmischen Umsetzung der Spezifika von Schach und Röntgenstrahlung: Kalte Berechnung und ungerührte Bloßlegung prägen den Film auf formaler und erzählerischer Ebene. Der (gewissermaßen post-apokalyptische) Plot erscheint bizarr, grotesk – aber war der Holocaust nicht auch unbegreiflich?
R J. Lee Thompson B Julius J. Epstein V Hubert Monteilhet K Christopher Challis M John Dankworth A Michael Stringer S Russell Lloyd P J. Lee Thompson D Ingrid Thulin, Maximilian Schell, Samantha Eggar, Herbert Lom | UK | 105 min | 1:2,35 | sw | 19. November 1965
# 903 | 21. August 2014
26.6.64
The Pawnbroker (Sidney Lumet, 1964)
Der Pfandleiher
»Everything that I loved was taken away from me, and ... I did not die.« Rod Steiger als menschlich gefrorener KZ-Überlebender Sol Nazerman: Der Betreiber einer Pfandleihe in Spanish Harlem sieht alltäglich dem Elend ins Gesicht – doch was sind die Wunden, die Schmerzen, die Narben der anderen gegen seine eigene Verletzung, die ihn zum lebenden Toten gemacht hat? New York wird zum grauen Spiegel der Gespenster, die Nazerman heimsuchen: Eine überfüllte U-Bahn gemahnt an den Transport ins Vernichtungslager, in einer Bandenkeilerei hallt das Echo wachmannschaftlicher Prügelorgien wider, der Verführungsversuch durch eine Prostituierte evoziert Bilder des SS-Bordells, in dem seine Frau geschändet wurde. Steiger, kein Darsteller, der für Subtilität oder underplay bekannt wäre, bleibt auch als seelisch Gelähmter ein Ausbund an explosiver schauspielerischer Energie, wodurch das Porträt eines Paralysierten zur vibrierenden Demonstration gerät. Ebenso ambivalent erscheint – neben dem von sanftem Lyrismus in pulsierende Hektik kippenden Score (Quincy Jones) – der Gegensatz zwischen der gestalterischen Überhöhung der im Studio gebauten Innenräume sowie den (mitunter recht kitschigen) Erinnerungssequenzen und dem ganz unmittelbaren filmischen Zugriff auf die urbane Realität, der an Meister der street photography wie William Klein oder Robert Frank denken läßt (Kamera: Boris Kaufman). Zur Vergegenwärtigung der biographischen Zerrissenheit seiner Titelfigur kontrastiert Regisseur Sidney Lumet peinigende Nähe und eisige Distanzierung, die inszenatorischen Doppelbelichtungen von Faktizität und Mystifikation machen »The Pawnbroker« zu einem Beispiel für etwas, das man vielleicht »abstrakten Naturalismus« nennen könnte.
R Sidney Lumet B Morton Fine, David Friedkin V Edward Lewis Wallant K Boris Kaufman M Quincy Jones A Richard Sylbert S Ralph Rosenblum P Philip Langner, Roger Lewis D Rod Steiger, Geraldine Fitzgerald, Brock Peters, Jaime Sánchez, Thelma Oliver | USA | 116 min | 1:1,85 | sw | 26. Juni 1964
»Everything that I loved was taken away from me, and ... I did not die.« Rod Steiger als menschlich gefrorener KZ-Überlebender Sol Nazerman: Der Betreiber einer Pfandleihe in Spanish Harlem sieht alltäglich dem Elend ins Gesicht – doch was sind die Wunden, die Schmerzen, die Narben der anderen gegen seine eigene Verletzung, die ihn zum lebenden Toten gemacht hat? New York wird zum grauen Spiegel der Gespenster, die Nazerman heimsuchen: Eine überfüllte U-Bahn gemahnt an den Transport ins Vernichtungslager, in einer Bandenkeilerei hallt das Echo wachmannschaftlicher Prügelorgien wider, der Verführungsversuch durch eine Prostituierte evoziert Bilder des SS-Bordells, in dem seine Frau geschändet wurde. Steiger, kein Darsteller, der für Subtilität oder underplay bekannt wäre, bleibt auch als seelisch Gelähmter ein Ausbund an explosiver schauspielerischer Energie, wodurch das Porträt eines Paralysierten zur vibrierenden Demonstration gerät. Ebenso ambivalent erscheint – neben dem von sanftem Lyrismus in pulsierende Hektik kippenden Score (Quincy Jones) – der Gegensatz zwischen der gestalterischen Überhöhung der im Studio gebauten Innenräume sowie den (mitunter recht kitschigen) Erinnerungssequenzen und dem ganz unmittelbaren filmischen Zugriff auf die urbane Realität, der an Meister der street photography wie William Klein oder Robert Frank denken läßt (Kamera: Boris Kaufman). Zur Vergegenwärtigung der biographischen Zerrissenheit seiner Titelfigur kontrastiert Regisseur Sidney Lumet peinigende Nähe und eisige Distanzierung, die inszenatorischen Doppelbelichtungen von Faktizität und Mystifikation machen »The Pawnbroker« zu einem Beispiel für etwas, das man vielleicht »abstrakten Naturalismus« nennen könnte.
R Sidney Lumet B Morton Fine, David Friedkin V Edward Lewis Wallant K Boris Kaufman M Quincy Jones A Richard Sylbert S Ralph Rosenblum P Philip Langner, Roger Lewis D Rod Steiger, Geraldine Fitzgerald, Brock Peters, Jaime Sánchez, Thelma Oliver | USA | 116 min | 1:1,85 | sw | 26. Juni 1964
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Konzentrationslager,
Lumet,
Nationalsozialismus,
New York,
Prostitution,
Steiger,
Tod
20.9.63
Pasazerka (Andrzej Munk, 1963)
Die Passagierin
Fragmentarisches Holocaust-Drama und letztes Werk des während der Dreharbeiten tödlich verunglückten Wajda-Weggenossen Andrzej Munk: Die frühere Auschwitz-Aufseherin Lisa sieht Jahre nach dem Krieg (während einer Schiffsreise) einer Frau in die Augen, die große Ähnlichkeit mit der von ihr totgeglaubten polnischen Gefangenen Marta hat. Der Schock der Wiederbegegnung mit dem einstigen Opfer setzt bei der damaligen Täterin eine Gewissenserforschung in Gang, die ein komplexes Beziehungsgespinst aus Mitleid und Arroganz, Begehren und Verweigerung, Abhängigkeit und Stolz beleuchtet. Der halbfertige Film wurde nach dem Ableben des Regisseurs mittels Standfotos und Off-Kommentaren bewußt provisorisch vollendet – wobei die Notlösung zum plausiblen Kunstgriff wird: In einer assoziativ-sprunghaften Abfolge von düsteren Impressionen, die sich um handelsübliche Dramaturgie (= Sinnzusammenhänge) nicht schert, findet »Pasazerka« zum Alptraum des Holocaust eine (wenn auch ursprünglich nicht intendierte) nachdrücklich-irrationale Entsprechung.
R Andrzej Munk, Witold Lesiewicz B Andrzej Munk, Zofia Posmysz V Zofia Posmysz K Krzysztof Winiewicz M Tadeusz Baird A Tadeusz Wybult S Zofia Dwornik P Wilhelm Hollender D Aleksandra Slaska, Anna Ciepielewska, Janusz Bylczynski, Krzesislawa Dubielówna, Anna Golebiowska | PL | 62 min | 1:1,66 | sw | 20. September 1963
Fragmentarisches Holocaust-Drama und letztes Werk des während der Dreharbeiten tödlich verunglückten Wajda-Weggenossen Andrzej Munk: Die frühere Auschwitz-Aufseherin Lisa sieht Jahre nach dem Krieg (während einer Schiffsreise) einer Frau in die Augen, die große Ähnlichkeit mit der von ihr totgeglaubten polnischen Gefangenen Marta hat. Der Schock der Wiederbegegnung mit dem einstigen Opfer setzt bei der damaligen Täterin eine Gewissenserforschung in Gang, die ein komplexes Beziehungsgespinst aus Mitleid und Arroganz, Begehren und Verweigerung, Abhängigkeit und Stolz beleuchtet. Der halbfertige Film wurde nach dem Ableben des Regisseurs mittels Standfotos und Off-Kommentaren bewußt provisorisch vollendet – wobei die Notlösung zum plausiblen Kunstgriff wird: In einer assoziativ-sprunghaften Abfolge von düsteren Impressionen, die sich um handelsübliche Dramaturgie (= Sinnzusammenhänge) nicht schert, findet »Pasazerka« zum Alptraum des Holocaust eine (wenn auch ursprünglich nicht intendierte) nachdrücklich-irrationale Entsprechung.
R Andrzej Munk, Witold Lesiewicz B Andrzej Munk, Zofia Posmysz V Zofia Posmysz K Krzysztof Winiewicz M Tadeusz Baird A Tadeusz Wybult S Zofia Dwornik P Wilhelm Hollender D Aleksandra Slaska, Anna Ciepielewska, Janusz Bylczynski, Krzesislawa Dubielówna, Anna Golebiowska | PL | 62 min | 1:1,66 | sw | 20. September 1963
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Holocaust,
Konzentrationslager,
Munk
8.5.56
Nuit et brouillard (Alain Resnais, 1956)
Nacht und Nebel
»Premier regard sur le camp: C’est une autre planète.« Kein Film über die nationalsozialistische Weltanschauung. Kein Film über Antisemitismus. Ein Film über die industrielle Vernichtung von Menschen. Ein Film über die Mechanik und das Mysterium des Bösen. Dabei kein abstrakter Film ohne historische Verortung. Dabei ein konkreter Film voller erschütternder Details. Keine Dokumentation. Literatur. Keine Reportage. Kunst. 1933. 1942. 1945. Belsen. Dachau. Auschwitz. Die Tat: historische Bilder des Geschehens, schwarz-weiß, Anschauungsmaterial aus einer ewigen Gegenwart, Wachtürme, Züge, Schergen, Todgeweihte, Zyklon B, Berge von Haaren, Köpfen, Leibern. Die Erinnerung an die Tat: Bilder des historischen Ortes, Farbe, langsame gleitende Fahrten entlang der unbegreiflichen Vergangenheit, das Gras zwischen den Schienen, elektrische Zäune ohne Strom, Kratzspuren im Beton, Betten aus Backstein, Latrinen, Öfen, Schornsteine. Und die schreckliche Gewißheit: Jede Straße kann in ein Konzentrationslager führen. Noch. Immer.
R Alain Resnais B Jean Cayrol K Ghislain Cloquet, Sacha Vierny M Hanns Eisler S Alain Resnais P Anatole Dauman, Samy Halfon, Philippe Lifchitz Spr Michel Bouquet | F | 32 min | 1:1,37 | sw & f | 8. Mai 1956
»Premier regard sur le camp: C’est une autre planète.« Kein Film über die nationalsozialistische Weltanschauung. Kein Film über Antisemitismus. Ein Film über die industrielle Vernichtung von Menschen. Ein Film über die Mechanik und das Mysterium des Bösen. Dabei kein abstrakter Film ohne historische Verortung. Dabei ein konkreter Film voller erschütternder Details. Keine Dokumentation. Literatur. Keine Reportage. Kunst. 1933. 1942. 1945. Belsen. Dachau. Auschwitz. Die Tat: historische Bilder des Geschehens, schwarz-weiß, Anschauungsmaterial aus einer ewigen Gegenwart, Wachtürme, Züge, Schergen, Todgeweihte, Zyklon B, Berge von Haaren, Köpfen, Leibern. Die Erinnerung an die Tat: Bilder des historischen Ortes, Farbe, langsame gleitende Fahrten entlang der unbegreiflichen Vergangenheit, das Gras zwischen den Schienen, elektrische Zäune ohne Strom, Kratzspuren im Beton, Betten aus Backstein, Latrinen, Öfen, Schornsteine. Und die schreckliche Gewißheit: Jede Straße kann in ein Konzentrationslager führen. Noch. Immer.
R Alain Resnais B Jean Cayrol K Ghislain Cloquet, Sacha Vierny M Hanns Eisler S Alain Resnais P Anatole Dauman, Samy Halfon, Philippe Lifchitz Spr Michel Bouquet | F | 32 min | 1:1,37 | sw & f | 8. Mai 1956
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Nationalsozialismus,
Resnais,
Tod
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