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18.4.67

Caprice (Frank Tashlin, 1967)

Caprice

»I'm the spy who came in from the cold cream.« Ein Doris-Day-Film, der beginnt wie ein James-Bond-Abenteuer: mit einem tödlichen Ski-Verfolgungsrennen in den Schweizer Alpen … Frank Tashlin verwickelt die (mittlerweile über 40jährige) ewige Jungfrau in einen vor allem theoretisch guten spy spoof um Geheimformeln und Jugendkult, um Liebestraum und Doppelspiel, um Narkotika und geschäftliche Konkurrenz, die über Leichen geht. »To die, to sleep;
 to sleep: perchance to dream« – das Hamlet-Zitat wird nicht ohne Grund mehrfach vorgetragen. Patricia Foster (alias Philippa Fowler) jagt als Industriespionin einerseits nach der Rezeptur eines wasserfesten Haarsprays, andererseits will sie den Mord an ihrem Vater aufklären. Dabei trifft die Beton-Blondine auf einen attraktiv-zupackenden Counter-Spitzel (Richard Harris), auf einen hochstaplerisch-cholerischen Chemiker (Ray Walston) und auf einen soigniert-skrupellosen Unternehmer (Edward Mulhare) … Tashlin, der Grandseigneur des zynischen Slapstick, der Meister der grafischer Stilisierung, ist immer gut für grotesk-dekorative Bilderfindungen – so auch (unterstützt von den psychedelischen Kreationen des Kostümbildners Ray Aghayan) in diesem bonbonbunten Fall –, aber Tashlin, der Brachial-Tati des Konsumzeitalters, der systemkritische Vaudeville-Bruder von Godard und Antonioni, zeigt sich in »Caprice« (trotz passender Themenwahl) nicht mehr ganz auf der Höhe seiner subversiven Kunst.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Jay Jayson K Leon Shamroy M Frank De Vol A Jack Martin Smith, William Creber S Robert L. Simpson P Martin Melcher, Aaron Rosenberg D Doris Day, Richard Harris, Ray Walston, Jack Kruschen, Edward Mulhare | USA | 98 min | 1:2,35 | f | 18. April 1967

9.6.66

The Glass Bottom Boat (Frank Tashlin, 1966)

Spion in Spitzenhöschen

»She’s a pretty strange acting female.« Space Race, Schwerelosigkeit, Spionage und die Formel zur Koordination von Mars und Venus; aus den Tiefen des Pazifik vor der Insel Santa Catalina, durch eine vollautomatische Küche, hoch hinauf in den (siebten) Himmel … Frank Tashlin inszeniert (Meer-)Jungfrau Doris Day als vorgebliche Mata Hari der Pop-Moderne – ihr wahnsinniges Ungeschick, ihre platinblonde Schlichtheit, ihre fundamentalistische Hausfrauenhaftigkeit erscheinen im Vergleich zur vertrottelten Paranoia der sie umgebenden Männer (Dom De Louise als linkischer Agent wider Willen, Paul Lynde als beschränkter Sicherheitsmann im Fummel, Edward Andrews als mißtrauisch-lüsterner NASA-General) und zur Künstlichkeit der Welt, die diese Männer geschaffen haben, geradezu erschreckend normal, vernünftig, liebenswert. Kein Wunder also, daß Raumfahrt-Tycoon Rod Taylor dieser ziemlich seltsam agierenden Frau mit Haut und Haaren verfällt … Tashlin bringt Days blitzsauberes Image zielstrebig (und kinematographisch fruchtbar) auf den Punkt, ironisiert es in einem Screwball-Ballett der konsequenten Fehltritte. Verwechslung und Verstellung, Slapstick und Romantik – »soft as the starlight in the sky«.

R Frank Tashlin B Everett Freeman K Leon Shamroy M Frank De Vol A Edward C. Carfagno, George W. Davis S John McSweeney P Everett Freeman, Martin Melcher D Doris Day, Rod Taylor, Arthur Godfrey, Paul Lynde, Dom DeLouise | USA | 110 min | 1:2,35 | f | 9. Juni 1966

# 783 | 21. Oktober 2013

1.8.65

The Alphabet Murders (Frank Tashlin, 1965)

Die Morde des Herrn ABC

»This is London. Nothing is going to happen.« Eigentlich ist der belgische (!) Meister­detektiv Hercule Poirot nur an die Themse gereist, um seinen Schneider aufzusuchen, doch die nach Aufklärung schreienden Mordtaten lassen (natürlich) nicht lange auf sich warten. Albert Aachen, Betty Bernard, Sir Carmichael Clarke, Duncan Doncaster heißen die Opfer, die mit vergifteten Pfeilen abgeschossen werden – offenbar von einer alphabetfixierten Psychotikerin (Anita Ekberg als schöne, große, blonde und völlig verrückte (?) Serienkillerin Amanda Beatrice Cross) … Mit parodistischem Gusto, cartoonesken Bilderfindungen sowie einer absolut überzeugenden Fehlbesetzung der Hauptrolle (wie aus dem Ei gepellt: Tony Randall) stellt Frank Tashlin seine absurd-vergnügliche, cool-klamaukige Kriminalfarce in die Tradition der 1960er Miss-Marple-Adaptionen (insbesondere hörbar gemacht durch den Komponisten Ron Goodwin) und geht zugleich einen Schritt über die altjüngferlichen Verbrecherjagden hinaus. Eine dysfunktionale Familie und ein großes Vermögen, atemberaubende Schlußfolgerungen des kombinatorischen Genies und polizeiliche Blindheit, ein Labyrinth falscher Spuren und ein Club voller Exzentriker – »The Alphabet Murders« ist verarschende Huldigung und respektvolle Dekonstruktion erzbritischer Whodunit-Stereotypen in einem filmischen Atemzug. Robert Morley als schnaufender Poirot-Sidekick Captain Hastings gibt der aparten Genrepersiflage den fetten Rest.

R Frank Tashlin B David Pursall, Jack Seddon V Agatha Christie K Desmond Dickinson M Ron Goodwin A William C. Andrews S John Victor-Smith P Lawrence P. Bachmann D Tony Randall, Anita Ekberg, Robert Morley, Maurice Denham, Guy Rolfe | UK | 90 min | 1:1,66 | sw | 1. August 1965

16.12.64

The Disorderly Orderly (Frank Tashlin, 1964)

Der Tölpel vom Dienst

»Don’t try so hard!« Weil Arztsohn Jerome Littlefield (Jerry Lewis) zu empathisch auf Krankheit und Leid reagiert, kann er selbst nicht Doktor werden; er schlägt sich (und andere) ersatzweise als Pfleger durch, wobei aus seiner psychischen Verklemmung ein geradezu apokalyptisches Helfersyndrom entspringt … Es dauert ein Weilchen, bis es Frank Tashlin gelingt, den Hauptdarsteller halbwegs zu disziplinieren, dessen hysterischen Hang zu ichsüchtiger Grimassenschneiderei sowie beliebigen Slapstickdarbietungen in den Griff zu bekommen, um so etwas wie Richtung und Rhythmus einer Story zu generieren, einer Story, die zunächst Blindheit und Hypochondrie, dann das Freimachen von zwanghaften Blockaden und den Aufbruch zu neuen (romantischen wie beruflichen) Ufern ins Bild setzt. Andererseits pfeift Tashlin selbst immer wieder fröhlich auf Erzähldisziplin, klopft Situationen nur allzugern auf ihre absurden filmischen Möglichkeiten ab: Fernsehschnee weht wie ein Blizzard durch ein Krankenzimmer, ein Ganzkörperverband erweist sich als leere Gipshülle, ein gebrochener Knöchel schwillt an wie ein Luftballon. Das wahnsinnige Finale vereint alle Beteiligten in einer furiosen Verfolgungsjagd, hügelauf und hügelab: Mediziner und Patienten, in Rettungsfahrzeugen und auf Rollbahren, Liebende und Geliebte, zwischen Mülltonnen, Einkaufswagen und Konservendosen.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Norm Liebman, Ed Haas K W. Wallace Kelley M Joseph J. Lilley A Hal Pereira, Tambi Larsen S John Woodcock P Paul Jones D Jerry Lewis, Glenda Farrell, Susan Oliver, Karen Sharp, Kathleen Freeman, Everett Sloane | USA | 89 min | 1:1,85 | f | 16. Dezember 1964

# 785 | 28. Oktober 2013

28.11.63

Who’s Minding the Store? (Frank Tashlin, 1963)

Der Ladenhüter

»There’s nothing ›to‹ sale. Everything is ›on‹ sale and automatically sales itself.« Das New Yorker Kaufhaus ›Tuttle‹ als Inbild der kapitalistischen (Waren-)Welt. Alles wird verramscht, aber wenig ist zu haben – schon gar nicht Vertrauen oder Herzlichkeit oder Rückgrat. Norman Phiffier (Jerry Lewis) pfeift auf diese Welt, auf ihren Hang und Drang zum großen Geld. Er will nur 850 Dollar sparen, um ein nettes Mädchen zu heiraten. Das Tolle: Er hat ein nettes Mädchen (Jill St. John). Allerdings ist Barbara die Erbin des Konsumtempels (wo sie inkognito als Fahrstuhlführein arbeitet). Was sie (aus gutem Grund) vor ihm geheimhält. Und was der Kaufhauskönigin (sowie Mutter) Phoebe Tuttle (beinhart: Agnes Moorehead) schwer zu schaffen macht … Frank Tashlin schickt seinen (bedrohlich) gutmütigen Helden durch einen Bazar des galoppierenden Wahnsinns, durch ein Inferno der Verbrauchsprodukte (»I want you to give this nut every impossible, dirty job there is.«), läßt den armen Teufel sämtliche Stockwerke des Erniedrigungsangebots durchlaufen: Feinkost und Schlafmöbel, Herrenkonfektion und Damenschuhe, Waffen und andere Haushaltsgeräte (zum Beispiel ein verrückter Staubsauger als alles verschlingender und zerstört wieder ausspeiender Leviathan). Norman besteht die ihm auferlegten Prüfungen (»This boy has character, and I know what character is! I remember when I had it!«), und er gewinnt sein nettes Mädchen. Wahre Liebe triumphiert über die Liebe zu den Waren. Tashlin, der zynische Romantiker, macht es möglich. Bar oder auf Rechnung. PS: »The Typewriter«!

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Harry Tugend K W. Wallace Kelley M Joseph J. Liley, Leroy Anderson A Hal Pereira, Roland Anderson S John Woodcock P Paul Jones D Jerry Lewis, Jill St. John, Agnes Moorehead, John McGiver, Ray Walstone | USA | 90 min | 1:1,85 | f | 28. November 1963

# 787 | 31. Oktober 2013

17.4.63

The Man from the Diners’ Club (Frank Tashlin, 1963)

Der Mann vom Diners Club

Heute leben, später zahlen – auch ein auf Kaution freigelassener Gangster (Telly Savalas) träumt den verlockenden Kreditkartentraum, um sich auf Pump nach Mexico abzusetzen, doch: »What idiot can approve a Diners’ Club card for ›Foots‹ Pulardos?« Es ist der neurasthenische Angestellte Ernest Klenk (Danny Kaye), dem das folgenschwere Versehen unterläuft, den Antrag des Banditen zu bewilligen. Mit boshaften Seitenblicken auf die absurden Begleiterscheinungen des modernen Lebens (Hochzeitsproben, Fitneßtraining, Datenverarbeitung), aber ohne allzu große kinematographische Verve schildert Frank Tashlin die zunehmend verzweifelten Bemühungen des zappeligen Ernest, seinen Fehler auszubügeln, bevor die Vorgesetzten Wind von der Sache bekommen – während der hartgesottene ›Foots‹ den Mann, der ihm nachsetzt (und mit dem er eine anatomische Besonderheit teilt), kaltmachen will, um so den eigenen Tod vorzutäuschen. Höhepunkte der mild-verwegenen Jagd: die schneesturmartige Entladung eines computergesteuerten Karteikartensystems (»It’s a gorgeous, complicated brain with delicate little nerve endings.«), die Hatz durch ein tortureskes Sportstudio (»Your Loss is Our Gain«), eine Soirée bei freidichtenden Beatniks (»This is the way the world ends, not with a bang but a weeding fork.«)

R Frank Tashlin B Bill Blatty (= William Peter Blatty), John Fenton Murray K Hal Mohr M Stu Phillips A Don Ament S William A. Lyon P Bill Bloom (= William Bloom) D Danny Kaye, Telly Savalas, Cara Williams, Martha Hyer, Everett Sloane | USA | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. April 1963

# 1077 | 16. September 2017

21.11.62

It’s Only Money (Frank Tashlin, 1962)

Geld spielt keine Rolle 

Kurz vor dem ersten Todestag des Elektronik-Tycoons Charles P. Albright (»referred to as the ›father of television‹«) ist dessen vor 25 Jahren verlorengegangener Sohn noch immer abhanden. Es bleibt nur mehr eine Woche, um dem Erben des riesigen Vermögens auf die Spur zu kommen, bevor das Geld an die Schwester des Verewigten (Mae »Boop-Oop-a-Doop« Questel) fällt, die eine Belohnung von 100.000 Dollar für die Auffindung ihres Neffen ausgesetzt hat ... Lester March (Jerry Lewis), ehemaliger Waisenhauszögling, Technikfreak, Betreiber eines Fernsehreperaturdienstes (Nachtigall, man hört dich trapsen) – und: begeisterter Leser von Kriminalromanen (»Kiss the Blood Off My Neck«, »The Case of the Homicidal Homing Pigeon«, »Death Takes a Coffee Break«) – macht sich als Assistent eines Privatdetektivs auf die Jagd nach dem Gesuchten. Frank Tashlin schickt dem unbedarft-entschlossenen Amateurermittler einen geldgierigen Anwalt (oberschurkisch: Zachary Scott), einen mordlustigen Butler (»president of the Peter Lorre fan club«: Jack Weston), eine Armada von automatischen Rasenmähern sowie eine liebende Krankenschwester (blond: Joan O’Brien) in die Quere, und würzt die, von W. Wallace Kelley in kristallklarem Schwarzweiß fotografierte, aberwitzige Noirpersiflage mit ingeniösen Bilderfindungen. Einen skurrilen Glanzpunkt tashlinesker Komik bildet (neben der Visualisierung eines stereophonischen Eisenbahngeräuschs) jene Szene, in der Lester das Gemälde des vollbärtigen Patriarchen Albright rasiert, um zu beweisen, daß er selbst kein anderer als der vermißte Abkömmling ist: »Try ›Junior‹. I like that.«

R Frank Tashlin B John Fenton Murray K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Arthur P. Schmidt P Paul Jones D Jerry Lewis, Zachary Scott, Mae Questel, Joan O’Brien, Jack Weston | USA | 83 min | 1:1,85 | sw | 21. November 1962

# | 8. September 2017

12.1.62

Bachelor Flat (Frank Tashlin, 1962)

Dinosaurier bevorzugt

Frank Tashlins Sechziger-Jahre-Update von Howard Hawks’ Screwball-Klassiker »Bringing Up Baby«: Die aus zahlreichen mehr oder weniger grotesken Episoden lose zusammengezimmerte bedroom farce erzählt im allgemeinen von der unbändigen Leidenschaft amerikanischer Frauen für die feine Gesittung englischer Männer, im speziellen von den vorehelichen Turbulenzen, in die der britische Paläontologe Bruce Patterson im Malibu-Strandhaus seiner abwesenden Verlobten durch deren unvermutet auftauchende halbwüchsige Tochter (Tuesday Weld) gerät. Terry-Thomas, zahnlückiger Inbegriff des liebenswert-kauzigen Gentlemans, verkörpert den immer vorschriftsmäßig gekleideten (allerdings gelegentlich ohne Hose dastehenden) Universitätsprofessor, der auch bei strahlendstem kalifornischen Sonnenschein nie ohne Regenschirm unterwegs ist, mit ebenso viel chevaleresker Würde wie Lust an körperlicher und mimischer Verrenkung. Tashlin spart weder mit derbem Tür-auf-Tür-zu-Humor noch mit der grellen Ausmalung kultureller und sozialer Stereotypen; gelegentlich auftretende Leerstellen der Handlung füllen (passend zum CinemaScope-Format des Films) die knochensuchenden Aktivitäten einer gewissen Jessica Dachshund.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Budd Grossman V Budd Grossman K Daniel L. Fapp M Johnny Williams A Jack Martin Smith, Leland Fuller S Hugh S. Fowler P Jack Cummings D Terry-Thomas, Tuesday Weld, Richard Beymer, Celeste Holm, Francesca Bellini | USA | 91 min | 1:2,35 | f | 12. Januar 1962

# 1076 | 16. September 2017

16.12.60

Cinderfella (Frank Tashlin, 1960)

Aschenblödel

Cinderella in reverse. Nach dem Tod seines Vaters gerät der herzensgute, treudoofe Fella (Jerry Lewis) unter das Regiment der bösen Stiefmutter (Judith Anderson), die nur an das Wohl ihrer beiden leiblichen (außerordentlich geldgeilen) Söhne denkt. Princess Charming sucht den Mann fürs Leben, eine gute (männliche) Fee treibt ihr freundliches Wesen, ein glanzvoller Ball, ein verlorener Herrenschuh … Die Prämisse, den klassischen Märchenstoff geschlechtlich zu wenden, klingt überzeugend, doch »Cinderfella« versenkt die vielversprechende Idee in einem Sumpf aus schläfrigem Timing und triefender Gefühligkeit. Zwar werden die Polaritäten von Integration und Absonderung, von »person« und »people« im menschlichen Mit- und Gegeneinander thematisch angerissen, zwar glänzt Jerry Lewis in einigen vom Geschehen vollkommen abgelösten Soloauftritten (etwa wenn er zu einer im Radio übertragenen Count-Basie-Nummer pantomimisch sämtliche Instrumente spielt), zwar gelingen Frank Tashlin eine Handvoll witzig choreographierter Szenen (zum Beispiel wenn er den armen Fella am Ende eines endlos langen Eßtischs von seiner arroganten Stieffamilie isoliert), doch der Film faßt keinen Tritt, findet bis zur planmäßigen Happily-ever-after-Auflösung keinen animierenden Rhythmus.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin K Haskell Boggs M Walter Scharf, Count Basie A Hal Pereira, Henry Bumstead S Arthur P. Schmidt P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Judith Anderson, Ed Wynn, Henry Silva, Robert Hutton, Anna Maria Alberghetti | USA | 91 min | 1:1,85 | f | 16. Dezember 1960

# 786 | 30. Oktober 2013

2.11.58

The Geisha Boy (Frank Tashlin, 1958)

Jerry außer Rand und Band

Weil er in der Heimat kein Engagement findet, geht Bühnenmagier Gilbert »The Great« Wooley (Jerry Lewis) an der Seite seines Partners, des weißen Hasen Harry (der tatsächlich über metaphysische Kräfte zu verfügen scheint), zur Truppenbetreuung in den fernen Osten. Im Land der aufgehenden Sonne trifft Gilbert auf den Waisenjungen Mitsuo Watanabe, den er mit seinem exzentrischen Ungeschick erstmals seit dem Tod der Eltern zum Lachen bringt, woraufhin der bezauberte Sechsjährige den Illusionskünstler nicht mehr aus den Fängen läßt ... Frank Tashlin nutzt die turbulenten Reiseabenteuer des linkischen Frontunterhalters zur Veralberung uramerikanischer Phänomene wie Sexbomben (Marie McDonald als zickige Platinsirene Lola Livingston) und Baseball (die Los Angeles Dodgers als Los Angeles Dodgers) ebenso wie zur Persiflage auf prominente Kinomotive (Sessue Hayakawa karikiert seine Rolle als Colonel Saito in »The Bridge on the River Kwai«, während über dem Fuji die Paramount-Sterne blinken) und zum romantischen Systemvergleich zwischen West und Ost (Suzanne Pleshette als taffe US-Offizierin versus Nobu McCarthy als zutunliche Mademoiselle Butterfly) – all dies wird freilich rigoros überlagert von Lewis’ clownesk-sentimentaler Hingabe an flauschige Langohren und kleine Japaner.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Rudy Makoul K Haskell B. Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macronie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Robert Hirano, Nobu McCarthy, Sessue Hayakawa, Suzanne Pleshette, Marie MacDonald | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 2. November 1958

# 1073 | 3. September 2017

23.7.58

Rock-a-Bye Baby (Frank Tashlin, 1958)

5 auf einen Streich | Der Babysitter

»Close your eys, close your eyes / And away we’ll fly.« Carla Naples könnte sich freuen. Die blonde Hollywood-Diva soll die Titelrolle in der Bestseller-Verfilmung »The White Virgin of the Nile« übernehmen. Aber Carla freut sich nicht. Sie ist schwanger. Von einem mexikanischen Torero, der am Tag nach der Zeugung einem Stier unterlag. In dieser heiklen Situation erinnert sich Carla ihres alten Verehrers Clayton Poole (Jerry Lewis), der ganz weit weg, zu Hause in Midvale, Indiana, als Fernsehtechniker arbeitet (oder es zumindest hartnäckig versucht). Der Anbeter willigt ein, sich um das Baby seiner großen Liebe zu kümmern. Das Baby? Die Babys! Eines Nachts liegen süße Drillinge vor Claytons Tür … Eine sentimentale Farce aus der tiefsten Provinz (»the land of la-la-la«), ein Amalgam aus Wiegenlied und Rock ’n’ Roll, liebevolle Kompromittierung und despektierliche Verklärung des American Dream. Frank Tashlin zeichnet das Porträt einer Gesellschaft zwischen Mediokratie und Mediokrität, verspottet Film und Fernsehen (insbesondere Fernsehwerbung: »Burporex for the tum-tum!«), stellt Macher und Konsumenten des medialen Mülls bloß, überprüft Gewißheiten und Geschlechterrollen am Beispiel des Ideals der kümmernden und sorgenden Mutter. »This diploma is only awarded to the very best of mothers« – die Auszeichnung erhält ein Mann. Ein Mann, der stolz (und zutreffend) von sich behauptet: »I did everything any other woman can do.« Slapstick und Gefühl, Konservatismus und (mögliche) Überwindung von Grenzen: »Now’s the time to give your dreams a try.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin V Preston Sturges K Haskell Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Tambi Larsen S Alma Macrorie P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Connie Stevens, Marilyn Maxwell, Salvatore Baccaloni, Reginald Gardiner | USA | 103 min | 1:1,85 | f | 23. Juli 1958

# 788 | 1. November 2013

29.7.57

Will Success Spoil Rock Hunter? (Frank Tashlin, 1957)

Sirene in blond 

Frank Tashlins Holzhammer-Satire auf den (nicht nur) amerikanischen Traum (= Wahn) vom Erfolg trumpft mit einer Vulgarität, die dieses Traumes würdig ist. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der aufstiegsorientierte Werbetexter Rockwell P. Hunter (Tony Randall als average mad man), der seiner Agentur den Arsch rettet, indem er – unter Einsatz all seiner Qualitäten – Hollywoodlegende Rita Marlowe (Jayne Mansfield als Monroe-Persiflage mit »oh so kissable lips«) für eine Make-up-Kampagne rekrutiert. Durch die medienwirksame Verbindung zur Leinwand-Ikone erlangt Rockwell selbst Berühmtheit (als »Lover Boy«) und sieht sich plötzlich den Nachstellungen prominentengeiler Teenager ausgesetzt, die wie eine Horde Hirntoter über ihn herfallen; sein bedingungsloses Engagement wird belohnt – mit Beförderung zum ›vice president‹ und der Überreichung des Schlüssels zum legendären ›executive powder room‹ … In grellen CinemaScope-Tableaus (Kamera: Joseph McDonald) karikiert »Will Success Spoil Rock Hunter?« nicht nur genüßlich Phänomene wie Werbung, Starkult oder Fernsehen (»The great thing about television is that it lets you see events live as they happen, like old movies from thirty years ago.«), der Film entlarvt zuvörderst den Nimbus des Erfolges: als Äquivalent von Alkohol und Tranquilizern, als Droge, die den Teilnehmern des kapitalistischen Rattenrennens die permanente Entwürdigung verzuckert. (Und weil es eine Komödie (= ein Märchen) ist, werden die Ratten zu guter Letzt von ihrer Pein erlöst.) PS: »Success is the art of being happy.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin V George Axelrod K Joseph MacDonald M Cyril J. Mockridge, Leland Fuller, Lyle R. Wheeler S Hugh S. Fowler P Frank Tashlin D Tony Randall, Jayne Mansfield, Betsy Drake, Joan Blondell John Williams | USA | 93 min | 1:2,35 | f | 29. Juli 1957

6.12.56

Hollywood or Bust (Frank Tashlin, 1956)

Alles um Anita

»Land of stardust and land of glamour / Vistavision and cinerama.« Eine Hommage an das Kino und seine Klischees: Während die Credits laufen, posiert eine blonde Pin-up-Walküre (Anita Ekberg) in wechselnden Kostümen standbildhaft vor diversen Tinseltown-Szenerien – Hotels, Palmen, Restaurants, Studiokulissen. So statuarisch wie das Opening gestaltet sich auch der weitere Verlauf des Werks, obschon der (dünne) Erzählfaden einer Reisebewegung quer durch die Vereinigten Staaten folgt. In New York gewinnen der eingefleischte Filmfan Malcolm Smith (Jerry Lewis) und das ausgekochte Schlitzohr Steve Wiley (Dean Martin) – der eine ehrlich, der andere betrügerisch – zu gleichen Teilen den Hauptpreis einer Lotterie: ein feuerrotes Cabriolet. Gemeinsam macht sich das ungleiche Paar auf den Weg nach Westen: Malcolm will (in Begleitung der wachsamen Dogge Mr. Bascomb) seiner Abgöttin Anita in Hollywood einen Besuch abstatten, wogegen Steve die Luxuskarosse unterwegs zu versilbern gedenkt, um Schulden zu begleichen ... Regisseur Frank Tashlin bedient sich einer Art Schnappschuß-Dramaturgie, die das touristisch-musikalische Roadmovie um Starkult, Glück(sspiel) und Freundschaft (dem keine weitere Martin-Lewis-Komödie folgen wird) in eine unterhaltsame Reihe von gag cartoons und comicstripkurzen Absurdramoletten zerlegt.

R Frank Tashlin B Erna Lazarus K Daniel Fapp M Walter Scharf A Hal Pereira, Henry Bumstead S Howard A. Smith P Hal B. Wallis D Dean Martin, Jerry Lewis, Pat Crowley, Maxie Rosenbloom, Anita Ekberg | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 6. Dezember 1956

# 1072 | 3. September 2017

1.12.56

The Girl Can't Help It (Frank Tashlin, 1956)

Schlagerpiraten

»A story about music … and love … and marriage.« ›Fats‹ Murdock, ein crook, der sein Vermögen mit Spielautomaten machte (Edmond O’Brien), will heiraten – und zwar einen Star. Da die Auserwählte völlig unbekannt ist, beauftragt der Ganove den alkoholischen Agenten Tom Miller (Tom Ewell), sie zum Star zu machen, denn: »How can I marry a nobody?« Das Objekt der Verwandlung ist die sexbombige Platinblondine Jayne Mansfield (die aussieht (und spielt), als hätte der frühere Animationsregisseur Frank Tashlin sie direkt aus einem seiner Zeichentrickfilme importiert) – dabei wäre das Busenwunder viel lieber Ehefrau und Mutter, »but no one thinks I’m equipped for motherhood«. Tashlin nutzt die betont törichte Erzählung (»in the grandeur of CinemaScope and in gorgeous, lifelike colours of DeLuxe«) nicht nur als Trägerfolie für Auftritte von taufrischen Rock’n’Roll-Performern (Little Richard, Fats Domino, Eddie Cochran, Gene Vincent), sondern vor allem um sich über Teenager-Kultur, Sexsymbolismus sowie blinden Hunger nach Ruhm lustig zu machen – und um Spielfilmbilder in Cartoons zu verwandeln: Wenn Mansfield ihre ausladenden Formen eine Straße hinunterbewegt, schmilzt dem Eismann das Eis auf dem Wagen, schäumt dem Milchmann die Milch aus den Flaschen, zerplatzen dem Nachbarn die Brillengläser: »If she walks by, the men folks get engrossed / She can’t help it, the girl can’t help it.«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Herbert Baker V Garson Kanin K Leon Shamroy M diverse A Leland Fuller, Lyle R. Wheeler S James B. Clark P Frank Tashlin D Tom Ewell, Jayne Mansfield, Edmond O’Brien, Julie London, Henry Jones | USA | 99 min | 1:2,35 | f | 1. Dezember 1956

7.11.55

Artists and Models (Frank Tashlin, 1955)

Maler und Mädchen | Der Agentenschreck

Rick Todd (Dean Martin) und Eugene Fullstack (Jerry Lewis) träumen davon, in New York als Künstler zu reüssieren – Rick als Maler, Eugene als Autor von Kinderbüchern –, doch bis zu ihrem Durchbruch müssen die Freunde allerlei zweitklassige Jobs annehmen. Eugene fantasiert sich über die Durststrecke ganz einfach hinweg (»Just wish and see!«), oder er flieht in die brutal-aufregenden Welten seiner heißgeliebten comic books, deren Bewohner ihn bis in den Schlaf verfolgen … Am Beispiel des Hardcore-Fans persifliert Frank Tashlin die blutrünstige Trivialität der gezeichneten Pulp- und Horror-Stories sowie die Folgen ihres maßlosen Konsums und macht sich zugleich über den Kampf selbsterklärter Sittenwächter gegen die »Verführung der Unschuldigen« lustig. Weil dem aggressiven Stumpfsinn der kommerziellen Populärkultur mit herkömmlichen Mitteln der Zivilisationskritik nicht mehr beizukommen ist, verlegt sich Tashlin auf ihre Übersteigerung zur knallbunten Groteske: Eugene verliebt sich in die leibhaftige Erscheinung seiner Heftchen-Heldin (Shirley MacLaine als ›Bat Lady‹), Rick hat den ersehnten Erfolg ausgerechtet in dem Moment, als er die Nachtgesichte seines Kumpels von ›Vincent the Vulture‹ (»half-boy, half-man, half-bird«) und dessen rotäugiger Erzfeindin ›Zuba the Magnificent‹ in eine Bildergeschichte verwandelt – Wirklichkeit und Fiktion fließen zusammen wie die Farben auf einer Palette. Dazu paßt, daß schließlich Vertreter rivalisierender Geheimdienste auftauchen, weil der naive Träumer auch eine revolutionäre Raketenformel träumte. Für die Kinder von Wonder Woman und Coca-Cola geht es natürlich gut aus: »And life is filled with happy endings / When you pretend!«

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Herbert Baker, Hal Kanter, Don McGuire K Daniel L. Fapp M diverse A Hal Pereira, Tambi Larsen S Warren Low P Hal B. Wallis D Jerry Lewis, Dean Martin, Dorothy Malone, Shirley MacLaine, Eva Gabor | USA | 109 min | 1:1,66 | f | 7. November 1955

# 784 | 23. Oktober 2013