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20.11.74

Nuits rouges (Georges Franju, 1974)

Der Mann ohne Gesicht

Spielt »Nuits rouges« in einer unwahrscheinlichen Gegenwart oder in einer allgegenwärtigen Vergangenheit? Handelt es sich um einen entrückten Thriller oder um einen thrilleresken Alptraum? Nach einem Drehbuch des Feuillade-Enkels Jacques Champreux erzählt Georges Franju die wüste Geschichte eines skrupellosen Mannes ohne Gesicht, der, unterstützt von einer schönen Frau ohne Namen und einer Armee lobotomierter Sklaven, dem legendären Schatz der Templer nachjagt. Es ist die bedingungslose Lust an einem ebenso naiven wie überfeinerten Kino, an zugleich schlichten und rätselhaften Bilder, an kindischen Maskenspielen und kultivierten Mystifikationen, die die Macher umtreibt. »Nuits rouges«, die kondensiert-sprunghafte Spielfilmfassung eines Fernsehfeuilletons, ist anachronistischer Pulp, surreale Poesie, respektvolle Parodie auf »Fantômas« und seine Freunde: auf Dr. Mabuse, auf rote Teufel, auf reitende Leichen. Franju schließt das dunkle Mittelalter kurz mit der pittoresken Welt des Fotografen Atget und mit dem Zeitalter ferngelenkter Autos, stupider Videospiele, omnipräsenter Überwachung. Ein rechtschaffen verrückter Chirurg und ein gnadenlos schusseliger Detektiv, radioaktiv aufgeladenes Gold und vermummte Zombiekiller, Fehden rivalisierender Geheimbünde im Untergrund und tödliche Scharmützel auf nächtlichen Dachlandschaften – »Nuits rouges« nimmt dies alles wichtig und nichts davon ernst.

R Georges Franju B Jacques Champreux K Guido Bertoni M diverse A Robert Luchaire S Gilbert Natot P Raymond Froment D Jacques Champreux, Gayle Hunnicutt, Gert Fröbe, Josephine Chaplin, Ugo Pagliai | F & I | 105 min | 1:1,66 | f | 20. November 1974

# 1029 | 9. Oktober 2016

5.11.65

Le tigre se parfume à la dynamite (Claude Chabrol, 1965)

Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit

In seinem zweiten (und letzten) Abenteuer verschlägt es den ›Tiger‹ Louis Rapière (Roger Hanin, der auch wieder das Drehbuch schrieb) nach Südamerika; der französische Agent soll den Rücktransport eines Goldschatzes überwachen, der aus einer einstmals vor Cayenne gesunkenen Galeone geborgen wurde. Das Gold wird gestohlen, und schon bald tut sich der Abgrund einer revolutionären Verschwörung auf: Die kryptofaschistische Geheimorganisation ›Orchidee‹ (unter Führung eines gewissen Hans Heinz von Wünschendorf) plant, nach dem Motto »heute gehört uns Guayana und morgen die ganze Welt«, den Umsturz in der Dschungelkolonie. Claude Chabrol verrührt Waffenschmuggel, Atomsprengköpfe und eine vage Rasseideologie zu einem klumpig-faden (im sonnigen Andalusien gedrehten) Thrillerpotpourri, das weder Michel Bouquet (als fanatischer Zoodirektor) noch Margaret Lee (als suspekte Amerikanerin Pamela Mitchum) und auch nicht ein Kurzauftritt des Regisseurs (als versoffener Röntgenarzt, der einen toten Hai durchleuchtet) aufwürzen können. Einzig die in Bouquets Tierpark spielende Schlußszene des Films erreicht eine gewisse surreale Qualität: Die Showdown-Montage, die statt des eigentlichen Schußwechsels Bilder eingesperrter, brüllender, flatternder Kreaturen zeigt, mag Stanley Donen und Luis Buñuel als Inspiration für ähnliche Sequenzen in »Arabesque« und »Le fantôme de la liberté« gedient haben.

R Claude Chabrol B Antoine Flachot (=Roger Hanin), Jean Curtelin K Jean Rabier M Jean Wiener A Juan Alberto Soler S Jacques Gaillard P Christine Gouze-Rénal D Roger Hanin, Margaret Lee, Michel Bouquet, Roger Dumas, Dodo Assad Bahador | F & I & E | 86 min | 1:1,66 | f | 5. November 1965

5.2.64

L'homme de Rio (Philippe de Broca, 1964)

Abenteuer in Rio 

»Quelle aventure!« Die Mutter aller Abenteuerkomödien: Jean-Paul-Belmondo zu Lande, zu Wasser und in der Luft auf der Jagd nach dem sagenumwobenen Schatz der Malteken. Die von Philippe de Broca fröhlich entfesselte Hatz beginnt in Paris, führt den Soldaten Adrien Dufourquet über Rio und Brasília (das sich gerade als weißer Traum der Moderne aus dem roten Staub des Nirgendwo erhebt) an den Amazonas und in den (noch) dichten südamerikanischen Regenwald – um, genau nach einer Woche (»huit jours de perme«), dort zu enden, wo alles begann: auf einem Bahnhof in der französischen Kapitale. »L’homme de Rio« ist der schönste Comic, den Hergé nie gezeichnet hat, ist ein fröhlicher Alptraum aus glücklicher Zeit, ist ein Schau- und Staunstück der ungedrosselten filmischen Phantasie, ist eine fulminante Schnitzeljagd durch alle Klischees des Genres – eine exaltierte Frau und ein überrumpelter Held, ein polternder Superreicher und ein verschlagener Professor, tödliches Pfeilgift und gefräßige Krokodile, eine romantische Nacht am Strand und ein millionenschweres Geheimnis – kurzum, »L’homme de Rio« gleicht einem Assortiment luftiger Macarons: süß und verlockend, künstlich bunt und unwiderstehlich lecker; und als Himbeere obendrauf gibt es die einzigartige (auf ewig in der überschwenglichen Schönheit ihrer zwanziger Jahre bewahrte) Françoise Dorléac. Für die kinematographischen Zuckerbäcker (für Regisseur, Schauspieler, Autoren und nicht zuletzt für den verträumt-aufgekratzten Kom­ponisten George Delerue) sollte man ein Monument errichten: in rosa mit grünen Sternen.

R Philippe de Broca B Philippe de Broca, Daniel Boulanger, Ariane Mnouchkine, Jean-Paul Rappeneau K Edmond Séchan M Georges Delerue A Mauro Monteiro S Françoise Javet P Alexandre Mnouchkine, Georges Dancigers D Jean-Paul Belmondo, Françoise Dorléac, Jean Servais, Adolfo Celi, Simone Renant | F & I | 112 min | 1:1,66 | f | 5. Februar 1964

5.7.63

Der schwarze Abt (Franz Josef Gottlieb, 1963)

Nebelhafter Edgar-Wallace-Mummenschanz ohne viel Sinn und mit noch weniger Verstand: ein Schloß im englischen Irgendwo, ein spleeniger Lord (der 18. (und wohl letzte) seines degenerierten Stammes), ein mythischer Schatz, hinter dem alle her sind. Die Zwangslagen, Intrigen, Begierden der miteinander ungut verstrickten Beteiligten überlagern, kreuzen, hintertreiben sich, ohne daß Regisseur Franz Josef Gottlieb daraus viel Spannungskapital zu schlagen vermöchte; unter der Kutte des »schwarzen Abtes« verbirgt sich mal dieser, mal jener; am Ende sind, bis auf das glücklich vereinte Paar (Joachim Fuchsberger & Grit Boettcher) und die Ermittler (Charles Regnier & Eddi Arent), alle über die Klinge einer wirren Dramaturgie gesprungen, und das begehrte Gold begräbt seinen beharrlichsten Sucher. Die Abwesenheit von erzählerischer Prägnanz wird freilich als Spielraum für das eine oder andere schauspielerische Kabinettstückchen genutzt – etwa von Werner Peters (als liebestoll-entschlossener Fettwanst), vor allem aber von Dieter Borsche, der den unbeirrbaren Weg eines (aristokratischen) Fanatikers in den Wahnsinn mit Lust und Verve gestaltet.

R Franz Josef Gottlieb B Johannes Kai, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Martin Böttcher A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Dieter Borsche, Grit Boettcher, Werner Peters, Charles Regnier | BRD | 88 min | 1:2,35 | sw | 5. Juli 1963

6.12.61

Le comte de Monte Christo (Claude Autant-Lara, 1961)

Der Graf von Monte Christo

Claude Autant-Lara verarbeitet Alexandre Dumas’ unvergängliche Vergeltungskolportage zu respektabler (und durchgehend kurzweiliger) filmischer Dutzendware. Die abenteuerlich-romantische Mär von der Wiederkunft des von »guten Freunden« verratenen und in den Abgrund des (vorläufigen) Vergessens gestürzten Seemannes Edmond Dantès in der Gestalt des steinreichen Rachegrafen von Monte Christo prunkt mit einer Reihe visueller Schauwerte, wobei der Regisseur seine eigentliche Stärke, die formale Stilisierung, dem herkömmlicher Naturalismus gediegener Unterhaltungsepik opfert – nur selten sorgen schrille Beleuchtungseffekte oder farbsymbolische Dekors für gestalterischen Mehrwert. Die Akteure (allen voran Louis Jourdan in der Titelrolle und Yvonne Furneaux als seine große Liebe Mercédès) tragen ihre pathosklirrenden Texte mit jener tiefen Inbrunst vor, zu der nur die allerbesten zweitklassigen Schauspieler fähig sind.

R Claude Autant-Lara B Jean Halain V Alexandre Dumas père K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Georges Charlot D Louis Jourdan, Yvonne Furneaux, Pierre Mondy, Jean-Claude Michel, Bernard Dhéran | F & I | 180 min | 1:2,35 | f | 6. Dezember 1961

17.12.57

Legend of the Lost (Henry Hathaway, 1957)

Stadt der Verlorenen

»How could it happen?« – »It happens ...« Drei Menschen in der Wüste Sahara: der hartgesottene Abenteuer Joe January (John Wayne), der besessene Schatzsucher Paul Bonnard (Rossano Brazzi), das gefallene Mädchen Dita (Sophia Loren) – unterwegs von Timbuktu auf der Suche nach dem sagenhaften Goldland Ophir. Aus der brisanten Dreiecksbeziehung der Protagonisten, allesamt so etwas wie Gestrandete in ihrer jeweiligen Biographie, entspinnt Henry Hathaway ein intimes (Melo-)Drama in endloser Weite. Jack Cardiffs prachtvolle Traum-, Wunsch- und Geisterbilder (in Technicolor und Technirama) schwelgen einerseits in lyrisch-märchenhaften Exotismus, bieten andererseits die Folie für die Darstellung psychologischer Spannungsfelder von Tugend und Versuchung, Herzensträgkeit und Mitleid, Einsamkeit und Nähe, Glaube und Desillusion. In den Ruinen einer im Sand verronnenen Stadt spitzt sich die Krise zu, an einem mit bloßen Händen gegrabenen Wasserloch erfahren die verlorenen Seelen ihre Katharsis. »One gets to imagine strange things in the desert.« – »Yeah, one meets them too!«

R Henry Hathaway B Ben Hecht, Robert Presnell K Jack Cardiff M A. F. Lavagnino A Alfred Ybarra Ko Gaia Romanini S Bert Bates P Henry Hathaway D John Wayne, Sophia Loren, Rossano Brazzi, Kurt Kasznar | USA & I | 109 min | 1:2,35 | f | 17. Dezember 1957

# 1186 | 8. Januar 2020

24.6.55

Moonfleet (Fritz Lang, 1955)

Das Schloß im Schatten

»Make your way to Moonfleet.« Ein märchenhafter (Abenteuer-)Film über Gräber und Geister, Unschuld und Niedertracht, Eigennützigkeit und Vertrauen, eine schwarzromantische (Kinder-)Geschichte von Schatzsuche und Einsamkeit, von alten Wunden und noch älteren Geheimnissen, vom falschen Glanz der Oberflächen und vom tiefen Brunnen der Wahrheit. England, 1757: der Waisenknabe John Mohune (Jon Whiteley) kommt in das entlegene Küstendorf Moonfleet, um bei Jeremy Fox (Stewart Granger), dem früheren Verehrer seiner Mutter, Aufnahme zu suchen. Fox, der das marode Anwesen der einstmals reichen Familie Mohune bewohnt, gibt sich alle Mühe, den Ankömmling auf Abstand zu halten, ist er doch keineswegs der Ehrenmann, den der anhängliche John in ihm sehen will, sondern, im Pakt mit einem schurkischen Aristokraten (George Sanders), heimlicher Anführer einer Schmugglerbande. Fritz Lang schickt seinen halbwüchsigen Protagonisten auf eine Initiationsreise durch düstere (Studio-)Landschaften, vorbei an toten Bäumen, glotzenden Statuen, justament Gehenkten, in brausende Stürme, konspirative Stuben, unheimliche Gewölbe. Am Ende des gefahrvollen Weges findet der innige Wunsch des Jungen nach ersatzväterlicher Freundschaft so etwas wie späte Erfüllung, wenn auch die ersehnte Gemeinschaft nur im Moment des unwiderruflichen Abschieds Wirklichkeit werden kann. »The exercise was beneficial.«

R Fritz Lang B Jan Lustig, Margaret Fitts V John Meade Falkner K Robert Planck M Miklós Rózsa A Cedric Gibbons, Hans Peters S Albert Akst P John Houseman D Jon Whiteley, Stewart Granger, George Sanders, Joan Greenwood, Viveca Lindfors | USA | 87 min | 1:2,35 | f | 24. Juni 1955

# 1140 | 3. Januar 2019