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13.1.72

Trotz alledem! (Günter Reisch, 1972)

Während seine revisionistischen Ex-Genossen Ebert (Knebelbart), Scheidemann (Halbglatze) und Noske (Zwicker) vor dem verfaulten Gestern (= dem bourgeoisen Kapital und seinen fuchskragenbesetzten militärischen Schergen) zu Kreuze kriechen, ist der Blick des zuverlässigen Karl Liebknecht unbeirrt auf die rote Zukunft gerichtet, auf jene Zeit, da Klarheit und Wahrheit gesiegt haben werden. Von den diesbezüglichen revolutionären Kämpfen der Jahreswende 1918/1919 zur »geistigen und materiellen Erlösung der darbenden Massen« berichtet Günter Reischs zweites Liebknecht-Epos »Trotz alledem!« – der todgeweihte Held, den die Erzählung zum deutschen Lenin hochzustilisieren sich müht, agiert wiederum in erster Linie als Redner, schwärmt von »Feuer und Geist, Seele und Herz, Wille und Tat«. Manchmal wendet sich die Kamera (Jürgen Brauer) vom Vortragenden ab und der Hörerschaft zu – dann findet sie überraschend starke Bilder: mitreißende Massenchoreographien, aber auch intime, hintergründige Arrangements. PS: Der gesellschaftliche Umsturz bleibt letztlich aus, doch merke: »Wir werden geschlagen, aber wir sind nicht besiegt. Das ist nicht der letzte Kampf.«

R Günter Reisch B Michael Tschesno-Hell, Günter Karl K Jürgen Brauer M Ernst Hermann Meyer A Dieter Adam, Georg Kranz S Monika Schindler P Manfred Renger D Horst Schulze, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Jutta Hoffmann, Ludmilla Kasjanowa | DDR | 125 min | 1:2,35 | f | 13. Januar 1972

9.9.65

Solange Leben in mir ist (Günter Reisch, 1965)

»Ein Held? Das ist ein Sozialist der Tat!« Gemessen an seiner eigenen Definition ist der Karl Liebknecht des Films (weniger verkörpert denn verstimmlicht von Horst Schulze) kein Held. Liebknecht ist ein Sozialist des Wortes. Er redet und redet und redet: Er hält Reden im Reichstag und im Kaffeehaus, in seinem Wohnzimmer und in freier Natur, im Schützengraben und vor Gericht; er richtet Adressen an seine geliebte Frau und an befreundete Proletarier, er referiert vor wutschnaubenden Gegnern und enthusiastischen Genossen, und noch zu seiner zehnjährigen Tochter spricht er wie zur Nachwelt. »Solange Leben in mir ist«, der – aus streng parteilicher Sicht – die Biographie des aufrechten, friedensliebenden Revolutionärs vom Sommer 1914 (seinem einsamen »Nein!« zu den Kriegskrediten) bis zum Sommer 1916 (seiner Verurteilung wegen »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!« = Hochverrat) in perfekt austarierten, wie aus grauem Stein geschlagenen Breitwandbildern nachzeichnet, könnte ebensogut den Titel »Solange Stimme in mir ist« tragen.

R Günter Reisch B Michael Tschesno-Hell, Günter Reisch, Hermann Herlinghaus K Horst E. Brandt M Ernst Hermann Meyer A Willy Schiller, Dieter Adam S Bärbel Weigel P Gerd Golde D Horst Schulze, Albert Hetterle, Erika Dunkelmann, Jutta Hoffmann, Ludmilla Kasjanowa | DDR | 114 min | 1:2,35 | sw | 9. September 1965

7.12.56

Der Hauptmann von Köln (Slatan Dudow, 1956)

Köln, in den Jahren des Wirtschaftwunders. Die Neonreklamen blinken, aber der arbeitslose Kellner Hans Albert Hauptmann (Rolf Ludwig) kriecht auf dem Zahnfleisch. Als er bei einem verschwitzten Kameradschaftsabend ehemaliger Wehrmachtssoldaten mit einem gewissen Hauptmann Hans Albert verwechselt wird, schlüpft er, ohne lange zu fackeln, in die Rolle des totgeglaubten Offiziers. Während der echte Hauptmann (Erwin Geschonneck), der sich wegen einiger häßlicher Kriegsverbrechen totstellen mußte, als Untermieter bei seiner eigenen Witwe lebt, wird der falsche Hauptmann von den Herren (und Damen) der Bonner Republik empfangen wie ein verlorener Sohn – und macht steile Karriere: Personalchef bei der Montan AG, Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär in spe … Schon in »Frauenschicksale« zeigte Defa-Regisseur Slátan Dudow ein Faible für die cartooneske Ausmalung westlicher Lebensform; »Der Hauptmann von Köln«, eine grelle Politfarce, ein antifaschistisches Graubuch in Agfacolor, bietet ihm Gelegenheit, seiner filmisch-satirischen Leidenschaft ausgiebig zu frönen. (Vielleicht etwas zu ausgiebig – ein wenig Straffung hätte dem Werk nicht geschadet.) Wo das Adenauer-Kino (wenn überhaupt) höchstens kabarettistische Anspielungen auf bestimmte Entwicklungen im eigenen Lande wagt, läßt Dudow in Oskar Pietschs phantastisch-realistischen Studiobauten ein naturgetreu überzeichnetes Panoptikum bundesdeutscher Typen aufmarschieren: klüngelnde Amtsträger und zielbewußte Wirtschaftkapitäne, willig-fordernde society girls und alte Kämpen, die explosive Morgenluft wittern. Ob es sich dabei um die tendenziöse Verzerrung bedauerlicher Einzelfälle oder um das schonungslose Abbild symptomatischer Erscheinungen handelt, mag der Betrachter, je nach Standpunkt, selbst entscheiden.

R Slátan Dudow B Michael Tschesno-Hell, Henryk Keisch, Slátan Dudow K Werner Bergmann, Helmut Bergmann M Wilhelm Neef A Oskar Pietsch S Lena Neumann P Adolf Fischer D Rolf Ludwig, Erwin Geschonneck, Christel Bodenstein, Kurt Steingraf, Marie-Luise Etzel | DDR | 118 min | 1:1,37 | f | 7. Dezember 1956

7.10.55

Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse (Kurt Maetzig, 1955)

»Thälmann ist niemals gefallen!« Kurt Maetzigs zweites Hohelied des kommunistischen Führerkultes schiebt das titelgebende Denkmal durch die reichsdeutschen 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts – von der parlamentarischen Quatschbude in spätrepublikanische Grabenkämpfe und weiter hinter die festverriegelte Tür der Zuchthauszelle. Eine über weite Strecken der Handlung weggesperrte Hauptfigur wirft dramaturgische Probleme auf, zumal in einer biographischen Lobeshymne – so wird der immobile Protagonist zum guten Geist, der die internationalistischen Getreuen beseelt (während er seine faschistischen Kontrahenten zur Verzweiflung bringt). Eine bruchstückhafte Geschichts(klitter)stunde zwischen Widerstand und Weltkrieg, abenteuerreichem Agitprop und politischem Melodram: Wiederum ringt die rote Tugend mit einem Konglomerat aus schwachköpfiger Sozialdemokratie und schuftigem Raubtierkapitalismus, ein paar groteske Nazi-Chargen ziehen Fratzen (allen voran Fritz Diez, der Zonen-Hitler vom Dienst), während Günther Simon in seiner Rolle als »Stimme und Faust der Nation« alias »Deutschlands unsterblicher Sohn« sich redlich (wenn auch vergeblich) müht, dem ideologischen Standbild eine Spur von Leben einzuhauchen.

R Kurt Maetzig B Willi Bredel, Michael Tschesno-Hell, Kurt Maetzig K Karl Plintzner, Horst E. Brandt M Wilhelm Neef A Willi Schiller, Otto Erdmann S Lena Neumann P Adolf Fischer D Günther Simon, Hans-Peter Minnetti, Karla Runkehl, Paul R. Henker, Hans Wehrl, Michel Piccoli | DDR | 140 min | 1:1,37 | f | 7. Oktober 1955

9.3.54

Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (Kurt Maetzig, 1954)

»Daß wir im Recht sind, versteht sich von selbst.« Granitrote Hagiographie im Duktus sowjetischer Stalin-Epen. Ernst Thälmann (Günther Simon), geborener Kommunist, auf seinem Weg aus den Gräben des Ersten Weltkriegs in die Klassenkämpfe der Weimarer Republik: »Teddy« kann alles, weiß alles, ist immer schon da, und die hinterfotzigen Sozialdemokraten sind sowieso an allem schuld. Die Pflichtschuldigkeit, mit der Regisseur Kurt Maetzig und seine nationalpreisgekrönten Skribenten in allerhöchstem Parteiauftrag propagandistische Locken auf der Glatze des Protagonisten drehen, erzeugt über weite Strecken nichts als panegyrische Ödnis, einzig die schwungvolle (wenn auch historisch einigermaßen umfrisierte) Nachinszenierung des von der KP Wasserkante 1923 losgetretenen Hamburger Aufstandes (gedreht in den Straßen von Dresden-Neustadt) bricht gestalterisch aus dem statischen Einerlei heraus. Erkenntniswert bietet das agfacolorierte Heldenstück bestenfalls im Hinblick auf Geschichtsbild und Filmgeschmack der führenden SED-Genossen.

R Kurt Maetzig B Willi Bredel, Michael Tschesno-Hell, Kurt Maetzig K Karl Plintzner M Wilhelm Neef A Willi Schiller, Otto Erdmann S Lena Neumann P Adolf Fischer D Günther Simon, Hans-Peter Minnetti, Erich Franz, Erika Dunkelmann, Raimund Schelcher, Michel Piccoli | DDR | 126 min | 1:1,37 | f | 9. März 1954