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6.10.76

Marathon Man (John Schlesinger, 1976)

Der Marathon-Mann

»Is it safe?« Nein, ist es nicht. Nichts ist sicher. Gar nichts. Im Bewußtsein dieser existentiellen Gefährdung funktioniert »Marathon Man« auf (mindestens) zwei Ebenen: zum einen als perfekter Thriller, der souverän mit den wesentlichen Ingredienzien des Genres umgeht: Spannung und Schock, Blick in den Abgrund und Flucht in die Tapferkeit; zum anderen als Bild einer Welt, die keine Gewißheit kennt, nur Bedrohung und Angst, Mißtrauen und Lüge. Aus der Konfrontation des früheren KZ-Zahnarztes Christian Szell (teuflisch-starr: Laurence Olivier) und des jungen jüdischen Intellektuellen ›Babe‹ Levy (dynamisch-verkrampft: Dustin Hoffman) – beide auf spezifische Weise Überlebende (sowie Gefangene) ihrer eigenen Biographie und der Zeitgeschichte – destilliert John Schlesinger wiederum (mindestens) zweierlei Resultate: ein bodenloses Kaleidoskop der Paranoia (als aktuellen politischen Kommentar = Nachlese der epochalen ›Watergate‹-Erschütterung) und eine diamantharte Rachephantasie (als historisch-kinematographische Vergeltungsmaßnahme = Auschwitzprozeß à la Hollywood). Formal brillant orchestriert – insbesondere durch Conrad Halls ungerührte Bilder und den eisigen Score von Michael Small – verortet »Marathon Man« das Diesseits im Jenseits einer zerstörerisch fortwirkenden Vergangenheit, in der tristen Ewigkeit von Verbrechen (≈ Schuld) und Strafe (≈ Sühne). PS: »Life can be that simple: relief – discomfort.« Sagt der »weiße Engel«. Und bohrt.

R John Schlesinger B William Goldman V William Goldman K Conrad Hall M Michael Small A Richard Macdonald S Jim Clark P Robert Evans, Sidney Beckerman D Dustin Hoffman, Laurence Olivier, Roy Scheider, William Devane, Marthe Keller | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 6. Oktober 1976

10.12.72

Sleuth (Joseph L. Mankiewicz, 1972)

Mord mit kleinen Fehlern

»Once, she was in love with me.« – »And now she’s in love with me.« Zwei Männer rivalisieren um eine Frau. Das (abwesende) Streitobjekt dient indes lediglich als Katalysator, der Aktionen und Reaktionen der (einander ebenbürtigen) Gegner provoziert. Joseph L. Mankiewicz inszeniert Anthony Shaffers wechselvolles Rollen-/Doppel-/Mörder-Spiel, das sich peu à peu von der kultivierten Konversation zum tödlichen Machtkampf entwickelt, auch als Wettstreit zweier überragender Schauspieler: Laurence Olivier, Inbegriff des britischen Gentleman, als exzentrischer Kriminalschriftsteller gegen Michael Caine, waschechter Cockney, als flotter Society-Friseur mit italienischen Wurzeln. Die ohne Milde geführte Auseinandersetzung zwischen Andrew Wyke und Milo Tindel (geborener Tindolini) impliziert zahlreiche, einander überlagernde Kontroversen: aristokratischer Konservativismus gegen selbstbewußtes Plebejertum, Besitzstandswahrung gegen Aufstiegsorientierung, Eingesessenheit gegen Zuwanderung, Künstlichkeit gegen Authentizität. Der eine sieht das Leben als Scharade, der andere kennt den Ernst des Lebens; für den einen ist Erniedrigung ein amüsanter Zeitvertreib, für den anderen alltägliche Realität … Als dritter Protagonist des konfliktären Stücks figuriert Ken Adams beziehungsreiches Bühnenbild: ein verwinkeltes Herrenhaus, vollgestopft mit Automaten, Puppen und Marionetten, ein klaustrophobisch-labyrinthisches Kabinett der Irreführung und der Hinterlist. PS: »Remember ... be sure and tell them ... it was only a bloody game.«

R Joseph L. Mankiewicz B Anthony Shaffer V Anthony Shaffer K Oswald Morris M John Addison A Ken Adam S Richard Marden P Morton Gottlieb D Laurence Olivier, Michael Caine | USA & UK | 138 min | 1:1,85 | f | 10. Dezember 1972

# 992 | 12. März 2016