Das Kino wurde erfunden, um A) akklamierten Genies wie Fellini, Hitchcock oder Ophüls eine große Bühne respektive eine silberne Leinwand zu bieten und um B) immer wieder wundervoll konfusen, grandios kindischen, unentbehrlich überflüssigen Zelluloid-Tinnef, der sich, wie etwa »Der Todesrächer von Soho«, als staunenswert surreale cinématographie automatique entpuppt, in die Annalen der Kulturgeschichte zu schummeln. Handlung? Irgendwie schon. Form? So könnte man es auch nennen. Ist es ein Krimi? Ist es ein Drogentrip? Ist es London? Ist es Barcelona? Ist es nicht völlig egal? Schon die erste Einstellung, in der ein (natürlich!) blinder Drehorgelmann in einer (natürlich!) dunklen Gasse seinem Instrument einen leiernden marche funèbre entlockt und damit (natürlich!) einen unmittelbar bevorstehenden gewaltsamen Tod annonciert, setzt Maßstäbe für das Kommende, das in exaltierten Weitwinkelbildern und willkürlicher Psychedelik um Rauschgift und Rache kreist. Es gibt kaum ein »Was«, kein nachvollziehbares »Wie« in dieser benebelt-hispanischen Bryan-Edgar-Wallace–Phantasie (einem ausgetickten Remake des »seriösen« Groschenfilms »Das Geheimnis der schwarzen Koffer« von 1962) – dazu paßt, daß der einmalige Jess Franco den gestandenen Darstellern (Horst Tappert, Barbara Rütting, Wolfgang Kieling, Siegfried Schürenberg) gestattet, alle Seriosität fahren zu lassen, daß er ihnen erlaubt, zu spielen wie Kinder. Wie Kinder, die schon viel gesehen haben.
R Jess Frank (= Jess Franco) B Jess Frank, Art Bernd (= Artur Brauner) V Bryan Edgar Wallace K Manuel Merino M Rolf Kühn A Hans-Jürgen Kiebach S Renate Engelmann P Artur Brauner, Arturo Marcos D Horst Tappert, Fred Williams, Elisa Montés, Barbara Rütting, Siegfried Schürenberg | BRD & E | 87 min | 1:1,66 | f | 9. November 1972
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9.11.72
27.11.64
Das siebente Opfer (Franz Josef Gottlieb, 1964)
Im herrschaftlichen Umfeld von Lord Mant (Walter Rilla), einem pensionierter Kronrichter und siegesbewußten Rennstallbesitzer, ereignet sich ein Mord nach dem anderen; schließlich fällt der ehrenwerte Pferdefreund selbst einer (Heugabel-)Attacke zum Opfer, ohne daß das Meucheln damit zu einem Ende käme … Bis fast zum Schluß des Films bleibt unklar, worum es eigentlich geht, Franz Josef Gottlieb läßt die Handlung seiner Bryan-Edgar-Wallace-Bearbeitung lässig unter den Tisch fallen, verbrät stattdessen die üblichen Sujets des (Sub-Sub-)Genres (Zwistigkeiten in komplizierten Familienverhältnissen, (Blut-)Rache für frühere Ungerechtigkeit, allgemeine Undurchsichtigkeit von Beweggründen, anonyme Auftritte des großen Unbekannten) in einem freien Spiel der Themen und Motive, schafft viel Raum für die stereotypen Krimifiguren und ihre gut aufgelegten Darsteller: die kantige Adelsfrau (Alice Treff), den honorigen Geistlichen (Hans Nielsen), den fragwürdigen Veterinär (Harry Riebauer), die undurchsichtige Schönheit (Ann Savo), den fiesen Gauner (Wolfgang Lukschy), den verlotterten Erben (Helmuth Lohner), den suspekten Butler (Peter Vogel). Mit wohldosiert-plattem Humor (Trude Herr als beleibte »Diätschwester«!) gerät »Das siebente Opfer« zum originellen billigen Abklatsch eines nicht viel wertvolleren Originals.
R Franz Josef Gottlieb B Franz Josef Gottlieb V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Hans Nielsen, Ann Smyrner, Wolfgang Lukschy, Heinz Engelmann | BRD | 93 min | 1:1,37 | sw | 27. November 1964
R Franz Josef Gottlieb B Franz Josef Gottlieb V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Hans Nielsen, Ann Smyrner, Wolfgang Lukschy, Heinz Engelmann | BRD | 93 min | 1:1,37 | sw | 27. November 1964
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2.7.64
Das Ungeheuer von London-City (Edwin Zbonek, 1964)
Das Leben imitiert die Kunst, die das Leben imitiert: Der Schauspieler Richard Sand (Hansjörg Felmy in zerzauster Mr.-Hyde-Maske) spielt auf der Bühne den historischen Jack the Ripper, dessen Verbrechen wiederum auf den Straßen Londons Nacht für Nacht kopiert werden; wegen des blutigen Nachahmungseffektes fordern Politiker die Absetzung des Horror-Stücks, während sich der Spielleiter über lebens-, besser gesagt: todesechte Werbung freut … Unter dem Bryan-Edgar-Wallace-Label schustern Regisseur Edwin Zbonek und Autor Robert A. Stemmle (neben seiner Filmarbeit auch Herausgeber des »Neuen Pitaval«) eine holprige Schlitzerposse zusammen: Die einigermaßen groteske Figur des regsamen Mörders in Schlapphut und Pelerinenkragen sorgt zwar für einen gewissen Unterhaltungswert, das eigentliche Thema des Films – die gegenseitigen Beeinflussungen von Realität und medialem Abbild, von Authentizität und Fiktion – verschwimmt jedoch flusig im dichten Bühnennebel.
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle, Bryan Edgar Wallace K Siegfried Hold M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Marianne Koch, Dietmar Schönherr, Hans Nielsen, Fritz Tillmann | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 2. Juli 1964
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle, Bryan Edgar Wallace K Siegfried Hold M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Marianne Koch, Dietmar Schönherr, Hans Nielsen, Fritz Tillmann | BRD | 89 min | 1:2,35 | sw | 2. Juli 1964
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14.2.64
Das Phantom von Soho (Franz Josef Gottlieb, 1964)
»He, du, ich zeig dir, wie man küßt, / Solang du noch am Leben bist.« Ein B(ryan-Edgar-Wallace)-Film über das brutale Aufbrechen einer verdrängter Vergangenheit: Im Londoner Rotlichtdistrikt (»Soho ist voll von Liebe und von Lust. / Sir, das haben Sie nicht gewußt?«) geht ein geheimnisvoller Killer um; in der Nachbarschaft der verruchten (von Elisabeth Flickenschildt mit stolzer Diskretion geführten) »Sansibar« werden vorwiegend ältere Herren erstochen und nach ihrem gewaltsamen Ableben jeweils mit einer 100-Pfund-Note bedacht. Zu den Scotland-Yard-Ermittlern Sir Philip und Inspektor Patton (Hans Söhnker und Dieter Borsche – ebenfalls Männer im besten Alter) gesellt sich die forsche Kriminalschriftstellerin Clarinda Smith (Barbara Rütting), die Inspiration für ihr neuestes Werk sucht, das parallel zum Fortschreiten der Mordserie Gestalt annimmt und mit deren Auflösung seinen Abschluß findet … Auch wenn die Handlung längere Zeit auf der Stelle tritt, ist Franz Josef Gottliebs routiniert runterinszenierter, mit einigen hausbackenen Pikanterien gewürzter Genrebeitrag eine, vor allem vom Ende aus betrachtet, reizvolle Variation über das Verhältnis von Leben zu Kunst zu Körper zu Geld zu Tod.
R Franz Josef Gottlieb B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Dieter Borsche, Hans Söhnker, Barbara Rütting, Elisabeth Flickenschildt, Peter Vogel | BRD | 97 min | 1:2,35 | sw | 14. Februar 1964
R Franz Josef Gottlieb B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Martin Böttcher A Hans-Jürgen Kiebach S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Dieter Borsche, Hans Söhnker, Barbara Rütting, Elisabeth Flickenschildt, Peter Vogel | BRD | 97 min | 1:2,35 | sw | 14. Februar 1964
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22.11.63
Der Henker von London (Edwin Zbonek, 1963)
Täuschend echte Edgar-Wallace-Kopie aus dem Hause ›Atze‹ Brauner über ein anonym-klandestines Konsortium, das Kriminelle, die ihrer gerechten (= tödlichen) Strafe entgehen konnten, ebenderselben zuführt. (Nur scheinbar) parallel zu diesem Fall von Schattenjustiz entwickelt sich der Erzählstrang um einen ruchlosen Frauenkiller (Wolfgang Neuss würde sagen: »Was soll’s? Der Mörder ist Dieter Borsche.«), der ständigen Nachschub an Blondinen benötigt, um seine wissenschaftlichen Studien zur Trennung von Geist (= Kopf) und Körper voranzutreiben. Inspektor Hillier von Scotland Yard (engagiert: Hansjörg Felmy), dessen eigene Schwester Opfer des pathologischen Verbrechers wurde, tritt ermittlungstechnisch auf der Stelle, bis er seine (blonde) Verlobte Ann (Maria Perschy), die Tochter des pensionierten Richters Sir Francis Elliott (Rudolf Forster), eines Juristen, der zu Amtszeiten keine Gnade kannte, als Lockvogel ins Rennen schickt … Chris Howlands original-englische Scherzkeks-Auftritte erweisen sich als würdiger Eddi-Arendt-Ersatz; Kameramann Richard Angst trägt seinen Nachnamen völlig zurecht; mit hohem Sinn für makabre Stimmungsmalerei inszeniert Edwin Zbonek einen charmant-obszönen Talmi-Grusler alter Schule.
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Rudolf Forster | BRD | 94 min | 1:2,35 | sw | 22. November 1963
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Rudolf Forster | BRD | 94 min | 1:2,35 | sw | 22. November 1963
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20.9.63
Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (Paul May, 1963)
Nach der erfrischend respektlosen Remake-Travestie »Das Testament des Dr. Mabuse« (er)schlägt Produzent Artur Brauner zwei Fliegen mit einer Klappe, indem er den unsterblichen Super-Verbrecher in einen (ziemlich banalen) Reißer aus der Feder seines Hausautoren Bryan Edgar Wallace versetzt. Kinematographische Gesellschaftskritik war in den Mabuse-Filmen längst nicht mehr im Spiel, doch mit dem holprigen Crossover aus elektronischer Gedankenkontrolle, seniler Allmachtsphantasie und konventionellem Postraub erreicht die Reihe einen eklatanten Tiefpunkt. Das triste Einerlei aus einfallsarmem Buch (Ladislas Fodor) und lustloser Inszenierung (Paul ›08/15‹ May), aus gelangweiltem Spiel und fader Fotografie durchbricht gelegentlich Agnes Windeck (als kriminalistisch instinktsichere Mutter des ermittelnden Geheimdienstmannes Peter van Eyck) mit der outrierten Zelebrierung jenes Humors, den deutsche Filmschaffende, warum auch immer, für britisch halten.
R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963
# 860 | 8. Mai 2014
R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963
# 860 | 8. Mai 2014
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21.6.63
Der Würger von Schloß Blackmoor (Harald Reinl, 1963)
Kurz vor Erhebung in den Adelsstand wird der steinreiche Lucius Clark (Rudolf Fernau) von einem maskierten Unbekannten bedroht: Der Nabob müsse dafür bezahlen, daß er sein Vermögen durch tödlichen Verrat an einem früheren Partner gemacht habe. Alle Versuche Clarks, seinen Edelsteinschatz zu verhökern, werden von dem anonymen Rächer hintertrieben … Zwar schleppt sich die Story ein wenig lustlos durch die vertrauten Gruselkulissen des bundesdeutschen Britenkrimis (Schloß, Park, Spelunke, Friedhof, Keller), aber Harald Reinl darf, auf Schloß Blackmoor und im ›Old Scavenger (≈ Aasfresser) Inn‹, ein stimmiges Ensemble fragwürdiger Typen inszenieren: Hans Nielsen als raffgieriger Hehler, Richard Häussler als wendiger Anwalt, Ingmar Zeisberg als zweideutiges Weibsbild und vor allem Dieter Eppler als diamantenfetischistischer Butler Anthony. Ein besonders schräges Highlight des Films ist zudem die Elektronenmusik von Oskar Sala, ein am Mixturtrautonium erzeugtes Klanggewebe aus Klirren, Sirren, Scheppern und Blubbern, Gurgeln, Pochen.
R Harald Reinl B Gustav Kampendonk, Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Oskar Sala A Werner Achmann S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Karin Dor, Harry Riebauer, Rudolf Fernau, Walter Giller, Dieter Eppler | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 21. Juni 1963
R Harald Reinl B Gustav Kampendonk, Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Oskar Sala A Werner Achmann S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Karin Dor, Harry Riebauer, Rudolf Fernau, Walter Giller, Dieter Eppler | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 21. Juni 1963
23.2.62
Das Geheimnis der schwarzen Koffer (Werner Klingler, 1962)
Bevor sie von einem schwirrenden Dolch durchbohrt werden, finden die Opfer des Londoner »Messermörders«, quasi als Vorankündigung der großen Reise, die sie antreten werden, ihre gepackten Koffer. Scotland-Yard-Inspektor Finch (Joachim Hansen) kommt dahinter, daß sämtliche Erstochenen in irgendeiner Form mit der Todesdroge ›Meskadrin‹ (»Die Menschen, die es nehmen, sind rettungslos verloren!«) zu tun hatten … Werner Klingler hat Mühe, dieser lahm um Sucht und Rache kreisenden Bryan-Edgar-Wallace-Adaption Momente von Interesse oder Spannung abzugewinnen: Die Schwarzweißbilder (Richard Angst) entwickeln kaum beunruhigende Atmosphäre, der Humor (Chris Howland als kindischer »Tonjäger«) bleibt so steif wie eine Melone. Allein die jahrmarktsorgelhaft quäkende Musik (Gert Wilden) und Leonard Steckel in einer Doppelrolle als verlotterter Kassenarzt und kultivierter Schloßherr (mit moderner Rauschgiftküche im Kellergewölbe) kitzeln gelegentlich die Nerven. PS: Mit Gusto fürs Absurde wird Jess Franco denselben Stoff acht Jahre später unter dem Titel »Der Todesrächer von Soho« in ein kinematographisches Delirium verwandeln.
R Werner Klingler B Percy Allan (= Gustav Kampendonk) V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Gerd Wilden A Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Joachim Hansen, Senta Berger, Hans Reiser, Leonard Steckel, Chris Howland | BRD | 85 min | 1:1,66 | sw | 23. Februar 1962
R Werner Klingler B Percy Allan (= Gustav Kampendonk) V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Gerd Wilden A Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Joachim Hansen, Senta Berger, Hans Reiser, Leonard Steckel, Chris Howland | BRD | 85 min | 1:1,66 | sw | 23. Februar 1962
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