Das Schlangenei
»Go to hell!« – »Where do you think we are?« Ingmar Bergman schickt Dr. Mabuse ins Cabaret. »The scene is Berlin, the evening of Saturday, November 3, 1923.« Abel Rosenberg (mit versoffener Klarheit: John Carradine), Jude, Amerikaner, abgetakelter Trapezartist, stromert nach dem Selbstmord seines Bruders durch das Inflationschaos der Reichshauptstadt. Seine Exschwägerin, die Tingeltangeldiseuse und Gelegenheitsnutte Manuela (mit grüner Lockenperücke: Liv Ullmann), und der Arzt und (Menschen-)Forscher Dr. Hans Vergérus (mit gefährlich-randloser Brille: Heinz Bennent), ein geheimnisvoll-unheimlicher Bekannter aus sonnigen Jugendjahren, kreuzen Abels Wege durch das irdische Jammertal. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die Ahnung von der kommenden großen Katastrophe ziehen wie giftige Nebelschwaden durch die Seelen der Menschen – und durch die Straßen der Stadt, in die sich ein Sturzbach von übel zugerichteten Leichen ergießt, allesamt Opfer unverständlicher Gräueltaten: Verbrechen, die der aufrechte Inspektor Bauer (Gert Fröbe), seiner preußischen Beamtenpflicht folgend, mit trübsinniger Hartnäckigkeit aufzuklären versucht … Bergman, von schwedischen Steuerbürokraten ins Münchner Exil getrieben, inszeniert, fern der Heimat, in einer der grandiosesten jemals in Deutschland errichteten Filmarchitekturen (Rolf Zehetbauer), einmal mehr eine Vision der Hölle auf Erden – eine Gesellschaft in Auflösung, Menschen in Angst, Körper in Qualen – und einen poetisch-politischen rückblickenden Ausblick auf den (aus der Furcht und dem Entsetzen der von Gott verlassenen Kreaturen) heraufsteigenden Faschismus: »I wake up from a nightmare and find that real life is worse than the dream.«
R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist M Rolf A. Wilhelm A Rolf Zehetbauer S Jutta Hering P Dino De Laurentiis D Liv Ullmann, David Carradine, Gert Fröbe, Heinz Bennent, James Whitmore | USA & BRD | 120 min | 1:1,66 | f | 28. Oktober 1977
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28.10.77
18.1.73
Traitement de choc (Alain Jessua, 1973)
Der Preis für ein Leben
Eine Reise zur Quelle der ewigen Jugend … Hélène Masson (Annie Girardot), Modemacherin Ende 30, erfolgreich und erschöpft, von ihrem Freund wegen einer Jüngeren verlassen, fährt zur Kur ans Meer, in die abgelegene Privatklinik des attraktiv-alerten Dr. Devilers (Alain Delon), der an seinen Patienten wahre Wunder vollbringt. Es ist eine exklusive und zahlungskräftige Klientel, die sich in der modernen Heilstätte regelmäßig zur Thalassotherapie einfindet; die verschiedenen Anwendungen werden ergänzt durch Aufbauspritzen von überraschend belebender Wirkung. Hélène genießt zunächst die ungezwungene Atmosphäre wie auch die erotischen Aufmerksamkeiten des Chefarztes, wundert sich aber über die zunehmende Schlappheit der zahlreichen jungen portugiesischen Bediensteten; nach dem Selbstmord eines guten Freundes und Mitpatienten unternimmt sie auf eigene Faust Recherchen in der abweisenden Umgebung der Klinik und in den geheimen Laboratorien des Verjüngungsspezialisten … Alain Jessua beschreibt in seinem makabren Thriller nicht nur die allzumenschliche Furcht vor physischem Verfall und die verzweifelte Jagd nach dauerhafter Kraft und Schönheit, er zieht auch eine gerade Linie von den blutigen Opferritualen archaischer Gesellschaften zu den ausbeuterischen Klassenverhältnissen der abendländischen Zivilisation: Immer sind es die Schwachen, die über die Klinge springen, um die Starken stärker zu machen.
R Alain Jessua B Alain Jessua, Roger Curel K Jacques Robin M René Koering, Alain Jessua A Constantin Mejinsky S Hélène Plemiannikov P Raymond Danon, Robert Dorfmann D Annie Girardot, Alain Delon, Michel Duchaussoy, Robert Hirsch, Jean-François Calvé | F & I | 91 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1973
# 859 | 18. April 2014
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26.12.72
Dr. M schlägt zu (Jess Franco, 1972)
Gemeingefährliche Industriespionage als deutsch-spanischer Sleaze-Alptraum: Aus dem Forschungsinstitut von Professor Orloff (Siegfried Lowitz) werden die Pläne einer supergeheimen Strahlenwaffe gestohlen – dumm nur, daß die Unterlagen verschlüsselt sind. Die Verbrecher unter Führung von Dr. Krenko (Jack Taylor spielt eine Mischung aus überfordertem Dr. Mabuse und zahnlosem Charles Manson) unternehmen nun alles (Un-)Menschenmögliche, um sich den Code zu verschaffen … Artur Brauner wird seinem Ruf als gnadenloser Nachzehrer einmal mehr gerecht, indem er den Kinomythos »M« = Mabuse (der von ihm zuvor schon mehrfach gefleddert wurde) endgültig ausplündert und alles Titanischen entkleidet. Dem lächerlichen Dilettantismus der Schurken – ein unfähiger Hypnose»spezialist«, eine fiese Handlangerin und ein täppisches Kraftmonster treiben ihr unsinniges Wesen – entsprechen die atemberaubende Inkonsistenz des (vom Produzenten mitverfaßten) Drehbuchs und die radikale Dürftigkeit der Regiebemühungen von Jess Franco (der, wenn nichts mehr hilft, dralle Schönheiten entführen und in verzerrter Weitwinkeloptik piesacken läßt). Auf ihre Art finden Brauner und Franco damit ein künstlerisches Äquivalent zum asozialen Zerstörungsfuror des legendären Anarchokriminellen.
R Jess Frank (= Jess Franco) B Art Bernd (= Artur Brauner), Jess Frank (= Jess Franco) K Manuel Merino M Rolf Kühn A Hans-Jürgen Kiebach S Renate Engelmann P Artur Brauner D Fred Williams, Jack Taylor, Ewa Strömberg, Siegfried Lowitz, Moisés Augusto Rocha | BRD & E | 80 min | 1:1,66 | f | 26. Dezember 1972
# 905 | 1. September 2014
R Jess Frank (= Jess Franco) B Art Bernd (= Artur Brauner), Jess Frank (= Jess Franco) K Manuel Merino M Rolf Kühn A Hans-Jürgen Kiebach S Renate Engelmann P Artur Brauner D Fred Williams, Jack Taylor, Ewa Strömberg, Siegfried Lowitz, Moisés Augusto Rocha | BRD & E | 80 min | 1:1,66 | f | 26. Dezember 1972
# 905 | 1. September 2014
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18.12.69
On Her Majesty's Secret Service (Peter Hunt, 1969)
James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät
Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«
R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969
Bond in love! Der allzeit potente Held der westlichen Welt, für den Sex bislang nicht mehr bedeutete als ein 1953er Dom Pérignon (was freilich nicht wenig ist), findet die echte, die große Liebe. Auch sonst hält das sechste 007-Leinwand-Abenteuer einige Überraschungen bereit: zunächst einen neuen Bond-Darsteller (George Lazenby, das exemplarische Katalogbild des männlichen Mannes, der im Skidress dieselbe überzeugende Figur macht wie im tuxedo kilt), dazu eine eigenwillige weibliche Hauptfigur, kein »girl«, sondern eine Frau, die (trotz einer gewissen seelischen Labilität) dem dynamischen Superagenten das Wasser reichen kann (Diana Rigg bringt als Teresa ›Tracy‹ Di Vicenzo, geb. Draco en passant ihren Emma-Peel-Mythos in den Film ein) und, am interessantesten vielleicht, einen progressiv-dissonanten Erzählrhythmus, der – unter fast völliger Vermeidung visueller Exzentrik – die Balance findet zwischen aufreizend epischer Breite und virtuos choreographierten, exquisit geschnittenen alpinen Actionsequenzen (Regie führt Peter Hunt, der langjährige Cutter der Reihe). »On Her Majesty’s Secret Service« bietet mit Telly Savalas (als Erzschurke Ernst Stavro Blofeld ≈ Comte Balthazar de Bleuchamp), Ilse Steppat (als SSige Handlangerin Irma Bunt) sowie diversen, unter Hypnose stehenden, Schönheiten (denen der Held, soviel Bond muß sein, ganz ohne Liebesschmuß seine Virilität beweisen darf) zudem ein ansehnliches Panoptikum des Bösen – wobei die Dramatik des Falls (Erpressung der Welt mittels eines infertilisierenden Virus) zurücktritt hinter die Sensation der (trügerischen) Romantik: »We have all the time in the world.«
R Peter Hunt B Richard Maibaum V Ian Fleming K Michael Reed M John Barry A Syd Cain S John Glen P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D George Lazenby, Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Ilse Steppat | UK | 142 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1969
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16.1.66
Our Man Flint (Daniel Mann, 1966)
Derek Flint schickt seine Leiche
»People of the world, there’s no need to panic.« James Coburn ist Flint, Derek Flint. Wo andere Topspione sich mit einem girl zufrieden geben müssen, disponiert Flint (»The Original Man of Mystery«) gleich über vier (später fünf) geneigte junge Damen – und er hat ein Feuerzeug mit 82 Funktionen (»83 if you want to light a cigar«). Flint ist ein Meister aller Klassen (»Is there anything you don't know?« – »A great many things, sir. But, nothing of consequence.«), er tanzt am Bolschoi, und er schnüffelt an einem vergifteten Pfeil noch die Rezeptur der Bouillabaisse heraus, die der Killer vor dem (natürlichen mißglückten) Attentat auf den Agenten genossen hat. In »Our Man Flint«, einer op- und popartigen Verhohnepipelung der Bondmania, rettet der Titelheld unsere schöne Welt vor den Verbesserungsplänen einer Troika ambitionierter Wissenschaftler (Dr. Wu, Dr. Schneider und Dr. Krupov – man bemerke: Chinese, Deutscher und Ruski), die ihren Mitmenschen mittels Ökoterrorismus das irdische Paradies aufzwingen wollen. Ein beschwingter Score (Jerry Goldsmith) und ein kapriziöses Kostümbild (Ray Aghayan) sorgen für unbeschwertes 60s-Feeling; außerdem mit von der Partie: ein antiamerikanischer Adler (»That’s diabolic!«) und Lee J. Cobb als Geheimdienstchef mit blankliegenden Nerven.
R Daniel Mann B Hal Fimberg, Ben Starr K Daniel L. Fapp M Jerry Goldsmith A Jack Martin Smith, Ed Graves S William Reynolds P Saul David D James Coburn, Lee J. Cobb, Gila Golan, Edward Mulhare, Rhys Williams | USA | 108 min | 1:2,35 | f | 16. Januar 1966
»People of the world, there’s no need to panic.« James Coburn ist Flint, Derek Flint. Wo andere Topspione sich mit einem girl zufrieden geben müssen, disponiert Flint (»The Original Man of Mystery«) gleich über vier (später fünf) geneigte junge Damen – und er hat ein Feuerzeug mit 82 Funktionen (»83 if you want to light a cigar«). Flint ist ein Meister aller Klassen (»Is there anything you don't know?« – »A great many things, sir. But, nothing of consequence.«), er tanzt am Bolschoi, und er schnüffelt an einem vergifteten Pfeil noch die Rezeptur der Bouillabaisse heraus, die der Killer vor dem (natürlichen mißglückten) Attentat auf den Agenten genossen hat. In »Our Man Flint«, einer op- und popartigen Verhohnepipelung der Bondmania, rettet der Titelheld unsere schöne Welt vor den Verbesserungsplänen einer Troika ambitionierter Wissenschaftler (Dr. Wu, Dr. Schneider und Dr. Krupov – man bemerke: Chinese, Deutscher und Ruski), die ihren Mitmenschen mittels Ökoterrorismus das irdische Paradies aufzwingen wollen. Ein beschwingter Score (Jerry Goldsmith) und ein kapriziöses Kostümbild (Ray Aghayan) sorgen für unbeschwertes 60s-Feeling; außerdem mit von der Partie: ein antiamerikanischer Adler (»That’s diabolic!«) und Lee J. Cobb als Geheimdienstchef mit blankliegenden Nerven.
R Daniel Mann B Hal Fimberg, Ben Starr K Daniel L. Fapp M Jerry Goldsmith A Jack Martin Smith, Ed Graves S William Reynolds P Saul David D James Coburn, Lee J. Cobb, Gila Golan, Edward Mulhare, Rhys Williams | USA | 108 min | 1:2,35 | f | 16. Januar 1966
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25.8.65
Marie-Chantal contre Dr. Kha (Claude Chabrol, 1965)
M. C. contra Dr. Kha
»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt machen würde. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Abenteuern wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Christian-Yve, Daniel Boulanger V Jacques Chazot K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Litaye S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard D Marie Lafôret, Francisco Rabal, Stéphane Audran, Akim Tamiroff, Serge Reggiani, Roger Hanin, Charles Denner | F & I & E | 110 min | 1:1,66 | f | 25. August 1965
»Vous êtes comme Alice. Vous êtes passées de l’autre côté du miroir.« Auf einer Zugfahrt erhält Marie-Chantal (Marie Lafôret) von einem Mitreisenden ein Schmuckstück zur vorübergehenden Aufbewahrung. Im Moment, da sie den blauen Pantherkopf mit den Rubinaugen annimmt, betritt das maliziöse Lebefräulein ein wundersames Land hinter den Spiegeln, eine Sphäre des tödlichen Wettstreits feindlicher Organisationen. Claude Chabrol erzählt (mit Anleihen bei Langs »Dr. Mabuse« und Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much«) eine bizarre Farce um ein Killervirus, das seinen Besitzer zum Herren der Welt machen würde. Der Film, eine märchenhafte Reise von den Alpen nach Marokko, lebt vor allem von seinen Darstellern: Serge Reggiani und Charles Denner als grenzdebile Comicspione Ivanov und Johnson; Stéphane Audran als schwarze Witwe Olga, die den ganzen Horror des Lebens an der unsichtbaren Front schildert: dauernd Mord, Entführung, Sabotage, und dann noch die Sexpartys mit den Ministern; Akim Tamiroff als doppelbödiger Dr. Kha, genialischer Spieler gegen alle und gegen sich selbst. Die Heldin engagiert sich weniger aus Überzeugung denn aus Renitenz: la petite snob will das Kleinod, das man ihr überlassen hat, einfach nicht wieder hergeben. Im übrigen findet sie die Agenda des Superschurken bedauernswürdig: Absolute Macht bedeute nichts anderes als absoluten Tod. Und während die junge Frau zur Ablenkung ihr Nonnenschulen-Programm von Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen entwickelt, nestelt sie einen Revolver aus der Bluse … Die angelegte Fortsetzung von Marie-Chantals phantastischen Abenteuern wird Chabrol der Filmgeschichte leider schuldig bleiben.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Christian-Yve, Daniel Boulanger V Jacques Chazot K Jean Rabier M Pierre Jansen A Guy Litaye S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard D Marie Lafôret, Francisco Rabal, Stéphane Audran, Akim Tamiroff, Serge Reggiani, Roger Hanin, Charles Denner | F & I & E | 110 min | 1:1,66 | f | 25. August 1965
12.6.64
Banco à Bangkok pour OSS 117 (André Hunebelle, 1964)
Heiße Hölle Bangkok
»L’avenir est une illusion. Le passé n’est qu’un souvenir. Seul le présent conte.« – OSS 117, der französische Smokingtaschen-Bond (in diesem Abenteuer verkörpert von Kerwin Mathews), ermittelt in Bangkok gegen einen gewissen Dr. Gunnar Sinn (Robert Hossein), Modearzt und Parapsychologe, der die Welt mittels eines verbesserten Pestvirus von Überbevölkerung und atomarem Wahnsinn befreien möchte. Guter Plan – aber der Film trödelt ziemlich gedankenlos vor sich hin. Pier Angeli als Lila Sinn (die gute Schwester des Bösen), der rasante, jazzig-thailandisierende Score von Michel Magne sowie eine (vor allem ausstattungsmäßig) angemessen abgedrehte Schlußsequenz heben »Banco à Bangkok« immerhin auf akzeptables Niveau.
R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Michel Lebrun, André Hunebelle V Jean Bruce K Raymond Pierre Lemoigne M Michel Magne A René Moulaert S Jean Feyte P Paul Cadéac D Kerwin Mathews, Robert Hossein, Pier Angeli, Dominique Wilms, Gamil Ratib | F & I | 105 min | 1:2,35 | f | 12. Juni 1964
»L’avenir est une illusion. Le passé n’est qu’un souvenir. Seul le présent conte.« – OSS 117, der französische Smokingtaschen-Bond (in diesem Abenteuer verkörpert von Kerwin Mathews), ermittelt in Bangkok gegen einen gewissen Dr. Gunnar Sinn (Robert Hossein), Modearzt und Parapsychologe, der die Welt mittels eines verbesserten Pestvirus von Überbevölkerung und atomarem Wahnsinn befreien möchte. Guter Plan – aber der Film trödelt ziemlich gedankenlos vor sich hin. Pier Angeli als Lila Sinn (die gute Schwester des Bösen), der rasante, jazzig-thailandisierende Score von Michel Magne sowie eine (vor allem ausstattungsmäßig) angemessen abgedrehte Schlußsequenz heben »Banco à Bangkok« immerhin auf akzeptables Niveau.
R André Hunebelle B Pierre Foucaud, Michel Lebrun, André Hunebelle V Jean Bruce K Raymond Pierre Lemoigne M Michel Magne A René Moulaert S Jean Feyte P Paul Cadéac D Kerwin Mathews, Robert Hossein, Pier Angeli, Dominique Wilms, Gamil Ratib | F & I | 105 min | 1:2,35 | f | 12. Juni 1964
22.11.63
Der Henker von London (Edwin Zbonek, 1963)
Täuschend echte Edgar-Wallace-Kopie aus dem Hause ›Atze‹ Brauner über ein anonym-klandestines Konsortium, das Kriminelle, die ihrer gerechten (= tödlichen) Strafe entgehen konnten, ebenderselben zuführt. (Nur scheinbar) parallel zu diesem Fall von Schattenjustiz entwickelt sich der Erzählstrang um einen ruchlosen Frauenkiller (Wolfgang Neuss würde sagen: »Was soll’s? Der Mörder ist Dieter Borsche.«), der ständigen Nachschub an Blondinen benötigt, um seine wissenschaftlichen Studien zur Trennung von Geist (= Kopf) und Körper voranzutreiben. Inspektor Hillier von Scotland Yard (engagiert: Hansjörg Felmy), dessen eigene Schwester Opfer des pathologischen Verbrechers wurde, tritt ermittlungstechnisch auf der Stelle, bis er seine (blonde) Verlobte Ann (Maria Perschy), die Tochter des pensionierten Richters Sir Francis Elliott (Rudolf Forster), eines Juristen, der zu Amtszeiten keine Gnade kannte, als Lockvogel ins Rennen schickt … Chris Howlands original-englische Scherzkeks-Auftritte erweisen sich als würdiger Eddi-Arendt-Ersatz; Kameramann Richard Angst trägt seinen Nachnamen völlig zurecht; mit hohem Sinn für makabre Stimmungsmalerei inszeniert Edwin Zbonek einen charmant-obszönen Talmi-Grusler alter Schule.
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Rudolf Forster | BRD | 94 min | 1:2,35 | sw | 22. November 1963
R Edwin Zbonek B Robert A. Stemmle V Bryan Edgar Wallace K Richard Angst M Raimund Rosenberger A Hans-Jürgen Kiebach, Ernst Schomer S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Hansjörg Felmy, Maria Perschy, Dieter Borsche, Wolfgang Preiss, Rudolf Forster | BRD | 94 min | 1:2,35 | sw | 22. November 1963
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Stemmle,
Zbonek
20.9.63
Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (Paul May, 1963)
Nach der erfrischend respektlosen Remake-Travestie »Das Testament des Dr. Mabuse« (er)schlägt Produzent Artur Brauner zwei Fliegen mit einer Klappe, indem er den unsterblichen Super-Verbrecher in einen (ziemlich banalen) Reißer aus der Feder seines Hausautoren Bryan Edgar Wallace versetzt. Kinematographische Gesellschaftskritik war in den Mabuse-Filmen längst nicht mehr im Spiel, doch mit dem holprigen Crossover aus elektronischer Gedankenkontrolle, seniler Allmachtsphantasie und konventionellem Postraub erreicht die Reihe einen eklatanten Tiefpunkt. Das triste Einerlei aus einfallsarmem Buch (Ladislas Fodor) und lustloser Inszenierung (Paul ›08/15‹ May), aus gelangweiltem Spiel und fader Fotografie durchbricht gelegentlich Agnes Windeck (als kriminalistisch instinktsichere Mutter des ermittelnden Geheimdienstmannes Peter van Eyck) mit der outrierten Zelebrierung jenes Humors, den deutsche Filmschaffende, warum auch immer, für britisch halten.
R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963
# 860 | 8. Mai 2014
R Paul May B Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace, Norbert Jacques K Nenad Jovicic M Rolf Wilhelm A Hanns H. Kuhnert S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Peter van Eyck, Dieter Borsche, Walter Rilla, Werner Peters, Klaus Kinski, Agnes Windeck | BRD | 90 min | 1:1,37 | sw | 20. September 1963
# 860 | 8. Mai 2014
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4.6.63
The Nutty Professor (Jerry Lewis, 1963)
Der verrückte Professor
»Are you tired of being a square? Are you tired of a dull, dull, dull existence?« Nach drei Werken, die auf Entwicklung einer Fabel mehr oder weniger entschlossen verzichteten, unternimmt »total film-maker« Jerry Lewis erstmals den Versuch, seine Gags in eine (halbwegs) konventionell aufgebaute Handlung zu integrieren. Durch erzählerische Konzentration und eine exstatische Farbdramaturgie nähert sich Lewis’ Inszenierung dabei deutlich dem Vorbild seines Regie-Mentors Frank Tashlin. »The Nutty Professor« schildert (inspiriert von Stevensons »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«) einen krassen Fall von Persönlichkeitsstörung (»split, schizo, and all that jazz«): Um das Herz einer Studentin zu erobern und einigen jugendlichen Raufbolden zu trotzen, befreit Chemielehrer Julius F. Kelp (Lewis), ein kurzsichtiger, hasenzähniger, piepsstimmiger Katheder-Tolpatsch, mittels einer selbstgebrauten Wundermixtur sein Alter Ego Buddy Love (Lewis), einen schmalzlockigen, großmäuligen, schlagkräftigen nightclub-crooner … Basierte der Erfolg seiner zehnjährigen Komikerehe mit Dean Martin in erster Linie auf den lustvoll ausgereizten Gegenspielen zweier antithetischer Typen (»a handsome man and a monkey«), bündelt Jerry Lewis den Dualismus nunmehr in einer einzigen, in seiner eigenen Person: Der nette, gute Trottel und der große, böse Wolf erscheinen als zwei widerstreitende Seiten desselben (Show-)Charakters; jeder von beiden ist der »inner man« des anderen … Der Film endet (nach dem larmoyanten Vorbild des späten Chaplin) mit einer überlangen, belehrenden Botschaft von Professor Kelp: »You might as well like yourself. If you don’t think much of yourself, how can others?« Der Geist von Buddy Love obsiegt jedoch in einem fiebrig-zynischen Nachklapp: »Try Kelp’s Kool Tonic! You too can be the life of a party.«
R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Walter Tyler S John Woodcock P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Kathleen Freeman, Howard Morris | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 4. Juni 1963
# 794 | 9. November 2013
»Are you tired of being a square? Are you tired of a dull, dull, dull existence?« Nach drei Werken, die auf Entwicklung einer Fabel mehr oder weniger entschlossen verzichteten, unternimmt »total film-maker« Jerry Lewis erstmals den Versuch, seine Gags in eine (halbwegs) konventionell aufgebaute Handlung zu integrieren. Durch erzählerische Konzentration und eine exstatische Farbdramaturgie nähert sich Lewis’ Inszenierung dabei deutlich dem Vorbild seines Regie-Mentors Frank Tashlin. »The Nutty Professor« schildert (inspiriert von Stevensons »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«) einen krassen Fall von Persönlichkeitsstörung (»split, schizo, and all that jazz«): Um das Herz einer Studentin zu erobern und einigen jugendlichen Raufbolden zu trotzen, befreit Chemielehrer Julius F. Kelp (Lewis), ein kurzsichtiger, hasenzähniger, piepsstimmiger Katheder-Tolpatsch, mittels einer selbstgebrauten Wundermixtur sein Alter Ego Buddy Love (Lewis), einen schmalzlockigen, großmäuligen, schlagkräftigen nightclub-crooner … Basierte der Erfolg seiner zehnjährigen Komikerehe mit Dean Martin in erster Linie auf den lustvoll ausgereizten Gegenspielen zweier antithetischer Typen (»a handsome man and a monkey«), bündelt Jerry Lewis den Dualismus nunmehr in einer einzigen, in seiner eigenen Person: Der nette, gute Trottel und der große, böse Wolf erscheinen als zwei widerstreitende Seiten desselben (Show-)Charakters; jeder von beiden ist der »inner man« des anderen … Der Film endet (nach dem larmoyanten Vorbild des späten Chaplin) mit einer überlangen, belehrenden Botschaft von Professor Kelp: »You might as well like yourself. If you don’t think much of yourself, how can others?« Der Geist von Buddy Love obsiegt jedoch in einem fiebrig-zynischen Nachklapp: »Try Kelp’s Kool Tonic! You too can be the life of a party.«
R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Walter Tyler S John Woodcock P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Kathleen Freeman, Howard Morris | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 4. Juni 1963
# 794 | 9. November 2013
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1.7.60
The Amazing Transparent Man (Edgar G. Ulmer, 1960)
»Amazing« ist an diesem in jeder Beziehung billigen Sci-Fi-Thriller nicht besonders viel: Ein durchgeknallter Ex-Major träumt von der Aufstellung einer unsichtbaren Armee, zu welchem Behufe er einen genialen deutschen Wissenschaftler erpreßt, der schon zwangsweise den Nazis zu Willen sein mußte. Der fiese Schurke läßt zudem einen Meisterdieb aus dem Gefängnis befreien, damit dieser Nuklearmaterial »X-13« aus Staatsbesitz beschaffe, das zur weiteren Verbesserung der Unsichtbarkeitsmaschine erforderlich ist … Im Gegensatz zum back-to-back produzierten »Beyond the Time Barrier« gelingt es Edgar G. Ulmer nicht, dem hanebüchenen Stoff jenseits oberflächlichster Fortschrittskritik ein gewissen Maß von Größe (oder Größenwahn) einzuhauchen. Ein verschnarchtes texanisches Farmhaus als Zentrale des Bösen, ein klappriges Wellblechlaboratorium unterm Dach – beginnt hier die Weltherrschaft? Neben dem holprigen Erzählbogen des kurzen Films, den uninspirierten (Nutz-)Dialogen und den primitiven, allzu augenfälligen Effekten enttäuscht vor allem die weitgehend lustlose, statische Inszenierung; lediglich einige schwebende subjektive Einstellungen aus dem »Blickwinkel« des Unsichtbaren beweisen Ulmers außergewöhnliche Fähigkeit, buchstäblich mit Nichts visuelles Aufsehen zu erregen.
R Edgar G. Ulmer B Jack Lewis K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Lester D. Guthrie D Douglas Kennedy, Marguerite Chapman, James Griffith, Ivan Triesault, Red Morgan | USA | 60 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1960
# 781 | 14. Oktober 2013
R Edgar G. Ulmer B Jack Lewis K Meredith M. Nicholson M Darrell Calker A Ernst Fegté S Jack Ruggiero P Lester D. Guthrie D Douglas Kennedy, Marguerite Chapman, James Griffith, Ivan Triesault, Red Morgan | USA | 60 min | 1:1,66 | sw | 1. Juli 1960
# 781 | 14. Oktober 2013
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Drama,
Krimi,
Mad scientist,
Militär,
Science fiction,
Texas,
Ulmer
11.1.60
Les yeux sans visage (Georges Franju, 1960)
Augen ohne Gesicht
Was geschieht, wenn die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter und die Besessenheit eines Wissenschaftlers für sein Fachgebiet Hand in Hand gehen? – Wenn die Tochter einen Unfall hatte, bei dem sie ihres engelhaften Gesichtes verlustig ging, und das Fachgebiet des Vaters die Transplantationsmedizin ist, kann es beispielsweise passieren, daß unschuldige junge Frauen verschleppt und im Keller einer einsam gelegenen Klinik zu Tode operiert werden, um eine verlorene Schönheit wiederherzustellen. So in »Les yeux sans visage«, mit dem Georges Franju den Surrealisten und den Pionieren des expressionistischen Kinos seine Reverenz erweist. Pierre Brasseur spielt den Chirurgen mit der Anmaßung eines großen Staatsmannes, seine Assistentin Alida Valli dient ihm mit maligner Bewunderung, und die arme Edith Scob, die Tochter, der nichts als Augen blieben, die Schreckliches sehen müssen, findet die ersehnte Ruhe erst, als sie die Hunde losläßt ... Dies dargeboten zu einem drehorgelig-moritatenhaften Score von Maurice Jarre und in Eugen Schüfftans Bildern, die die Klarheit des Wahnsinns atmen. Was diesen zarten, langsamen Horrorfilm so intensiv macht, ist, daß alles gleichermaßen normal und schrecklich erscheint: die Hingabe und die Hoffnung, die Schuld und die Verzweiflung, der Ehrgeiz und die Hybris.
R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Claude Sautet, Jean Redon, Pierre Gascar V Jean Redon K Eugen Schüfftan M Maurice Jarre A Auguste Capelier S Gilbert Natot P Jules Borkon D Pierre Brasseur, Alida Valli, Edith Scob, Juliette Mayniel, François Guérin | F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 11. Januar 1960
Was geschieht, wenn die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter und die Besessenheit eines Wissenschaftlers für sein Fachgebiet Hand in Hand gehen? – Wenn die Tochter einen Unfall hatte, bei dem sie ihres engelhaften Gesichtes verlustig ging, und das Fachgebiet des Vaters die Transplantationsmedizin ist, kann es beispielsweise passieren, daß unschuldige junge Frauen verschleppt und im Keller einer einsam gelegenen Klinik zu Tode operiert werden, um eine verlorene Schönheit wiederherzustellen. So in »Les yeux sans visage«, mit dem Georges Franju den Surrealisten und den Pionieren des expressionistischen Kinos seine Reverenz erweist. Pierre Brasseur spielt den Chirurgen mit der Anmaßung eines großen Staatsmannes, seine Assistentin Alida Valli dient ihm mit maligner Bewunderung, und die arme Edith Scob, die Tochter, der nichts als Augen blieben, die Schreckliches sehen müssen, findet die ersehnte Ruhe erst, als sie die Hunde losläßt ... Dies dargeboten zu einem drehorgelig-moritatenhaften Score von Maurice Jarre und in Eugen Schüfftans Bildern, die die Klarheit des Wahnsinns atmen. Was diesen zarten, langsamen Horrorfilm so intensiv macht, ist, daß alles gleichermaßen normal und schrecklich erscheint: die Hingabe und die Hoffnung, die Schuld und die Verzweiflung, der Ehrgeiz und die Hybris.
R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Claude Sautet, Jean Redon, Pierre Gascar V Jean Redon K Eugen Schüfftan M Maurice Jarre A Auguste Capelier S Gilbert Natot P Jules Borkon D Pierre Brasseur, Alida Valli, Edith Scob, Juliette Mayniel, François Guérin | F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 11. Januar 1960
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Horror,
Mad scientist,
Medizin,
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Thriller,
Valli
4.9.59
Arzt ohne Gewissen (Falk Harnack, 1959)
Der deutsche Arztfilm gefällt sich für gewöhnlich in der Apotheose des integren Heilkünstlers, der stets als unfehlbare Autorität zwischen den Sterblichen schwebt. »Arzt ohne Gewissen« stellt sich genretechnisch quer, bekleckert zum einen den blütenreinen Kittel der Mediziner mit häßlichen braunen Flecken und läßt überdies den Herzspezialisten Dr. Lund (Ewald Balser, der fünf Jahre zuvor noch den legendären Prof. Sauerbruch als archetypischen Halbgott in Weiß gab) in seinem heroischen Kampf gegen Krankheit und Tod die Grenze von Genie zu Wahnsinn überschreiten. Als Pionier der Transplantationschirugie kennt Lund – dem ein ehemaliger KZ-Arzt (sinister: Wolfgang Kieling) wertvolle Assistenzdienste leistet – kein Pardon für »lebensunwertes Leben« (in diesem Fall das eines (von Karin Baal verkörperten) leichten Mädchens), wenn es um die Rettung einer superioren Existenz (genauer gesagt einer (von Cornell Borchers gespielten) begnadeten Opernsängerin) geht. Falk Harnack erzählt mit sicherem Gespür für die aus Forscherehrgeiz und Gewissenskonflikten entspringenden Spannungs- und Horrormomente. Helmuth Ashleys Fotografie bleibt bei alldem betont sachlich – der gotische Grusel steigt allein aus der moralischen Problematik des Stoffes empor.
R Falk Harnack B Werner P. Zibaso K Helmuth Ashley M Siegfried Franz A Hans Berthel, Robert Stratil S Walter Boos P Ilse Kubaschewski D Ewald Balser, Wolfgang Preiss, Barbara Rütting, Cornell Borchers, Wolfgang Kieling | BRD | 95 min | 1: 1,37 | sw | 4. September 1959
R Falk Harnack B Werner P. Zibaso K Helmuth Ashley M Siegfried Franz A Hans Berthel, Robert Stratil S Walter Boos P Ilse Kubaschewski D Ewald Balser, Wolfgang Preiss, Barbara Rütting, Cornell Borchers, Wolfgang Kieling | BRD | 95 min | 1: 1,37 | sw | 4. September 1959
24.7.59
Die Nackte und der Satan (Victor Trivas, 1959)
»Was ist meine Vergangenheit? Die meines Körpers oder die meines Kopfes?« ¾ Mad-Scientist-Horror-SciFi + ¼ Unterwäsche-Revue, made in Adenauer-Deutschland: Mittels ›Serum Z‹ gelingt es dem genialen Mediziner Prof. Abel (legendär: Michel Simon), einen Hundekopf getrennt vom Körper am Leben zu halten. Kurz darauf muß Abels eigener Kopf mitansehen, wie er von seinem begabten, aber leider völlig verrückten Assistenten Dr. Ood (satanisch: Horst Frank) dem gleichen Experiment unterzogen wird. Außerdem verpflanzt der irre Arzt – mit Erfolg! – den bildschönen Kopf einer buckligen Krankenschwester auf den makellosen Körper einer Stripteasetänzerin aus dem ›Tam-Tam‹ (mehr oder weniger nackt: Christiane Maybach) ... Unter der Ägide des späteren »Schulmädchen«-Reporters Wolf C. Hartwig versammelt Remigrant Victor Trivas nicht nur einen illustren Cast sondern vor allem eine filmhistorisch imposante Crew – Kamera: Georg Krause (»Paths of Glory«) / Bauten: Hermann Warm (»Dr. Caligari«) / Effekte: Theo Nischwitz (»Münchhausen«). Heulen und Zähneklappern wollen sich zwar nicht einstellen, für makabres Amüsement sorgt »Die Nackte und der Satan« aber allemal. Auf die alte Frage, wie weit Wissenschaftler gehen dürfen, gibt der Film im übrigen eine klare, moralisch-fundierte Antwort: bis in die nächste Nachtbar.
R Victor Trivas B Victor Trivas K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Friedel Buckow P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Michel Simon, Paul Dahlke, Karin Kernke, Christiane Maybach | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 24. Juli 1959
R Victor Trivas B Victor Trivas K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Friedel Buckow P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Michel Simon, Paul Dahlke, Karin Kernke, Christiane Maybach | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 24. Juli 1959
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5.4.57
I vampiri (Riccardo Freda, 1957)
Der Vampir von Notre-Dame
»I vampiri« ist kaum ein Horrorfilm, und um Blutsauger geht es nur im übertragenen Sinne. Im Rahmen eines melodramatischen Gruselkrimis phantasieren Riccardo Freda und Mario Bava über unglückliche Liebe und den Schrecken des Alter(n)s, über unstillbare Sehnsucht und den Traum von ewiger Schönheit … Eine schauderhafte Mordserie erschüttert Paris: Die blutleeren Leichen junger Frauen werden aus der Seine gefischt. Ein Inspektor und ein Reporter gehen dem Geheimnis rivalisierend auf den Grund; die dünne Fabel führt sie aus der Gegenwart der Großstadt in den bedrückend-düsteren, aus Zeit und Welt gefallenen Palast der greisen Herzogin du Grand und ihrer schönen Nichte Giselle (Gianna Maria Canale) … Freda (Buch & Regie) und Bava (Kamera & Regie) enthalten sich psychologischer Subtilität, setzen ganz auf Licht und Atmosphäre, auf das stimmungsvolle Ausmalen von böser Ahnung und schleichender Gefahr, spielen geschickt mit motivischen Doppelungen, die Zerrissenheit und Angstgefühle der handelnden Figuren spiegeln. Vor allem in der zweiten Hälfte erinnert die filmische Gestaltung an Illustrationen aus viktorianischen Mystery-Romanen, schafft immer wieder Augenblicke von beklagenswerter Wahrheit, Situationen von spukhafter Melancholie.
R Riccardo Freda, Mario Bava B Riccardo Freda, Piero Regnoli K Mario Bava M Roman Vlad A Beni Montresor S Roberto Cinquini P Ermanno Donati, Luigi Carpentieri D Gianna Maria Canale, Dario Michaelis, Carlo d’Angelo, Wandisa Guida, Paul Muller | I | 85 min | 1:2,35 | sw | 5. April 1957
»I vampiri« ist kaum ein Horrorfilm, und um Blutsauger geht es nur im übertragenen Sinne. Im Rahmen eines melodramatischen Gruselkrimis phantasieren Riccardo Freda und Mario Bava über unglückliche Liebe und den Schrecken des Alter(n)s, über unstillbare Sehnsucht und den Traum von ewiger Schönheit … Eine schauderhafte Mordserie erschüttert Paris: Die blutleeren Leichen junger Frauen werden aus der Seine gefischt. Ein Inspektor und ein Reporter gehen dem Geheimnis rivalisierend auf den Grund; die dünne Fabel führt sie aus der Gegenwart der Großstadt in den bedrückend-düsteren, aus Zeit und Welt gefallenen Palast der greisen Herzogin du Grand und ihrer schönen Nichte Giselle (Gianna Maria Canale) … Freda (Buch & Regie) und Bava (Kamera & Regie) enthalten sich psychologischer Subtilität, setzen ganz auf Licht und Atmosphäre, auf das stimmungsvolle Ausmalen von böser Ahnung und schleichender Gefahr, spielen geschickt mit motivischen Doppelungen, die Zerrissenheit und Angstgefühle der handelnden Figuren spiegeln. Vor allem in der zweiten Hälfte erinnert die filmische Gestaltung an Illustrationen aus viktorianischen Mystery-Romanen, schafft immer wieder Augenblicke von beklagenswerter Wahrheit, Situationen von spukhafter Melancholie.
R Riccardo Freda, Mario Bava B Riccardo Freda, Piero Regnoli K Mario Bava M Roman Vlad A Beni Montresor S Roberto Cinquini P Ermanno Donati, Luigi Carpentieri D Gianna Maria Canale, Dario Michaelis, Carlo d’Angelo, Wandisa Guida, Paul Muller | I | 85 min | 1:2,35 | sw | 5. April 1957
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23.10.52
Alraune (Arthur Maria Rabenalt, 1952)
»Sie herzte sanft ihr Spielzeug, / Bevor sie es zerbrach, / Und hatte eine Sehnsucht
/ Und wußte nicht wonach.« Hildegard Knef als künstliches Mädchen (»ihr Mund so rot wie Wein«, »ihr Herz so tot wie Stein«), das Männern erst die Herzen bricht und sie sodann kaltlächelnd in den Tod schickt. Alraune ist die Kreatur des genialen Forschers (oder eher: genialischen Alchimisten) Jakob ten Brinken (knurrig: Erich von Stroheim), der im Labor das Erbgut eines Mörders mit dem einer Prostituierten kreuzte, um die Gesetze der Genetik ergründen und der mißgünstigen Mitwelt einen Beweis seiner Begnadung zu liefern. Im Moment, da das kalte, einsame Wesen erfährt, was echtes Gefühl, was wahre Liebe ist, könnte alles gut werden, wenn es dafür nicht längst zu spät wäre … Nur am Rande thematisiert »Alraune« die Risiken des naturwissenschaftlichen Fortschritts; eher ist es Arthur Maria Rabenalt darum zu tun, die betörenden Reize der Knef in schimmernden Roben auszustellen und die jenseitig-zeitlose spätromantische Welt der Fabel flackernd zu illuminieren. Bei aller Trivialität der Erzählung evoziert der müde, dunkle Fatalismus des Werkes das Erbe des Stummfilms (Bauten: Robert Herlth) und erteilt (im tiefen Schatten eines verlorenen Krieges) dem hybriden Kult des Machbaren eine deutliche Absage: »Was blieb von ihrem Leben –
/ Ein Lied, das niemand sang.«
R Arthur Maria Rabenalt B Kurt Heuser V Hanns Heinz Ewers K Friedl Behn-Grund M Werner Richard Heymann A Robert Herlth S Doris Zeltmann P Günther Stapenhorst D Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm, Harry Meyen, Trude Hesterberg | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Oktober 1952
R Arthur Maria Rabenalt B Kurt Heuser V Hanns Heinz Ewers K Friedl Behn-Grund M Werner Richard Heymann A Robert Herlth S Doris Zeltmann P Günther Stapenhorst D Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm, Harry Meyen, Trude Hesterberg | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Oktober 1952
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Rabenalt,
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Stroheim,
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