Providence
»I’m not a person. I’m a fucking construction.« In seinem feudal-morbiden Landhaus »Providence« verbringt Schriftsteller Clive Langham (John Gielgud) die lange Nacht vor seinem 78. Geburtstag – saufend, scheißend, sich unruhig im Bett wälzend, stöhnend vor stechenden Schmerzen. In Langhams zunehmend umnebelten Kopf (»More booze, more nightmares.«) kreist der Roman seiner Familie wie ein Orkan, heillose Geschichten um seine beiden Söhne, den vor Selbstkontrolle schier explodierenden Juristen Claud (Dirk Bogarde) und den vibrierend in sich ruhenden Astrophysiker Kevin (David Warner), um die angespannt-abgeklärte Schwiegertochter Sonia (Ellen Burstyn) und um die janusköpfige Molly/ Helen (Elaine Stritch), die, bald verstorbene Ehefrau des Autors, bald todgeweihte Geliebte des Sohnes, zwischen den Fronten der Generationen changiert. Die biographisch-metaphorische, von Miklós Rózsa düster-opulent orchestrierte Story wuchert wild, kollabiert kläglich, setzt sich wieder zusammen, stürzt wieder ein, ein Höllenritt der quälenden Erinnerungen und chaotischen Fiktionen, der eiskalten Standpunkte und irrationalen Ausdrucks formen, ein Strudel des kreativen Materials, ein Aufruhr unzähliger Motive, die sich verweben, sich überlagern, kontinuierlich neue, divergente Muster bilden, wobei sich Räume und Stimmungen von einem Moment auf den anderen verwandeln können, je nach Lust (und Leiden) des von seiner desolaten Fabel versklavten allmächtigen Erzählers. Der Ort des Geschehens: eine ideelle (ideale?) Stadt, komponiert aus Dutzenden Städten, ein kinematographisches Arkham der narrativen Imagination, die kunstvoll-künstliche Traumwelt des Literaten Clive Langham, des Szenaristen David Mercer, des Regisseurs Alain Resnais. Nur Form? Kein Emotionen? »It’s been said about my work that the search for style has often resulted in a want of feeling. However I’d put it another way, I'd say that style IS feeling, in its most elegant and economic expression.« Sagt Langham, sagt Mercer, sagt Resnais … Der Tag, der auf die dunkle Nacht des Dichters folgt, bringt dem Jubilar strahlendes Wetter, entzückende Geschenke, ein versöhnliches Mittagessen im Kreise der Seinen: »Nothing is written … We all believe that, don’t we.«
R Alain Resnais B David Mercer K Ricardo Aronovich M Miklós Rózsa A Jacques Saulnier S Albert Jurgenson P Yves Gasser, Klaus Hellwig, Yves Peyrot D Dirk Bogarde, Ellen Burstyn, John Gielgud, David Warner, Elaine Stritch | F & CH | 110 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1977
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9.2.77
13.5.76
Monsieur Klein (Joseph Losey, 1976)
Monsieur Klein
»Allô … Robert Klein?« – »Qui est à l’appareil?« – »Robert Klein.« Es ist ein ganz normaler Vormittag während der deutschen Okkupation, als Monsieur Klein (Alain Delon) vor seiner Tür eine Zeitschrift findet, die er nicht abonniert hat. Mit der ungebetenen Zustellung der ›Informations juives‹ gerät der mondäne Pariser Antiquitätenhändler, der in letzter Zeit gute Geschäfte macht mit Menschen, die (ohne daß sie etwas Böses getan hätten) unter einem gewissen Druck stehen, in den eigentümlichen Apparat der Bürokratie. Schnell drängt sich der Verdacht auf, daß es einen zweiten Robert Klein gäbe, einen Verfolgten, der sich zum Schutz seines bedrohten Lebens hinter der Identität des gleichnamigen Geschäftsmannes verbärge. Monsieur Klein erlebt die Spaltung seiner Persönlichkeit, erfährt die Verwandlung in einen Anderen, muß sein erodierendes Selbst vor einem wahnsinnig-konsequenten Gesetz verteidigen, findet sich wieder in einer Strafkolonie der Absonderung, Entwürdigung, Vernichtung. Joseph Losey erzählt eine historisch präzise lokalisierte Geschichte als blaßgrauen Alptraum, als zwangsläufige Ausbreitung einer tödlichen Idee in der ungesicherten Wirklichkeit, als furchterregend-ordentlichen Prozeß, in dem das Urteil längst feststeht. Monsieur Delon geht durch dieses Geschehen mit der ungläubig-gefrorenen Miene desjenigen, der in einem schwarzen Spiegel die unaufhaltsame Dekonstruktion seiner ehedem festgefügten Welt beobachtet und vor Entsetzen nicht fähig ist zu schreien.
R Joseph Losey B Franco Solinas K Gerry Fisher M Egisto Macchi, Piero Porte A Alexandre Trauner S Henri Lanoë P Alain Delon D Alain Delon, Michel Lonsdale, Jeanne Moreau, Francine Bergé, Juliet Berto | F & I | 123 min | 1:1,66 | f | 13. Mai 1976
»Allô … Robert Klein?« – »Qui est à l’appareil?« – »Robert Klein.« Es ist ein ganz normaler Vormittag während der deutschen Okkupation, als Monsieur Klein (Alain Delon) vor seiner Tür eine Zeitschrift findet, die er nicht abonniert hat. Mit der ungebetenen Zustellung der ›Informations juives‹ gerät der mondäne Pariser Antiquitätenhändler, der in letzter Zeit gute Geschäfte macht mit Menschen, die (ohne daß sie etwas Böses getan hätten) unter einem gewissen Druck stehen, in den eigentümlichen Apparat der Bürokratie. Schnell drängt sich der Verdacht auf, daß es einen zweiten Robert Klein gäbe, einen Verfolgten, der sich zum Schutz seines bedrohten Lebens hinter der Identität des gleichnamigen Geschäftsmannes verbärge. Monsieur Klein erlebt die Spaltung seiner Persönlichkeit, erfährt die Verwandlung in einen Anderen, muß sein erodierendes Selbst vor einem wahnsinnig-konsequenten Gesetz verteidigen, findet sich wieder in einer Strafkolonie der Absonderung, Entwürdigung, Vernichtung. Joseph Losey erzählt eine historisch präzise lokalisierte Geschichte als blaßgrauen Alptraum, als zwangsläufige Ausbreitung einer tödlichen Idee in der ungesicherten Wirklichkeit, als furchterregend-ordentlichen Prozeß, in dem das Urteil längst feststeht. Monsieur Delon geht durch dieses Geschehen mit der ungläubig-gefrorenen Miene desjenigen, der in einem schwarzen Spiegel die unaufhaltsame Dekonstruktion seiner ehedem festgefügten Welt beobachtet und vor Entsetzen nicht fähig ist zu schreien.
R Joseph Losey B Franco Solinas K Gerry Fisher M Egisto Macchi, Piero Porte A Alexandre Trauner S Henri Lanoë P Alain Delon D Alain Delon, Michel Lonsdale, Jeanne Moreau, Francine Bergé, Juliet Berto | F & I | 123 min | 1:1,66 | f | 13. Mai 1976
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26.1.76
Cría cuervos (Carlos Saura, 1976)
Züchte Raben
»Cría cuervos y te sacarán los ojos.« Wörtlich: Züchte Raben, und sie hacken dir die Augen aus. Im übertragenen Sinne: Undank ist der Welt Lohn. Vielleicht aber auch: Der Mensch ist ein Produkt seiner Umwelt … Ein Familienfilm. Im Mittelpunkt stehen die kleine Ana (Ana Torrent) und die erwachsene Ana (Geraldine Chaplin), die sich in die Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt, als kurz nacheinander ihr Vater und ihre Mutter (Geraldine Chaplin) starben. Gegenwart und Vergangenheit gehen ineinander über, Realität und Einbildung laufen zusammen; die filmische Erzählung taucht durch die Ströme der Erinnerung, in die Wirbel der Imagination. Ein Familienalbum ohne strenge Chronologie: Impressionen, Episoden, Momente. Ein großes, dunkles Haus, im Zentrum von Madrid gelegen und doch wie aus der Welt gefallen; ein verwilderter Garten hinter einer hohen Mauer; ein Swimmingpool ohne Wasser. Drei Töchter. Die Mutter, musikalisch, liebevoll, todunglücklich, schließlich unheilbar krank. Der Vater, ein weibstoller Offizier. Die Tante, frostig, kontrolliert, überfordert. Die warmherzige Perle. Die Großmutter, stumm, gelähmt, versunken in alte Fotos an der Wand. Ferne Träume, enttäuschte Hoffnungen, hartnäckige Ängste: eine düstere Kindheit, eine unglückliche Ehe, ein lebloses Leben, Hoffnung auf die erlösende Wirkung eines magischen Gifts, immer wieder der Tod (der Eltern, eines Meerschweinchens, des Patriarchen) und immer wieder der unverwandte Blick der kleinen Ana, oft direkt in die Kamera, die Erwachsenen, den Zuschauer wortlos betrachtend, abschätzend, fragend, abgestoßen und neugierig, erschrocken und verständnisvoll, kritisch und mitleidig. Leitmotivische Musik: ein traditioneller Pasodoble, ein melancholisches Klavierstück und ein zeitgenössischer Schlager: »Como cada noche desperté / Pensando en ti / Y en mi reloj todas las horas vi pasar / Porqué te vas.« In etwa: Wie jede Nacht wachte ich auf, an dich denkend, und auf meiner Uhr sah ich all die Stunden vorbeiziehen, weil du gehst … Unauflösliche Verbindung aus Imperfekt und Präsens: Ich, ich wachte auf, sah, damals; du aber, du gehst, immer wieder. Carlos Saura malt den Verfall einer Familie, die Paralyse einer überlebten Gesellschaft, erlaubt sich dennoch eine Art von happy ending: Schulanfang, junge Mädchen auf dem Weg zum Unterricht. Eintritt in eine freiere Zukunft?
R Carlos Saura B Carlos Saura K Teo Escamilla M diverse A Rafael Palmero S Pablo G. del Amo P Elías Querjeta D Geraldine Chaplin, Ana Torrent, Mónica Randall, Florinda Chico | E | 112 min | 1:1,66 | f | 26. Januar 1976
# 833 | 24. Januar 2014
R Carlos Saura B Carlos Saura K Teo Escamilla M diverse A Rafael Palmero S Pablo G. del Amo P Elías Querjeta D Geraldine Chaplin, Ana Torrent, Mónica Randall, Florinda Chico | E | 112 min | 1:1,66 | f | 26. Januar 1976
# 833 | 24. Januar 2014
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10.10.75
Lisztomania (Ken Russell, 1975)
Lisztomania
Der Begriff ›Lisztomania‹ ist die (zeitgenössische) Beschreibung des entfesselten, stark erotisch aufgeladenen Fankults um den Pianisten Franz Liszt, der Mitte des 19. Jahrhunderts, lange vor den notorischen Zelebritäten der Pop- und Rockmusik, die Konzertsäle Europas zum Kochen brachte. Ken Russells »Lisztomania« synthetisiert aus historisch-biographischen Versatzstücken ein ausschweifend-anachronistisches Kitsch’n’Glam-Spektakel über den Künstler als mediale Skulptur, über die geilen Triebe der Kulturindustrie. Aus der Familiengeschichte des Tastenstars (Liszts Tochter Cosima heiratete den Komponisten Richard Wagner) leitet Russell – in kühner Verschmelzung der spezifischen Qualitäten von Leni Riefenstahl, Arthur Freed und Mel Brooks – zudem eine grellbunte Reflexion über die Verwandtschaft musikalischer und politischer Massenphänomene ab: Schwärmerei und Wollust, Ekstase und Hysterie, Sensation und Skandal, Mythos und Wahn bestimmen in beiden Fällen die Interaktion zwischen Bühne und Publikum. Auf dem Höhepunkt des Films exorziert der geschäftstüchtige Gefühlsmensch und lässige Weiberheld Liszt (›The Who‹-Frontmann Roger Daltrey) seinen fanatisch-dämonischen Schwiegersohn Wagner (Paul Nicholas), der mit Hilfe opiatischer Klänge einen teutonischen Übermenschen als Anführer der kommenden Herrenrasse kreiert – die Musik (= Politik) der (auch körperlichen) Liebe triumphiert über die Politik (= Musik) der (auch geistigen) Zerstörung: »I'm gonna live in peace at last, / Forgiven for my past … / Peace at last.«
R Ken Russell B Ken Russell K Peter Suschitzky M Rick Wakeman A Philip Harrison S Stuart Baird P Roy Baird, David Puttnam D Roger Daltrey, Sara Kestelman, Paul Nicholas, Fiona Lewis, Veronica Quilligan | UK | 103 min | 1:2,35 | f | 10. Oktober 1975
Der Begriff ›Lisztomania‹ ist die (zeitgenössische) Beschreibung des entfesselten, stark erotisch aufgeladenen Fankults um den Pianisten Franz Liszt, der Mitte des 19. Jahrhunderts, lange vor den notorischen Zelebritäten der Pop- und Rockmusik, die Konzertsäle Europas zum Kochen brachte. Ken Russells »Lisztomania« synthetisiert aus historisch-biographischen Versatzstücken ein ausschweifend-anachronistisches Kitsch’n’Glam-Spektakel über den Künstler als mediale Skulptur, über die geilen Triebe der Kulturindustrie. Aus der Familiengeschichte des Tastenstars (Liszts Tochter Cosima heiratete den Komponisten Richard Wagner) leitet Russell – in kühner Verschmelzung der spezifischen Qualitäten von Leni Riefenstahl, Arthur Freed und Mel Brooks – zudem eine grellbunte Reflexion über die Verwandtschaft musikalischer und politischer Massenphänomene ab: Schwärmerei und Wollust, Ekstase und Hysterie, Sensation und Skandal, Mythos und Wahn bestimmen in beiden Fällen die Interaktion zwischen Bühne und Publikum. Auf dem Höhepunkt des Films exorziert der geschäftstüchtige Gefühlsmensch und lässige Weiberheld Liszt (›The Who‹-Frontmann Roger Daltrey) seinen fanatisch-dämonischen Schwiegersohn Wagner (Paul Nicholas), der mit Hilfe opiatischer Klänge einen teutonischen Übermenschen als Anführer der kommenden Herrenrasse kreiert – die Musik (= Politik) der (auch körperlichen) Liebe triumphiert über die Politik (= Musik) der (auch geistigen) Zerstörung: »I'm gonna live in peace at last, / Forgiven for my past … / Peace at last.«
R Ken Russell B Ken Russell K Peter Suschitzky M Rick Wakeman A Philip Harrison S Stuart Baird P Roy Baird, David Puttnam D Roger Daltrey, Sara Kestelman, Paul Nicholas, Fiona Lewis, Veronica Quilligan | UK | 103 min | 1:2,35 | f | 10. Oktober 1975
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24.9.75
Black Moon (Louis Malle, 1975)
Black Moon
»She has a very vivid imagination.« Es war einmal in naher Zukunft. Zwischen Männern und Frauen herrscht Krieg; auf der Flucht vor den brutalen Kampfhandlungen gerät die junge Lily (Cathryn Harrison) in ein (merklich von Lewis Carrol inspiriertes) phantasmagorisches Wunderland, das von einer bettlägerigen Alten (Therese Giehse) beherrscht wird (wenn sie nicht gerade tot ist). Diese sonderbar-sonnenlose Gegenwelt – ein labyrinthisches (Alp-)Traumhaus mit verwunschenem Garten – bevölkern zungenredende Ratten und sprechende Fabelwesen, die schweigsam-inzestuösen Zwillinge Lily und Lily (Alexandra Stewart und Joe Dallesandro) sowie eine Schar von nackten Kindern, die sich mit Schafen und Schweinen tummeln (wenn sie nicht gerade Wagner-Arien singen) ... Aus Louis Malles Versuch, die ›écriture automatique‹ der Surrealisten mit den Mitteln des Kinos fortzusetzen, entspringt ein visuell faszinierender Assoziationsfluß von unergründlicher Metaphrik und bizarrer Komik. Die entschiedene Absage an psychologische Figurenzeichnung und erzählerische Logik erzeugt gleichermaßen ratloses Kopfschütteln und anregende Befremdung. PS: »Have you seen a unicorn?«
R Louis Malle B Louis Malle, Ghislain Uhry, Joyce Buñuel K Sven Nykvist M diverse A Ghislain Uhry Ko Jeannine Vergne S Suzanne Baron P Claude Nejar D Cathryn Harrison, Therese Giehse, Alexandra Stewart, Joe Dallesandro | F & BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 24. September 1975
# 1195 | 11. Juni 2020
»She has a very vivid imagination.« Es war einmal in naher Zukunft. Zwischen Männern und Frauen herrscht Krieg; auf der Flucht vor den brutalen Kampfhandlungen gerät die junge Lily (Cathryn Harrison) in ein (merklich von Lewis Carrol inspiriertes) phantasmagorisches Wunderland, das von einer bettlägerigen Alten (Therese Giehse) beherrscht wird (wenn sie nicht gerade tot ist). Diese sonderbar-sonnenlose Gegenwelt – ein labyrinthisches (Alp-)Traumhaus mit verwunschenem Garten – bevölkern zungenredende Ratten und sprechende Fabelwesen, die schweigsam-inzestuösen Zwillinge Lily und Lily (Alexandra Stewart und Joe Dallesandro) sowie eine Schar von nackten Kindern, die sich mit Schafen und Schweinen tummeln (wenn sie nicht gerade Wagner-Arien singen) ... Aus Louis Malles Versuch, die ›écriture automatique‹ der Surrealisten mit den Mitteln des Kinos fortzusetzen, entspringt ein visuell faszinierender Assoziationsfluß von unergründlicher Metaphrik und bizarrer Komik. Die entschiedene Absage an psychologische Figurenzeichnung und erzählerische Logik erzeugt gleichermaßen ratloses Kopfschütteln und anregende Befremdung. PS: »Have you seen a unicorn?«
R Louis Malle B Louis Malle, Ghislain Uhry, Joyce Buñuel K Sven Nykvist M diverse A Ghislain Uhry Ko Jeannine Vergne S Suzanne Baron P Claude Nejar D Cathryn Harrison, Therese Giehse, Alexandra Stewart, Joe Dallesandro | F & BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 24. September 1975
# 1195 | 11. Juni 2020
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18.12.74
Steppenwolf (Fred Haines, 1974)
Der Steppenwolf
»Learn what is to be taken seriously, and to laugh at the rest!« Harry Haller = H. H. = Hermann Hesse (?) zwischen Wolf und Mensch, Trieb und Geist, Selbstsuche und Anpassung, Exzess und Normalität. Max von Sydow als verklemmt-empfänglicher »Steppenwolf« – Dominique Sanda als sanft-dominante Hermine, Harrys Wunschbild, Seelenfreundin und lebensvolles alter ego – Pierre Clementi als jazzig-magischer Theaterdirektor Pablo, attraktiver Führer in eine Welt zwischen Bewußtsein und Entgrenzung. Nach einer recht braven Abschilderung des dünnen äußeren Handlungsfadens (und einem skurrilen Legetrick-Intermezzo) findet Regisseur Fred Haines im letzten Drittel des Films dank der frühen Bluebox-Technik zu einigermaßen ausgefallenen Bildformulierungen, die bisweilen an Mike Leckebuschs elektronische »Beat-Club«-Visionen erinnern. »Nur für Verrückte« eben.
R Fred Haines B Fred Haines V Hermann Hesse K Tomislav Pinter M George Gruntz A Leo Karen S Irving Lerner P Melvin Fishman, Richard Herland D Max von Sydow, Dominique Sanda, Pierre Clémenti, Carla Romanelli, Charles Reignier | USA & CH & UK & F & I | 107 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1974
»Learn what is to be taken seriously, and to laugh at the rest!« Harry Haller = H. H. = Hermann Hesse (?) zwischen Wolf und Mensch, Trieb und Geist, Selbstsuche und Anpassung, Exzess und Normalität. Max von Sydow als verklemmt-empfänglicher »Steppenwolf« – Dominique Sanda als sanft-dominante Hermine, Harrys Wunschbild, Seelenfreundin und lebensvolles alter ego – Pierre Clementi als jazzig-magischer Theaterdirektor Pablo, attraktiver Führer in eine Welt zwischen Bewußtsein und Entgrenzung. Nach einer recht braven Abschilderung des dünnen äußeren Handlungsfadens (und einem skurrilen Legetrick-Intermezzo) findet Regisseur Fred Haines im letzten Drittel des Films dank der frühen Bluebox-Technik zu einigermaßen ausgefallenen Bildformulierungen, die bisweilen an Mike Leckebuschs elektronische »Beat-Club«-Visionen erinnern. »Nur für Verrückte« eben.
R Fred Haines B Fred Haines V Hermann Hesse K Tomislav Pinter M George Gruntz A Leo Karen S Irving Lerner P Melvin Fishman, Richard Herland D Max von Sydow, Dominique Sanda, Pierre Clémenti, Carla Romanelli, Charles Reignier | USA & CH & UK & F & I | 107 min | 1:1,85 | f | 18. Dezember 1974
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20.11.74
Nuits rouges (Georges Franju, 1974)
Der Mann ohne Gesicht
Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.
R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 1029 | 9. Oktober 2016
Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.
R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974
# 1029 | 9. Oktober 2016
11.9.74
Le fantôme de la liberté (Luis Buñuel, 1974)
Das Gespenst der Freiheit
»Célébrer quoi?« – »Le hasard.« Gleich zu Beginn des Films hat Luis Buñuel einen bemerkenswerten (und garantiert unsymbolischen) Kurzauftritt: als spanischer Mönch des frühen 19. Jahrhunderts, der – zusammen mit anderen – unter dem Ruf »Es leben die Ketten!« vor ein revolutionäres Erschießungskommando tritt. Der Titel des Werks sei im übrigen eine Irreführung, so der Regisseur, denn in »Le fantôme de la liberté« gebe es weder ein Gespenst noch Freiheit. Ebensogut könnte man allerdings sagen: Es gibt nur Gespenster, und kaum ein Film ist so frei wie dieser. Mit der hochsympathischen Wurstigkeit des Klassikers, dem keiner mehr in die Parade fahren kann, verlacht der alte Surrealist die Logik, folgt er allein seiner kinematographischen Libido, assoziiert er pokernde Karmeliter mit doppelgängerischen Polizeipräfekten mit unverblümten Sadomasochisten mit paradoxen Pädagogen mit fuchsjagenden Panzerfahrern mit dezenten Amokläufern mit glotzenden Straußen … »Le fantôme de la liberté« ist eine pikareske Apotheose des Zufalls, des Augenblicks, der Absurdität, eine feixende Absage an alle Gläubigen, ganz egal ob sie Gott hörig sind oder der Aufklärung oder dem Dreiaktschema. PS: »J’en ai marre de la symétrie.«
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Jean-Claude Brialy, Monica Vitti, Michael Lonsdale, Julien Bertheau, Michel Piccoli, Jean Rochefort, Adolfo Celi | F & I | 104 min | 1:1,66 | f | 11. September 1974
»Célébrer quoi?« – »Le hasard.« Gleich zu Beginn des Films hat Luis Buñuel einen bemerkenswerten (und garantiert unsymbolischen) Kurzauftritt: als spanischer Mönch des frühen 19. Jahrhunderts, der – zusammen mit anderen – unter dem Ruf »Es leben die Ketten!« vor ein revolutionäres Erschießungskommando tritt. Der Titel des Werks sei im übrigen eine Irreführung, so der Regisseur, denn in »Le fantôme de la liberté« gebe es weder ein Gespenst noch Freiheit. Ebensogut könnte man allerdings sagen: Es gibt nur Gespenster, und kaum ein Film ist so frei wie dieser. Mit der hochsympathischen Wurstigkeit des Klassikers, dem keiner mehr in die Parade fahren kann, verlacht der alte Surrealist die Logik, folgt er allein seiner kinematographischen Libido, assoziiert er pokernde Karmeliter mit doppelgängerischen Polizeipräfekten mit unverblümten Sadomasochisten mit paradoxen Pädagogen mit fuchsjagenden Panzerfahrern mit dezenten Amokläufern mit glotzenden Straußen … »Le fantôme de la liberté« ist eine pikareske Apotheose des Zufalls, des Augenblicks, der Absurdität, eine feixende Absage an alle Gläubigen, ganz egal ob sie Gott hörig sind oder der Aufklärung oder dem Dreiaktschema. PS: »J’en ai marre de la symétrie.«
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Jean-Claude Brialy, Monica Vitti, Michael Lonsdale, Julien Bertheau, Michel Piccoli, Jean Rochefort, Adolfo Celi | F & I | 104 min | 1:1,66 | f | 11. September 1974
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Piccoli,
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Vitti
15.11.73
Traumstadt (Johannes Schaaf, 1973)
»Flucht ist kein Ausweg.« Bundesdeutsche Gegenwart. Der Künstler Florian Sand (Per Oscarsson) sitzt im tiefen Loch einer Sinn- und Schaffenskrise, als ihn eine mysteriöse Offerte erreicht: Sein Schulfreund Klaus Patera lädt ihn ein, in die »Traumstadt« zu übersiedeln, einen Ort fernab der modernen Zivilisation, wo das Reich der absoluten Freiheit errichtet wurde. Zusammen mit seiner Frau Anna (Rosemarie Fendel), einer Börsenmaklerin, bricht Florian auf, reist durch felsige Wüstengegenden Zentralasiens, gelangt in ein biedermeierlich-mitteleuropäisch anmutendes Utopia – hier hat jeder Bürger das Recht, seine Individualität »unmittelbar und rein« zu verwirklichen, unter der Voraussetzung des völligen Respekts vor der Individualität des anderen, hier findet man das Domizil, das man sich immer schon wünschte, hier wird einem das Schnitzel serviert, bevor man sein Verlangen noch geäußert hat … Basierend auf dem einzigen Roman des visionären böhmischen Zeichners und Graphikers Alfred Kubin, inszeniert Johannes Schaaf einen Bilderstrom, der windungsreich vom Bizarr-Phantasmagorischen übers Panisch-Absurde ins Destruktiv-Apokalyptische flutet – Goya und Ensor, Buñuel und Fellini lassen grüßen. Pateras libertäre Wunschwelt (von Wilfried Minks genial als verplüscht-angestaubtes Puppenstuben-Shangri-La zwischen Trödelladen und Vorstadtkirmes ausgestattet) erweist sich schnell als geisttötender Alptraum ohne Ausweg: Totale Freiheit führt zur totalen Lähmung und mündet schließlich in totale Zerstörung. Auch der Film selbst nimmt sich (für den Betrachter nicht ganz unstrapaziös) das Recht zur bildwütigen Anarchie: Eine Fabel hängt lediglich fetzenhaft zwischen den Stationen dieses prunkvoll-assoziativen Happenings; es gelten die Gesetze der Décollage – bis nur noch ein schriller Schrei die Leinwand füllt.
R Johannes Schaaf B Johannes Schaaf, Rosemarie Fendel V Alfred Kubin K Gerard Vandenberg, Klaus König M Eberhard Schoener A Wilfried Minks S Russell Parker P Heinz Angermeyer D Per Oscarsson, Rosemarie Fendel, Eva Maria Meineke, Alexander May, Helen Vita | BRD | 124 min | 1:1,66 | f | 15. November 1973
R Johannes Schaaf B Johannes Schaaf, Rosemarie Fendel V Alfred Kubin K Gerard Vandenberg, Klaus König M Eberhard Schoener A Wilfried Minks S Russell Parker P Heinz Angermeyer D Per Oscarsson, Rosemarie Fendel, Eva Maria Meineke, Alexander May, Helen Vita | BRD | 124 min | 1:1,66 | f | 15. November 1973
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Phantastik,
Schaaf,
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16.10.73
Don’t Look Now (Nicolas Roeg, 1973)
Wenn die Gondeln Trauer tragen
»Nothing is what it seems.« Ein Kind ertrinkt beim Spielen. Der Tod der Tochter läßt die Eltern traumatisiert zurück. Im spätherbstlichen Venedig suchen Jack und Laura Baxter (Donald Sutherland und Julie Christie) nach einer Möglichkeit, ihren Schmerz zu bewältigen – doch aus den Kanälen der Lagunenstadt steigt die Erinnerung wie verhängnisvoller Nebel, durch den das gestorbene Mädchen zu spuken scheint … Nicolas Roeg löst die Geschichte des im Unglück verbundenen Ehepaares konsequent aus der chronologischen Ordnung: Die Zeit erweist sich als Irrgarten, gleich der Topographie des morbiden Schauplatzes, an dem sich Diesseits und Jenseits überschneiden. Wiederkehrende Motive, allesamt symbolisch aufgeladen – zerspringendes Glas, Spiegelungen im Wasser, Stürze und Ohnmachten, leuchtendes Rot –, schaffen Bezüge zwischen den Ebenen. In Venedig, wo Jack im Auftrag des Bischofs eine mittelalterliche Kirche restauriert, macht Laura die Bekanntschaft zweier sonderbarer Schwestern, deren eine – blind – mit dem zweiten Gesicht begabt (oder: bestraft) ist. Während Laura, fasziniert und unbefangen, den Kontakt zur anderen Seite sucht, reagiert Jack feindselig – vielleicht, weil er sich als Vernunftmensch die eigene Anlage zur außersinnlichen Wahrnehmung nicht eingestehen will … Ein parapsychologisches Melodram, ein metaphysischer Thriller über Ahnungen und Bedrohungen, über Warnungen und Täuschungen, ein experimenteller Genrefilm, der wie in Trance von Augenschein und Skepsis erzählt: »Seeing is believing.«
R Nicolas Roeg B Allen Scott, Chris Bryant V Daphne du Maurier K Anthony Richmond M Pino Donaggio A Giovanni Soccol S Graeme Clifford P Peter Katz D Donald Sutherland, Julie Christie, Hilary Mason, Clelia Matania, Massimo Serrato | UK & I | 110 min | 1:1,85 | f | 16. Oktober 1973
# 913 | 9. Oktober 2014
»Nothing is what it seems.« Ein Kind ertrinkt beim Spielen. Der Tod der Tochter läßt die Eltern traumatisiert zurück. Im spätherbstlichen Venedig suchen Jack und Laura Baxter (Donald Sutherland und Julie Christie) nach einer Möglichkeit, ihren Schmerz zu bewältigen – doch aus den Kanälen der Lagunenstadt steigt die Erinnerung wie verhängnisvoller Nebel, durch den das gestorbene Mädchen zu spuken scheint … Nicolas Roeg löst die Geschichte des im Unglück verbundenen Ehepaares konsequent aus der chronologischen Ordnung: Die Zeit erweist sich als Irrgarten, gleich der Topographie des morbiden Schauplatzes, an dem sich Diesseits und Jenseits überschneiden. Wiederkehrende Motive, allesamt symbolisch aufgeladen – zerspringendes Glas, Spiegelungen im Wasser, Stürze und Ohnmachten, leuchtendes Rot –, schaffen Bezüge zwischen den Ebenen. In Venedig, wo Jack im Auftrag des Bischofs eine mittelalterliche Kirche restauriert, macht Laura die Bekanntschaft zweier sonderbarer Schwestern, deren eine – blind – mit dem zweiten Gesicht begabt (oder: bestraft) ist. Während Laura, fasziniert und unbefangen, den Kontakt zur anderen Seite sucht, reagiert Jack feindselig – vielleicht, weil er sich als Vernunftmensch die eigene Anlage zur außersinnlichen Wahrnehmung nicht eingestehen will … Ein parapsychologisches Melodram, ein metaphysischer Thriller über Ahnungen und Bedrohungen, über Warnungen und Täuschungen, ein experimenteller Genrefilm, der wie in Trance von Augenschein und Skepsis erzählt: »Seeing is believing.«
R Nicolas Roeg B Allen Scott, Chris Bryant V Daphne du Maurier K Anthony Richmond M Pino Donaggio A Giovanni Soccol S Graeme Clifford P Peter Katz D Donald Sutherland, Julie Christie, Hilary Mason, Clelia Matania, Massimo Serrato | UK & I | 110 min | 1:1,85 | f | 16. Oktober 1973
# 913 | 9. Oktober 2014
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13.9.73
Belle (André Delvaux, 1973)
»Connaître ou reconnaître …« Mathieu Grégoire (Jean-Luc Bideau), Archivar und Schriftsteller, Spezialist für Liebeslyrik des 16. Jahrhunderts, lebt mit Gattin und fast erwachsener Tochter im beschaulichen Ardennenstädtchen Spa. Eines Nachts, auf der Heimfahrt von einem Vortrag, fährt er im Wald einen Hund an, der verletzt in der Dunkelheit verschwindet. Am nächsten Tag kehrt Mathieu mit einem Jagdgewehr zurück, um das verwundete Tier zu erschießen. Auf seinem Streifzug entdeckt er eine verfallene Hütte, in der eine schöne Frau wohnt, die Mathieus Sprache nicht versteht … Die Situation erinnert an »Un soir, un train«: Wieder beschwört André Delvaux das Irren in spätherbstlicher Einsamkeit, die Unmöglichkeit von zwischenmenschlicher Verständigung. Doch mehr als der Vor(vor)gänger ist »Belle« das Portrait einer zauberisch-entrückten Landschaft. »Tant de tristesses plénières / prirent mon cœur aux fagnes désolées«, dichtete Guillaume Apollinaire über die Hautes Fagnes (das Hohe Venn) im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Das entlegene Hochmoor voller Sumpflöcher, überzogen von buschigem Heidekraut, düsterem Nadelgehölz, toten Bäumen und feuchtem Dunst, bildet den märchenhaften Schauplatz für die sich langsam steigernde seelische und erotische Konfusion des Protagonisten, der sich im gleichen Maße von Familie, Freunden und Beruf entfremdet, wie er der unbekannten, enigmatischen Fremden verfällt. Ist die Begegnung mit Belle ein Faktum? Oder eine Vision? Handelt es sich um eine Ausgeburt sexueller Verwirrung, um poetische Phantasie, um Wahnvorstellungen eines Mannes in der Mittlebenskrise, um den Einbruch von Wunschbildern in die Wirklichkeit? Wer ist der Andere, der unvermutet auftaucht? Ist er Belles Bruder, ihr Geliebter, ihr Komplize? Stirbt ein Hund? Oder ein Mensch? Ist das Leben ein Traum? Oder ein Film?
R André Delvaux B André Delvaux, Monique Rysselinck K Ghislain Cloquet M Frédéric Devreese A Claude Pignot S Emmanuelle Dupuis, Pierre Joassin P Jean-Claude Batz D Jean-Luc Bideau, Danièle Delorme, Adriana Bogdan, Roger Coggio, Stéphane Excoffier | B & F | 96 min | 1:1,66 | f | 13. September 1973
# 849 | 15. März 2014
R André Delvaux B André Delvaux, Monique Rysselinck K Ghislain Cloquet M Frédéric Devreese A Claude Pignot S Emmanuelle Dupuis, Pierre Joassin P Jean-Claude Batz D Jean-Luc Bideau, Danièle Delorme, Adriana Bogdan, Roger Coggio, Stéphane Excoffier | B & F | 96 min | 1:1,66 | f | 13. September 1973
# 849 | 15. März 2014
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30.6.73
Kanashimi no Beradona (Eichi Yamamoto, 1973)
Die Tragödie der Belladonna
Es war einmal vor der Revolution … Jeanne und Jean leben in einem kleinen Dorf. Sie lieben sich. Immer schon. Sie heiraten. Dann nimmt der böse Fürst für sich (und die seinen, derer es viele sind) das Recht der ersten Nacht in Anspruch. Die große Liebe zerbricht. Jeanne verschreibt sich den Mächten des Bösen: Sie wird ›Belladonna‹. Eichi Yamamoto gestaltet ein psychedelisch-aufgesextes Anime der Sonder(bar)klasse – der Teufel sieht anfangs aus wie ein feixendes Kondom, um sich peu à peu in einen roten Riesenphallus zu verwandeln, der Jeanne (und den Film) zu immer neuen kuriosen Höhepunkten treibt –, einen spröde animierten, eklektizistischen, feurig-blutig-durchgeknallten Art-Nouveau-Tuschkasten mit Neigung zu wüstem Kitsch und künstlerischer Enthemmung auf hohem Niveau.
R Eichi Yamamoto B Yoshiyuki Fukuda, Eichi Yamamoto V Jules Michelet K Shigeru Yamazaki M Masahiko Sato A Kuni Fukai S Masashi Furukawa P Tadami Watanabe | JP | 93 min | 1:1,37 | f | 30. Juni 1973
Es war einmal vor der Revolution … Jeanne und Jean leben in einem kleinen Dorf. Sie lieben sich. Immer schon. Sie heiraten. Dann nimmt der böse Fürst für sich (und die seinen, derer es viele sind) das Recht der ersten Nacht in Anspruch. Die große Liebe zerbricht. Jeanne verschreibt sich den Mächten des Bösen: Sie wird ›Belladonna‹. Eichi Yamamoto gestaltet ein psychedelisch-aufgesextes Anime der Sonder(bar)klasse – der Teufel sieht anfangs aus wie ein feixendes Kondom, um sich peu à peu in einen roten Riesenphallus zu verwandeln, der Jeanne (und den Film) zu immer neuen kuriosen Höhepunkten treibt –, einen spröde animierten, eklektizistischen, feurig-blutig-durchgeknallten Art-Nouveau-Tuschkasten mit Neigung zu wüstem Kitsch und künstlerischer Enthemmung auf hohem Niveau.
R Eichi Yamamoto B Yoshiyuki Fukuda, Eichi Yamamoto V Jules Michelet K Shigeru Yamazaki M Masahiko Sato A Kuni Fukai S Masashi Furukawa P Tadami Watanabe | JP | 93 min | 1:1,37 | f | 30. Juni 1973
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15.9.72
Le charme discret de la bourgeoisie (Luis Buñuel, 1972)
Der diskrete Charme der Bourgeosie
Ein bürgerliches Lustspiel oder Sechs Personen suchen einen Eßtisch. Am Beispiel eines kleinen Freundeskreises, dem er konsequent und einfallsreich das Einnehmen einer Mahlzeit verweigert, portraitiert Luis Buñuel sein Lieblingshaßobjekt: die parasitäre Oberschicht. Elegant läßt der Meister Realität und Traum ineinanderfließen, schafft – so mühelos wie phantasievoll – eine vieldimensionale filmische Bühne, auf der er seine charmanten Kriminellen, seine wohlerzogenen Heuchler, seine kultivierten Materialisten mit der kühlen Freundlichkeit des Käferforschers betrachten (und sezieren) kann. Am Ende des (im Wortsinne) abwechslungsreichen Stücks wird doch noch serviert (Hammelkeule), und prompt fällt die ganze diskret-charmante Blase (der selbstgefällige Fernando Rey, die alkoholische Bulle Ogier, der flotte Jean-Pierre Cassel, die nuancierte Stephane Audran, der joviale Paul Frankeur, die erlesene Delphine Seyrig) einem bewaffneten Überfall zum Opfer. Natürlich stehen sie alle wieder auf – die Bourgeoisie ist unverwüstlich. PS: À bas Lénine, ou la vierge à l'écurie. (Zu deutsch: Nieder mit Lenin oder Die Jungfrau im Pferdestall.) Was das bedeuten soll? Fragen Sie Buñuel.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Paul Frankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Jean-Pierre Cassel | F & I & E | 102 min | 1:1,66 | f | 15. September 1972
Ein bürgerliches Lustspiel oder Sechs Personen suchen einen Eßtisch. Am Beispiel eines kleinen Freundeskreises, dem er konsequent und einfallsreich das Einnehmen einer Mahlzeit verweigert, portraitiert Luis Buñuel sein Lieblingshaßobjekt: die parasitäre Oberschicht. Elegant läßt der Meister Realität und Traum ineinanderfließen, schafft – so mühelos wie phantasievoll – eine vieldimensionale filmische Bühne, auf der er seine charmanten Kriminellen, seine wohlerzogenen Heuchler, seine kultivierten Materialisten mit der kühlen Freundlichkeit des Käferforschers betrachten (und sezieren) kann. Am Ende des (im Wortsinne) abwechslungsreichen Stücks wird doch noch serviert (Hammelkeule), und prompt fällt die ganze diskret-charmante Blase (der selbstgefällige Fernando Rey, die alkoholische Bulle Ogier, der flotte Jean-Pierre Cassel, die nuancierte Stephane Audran, der joviale Paul Frankeur, die erlesene Delphine Seyrig) einem bewaffneten Überfall zum Opfer. Natürlich stehen sie alle wieder auf – die Bourgeoisie ist unverwüstlich. PS: À bas Lénine, ou la vierge à l'écurie. (Zu deutsch: Nieder mit Lenin oder Die Jungfrau im Pferdestall.) Was das bedeuten soll? Fragen Sie Buñuel.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Paul Frankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Jean-Pierre Cassel | F & I & E | 102 min | 1:1,66 | f | 15. September 1972
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2.7.72
Nachtschatten (Niklaus Schilling, 1972)
Blaß ist die Heide, mondbleich und berückend, irgendwie jenseitig. Langsam ist die Heide, todmüde und weltvergessen, seltsam aus der Zeit gefallen. Von Hamburg kommt der Musikverleger Jan Eckmann (John van Dreelen) in die Heide, um ein zum Verkauf stehendes Gutshaus zu besichtigen. Elena Berg (Elke Haltaufderheide), die Besitzerin des Hauses gibt sich merkwürdig spröde, desinteressiert am Geschäft, sie wirkt zerstreut, mysteriös, auf geisterhafte Art absent, ständig verbrennt sie etwas im Kamin, verweigert ohne Erklärung den Zugang zu bestimmten Zimmern, und eben wegen ihrer sonderbaren Abwesenheit entfaltet Elena eine unentrinnbare verführerische Wirkung auf den diesseitigen Besucher, fesselt ihn magisch an den ihm so fremden, so vertrauten Ort. Des Nachts träumt Jan von einem weißen Stein, auf dem sein Name steht, er träumt von seinem eigenen Grab, über das sich die Gastgeberin beugt, über das sie blutrote Mohnblüten streut. Ist er vielleicht schon seit drei Jahren tot? Oder ist er der Wiedergänger eines längst Verstorbenen? Ein schlafwandlerischer Heimatfilm um eine sirenenhafte blonde Schönheit, die einen kreglen Geschäftsmann in ihren gespenstigen Abgrund zieht. Am Ende enthüllt Niklaus Schilling das Rätsel seiner ätherischen Heldin. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr Geheimnis zu bewahren, den erzählerischen Zauber nicht zu brechen. Die Auflösung stellt indes klar, daß Heimat kein Idyll ist, sondern ein Reich der Schatten, ein tiefes Moor, in dem man restlos versinken kann. Das solide Haus ist kein geschützter Raum, und der Liebreiz der Landschaft erweist sich als verderbliche Illusion.
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Ingo Hamer M Edvard Grieg S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Elke Hart (= Elke Haltaufderheide), John van Dreelen, Max Krügel | BRD | 96 min | 1:1,37 | f | 2. Juli 1972
# 776 | 27. September 2013
R Niklaus Schilling B Niklaus Schilling K Ingo Hamer M Edvard Grieg S Niklaus Schilling P Elke Haltaufderheide D Elke Hart (= Elke Haltaufderheide), John van Dreelen, Max Krügel | BRD | 96 min | 1:1,37 | f | 2. Juli 1972
# 776 | 27. September 2013
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23.6.72
Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (Hans-Jürgen Syberberg, 1972)
Wundersame Vermählung von epischem Theater und großer Oper. Hans-Jürgen Syberbergs Traum vom Traum des Märchenkönigs Ludwig (wächsern: Harry Baer) zieht unwirkliche historische Fakten und glaubwürdige biographische Illusionen wie bizarre objets trouvés auf eine vieldeutig schimmernde Assoziationskette. Die Kamera (Dietrich Lohmann) steht in frontaler Schockstarre vor den schrulligen kinematographischen Landschaften: romantische Schlösser der Umnachtung erheben sich aus dem wabernden Bühnennebel der Einsicht; Abgründe von gähnender Langeweile klaffen neben steilen Gipfeln des unterhaltsamen Kitsches, während in der Ferne die tiefen Seen der Mystifikation glitzern. »Ludwig« pfeift auf Erzählung, auf Einfühlung, auf Erklärung. »Ludwig« ist travestiertes Heiligenbild, jodelnde Seelenschau, verschlungener Zeittunnel, exklusive Leichenschändung, schwüles Passionsspiel, königlich-bayerisches Laientheater, campy-intellektuelles Panoptikum. »Ludwig« ist deutsch. (Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.) Und: »Ludwig« ist schön – so schön wie (um es mit einem Zeitgenossen des verewigten Monarchen zu sagen) die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch.
R Hans-Jürgen Syberberg B Hans-Jürgen Syberberg K Dietrich Lohmann M Richard Wagner Ko Barbara Baum S Peter Przygodda P Hans-Jürgen Syberberg D Harry Baer, Ingrid Caven, Balthasar Thomass, Oskar von Schab, Gerhard März | BRD | 140 min | 1:1,37 | f | 23. Juni 1972
R Hans-Jürgen Syberberg B Hans-Jürgen Syberberg K Dietrich Lohmann M Richard Wagner Ko Barbara Baum S Peter Przygodda P Hans-Jürgen Syberberg D Harry Baer, Ingrid Caven, Balthasar Thomass, Oskar von Schab, Gerhard März | BRD | 140 min | 1:1,37 | f | 23. Juni 1972
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2.6.72
Malpertuis (Harry Kümel, 1972)
Malpertuis
»Life, what is it but a dream?« Leider nur selten verliert das Kino völlig den Verstand. Manchmal aber tut es das doch – und entführt dann beispielsweise die griechischen Götter in ein verwunschenes, labyrinthisches Haus irgendwo in Belgien, wo sie von einem sterbenden steinreichen Mann mit fettigen Haaren (den der versoffene späte Orson Welles mit der ganzen Wucht seines eigenen grandiosen Scheiterns gibt) in erniedrigender Gefangenschaft gehalten – und damit zugleich vor dem endgültigen Vergessen bewahrt – werden. Der Neffe des Alten (der junge, künstlich erblondete Mathieu Carrière als unbedarfter Seemann) soll das zweifelhafte Erbe antreten und die Welt der Mythen für die Ewigkeit konservieren … Harry Kümel (einer der großen Untoten unter den europäischen Regisseuren) und mit ihm Gerry Fisher (Kamera), Georges Delerue (Musik) sowie Michel Bouquet, Jean-Pierre Cassel, Susan Hampshire (in vielen Rollen) schaffen – fast ohne Effekte und ganz ohne Erklärung – eine der sonderbarsten Phantasmagorien der Filmgeschichte, ein kinematographisches Zwischenreich des ganz leisen Schreckens, des entschiedenen Glaubens, der surrealen Verzauberung.
R Harry Kümel B Jean Ferry V Jean Ray K Gerry Fisher M Georges Delerue A Pierre Cadiou de Condé S Richard Marden P Paul Laffarguev, Pierre Levie D Orson Welles, Susan Hampshire, Michel Bouquet, Mathieu Carrière, Jean-Pierre Cassel | B & F & BRD | 125 min | 1:1,85 | f | 2. Juni 1972
»Life, what is it but a dream?« Leider nur selten verliert das Kino völlig den Verstand. Manchmal aber tut es das doch – und entführt dann beispielsweise die griechischen Götter in ein verwunschenes, labyrinthisches Haus irgendwo in Belgien, wo sie von einem sterbenden steinreichen Mann mit fettigen Haaren (den der versoffene späte Orson Welles mit der ganzen Wucht seines eigenen grandiosen Scheiterns gibt) in erniedrigender Gefangenschaft gehalten – und damit zugleich vor dem endgültigen Vergessen bewahrt – werden. Der Neffe des Alten (der junge, künstlich erblondete Mathieu Carrière als unbedarfter Seemann) soll das zweifelhafte Erbe antreten und die Welt der Mythen für die Ewigkeit konservieren … Harry Kümel (einer der großen Untoten unter den europäischen Regisseuren) und mit ihm Gerry Fisher (Kamera), Georges Delerue (Musik) sowie Michel Bouquet, Jean-Pierre Cassel, Susan Hampshire (in vielen Rollen) schaffen – fast ohne Effekte und ganz ohne Erklärung – eine der sonderbarsten Phantasmagorien der Filmgeschichte, ein kinematographisches Zwischenreich des ganz leisen Schreckens, des entschiedenen Glaubens, der surrealen Verzauberung.
R Harry Kümel B Jean Ferry V Jean Ray K Gerry Fisher M Georges Delerue A Pierre Cadiou de Condé S Richard Marden P Paul Laffarguev, Pierre Levie D Orson Welles, Susan Hampshire, Michel Bouquet, Mathieu Carrière, Jean-Pierre Cassel | B & F & BRD | 125 min | 1:1,85 | f | 2. Juni 1972
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26.11.71
Les lèvres rouges (Harry Kümel, 1971)
Blut an den Lippen
Eine dekorative Halluzination von Unsterblichkeit und lustvollem Tod. Das belgische Seebad Ostende im Winter, ein ausgestorbener Hotelpalast, die frisch vermählten Eheleute Stefan und Valerie auf der Durchreise. Weitere Gäste treffen ein: eine zeitlos (!) elegante Dame (Delphine Seyrig (die ›A‹ aus »L’année dernière à Marienbad«) spielt Elisabeth Báthory – auch bekannt als: ›die Blutgräfin‹) mit ihrer sinnlich-pagenköpfigen Begleiterin Ilona (Andrea Rau). Das ansehnliche (und reichlich triebhafte) Quartett variiert in wechselnden Paarungen das Spiel von der sexuellen (bzw. des ganzen Menschen) Hörigkeit – wobei sich die Zahl der Beteiligten nach und nach reduziert. Harry Kümel, der Regisseur dieses extravagant-somnambulen Vampirfilms, webt in seinen psychosexuell-parodistisch-manierierten Erzählteppich die Muster des Durstes nach Blut, des Hungers auf (Über-)Leben, der Sehnsucht nach unvergänglicher Liebe. »Love is stronger than death … even than life.«
R Harry Kümel B Harry Kümel, Pierre Drouot, Jean Ferry K Eduard van der Enden M François de Roubaix A Françoise Hardy S Denis, Bonan, August Verschueren P Paul Collet, Henry Lange, Luggi Waldleitner D Delphine Seyrig, John Karlen, Andrea Rau, Paul Esser, Fons Rademakers | B & F & BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 26. November 1971
Eine dekorative Halluzination von Unsterblichkeit und lustvollem Tod. Das belgische Seebad Ostende im Winter, ein ausgestorbener Hotelpalast, die frisch vermählten Eheleute Stefan und Valerie auf der Durchreise. Weitere Gäste treffen ein: eine zeitlos (!) elegante Dame (Delphine Seyrig (die ›A‹ aus »L’année dernière à Marienbad«) spielt Elisabeth Báthory – auch bekannt als: ›die Blutgräfin‹) mit ihrer sinnlich-pagenköpfigen Begleiterin Ilona (Andrea Rau). Das ansehnliche (und reichlich triebhafte) Quartett variiert in wechselnden Paarungen das Spiel von der sexuellen (bzw. des ganzen Menschen) Hörigkeit – wobei sich die Zahl der Beteiligten nach und nach reduziert. Harry Kümel, der Regisseur dieses extravagant-somnambulen Vampirfilms, webt in seinen psychosexuell-parodistisch-manierierten Erzählteppich die Muster des Durstes nach Blut, des Hungers auf (Über-)Leben, der Sehnsucht nach unvergänglicher Liebe. »Love is stronger than death … even than life.«
R Harry Kümel B Harry Kümel, Pierre Drouot, Jean Ferry K Eduard van der Enden M François de Roubaix A Françoise Hardy S Denis, Bonan, August Verschueren P Paul Collet, Henry Lange, Luggi Waldleitner D Delphine Seyrig, John Karlen, Andrea Rau, Paul Esser, Fons Rademakers | B & F & BRD | 100 min | 1:1,66 | f | 26. November 1971
14.5.71
Supergirl (Rudolf Thome, 1971)
Sie taucht auf, in der Ferne, zwischen den hohen Grashalmen einer Wiese, trägt einen orangefarbenen Overall, kommt langsam näher. Sie hält einen roten Ferrari an, steigt ein, sagt nicht viel, läßt sich vom Fahrer mitnehmen in dessen Apartment, wo sie sich auszieht, ins Bett legt und einschläft. In der Tasche ihres Overalls findet sich lediglich ein bolivianischer Paß, ausgestellt auf den Namen Francesca Farnese. Iris Berben spielt diese Frau, attraktiv und enigmatisch, zart und doch entschlossen, sie schwebt gleichsam durch Rudolf Thomes und Max Zihlmanns pop-poetisches Kinokonstrukt, umgeben von einem intergalaktischen Mysterium. Die einsilbige Francesca trifft auf den coolen Erfolgsschriftsteller Evers (Marquard Bohm), der zu ihr sagt: »Ich liebe geheimnisvolle Frauen. Sie sind mein Untergang.« … »Supergirl« ist eine Science-Fiction-Comic-Mystery-Romanze in leuchtenden Farben: Vielleicht geht es um das Schicksal der ganzen Menschheit, vielleicht um die Beziehung zweier Menschen, vielleicht auch um beides, denn das eine hat ja mit dem anderen zu tun. Die rätselhafte Schöne, die starkes Interesse an den Vereinigten Staaten hat, begleitet den literarischen Bohemien zu einem amerikanischen Produzenten, der Evers’ Bestseller auf die Leinwand bringen will. »Supergirl« ist ein lakonisch-ironisches Film-Film-Roadmovie: von den Sternen nach München nach Zürich nach Madrid nach Paris und zurück zu den Sternen. Dazu passen die Cameo-Auftritte von Fassbinder, Lemke, Constantine, die Besetzung der stereotypischen Franco-Yankees Jess Hahn (der Pierre aus »Le signe du lion«) als Westentaschen-Tycoon Polonsky und Billy Kearns (der Freddy aus »Plein Soleil«) als polternder Senator Quimby. Francesca, die von sich behauptete, sie stamme vom dritten Planeten des Systems Alpha Centauri und sei auf die Erde gereist, um die Mächtigen vor einem drohenden Sternenkrieg zu warnen, verschwindet schließlich so beiläufig, wie sie gekommen ist, steigt in einen schwarzen Cadillac, der sie fortbringt. Über den Zurückgelassenen spannt sich weit und blau der Himmel, das große Meer der Träume.
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Affonso Beato M Mainhorse Airline (= Patrick Moraz) S Jane Sperr P Rudolf Thome D Iris Berben, Marquard Bohm, Jess Hahn, Nikolaus Dutsch, Karina Ehret (= Karin Thome) | BRD | 100 min | 1:1,37 | f | 14. Mai 1971
# 876 | 10. Juni 2014
R Rudolf Thome B Max Zihlmann K Affonso Beato M Mainhorse Airline (= Patrick Moraz) S Jane Sperr P Rudolf Thome D Iris Berben, Marquard Bohm, Jess Hahn, Nikolaus Dutsch, Karina Ehret (= Karin Thome) | BRD | 100 min | 1:1,37 | f | 14. Mai 1971
# 876 | 10. Juni 2014
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9.4.71
Ein großer graublauer Vogel (Thomas Schamoni, 1971)
»La réalité étant trop épineuse pour mon grand caractère …« Ein kühnes, cooles Kryptogramm über die allmähliche Verfertigung der Wirklichkeit beim Träumen. Thomas Schamoni sendet dichterische Hipster und sonnenbebrillte Gangster, sensationsgeile Journalisten und unerforschliche Frauen auf die wilde, verwegene Jagd nach der Theorie von Allem, nach der Lösung des letzten Rätsels, nach der umfassenden Weltbeschreibung – die einst fünf genialen Wissenschaftler gelang, welche (um den Mißbrauch dieser Offenbarung durch die Mächtigen zu verhindern) ihre Entdeckung listig chiffrierten, bevor sie sich selbst ins Vergessen hypnotisierten: »Die Formel in einem Gedicht verschlüsselt – Raumverflachung, Zeitauflösung, der fabelhafte Dauertrip!« Ein fabelhafter Dauertrip (zu den psychedelischen Klängen von ›The Can‹) auch der Film: assoziativer Rausch im Stakkato-Schnitt, pop-lyrische Bild- und Tonmalerei als impressionistisches Delirium. »Ein großer graublauer Vogel« fiebert sich über Rimbauds Prosapoem ›Bottom‹ ( »… je me trouvai néanmoins chez ma dame, en gros oiseau gris bleu …«) in eine immer unübersichtlicher werdende, paranoid-verrätselte Thrillersatire hinein, die mittels der Verquickung von Realitätsfragmenten und Anspielungen auf geläufige narrative Muster sowie kraft einer formal höchst reizvollen, temporeichen Passage durch diverse Wahrnehmungs-, Beobachtungs- und Abbildungsebenen zur gedanklichen (und audiovisuellen) Erkenntnis vorstößt, daß die Welt, in der wir (zu) leben (glauben), kein materielles Universum ist sondern ein geistiges Abenteuer, ein Wildwasser der Imagination, ein (bisweilen tödlicher) Strudel der Poesie. »She brings the rain, it feels like spring / Magic mushrooms out of things.«
R Thomas Schamoni B Thomas Schamoni, Uwe Brandner, Hans Noever, Max Zihlmann K Dietrich Lohmann, Bernd Fiedler M The Can A Peter Eickmeyer S Elisabeth Orlov, Peter Przygodda P Thomas Schamoni D Klaus Lemke, Rolf Becker, Umberto Orsini, Lukas Ammann, Olivera Vuco | D & I | 92 min | 1:1,66 | f | 9. April 1971
R Thomas Schamoni B Thomas Schamoni, Uwe Brandner, Hans Noever, Max Zihlmann K Dietrich Lohmann, Bernd Fiedler M The Can A Peter Eickmeyer S Elisabeth Orlov, Peter Przygodda P Thomas Schamoni D Klaus Lemke, Rolf Becker, Umberto Orsini, Lukas Ammann, Olivera Vuco | D & I | 92 min | 1:1,66 | f | 9. April 1971
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5.3.71
Der Teufel kam aus Akasava (Jess Franco, 1971)
Beispiellose Edgar-Wallace-Verwurstung vom Duo Infernal des bundesdeutsch-hispanischen Z-Films, ›Atze‹ Brauner und Jess Franco: Auf der Jagd nach einem Gestein, »das unter bestimmten Voraussetzungen ein bestimmtes Metall in Gold verwandelt« (und damit absolute Macht verspricht), bekriegen (und dezimieren) sich diverse rivalisierende Banden und Interessengruppen. Der britische Secret Service schickt die junge, schöne Jane Morgan (Soledad Miranda) ins Rennen, obwohl deren Qualitäten nicht unbedingt auf dem Gebiet der Geheimdiensttätigkeit liegen. Wenn die Agentin schießt, verfehlt sie ihr Ziel noch auf einen halben Meter Entfernung, dafür macht sie eine umso bessere Figur, sobald sie sich in ihrer Tarnrolle als Tänzerin, angetan mit einem schwarzen Flitterumhang und silbernen Sandalettenstiefeln, auf der Bühne eines Nachtclubs räkeln darf. Franco übertüncht sein offensichtliches Desinteresse an der wirren Räuberpistole mit dem extensiven Einsatz eines groovig-sexedelischen Party-Soundtracks (Manfred Hübler & Siegfried Schwab) und nutzt ansonsten jede passende (und unpassende) Gelegenheit, den rassigen Körper seiner Hauptdarstellerin abzufeiern; erst in den allerletzten Minuten gewinnt der Regisseur der eigentlichen Handlung von »Der Teufel kam Akasava« noch eine wunderbar schrullige Szene ab, wenn sich der nette alte Lord Kingsley (Walter Rilla) aus dem Rollstuhl erhebt und seiner netten alten Lady (Blandine Ebinger) verkündet: »Wir, Abigail, werden die Welt beherrschen!«
R Jess Frank (= Jess Franco) B Ladislas Fodor, Paul André V Edgar Wallace K Manuel Marino M Manfred Hübler, Siegfried Schwab A Klaus Meyenberg, Alberto Montenegro S Clarissa Ambach P Artur Brauner D Fred Williams, Susann Korda (= Soledad Miranda), Horst Tappert, Siegfried Schürenberg, Walter Rilla, Blandine Ebinger | BRD & E | 84 min | 1:1,66 | f | 5. März 1971
R Jess Frank (= Jess Franco) B Ladislas Fodor, Paul André V Edgar Wallace K Manuel Marino M Manfred Hübler, Siegfried Schwab A Klaus Meyenberg, Alberto Montenegro S Clarissa Ambach P Artur Brauner D Fred Williams, Susann Korda (= Soledad Miranda), Horst Tappert, Siegfried Schürenberg, Walter Rilla, Blandine Ebinger | BRD & E | 84 min | 1:1,66 | f | 5. März 1971
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