Lisztomania
Der Begriff ›Lisztomania‹ ist die (zeitgenössische) Beschreibung des entfesselten, stark erotisch aufgeladenen Fankults um den Pianisten Franz Liszt, der Mitte des 19. Jahrhunderts, lange vor den notorischen Zelebritäten der Pop- und Rockmusik, die Konzertsäle Europas zum Kochen brachte. Ken Russells »Lisztomania« synthetisiert aus historisch-biographischen Versatzstücken ein ausschweifend-anachronistisches Kitsch’n’Glam-Spektakel über den Künstler als mediale Skulptur, über die geilen Triebe der Kulturindustrie. Aus der Familiengeschichte des Tastenstars (Liszts Tochter Cosima heiratete den Komponisten Richard Wagner) leitet Russell – in kühner Verschmelzung der spezifischen Qualitäten von Leni Riefenstahl, Arthur Freed und Mel Brooks – zudem eine grellbunte Reflexion über die Verwandtschaft musikalischer und politischer Massenphänomene ab: Schwärmerei und Wollust, Ekstase und Hysterie, Sensation und Skandal, Mythos und Wahn bestimmen in beiden Fällen die Interaktion zwischen Bühne und Publikum. Auf dem Höhepunkt des Films exorziert der geschäftstüchtige Gefühlsmensch und lässige Weiberheld Liszt (›The Who‹-Frontmann Roger Daltrey) seinen fanatisch-dämonischen Schwiegersohn Wagner (Paul Nicholas), der mit Hilfe opiatischer Klänge einen teutonischen Übermenschen als Anführer der kommenden Herrenrasse kreiert – die Musik (= Politik) der (auch körperlichen) Liebe triumphiert über die Politik (= Musik) der (auch geistigen) Zerstörung: »I'm gonna live in peace at last, / Forgiven for my past … / Peace at last.«
R Ken Russell B Ken Russell K Peter Suschitzky M Rick Wakeman A Philip Harrison S Stuart Baird P Roy Baird, David Puttnam D Roger Daltrey, Sara Kestelman, Paul Nicholas, Fiona Lewis, Veronica Quilligan | UK | 103 min | 1:2,35 | f | 10. Oktober 1975
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10.10.75
26.12.73
The Exorcist (William Friedkin, 1973)
Der Exorzist
Trotz stellenweise eher belustigender als schockierender Effekte (Stichwort: grüne Kotze) bemerkenswerte Studie einer dämonischen Inbesitznahme und ihrer Austreibung – vor allem weil das Unbehagen an greifbaren Orten in einem präzise gezeichneten Alltag unter psychologisch stimmigen Figuren entwickelt wird. Wie kaum einem anderen Mainstream-Regisseur der 1970er Jahre gelingt es William Friedkin, in seinen (stets außerordentlich spannenden) Genre-Erzählungen die Erosionsprozesse der westlichen Gesellschaft – das heißt: den tiefen Fall aus dem goldenen Nachkriegszeitalter der Prosperität, Ordnung und Selbstgewißheit in eine Ära der politischen, wirtschaftlichen, sozialen (und in der Folge auch individuellen) Depression – bildhaft zu machen. In »The Exorcist« sind es in erster Linie Owen Roizmans naturalistische Kamera, die reduziert-wirkungsvolle Tongestaltung (Chris Newman und Buzz Knudson) und das affektive Spiel der Darsteller – Ellen Burstyn als empört-verstörte Mutter, Lee J. Cobb als analytisch-blinder Ermittler sowie Jason Miller als einfühlsam-schuldbeladener Priester ragen heraus –, die Angst und Verunsicherung unmittelbar spürbar werden lassen, während Linda Blair als junge Besessene und Max von Sydow als alter Teufelsbeschwörer zumeist stereotypisch agieren (müssen). »The Exorcist« (entstanden im Jahr von Ölkrise, Watergate und Chile-Putsch) akzeptiert die Existenz des Bösen in der Welt als Realität – eine Realität, deren Überwindung (wenn überhaupt) nur durch Glauben und Opfer möglich ist. Den einen mag dies als Beweis für den reaktionäre Standpunkt des Films dienen, anderen gilt es vielleicht als Indiz für seine revolutionäre Gesinnung.
R William Friedkin B William Peter Blatty V William Peter Blatty K Owen Roizman A Bill Malley S Norman Gay, Evan Lottman P William Peter Blatty D Ellen Burstyn, Max von Sydow, Lee J. Cobb, Jason Miller, Linda Blair | USA | 122 min | 1:1,85 | f | 26. Dezember 1973
Trotz stellenweise eher belustigender als schockierender Effekte (Stichwort: grüne Kotze) bemerkenswerte Studie einer dämonischen Inbesitznahme und ihrer Austreibung – vor allem weil das Unbehagen an greifbaren Orten in einem präzise gezeichneten Alltag unter psychologisch stimmigen Figuren entwickelt wird. Wie kaum einem anderen Mainstream-Regisseur der 1970er Jahre gelingt es William Friedkin, in seinen (stets außerordentlich spannenden) Genre-Erzählungen die Erosionsprozesse der westlichen Gesellschaft – das heißt: den tiefen Fall aus dem goldenen Nachkriegszeitalter der Prosperität, Ordnung und Selbstgewißheit in eine Ära der politischen, wirtschaftlichen, sozialen (und in der Folge auch individuellen) Depression – bildhaft zu machen. In »The Exorcist« sind es in erster Linie Owen Roizmans naturalistische Kamera, die reduziert-wirkungsvolle Tongestaltung (Chris Newman und Buzz Knudson) und das affektive Spiel der Darsteller – Ellen Burstyn als empört-verstörte Mutter, Lee J. Cobb als analytisch-blinder Ermittler sowie Jason Miller als einfühlsam-schuldbeladener Priester ragen heraus –, die Angst und Verunsicherung unmittelbar spürbar werden lassen, während Linda Blair als junge Besessene und Max von Sydow als alter Teufelsbeschwörer zumeist stereotypisch agieren (müssen). »The Exorcist« (entstanden im Jahr von Ölkrise, Watergate und Chile-Putsch) akzeptiert die Existenz des Bösen in der Welt als Realität – eine Realität, deren Überwindung (wenn überhaupt) nur durch Glauben und Opfer möglich ist. Den einen mag dies als Beweis für den reaktionäre Standpunkt des Films dienen, anderen gilt es vielleicht als Indiz für seine revolutionäre Gesinnung.
R William Friedkin B William Peter Blatty V William Peter Blatty K Owen Roizman A Bill Malley S Norman Gay, Evan Lottman P William Peter Blatty D Ellen Burstyn, Max von Sydow, Lee J. Cobb, Jason Miller, Linda Blair | USA | 122 min | 1:1,85 | f | 26. Dezember 1973
30.6.73
Kanashimi no Beradona (Eichi Yamamoto, 1973)
Die Tragödie der Belladonna
Es war einmal vor der Revolution … Jeanne und Jean leben in einem kleinen Dorf. Sie lieben sich. Immer schon. Sie heiraten. Dann nimmt der böse Fürst für sich (und die seinen, derer es viele sind) das Recht der ersten Nacht in Anspruch. Die große Liebe zerbricht. Jeanne verschreibt sich den Mächten des Bösen: Sie wird ›Belladonna‹. Eichi Yamamoto gestaltet ein psychedelisch-aufgesextes Anime der Sonder(bar)klasse – der Teufel sieht anfangs aus wie ein feixendes Kondom, um sich peu à peu in einen roten Riesenphallus zu verwandeln, der Jeanne (und den Film) zu immer neuen kuriosen Höhepunkten treibt –, einen spröde animierten, eklektizistischen, feurig-blutig-durchgeknallten Art-Nouveau-Tuschkasten mit Neigung zu wüstem Kitsch und künstlerischer Enthemmung auf hohem Niveau.
R Eichi Yamamoto B Yoshiyuki Fukuda, Eichi Yamamoto V Jules Michelet K Shigeru Yamazaki M Masahiko Sato A Kuni Fukai S Masashi Furukawa P Tadami Watanabe | JP | 93 min | 1:1,37 | f | 30. Juni 1973
Es war einmal vor der Revolution … Jeanne und Jean leben in einem kleinen Dorf. Sie lieben sich. Immer schon. Sie heiraten. Dann nimmt der böse Fürst für sich (und die seinen, derer es viele sind) das Recht der ersten Nacht in Anspruch. Die große Liebe zerbricht. Jeanne verschreibt sich den Mächten des Bösen: Sie wird ›Belladonna‹. Eichi Yamamoto gestaltet ein psychedelisch-aufgesextes Anime der Sonder(bar)klasse – der Teufel sieht anfangs aus wie ein feixendes Kondom, um sich peu à peu in einen roten Riesenphallus zu verwandeln, der Jeanne (und den Film) zu immer neuen kuriosen Höhepunkten treibt –, einen spröde animierten, eklektizistischen, feurig-blutig-durchgeknallten Art-Nouveau-Tuschkasten mit Neigung zu wüstem Kitsch und künstlerischer Enthemmung auf hohem Niveau.
R Eichi Yamamoto B Yoshiyuki Fukuda, Eichi Yamamoto V Jules Michelet K Shigeru Yamazaki M Masahiko Sato A Kuni Fukai S Masashi Furukawa P Tadami Watanabe | JP | 93 min | 1:1,37 | f | 30. Juni 1973
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15.3.69
La voie lactée (Luis Buñuel, 1969)
Die Milchstraße
»Was ist das? Ist hier irgendwo ein Schießplatz?« – »Nein, nein, das bin ich. Ich habe mir gerade vorgestellt, man erschießt einen Papst.« Eine kleine, recht unterhaltsame Pilgerreise durch die Historie (vielleicht auch: Hysterie) der christlichen Prophetien, Dogmen und Häresien: Zwei sympathische Tippelbrüder begegnen auf ihrem Weg von Paris nach Santiago de Compostela Jesuiten und Jansenisten, Todesengeln und Inquisitoren, sie lauschen gelehrten Disputationen bzw. erregten Streitereien über die Transsubstantiation, die Heilige Dreifaltigkeit oder die Jungfrauengeburt Jesu. Luis Buñuel annulliert die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, arrangiert Träume und Legenden, Gegenwart und Episoden aus 2000 Jahren (durchaus blutiger) Kirchengeschichte zu einem ironischen Remix theologischer Irrungen und Wirrungen, zu einem Potpourri des religiösen (in weiterem Sinne auch weltanschaulichen) Feuereifers, für den bis heute gestorben und getötet wird.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Christian Matras A Pierre Guffroy S Louisette Hautecœur P Serge Silberman D Paul Frankeur, Laurent Terzieff, Alain Cuny, Pierre Clémenti, Delphine Seyrig | F & BRD & I | 98 min | 1:1,66 | f | 15. März 1969
»Was ist das? Ist hier irgendwo ein Schießplatz?« – »Nein, nein, das bin ich. Ich habe mir gerade vorgestellt, man erschießt einen Papst.« Eine kleine, recht unterhaltsame Pilgerreise durch die Historie (vielleicht auch: Hysterie) der christlichen Prophetien, Dogmen und Häresien: Zwei sympathische Tippelbrüder begegnen auf ihrem Weg von Paris nach Santiago de Compostela Jesuiten und Jansenisten, Todesengeln und Inquisitoren, sie lauschen gelehrten Disputationen bzw. erregten Streitereien über die Transsubstantiation, die Heilige Dreifaltigkeit oder die Jungfrauengeburt Jesu. Luis Buñuel annulliert die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, arrangiert Träume und Legenden, Gegenwart und Episoden aus 2000 Jahren (durchaus blutiger) Kirchengeschichte zu einem ironischen Remix theologischer Irrungen und Wirrungen, zu einem Potpourri des religiösen (in weiterem Sinne auch weltanschaulichen) Feuereifers, für den bis heute gestorben und getötet wird.
R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Christian Matras A Pierre Guffroy S Louisette Hautecœur P Serge Silberman D Paul Frankeur, Laurent Terzieff, Alain Cuny, Pierre Clémenti, Delphine Seyrig | F & BRD & I | 98 min | 1:1,66 | f | 15. März 1969
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12.6.68
Rosemary’s Baby (Roman Polanski, 1968)
Rosemaries Baby
»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«
R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968
# 1015 | 9. August 2016
»This is no dream. This is really happening.« Eine popmoderne Horrorstory vom Feind im eigenen Bett, ein sardonisches Wiegenlied von befleckter Empfängnis … Der zweitklassige Schauspieler Guy (John Cassavetes) und seine ergebene Ehefrau Rosemary (Mia Farrow) ziehen in ein Gebäude, das dunkle Geheimnisse birgt. Das haunted house steht in diesem Fall nicht in nebliger Moorlandschaft oder auf hoher Klippe über dem Meer, sondern mitten in der Stadt, in New York, an der belebten Ecke 72. Straße und Central Park West. Immerhin gleicht das urbane Gruselschloß einem ins Gigantische mutierten viktorianischen Herrenhaus, einer architektonischen Wucherung von Erkern und Türmen, Simsen und Giebeln, einem Labyrinth aus Kammern und Schränken, Fluren und Treppen. »Awful things happen in every apartment house.« Wie so oft bei Roman Polanski lauert das Grauen, die zerstörerische Energie, das ganz und gar Andere auch in seiner Adaption des Romans von Ira Lewin: in unmittelbarer Nähe, hinter der Wand zur Nachbarwohnung, im Lächeln eines vertrauten Menschen. »What the hell is that?« Ist es tatsächlich die Heimsuchung durch das radikal Böse? Oder ist es lediglich die paranoide Wahnvorstellung einer Schwangeren? Auf jeden Fall ist es eine mit traumwandlerischer Sicherheit inszenierte Grenzerfahrung in der Überganszone von Phantasmagorie und Realismus, von Sicherheit und Erschütterung, von Alltag und Wahn, von Schwarzer Messe schwarzem Humor. PS: »La-la-la-laa-la-la-la-la-la-la-la-lalaa.«
R Roman Polanski B Roman Polanski V Ira Levin K William Fraker M Christopher (=Krzysztof) Komeda A Richard Sylbert S Sam O’Steen P Willam Castle D Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy | USA | 136 min | 1:1,85 | f | 12. Juni 1968
# 1015 | 9. August 2016
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9.2.61
Matka Joanna od aniołów (Jerzy Kawalerowicz, 1961)
Mutter Johanna von den Engeln
»Was sind das – Engel?« Ein einsames Kloster an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Nonnen sind von Dämonen besessen – Mutter Oberin alleine von acht verschiedenen. Ein vergeistigter Pater, der in seinem obsessiven Drang Gutes zu tun dem Fanatismus der (inneren) Teufel nicht nachsteht, ist die letzte Hoffnung der heimgesuchten Schwestern auf Erlösung von dem Bösen. Doch die Liebe, die er in sich trägt, bringt nichts als Zerstörung … Das kalte Weiß der Nonnengewänder, das tiefe Schwarz der Priestermäntel, das stumpfe Grau der Landschaft und der Gemäuer – Jerzy Kawalerowicz, neben Wajda einer der Heroen der Polnischen Schule, entwirft in kargen grafischen Tableaus (Kamera: Jerzy Wójcik) eine hermetische Welt mit starrem Reglement, das kein Entkommen erlaubt. Die Protagonisten (die den Blick immer wieder direkt an den Zuschauer richten) ringen hilflos um Hingabe, Vernunft und Freiheit, doch sie bleiben gefangen in Furcht, Aberglaube und Repression. »Du gehst im Dunkel, und wie der schwarze Mantel der Nacht ist deine Unwissenheit.«
R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Tadeusz Konwicki K Jerzy Wójcik M Adam Walacinski A Roman Mann, Tadeusz Wybult S Wiesława Otocka P Ludwik Hager D Lucyna Winnicka, Mieczysław Voit, Anna Ciepielewska, Maria Chwalibóg, Kazimierz Fabisiak | PL | 110 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1961
»Was sind das – Engel?« Ein einsames Kloster an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Nonnen sind von Dämonen besessen – Mutter Oberin alleine von acht verschiedenen. Ein vergeistigter Pater, der in seinem obsessiven Drang Gutes zu tun dem Fanatismus der (inneren) Teufel nicht nachsteht, ist die letzte Hoffnung der heimgesuchten Schwestern auf Erlösung von dem Bösen. Doch die Liebe, die er in sich trägt, bringt nichts als Zerstörung … Das kalte Weiß der Nonnengewänder, das tiefe Schwarz der Priestermäntel, das stumpfe Grau der Landschaft und der Gemäuer – Jerzy Kawalerowicz, neben Wajda einer der Heroen der Polnischen Schule, entwirft in kargen grafischen Tableaus (Kamera: Jerzy Wójcik) eine hermetische Welt mit starrem Reglement, das kein Entkommen erlaubt. Die Protagonisten (die den Blick immer wieder direkt an den Zuschauer richten) ringen hilflos um Hingabe, Vernunft und Freiheit, doch sie bleiben gefangen in Furcht, Aberglaube und Repression. »Du gehst im Dunkel, und wie der schwarze Mantel der Nacht ist deine Unwissenheit.«
R Jerzy Kawalerowicz B Jerzy Kawalerowicz, Tadeusz Konwicki K Jerzy Wójcik M Adam Walacinski A Roman Mann, Tadeusz Wybult S Wiesława Otocka P Ludwik Hager D Lucyna Winnicka, Mieczysław Voit, Anna Ciepielewska, Maria Chwalibóg, Kazimierz Fabisiak | PL | 110 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1961
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17.10.60
Djävulens öga (Ingmar Bergman, 1960)
Das Teufelsauge
»Keine Strafe ist zu hart für den, der liebt.« Der Teufel hat ein Gerstenkorn, weil eine Pfarrerstochter (Bibi Andersson) unschuldig in die Ehe geht. Diesen himmlischen Triumph sucht man in der Unterwelt (wo es aussieht und zugeht wie in einer Molière-Komödie) zu verhindern, und so schickt der Satan seinen besten Mann auf die Erde, um das Mädchen vor dem Ja-Wort zu verführen: den stolzen Don Juan (Jarl Kulle) (samt Diener Pablo). Doch der große Frauenheld ist nach 300 Jahren Höllenpein (täglich werden ihm die alten Liebschaften zugeführt, und, kurz bevor es zum Letzten kommt, quälerisch entzogen) müde und melancholisch geworden, und statt die Jungfrau vom Weg der Tugend fortzulocken, verliebt er sich wie ein Pennäler selbst noch in das hübsche blonde Ding… Don Juans Erschöpfung liegt wie ein matter Schleier über diesem sonderbar bedrückten Lustspiel (Ingmar Bergman bezeichnet es als »Rondo capriccioso«), das zwar hohe formale Grazie und einige witzige Momente aufweist (etwa in den Szenenüberleitungen durch einen süffisanten Conférencier (Gunnar Björnstrand), oder wenn der einfältige Pastor einen knuffigen Dämon im Schrank einsperrt), aber weder als psychologische Liebeskomödie noch als metaphysische Farce so recht in die Gänge kommen will. PS: Zu guter Letzt schwillt (wegen einer anderen irdischen Sünde) das Auge des Teufels dann doch noch ab…
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Nils Poppe, Gertrud Fridh, Gunnar Björnstrand | S | 87 min | 1:1,37 | sw | 17. Oktober 1960
»Keine Strafe ist zu hart für den, der liebt.« Der Teufel hat ein Gerstenkorn, weil eine Pfarrerstochter (Bibi Andersson) unschuldig in die Ehe geht. Diesen himmlischen Triumph sucht man in der Unterwelt (wo es aussieht und zugeht wie in einer Molière-Komödie) zu verhindern, und so schickt der Satan seinen besten Mann auf die Erde, um das Mädchen vor dem Ja-Wort zu verführen: den stolzen Don Juan (Jarl Kulle) (samt Diener Pablo). Doch der große Frauenheld ist nach 300 Jahren Höllenpein (täglich werden ihm die alten Liebschaften zugeführt, und, kurz bevor es zum Letzten kommt, quälerisch entzogen) müde und melancholisch geworden, und statt die Jungfrau vom Weg der Tugend fortzulocken, verliebt er sich wie ein Pennäler selbst noch in das hübsche blonde Ding… Don Juans Erschöpfung liegt wie ein matter Schleier über diesem sonderbar bedrückten Lustspiel (Ingmar Bergman bezeichnet es als »Rondo capriccioso«), das zwar hohe formale Grazie und einige witzige Momente aufweist (etwa in den Szenenüberleitungen durch einen süffisanten Conférencier (Gunnar Björnstrand), oder wenn der einfältige Pastor einen knuffigen Dämon im Schrank einsperrt), aber weder als psychologische Liebeskomödie noch als metaphysische Farce so recht in die Gänge kommen will. PS: Zu guter Letzt schwillt (wegen einer anderen irdischen Sünde) das Auge des Teufels dann doch noch ab…
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Jarl Kulle, Bibi Andersson, Nils Poppe, Gertrud Fridh, Gunnar Björnstrand | S | 87 min | 1:1,37 | sw | 17. Oktober 1960
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17.12.57
Night of the Demon (Jacques Tourneur, 1957)
Der Fluch des Dämonen
»It’s in the trees! It’s coming!« Ein amerikanischer Wissenschaftler (felsenfest: Dana Andrews) reist nach England, um an einer Tagung über parapsychologische Phänomene teilzunehmen; als hartgesottener Rationalist will er, trotz zahlreicher deutlicher Hinweise, partout nicht an die dämonischen Kräfte glauben, die der Anführer eines Satanskultes (schillernd: Niall MacGinnis) zu entfesseln in der Lage ist. Jacques Tourneur erzählt, in der Tradition seiner andeutend-gespenstigen Low-Budget-Horrorfilme für den Produzenten Val Lewton, von Schwarzer Magie und Flüchen in uralter Geheimschrift, vom hellen Licht der Aufklärung und den harten Schatten, die es wirft. Eine spleenig-finstere Studie über das Böse (und wie es in die Welt kommt), deren Schrecken von zwei allzu markanten Auftritten eines godzillahaften Feuergeistes (Monsterdesign: Ken Adam) allerdings leicht gemildert wird. (»Maybe it’s better not to know.«)
R Jacques Tourneur B Charles Bennett, Hal E. Chester V M. R. James K Ted Scaife M Clifton Parker A Ken Adam S Michael Gordon P Frank Bevis, Hal E. Chester D Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Athene Seyler, Liam Redmond | UK | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. Dezember 1957
# 1141 | 3. Januar 2019
»It’s in the trees! It’s coming!« Ein amerikanischer Wissenschaftler (felsenfest: Dana Andrews) reist nach England, um an einer Tagung über parapsychologische Phänomene teilzunehmen; als hartgesottener Rationalist will er, trotz zahlreicher deutlicher Hinweise, partout nicht an die dämonischen Kräfte glauben, die der Anführer eines Satanskultes (schillernd: Niall MacGinnis) zu entfesseln in der Lage ist. Jacques Tourneur erzählt, in der Tradition seiner andeutend-gespenstigen Low-Budget-Horrorfilme für den Produzenten Val Lewton, von Schwarzer Magie und Flüchen in uralter Geheimschrift, vom hellen Licht der Aufklärung und den harten Schatten, die es wirft. Eine spleenig-finstere Studie über das Böse (und wie es in die Welt kommt), deren Schrecken von zwei allzu markanten Auftritten eines godzillahaften Feuergeistes (Monsterdesign: Ken Adam) allerdings leicht gemildert wird. (»Maybe it’s better not to know.«)
R Jacques Tourneur B Charles Bennett, Hal E. Chester V M. R. James K Ted Scaife M Clifton Parker A Ken Adam S Michael Gordon P Frank Bevis, Hal E. Chester D Dana Andrews, Peggy Cummins, Niall MacGinnis, Athene Seyler, Liam Redmond | UK | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. Dezember 1957
# 1141 | 3. Januar 2019
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18.1.56
Marguerite de la nuit (Claude Autant-Lara, 1956)
Die Blume der Nacht
Claude Autant-Laras artifizielle Technicolor-Adaption des Fauststoffes verlegt das bekannte Geschehen ins Paris der 1920er Jahre: Nach einem Opernbesuch (auf dem Programm stand »Faust« von Charles Gounod!) wird der greise Doktor Georges Faust von einem auffällig hinkenden Elegant (Yves Montand) angesprochen, der den Alten (nicht ohne Hintergedanken) in einen Nachtclub lockt. Eine glühend rote Treppe führt hinab ins Reich des Vergnügens, wo Faust sogleich der elegisch-schönen Sängerin Marguerite (Michèle Morgan) verfällt, und für die Wiedergewinnung von Jugend und Schönheit dem Teufel seine Seele verkauft … Autant-Lara entkleidet (oder beraubt) die Legende aller metaphysischen Aspekte zugunsten der ihr innewohnenden melodramatischen Möglichkeiten: Sein Film erzählt die Geschichte einer großen, ultimativ bedrohten Liebe, derer sich eine Seite nicht würdig erweist und wegen Kleinmütigkeit zu einem einsamen, glücklosen Leben verdammt wird, während die andere für ihre übermenschliche Opferbereitschaft den ewigen Frieden gewinnt. Neben den unbestreitbaren sentimentalen Qualitäten der Fabel ist »Marguerite de la nuit« in erster Linie das Werk eines ehemaligen Bühnenbildners – Autant-Lara schuf Dekorationen für Jean Renoir, René Clair und Marcel L’Herbier –: Die ultrakünstlichen, an Revuekulissen ebenso wie an Stummfilmszenerien erinnernden Studiobauten von Max Douy präsentieren sich als eigentlicher Star dieser ambitionierten (und etwas zerdehnten) Stilübung.
R Claude Autant-Lara B Ghislaine Autant-Lara, Gabriel Arout V Pierre Mac Orlan K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Léon Carré D Michèle Morgan, Yves Montand, Pierre Palau, Massimo Girotti, Jean-François Calvé | F | 125 min | 1:1,37 | f | 18. Januar 1956
Claude Autant-Laras artifizielle Technicolor-Adaption des Fauststoffes verlegt das bekannte Geschehen ins Paris der 1920er Jahre: Nach einem Opernbesuch (auf dem Programm stand »Faust« von Charles Gounod!) wird der greise Doktor Georges Faust von einem auffällig hinkenden Elegant (Yves Montand) angesprochen, der den Alten (nicht ohne Hintergedanken) in einen Nachtclub lockt. Eine glühend rote Treppe führt hinab ins Reich des Vergnügens, wo Faust sogleich der elegisch-schönen Sängerin Marguerite (Michèle Morgan) verfällt, und für die Wiedergewinnung von Jugend und Schönheit dem Teufel seine Seele verkauft … Autant-Lara entkleidet (oder beraubt) die Legende aller metaphysischen Aspekte zugunsten der ihr innewohnenden melodramatischen Möglichkeiten: Sein Film erzählt die Geschichte einer großen, ultimativ bedrohten Liebe, derer sich eine Seite nicht würdig erweist und wegen Kleinmütigkeit zu einem einsamen, glücklosen Leben verdammt wird, während die andere für ihre übermenschliche Opferbereitschaft den ewigen Frieden gewinnt. Neben den unbestreitbaren sentimentalen Qualitäten der Fabel ist »Marguerite de la nuit« in erster Linie das Werk eines ehemaligen Bühnenbildners – Autant-Lara schuf Dekorationen für Jean Renoir, René Clair und Marcel L’Herbier –: Die ultrakünstlichen, an Revuekulissen ebenso wie an Stummfilmszenerien erinnernden Studiobauten von Max Douy präsentieren sich als eigentlicher Star dieser ambitionierten (und etwas zerdehnten) Stilübung.
R Claude Autant-Lara B Ghislaine Autant-Lara, Gabriel Arout V Pierre Mac Orlan K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Léon Carré D Michèle Morgan, Yves Montand, Pierre Palau, Massimo Girotti, Jean-François Calvé | F | 125 min | 1:1,37 | f | 18. Januar 1956
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16.3.50
La beauté du diable (René Clair, 1950)
Der Pakt mit dem Teufel
»Le véritable enfer existe sur la terre. C’est la misère, la solitude, la méchanceté des hommes.« René Clairs sehr freie Adaption des Faust-Stoffes spiegelt den (alten) wissensdurstigen Gelehrten in seinem (jungen) satanischen Versucher, stellt die beiden einander als Doppelgänger im Geiste gegenüber, als Herzensfeinde auf der Jagd nach dem irdischen Paradies, das in Trugbildern von ewiger Jugend, Geld, Macht und Fortschritt aufflackert. Durch den schlagenden Einfall, die Kontrahenten ihre Körper tauschen zu lassen, verwischt »La beauté du diable« nicht nur die Grenze von Gut und Böse, der Film bereitet auch – für den Betrachter höchst vergnüglich – seinen Hauptdarstellern eine große Bühne: Gérard Philipe, leichtfüßig-romantisch, und Michel Simon, höhnisch-derb, spielen sich, mal als Faust, mal als Mephisto, gegenseitig die Seele aus dem Leib. Für Clair, der seine Version der Legende in einer imaginären Zwischenzeit von alchimistischem Spätmittelalter, beginnender Industrialisierung und Nuklearepoche (Ausstattung: Léon Barsacq) ansiedelt, führen der menschliche (teuflische) Erkenntnisdrang, der starke Wille, die Welt mit Hilfe der Wissenschaft zu verändern, der Materie ihr Geheimnis zu entreißen, die Energie noch des letzten Staubkorns zu entfesseln, zwangsläufig in die Katastrophe: Das Streben nach Glück endet in der Hölle auf Erden. Der (ein wenig hilflos wirkende) konservative Moralismus der Erzählung (die auf ein fragwürdiges Happy End hinausläuft) wird bekömmlich durch die Beweglichkeit der zirzensischen Inszenierung, die Träume, Visionen und Chimären kunstfertig zusammen bindet.
R René Clair B René Clair, Armand Salacrou K Michel Kelber M Roman Vlad A Léon Barsacq S James Cuenet P Salvo D’Angelo D Michel Simon, Gérard Philipe, Nicole Besnard, Simon Valère, Carlo Ninchi | F & I | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. März 1950
»Le véritable enfer existe sur la terre. C’est la misère, la solitude, la méchanceté des hommes.« René Clairs sehr freie Adaption des Faust-Stoffes spiegelt den (alten) wissensdurstigen Gelehrten in seinem (jungen) satanischen Versucher, stellt die beiden einander als Doppelgänger im Geiste gegenüber, als Herzensfeinde auf der Jagd nach dem irdischen Paradies, das in Trugbildern von ewiger Jugend, Geld, Macht und Fortschritt aufflackert. Durch den schlagenden Einfall, die Kontrahenten ihre Körper tauschen zu lassen, verwischt »La beauté du diable« nicht nur die Grenze von Gut und Böse, der Film bereitet auch – für den Betrachter höchst vergnüglich – seinen Hauptdarstellern eine große Bühne: Gérard Philipe, leichtfüßig-romantisch, und Michel Simon, höhnisch-derb, spielen sich, mal als Faust, mal als Mephisto, gegenseitig die Seele aus dem Leib. Für Clair, der seine Version der Legende in einer imaginären Zwischenzeit von alchimistischem Spätmittelalter, beginnender Industrialisierung und Nuklearepoche (Ausstattung: Léon Barsacq) ansiedelt, führen der menschliche (teuflische) Erkenntnisdrang, der starke Wille, die Welt mit Hilfe der Wissenschaft zu verändern, der Materie ihr Geheimnis zu entreißen, die Energie noch des letzten Staubkorns zu entfesseln, zwangsläufig in die Katastrophe: Das Streben nach Glück endet in der Hölle auf Erden. Der (ein wenig hilflos wirkende) konservative Moralismus der Erzählung (die auf ein fragwürdiges Happy End hinausläuft) wird bekömmlich durch die Beweglichkeit der zirzensischen Inszenierung, die Träume, Visionen und Chimären kunstfertig zusammen bindet.
R René Clair B René Clair, Armand Salacrou K Michel Kelber M Roman Vlad A Léon Barsacq S James Cuenet P Salvo D’Angelo D Michel Simon, Gérard Philipe, Nicole Besnard, Simon Valère, Carlo Ninchi | F & I | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. März 1950
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23.11.48
Der Apfel ist ab (Helmut Käutner, 1948)
»Oh jemine, oh homine, / Wärst du doch sapiens gewesen.« Ein Mann, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann: hier die reine, dort die verführerische, die eine blond, die andere brünett. Apfelsafthersteller Adam Schmidt (Bobby Todd), von den Alternativen zerrissen, verzweifelt über sein Dilemma, denkt an Selbstmord. In der Nervenklinik von Professor Petri wird ihm erklärt, die ganze Welt sei krank, und jeder Einzelne trüge daran Schuld. Entgiftung und Selbsterziehung stehen auf dem Programm des Mediziners: Erst wenn der Mensch genäse, könne auch die Zeit wieder in den Takt kommen … Es ist eine sonderbare Chimäre, die Helmut Käutner in seiner filmischen Retorte erzeugt – das Studio als Laboratorium, wo Kabarett und Psychotherapie, Revue und Zeitkritik, Quatsch und Mysterienspiel ungeniert verpanscht werden. Das Ergebnis ist eine aparte Mißgeburt, die ihren spezifischen Reiz allenfalls aus der Disparität der zusammengerührten Elemente gewinnt. In einer bizarren Traumsequenz, die surreale Kulissen und naive Puppentricks, jubelnde Engelsorgeln und teuflische Jazzarrangements bemüht, streift Adam durch Himmel (mit Käutner als vollbärtigem Petrus) und Hölle (wo Arno Assmann als frivoler Luzifer um Kundschaft buhlt), gelangt – man weiß, warum – vom Paradies auf die Erde, erlebt Genesis und Sündenfall als (mehr oder weniger lustiges) Tingeltangel. Adams Problem erfährt schließlich eine göttliche Lösung: Eva, das weiße Häschen (Bettina Moissi), und Lily, die schwarze Schlange (Joana Maria Gorvin), werden zu einem einzigen Wesen verquickt. Wer mag, darf in dieser symbolischen Verschmelzung von Gut und Böse (≈ von Links und Rechts, von Ost und West) so etwas wie die treuherzige Vorstellung eines dritten Weges erkennen, auf dem der gesundete Mensch seinem Glück entgegenwandern darf.
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Bobby Todd V Kurd E. Heyne, Helmut Käutner, Bobby Todd K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Gerhard Ladner, Wolfgang Znamenacek S Wolfgang Wehrum P Helmut Käutner D Bobby Todd, Bettina Moissi, Joana Maria Gorvin, Helmut Käutner, Arno Assmann, Irene von Meyendorff | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. November 1948
# 881 | 15. Juni 2014
R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Bobby Todd V Kurd E. Heyne, Helmut Käutner, Bobby Todd K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Gerhard Ladner, Wolfgang Znamenacek S Wolfgang Wehrum P Helmut Käutner D Bobby Todd, Bettina Moissi, Joana Maria Gorvin, Helmut Käutner, Arno Assmann, Irene von Meyendorff | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. November 1948
# 881 | 15. Juni 2014
11.8.43
Heaven Can Wait (Ernst Lubitsch, 1943)
Ein himmlischer Sünder
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
»I presume your funeral was satisfactory.« – »Well, there was a lot of crying, so I believe everybody had a good time.« Henry Van Cleve (Don Ameche), reich an Geld, an Grillen, an Gelüsten, suchte im Leben immer nur das eine: sein Vergnügen – ein charmanter, unbeschwerter, eskapistischer Bonvivant, der schon als Baby die Damen verrückt machte, der trotz der Ehe mit einer geradezu überirdischen Erscheinung (Gene Tierney als strahlender (Männer-)Traum) nicht von anderen Frauen lassen konnte, der noch als Greis der Faszination von Tanzmäusen erlag … Nach seinem (beschwingten) Tod, das ist ihm klar, fährt er billigermaßen zur Hölle (die aussieht wie das Foyer eines Revuetheaters oder die Vorstandsetage eines Unterhaltungskonzerns); der Teufel (ein spitzbärtiger Weltmann im Frack) lauscht interessiert der Biographie des reizenden Missetäters (112 Minuten Film für 70 Jahre einer federleichten Existenz) und weist ihn freundlich ab: »We don’t cater to your class of people here.« Ernst Lubitsch gibt sich so charmant, so unbeschwert, so eskapistisch wie sein vielgeliebter Held, folgt dem Strom einer schöngefärbten Erinnerung an knallbunt ausgemalte immergute Zeiten: Kino wie ein Walzer von Strauss, wie ein Menuett von Mozart, Kino als galante Technicoloratur ohne moralische, politische, gesellschaftliche Botschaft. Mit »Heaven Can Wait« empfiehlt sich Lubitsch als der freundliche Schöpfer einer besseren (illusionären) Welt: Bei ihm gelangt auch der reiche Mann in den Himmel – das Kamel (in diesem Falle die Kuh ›Mabel‹) muß draußen bleiben.
R Ernst Lubitsch B Samson Raphaelson V László Bús-Fekete K Edward Cronjager M Alfred Newman A James Basevi, Leland Fuller S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Don Ameche, Gene Tierney, Charles Coburn, Marjorie Main, Laird Cregar | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 11. August 1943
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Tod
5.12.42
Les visiteurs du soir (Marcel Carné, 1942)
Die Nacht mit dem Teufel
»Démons et merveilles …« Südfrankreich, 1485: In der Gestalt fahrender Sänger ziehen zwei Diener des Teufels durchs Land, um Kummer und Zwietracht unter die Menschen zu bringen. Im provenzalischen Palast des Baron Hugues verdreht eine(r) der beiden Satansbraten (Arletty wechselt die Geschlechter so nonchalant wie die Gewänder) dem Schloßherrn sowie dessen künftigem Schwiegersohn die Köpfe, während sich der andere Spielmann (Alain Cuny) in des Adeligen schöne Tochter (Marie Déa) verliebt, der er doch nur schöne Augen machen sollte. Der Herr der Finsternis (Jules Berry kann lachen wie der Leibhaftige) sieht sich genötigt, in Persona zu erscheinen, um diese (allzu innige) gegenseitige Affektion zu unterbinden – doch die Liebe, sie währet immerdar, und das Herz der Liebenden, es schlägt, es schlägt, es schlägt … Marcel Carné und Jacques Prévert, le couple idéal des poetischen Realismus, zelebrieren die romantisch-diabolischen Aventüren mit feierlicher Emphase und souveräner Gestaltungskraft: »Les visiteurs du soir« spielt in einer einzigartig kostbaren (dabei ganz und gar nicht konfliktfreien) Welt, im reinen Weiß sonnenüberfluteter Tage, im unergründlichen Schwarz mondloser Nächte; Bilder (Roger Hubert) und Dekors (Alexandre Trauner) nähern sich der rätselhaft-klaren Ästhetik mittelalterlicher Buchmalerei, Préverts Dialoge und Chansons sprechen von der Unverlierbarkeit des Heils (auch und gerade im Angesicht des Bösen), Carnés Inszenierung zaubert Szenen für die filmische Ewigkeit. Ein magischer Glanzpunkt des französischen Kinos.
R Marcel Carné B Jacques Prévert, Pierre Laroche K Roger Hubert M Maurice Thiriet, Joseph Kosma A Alexandre Trauner, Georges Wakhévitch S Henri Rust P André Paulvé D Arletty, Marie Déa, Jules Berry, Fernand Ledoux, Alain Cuny | F | 120 min | 1:1,37 | sw | 5. Dezember 1942
»Démons et merveilles …« Südfrankreich, 1485: In der Gestalt fahrender Sänger ziehen zwei Diener des Teufels durchs Land, um Kummer und Zwietracht unter die Menschen zu bringen. Im provenzalischen Palast des Baron Hugues verdreht eine(r) der beiden Satansbraten (Arletty wechselt die Geschlechter so nonchalant wie die Gewänder) dem Schloßherrn sowie dessen künftigem Schwiegersohn die Köpfe, während sich der andere Spielmann (Alain Cuny) in des Adeligen schöne Tochter (Marie Déa) verliebt, der er doch nur schöne Augen machen sollte. Der Herr der Finsternis (Jules Berry kann lachen wie der Leibhaftige) sieht sich genötigt, in Persona zu erscheinen, um diese (allzu innige) gegenseitige Affektion zu unterbinden – doch die Liebe, sie währet immerdar, und das Herz der Liebenden, es schlägt, es schlägt, es schlägt … Marcel Carné und Jacques Prévert, le couple idéal des poetischen Realismus, zelebrieren die romantisch-diabolischen Aventüren mit feierlicher Emphase und souveräner Gestaltungskraft: »Les visiteurs du soir« spielt in einer einzigartig kostbaren (dabei ganz und gar nicht konfliktfreien) Welt, im reinen Weiß sonnenüberfluteter Tage, im unergründlichen Schwarz mondloser Nächte; Bilder (Roger Hubert) und Dekors (Alexandre Trauner) nähern sich der rätselhaft-klaren Ästhetik mittelalterlicher Buchmalerei, Préverts Dialoge und Chansons sprechen von der Unverlierbarkeit des Heils (auch und gerade im Angesicht des Bösen), Carnés Inszenierung zaubert Szenen für die filmische Ewigkeit. Ein magischer Glanzpunkt des französischen Kinos.
R Marcel Carné B Jacques Prévert, Pierre Laroche K Roger Hubert M Maurice Thiriet, Joseph Kosma A Alexandre Trauner, Georges Wakhévitch S Henri Rust P André Paulvé D Arletty, Marie Déa, Jules Berry, Fernand Ledoux, Alain Cuny | F | 120 min | 1:1,37 | sw | 5. Dezember 1942
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