Unmoralische Geschichten
Walerian Borowczyk, der sich nicht entscheiden wollte, entweder surreal-kafkaesker Cinéast oder kultivierter Mösenfilmer zu sein (und ganz einfach beides war), erzählt in »Contes immoraux« vier Geschichten ohne Moral, was zunächst und vor allem bedeutet, daß er nicht urteilt, sondern einfach nur zeigt – ganz egal, ob ein Mädchen mit einer Gurke schläft oder mit ihrem Vater (der zufälligerweise auch noch Papst ist), ob es vom Blut erblühender Jungfrauen umspült wird oder (während eines Blowjobs) von der Gischt des Meeres. Seine Herkunft als Trickfilmer kann der Erotomane Borowczyk nicht verleugnen, erscheinen seine Protagonisten doch weniger als lebendige Menschen denn als ferngesteuerte Geschöpfe eines auktorialen Animators, der mit Themen wie Verlangen und Hingabe, Experimentierfreude und Reulosigkeit seine verbastelt-detailverliebten, ironisch-kulinarischen Spielchen treibt. In der vielleicht besten Episode des Films verkörpert die leblos-schöne Paloma Picasso die ungarische Blutgräfin Erzsebet Báthory, die über Land reitet und persönlich die Fleischbeschau ihrer rosig-zarten weiblichen Opfer vornimmt, um nach erfrischendem Bad (worin wohl?) schlußendlich von ihrer androgynen Liebhaberin (und Hofschlächterin) an die Häscher des Königs verraten zu werden. Erotik kennt eben keine Moral.
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Bernard Daillencourt, Guy Durban, Noël Véry, Michel Zolat M Maurice Leroux A Walerian Borowczyk S Walerian Borowczyk P Anatole Dauman D Lise Danvers, Fabrice Luchini, Paloma Picasso, Jacopo Berinizi, Florence Bellamy | F | 103 min | 1:1,66 | f | 28. August 1974
Posts mit dem Label Borowczyk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Borowczyk werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
28.1.72
Blanche (Walerian Borowczyk, 1972)
Blanche
Es war einmal im 13. Jahrhundert: Ein (sehr) alter Burgherr (gespielt von Michel Simon, einer der unglaublichsten Fressen der Filmgeschichte) ist verheiratet mit der jungen, schönen Blanche, die nicht nur so rein ist wie eine weiße Taube, sondern der auch alles nachsteigt, was einen Schwanz hat: der Sohn des Alten aus erster Ehe, der König, der herzensbrecherische Page des Souveräns (Jacques Perrin). Was wie eine burleske Tür-auf-Tür-zu-Komödie beginnt, entwickelt sich langsam aber sicher zum ergreifenden Alles-oder-nichts-Drama. In zauberhaft schlichten Bildern (die ebenso an mittelalterliche Buchmalerei wie an frühe Stummfilmoptik erinnern) erzählt Walerian Borowczyk eine naive und zugleich preziöse Fabel von brennender Liebe und wahrer Unschuld, von lodernder Eifersucht und tödlicher Rache. Die Männer – triebgesteuerte und ehrpusselige Monstren – sind hier wirklich an allem (Unglück) schuld. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann … nein, nicht in diesem Fall.
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk V Juliusz Slowacki K André Dubreuil, Guy Durban M diverse A Walerian Borowczyk, Jacques D’Ovidio S Walerian Borowczyk, Charles Bretoneiche P Philippe d’Argila, Dominique Duvergé D Michel Simon, Georges Wilson, Jacques Perrin, Ligia Branice, Denise Péronne | F | 92 min | 1:1,66 | f | 28. Januar 1972
Es war einmal im 13. Jahrhundert: Ein (sehr) alter Burgherr (gespielt von Michel Simon, einer der unglaublichsten Fressen der Filmgeschichte) ist verheiratet mit der jungen, schönen Blanche, die nicht nur so rein ist wie eine weiße Taube, sondern der auch alles nachsteigt, was einen Schwanz hat: der Sohn des Alten aus erster Ehe, der König, der herzensbrecherische Page des Souveräns (Jacques Perrin). Was wie eine burleske Tür-auf-Tür-zu-Komödie beginnt, entwickelt sich langsam aber sicher zum ergreifenden Alles-oder-nichts-Drama. In zauberhaft schlichten Bildern (die ebenso an mittelalterliche Buchmalerei wie an frühe Stummfilmoptik erinnern) erzählt Walerian Borowczyk eine naive und zugleich preziöse Fabel von brennender Liebe und wahrer Unschuld, von lodernder Eifersucht und tödlicher Rache. Die Männer – triebgesteuerte und ehrpusselige Monstren – sind hier wirklich an allem (Unglück) schuld. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann … nein, nicht in diesem Fall.
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk V Juliusz Slowacki K André Dubreuil, Guy Durban M diverse A Walerian Borowczyk, Jacques D’Ovidio S Walerian Borowczyk, Charles Bretoneiche P Philippe d’Argila, Dominique Duvergé D Michel Simon, Georges Wilson, Jacques Perrin, Ligia Branice, Denise Péronne | F | 92 min | 1:1,66 | f | 28. Januar 1972
Labels:
Adel,
Borowczyk,
Drama,
Michel Simon,
Mittelalter,
Rache,
Romanze,
Schloß
29.1.69
Goto, l’île d’amour (Walerian Borowczyk, 1969)
Goto, Insel der Liebe
Vielleicht war es so… Eine stickige, schwarzweiße Nacht. Die Luft vibriert vom Summen der Fliegen. Beckett, Kafka und Jarry kommen aus dem Kino. Der Film hat ihnen nicht gefallen. Nur den Hauptdarsteller, einen gewissen Pierre Brasseur, den mochten sie. Die drei setzen sich auf die Terrasse eines Cafés, bestellen Absinth und beschließen, zusammen ein Drehbuch zu schreiben. Die Geschichte sollte auf einer Insel spielen, die nach einem Erdbeben vom Rest der Welt abgeschnitten wäre. Ein Gouverneur, gütig und sadistisch, herrschte über die kleine Welt. Und eine schöne Frau hätte er. Die liebte aber einen anderen: ihren Reitlehrer. Außerdem gäbe es Fliegen, jede Menge Fliegen. Und da wäre ein Aufzug, mit dem Verurteilte auf eine Bühne gefahren würden, wo sie gegeneinander kämpfen müßten – der Gewinner würde begnadigt, der Verlierer käme aufs Schafott. Der Kellner serviert noch drei Absinth. Und einer, der begnadigt worden wäre, wollte unbedingt die Frau des Despoten für sich haben, und die Macht wollte er auch. Deswegen ginge alles kaputt. Und das Meer rauschte in der Ferne. Und da wären Hunde. Die würde man erschießen, wenn ihr Herr stürbe. Und es gäbe einen Alten, der geniale Fliegenfallen baute. Und alle Namen begännen mit G. Warum G? Warum nicht? Pierre Brasseur müßte die Hauptrolle spielen. Wer aber könnte Regie führen? Der Kellner kennt einen, einen verrückten Polen. Der habe zwar bisher nur Trickfilme gemacht, aber die seien nicht schlecht. Walerian Borowczyk heiße er, und eine schöne Frau habe er auch. Die könne ja die schöne Frau des Herrschers spielen. Beckett, Kafka und Jarry sind begeistert. Der Kellner bringt eine weitere Runde Absinth. Die Fliegen fliegen um den Tisch.
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk, Dominique Duvergé K Guy Durban M Georg Friedrich Händel A Walerian Borowczyk S Charles Bretoneiche P Louis Duchesne, René Thévenet D Pierre Brasseur, Ligia Branice, Jean-Pierre Andréani, Ginette Leclerc, Fernand Bercher | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1969
Vielleicht war es so… Eine stickige, schwarzweiße Nacht. Die Luft vibriert vom Summen der Fliegen. Beckett, Kafka und Jarry kommen aus dem Kino. Der Film hat ihnen nicht gefallen. Nur den Hauptdarsteller, einen gewissen Pierre Brasseur, den mochten sie. Die drei setzen sich auf die Terrasse eines Cafés, bestellen Absinth und beschließen, zusammen ein Drehbuch zu schreiben. Die Geschichte sollte auf einer Insel spielen, die nach einem Erdbeben vom Rest der Welt abgeschnitten wäre. Ein Gouverneur, gütig und sadistisch, herrschte über die kleine Welt. Und eine schöne Frau hätte er. Die liebte aber einen anderen: ihren Reitlehrer. Außerdem gäbe es Fliegen, jede Menge Fliegen. Und da wäre ein Aufzug, mit dem Verurteilte auf eine Bühne gefahren würden, wo sie gegeneinander kämpfen müßten – der Gewinner würde begnadigt, der Verlierer käme aufs Schafott. Der Kellner serviert noch drei Absinth. Und einer, der begnadigt worden wäre, wollte unbedingt die Frau des Despoten für sich haben, und die Macht wollte er auch. Deswegen ginge alles kaputt. Und das Meer rauschte in der Ferne. Und da wären Hunde. Die würde man erschießen, wenn ihr Herr stürbe. Und es gäbe einen Alten, der geniale Fliegenfallen baute. Und alle Namen begännen mit G. Warum G? Warum nicht? Pierre Brasseur müßte die Hauptrolle spielen. Wer aber könnte Regie führen? Der Kellner kennt einen, einen verrückten Polen. Der habe zwar bisher nur Trickfilme gemacht, aber die seien nicht schlecht. Walerian Borowczyk heiße er, und eine schöne Frau habe er auch. Die könne ja die schöne Frau des Herrschers spielen. Beckett, Kafka und Jarry sind begeistert. Der Kellner bringt eine weitere Runde Absinth. Die Fliegen fliegen um den Tisch.
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk, Dominique Duvergé K Guy Durban M Georg Friedrich Händel A Walerian Borowczyk S Charles Bretoneiche P Louis Duchesne, René Thévenet D Pierre Brasseur, Ligia Branice, Jean-Pierre Andréani, Ginette Leclerc, Fernand Bercher | F | 93 min | 1:1,66 | sw | 29. Januar 1969
Labels:
Borowczyk,
Brasseur,
Drama,
Gesellschaft,
Phantastik
6.12.67
Théâtre de Monsieur & Madame Kabal (Walerian Borowczyk, 1967)
Jeux de massacre oder Schmetterlinge weinen nicht. Ein Film »dessiné pour les adultes« – ohne faßliche Handlung, ohne erkennbaren Sinn; stattdessen rudimentäre Figuren (Madame: eine roboterhafte Xanthippe mit mächtigem Vorbau / Monsieur: ein abgebrochener Riese mit Hang zu knusprigen Mädchen), die ein absurdes Beziehungstheater aufführen, ein mechanisches Endspiel der Gefühle. Walerian Borowczyk, polnisch-französicher Plakatgrafiker und Trickfilmer, gibt mit seinen »Bruchstücken einer Ehe« nicht nur den sardonischen Dada-Disney, er kreiert ein ganz persönliches Genre, das man vielleicht »Antimation« nennen könnte: eine Synthese aus abstrahierender Illustrationskunst und unsentimentaler Betrachtung der Welt. Mit frostigem Witz entlarven die Kabals menschliche Zwangshandlungen in einem (von unkontrollierbaren Um- und Zuständen) völlig verzeichneten Alltag.
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Guy Durban, Francis Pronier M Avenir de Monfred S Claude Blondel P Jacques Forgeot | F | 80 min | 1:1,37 | f | 6. Dezember 1967
R Walerian Borowczyk B Walerian Borowczyk K Guy Durban, Francis Pronier M Avenir de Monfred S Claude Blondel P Jacques Forgeot | F | 80 min | 1:1,37 | f | 6. Dezember 1967
Abonnieren
Posts (Atom)