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29.1.69

Goto, l’île d’amour (Walerian Borowczyk, 1969)

Goto, Insel der Liebe

Vielleicht war es so… Eine stickige, schwarzweiße Nacht. Die Luft vibriert vom Summen der Fliegen. Beckett, Kafka und Jarry kommen aus dem Kino. Der Film hat ihnen nicht gefallen. Nur den Hauptdarsteller, einen gewissen Pierre Brasseur, den mochten sie. Die drei setzen sich auf die Terrasse eines Cafés, bestellen Absinth und beschließen, zusammen ein Drehbuch zu schreiben. Die Geschichte sollte auf einer Insel spielen, die nach einem Erdbeben vom Rest der Welt abgeschnitten wäre. Ein Gouverneur, gütig und sadistisch, herrschte über die kleine Welt. Und eine schöne Frau hätte er. Die liebte aber einen anderen: ihren Reitlehrer. Außerdem gäbe es Fliegen, jede Menge Fliegen. Und da wäre ein Aufzug, mit dem Verurteilte auf eine Bühne gefahren würden, wo sie gegeneinander kämpfen müßten – der Gewinner würde begnadigt, der Verlierer käme aufs Schafott. Der Kellner serviert noch drei Absinth. Und einer, der begnadigt worden wäre, wollte unbedingt die Frau des Despoten für sich haben, und die Macht wollte er auch. Deswegen ginge alles kaputt. Und das Meer rauschte in der Ferne. Und da wären Hunde. Die würde man erschießen, wenn ihr Herr stürbe. Und es gäbe einen Alten, der geniale Fliegenfallen baute. Und alle Namen begännen mit G. Warum G? Warum nicht? Pierre Brasseur müßte die Hauptrolle spielen. Wer aber könnte Regie führen? Der Kellner kennt einen, einen verrückten Polen. Der habe zwar bisher nur Trickfilme gemacht, aber die seien nicht schlecht. Walerian Borowczyk heiße er, und eine schöne Frau habe er auch. Die könne ja die schöne Frau des Herrschers spielen. Beckett, Kafka und Jarry sind begeistert. Der Kellner bringt eine weitere Runde Absinth. Die Fliegen fliegen um den Tisch.

R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk, Dominique Duvergé K Guy Durban M Georg Friedrich Händel A Walerian Borowczyk S Charles Bretoneiche P Louis Duchesne, René Thévenet D Pierre Brasseur, Ligia Branice, Jean-Pierre Andréani, Ginette Leclerc, Fernand Bercher | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1969

8.9.65

La métamorphose des cloportes (Pierre Granier-Deferre, 1965)

Ganoven rechnen ab

Alphonse (Lino Ventura), genannt ›le Malin‹ (≈ der Schlaufuchs, aber auch: der Teufel, oder: einer, der sich aufspielt), ein verhältnismäßig erfolgreicher Pariser Bilderdieb, läßt sich von einem alten Kumpel (Charles Aznavour) und dessen trübtassigen Komplizen in eine zweifelhafte Safeknackerei verwickeln, infolge derer er – als einziger der Bande – in den Kahn einfährt. Nach fünf einsamen Jahren in die Freiheit entlassen, geht Alphonse, in rächender Absicht, auf die Suche nach den unsolidarischen Gefährten von einst, die sich zwischenzeitlich auf seine Kosten mittelständisch etabliert haben: einer unterhält einen Rennstall, einer ist Schausteller geworden, einer sucht sein Heil in indischer Weisheit, einer betreibt erfolgreich internationalen Kunsthandel – die wundersame Metamorphose der Kellerasseln. In Pierre Granier-Deferres kompetent inszenierter Adaption eines autobiographisch grundierten Romans des Ex-Knackis Alphonse Boudard erscheinen die bürgerliche Gesellschaft als Zerrspiegelbild der Unterwelt, die Ehrsamkeit als Fortsetzung des Verbrechens mit anderen Mitteln (et vice versa). Nicolas Hayer (der unter anderem für Clouzot und Melville tätig war) findet für das tragikomisch gefärbte Vergeltungsstück Scope-Bilder von dokumentarisch-kühler Nüchternheit, Jimmy Smiths fatalistisch-bluesiger Hammond-Sound läßt von vornherein ahnen, daß die (Ab-)Rechnung des geprellten Ganoven nicht aufgehen wird.

R Pierre Granier-Deferre B Michel Audiard, Albert Simonin V Alphonse Boudard K Nicolas Hayer M Jimmy Smith A Jacques Saulnier S Jean Ravel P Bertrand Javal, Paul Javal D Lino Ventura, Pierre Brasseur, Charles Aznavour, Irina Demick, Françoise Rosay, Daniel Ceccaldi | F & I | 98 min | 1:2,35 | sw | 8. September 1965

# 1053 | 31. Mai 2017

31.3.61

Pleins feux sur l’assassin (Georges Franju, 1961)

Der Mitternachtsmörder 

»Mais où sont les funérailles d’antan?« Als er fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht, legt der alte comte de Kéraudren (Pierre Brasseur) das Gewand eines Malteser-Ritters an, setzt sich in seinen geheimen Wandschrank und stirbt. Hinter einer Spiegelscheibe verborgen, beobachtet der Tote das weitere Geschehen: Solange die Leiche des Grafen verschwunden ist, können die Hinterbliebenen (unter ihnen Jean-Louis Trintignant als vorwitziger Medizinstudent und Marianne Koch als herb-sinnliche deutsche Cousine) ihr Erbe nicht antreten; während der Wartezeit schrumpft der Kreis der Anwärter auf das gräfliche Vermögen erheblich … Es ist nicht der von Boileau-Narcejac nachlässig konstruierte Zehn-kleine-Negerlein-Krimi, der Georges Franju interessiert (keiner der zahlreichen Todesfälle zieht polizeiliche Ermittlungen nach sich!), es sind vielmehr die Kulisse eines spitztürmig-verwinkelten Märchenschlosses, das Gemisch aus nachtwandlerischem Schattentheater und makabrem Schicksalsspiel voller Stimmenhören und Vogelgeflatter, die »Pleins feux sur l’assassin« ein eigentümlich schwarzes (und schwarzhumoriges) Kolorit verleihen. Halluzinatorische Qualität entwickelt der Film, wenn die mittelalterliche Familienlegende vom eifersüchtigen Ritter und seinem ungetreuen Weib mittels moderner Technik als publikumswirksames son-et-lumière-Spektakel im Schloßhof nachinszeniert wird (die verhinderten Erben brauchen Geld!): Einst und Jetzt fließen wie im Traum zusammen, bis die Gegenwart tödlich aus der Vergangenheit hervorbricht …

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Robert Thomas, Georges Franju K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Roger Briaucourt S Gilbert Natot P Jules Borkon D Jean-Louis Trintignant, Marianne Koch, Philippe Leroy, Dany Saval, Pierre Brasseur | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1961

4.3.60

Il bell’Antonio (Mauro Bolognini, 1960)

Bel Antonio

Nach einigen in Rom verbrachten Jahren kehrt Antonio (Marcello Mastroianni) in seine Heimatstadt Catania zurück. Der attraktive Sohn aus gutem Hause steht im Ruf eines unwiderstehlichen Don Juan, vor dessen Tür die Frauen heulen wie rollige Katzen. Doch eine gewisse Melancholie umweht den Schwerenöter, den der ambitiöse Vater (Pierre Brasseur) mit einer jungen Frau aus vermögender Familie verheiraten will. Antonio, obwohl von den Plänen zunächst wenig begeistert, verliert sein Herz an das Bild der ihm zugedachten Braut: Barbara (Claudia Cardinale) erscheint dem erschöpften Casanova wie der Inbegriff von Reinheit, wie ein Versprechen auf Erlösung … Mauro Bolognini (Regie) und Pier Paolo Pasolini (Drehbuch) erzählen (nach einen Roman des sizilianischen Autors Vitaliano Brancati) eine gallige Komödie der Impotenz, eine sarkastische Betrachtung der Zerstörungskraft versteinerter Geschlechterrollen (und der Ehe als Geschäftsmodell), eine tragische Farce über das Versagen im Moment der Erfüllung. Die Liebe selbst ist es, die den routinierten Liebhaber körperlich erschlaffen läßt, die in ihm Abscheu vor der eigenen wahnhaften Männlichkeit erregt … »Il bell’Antonio« treibt die Geschichte der Unlust mit gnadenloser Folgerichtigkeit an ihr groteskes Ende: Als die engelhafte Barbara ein Jahr nach der Hochzeit noch immer unberührt ist, wird der ewige Bund mit Antonio annulliert. Der Vater stirbt beim Versuch, die Familienehre zu retten, indem er im Bordell die eigene Zeugungsfähigkeit unter Beweis stellt. Die Schwangerschaft eines Dienstmädchens ist für die trauernde Witwe willkommener Anlaß, die Leistungsstärke ihres Sohnes in die Nachbarschaft hinauszuschreien: Der Gockel ist tot, es lebe der Gockel.

R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Gino Visentini V Vitaliano Brancati K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Alfredo Bini D Marcello Mastroianni, Claudia Cardinale, Pierre Brasseur, Rina Morelli, Tomas Milian | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 4. März 1960

# 920 | 18. November 2014

11.1.60

Les yeux sans visage (Georges Franju, 1960)

Augen ohne Gesicht

Was geschieht, wenn die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter und die Besessenheit eines Wissenschaftlers für sein Fachgebiet Hand in Hand gehen? – Wenn die Tochter einen Unfall hatte, bei dem sie ihres engelhaften Gesichtes verlustig ging, und das Fachgebiet des Vaters die Transplantationsmedizin ist, kann es beispielsweise passieren, daß unschuldige junge Frauen verschleppt und im Keller einer einsam gelegenen Klinik zu Tode operiert werden, um eine verlorene Schönheit wiederherzustellen. So in »Les yeux sans visage«, mit dem Georges Franju den Surrealisten und den Pionieren des expressionistischen Kinos seine Reverenz erweist. Pierre Brasseur spielt den Chirurgen mit der Anmaßung eines großen Staatsmannes, seine Assistentin Alida Valli dient ihm mit maligner Bewunderung, und die arme Edith Scob, die Tochter, der nichts als Augen blieben, die Schreckliches sehen müssen, findet die ersehnte Ruhe erst, als sie die Hunde losläßt ... Dies dargeboten zu einem drehorgelig-moritatenhaften Score von Maurice Jarre und in Eugen Schüfftans Bildern, die die Klarheit des Wahnsinns atmen. Was diesen zarten, langsamen Horrorfilm so intensiv macht, ist, daß alles gleichermaßen normal und schrecklich erscheint: die Hingabe und die Hoffnung, die Schuld und die Verzweiflung, der Ehrgeiz und die Hybris.

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Claude Sautet, Jean Redon, Pierre Gascar V Jean Redon K Eugen Schüfftan M Maurice Jarre A Auguste Capelier S Gilbert Natot P Jules Borkon D Pierre Brasseur, Alida Valli, Edith Scob, Juliette Mayniel, François Guérin | F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 11. Januar 1960

3.12.46

Les portes de la nuit (Marcel Carné, 1946)

Die Pforten der Nacht

»Les enfants qui s'aiment s'embrassent debout / contre les portes de la nuit.« Eine Nacht im langen, harten Winter, der auf den kurzen, wunderbaren Sommer der Befreiung von Paris folgt – zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen begegnen sich vormalige Widerständler und saturierte Ex-Kollaborateure, kleine Leute und falsche Helden, ein verträumter Draufgänger (Yves Montand) und »la plus belle fille du monde« (Nathalie Nattier); ein allgegenwärtiger Straßensänger mit flachem Hut und schäbigem Mantel (Jean Vilar) macht das Versprechen der ganz großen Liebe und verkündet in gleichem Atemzug die Erfüllung des unentrinnbaren (= tödlichen) Schicksals … Marcel Carné (Regie) und Jacques Prévert (Drehbuch) versuchen den Spagat zwischen teilnehmend-präziser Beschreibung der schwierigen französischen Nachkriegswirklichkeit und melodramatischer Mystifikation; Alexandre Trau­ners poetisch überhöhte (Studio-)Bauten – eine quirlig belebte Métro-Station, ein archetypisches Mietshaus, ein verkramter Lagerschuppen, eine Brücke über den Kanal, einsame Straßen und Bahngleise am Gasometer – erschaffen ein theatralisches Kondensat urbaner (und menschlicher) Randzonen; Philippe Agostinis nachtfarbene Bilder beschwören die Schatten der Vergangenheit und die Unbestimmtheit der Zukunft; Joseph Kosmas Kompositionen schwelgen in der Sehnsucht nach einem fernen Glück, das so nah zu liegen scheint: hinter der Scheibe eines haltenden Automobils, hinter den Streben eines Gitters, in einem Lied, in einem Namen.

R Marcel Carné B Jacques Prévert K Philippe Agostini M Joseph Kosma A Alexandre Trauner S Jean Feyte P Raymond Borderie D Yves Montand, Nathalie Nattier, Pierre Brasseur, Serge Reggiani, Jean Vilar | F | 120 min | 1:1,37 | sw | 3. Dezember 1946

9.3.45

Les enfants du paradis (Marcel Carné, 1945)

Kinder des Olymp

Ein Bummel über den boulevard du Crime, ein Blick in den Brunnen der Wahrheit, ein Spektakel der Liebe und des Leidens, der Beredsamkeit und des Schweigens, der Lust und des Verbrechens. Der Vorhang hebt sich ... Schauplatz des Stücks ist Paris um das Jahr 1830; im Mittelpunkt steht die schöne Garance (»C'est tellement simple, l'amour.« – Arletty), geliebt, begehrt, hofiert, umschwärmt von vier Männern, vom romantischen Pantomimen Deburau, vom stutzerhaften Schauspieler Lemaître, vom poetischen Mörder Laceneaire, vom stolzen Grafen de Montray. Jacques Prévert läßt historische Persönlichkeiten und fiktive Figuren (darunter das Schicksal in der Gestalt eines allgegenwärtigen Hausierers) durch eine grandiose (von Alexandre Trauner gebaute) Imagination der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts schwirren, Marcel Carné inszeniert das episodenreiche Geschehen als schaulustige Mischung aus Kammerspiel und Welttheater. »Les enfants du paradis« – Drama der Sehnsüchte und Posse der Irrungen, Jahrmarkt der Eitelkeit und Karussell der Gefühle – ist ein rauschendes Fest des Lebens und der Kunst (mit Seitenblicken auf das Unglück und den Tod), eine Reflexion auch über die Möglichkeiten des Mediums Film, über die Macht der Stimme und die Kraft der Stille.

R Marcel Carné B Jacques Prévert K Roger Hubert M Joseph Kosma A Alexandre Trauner, Léon Barsacq S Henri Rust P Raymond Borderie D Arletty, Jean-Louis Barrault, Pierre Brasseur, Marcel Herrand, Maria Casarès | F | 190 min | 1:1,37 | sw | 9. März 1945

# 1031 | 18. November 2016