Der Mieter
»These days, relationships with neighbours can be … quite complicated.« Roman Polanskis Gegenstück zu Alfred Hitchcocks »Rear Window«: Wo bei Hitchcock das Fenster zur Loge wird, von der aus sich dem Betrachter die Welt in ihrer (mitunter tödlichen) Vielfalt erschließt, wird bei Polanski der Hof zum Logentheater, von dessen Plätzen aus die Welt den großen Auftritt des Hauptakteurs betrachtet. In beiden Fällen geht es um das Verhältnis von Mensch und Umwelt sowie von Innen und Außen, das heißt auch: von Innen- und Außenwahrnehmung. Während Hitchcock (in sommerlichem New Yorker Setting) elegant mit Blicken und Widerblicken spielt, interessiert sich Polanski (in novembrigem Pariser Ambiente) für die zerstörerischen Kräfte des Sehens und Gesehenwerdens, für Projektionen und Visionen, für Selbst-, Feind- und Wahnbilder. Nach einem Roman des ’Pataphysikers Roland Topor schildert »Le locataire« in realistisch-bedrückender Atmosphäre (Kamera: Sven Nykvist / Bauten: Pierre Guffroy), sparsam untermalt von einem osteuropäisch anmutenden Score (Philippe Sarde) das Schicksal des verunsicherten M. Trelkowsky (M. Polanski), eines Mannes, welcher – umgeben von einer Schar überaus unerquicklicher Nachbarn (Melvyn Douglas, Bernard Fresson, Jo Van Fleet und Shirley Winters) – in seinem schäbigem Appartement durch das, was er sieht, und durch die Art, wie er gesehen wird, zu etwas anderem (gemacht) wird; die Geschichte des Mieters entfaltet sich als giftig-schwarzhumoriger Alptraum, der mit einem markerschütternden Schrei beginnt und mit einem ebensolchen endet.
R Roman Polanski B Roman Polanski, Gérard Brach V Roland Topor K Sven Nykvist M Philippe Sarde A Pierre Gueffroy S Françoise Bonnot P Andrew Braunsberg D Roman Polanski, Isabelle Adjani, Melvyn Douglas, Lila Kedrova, Shelley Winters | F | 126 min | 1:1,66 | f | 26. Mai 1976
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26.5.76
20.6.74
Chinatown (Roman Polanski, 1974)
Chinatown
»Forget it, Jake. It’s Chinatown.« An Chandler und Hammett orientiertes Lumpenstück um politisch-wirtschaftliche Schweinereien und familiäre Abgründe im L.A. der 1930er Jahre: private eye J.J. (›Jake‹) Gittes (Jack Nicholson) wird von Autor Robert Towne in einen überaus komplexen Fall (concerning ›water and power‹) verwickelt und dabei in einen Gefühlsstrudel gezogen, der um eine gebrochen-fatale Frau (Faye Dunaway) kreist und an des Schnüfflers alte seelische Wunden rührt. »Chinatown« – der Titel bezeichnet weniger einen konkreten Handlungsort, sondern steht vielmehr (analog zu ›Watergate‹) als Metapher für Vertrauensverlust, Undurchschaubarkeit und Amoralität – schwelgt in nostalgischem Pessimismus: Jerry Goldsmiths mitternächtlicher Score und John Alonzos düster-geschmackvolle Fotografie sorgen für kultiviert-depressive Stimmung, während Roman Polanski die ausweglose Detektivgeschichte mit dem beherrschten, beinahe unpersönlichen Formgefühl eines contract directors der Studioära inszeniert. Der Clou des Films ist die Besetzung des väterlichen Schurken Noah Cross mit John Huston, jenem Regisseur, der mit »The Maltese Falcon« einst die Stilepoche des film noir einläutete: »You may think you know what you’re dealing with, but, believe me, you don’t.«
R Roman Polanski B Robert Towne K John A. Alonzo M Jerry Goldsmith A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Robert Evans D Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman | USA | 130 min | 1:2,35 | f | 20. Juni 1974
»Forget it, Jake. It’s Chinatown.« An Chandler und Hammett orientiertes Lumpenstück um politisch-wirtschaftliche Schweinereien und familiäre Abgründe im L.A. der 1930er Jahre: private eye J.J. (›Jake‹) Gittes (Jack Nicholson) wird von Autor Robert Towne in einen überaus komplexen Fall (concerning ›water and power‹) verwickelt und dabei in einen Gefühlsstrudel gezogen, der um eine gebrochen-fatale Frau (Faye Dunaway) kreist und an des Schnüfflers alte seelische Wunden rührt. »Chinatown« – der Titel bezeichnet weniger einen konkreten Handlungsort, sondern steht vielmehr (analog zu ›Watergate‹) als Metapher für Vertrauensverlust, Undurchschaubarkeit und Amoralität – schwelgt in nostalgischem Pessimismus: Jerry Goldsmiths mitternächtlicher Score und John Alonzos düster-geschmackvolle Fotografie sorgen für kultiviert-depressive Stimmung, während Roman Polanski die ausweglose Detektivgeschichte mit dem beherrschten, beinahe unpersönlichen Formgefühl eines contract directors der Studioära inszeniert. Der Clou des Films ist die Besetzung des väterlichen Schurken Noah Cross mit John Huston, jenem Regisseur, der mit »The Maltese Falcon« einst die Stilepoche des film noir einläutete: »You may think you know what you’re dealing with, but, believe me, you don’t.«
R Roman Polanski B Robert Towne K John A. Alonzo M Jerry Goldsmith A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Robert Evans D Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman | USA | 130 min | 1:2,35 | f | 20. Juni 1974
7.12.72
Che? (Roman Polanski, 1972)
Was?
Statt »Was?« könnte Roman Polanskis Erotikfarce auch »Wie jetzt?« heißen oder »Sydne Rome zeigt in Carlo Pontis Villa ihre Möpse«: Auf der Flucht vor drei Vergewaltigern gerät die junge und knackige Nancy in das topographisch und zwischenmenschlich verwinkelte Domizil eines sterbenskrank-endgeilen Kunstsammlers (Hugh Griffith), der mit einer illustren Rotte dekadenter Erbschleicher (unter ihnen Marcello Mastroianni als Ex-Zuhälter, Tigerfellträger und Uniformfetischist) seine letzten Tage verbringt. Die assoziativ-absurde Szenenfolge erscheint wie eine comichafte Jet-Set-Variation von »Alice in Wonderland« oder – mit all den Déjà-vus und Sado-Maso-Obsessionen – wie eine Hommage an Alain Robbe-Grillets kunstvollen Trivialroman »La maison de rendez-vous«. Polanskis Gesellschaftskritk geht nicht tiefer als die Poritze seiner Hauptdarstellerin, aber der Film macht den Eindruck, als hätten alle Beteiligten eine tolle Zeit auf dem Sommersitz des Produzenten verbracht.
R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Giuseppe Ruzzolini, Marcello Gatti M Claudio Gizzi A Aurelio Crugnola S Alastaire McIntyre P Carlo Ponti D Marcello Mastroianni, Sydne Rome, Hugh Griffith, Guido Alberti, Gianfranco Piacentini | I & F & BRD | 114 min | 1:2,35 | f | 7. Dezember 1972
Statt »Was?« könnte Roman Polanskis Erotikfarce auch »Wie jetzt?« heißen oder »Sydne Rome zeigt in Carlo Pontis Villa ihre Möpse«: Auf der Flucht vor drei Vergewaltigern gerät die junge und knackige Nancy in das topographisch und zwischenmenschlich verwinkelte Domizil eines sterbenskrank-endgeilen Kunstsammlers (Hugh Griffith), der mit einer illustren Rotte dekadenter Erbschleicher (unter ihnen Marcello Mastroianni als Ex-Zuhälter, Tigerfellträger und Uniformfetischist) seine letzten Tage verbringt. Die assoziativ-absurde Szenenfolge erscheint wie eine comichafte Jet-Set-Variation von »Alice in Wonderland« oder – mit all den Déjà-vus und Sado-Maso-Obsessionen – wie eine Hommage an Alain Robbe-Grillets kunstvollen Trivialroman »La maison de rendez-vous«. Polanskis Gesellschaftskritk geht nicht tiefer als die Poritze seiner Hauptdarstellerin, aber der Film macht den Eindruck, als hätten alle Beteiligten eine tolle Zeit auf dem Sommersitz des Produzenten verbracht.
R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Giuseppe Ruzzolini, Marcello Gatti M Claudio Gizzi A Aurelio Crugnola S Alastaire McIntyre P Carlo Ponti D Marcello Mastroianni, Sydne Rome, Hugh Griffith, Guido Alberti, Gianfranco Piacentini | I & F & BRD | 114 min | 1:2,35 | f | 7. Dezember 1972
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12.6.68
Rosemary’s Baby (Roman Polanski, 1968)
Rosemaries Baby
»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«
R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968
# 1015 | 9. August 2016
»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«
R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968
# 1015 | 9. August 2016
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13.11.67
Dance of the Vampires (Roman Polanski, 1967)
Tanz der Vampire
»That night, penetrating deep into the heart of Transylvania, Professor Abronsius was unaware that he was on the point of reaching the goal of his mysterious investigations.« Wie kommt das Böse in die Welt? Vielleicht durch das Gute, durch die Kräfte der Vernunft, die irrtümlich glauben, das Dunkel, den Wahnsinn, das Verderben mit dem Licht der Erkenntnis blenden zu können, und in stolzem Übereifer am Ende selbst zum Helfershelfer des Erzübels werden – so wie der besessene Fledermausforscher (»The Bat and Its Mysteries«) Professor Abronsius (Jack MacGowran), der mit seinem verschreckten Gehilfen Alfred (Roman Polanski) in die Einsamkeit der winterlichen Karpaten reist, um der weltbedrohenden vampiristischen Sippschaft des Grafen Krolock (»I am a night bird. I am not much good in the daytime.«) den Garaus zu machen, und das genaue Gegenteil erreicht. Polanskis, von Douglas Slocombe in Chagallblau und Blutrot getauchte, slapstickhaft-surreale genreparodistische Horrorfarce enthüllt geistreich die Verrücktheit der Ratio, deren Destruktionspotential mindestens so groß ist wie dasjenige der Mächte der Finsternis. »That night, fleeing from Transylvania, Professor Abronsius never guessed he was carrying away with him the very evil he had wished to destroy.«
R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Douglas Slocombe M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Wilfred Shingleton S Alastair McIntyre P Gene Gutowski, Martin Ransohoff D Jack MacGowran, Roman Polanski, Ferdy Mayne, Sharon Tate, Iain Quarrier | UK & USA | 108 min | 1:2,35 | f | 13. November 1967
# 1014 | 9. August 2016
»That night, penetrating deep into the heart of Transylvania, Professor Abronsius was unaware that he was on the point of reaching the goal of his mysterious investigations.« Wie kommt das Böse in die Welt? Vielleicht durch das Gute, durch die Kräfte der Vernunft, die irrtümlich glauben, das Dunkel, den Wahnsinn, das Verderben mit dem Licht der Erkenntnis blenden zu können, und in stolzem Übereifer am Ende selbst zum Helfershelfer des Erzübels werden – so wie der besessene Fledermausforscher (»The Bat and Its Mysteries«) Professor Abronsius (Jack MacGowran), der mit seinem verschreckten Gehilfen Alfred (Roman Polanski) in die Einsamkeit der winterlichen Karpaten reist, um der weltbedrohenden vampiristischen Sippschaft des Grafen Krolock (»I am a night bird. I am not much good in the daytime.«) den Garaus zu machen, und das genaue Gegenteil erreicht. Polanskis, von Douglas Slocombe in Chagallblau und Blutrot getauchte, slapstickhaft-surreale genreparodistische Horrorfarce enthüllt geistreich die Verrücktheit der Ratio, deren Destruktionspotential mindestens so groß ist wie dasjenige der Mächte der Finsternis. »That night, fleeing from Transylvania, Professor Abronsius never guessed he was carrying away with him the very evil he had wished to destroy.«
R Roman Polanski B Gérard Brach, Roman Polanski K Douglas Slocombe M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Wilfred Shingleton S Alastair McIntyre P Gene Gutowski, Martin Ransohoff D Jack MacGowran, Roman Polanski, Ferdy Mayne, Sharon Tate, Iain Quarrier | UK & USA | 108 min | 1:2,35 | f | 13. November 1967
# 1014 | 9. August 2016
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17.6.66
Cul-de-sac (Roman Polanski, 1966)
Wenn Katelbach kommt ...
»Well, here we are.« – »Where?« – »In the shit.« Zwei Gangster, der angeschossene Dickie (bullig: Lionel Stander) und der schwerverletzte Albie (schrullig: Jack MacGowran), entern nach einem (offenbar mißglückten) Coup das entlegene Anwesen des retirierten Geschäftsmannes George (clownesk: Donald Pleasence) und seiner jungen (zweiten) Gattin Teresa (begehrlich: Françoise Dorléac). Der burgartige Felsenbau auf einer kleinen Gezeiteninsel, die bei Flut vollständig vom Meer umgeben ist, wird zum Schauplatz einer absurd-brutalen Komödie der Herrschafts- und Geschlechterbeziehungen. In wechselnden Figurenkonstellationen läßt Roman Polanski die kleine geschlossene Gesellschaft (gelegentlich aufgestört durch ungebetene Gäste) immer neue Muster von Macht und Knechtschaft, von Anziehung und Abstoßung, von Verlangen und Impotenz durchdeklinieren. Gilbert Taylors tiefenscharfe, kontrastreiche Schwarzweißbilder zeigen die fortgesetzten körperlichen, intellektuellen und klassenmäßigen Auseinandersetzungen bald mit kühler Distanz, bald in boshafter Verzerrung, und auch eine metaphysische Komponente spielt in die makabre Psychofarce hinein: Der von den festsitzenden Verbrechern telefonisch zur Hilfe gerufene Boß Katelbach bleibt so abwesend wie Samuel Becketts Godot. Seine letzte Botschaft an die Gestrandeten lautet: »You’re on your own.«
R Roman Polanski B Roman Polanski, Gérard Brach K Gilbert Taylor M Krzysztof Komeda A Voytek (= Wojciech Szendzikowski) S Alastair McIntyre P Gene Gutowski D Donald Pleasence, Françoise Dorléac, Lionel Stander, Jack MacGowran, Jacqueline Bisset | UK | 112 min | 1:1,66 | sw | 17. Juni 1966
# 1019 | 18. August 2016
»Well, here we are.« – »Where?« – »In the shit.« Zwei Gangster, der angeschossene Dickie (bullig: Lionel Stander) und der schwerverletzte Albie (schrullig: Jack MacGowran), entern nach einem (offenbar mißglückten) Coup das entlegene Anwesen des retirierten Geschäftsmannes George (clownesk: Donald Pleasence) und seiner jungen (zweiten) Gattin Teresa (begehrlich: Françoise Dorléac). Der burgartige Felsenbau auf einer kleinen Gezeiteninsel, die bei Flut vollständig vom Meer umgeben ist, wird zum Schauplatz einer absurd-brutalen Komödie der Herrschafts- und Geschlechterbeziehungen. In wechselnden Figurenkonstellationen läßt Roman Polanski die kleine geschlossene Gesellschaft (gelegentlich aufgestört durch ungebetene Gäste) immer neue Muster von Macht und Knechtschaft, von Anziehung und Abstoßung, von Verlangen und Impotenz durchdeklinieren. Gilbert Taylors tiefenscharfe, kontrastreiche Schwarzweißbilder zeigen die fortgesetzten körperlichen, intellektuellen und klassenmäßigen Auseinandersetzungen bald mit kühler Distanz, bald in boshafter Verzerrung, und auch eine metaphysische Komponente spielt in die makabre Psychofarce hinein: Der von den festsitzenden Verbrechern telefonisch zur Hilfe gerufene Boß Katelbach bleibt so abwesend wie Samuel Becketts Godot. Seine letzte Botschaft an die Gestrandeten lautet: »You’re on your own.«
R Roman Polanski B Roman Polanski, Gérard Brach K Gilbert Taylor M Krzysztof Komeda A Voytek (= Wojciech Szendzikowski) S Alastair McIntyre P Gene Gutowski D Donald Pleasence, Françoise Dorléac, Lionel Stander, Jack MacGowran, Jacqueline Bisset | UK | 112 min | 1:1,66 | sw | 17. Juni 1966
# 1019 | 18. August 2016
11.6.65
Repulsion (Roman Polanski, 1965)
Ekel
»Have you fallen asleep?« Die Welt aus der Sicht von Carole Ledoux. Roman Polanskis erste Arbeit im Westen: ein intimes Horrorszenario, die Fallstudie einer paranoiden Schizophrenie, eine Zimmerreise in den Wahnsinn. Zunächst wirkt die engelhafte junge Belgierin (somnambul: Catherine Deneuve), die zusammen mit ihrer Schwester in London lebt und als Maniküre in einem Schönheitssalon arbeitet, auf ihre Umgebung lediglich verträumt und abwesend, später zeigt sie sich ernsthaft verstört, am Ende ist sie gänzlich umnachtet; erscheint Caroles instinktiver Widerwille gegen (männliche) Zudringlichkeit anfangs noch nachvollziehbar, erweist sich ihre zunehmende Kommunikationsverweigerung bald schon als Symptom einer ernsthaften geistigen Erkrankung. Während der erste Teil des Films eher der klinischen Untersuchung einer Entfremdung gleicht, verschiebt Polanski in der zweiten Hälfte die Perspektive: Caroles subjektive Wahrnehmung – vorbeihuschende Silhouetten im Spiegel, Räume, die sich unvermittelt weiten, jäh aufspringende Risse im Putz, Hände, die aus Wänden greifen, Überfälle eines imaginären Vergewaltigers – beherrscht die Narration. Dem fortschreitenden inneren Zerfall der Protagonistin entspricht die äußere Verwahrlosung der Wohnung, in der sie sich (während die Schwester Urlaub in Italien macht) vollständig isoliert; zwischen einem verwesenden Kaninchen und keimenden Kartoffeln findet die panische Abwehr von (männlicher) Berührung schließlich ihren radikalen Ausdruck.
R Roman Polanski B Roman Polanski, Gérard Brach K Gilbert Taylor M Chico Hamilton A Seamus Flannery S Alastair McIntyre P Gene Gutowski D Catherine Deneuve, John Fraser, Yvonne Furneaux, Ian Hendry, Patrick Wymark | UK | 105 min | 1:1,66 | sw | 11. Juni 1965
# 1018 | 18. August 2016
»Have you fallen asleep?« Die Welt aus der Sicht von Carole Ledoux. Roman Polanskis erste Arbeit im Westen: ein intimes Horrorszenario, die Fallstudie einer paranoiden Schizophrenie, eine Zimmerreise in den Wahnsinn. Zunächst wirkt die engelhafte junge Belgierin (somnambul: Catherine Deneuve), die zusammen mit ihrer Schwester in London lebt und als Maniküre in einem Schönheitssalon arbeitet, auf ihre Umgebung lediglich verträumt und abwesend, später zeigt sie sich ernsthaft verstört, am Ende ist sie gänzlich umnachtet; erscheint Caroles instinktiver Widerwille gegen (männliche) Zudringlichkeit anfangs noch nachvollziehbar, erweist sich ihre zunehmende Kommunikationsverweigerung bald schon als Symptom einer ernsthaften geistigen Erkrankung. Während der erste Teil des Films eher der klinischen Untersuchung einer Entfremdung gleicht, verschiebt Polanski in der zweiten Hälfte die Perspektive: Caroles subjektive Wahrnehmung – vorbeihuschende Silhouetten im Spiegel, Räume, die sich unvermittelt weiten, jäh aufspringende Risse im Putz, Hände, die aus Wänden greifen, Überfälle eines imaginären Vergewaltigers – beherrscht die Narration. Dem fortschreitenden inneren Zerfall der Protagonistin entspricht die äußere Verwahrlosung der Wohnung, in der sie sich (während die Schwester Urlaub in Italien macht) vollständig isoliert; zwischen einem verwesenden Kaninchen und keimenden Kartoffeln findet die panische Abwehr von (männlicher) Berührung schließlich ihren radikalen Ausdruck.
R Roman Polanski B Roman Polanski, Gérard Brach K Gilbert Taylor M Chico Hamilton A Seamus Flannery S Alastair McIntyre P Gene Gutowski D Catherine Deneuve, John Fraser, Yvonne Furneaux, Ian Hendry, Patrick Wymark | UK | 105 min | 1:1,66 | sw | 11. Juni 1965
# 1018 | 18. August 2016
9.3.62
Nóz w wodzie (Roman Polanski, 1962)
Das Messer im Wasser
»L'enfer c'est les autres.« Thrilleresk-psychologisches Kammerspiel unter freiem Himmel und auf offener See. Zwei Männer und eine Frau, 24 Stunden lang zusammen auf einem Segelboot: der Ältere, ein arrivierter Sack = Inbegriff der Selbstgefälligkeit; der Jüngere, ein reizbarer Herumtreiber = Personifikation des Aufbegehrens; die Frau (des Älteren) = Verkörperung der Abgeklärtheit; das (ins Wasser fallende) Messer = Katalysator des (erst spielerischen, dann immer existenzieller werdenden) Kampfes zwischen den Akteuren. Roman Polanskis sorgfältig durchkomponiertes huis clos erzählt – in lyrisch-expressiven, ultratiefen scharfen Bildern (Jerzy Lipman) zu einem bald sonntäglich-harmlos tuenden, bald dissonant querschießenden Jazz-Score (Krzysztof Komeda) – eine intensive ménage à trois, deren zeitliche und örtliche Verdichtung das abgrundtiefe Einanderfremdsein der Beteiligten bloßlegt.
R Roman Polanski B Jerzy Skolimowski, Roman Polanski, Jakub Goldberg K Jerzy Lipman M Krzysztof Komeda A Bolesław Kamykowski S Halina Prugar P Stanisław Zylewicz D Leon Niemczyk, Jolanta Umecka, Zygmunt Malanowicz | PL | 94 min | 1:1,37 | sw | 9. März 1962
»L'enfer c'est les autres.« Thrilleresk-psychologisches Kammerspiel unter freiem Himmel und auf offener See. Zwei Männer und eine Frau, 24 Stunden lang zusammen auf einem Segelboot: der Ältere, ein arrivierter Sack = Inbegriff der Selbstgefälligkeit; der Jüngere, ein reizbarer Herumtreiber = Personifikation des Aufbegehrens; die Frau (des Älteren) = Verkörperung der Abgeklärtheit; das (ins Wasser fallende) Messer = Katalysator des (erst spielerischen, dann immer existenzieller werdenden) Kampfes zwischen den Akteuren. Roman Polanskis sorgfältig durchkomponiertes huis clos erzählt – in lyrisch-expressiven, ultratiefen scharfen Bildern (Jerzy Lipman) zu einem bald sonntäglich-harmlos tuenden, bald dissonant querschießenden Jazz-Score (Krzysztof Komeda) – eine intensive ménage à trois, deren zeitliche und örtliche Verdichtung das abgrundtiefe Einanderfremdsein der Beteiligten bloßlegt.
R Roman Polanski B Jerzy Skolimowski, Roman Polanski, Jakub Goldberg K Jerzy Lipman M Krzysztof Komeda A Bolesław Kamykowski S Halina Prugar P Stanisław Zylewicz D Leon Niemczyk, Jolanta Umecka, Zygmunt Malanowicz | PL | 94 min | 1:1,37 | sw | 9. März 1962
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