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17.8.77

Cet obscur objet du désir (Luis Buñuel, 1977)

Dieses obskure Objekt der Begierde

Souveräner Schlußpunkt unter ein frappantes Lebenswerk. Anhand der einfachen Geschichte eines Mannes (bemitleidenswert: Fernando Rey), der zahlreiche ergebnislose Versuche unternimmt, sich in den Besitz des Körpers einer Frau (zwiespältig: Carole Bouquet und Angela Molina) zu bringen (während die Gesellschaft im Chaos des Terrors versinkt – doch das nur nebenbei), gibt Luis Buñuel ein treffendes Beispiel für die (Un-) Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens: Bei aller Auf- und Abgeklärtheit zutiefst irrational handelnd, uns dieses Umstandes jederzeit bewußt und doch nicht in der Lange, etwas daran zu ändern, jagen wir den obskuren Objekten unserer Begierden nach, mit deren (in Wirklichkeit unmöglicher) Berührung wir hoffen, unser Glück zu erlangen. Ein lebenskluges Satyrspiel zur lächerlichen Tragödie der condition humaine.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Pierre Louÿs K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Carole Bouquet, Ángela Molina, Julien Bertheau, André Weber | F & E | 102 min | 1:1,66 | f | 17. August 1977

11.9.74

Le fantôme de la liberté (Luis Buñuel, 1974)

Das Gespenst der Freiheit 

»Célébrer quoi?« – »Le hasard.« Gleich zu Beginn des Films hat Luis Buñuel einen bemerkenswerten (und garantiert unsymbolischen) Kurzauftritt: als spanischer Mönch des frühen 19. Jahrhunderts, der – zusammen mit anderen – unter dem Ruf »Es leben die Ketten!« vor ein revolutionäres Erschießungskommando tritt. Der Titel des Werks sei im übrigen eine Irreführung, so der Regisseur, denn in »Le fantôme de la liberté« gebe es weder ein Gespenst noch Freiheit. Ebensogut könnte man allerdings sagen: Es gibt nur Gespenster, und kaum ein Film ist so frei wie dieser. Mit der hochsympathischen Wurstigkeit des Klassikers, dem keiner mehr in die Parade fahren kann, verlacht der alte Surrealist die Logik, folgt er allein seiner kinematographischen Libido, assoziiert er pokernde Karmeliter mit doppelgängerischen Polizeipräfekten mit unverblümten Sadomasochisten mit paradoxen Pädagogen mit fuchsjagenden Panzerfahrern mit dezenten Amokläufern mit glotzenden Straußen … »Le fantôme de la liberté« ist eine pikareske Apotheose des Zufalls, des Augenblicks, der Absurdität, eine feixende Absage an alle Gläubigen, ganz egal ob sie Gott hörig sind oder der Aufklärung oder dem Dreiaktschema. PS: »J’en ai marre de la symétrie.«

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Jean-Claude Brialy, Monica Vitti, Michael Lonsdale, Julien Bertheau, Michel Piccoli, Jean Rochefort, Adolfo Celi | F & I | 104 min | 1:1,66 | f | 11. September 1974

15.9.72

Le charme discret de la bourgeoisie (Luis Buñuel, 1972)

Der diskrete Charme der Bourgeosie

Ein bürgerliches Lustspiel oder Sechs Personen suchen einen Eßtisch. Am Beispiel eines kleinen Freundeskreises, dem er konsequent und einfallsreich das Einnehmen einer Mahlzeit verweigert, portraitiert Luis Buñuel sein Lieblingshaßobjekt: die parasitäre Oberschicht. Elegant läßt der Meister Realität und Traum ineinanderfließen, schafft – so mühelos wie phantasievoll – eine vieldimensionale filmische Bühne, auf der er seine charmanten Kriminellen, seine wohlerzogenen Heuchler, seine kultivierten Materialisten mit der kühlen Freundlichkeit des Käferforschers betrachten (und sezieren) kann. Am Ende des (im Wortsinne) abwechslungsreichen Stücks wird doch noch serviert (Hammelkeule), und prompt fällt die ganze diskret-charmante Blase (der selbstgefällige Fernando Rey, die alkoholische Bulle Ogier, der flotte Jean-Pierre Cassel, die nuancierte Stephane Audran, der joviale Paul Frankeur, die erlesene Delphine Seyrig) einem bewaffneten Überfall zum Opfer. Natürlich stehen sie alle wieder auf – die Bourgeoisie ist unverwüstlich. PS: À bas Lénine, ou la vierge à l'écurie. (Zu deutsch: Nieder mit Lenin oder Die Jungfrau im Pferdestall.) Was das bedeuten soll? Fragen Sie Buñuel.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Edmond Richard A Pierre Gueffroy S Hélène Plemiannikov P Serge Silberman D Fernando Rey, Paul Frankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Jean-Pierre Cassel | F & I & E | 102 min | 1:1,66 | f | 15. September 1972

29.3.70

Tristana (Luis Buñuel, 1970)

Tristana

Toledo, Ende der 1920er Jahre. Nach dem Tod der Mutter kommt die 18jährige Vollwaise Tristana (Catherine Deneuve) unter die Obhut des alternden Don Lope (Fernando Rey). Der freigeistige Edelmann, ein ebenso großspuriger wie finanzschwacher Bonvivant mit dezidierten Einstellungen zu Religion (Aberglauben!) und Erwerbsarbeit (Niemals!), drängt seinem schönen Mündel, ohne lange zu zögern, die Rolle der Geliebten auf ... Mit frostiger Distanz beobachtet Luis Buñuel die gegensätzliche Entwicklung des ungleichen Paares: Während sich Tristana vom unschuldig-abhängigen Geschöpf, das dem Vormund die Pantoffeln nachträgt, schrittweise in eine erbittert-gebieterische Megäre verwandelt, schrumpft der anfangs so selbstüberzeute Don Lope zum fügsam-kränklichen Popanz, dessen letztes Vergnügen das Kakaoschlürfen im Kreise der einst geschmähten katholischen Priester ist – weder die eine noch der andere sind souveräne Gestalter des eigenen Schicksals, vielmehr bald lächerlich traurige, bald bemitleidenswert blinde Opfer erstarrter gesellschaftlicher Zustände. Toledo, die alte Hauptstadt Kastiliens und Hochburg des spanischen Katholizismus, in deren enge, verwinkelte Gassen Buñuel kaum je einen Sonnenstrahl dringen läßt, erscheint als idealer Schauplatz des sarkastischen Dramas.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Julio Alejandro V Benito Pérez Galdós K José F. Aguayo A Enrique Alarcón S Pedro del Rey P Luis Buñuel, Robert Dorfmann D Catherine Deneuve, Fernando Rey, Franco Nero, Lola Gaos, Jesús Fernández | E & F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 29. März 1970

# 1026 | 28. September 2016

15.3.69

La voie lactée (Luis Buñuel, 1969)

Die Milchstraße 

»Was ist das? Ist hier irgendwo ein Schießplatz?« – »Nein, nein, das bin ich. Ich habe mir gerade vorgestellt, man erschießt einen Papst.« Eine kleine, recht unterhaltsame Pilgerreise durch die Historie (vielleicht auch: Hysterie) der christlichen Prophetien, Dogmen und Häresien: Zwei sympathische Tippelbrüder begegnen auf ihrem Weg von Paris nach Santiago de Compostela Jesuiten und Jansenisten, Todesengeln und Inquisitoren, sie lauschen gelehrten Disputationen bzw. erregten Streitereien über die Transsubstantiation, die Heilige Dreifaltigkeit oder die Jungfrauengeburt Jesu. Luis Buñuel annulliert die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, arrangiert Träume und Legenden, Gegenwart und Episoden aus 2000 Jahren (durchaus blutiger) Kirchengeschichte zu einem ironischen Remix theologischer Irrungen und Wirrungen, zu einem Potpourri des religiösen (in weiterem Sinne auch weltanschaulichen) Feuereifers, für den bis heute gestorben und getötet wird.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière K Christian Matras A Pierre Guffroy S Louisette Hautecœur P Serge Silberman D Paul Frankeur, Laurent Terzieff, Alain Cuny, Pierre Clémenti, Delphine Seyrig | F & BRD & I | 98 min | 1:1,66 | f | 15. März 1969

27.5.67

Belle de jour (Luis Buñuel, 1967)

Belle de Jour – Schöne des Tages 

»A quoi penses-tu, Séverine?« Nun, offen gesagt denkt sie daran, von zwei Kutschern ausgepeitscht und vergewaltigt zu werden, während ihr Mann dabei zusieht. Séverine (Catherine Deneuve), großbürgerliche Pariser Ehefrau, von guter Erziehung und gesellschaftlicher Norm in ein strenges Verhaltenskorsett gezwängt, sucht ihre masochistischen Triebphantasien zu realisieren, indem sie sich allnachmittags in einem maison de passe prostituiert … Luis Buñuel eröffnet mit »Belle de jour« sein streng-verspieltes Spätwerk: In hellen, schnörkellosen Bildern (in der Art einer kinematographischen ligne claire) und unter fast vollständigem Verzicht auf musikalische Akzentuierung wird die Trennung von »Wirklichkeit« und »Imagination« aufgehoben. Der hohe ästhetische und intellektuelle Reiz der künstlerischen Methode liegt im Kontrast zwischen strikter Kontrolle (der visuellen Kompositionen, der präzisen Gesten und Bewegungen aller Akteure) und lustvoller Willkür (des assoziativen Erzählens, der abrupten Stimmungs- und Themenwechsel) – Kino als geistreich-verrätselter pas de deux von Über-Ich und Es.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Joseph Kessel K Sacha Vierny A Robert Clavel S Louisette Hautecœur P Raymond Hakim, Robert Hakim D Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli, Geneviève Page, Pierre Clémenti | F & I | 101 min | 1:1,66 | f | 27. Mai 1967

4.3.64

Le journal d’une femme de chambre (Luis Buñuel, 1964)

Tagebuch einer Kammerzofe

»J’aime l’armée, la religion, l’ordre, ma patrie surtout. Un bandit aimerait tout ça?« Célestine (Jeanne Moreau) reist mit der Bahn von Paris in die nordfranzösische Provinz, um bei der landadeligen Familie Monteil in Stellung zu gehen. Mit kühler, ironisch gefärbter Objektivität registriert die Bedienstete ihre neue Umgebung: Madame, frustriert und frigide, beargwöhnt Monsieur, der jedem Rock hinterherhechelt, unterdes der betagte Patriarch seinem Fetisch für Schnürstiefel frönt und der viril-sadistische Kutscher, voller Haß auf alles Fremde, chauvinistische Pamphlete verfaßt. Es ist eine bigotte, graue, feindselige, eine bei allem Sauberkeitsfimmel zutiefst schmutzige Welt, die Luis Buñuel durch die Augen der scharfblickenden Kammerzofe betrachtet, eine Welt, in der Schmetterlinge erschossen werden und Schnecken über die Beine lustgemordeter Mädchen kriechen. Daß Célestine letztlich per Heirat zum Mitglied der depravierten Gesellschaft aufsteigt, kann als kapitulative Resignation oder als konsequente Ausnutzung von Möglichkeiten begriffen werden. Indem Buñuel seine Adaption des zur Jahrhundertwende erschienenen Romans von Octave Mirbeau in die frühen 1930er Jahre verlegt, interpretiert er die herrschende bürgerliche Gesinnung, eine ungute Mischung aus selbstmitleidiger Verbitterung und mörderischer Aggression, als (eine) Triebkraft des heraufziehenden Faschismus.

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière V Octave Mirbeau K Roger Fellous A Georges Wakhévitch S Louisette Hautecœur P Serge Silberman, Michel Safra D Jeanne Moreau, Georges Géret, Michel Piccoli, Françoise Lugagne, Jean Ozenne | F & I | 101 min | 1:2,35 | sw | 4. März 1964

# 1028 | 6. Oktober 2016

8.5.62

El ángel exterminador (Luis Buñuel, 1962)

Der Würgeengel

Zwanzig Personen versammeln sich nach einer gemeinsam besuchten Aufführung von »Lucia di Lammermoor« im Haus des honorigen Señor Nobile. Wie auf eine geheime Verabredung hin haben zuvor die Dienstboten das Anwesen in Mexico Citys vornehmer Calle de la Providencia (Straße der (göttlichen) Vorsehung) verlassen; nur der Majordomus ist zurückgeblieben und teilt das Schicksal der Herrschaften, denen es aus unerklärlichen Gründen nicht möglich ist, nach der Soirée den Salon zu verlassen ... Ungeachtet einige Bizarrerien – Hühnerfüße, die aus einer Handtasche gezogen werden, ein junger Bär und eine Schafherde, die sich im Anrichtezimmer tummeln, eine fahle Hand, die aus einem Wandschrank kriecht –, die er in die mysteriöse Fabel einstreut, schildert Luis Buñuel das Geschehen mit fast lakonischem Realismus: Die rätselhafte, sich über Tage hinziehende Gefangenschaft der zunehmend derangierten, an der klaustrophobischen Situation und an sich selbst langsam irre werdenden gut(bürgerlich)en Gesellschaft legt peu à peu die menschlichen Schwächen der Eingeschlossenen bloß: Feigheit und Selbstmitleid, Zanksucht und Heimtücke, Indolenz und Aberglaube. Erst als alle Masken gefallen sind, finden die (überlebenden) Insassen des Salons einen Ausweg. Bis auf weiteres ...

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Luis Alcoriza K Gabriel Figueroa A Jesús Bracho S Carlos Savage P Gustavo Alatriste D Silvia Pinal, Enrique Rambal, Claudio Brook, Lucy Gallardo, Augusto Benedico | MEX | 95 min | 1:1,37 | sw | 8. Mai 1962

# 1027 | 1. Oktober 2016