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4.4.51

The Tales of Hoffmann (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1951)

Hoffmanns Erzählungen

»Look and you will see all you want to see.« In gewisser Hinsicht erscheint »The Tales of Hoffmann« als konsequente Weiterentwicklung der legendären Ballettsequenz aus »The Red Shoes«: Kino als magische Licht- und Farborgel. Wie die Adaption des Andersen-Märchens widmet sich auch die Leinwandfassung der Oper von Jacques Offenbach (die ihrerseits Texte und Figuren des Erzählers E. T. A. Hoffmann verarbeitet) der Relation von Kunst und Leben: Der Dichter Hoffmann berichtet drei Episoden aus seiner Biographie, dramatische Geschichten unglücklicher Lieben, die er im Akt des Erzählens nachschöpft und so in vollendete Kunsterlebnisse verwandelt (was ihn freilich nicht glücklicher macht) … Powell und Pressburger gelingt es, Offenbachs musikalisch-atmosphärische Spannbreite zwischen exzentrischer Komik, barcarolesker Rührung und forcierter Tragik überzeugend (und attraktiv) umzusetzen – in der geschlossenen Welt des Studios, im phantasmagorisch-dekorativem Woauchimmer von Hein Heckroths illustrativ-stilisierten Kulissen (Nürnberg: Spitztürmchen und Butzenscheiben; Paris: Salons und Treppenläufe; Venedig: Wasserspiegelungen und Gondeln; Griechenland: Säulen und Zypressen) schaffen sie eine hochsynthetische kulturelle (= deutsch-französisch-britische) Melange aus Romantik, Belle Époque und Camp avant la lettre. PS: »I’ve eyes alive and eyes a-blazing. / Try out my eyes.«

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger, Dennis Arundell V Jules Barbier, E. T. A. Hoffmann K Christopher Challis M Jacques Offenbach A Hein Heckroth S Reginald Mills P Michael Powell, Emeric Pressburger D Robert Rounseville, Moira Shearer, Robert Helpmann, Léonide Massine, Ludmilla Tchérina | UK | 128 min | 1:1,37 | f | 4. April 1951

21.2.49

The Small Back Room (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1949)

Experten aus dem Hinterzimmer 

London, Frühjahr 1943: In der schier endlosen Nacht des Blackouts machen sich Experten Gedanken darüber, wie der (mittlerweile totale) Krieg zu gewinnen sei. Einer von ihnen ist Sammy Rice (David Farrar), ein brillanter Bombenfachmann (gehandicapt allerdings durch ein schmerzendes künstliches Bein und den destruktiven Hang zum Alkohol), der nicht nur an Sprengkörpern (oder deren Entschärfung) laboriert sondern auch am zermürbenden Gezänk zwischen Technologen und starrköpfigen (oder schlicht inkompetenten) Beamten der Kriegsbürokratie. Sammys aus beruflicher Frustration und physischem Defizit entspringende aggressive Larmoyanz lähmt seine Ambition und stellt die Beziehung zu seiner engagierten Freundin Susan (Kathleen Byron) in Frage … Nach den eskapistischen Technicolor-Eruptionen von »The Red Shoes« gestalten Powell und Pressburger ein hermetisch-finsteres Schwarzweiß-Drama vor realistischem Hintergrund (eine surreale Sequenz mit ins Gigantische wachsenden Whiskyflaschen und boshaft tickenden Uhren erinnert gleichwohl an die visuellen Exzentrizitäten des Ballett-Films) – die Lichtlosigkeit der nächtlich-bedrückenden Innenräume wird nur zweimal aufgebrochen: zum ersten Mal anläßlich eines Waffentests bei den Megalithen von Stonehenge (!), dann noch einmal, am Ende des Films, wenn Sammy im weißen Kies von Chesil Beach, unter ziehenden Wolken und kreisenden Möwen, eine deutsche Sprengfalle unbekannten Typs unschädlich machen muß. In der Auseinandersetzung mit dem heimtückischen Explosivkörper sieht der (in mehrfacher Hinsicht) gefährdete Held wohl auch dem eigenen Zerstörungsmechanismus ins Auge …

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger V Nigel Balchin K Christopher Challis M Brian Easdale A Hein Heckroth S Clifford Turner P Michael Powell, Emeric Pressburger D David Farrar, Kathleen Byron, Jack Hawkins, Leslie Banks, Michael Gough | UK | 106 min | 1:1,37 | sw | 21. Februar 1949

6.9.48

The Red Shoes (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1948)

Die roten Schuhe 

»Put on your red shoes and dance.« Michael Powell und Emeric Pressburger verlängern Hans Christian Andersens Märchen über ein Paar roter Schuhe, die nicht mehr aufhören wollen zu tanzen und ihre Trägerin in den Tod befördern, in die synthetische Wirklichkeit ihrer melodramatischen Kinoerzählung: Es geht um die Relation von Kunst und Leben, und es geht um die Macht der Liebe, die – je nach Auffassung – das Fundament für alles Menschenwerk legt oder jeden Schöpfungsimpuls per se entweiht. Der mephistophelische Impressario Boris Lermontov (»Life is so unimportant.« – Adolf Wohlbrück), der Ballett nicht nur als »poetry of motion« betrachtet, sondern wie eine Religion zelebriert, entdeckt für seine weltberühmte Compagnie die vielversprechende Tänzerin Vicky Page (Moira Shearer). Er will sie zur Primaballerina formen und verlangt von ihr Entsagung (gegen das Leben) und Hingabe (an die Kunst) zugleich. Auf seine Frage: »What do you want from life? To live?« antwortet sie: »To dance.« Der Meister ist's zufrieden, sieht sich jedoch ent- und getäuscht, als Gefühle ins Spiel kommen, die seine Kreation an einen jungen Komponisten (Marius Goring) binden – und schließlich ins Unglück stürzen (= tanzen) lassen … »The Red Shoes« versammelt (neben der britischen Tänzerin Moira Shearer in der tragischen Hauptrolle) mit Léonide Massine, dem einstigen Chef-Choreographen der Ballets Russes, Robert Helpmann, der mit der Pavlova und Margot Fonteyn auftrat, und Ludmilla Tchérina, die von Serge Lifar entdeckt wurde, eine Reihe von Ballettgöttern seiner Zeit. Darsteller, die ihren eigenen Mythos einbringen, Jack Cardiffs dynamische Technicolor-Kamera, Hein Heckroths surrealistisch inspirierte Bühnenbilder, der romantische Score von Brian Easdale und (nicht zuletzt) die barocke Leidenschaft der Archers für das Milieu, in dem sie ihre Kunstbetrachtung an siedeln, schaffen eine »Poesie der Bewegung«, deren lyrischer Zauber jeder Mode trotzen wird.

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger V Hans Christian Andersen K Jack Cardiff M Brian Easdale A Hein Heckroth S Reginald Mills P Michael Powell, Emeric Pressburger D Moira Shearer, Anton Walbrook (=Adolf Wohlbrück), Marius Goring, Robert Helpmann, Léonide Massine | UK | 133 min | 1:1,37 | f | 6. September 1948

24.4.47

Black Narcissus (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1947)

Die schwarze Narzisse 

Ein Kloster hoch oben in der kristallklaren Luft des Himalaya – einst lebten in dem abgelegenen Kastell die Frauen eines indischen Fürsten, nun beginnen dort fünf Schwestern eines anglikanischen Ordens ihr tätiges Werk zur schulischen Erziehung und medizinischen Versorgung der örtlichen Jugend. Die Isolierung in majestätisch-abweisender Natur und exotisch-fremder Gesittung konfrontiert die europäischen Nonnen mit längst überwunden geglaubten Anfechtungen: Der Zusammenhalt der kleinen Gruppe zerfällt in individuelle Sinnkrisen, unterdrückte Leidenschaften brechen sich Bahn, selbst die so willensstark scheinende sister superior (Deborah Kerr) schaut schließlich hilflos-entsetzt in den Abgrund ihres eigenen tiefen Zwiespalts … Schauplatz ist eine jener grandiosen inneren Landschaften, die nur das Kino schaffen kann: Von Ausstatter Alfred Junge komplett im Studio errichtet, von Kameramann Jack Cardiff mit bald beherrscht-eisiger, bald sinnlich-lodernder Technicolor-Farbigkeit durchflutet, wird die ständig von einem schneidenden Wind durchwehte Gebirgseinsamkeit zum szenischen Abbild der dramatischen Konflikte zwischen (Selbst-)Kontrolle und (Fremd-)Erregung, zwischen (religiöser) Gefaßtheit und (körperlicher) Ekstase. Mit »Black Narcissus« gestalten Powell und Pressburger einen Film der expressiven (und existentiellen) Kontraste: reinweiße Nonnentracht gegen eine gebräunte Männerbrust, spirituelle Blässe gegen einen knallrot geschminkter Mund, Gemüse gegen Blumen, Zivilisation gegen Instinkte. Und über allem thront der alte heilige Mann, schweigt beharrlich, denkt sich seinen Teil – oder auch nicht.

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger V Rumer Godden K Jack Cardiff M Brian Easdale A Alfred Junge S Reginald Mills P Michael Powell, Emeric Pressburger D Deborah Kerr, Kathleen Byron, David Farrar, Flora Robson, Sabu | UK | 100 min | 1:1,37 | f | 24. April 1947

1.11.46

A Matter of Life and Death (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1946)

Irrtum im Jenseits

»This is the story of two worlds …« Eine phantastische Romanze? Eine romantische Phantasie? Eine Beziehungskomödie zwischen Alter und Neuer Welt? Ein transatlantisches Melodram? Eine Reise vom (farbigen) Diesseits ins (schwarzweiße) Jenseits (und wieder zurück)? Eine Krankengeschichte? Ein Wunderbericht? Ein Gerichtsdrama? … In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs gerät der englische Pilot Peter (David Niven) über dem Kanal in Lebensgefahr; kurz vor dem Absturz hat er Sprechkontakt zur amerikanischen Funkerin June (Kim Hunter) – zwei Stimmen treffen sich im Äther, verlieben sich in Hörweite des Todes. Der Flieger (der auch ein Dichter ist) überlebt den Absprung ohne Fallschirm (!) – und findet zu seinem Mädchen. Wieso ist Peter nicht tot? Hat der überirdische Conductor 71 (Marius Goring) im dichten Nebel am Unglücksort seine Zielperson verfehlt? Oder leidet der Davongekommene schlicht an Halluzinationen infolge einer schweren Geistesstörung? Powell und Pressburger halten ihr erstaunlich vielschichtiges Werk sorgsam in der Schwebe zwischen Leben und Tod, zwischen Materie und Metaphysik, zwischen Ewigkeit und Tagesaktualität; die Liebe, welche nimmer aufhört, ist ebenso Thema dieser barocken Vision wie die komplizierte special relationship zwischen England und Amerika: Alliierte, die einstmals autoritäres Mutterland und rebellierende Kolonie waren, Gleichgesinnte, die heute dieselbe und doch eine ganz andere Sprache sprechen. »A Matter of Life and Death« erzählt emphatisch und scharfsinnig (sowie visuell überaus erfindungsreich) von schicksalhaft Verbundenen, die sich kaum kennen und einander (vielleicht gerade darum) tief vertraut sind, die trotz aller Gegensätze nur gemeinsam eine Chance haben: »Love rules the court, the camp, the grove, and men below, and saints above; for love is heaven, and heaven is love.«

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger K Jack Cardiff M Allan Gray A Alfred Junge S Reginald Mills P Michael Powell, Emeric Pressburger D David Niven, Kim Hunter, Roger Livesey, Marius Goring, Raymond Massey | UK | 104 min | 1:1,37 | f | 1. November 1946

10.6.43

The Life and Death of Colonel Blimp (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1943)

Leben und Sterben des Colonel Blimp

»The Life and Death of Colonel Blimp« ist nichts weniger als der Versuch, Präliminarien und Geschichte des Zweiten Dreißigjährigen Krieges herunterzubrechen auf die Erzählung von der tief problematischen, letztlich aber unverbrüchlichen (Männer-)Freundschaft zwischen einem britischen und einem deutschen Offizier. Dreimal begegnen sich Clive Wynne-Candy (naiv-energisch: Roger Livesey) und Theodor Kretschmar-Schuldorff (nobel-elegisch: Adolf Wohlbrück): Im Jahre 1902, kurz nach dem Burenkrieg, verteidigen sie in einem Degenduell stellvertretend die Ehre ihrer Heimatländer; im Ersten Weltkrieg findet sich der Deutsche in britischer Gefangenschaft wieder; im Zweiten Weltkrieg bittet der Deutsche als Exilant um britisches Asyl … »Blimp« verleugnet zu keinem Zeitpunkt die gestalterische Inspiration durch eine Cartoon-Figur: In bisweilen fast schematisch wirkenden Szenerien bewegen sich karikaturhaft zugespitzte Charaktere – der einfach gestrickte, offenherzig-konservative Brite mit dem blindem Vertrauen in fair play und common sense sowie der geschliffene, musisch-soldatische Deutsche, der weiß, daß Ritterlichkeit in Zeiten des totalen Krieges nur mehr eine Illusion ist, daß Respekt vor überkommenen Geboten lebensgefährlich sein kann. Weibliche Wesen haben in diesem tragikomisch-sentimentalen Epos der Desillusion eine eher periphere Bedeutung, erscheinen in erster Linie als Idealbilder (mal resolut, mal durchgeistigt, mal kumpelhaft) – konsequenterweise werden alle drei Frauenrollen von einer einzigen Schauspielerin (Deborah Kerr) verkörpert. Natürlich ist »Blimp« auch und vor allem ein Werk der Propaganda, mit dem Powell (Engländer) und Pressburger (Ungar) – sowie ihr französischer Kameramann, ihr deutscher Bühnenbildner, ihr österreichischer Star – eine Nation von Sportsmännern (und -frauen) davon überzeugen wollen, daß ein Gegner, der die Regeln mißachtet, nicht allein mit gerechter Gesinnung zu schlagen ist; doch bei aller politisch-militärischen Stimmungsmache trifft jener Satz ins Schwarze, den David Thomson ein halbes Jahrhundert später über diesen Film schreiben wird: »In any war we hope to be on the side that made ›Blimp‹.«

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger K Georges Périnal M Allan Gray A Alfred Junge S John Seabourne P Michael Powell, Emeric Pressburger D Roger Livesey, Deborah Kerr, Anton Walbrook (= Adolf Wohlbrück), Roland Culver, James McKechnie | UK | 163 min | 1:1,37 | f | 10. Juni 1943