Lisztomania
Der Begriff ›Lisztomania‹ ist die (zeitgenössische) Beschreibung des entfesselten, stark erotisch aufgeladenen Fankults um den Pianisten Franz Liszt, der Mitte des 19. Jahrhunderts, lange vor den notorischen Zelebritäten der Pop- und Rockmusik, die Konzertsäle Europas zum Kochen brachte. Ken Russells »Lisztomania« synthetisiert aus historisch-biographischen Versatzstücken ein ausschweifend-anachronistisches Kitsch’n’Glam-Spektakel über den Künstler als mediale Skulptur, über die geilen Triebe der Kulturindustrie. Aus der Familiengeschichte des Tastenstars (Liszts Tochter Cosima heiratete den Komponisten Richard Wagner) leitet Russell – in kühner Verschmelzung der spezifischen Qualitäten von Leni Riefenstahl, Arthur Freed und Mel Brooks – zudem eine grellbunte Reflexion über die Verwandtschaft musikalischer und politischer Massenphänomene ab: Schwärmerei und Wollust, Ekstase und Hysterie, Sensation und Skandal, Mythos und Wahn bestimmen in beiden Fällen die Interaktion zwischen Bühne und Publikum. Auf dem Höhepunkt des Films exorziert der geschäftstüchtige Gefühlsmensch und lässige Weiberheld Liszt (›The Who‹-Frontmann Roger Daltrey) seinen fanatisch-dämonischen Schwiegersohn Wagner (Paul Nicholas), der mit Hilfe opiatischer Klänge einen teutonischen Übermenschen als Anführer der kommenden Herrenrasse kreiert – die Musik (= Politik) der (auch körperlichen) Liebe triumphiert über die Politik (= Musik) der (auch geistigen) Zerstörung: »I'm gonna live in peace at last, / Forgiven for my past … / Peace at last.«
R Ken Russell B Ken Russell K Peter Suschitzky M Rick Wakeman A Philip Harrison S Stuart Baird P Roy Baird, David Puttnam D Roger Daltrey, Sara Kestelman, Paul Nicholas, Fiona Lewis, Veronica Quilligan | UK | 103 min | 1:2,35 | f | 10. Oktober 1975
Posts mit dem Label Pop werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Pop werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
10.10.75
19.3.75
Tommy (Ken Russell, 1975)
Tommy
»See me, / feel me, / touch me, / heal me.« Krauses Pop-Passionspiel, das als »Rock Opera« firmiert: Der kleine Tommy Walker muß den Totschlag des unerwartet aus dem Krieg heimkehrenden Vaters durch Mutter (Ann-Margret) und deren Lover (Oliver Reed) miterleben; zum Nichtsgesehenhaben, Nichtsgehörthaben und Nichtssagen verdonnert, flüchtet der Junge mit kindlicher Konsequenz in weltvergessene Blind-, Taub- und Stummheit. Von Verwandten mißbraucht, von Kurpfuschern malträtiert, reift Tommy zum Manne (jesuslockig: Roger Daltrey) – und stößt unverhofft auf ein außerordentliches, tief in ihm schlummerndes Talent: Als autistischer Flipper-Star erobert er den Beifall, nach schockartiger Genesung auch die Seelen der heilsbedürftigen (All-)Gemeinheit – für einen kurzen Moment jedenfalls … Die christlichen Bezüge des »The Who«-Stücks sind so markant (und so durchsichtig) wie die satirischen Vergleiche von Gottesreich und Kulturindustrie. Ken Russell läßt mit »Tommy« eine disparate Nummernrevue (deftige Soli von Eric Clapton, Tina Turner, Elton John, Jack Nicholson und anderen) über die glitzernde Bühne gehen, die sich keinerlei formale Zügel auferlegt, die soziale Analyse zugunsten des visuellen Kicks jederzeit hintanstellt, die ihre Kritik an der Veräußerlichung von Befähigung, von Menschlichkeit, von Liebe in einem hektischen, grotesken, aufmerksamkeitsheischenden Bilderschwall selbst radikal veräußerlicht.
R Ken Russell B Ken Russell V Pete Townshend K Dick Bush, Ronnie Taylor M The Who A John Clark S Stuart Baird P Ken Russell, Robert Stigwood D Roger Daltrey, Ann-Margret, Oliver Reed, Elton John, Tina Turner | UK | 111 min | 1:1,85 | f | 19. März 1975
»See me, / feel me, / touch me, / heal me.« Krauses Pop-Passionspiel, das als »Rock Opera« firmiert: Der kleine Tommy Walker muß den Totschlag des unerwartet aus dem Krieg heimkehrenden Vaters durch Mutter (Ann-Margret) und deren Lover (Oliver Reed) miterleben; zum Nichtsgesehenhaben, Nichtsgehörthaben und Nichtssagen verdonnert, flüchtet der Junge mit kindlicher Konsequenz in weltvergessene Blind-, Taub- und Stummheit. Von Verwandten mißbraucht, von Kurpfuschern malträtiert, reift Tommy zum Manne (jesuslockig: Roger Daltrey) – und stößt unverhofft auf ein außerordentliches, tief in ihm schlummerndes Talent: Als autistischer Flipper-Star erobert er den Beifall, nach schockartiger Genesung auch die Seelen der heilsbedürftigen (All-)Gemeinheit – für einen kurzen Moment jedenfalls … Die christlichen Bezüge des »The Who«-Stücks sind so markant (und so durchsichtig) wie die satirischen Vergleiche von Gottesreich und Kulturindustrie. Ken Russell läßt mit »Tommy« eine disparate Nummernrevue (deftige Soli von Eric Clapton, Tina Turner, Elton John, Jack Nicholson und anderen) über die glitzernde Bühne gehen, die sich keinerlei formale Zügel auferlegt, die soziale Analyse zugunsten des visuellen Kicks jederzeit hintanstellt, die ihre Kritik an der Veräußerlichung von Befähigung, von Menschlichkeit, von Liebe in einem hektischen, grotesken, aufmerksamkeitsheischenden Bilderschwall selbst radikal veräußerlicht.
R Ken Russell B Ken Russell V Pete Townshend K Dick Bush, Ronnie Taylor M The Who A John Clark S Stuart Baird P Ken Russell, Robert Stigwood D Roger Daltrey, Ann-Margret, Oliver Reed, Elton John, Tina Turner | UK | 111 min | 1:1,85 | f | 19. März 1975
27.6.74
Wie füttert man einen Esel? (Roland Oehme, 1974)
Der Ostblock, wie er rockt und pop(p)t. Trucker Fred Stein (mit Riesenschnauzer: Manfred Krug) kutschiert eilige Fracht kreuz und quer durch den Comecon, wobei er das Nützliche stets mit dem Angenehmen verbindet. Als auf einer Tour von Berlin ans Schwarze Meer Beifahrer Orje (Fred Delmare) in Prag eine Mundharmonika verschluckt, muß der reisende Schwerenöter mit weiblichem Ersatz vorliebnehmen, wodurch er sich in der Folge bei seinen diversen amourösen »Verrichtungen« empfindlich gestört fühlt. Daß sich die blonde Fernfahrerin Jana in den König der Landstraße verliebt und die beiden nach einigen durchsichtigen Drehbuchpirouetten zusammen ins Bett fallen, versteht sich von selbst… Roland Oehme verbreitet den Dieselduft der großen halben Welt, läßt ein paar angesagte Bands (darunter die Klaus Renft Combo und die Jungs von Illés) am Wegesrand konzertieren, legt seinem Protagonisten Dialoge in den Mund, die bisweilen klingen wie Belmondo-Synchrontexte aus der Feder von Rainer Brandt, bringt auch noch einen Esel ins Spiel, um den hübschen Titel zu rechtfertigen – (kleine) Freiheit und (überschaubare) Abenteuer in einem hübschen Straßenfilm made in GDR.
R Roland Oehme B Maurycy Janowski, Dieter Scharfenberg K Emil Sirotek M diverse A Georg Wratsch S Helga Emmrich P Hans Mahlich D Manfred Krug, Karla Chadimová, András Mész, Fred Delmare, Rolf Hoppe | DDR | 95 min | 1:1,66 | f | 27. Juni 1974
R Roland Oehme B Maurycy Janowski, Dieter Scharfenberg K Emil Sirotek M diverse A Georg Wratsch S Helga Emmrich P Hans Mahlich D Manfred Krug, Karla Chadimová, András Mész, Fred Delmare, Rolf Hoppe | DDR | 95 min | 1:1,66 | f | 27. Juni 1974
31.7.70
Oh Happy Day (Zbynek Brynych, 1970)
»›Die Jugend‹, sagt Mao, ›ist wie die Sonne um acht oder neun Uhr morgens.‹« Anna (Anne-Marie Kuster), die schulmädchenhaft-kichernde, jungfräulich-liebesdurstige Protagonistin des Films, zitiert verkürzt; wörtlich sagte der große Vorsitzende: »Ihr jungen Menschen, frisch und aufstrebend, seid das erblühende Leben, gleichsam die Sonne um acht oder neun Uhr morgens. Unsere Hoffnungen ruhen auf euch.« Anna fühlt keinerlei Hoffnung auf sich ruhen, nur Ansprüche und Verständnislosigkeit, ihr erblühendes Leben droht unter einer Käseglocke herablassender Behütung noch vor der Maienzeit abzuwelken. Weder ihre Eltern (Nadja Tiller und Karl Michael Vogler) noch die Lehrerinnen an der Nonnenschule (darunter die erotisch-ironische Hanne Wieder) begreifen, was das Fräulein will. So geht Anna alleine auf die Suche nach der Freiheit, die sie meint, nach einem neuen Wort für Liebe, mäandert auf ihren tagträumerischen Wegen von einem schweigsamen Chauffeur (Siegfried Rauch) zu einem schmeichlerischen Geschäftsmann, von bedröhnten Hippies zu ihrem fußballbegeisterten Busenfreund Robert (Amadeus August). Zbynek Brynych, der hintersinnige Irre von Prag, verdichtet seinen popfarbenen Münchner Coming-of-age-Report auf zwei Tage erzählte Zeit, zwei »happy days« voller schriller Wortwechsel und alltäglicher Albdrücke, voller psychedelischer Einsichten und tiefer Blicke in die Augen der Akteure. Die ersehnte Befreiung findet schließlich in einem desinfizierten Hotelzimmer statt … Ein glucksendes Sittenbild wie aus dem Inneren einer Lavalampe.
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
»Oh Happy Day« R Zbynek Brynych B Alexander Fuhrmann K Josef Vanis M Peter Thomas A Leo Karen S Sophie Mikorey P Walter Tjaden D Anne-Marie Kuster, Amadeus August, Nadja Tiller, Karl Michael Vogler, Siegfried Rauch, Hanne Wieder | BRD | 90 min | 1: 1,66 | f | 31. Juli 1970
18.12.66
Blowup (Michelangelo Antonioni, 1966)
Blow Up
»It’s like finding a clue in a detective story.« Ein Fotograf unterwegs in London: aus der Obdachlosenabsteige zum fashion shoot im hippen Studio, vom Mittagessen mit dem Agenten zum picture taking in einen idyllischen Park. Die Stadt swingt, der Fotograf sieht alles mit dem gleichen berufsmäßigen Blick: notleidende Männer, hochgezüchtete Models, aufflatternde Tauben, ein heimlich beobachtetes Liebespaar – wichtig sind die markanten Perspektiven, die reizvollen Oberflächen, der stimmige Look, kurz: die Schau-Werte. »Blowup«, ein (topmodischer) Thriller des Sehens, zeigt das Abbilden der Umwelt nicht als interessierte Wahrnehmung äußerer Phänomene sondern als bewußte, bisweilen aggressive Formung von Wirklichkeit, bis hin zur Quasi-Vergewaltigung des betrachteten Motivs: »I’m only doing my job. Some people are bullfighters. Some people are politicians. I’m a photographer.« Michelangelo Antonioni porträtiert den (namenlosen) Fotografen (David Hemmings) als bornierten Macho und kalten Profi, der die fundamentale Gleichgültigkeit eines Objektivs in sich trägt; erst, als er in einer Fotoserie Hinweise auf ein Gewaltverbrechen zu bemerken glaubt, bricht durch den Panzer der Indifferenz so etwas wie Leidenschaft. Doch je angestrengter der Fotograf forscht, je größer er die Details aufbläst, je genauer er hinsieht, desto weniger ist zu erkennen, desto unschärfer wird das Gesamtbild, desto fraglicher erscheint die Möglichkeit von Gewißheit. Carlo Di Palmas Kamera findet dafür passende Arrangements: angeschnittene, fragmentierte Körper, oftmals zu künstlichen Posen erstarrt, häufig in spärlich möblierten Räumen oder farblich verfremdeten Settings. Als sich die Ahnung des Fotografen schließlich verflüchtigt, fällt er zurück in seine frühere Ungerührtheit: Erkenntnis ist illusorisch, der Schein bestimmt das Sein. »What did you see in that park?« – »Nothing.«
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra, Edward Bond V Julio Cortázar K Carlo Di Palma M Herbie Hancock A Assheton Gorton S Frank Clarke P Carlo Ponti D David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles, Veruschka von Lehndorff, Jane Birkin, John Castle | UK & I & USA | 111 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1966
# 836 | 20. Februar 2014
»It’s like finding a clue in a detective story.« Ein Fotograf unterwegs in London: aus der Obdachlosenabsteige zum fashion shoot im hippen Studio, vom Mittagessen mit dem Agenten zum picture taking in einen idyllischen Park. Die Stadt swingt, der Fotograf sieht alles mit dem gleichen berufsmäßigen Blick: notleidende Männer, hochgezüchtete Models, aufflatternde Tauben, ein heimlich beobachtetes Liebespaar – wichtig sind die markanten Perspektiven, die reizvollen Oberflächen, der stimmige Look, kurz: die Schau-Werte. »Blowup«, ein (topmodischer) Thriller des Sehens, zeigt das Abbilden der Umwelt nicht als interessierte Wahrnehmung äußerer Phänomene sondern als bewußte, bisweilen aggressive Formung von Wirklichkeit, bis hin zur Quasi-Vergewaltigung des betrachteten Motivs: »I’m only doing my job. Some people are bullfighters. Some people are politicians. I’m a photographer.« Michelangelo Antonioni porträtiert den (namenlosen) Fotografen (David Hemmings) als bornierten Macho und kalten Profi, der die fundamentale Gleichgültigkeit eines Objektivs in sich trägt; erst, als er in einer Fotoserie Hinweise auf ein Gewaltverbrechen zu bemerken glaubt, bricht durch den Panzer der Indifferenz so etwas wie Leidenschaft. Doch je angestrengter der Fotograf forscht, je größer er die Details aufbläst, je genauer er hinsieht, desto weniger ist zu erkennen, desto unschärfer wird das Gesamtbild, desto fraglicher erscheint die Möglichkeit von Gewißheit. Carlo Di Palmas Kamera findet dafür passende Arrangements: angeschnittene, fragmentierte Körper, oftmals zu künstlichen Posen erstarrt, häufig in spärlich möblierten Räumen oder farblich verfremdeten Settings. Als sich die Ahnung des Fotografen schließlich verflüchtigt, fällt er zurück in seine frühere Ungerührtheit: Erkenntnis ist illusorisch, der Schein bestimmt das Sein. »What did you see in that park?« – »Nothing.«
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra, Edward Bond V Julio Cortázar K Carlo Di Palma M Herbie Hancock A Assheton Gorton S Frank Clarke P Carlo Ponti D David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles, Veruschka von Lehndorff, Jane Birkin, John Castle | UK & I & USA | 111 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1966
# 836 | 20. Februar 2014
3.12.66
Made in U.S.A (Jean-Luc Godard, 1966)
Made in USA
Die Beschreibung des Films als »rätselhaft« würde insinuieren, es gäbe ein Rätsel zu lösen. Zwar wird beschattet und ermittelt, sich verschworen und betrogen, zwar hantiert Anna Karina (im rot-orange-karierten oder im blau-lila gestreiften Outfit, manchmal auch – wie es sich für einen Neo-noir-Abenteuer gehört – im Trenchcoat) mit diversen Schußwaffen, zwar fallen einige Leichen an und fließt reichlich (Kunst-)Blut, doch in welchem kriminalistischen Zusammenhang das alles stehen mag, bleibt so offen wie ein Loch im Kopf. Gewidmet zwei Exilkönigen des Kinos – Nick (Ray) und Samuel (Fuller) –, stark beeinflußt von Pop-Art, Comics und Kinoplakatmalerei, gehört »Made in U.S.A« bei radikaler erzählerischer Verweigerungshaltung zu Godards visuell einprägsamsten Werken. (Die Kamera (Eastmancolor und Techniscope) führt, wie fast immer beim frühen JLG, der geniale Raoul Coutard.) Wer es vermeiden kann, die Sinnfrage zu stellen, den Film stattdessen nimmt wie eine Bildstrecke aus einem alten Pulp-Magazin, wird (s)ein knallbuntes Wunder erleben.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Richard Stark K Raoul Coutard S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Georges de Beauregard D Anna Karina, László Szabó, Jean-Pierre Léaud, Marianne Faithful, Yves Afonso | F | 90 min | 1:2,35 | f | 3. Dezember 1966
Die Beschreibung des Films als »rätselhaft« würde insinuieren, es gäbe ein Rätsel zu lösen. Zwar wird beschattet und ermittelt, sich verschworen und betrogen, zwar hantiert Anna Karina (im rot-orange-karierten oder im blau-lila gestreiften Outfit, manchmal auch – wie es sich für einen Neo-noir-Abenteuer gehört – im Trenchcoat) mit diversen Schußwaffen, zwar fallen einige Leichen an und fließt reichlich (Kunst-)Blut, doch in welchem kriminalistischen Zusammenhang das alles stehen mag, bleibt so offen wie ein Loch im Kopf. Gewidmet zwei Exilkönigen des Kinos – Nick (Ray) und Samuel (Fuller) –, stark beeinflußt von Pop-Art, Comics und Kinoplakatmalerei, gehört »Made in U.S.A« bei radikaler erzählerischer Verweigerungshaltung zu Godards visuell einprägsamsten Werken. (Die Kamera (Eastmancolor und Techniscope) führt, wie fast immer beim frühen JLG, der geniale Raoul Coutard.) Wer es vermeiden kann, die Sinnfrage zu stellen, den Film stattdessen nimmt wie eine Bildstrecke aus einem alten Pulp-Magazin, wird (s)ein knallbuntes Wunder erleben.
R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard V Richard Stark K Raoul Coutard S Agnès Guillemot, Françoise Collin P Georges de Beauregard D Anna Karina, László Szabó, Jean-Pierre Léaud, Marianne Faithful, Yves Afonso | F | 90 min | 1:2,35 | f | 3. Dezember 1966
5.5.66
Modesty Blaise (Joseph Losey, 1966)
Modesty Blaise – Die tödliche Lady
»She is the shadow on your bedroom wall, / she is the dream you never found.« Hätte Michelangelo Antonioni jemals einen James-Bond-Film inszeniert, wäre das Ergebnis vielleicht ähnlich sonderbar ausgefallen wie Joseph Loseys trivial-traumverlorene Adaption eines zeitgeistigen ›Evening Standard‹-Comics. Monica Vitti als vollblütig-zweifelhafte Weltklassesagentin Modesty Blaise, Terence Stamp als lässig-zupackender Sidekick Willie Garvin, Dirk Bogarde als arglistig-geschmäcklerischer Schurke Gabriel, Rossella Falk als gelangweilt-sadistische Schergin Mrs. Fothergill – der Cast ist quintessentiell sixties; das Design schillert vielfarbig zwischen Op und Pop; die Regie verweigert nicht nur konsequent jede dramatische Sensation in dieser läppischen Spionagestory um Diamanten, Ölscheichs und verspielte Folter, in diesem artifiziellen Abenteuer zwischen London, Amsterdam und Mittelmeer, sie unterläßt auch genüßlich das herkömmliche Erzählen: Es reiht sich einfach nur Moment an Moment, Panel an Panel. Damit ist »Modesty Blaise« in gewisser Weise wieder dort angekommen, wo ihre ästhetischen Wurzeln liegen – beim daily strip.
R Joseph Losey B Evan Jones V Peter O’Donnell K Jack Hildyard M John Dankworth A Richard Macdonald S Reginald Beck P Joseph Janni D Monica Vitti, Terence Stamp, Harry Andrews, Dirk Bogarde, Rosella Falk | UK | 119 min | 1:1,66 | f | 5. Mai 1966
»She is the shadow on your bedroom wall, / she is the dream you never found.« Hätte Michelangelo Antonioni jemals einen James-Bond-Film inszeniert, wäre das Ergebnis vielleicht ähnlich sonderbar ausgefallen wie Joseph Loseys trivial-traumverlorene Adaption eines zeitgeistigen ›Evening Standard‹-Comics. Monica Vitti als vollblütig-zweifelhafte Weltklassesagentin Modesty Blaise, Terence Stamp als lässig-zupackender Sidekick Willie Garvin, Dirk Bogarde als arglistig-geschmäcklerischer Schurke Gabriel, Rossella Falk als gelangweilt-sadistische Schergin Mrs. Fothergill – der Cast ist quintessentiell sixties; das Design schillert vielfarbig zwischen Op und Pop; die Regie verweigert nicht nur konsequent jede dramatische Sensation in dieser läppischen Spionagestory um Diamanten, Ölscheichs und verspielte Folter, in diesem artifiziellen Abenteuer zwischen London, Amsterdam und Mittelmeer, sie unterläßt auch genüßlich das herkömmliche Erzählen: Es reiht sich einfach nur Moment an Moment, Panel an Panel. Damit ist »Modesty Blaise« in gewisser Weise wieder dort angekommen, wo ihre ästhetischen Wurzeln liegen – beim daily strip.
R Joseph Losey B Evan Jones V Peter O’Donnell K Jack Hildyard M John Dankworth A Richard Macdonald S Reginald Beck P Joseph Janni D Monica Vitti, Terence Stamp, Harry Andrews, Dirk Bogarde, Rosella Falk | UK | 119 min | 1:1,66 | f | 5. Mai 1966
20.4.66
Ne nous fâchons pas (Georges Lautner, 1966)
Nimm’s leicht, nimm Dynamit
Vor fünf Jahren hat ›Tonio‹ Beretto (Lino Ventura) die Knarre an den Nagel gehängt; nun nennt er sich Antoine, betreibt einen Bootsverleih mit angeschlossener Tauchschule an der Côte d’Azur, und nur eine gewisse (schlagkräftige) Unduldsamkeit im zwischenmenschlichen Bereich erinnert noch an seine unbürgerliche Vergangenheit – die so vergangen (natürlich) nicht ist: Alte Freunde tauchen auf, bitten Antoine um einen Gefallen, überlassen ihm als Dankeschön ein paar Außenstände, deren Eintreibung unversehens einen veritablen Krieg entfesselt. Als zäher Widersacher tritt dem Exganoven (und den treuen Freunden, die er glücklicherweise hat) ein eleganter britischer ›Colonel‹ entgegen, der (auf der Jagd nach Gold) mit seinem Gefolge von kaltblütig-musikalischen Mods die französische Mittelmeerküste unsicher macht. Vom einfachen Schußwechsel mit Handfeuerwaffen steigern Regisseur Georges Lautner und Autor Michel Audiard die zunehmend rachsüchtige Auseinandersetzung über wechselseitige Sprengstoffanschläge bis hin zum Raketenangriff. In sonnendurchfluteten (wenn auch häufig von Explosionswolken vernebelten) Breitwandbildern voller comichafter Gewaltdarstellungen karikieren die Filmemacher neben den Stereotypen des Gangsterfilms insbesondere die Exzesse der pilzköpfigen Popkultur: im Vergleich zu Gitarre und Motorroller erscheinen Revolver und Dynamit als geradezu altmodische Waffen.
R Georges Lautner B Michel Audiard, Marcel Jullian, Jean Marsan, Georges Lautner K Maurice Fellous M Bernard Gérard A Jean Mandaroux S Michelle David P Alain Poiré D Lino Ventura, Jean Levebvre, Michelle Constantin, Mireille Darc, Tommy Duggan | F | 100 min | 1:2,35 | f | 20. April 1966
# 1052 | 27. Mai 2017
Vor fünf Jahren hat ›Tonio‹ Beretto (Lino Ventura) die Knarre an den Nagel gehängt; nun nennt er sich Antoine, betreibt einen Bootsverleih mit angeschlossener Tauchschule an der Côte d’Azur, und nur eine gewisse (schlagkräftige) Unduldsamkeit im zwischenmenschlichen Bereich erinnert noch an seine unbürgerliche Vergangenheit – die so vergangen (natürlich) nicht ist: Alte Freunde tauchen auf, bitten Antoine um einen Gefallen, überlassen ihm als Dankeschön ein paar Außenstände, deren Eintreibung unversehens einen veritablen Krieg entfesselt. Als zäher Widersacher tritt dem Exganoven (und den treuen Freunden, die er glücklicherweise hat) ein eleganter britischer ›Colonel‹ entgegen, der (auf der Jagd nach Gold) mit seinem Gefolge von kaltblütig-musikalischen Mods die französische Mittelmeerküste unsicher macht. Vom einfachen Schußwechsel mit Handfeuerwaffen steigern Regisseur Georges Lautner und Autor Michel Audiard die zunehmend rachsüchtige Auseinandersetzung über wechselseitige Sprengstoffanschläge bis hin zum Raketenangriff. In sonnendurchfluteten (wenn auch häufig von Explosionswolken vernebelten) Breitwandbildern voller comichafter Gewaltdarstellungen karikieren die Filmemacher neben den Stereotypen des Gangsterfilms insbesondere die Exzesse der pilzköpfigen Popkultur: im Vergleich zu Gitarre und Motorroller erscheinen Revolver und Dynamit als geradezu altmodische Waffen.
R Georges Lautner B Michel Audiard, Marcel Jullian, Jean Marsan, Georges Lautner K Maurice Fellous M Bernard Gérard A Jean Mandaroux S Michelle David P Alain Poiré D Lino Ventura, Jean Levebvre, Michelle Constantin, Mireille Darc, Tommy Duggan | F | 100 min | 1:2,35 | f | 20. April 1966
# 1052 | 27. Mai 2017
29.7.65
Help! (Richard Lester, 1965)
Hi-Hi-Hilfe!
»There's more here than meets the eye!« Gewidmet Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine, surrt das zweite Beatles-Vehikel »Help!« wie ein surrealer Narrationsapparatismus durch jede Menge knallbunte Inhaltsfetzen und tackert den ganzen Wust zu einem wüsten Ganzen zusammen. Nukleus des Geschehens ist ein geheimnisvoller Ring, den Ringo (wer sonst?) an seinem Finger trägt, und hinter dem sowohl eine blutrünstige indische Sekte als auch ein Wissenschaftler mit Weltmachtambitionen her sind – Wilkie Collins meets James Bond. Richard Lester sowie den Autoren Charles Wood und Marc Behm gelingt es durch die konsequente Mißachtung der drei aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung nicht nur, sieben Beatles-Songs in den launenhaft-mäandrierenden Hergang des Films einzufügen, sie kreieren mit ihrer pointierten »And-now-for-something-completly-different«-Logik (und unter Einsatz des intelligenten Blödeltalents der Fab Four) zudem eine Art Monthy-Python-Bewußtseinsstrom avant la lettre.
R Richard Lester B Marc Behm, Charles Wood K David Watkin M The Beatles A Ray Simm S John Victor-Smith P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney George Harrison, Ringo Starr, Eleanor Bron | UK | 90 min | 1:1,85 | f | 29. Juli 1965
»There's more here than meets the eye!« Gewidmet Elias Howe, dem Erfinder der Nähmaschine, surrt das zweite Beatles-Vehikel »Help!« wie ein surrealer Narrationsapparatismus durch jede Menge knallbunte Inhaltsfetzen und tackert den ganzen Wust zu einem wüsten Ganzen zusammen. Nukleus des Geschehens ist ein geheimnisvoller Ring, den Ringo (wer sonst?) an seinem Finger trägt, und hinter dem sowohl eine blutrünstige indische Sekte als auch ein Wissenschaftler mit Weltmachtambitionen her sind – Wilkie Collins meets James Bond. Richard Lester sowie den Autoren Charles Wood und Marc Behm gelingt es durch die konsequente Mißachtung der drei aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung nicht nur, sieben Beatles-Songs in den launenhaft-mäandrierenden Hergang des Films einzufügen, sie kreieren mit ihrer pointierten »And-now-for-something-completly-different«-Logik (und unter Einsatz des intelligenten Blödeltalents der Fab Four) zudem eine Art Monthy-Python-Bewußtseinsstrom avant la lettre.
R Richard Lester B Marc Behm, Charles Wood K David Watkin M The Beatles A Ray Simm S John Victor-Smith P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney George Harrison, Ringo Starr, Eleanor Bron | UK | 90 min | 1:1,85 | f | 29. Juli 1965
6.7.64
A Hard Day’s Night (Richard Lester, 1964)
Yeah Yeah Yeah
»Are you a mod or a rocker?« – »I'm a mocker.« Einen fiktiven Tag lang begleitet die (pseudo-)dokumentarische Kamera (Gilbert Taylor) die fabulösen Vier, John, Paul, George & Ringo, deren Leben in erster Linie aus Sprücheklopfen und dem Weglaufen vor hysterischen Fans zu bestehen scheint. Musik wird zwischendurch gemacht – in den Atempausen. In seiner wilde Mischung aus Slapstick und Swinging London, aus Godard und Jukebox, aus ironisch-selbstreferentiellem Starkult und locker gefaketem cinéma vérité wächst Richard Lesters »A Hard Day’s Night« zu einem Meilenstein der (filmischen) Popkultur. Die aufgedrehte Zuversicht der frühen 1960er Jahre strahlt aus 24 Bildern pro Sekunde und wirkt über die Dekaden hinweg ansteckend – zwischen den kurzen Schnitten ist ganz gelegentlich jedoch auch der Zweifel zu verspüren, daß die Ungezwungenheit von Dauer sein würde: »Has success changed your life?« – »Yes.«
R Richard Lester B Alun Owen K Gilbert Taylor M The Beatles A Ray Simm S John Jympson P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell | UK | 87 min | 1:1,75 | sw | 6. Juli 1964
»Are you a mod or a rocker?« – »I'm a mocker.« Einen fiktiven Tag lang begleitet die (pseudo-)dokumentarische Kamera (Gilbert Taylor) die fabulösen Vier, John, Paul, George & Ringo, deren Leben in erster Linie aus Sprücheklopfen und dem Weglaufen vor hysterischen Fans zu bestehen scheint. Musik wird zwischendurch gemacht – in den Atempausen. In seiner wilde Mischung aus Slapstick und Swinging London, aus Godard und Jukebox, aus ironisch-selbstreferentiellem Starkult und locker gefaketem cinéma vérité wächst Richard Lesters »A Hard Day’s Night« zu einem Meilenstein der (filmischen) Popkultur. Die aufgedrehte Zuversicht der frühen 1960er Jahre strahlt aus 24 Bildern pro Sekunde und wirkt über die Dekaden hinweg ansteckend – zwischen den kurzen Schnitten ist ganz gelegentlich jedoch auch der Zweifel zu verspüren, daß die Ungezwungenheit von Dauer sein würde: »Has success changed your life?« – »Yes.«
R Richard Lester B Alun Owen K Gilbert Taylor M The Beatles A Ray Simm S John Jympson P Walter Shenson D John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell | UK | 87 min | 1:1,75 | sw | 6. Juli 1964
Abonnieren
Posts (Atom)