30.1.45

Kolberg (Veit Harlan, 1945)

»Ahnungsgrauend, todesmutig, / Bricht der große Morgen an, 
/ Und die Sonne, kalt und blutig, / Leuchtet unsrer blut’gen Bahn.« Veit Harlans (und Joseph Goebbels’) Fresko von der heroischen Verteidigung einer pommerschen Stadt gegen französische Belagerer im Jahre 1807. Intendiert wohl als repräsentative nationalsozialistische Staatsoper über die Einheit von Führer, Volk und Armee, gerät »Kolberg« zum perspektivlosen An- und Durcheinander dramaturgischer Versatzstücke. Weit entfernt von avantgardistischen Collageprinzipien oder einer »Poetik des Fragmentarischen«, versinkt alles (überaus) schlicht und (wenig) ergreifend in gedanklicher und gestalterischer Konfusion – insofern immerhin wirkt die hypertrophe filmische Materialschlacht wie eine Spiegelung der desolaten Zustände ihrer Entstehungszeit: Während ringsumher das Großdeutsche Reich in Trümmer fällt, sprengt Harlan die in Babelsberg errichtete Kulissenstadt in die Luft. Geradezu einfältig erscheinen kinematographische und narrative Komposition: Einem Heer gesichtloser Massenchöre (»Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!«) stellen der Regisseur und seine Autoren (unter ihnen – ungenannt – der Propagandaminister höchstselbst) ein durch uralte Bühnenkonventionen festgelegtes Typenkabinett eindimensionaler Pappkameraden gegenüber: der Feigling und der Hitzkopf, die Mutter der Nation und das tapfere Mädel, der Unsympath und der Teufelskerl, der Fels in der Brandung und der jugendliche Held. Apropos Held: Vor allem Horst Caspar (als Festungs­kommandant Gneisenau) bringt schauspielerisch den berüchtigten ›Reichskanzleistil‹ in den Film ein: hoher Ton, eisiges Pathos, leere Rhetorik. Überhaupt gerinnen die Dialoge zu phraseologischen Appellen, klingen wie sprachgeregelte Leitartikel aus dem ›Panzerbär‹, herausposaunt von lebenden Lautsprechern. Daß diese deklamatorisch-direkte, im Grunde hochgradig verzweifelte Durchhalte-Ansprache im Januar 1945 noch irgendjemanden beeindruckte, geschweige denn überzeugte, darf bezweifelt werden.

R Veit Harlan B Veit Harlan, Alfred Braun K Bruno Mondi M Norbert Schultze A Karl Machus, Erich Zander S Wolfgang Schleif P Veit Harlan D Heinrich George, Kristina Söderbaum, Paul Wegener, Horst Caspar, Gustav Diessl | D | 110 min | 1:1,37 | f | 30. Januar 1945

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