10.10.61

Splendor in the Grass (Elia Kazan, 1961)

Fieber im Blut 

Eine Romanze. Ein Melodram. Ein Sittenbild. Der Ort: eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Die Zeit: das Jahr vor dem Great Crash von 1929. Deanie (Natalie Wood), Tochter eines kleinen Ladenbesitzers, und Bud (Warren Beatty), Sohn eines reichen Unternehmers, lieben sich, sind das schönste Paar der High School, könnten unsterblich glücklich sein – wären da nicht die anderen, vor allem die Eltern: Ihre besorgte Mutter (Audrey Christie) warnt die Tochter vor den Folgen der sexuellen Begierde (die Frauen sowieso nicht genießen könnten); sein fordernder Vater (Pat Hingle) beharrt, der Sohn würde noch eine Bessere finden (und solle seinen erotischen Dampf anderweitig ablassen). Die Drangsal äußert sich nicht in physischer Gewalt, sondern in penetranter moralisch-ideologischer Infiltration, in einer gutgemeint-teuflischen Mischung aus Zutexten und Weghören – eine (nicht nur) amerikanische Tragödie, die von den alten und jungen Darstellern in jenem intensiv-entfesselten ›Method‹-Modus präsentiert wird, dessen schweißtreibender Naturalismus gewöhnlich für große Schauspielkunst gilt. Elia Kazan (Regie) und William Inge (Drehbuch) durchschlagen den psychologisch-dramaturgischen Knoten aus eigenen und fremden, aus persönlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen mit Hilfe einer inneren Katastrophe und eines historischen Desasters: Ein Nervenzusammenbruch und der Börsenkrach öffnen für Deanie und Bud die Tore zu Selbstgefühl und Autonomie. Die Trümmer des unsterblichen Glücks aber, das es in der Wirklichkeit, so wie sie ist, wohl nicht geben kann, werden, mit einiger Güte des Schicksals, zu Bausteinen eines abgeklärten Weiterlebens: »Though nothing can bring back the hour / Of splendour in the grass, of glory in the flower; / We will grieve not, rather find / Strenght in what remains behind.«

R Elia Kazan B William Inge K Boris Kaufman M David Amram A Richard Sylbert S Gene Mildford P Elia Kazan D Natalie Wood, Warren Beatty, Pat Hingle, Audrey Christie, Barbara Loden | USA | 124 min | 1:1,85 | f | 10. Oktober 1961

Kommentare:

  1. Ein unbeschreiblich schöner und trauriger Film, an den ich unbedingt mal rankommen muss. Ich sah ihn vor langer Zeit im Fernsehen und staune ein wenig, dass man ihn dort ignoriert. Mit Kazan's Rolle in der McCarthy-Ära kann es kaum zu tun haben, werden seine anderen Werke doch regelmässig ausgestrahlt.

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  2. Ein schöner Film auf jeden Fall (ich habe ihn gestern erstmals im Rahmen einer kleinen Werkschau des Kameramanns Boris Kaufman im ›Arsenal‹-Kino gesehen) – die SchauspielerInnen waren mir streckenweise allerdings etwas zu forciert. Es gibt das Werk übrigens auf DVD.PS: (Apropos »Rolle in der McCarthy-Ära«) Als altem Frontstädter (Westberliner) ist mir ein gewisses Maß von Antikommunismus nicht unsympathisch … ;)

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