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1.4.77

Black Sunday (John Frankenheimer, 1977)

Schwarzer Sonntag

A study in terror – John Frankenheimers energiegeladenes Action-Epos schildert (nach einem Roman des späteren Hannibal-Lecter-Autors Thomas Harris) die zunehmend verzweifelten Bemühungen des abgekämpfen Mossad-Agenten Kabakow (Robert Shaw), den monumentalen Anschlag eines palästinensischen Kommandos auf ein – zunächst unbekanntes – Ziel in den Vereinigten Staaten zu verhindern: Eine unter die Gondel eines Luftschiffs montierte gewaltige Nagelbombe soll während des Super Bowl, der heiligen Messe des American way of life, 80000 Menschen (inklusive des US-Präsidenten) töten. Frankenheimer kombiniert fieberhaften Dokumentarstil mit expressiver Symbolik (etwa wenn nach einem gelungenen Explosionstest tausende von Lichtstrahlen durch die zerlöcherte Blechhülle eines Hangars fallen) und begreift Dahlia Iyad, die unberirrbare Frontfrau des »Schwarzen September« (Marthe Keller), die den verbitterten Vietnam-Veteranen Lander (»I wanted to give this whole son-of-a-bitchin’ country something to remember me by!« – Bruce Dern) zum willigen Werkzeug ihres Schreckensplans formt, weniger als blindwütige Furie denn als folgerichtiges Produkt westlicher Nahost-Politik :»After all ... in a way, she’s your creation.«

R John Frankenheimer B Ernest Lehman, Kenneth Ross, Ivan Moffat V Thomas Harris K John A. Alonzo M John Williams A Walter Tyler S Tom Rolf P Robert Evans D Robert Shaw, Bruce Dern, Marthe Keller, Fritz Weaver, Steven Keats | USA | 143 min | 1:2,35 | f | 1. April 1977

# 1097 | 22. Februar 2018

20.11.68

Lady in Cement (Gordon Douglas, 1968)

Die Lady in Zement 

In seinem zweiten Fall stößt private detective Tony Rome (Sinatra) bei einem Tauchgang vor der Küste Floridas ganz zufällig auf eine »Lady in Zement«: Die Füße der schnittigen Blondine stecken in gewichtigen Schuhen, ihre Haare wogen lyrisch in der Strömung des Meeres. Obwohl der Fall, der sich daraus entwickelt (und (natürlich) weitere Opfer fordert), bis zur Auflösung (und darüber hinaus) völlig nebulös bleibt, erntet das (nach-) lässige Sequel die gleichen formalen Meriten wie sein Vorgänger. Zudem sorgen eine Reihe von schrulligen Charakteren (unter anderem Dan »Hoss Cartwright« Blocker als grober Klotz von einem Kleinganoven) und zahlreiche atmophärische Miniaturen (in diversen Nachtbars und Luxushotels Miamis) für vergnügliche Kurzweil. Raquel Welch bleibt dank explodierender Frisuren im Gedächtnis.

R Gordon Douglas B Marvin H. Albert, Jack Guss V Marvin H. Albert K Joseph Biroc M Hugo Montenegro A LeRoy Deane S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Raquel Welch, Richard Conte, Martin Gabel, Dan Blocker | USA | 93 min | 1:2,35 | f | 20. November 1968

10.11.67

Tony Rome (Gordon Douglas, 1967)

Der Schnüffler

Locker-leichte Late-60s-Variation der verwinkelten Chandler-Plots: Frank Sinatra, arch-crooner und leader of the (rat) pack, ermittelt als Tony Rome (Privatdetektiv mit starkem Hang zu Pferdewetten) in einer unübersichtlichen Familienangelegenheit, in der es unter anderem um teuren Schmuck, Erpressung sowie Bigamie geht, und stolpert dabei über eine stattliche Zahl von Leichen. Ort des Geschehens ist Miami Beach (»20 miles of sand looking for a city.«), die Stimmung ist groovy, die Ladies – Lyon, Rowlands, St. John – haben Bond-appeal. Gordon Douglas inszeniert mit unspektakulärem Formgefühl, Joseph Biroc fotografiert in glasklarem Sunny-noir-Stil, Nancy Sinatra steuert den Titelsong bei: »Love is for those who have the time to / Rome is for those who are inclined to.«

R Gordon Douglas B Richard Breen V Marvin H. Albert K Joseph Biroc M Billy May A Jack Martin Smith, Jim Roth S Robert L. Simpson P Aaron Rosenberg D Frank Sinatra, Jill St. John, Richard Conte, Gena Rowlands, Simon Oakland | USA | 110 min | 1:2,35 | f | 10. November 1967

17.9.64

Goldfinger (Guy Hamilton, 1964)

James Bond 007 – Goldfinger 

Mit »Goldfinger« kreiert Regisseur Guy Hamilton den James-Bond-Film als parodistische Potenz des spy movie und erschafft ein (wiederum häufig parodiertes und (jedenfalls versuchsweise) potenziertes) Subgenre mit feststehenden Regeln sowie in der Folge nur oberflächlich variierten Ingredienzien: Der unverwundbare, weltläufige, selbstironische Held der westlichen Welt trifft auf einen megalomanen Schurken, dem ein sadistischer Scherge dabei hilft, in abgedrehten Settings und mit viel Getöse einen teuflischen Plan zu realisieren – ein Unternehmen, das mindestens die Weltordnung, wenn nicht gar die Zukunft des Planeten gefährdet. Der Held (dem sich reihenweise atemberaubend gutaussehende weibliche Wesen mit sonderbaren Namen an den Hals (und andere Körperteile) werfen) verfügt souverän über raffinierte Gadgets – und ist in der Lage, noch in scheinbar aussichtsloser Lage extra-trockene Sprüche zu klopfen. »Goldfinger« ist der Prototyp dieser Art von eskapistisch-chauvinistischem, radikal belanglosem und vielleicht gerade darum so unterhaltsamen Bang-bang-(kiss-kiss)-Filmemachen: ›Auric Goldfinger‹ (Gert Fröbe – ein Deutscher!) ist der definitive Widersacher, den ›Oddjob‹ (Harold Sakata – ein Asiate!) als perfekter Handlanger dabei unterstützt, die Weltwirtschaft zu persönlichem Vorteil zu ruinieren; ein silberner Aston Martin verwandelt sich in eine Art Batmobile für den gentleman spy; Bond quittiert die gefährliche Annäherung eines Laserstrahls an seine Weichteile mit der Bemerkung »Thank you for the demonstration!«; der sprechende (um nicht zu sagen: schreiende) Rollenname ›Pussy Galore‹ (Honor Blackman) bringt die dramaturgische Funktion der (widerspenstigen = zu zähmenden) Agentengespielin so platt wie geistreich auf den Punkt. Daneben setzen Ken Adams barock-modernistische Bühnenbilder, Robert Brownjohns sexy-smartes title design und John Barrys cool-treibender Action-Soundtrack filmische Standards. PS: (Weil es nicht fehlen darf …) »Do you expect me to talk?« – »No, Mr. Bond. I expect you to die.«

R Guy Hamilton B Richard Maibaum, Paul Dehn V Ian Fleming K Ted Moore M John Barry A Ken Adam S Peter Hunt P Albert R. Broccoli, Harry Saltzman D Sean Connery, Honor Blackman, Gert Fröbe, Shirley Eaton, Harold Sakata | UK | 110 min | 1:1,85 | f | 17. September 1964

20.7.60

The Bellboy (Jerry Lewis, 1960)

Hallo, Page!

»If you create a stage and it is grand, everyone who enters will play their part«, postuliert Architekt Morris Lapidus, der Mitte der 1950er Jahre den Schauplatz von Jerry Lewis’ Debüt als »total film-maker« (Autor, Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller) entwarf: das extravagant-mondäne Fontainebleau Hotel in Miami Beach. Lewis spielt auf dieser grandiosen Bühne die Rolle des (stummen) Pagen Stanley (!), der jedermann zu Willen sein muß, wobei er ganz seinem eigenen Willen folgt. »Too much is never enough« sagt Lapidus, der Meister des durchgeknallten Jet-Set-Barock, und auch Lewis feiert das Zuviel, indem er dem überkandidelten Setting eine Fülle, einen Schwung, eine Kaskade von lustigen, absurden, spinnerten Szenen abgewinnt: »A film based on fun.« Der Lunapark der modernistischen Baukunst wird zur Kulisse einer überschwenglichen Sketchparade, eines Varietés der selbstreferentiellen Scherze, einer tiefen Verbeugung vor den großen komödiantischen Vorbildern: Stan (!) Laurel, Charlie Chaplin, Jacques Tati. Indessen ist Lewis auch ein Apologet des »Less is more«. Weniger Handlung, weniger Psychologie, weniger sinnvoller Zusammenhang. Stattdessen mehr Raum für Intuition, für Abschweifung, für vollendeten Blödsinn. Weniger Ziel. Mehr Weg. Mit anderen Worten: »It is actually a series of silly sequences.« 

R Jerry Lewis B Jerry Lewis K Haskell Boggs M Walter Scharf A Hal Pereira, Henry Bumstead S Stanley Johnson P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Alex Gerry, Bob Clayton, Bill Richmond, Milton Berle | USA | 72 min | 1:1,85 | sw | 20. Juli 1960

# 789 | 2. November 2013

15.8.46

Notorious (Alfred Hitchcock, 1946)

Berüchtigt

»This is a very strange love affair.« Die sehr seltsame Liebesaffäre beginnt in Miami, Florida, um drei Uhr zwanzig nachmittags, am vierundzwanzigsten April des Jahres neunzehnhundertsechsundvierzig. Ein in den USA lebender Deutscher wird wegen Landesverrats zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Dem amerikanischen Agenten Devlin (Cary Grant) gelingt es, Alicia Huberman (Ingrid Bergman), leichtlebiges party girl und Tochter des Verräters, dafür zu gewinnen, einen nach Brasilien geflohenen Nazi-Freund ihres Vaters auszuforschen ... Die Spionagestory (in der unter anderem eine nicht mit 1934er Pommard sondern mit Uranerz gefüllte Weinflasche eine wichtige Rolle spielt) bildet die Folie für eine dramatisch-ironische Thriller-Romanze, deren suspense sich in erster Linie aus dem erotisch-angespannten Verhältnis zwischen Devlin und Alicia entwickelt: Er kann es nicht ertragen, sein Herz an ein Flittchen verloren zu haben, während sie von der Gefühlskälte des ersehnten Mannes ins Ehebett ihrer Zielperson getrieben wird. So gelingt Alfred Hitchcock mit »Notorious«, von Ted Tetzlaff in stilvollem Hochglanz-Noir fotografiert, eine komplex angelegte Studie menschlicher Beziehungen im Spannungsfeld von Liebe und Pflicht, Vertrauen und Betrug. Mit Madame Sebastian (Leopoldine Konstantin als eisige Matrone), deren Sohn Alex (Claude Rains als treuherziger Schurke) von Alicia observiert wird, eröffnet der Regisseur überdies seine Galerie markanter Mutterfiguren.

R Alfred Hitchcock B Ben Hecht K Ted Tetzlaff M Roy Webb A Carroll Clark, Albert S. D’Agostino Ko Edith Head S Theron Warth P Alfred Hitchcock D Ingrid Bergman, Cary Grant, Claude Rains, Leopoldine Konstantin, Louis Calhern, Reinhold Schünzel | USA | 101 min | 1:1,37 | sw | 15. August 1946

# 1044 | 14. Februar 2017