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17.12.72

Avanti! (Billy Wilder, 1972)

Avanti, Avanti! 

Ein sittenstrenger Geschäftsmann (Jack Lemmon) muß erkennen, daß sein verstorbener sittenstrenger Vater regelmäßig Urlaub von den strengen Sitten nahm – und tut’s dem teuren Toten sodann mit der Tochter der (nicht zufälligerweise ebenfalls verstorbenen) langjährigen väterlichen Geliebten (Juliet Mills) fröhlich nach … In seinem mediterran-legeren Alterswerk reiht Billy Wilder einen italienischen Moment an den anderen und läßt seinen linden Hauch von Story zweieinhalb Stunden lang zart über den Betrachter hinstreichen – ohne daß zu irgend einem Zeitpunkt die liebenswürdige Spannung zwischen den Figuren nachließe oder der feingesponnene Erzählfaden durchhinge. Vergnügen (beinahe) senza fine.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Samuel A. Taylor K Luigi Kuveiller M Carlo Rustichelli A Fernandino Scarfiotti S Ralph E. Winters P Billy Wilder D Jack Lemmon, Juliet Mills, Clive Revill, Edward Andrews, Gianfranco Barra | USA | 140 min | 1:1,85 | f | 17. Dezember 1972

10.3.60

Plein soleil (René Clément, 1960)

Nur die Sonne war Zeuge

»Wozu brauche ich Geld? Ich habe das Geld anderer Leute.« René Clément beweist mit seiner Adaption von Patricia Highsmiths »The Talented Mr. Ripley«, daß dem Gelingen einer Literaturverfilmung künstlerische Freiheit im Umgang mit der Vorlage nicht im Wege stehen muß. »Plein soleil« strafft das komplexe Romangeschehen sehr geschickt und konzentriert sich auf die zentrale Dreieckskonstellation zwischen dem armen Schlucker Tom Ripley (Alain Delon), dem reichen Playboy Dickie Greenleaf (Maurice Ronet) und dessen indifferenter Freundin Marge (Marie Laforet) – saumseliges Dolcefarniente und moralische Verkommenheit: zwei Seiten einer Medaille. Henri Decaës kristallklare Bilder, Nino Rotas unfelliniesk-coole Musik und das distanzierte Spiel der Darsteller transponieren den ironisch-frostigen Highsmith-Sound perfekt ins Medium Film. Delon verkörpert intensiv jene Mischung aus Neid, Charme, Gier, Intelligenz und Skrupellosigkeit, die Ripley zu einer der großen literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts macht – ein mieser Charakter, der über Leichen geht für das, was alle wollen: ein glückliches Leben in Ruhe und Frieden. Mit seinem der (Leinwand-)Moral geschuldeten »Crime-doesn’t-pay«-Ende schreckt der Film vor der Konsequenz der Vorlage zurück. Nur ein Quentchen Zynismus (Highsmith würde es vielleicht Realismus nennen) fehlt diesem schönen, kalten Film zum vollendeten Meisterwerk.

R René Clément B René Clément, Paul Gégauff V Patricia Highsmith K Henri Decaë M Nino Rota A Paul Bertrand S Françoise Javet P Ryamond Hakim, Robert Hakim D Alain Delon, Maurice Ronet, Marie Laforet, Erno Crisa, Billy Kearns | F & I | 118 min | 1:1,66 | f | 10. März 1960