4.7.66

Eye of the Devil (J. Lee Thompson, 1966)

Die schwarze 13 

Surreale Okkult-Phantasie, die den eleganten Pariser Aristokraten Philippe de Montfaucon (David Niven) samt Frau (Deborah Kerr) und Kindern aus der aufgeklärten Gegenwart in die archaische Welt seiner Vorfahren katapultiert: Wegen der drohenden dritten Mißernte in Folge wird der (Wein-)Gutsherr und Erbe einer tausendjährigen Tradition auf seine Besitzungen im Süden Frankreichs zurückgerufen, wo ein ganz besonderer Einsatz von ihm verlangt wird … »Eye of the Devil«, der – mit seinen fetzenhafte Assoziationen und irritierenden flash-forwards – passagenweise wirkt wie eine von Alain Resnais inszenierte »Twilight Zone«-Episode, erzählt einen culture clash zwischen skeptischem Rationalismus und magisch-fatalistischer Weltsicht, deren Widerstreit sich auch in der disparaten Besetzung und in J. Lee Thompsons bewußt inkongruenter Inszenierung spiegelt: Eingespielte Kinolegenden à la Niven und Kerr stehen Swinging-Sixties-Ikonen wie Sharon Tate und David Hemmings gegenüber, während expressive Lichtführung und verkantete Perspektiven des klassischen Gruselfilms mit hektischen Reißschwenks und demonstrativen Zooms kombiniert werden. Der Horror entwickelt sich indes weniger aus dem Mummenschanz, den eine Gruppe von schwarzen Kuttenträgern unter Führung eines diabolischen Priesters (Donald Pleasence) aufführt, das wahre Grauen liegt im leeren Gesicht des Opfers, das sich voller Glaubensinbrunst in sein Schicksal fügt, und in der finalen Erkenntnis, daß sich das Rad der dunklen Geschichte immer weiter drehen wird … 

R J. Lee Thompson B Robin Estridge, Dennis Murphy V Philip Loraine (= Robin Estridge) K Erwin Hillier M Gary McFarland A Eliot Scott S Ernest Walter P Martin Ransohoff, John Calley D Deborah Kerr, David Niven, Donald Pleasence, Sharon Tate, David Hemmings | UK | 96 min | 1:1,66 | sw | 4. Juli 1966

Kommentare:

  1. Ich erinnere mich, den Film als Jugendlicher mal gesehen zu haben (in der Folge von "The Innocents") und furchtbar enttäuscht gewesen zu sein. Das mag an der Erwartung (klassischer Grusler!) gelegen haben, aber auch am von dir erwähnten Swinging Sixities-Getue, das mir trotz meiner Schwäche für Hemmings als Voraussetzung für einen Clash der Kulturen nichts sagte. Vielleicht müsste ich wirklich ein paar Vorurteile überwinden und mich noch einmal an den Film wagen. - Und da du dich in dem Punkt zurückhaltend gibst: Lohnt sich eine neue Sichtung?

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  2. Ich hatte den Film vor Jahrzehnten mal im TV-Nachtprogramm (wahrscheinlich im »Gruselkabinett« des NDR) gesehen und war schwer angetan. Vor allem Niven (ungewöhnliche Besetzung!) hatte mich begeistert; die Szene, in der er völlig versteinert die Schlußprozession vom Schloß in den Wald anführt, habe ich nie vergessen. Nun ist das Teil endlich auf DVD erschienen, und es hat mich nicht enttäuscht – ganz im Gegenteil. Aber da mir »Eye of the Devil« schon beim ersten Mal gefallen hat, wage ich nicht, eine Empfehlung auszusprechen … »The Innocents« ist sicherlich der bessere Film (Kerr ist da im übrigen auch besser, weil sie eine viel differenziertere Rolle zu spielen hat), aber allein wegen der tollen Kamera und der kuriosen Mischung aus gothic fiction und Zeitgeist lohnt sich m. E. eine Sichtung.

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