Scharf beobachtete Züge | Liebe nach Fahrplan
Ort: ein kleiner Bahnhof in Böhmen. Zeit: gegen Ende der großdeutschen Okkupation. Der unbedarfte Jüngling Miloš Hrma (›Golden Kid‹ Václav Neckář) – Sproß einer Familie von Träumern und Faulenzern – tritt, von der Mutter mit einer Schirmmütze gekrönt, seine Stelle als Bahnwärterlehrling an. Umgeben von einem kleintierzüchtenden Stationsvorsteher, einem schürzenjagenden Fahrdienstleiter und einem kollaborateurischen Bahnrat erwirbt Hrma Grundkenntnisse des Eisenbahnwesens, während er gleichzeitig einigermaßen linkische Versuche unternimmt, der angehimmelten Schaffnerin Máša (seelisch wie auch körperlich) näherzukommen. Nach einer Erzählung von Bohumil Hrabal (der während des Zweiten Weltkriegs selbst Dienst auf einem Provinzbahnhof schob) bringt Jiří Menzel eine detailverliebte Bildungsburleske ins Rollen, die den liebeskranken Protagonisten immer neuen (persönlichen wie auch historischen) Bewährungsproben aussetzt und dabei Komik und Schrecken wirkungsvoll miteinander verschmilzt – bis hin zur doppelten Explosion eines sexuellen Erwachens und eines in die Luft fliegenden Munitionszuges.
R Jiří Menzel B Jiří Menzel, Bohumil Hrabal V Bohumil Hrabal K Jaromír Šofr M Jiří Šust A Oldrich Bosák Ko Olga Dimitrovová S Jiřina Lukešová P Ladislav Fikar, Bohumil Šmída D Václav Neckář, Jitka Bendová, Vladimír Valenta, Josef Somr, Vlastimil Brodský | CS | 92 min | 1:1,37 | sw | 16. Oktober 1966
# 1177 | 3. Oktober 2019
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16.10.66
4.7.63
Verspätung in Marienborn (Rolf Hädrich, 1963)
Eine bundesdeutsche Film-Fernsehen-Koproduktion mit internationaler Beteiligung und einem veritablen Oscar-Preisträger in einer Hauptrolle. Basierend auf einem Drehbuch von Will Tremper (der den Film wegen des Konkurses der vorgesehenen Produktionsfirma nicht selbst realisieren konnte) inszeniert TV-Regisseur Rolf Hädrich auf engem Raum eine spannende deutsch-deutsch-alliierte Flüchtlingsstory, die einem Ereignis aus dem Dezember 1961 folgt: Bei einem kurzen Zwischenhalt irgendwo in der Zone springt ein junger DDR-Bürger auf den US-Militärzug von Berlin nach Frankfurt; seine Anwesenheit bleibt nicht unbemerkt: Eine Krankenschwester hilft ihm sich zu verstecken; ein mitreisender Journalist (knurrig: José Ferrer) wittert einen Knüller und führt mit dem Republikflüchtling, der seinen Eltern in den Westen folgen will, ein exklusives Tonband-Interview; schließlich schöpfen auch östliche Transportpolizisten Verdacht und melden die Sache ihren Vorgesetzten. Nur der junge amerikanische Kommandant (Sean Flynn, ein Sohn von Errol) ahnt von alldem nichts, schwört Stein und Bein, daß sich kein blinder Passagier an Bord befände, als die Sowjets den Zug am Kontrollpunkt festhalten und die Lokomotive abkoppeln … Als Musterbeispiel eines geschlossenen Dramas wahrt »Verspätung in Marienborn« strikt die Einheit von Zeit (eine Nacht und ein Tag), Ort (ein versiegelter Zug und ein abgeriegelter Grenzbahnhof) und Handlung. Von Interesse erscheinen weniger die Überzeugungen oder Motivationen der knapp gezeichneten Charaktere, sondern ihre Gefangenschaft in einem abstrakten System technisch-administrativer Mechanismen, das weder persönlichen Handlungsspielraum noch individuelle Rücksichtnahme zuläßt – nicht einmal die rivalisierenden Ideologien der feindlichen Mächte spielen in diesem kalten (Nerven-)Krieg noch eine wesentliche Rolle. Am Ende sind es folgerichtig nicht die Personen des Stücks sondern anonyme Instanzen, die per Telefonbefehl das Schicksal des Flüchtlings besiegeln.
R Rolf Hädrich B Will Tremper, Victor Vicas (englische Fassung »Stop Train 349«) K Roger Fellous M Peter Thomas, Claude Vasori A Dieter Bartels, Albrecht Hennings S Margot Jahn, Georges Arnstam P Hans Oppenheimer, Hessischer Rundfunk D José Ferrer, Sean Flynn, Nicole Courcel, Jess Hahn, Hans-Joachim Schmiedel | BRD & F & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1963
R Rolf Hädrich B Will Tremper, Victor Vicas (englische Fassung »Stop Train 349«) K Roger Fellous M Peter Thomas, Claude Vasori A Dieter Bartels, Albrecht Hennings S Margot Jahn, Georges Arnstam P Hans Oppenheimer, Hessischer Rundfunk D José Ferrer, Sean Flynn, Nicole Courcel, Jess Hahn, Hans-Joachim Schmiedel | BRD & F & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1963
25.10.62
Das zweite Gleis (Joachim Kunert, 1962)
Ein kleines Nest irgendwo in der DDR: Walter Brock (Albert Hetterle), Fahrdienstleiter auf einem Rangierbahnhof, stellt einen Dieb, läßt ihn jedoch laufen, weil es sich bei dem Mann (wie sich zeigen wird) um ein Gespenst aus seiner Vergangenheit handelt. Mit den Augen von Brocks Tochter Vera (Annekathrin Bürger) bewegt sich der Film gleichsam durch den dichten Dampf der Lokomotiven und über das Gewirr der Gleise, um Licht ins Dunkel einer trüben (Familien-)Geschichte zu bringen (Drehbuch: Günter Kunert – der Lyriker). In wohlkomponierten, extrem kontrastreichen Schwarzweißbildern (Kamera: Rolf Sohre), zu bald verträumt, bald schrill tönenden Harfenklängen erzählt »Das zweite Gleis« einprägsam-beklemmend von Schuld und Verdrängung, von Vertrauen und Täuschung, von Feigheit und (zu) später Reue.
R Joachim Kunert B Günter Kunert, Joachim Kunert K Rolf Sohre M Pavel Simai A Gerhard Helwig S Christel Röhl P Bernhard Gelbe D Albert Hetterle, Annekathrin Bürger, Horst Jonischkan, Walter Richter-Reinick, Helga Göring | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 25. Oktober 1962
R Joachim Kunert B Günter Kunert, Joachim Kunert K Rolf Sohre M Pavel Simai A Gerhard Helwig S Christel Röhl P Bernhard Gelbe D Albert Hetterle, Annekathrin Bürger, Horst Jonischkan, Walter Richter-Reinick, Helga Göring | DDR | 80 min | 1:1,37 | sw | 25. Oktober 1962
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29.12.55
Ich denke oft an Piroschka (Kurt Hoffmann, 1955)
Piroschkas unvergeßliches »Geh’, Andi, mach Signal!« ist das »Baise-moi!« der deutschen 1950er Jahre: Jungs und Mädchen fallen (noch) nicht übereinander her, bevor sie ihre Namen kennen; vielmehr scharwenzeln sie einen unendlichen Sommerurlaub lang umeinander herum, bevor es zum Letzten kommt – so wie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch zwischen der reizenden Tochter des Stationsvorstehers aus dem kleinen Puszta-Kaff und dem netten deutschen Austauschstudenten (Gunnar Möller). Natürlich nicht vor dem Auge der diskreten Kamera (Richard Angst), sondern gut versteckt im hohen Gras des Bahndamms. So idyllisch-verträumt wie in Kurt Hoffmanns ungarischer Romanze wird es wohl nie wieder. Das ist – verdammt nochmal! – schade. Und auch wenn Lilo Pulvers barfüßige Piri zu keinem Zeitpunkt aussieht wie süße 17: Hódmezövásárhelykutaspuszta forever!
R Kurt Hoffmann B Per Schwenzen, Hugo Hartung V Hugo Hartung K Richard Angst M Franz Grothe A Ludwig Reiber S Claus von Boro P Georg Witt D Liselotte Pulver, Gunnar Möller, Wera Frydtberg, Gustav Knuth, Rudolf Vogel | BRD | 96 min | 1:1,37 | f | 29. Dezember 1955
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1.9.47
Der verzauberte Tag (Peter Pewas, 1944/1947)
Zwei Freundinnen, Verkäuferinnen an einem Bahnhofskiosk – die kess-brünette Anni (Eva Maria Meineke) und die schwärmerisch-blonde Christine (Winnie Markus) –, träumen von der großen Liebe. Während sich Anni ihren Märchenprinzen einfach erfindet (eine Fiktion, die überraschende (und enttäuschende) Realität wird), phantasiert sich Christine in die schicksalhafte Beziehung zu einem soignierten Kunstprofessor (Hans Stüwe) hinein… Peter Pewas, weniger an der sentimentalen Handlung als an den visuellen Möglichkeiten ihrer Umsetzung interessiert, nimmt sich in seinem Erstling die intimistischen Milieuskizzen und melancholischen Bildwelten des poetischen Realismus zum Vorbild. Sein Kameramann Georg Krause (der später u. a. für Kazan, Siodmak und Kubrick arbeiten wird), ein Meister sowohl des fein modulierten als auch des scharf kontrastierenden Schwarzweiß, zaubert (weitgehend in der Überwirklichkeit des Studios) die romantischen und fatalistischen Stimmungen, die es Pewas erlauben, seine bildkünstlerische Erfindungsgabe zu entfalten. Im Halb(welt)dunkel der Dachkammern, im Abenddunst der Junggesellenzimmer, in der Finsterkeit nächtlicher Straßen gelingen ihm zudem eine Reihe eindringlicher Portraits: etwa die aufgedrehte Zimmerwirtin (Kate Kühl), die sich viel darauf einbildet, früher beim Theater gewesen zu sein; oder der zackig-gehemmte Stationsvorsteher (Hans Brausewetter), der seine Gefühle hinter anonymen Blumengaben versteckt; vor allem aber Christines Verlobter, der pedantische Buchhalter Krummholz (Ernst Waldow), ein Mann, der keine Rose betrachten kann, ohne an ihren Preis zu denken: von seiner Braut zurückgewiesen, nimmt er für die Zerstörung seiner kleinbürgerlichen Illusionen bittere Rache. PS: 1944 gedreht, von der nationalsozialistischen Zensur verboten, erlebt der Film seine Uraufführung mit dreijähriger Verspätung in der Schweiz; in Deutschland wird er erstmals 1951 gezeigt.
R Peter Pewas B Renate Uhl, Peter Pewas V Franz Nabl K Georg Krause M Wolfgang Zeller A Erich Grave S Ira Oberberg P Viktor von Struve D Winnie Markus, Hans Stüwe, Ernst Waldow, Eva Maria Meineke, Hans Brausewetter | D (Überläufer) | 76 min | 1:1,37 | sw | September 1947
R Peter Pewas B Renate Uhl, Peter Pewas V Franz Nabl K Georg Krause M Wolfgang Zeller A Erich Grave S Ira Oberberg P Viktor von Struve D Winnie Markus, Hans Stüwe, Ernst Waldow, Eva Maria Meineke, Hans Brausewetter | D (Überläufer) | 76 min | 1:1,37 | sw | September 1947
26.11.45
Brief Encounter (David Lean, 1945)
Begegnung
»I want to remember every minute, always, always to the end of my days.« Eine glücklich verheiratete Frau (energisch-verletzlich: Celia Johnson) trifft im Erfrischungsraum eines Kleinstadtbahnhofs einen anderen Mann (markant-durchschnittlich: Trevor Howard) – und plötzlich ist ihr Leben heller und dunkler zugleich. David Leans ebenso banale wie existenzielle Liebesgeschichte kommt ohne jede emotionale Scharfmacherei aus; interessanterweise ist es gerade das Understatement von »Brief Encounter«, das die Euphorie und die Entscheidungsnot der Liebenden ganz dicht an den Zuschauer heranträgt und aus einer Provinz-Romanze der Zwischenkriegszeit eine zeitlos gültige Erzählung macht. Alles an diesem Film ist geradezu aufreizend konventionell: die Gesichter und die Orte, die Charaktere und die Dialoge. Die Liebe rauscht wie ein Expreßzug durch die friedlich-verschlafene Normalität, es faucht und qualmt und donnert für ein paar unvergeßliche Augenblicke, und dann ist es auch schon wieder vorbei … Zurück bleiben die Ahnung, daß alles ganz anders sein könnte, und die Gewißheit, daß alles so bleibt, wie es immer schon war. »This can’t last. This misery can’t last. I must remember that and try to control myself. Nothing lasts really. Neither happiness nor despair. Not even life lasts very long.« Neben Leans meisterhaft-sensibler Regie bestechen das glaubwürdige Szenarium (Noël Coward), die malerische Kamera (Robert Krasker) und die plastisch gestalteten Nebenrollen (etwa Stanley Holloway als verliebter Stationsvorsteher und Joyce Carey als reservierte Buffetiere). Ein Meisterwerk des melancholischen Realismus.
R David Lean B Noël Coward, David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Robert Krasker M diverse A Lawrence P. Williams S Jack Harris P Noël Coward D Celia Johnson, Trevor Howard, Stanley Holloway, Joyce Carey, Cyril Raymond | UK | 86 min | 1:1,37 | sw | 26. November 1945
R David Lean B Noël Coward, David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Robert Krasker M diverse A Lawrence P. Williams S Jack Harris P Noël Coward D Celia Johnson, Trevor Howard, Stanley Holloway, Joyce Carey, Cyril Raymond | UK | 86 min | 1:1,37 | sw | 26. November 1945
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