Mühlbach ist ein ganz normales Dorf in der DDR. Es gibt einen Gasthof und einen Feuersee, eine aufstrebende LPG und den Club der Ewiggestrigen, es wird gesächselt, daß sich die Scheunenbalken biegen. Apropos: Eines Sonnabends im Februar 1960 (nach einer Tanzveranstaltung) hängt in Paul Gäblers (lichterloh brennender) Scheune ein Toter am Balken: Paul Gäbler selbst. Alles spricht dafür, daß die gesellschaftspolitischen Umstände den eigensinnigen Bauern in den Freitod getrieben haben – alles, nur nicht das Seil: Es ist zu kurz für einen Selbstmord … Ein winterkalter Milieukrimi aus der Schlußphase der (Zwangs-)Kollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft; neben Mord bringt Regisseur Heinz Thiel – teilweise in Rückblenden, die aus subjektiver (Zeugen-)Sicht präsentiert werden – noch Brandstiftung und unerlaubten Waffenbesitz, Betrug und Ehebruch ins Spiel. Auch wenn hinter der beschaulichen Kulisse also einiges im Argen liegt, hat der ermittelnde Oberleutnant der Volkspolizei (latent verschnupft: Gerry Wolff) nicht allzu viel Mühe, den Fall zu lösen und die Ordnung der sozialistischen Gesellschaft wiederherzustellen – zumal Raffgier und Egoismus ja lediglich betrübliche Nachwirkungen von historisch längst überwundenen Denkmustern und Verhaltensweisen darstellen.
R Heinz Thiel B Lothar Creutz, Carl Andrießen K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Herbert Nitzschke S Wally Gurschke P Paul Ramacher D Gerry Wolff, Rudolf Ulrich, Albert Garbe, Johannes Arpe, Ruth Kommerell | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1962
# 979 | 23. November 2015
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18.1.62
17.3.61
Flucht nach Berlin (Will Tremper, 1961)
»Die deutsche Not« heißt ein Buch, in dem die Schriftstellerin Erika von Hornstein im Jahre 1960 Dutzende Biographien von DDR-Flüchtlingen vereint – eine einmalige Sammlung von Selbstaussagen, die ein eindringlich-differenziertes Bild vom Leben, besser gesagt: vom Nicht-mehr-leben-Können in der sogenannten »Zone« zeichnen. Zur gleichen Zeit, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, die das letzte Schlupfloch von Ost nach West verschließen wird, schleudert der flinke Dreigroschenreporter (»Deutschland, deine Sternchen«) und gegenwartsnahe Szenarist (»Die Halbstarken«) Will Tremper sein Regiedebüt auf die Leinwand, thematisiert darin (als einer der ganz wenigen Kinomacher seiner Zeit) die millionenfache Wanderung von einem Deutschland ins andere. Er tut dies anhand zweier, miteinander unselig verflochtener, Einzelschicksale: Bauer Güden (Narziss Sokatscheff) verweigert den Eintritt in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft seines Dorfes und haut ab; Genosse Baade (Christian Doermer), SED-Agitator der (Zwangs-)Kollektivierung, gerät wegen Güdens Flucht ins politische Zwielicht und setzt dem Abtrünnigen nach. Die dramatische Jagd führt – entlang von Autobahnen und Schienensträngen – ins undurchdringliche, beinahe mystisch wirkende Schilfdickicht am Berliner Grenzfluß Havel, wo es zum finalen Zweikampf kommt … Autorenfilmer Tremper, das ist sein Defizit und seine Stärke zugleich, schematisiert statt zu nuancieren, spitzt zu statt zu vertiefen, motzt auf statt abzuwägen; während (≈ indem) er wie eine Dampfwalze über den Acker der Geschichte schnauft, richtet er sein Augenmerk gleichermaßen auf ideologische Verblendung und opportunistisches Duckmäusertum, auf blinden Eigennutz und wohlstandssatten Stumpfsinn, kurz: auf das nationale Unglück, also: auf die deutsche Not. PS: »Es lebe die Freiheit!«
R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961
R Will Tremper B Will Tremper K Günter Haase, Gerd von Bonin M Peter Thomas S Will Tremper P Will Tremper, Michael Schwabacher D Christian Doermer, Narziss Sokatscheff, Susanne Korda | BRD | 103 min | 1:1,66 | sw | 17. März 1961
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8.2.57
Schlösser und Katen (Kurt Maetzig, 1957)
Auch Affirmation kann Kunst hervorbringen: Thälmann-Regisseur Kurt Maetzig und Stalin-Hymniker Kuba erzählen mit geballten Fäusten und epischem Atem den großen sozialistisch-realistischen Heimatroman der 1950er Jahre. Vom Kriegsende 45 über Bodenreform und beginnende (Zwangs-)Kollektivierung bis zum Juniaufstand 53 schildert »Schlösser und Katen« (durch die ideologische Brille aber ohne Brett vorm Kopf) die Geschichte eines mecklenburgischen Dorfes und die verschlungenen Schicksale seiner Bewohner. Der Kampf zwischen dem dunklen Gestern und dem lichten Morgen führt durch ein intrigantes Heute, in dem es von buckligen Knechten, verschlagenen Gutsinspektoren, unehelichen Töchtern und argwöhnischen Bauern nur so wimmelt. Daß am Ende das Alte dem Neuen weichen muß, damit alles gut und rot werde, versteht sich von selbst. Trotz alledem: erzählerisch sehr taugliche, handwerklich überzeugende Defa-Ware.
R Kurt Maetzig B Kuba (= Kurt Barthel), Kurt Maetzig K Otto Merz M Wilhelm Neef A Alfred Hirschmeier S Ruth Moegelin P Hans Mahlich D Raimund Schelcher, Erika Dunkelmann, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith | DDR | 204 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1957
R Kurt Maetzig B Kuba (= Kurt Barthel), Kurt Maetzig K Otto Merz M Wilhelm Neef A Alfred Hirschmeier S Ruth Moegelin P Hans Mahlich D Raimund Schelcher, Erika Dunkelmann, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith | DDR | 204 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1957
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1.7.55
Perwij eschelon (Michail Kalatosow, 1955)
Die erste Staffel
Neuland unterm Pflug: Eine Gruppe begeisterter Komsomolzen macht sich auf, die fruchtbare sibirische Steppe zu entjungfern. Unter der Anleitung wohlwollender alter Füchse wachsen die übermütigen jungen Hunde an ihren Aufgaben und an ihrer Verantwortung … Zwei Jahre nach Stalins Tod entstanden, ist Michail Kalatosows »Perwij eschelon« weitgehend den schlichten Aussagen und der dogmatischen Ästhetik des sozialistischen Realismus verpflichtet: Immer wieder versammeln sich die angehenden Helden zu statischen Genrebildern, immer wieder richten sie ihre Blicke hochgestimmt (manchmal auch nachdenklich) in die, von Dmitri Schostakowitsch musikalisch antizipierte, rote Zukunft. Doch da sind diese überraschenden Bilder von Einsamkeit, ja Vergeblichkeit: einzelne Figuren, verloren in grenzenlosen Weiten. Die Herausforderungen scheinen plötzlich nicht zu bewältigen, jede Anstrengung zum Scheitern verurteilt. Auch das Ende des Films stimmt nicht eben hoffnungsvoll: Die erste Ernte wird durch ein Feuer vernichtet, der Wettbewerb um die Bestleistung eines landwirtschaftlichen Aufbau-Kollektivs geht verloren. Aber wie sagte ein (amerikanischer) Philosoph: »Unser großer Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.«
R Michail Kalatosow B Nikolai Pogodin K Juri Jekeltschik, Sergei Urussewski M Dmitri Schostakowitsch A Michail Bogdanow, Gennadi Mjasnikow S Soja Werjowkina P Mosfilm D Wsewolod Sanajew, Sergei Romodanow, Oleg Efremow, Tatjana Doronina, Isolda Iswitskajka | SU | 114 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1955
Neuland unterm Pflug: Eine Gruppe begeisterter Komsomolzen macht sich auf, die fruchtbare sibirische Steppe zu entjungfern. Unter der Anleitung wohlwollender alter Füchse wachsen die übermütigen jungen Hunde an ihren Aufgaben und an ihrer Verantwortung … Zwei Jahre nach Stalins Tod entstanden, ist Michail Kalatosows »Perwij eschelon« weitgehend den schlichten Aussagen und der dogmatischen Ästhetik des sozialistischen Realismus verpflichtet: Immer wieder versammeln sich die angehenden Helden zu statischen Genrebildern, immer wieder richten sie ihre Blicke hochgestimmt (manchmal auch nachdenklich) in die, von Dmitri Schostakowitsch musikalisch antizipierte, rote Zukunft. Doch da sind diese überraschenden Bilder von Einsamkeit, ja Vergeblichkeit: einzelne Figuren, verloren in grenzenlosen Weiten. Die Herausforderungen scheinen plötzlich nicht zu bewältigen, jede Anstrengung zum Scheitern verurteilt. Auch das Ende des Films stimmt nicht eben hoffnungsvoll: Die erste Ernte wird durch ein Feuer vernichtet, der Wettbewerb um die Bestleistung eines landwirtschaftlichen Aufbau-Kollektivs geht verloren. Aber wie sagte ein (amerikanischer) Philosoph: »Unser großer Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.«
R Michail Kalatosow B Nikolai Pogodin K Juri Jekeltschik, Sergei Urussewski M Dmitri Schostakowitsch A Michail Bogdanow, Gennadi Mjasnikow S Soja Werjowkina P Mosfilm D Wsewolod Sanajew, Sergei Romodanow, Oleg Efremow, Tatjana Doronina, Isolda Iswitskajka | SU | 114 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1955
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11.11.52
Ferien vom Ich (Hans Deppe, 1952)
»Bleiben Sie so!« – »Ja, wie denn?« Ein amerikanischer Millionär (Rudolf Prack) reist in Geschäften durch Deutschland, klappt unterwegs vor Erschöpfung zusammen. Der beigezogene Arzt (Willy Fritsch) rät zu einer Radikalkur: alles vergessen, komplett ausspannen, Ferien vom Ich machen. Der Millionär ist begeistert von der Idee des philanthropischen Mediziners, wittert dabei auch ein gutes Geschäft. Ein idyllischer Gutshof wird (günstig) gekauft, als landwirtschaftiche Kurklinik umgenutzt; Anzeigen werden geschaltet, die Mühseligen und Beladenen des anlaufenden Wirtschaftwunders kommen in Scharen. Ein hypernervöser Notar, ein unzufriedener Angestellter, eine durchgedrehte Schauspielerin, ein untergebutterter Ehemann – sie alle wollen die strapaziöse Existenz hinter sich lassen, das belastende Ego austreiben wie einen bösen Geist. In der gediegenen Heilstätte erhalten die Patienten Einheitskleidung und neue Namen, verrichten sogenannte niedere Dienste, finden in Entäußerung und Anonymität zu sich selbst und zum (persönlichen oder partnerschaftlichen) Glück, wodurch sie hinfort den Herausforderungen des Lebens gewachsen sein werden. Hans Deppe inszeniert einen doppelbödigen Heimatfilm – einerseits friedvolle Landschaften, sentimentale Musik, boulevardeske Liebeshändel, andererseits Motivationsprogramm zur nutzbringenden Selbstoptimierung: Die Prosperität dressiert ihre Kinder.
R Hans Deppe B Peter Francke V Paul Keller K Willy Winterstein M Marc Roland A Ernst H. Albrecht S Walter Wischniewsky P Hans Deppe D Rudolf Prack, Marianne Hold, Willy Fritsch, Grethe Weiser, Paul Henckels | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 11. November 1952
# 863 | 18. Mai 2014
R Hans Deppe B Peter Francke V Paul Keller K Willy Winterstein M Marc Roland A Ernst H. Albrecht S Walter Wischniewsky P Hans Deppe D Rudolf Prack, Marianne Hold, Willy Fritsch, Grethe Weiser, Paul Henckels | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 11. November 1952
# 863 | 18. Mai 2014
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