Ehrgeizige Erotikposse (man könnte auch sagen: Sexklamotte ohne Sex) in elaboriertem Stummfilm-Look: Lulu, von Männern gemacht, bringt Männer zur Strecke – »Laß sie nicht entkommen! Du bist der nächste!« –, bis sie schließlich von Jack the Ripper geschlitzt wird. Nadja Tiller in der Titelrolle ist – wie immer bei Rolf Thiele – eher teilnahmslose Projektionsfläche von Begierden denn gestaltende Akteurin. An ihrer Seite: Rudolf Forster als greiser Strippenzieher Schigolch, O. E. Hasse als kultivierter Alphamann Schön, Leon Askin als altersgeiler Fettsack Goll, Mario Adorf als weltläufiger Strizzi Rodrigo, Hilde Knef als melancholische Lesbe Geschwitz, Charles Regnier als Conférencier und Vollstrecker von Lulus Schicksal – alle tanzen sie zur vulgär-dissonanten Jahrmarktsmusik von Carl de Groof. Vielleicht mehr Edgar Wallace als Frank Wedekind – aber vergnüglich allemal.
R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Herbert Reinecker V Frank Wedekind K Michel Kelber M Carl de Groof A Fritz Mögle, Heinz Ockermüller S Eleonore Kunze P Otto Dürer D Nadja Tiller, O. E. Hasse, Hildegard Knef, Mario Adorf, Charles Regnier | A | 100 min | 1:1,66 | sw | 7. Juni 1962
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7.6.62
Lulu (Rolf Thiele, 1962)
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24.6.61
Die Ehe des Herrn Mississippi (Kurt Hoffmann, 1961)
»Die Welt muß geändert werden.« Angelegt als schwarze Komödie über die Abgründe des Idealismus, präsentiert (und konfrontiert) Friedrich Dürrenmatts freie Adaption des eigenen Schauspiels eine Reihe von bühnengestaltgewordenen Motiven: das himmlische (≈ gnadenlose) Gesetz, die irdische (≈ repressive) Gerechtigkeit, den edelmütigen (≈ einfältigen) Humanismus, den undogmatischen (≈ zynischen) Pragmatismus, den instinktiven (≈ amoralischen) Lebenswillen. Verkörpert werden diese ethischen und sozialen Prinzipien von einem Generalstaatsanwalt und einem Berufsrevolutionär (beide begannen ihre Karriere als Angestellte im Bordell), von einem Arzt und einem Politiker, sowie von einer Dame der Gesellschaft. Preziöse, mit spöttischer Distanz vorgetragene Dialoge, absurd zugespitzte Verwicklungen, plakative Kabaretteffekte, ein synthetisch-symbolischer Handlungsort (»Europa-City«) betonen lehrhafte Tendenz und allgemeine Gültigkeit der gesellschaftskritisch-misanthropischen Staatsposse, die mit dem Triumph des gesinnungslosen Machtbewußtseins endet. Kurt Hoffmanns Neigung zum Spieluhrenhaft-Gespreizten kommt der betonten Künstlichkeit des Stücks durchaus entgegen, die politische Erkenntnisschärfe geht jedoch in der zwischen Komplexität und Konfusion schlingernden Dramaturgie dieser satirisch-melodramatischen Farce weitgehend verloren.
R Kurt Hoffmann B Friedrich Dürrenmatt V Friedrich Dürrenmatt K Sven Nykvist M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Hertha Hareiter S Hermann Haller P Lazar Wechsler, Artur Brauner D O. E. Hasse, Johanna von Koczian, Charles Regnier, Martin Held, Hansjörg Felmy | CH & BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1961
# 928 | 3. Januar 2015
R Kurt Hoffmann B Friedrich Dürrenmatt V Friedrich Dürrenmatt K Sven Nykvist M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Hertha Hareiter S Hermann Haller P Lazar Wechsler, Artur Brauner D O. E. Hasse, Johanna von Koczian, Charles Regnier, Martin Held, Hansjörg Felmy | CH & BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1961
# 928 | 3. Januar 2015
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11.10.57
Les espions (Henri-Georges Clouzot, 1957)
Spione am Werk
Der versoffene Chef eines heruntergekommenen Nervensanatoriums gewährt gegen Geld (warum sonst?) einem abgetauchten Agenten mit atomar-brisanten Kenntnissen (Curd Jürgens) Unterschlupf. Nicht lange, und ein Pulk rivalisierender Geheimdienstler (darunter Martita Hunt und: Peter Ustinov!) tritt auf den Plan, um dem mysteriösen »Patienten« sein Wissen (wenn es sein muß: brutal) zu entreißen. Der arme Doktor, der plötzlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, gerät zwischen die Fronten ... Die Welt als Irrenhaus, das Irrenhaus als Welt – von Henri-Georges Clouzot clever als sardonische Kalte-Kriegs-Travestie angelegt, von Christian Matras grandios in novembrigem Schwarzweiß fotografiert, verliert sich »Les espions« bedauerlicherweise in einer zunehmend wirren Handlung (wo gar keine mehr nötig gewesen wäre) und hilflos herausgestammeltem (weil obsoletem) Moralismus.
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Egon Hostovsky K Christian Matras M Georges Auric A René Renoux S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Curd Jürgens, Peter Ustinov, O. E. Hasse, Véra Clouzot, Martita Hunt, Gérard Séty | F & I | 125 min | 1:1,66 | sw | 11. Oktober 1957
Der versoffene Chef eines heruntergekommenen Nervensanatoriums gewährt gegen Geld (warum sonst?) einem abgetauchten Agenten mit atomar-brisanten Kenntnissen (Curd Jürgens) Unterschlupf. Nicht lange, und ein Pulk rivalisierender Geheimdienstler (darunter Martita Hunt und: Peter Ustinov!) tritt auf den Plan, um dem mysteriösen »Patienten« sein Wissen (wenn es sein muß: brutal) zu entreißen. Der arme Doktor, der plötzlich nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, gerät zwischen die Fronten ... Die Welt als Irrenhaus, das Irrenhaus als Welt – von Henri-Georges Clouzot clever als sardonische Kalte-Kriegs-Travestie angelegt, von Christian Matras grandios in novembrigem Schwarzweiß fotografiert, verliert sich »Les espions« bedauerlicherweise in einer zunehmend wirren Handlung (wo gar keine mehr nötig gewesen wäre) und hilflos herausgestammeltem (weil obsoletem) Moralismus.
R Henri-Georges Clouzot B Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi V Egon Hostovsky K Christian Matras M Georges Auric A René Renoux S Madeleine Gug P Henri-Georges Clouzot D Curd Jürgens, Peter Ustinov, O. E. Hasse, Véra Clouzot, Martita Hunt, Gérard Séty | F & I | 125 min | 1:1,66 | sw | 11. Oktober 1957
24.2.57
Der gläserne Turm (Harald Braun, 1957)
»Merkwürdig, diese Mischung von Erfolg und Untergang.« Sie bilden ein explosives (oder eher implosives) Dreieck: der herrische Unternehmer Robert Fleming (O. E. Hasse), ein Mann, der hält, was er hat, seine hochsensible Gattin Katja (Lilli Palmer), eine Theaterschauspielerin, die dem Rampenlicht (nicht ganz freiwillig) den Rücken kehrte, der forsche Dramatiker John Lawrence (Peter van Eyck), der die labil-begnadete Aktrice aus dem komfortablen Ruhestand (≈ einem goldenen Käfig im obersten Stockwerk des höchsten Hauses von Berlin) zurück auf die Bühne (≈ in die Freiheit) locken will. Was wie ein fashionables Melodram beginnt, wandelt sich peu à peu zur dunklen Sittenbild mit abschließendem Gerichtsverfahren – zur Verhandlung bringen Regisseur Harald Braun und seine Autoren (darunter Wolfgang Koeppen, einer der bedeutendsten bundesdeutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit) neben einem vermeintlichen Giftmordfall auch die Überholtheit gesellschaftlich zugeschriebener Geschlechterrollen, die Geistlosigkeit eines selbstbesoffenen Aufsteigertums, die (vage) Chance auf Emanzipation. Hauptschauplatz des Stückes um Macht und Schwäche, um Kunst und Konjunktur (aber auch um Liebe und Hoffnung) ist eine luxuriös ausstaffierte Dachetage, ein Exzeß aus Glas und Stuck, Marmor und Fell, Kunststoff und Velours, ein (von Walter Haag entworfener) faszinierender Alptraum des Gelsenkirchener Eklektizismus, wo die Spiegelung eines lodernden Kaminfeuers als eifersüchtig brennendes Herz erscheint. Wird die beschädigte Heldin imstande sein, dieses überspannt-menschenfeindliche Ambiente, halb Treibhaus, halb Kühlhalle, hinter sich zu lassen? »Wo soll sie hin: vorwärts oder zurück?« – die über allem schwebende, alles grundierende Frage findet schließlich eine recht mutlose Antwort: Katja Fleming nimmt einmal mehr den ihr zugewiesenen Platz ein.
R Harald Braun B Odo Krohmann, Wolfgang Koeppen, Harald Braun K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Walter Haag S Hilwa von Boro P Hans Abich D Lilli Palmer, O. E. Hasse, Peter van Eyck, Hannes Messemer, Brigitte Horney | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 24. Oktober 1957
# 1090 | 5. Dezember 2017
R Harald Braun B Odo Krohmann, Wolfgang Koeppen, Harald Braun K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Walter Haag S Hilwa von Boro P Hans Abich D Lilli Palmer, O. E. Hasse, Peter van Eyck, Hannes Messemer, Brigitte Horney | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 24. Oktober 1957
# 1090 | 5. Dezember 2017
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13.9.56
Kitty und die große Welt (Alfred Weidenmann, 1956)
Es fängt damit an, daß dem englischen Außenminister die notorisch ergebnislosen Genfer Gipfelkonferenzen auf den Keks gehen: Von der generellen Fragwürdigkeit seines staatsmännischen Tuns verdrossen, reißt Sir William Ashley (O. E. Hasse) eines Abends ganz einfach aus und macht einen Bummel durch die Stadt, wo er sich (ganz unschuldig natürlich!) mit der zuckersüßen Maniküre Kitty Dupont (Romy Schneider) amüsiert, die (wie könnte es anders sein?) keine Ahnung hat, mit wem sie da ihre Zeit verbringt. Es folgen diverse diplomatische Verwicklungen sowie ein überraschender Verhandlungsdurchbruch aufgrund der (ungewollten) Abwesenheit Seiner Exzellenz während der allesentscheidenden Sitzung. All's well that ends well: Für das süße Mädel steht in Person von Sir Williams Neffen Robert (Karlheinz Böhm) ein äußerst passabler Bräutigam bereit. (Den verliebten Prawda-Reporter Boris (Peer Schmidt) hat Kitty zuvor völkerfreundschaftlich aber bestimmt abgewiesen.) Einige frotzelnde Dialoge und der leichte Duft von ›Scandale‹ (12 Francs die Flasche), das aufgeräumte Spiel der Darsteller und die munter fließende Inszenierung verleihen Alfred Weidenmanns possierlicher filmischer Nichtigkeit einen sympathischen Zug von politromantischem Idyll, einen hellen Ton von »Genevan Holiday«.
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Johannes Mario Simmel, Emil Burri V Stefan Donat K Helmuth Ashley M Hans-Martin Majewski A Rolf Zehetbauer S Carl Otto Bartning P Wilhelm Sperber D Romy Schneider, O. E. Hasse, Karlheinz Böhm, Peer Schmidt, Ernst Schröder | BRD | 94 min | 1:1,37 | f (nur als sw-Fassung erhalten) | 13. September 1956
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Johannes Mario Simmel, Emil Burri V Stefan Donat K Helmuth Ashley M Hans-Martin Majewski A Rolf Zehetbauer S Carl Otto Bartning P Wilhelm Sperber D Romy Schneider, O. E. Hasse, Karlheinz Böhm, Peer Schmidt, Ernst Schröder | BRD | 94 min | 1:1,37 | f (nur als sw-Fassung erhalten) | 13. September 1956
30.12.55
Alibi (Alfred Weidenmann, 1955)
Herbert Reinecker, der sich seine journalistischen Sporen als Schriftleiter bei HJ-Blättern und als Kriegsberichter der Waffen-SS verdiente, singt ein Hohelied auf die hehre Mission der freien Presse in der offenen Gesellschaft … O. E. Hasse spielt die Edelfeder Peter Hansen, einen rasenden Reporter, der, ohne Herzblut zu vergießen, von Knüller zu Knüller eilt und dabei langsam aber sicher den Kontakt zur Wirklichkeit verliert. Als Geschworener in einem scheinbar klarliegenden Mordprozeß (Hardy Krüger verkörpert den zornigen jungen Mann, der angeklagt ist, seine verheiratete Geliebte getötet zu haben) wird er zurück auf den Teppich der widersprüchlichen Realität gebracht: Der überhebliche Welterklärer fühlt Zweifel am Augenschein in sich aufsteigen, verspürt Mißtrauen gegen (vor-)schnelle Folgerungen, und plötzlich steht die Möglichkeit des Herstellens von Gerechtigkeit als solches in Frage. Die Moralkeule schwingt hin und wieder hörbar durch den Film, etwa anläßlich der Taufe einer Druckmaschine: »Wenn einer nirgendwo mehr recht bekommt, dann bleibt immer noch ein Ausweg: ›Ich schreib an meine Zeitung!‹ Und wenn er das nicht mehr kann, dann machen wir die Zeitung bloß, daß die Leute was zum Einwicken haben oder zum …« Alles in allem gelingt Reinecker (der mit »Alibi« wohl auch über eigene schuldhafte Verfehlungen und ihre Beurteilung sinniert) eine clevere Mischung aus Whodunit, Gerichtsfilm und Gewissensdrama, die von Alfred Weidenmann mit visuellen Noir-Anklängen stringent in Szene gesetzt wird.
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Helmuth Ashley M Hans-Martin Majewski A Rolf Zehetbauer, Albrecht Hennings S Carl Otto Bartning P Friedrich A. Mainz D O. E. Hasse, Martin Held, Hardy Krüger, Peer Schmidt, Siegfried Schürenberg | BRD | 109 min | 1:1,37 | sw | 30. Dezember 1955
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker K Helmuth Ashley M Hans-Martin Majewski A Rolf Zehetbauer, Albrecht Hennings S Carl Otto Bartning P Friedrich A. Mainz D O. E. Hasse, Martin Held, Hardy Krüger, Peer Schmidt, Siegfried Schürenberg | BRD | 109 min | 1:1,37 | sw | 30. Dezember 1955
30.12.54
Canaris (Alfred Weidenmann, 1954)
In der Tradition des großdeutschen Geniefilms sowie unter Ausblendung einiger wesentlicher historischer Fakten stilisieren Herbert Reinecker (Drehbuch) und Alfred Weidenmann (Regie) den Abwehrchef der Wehrmacht, Admiral Wilhelm Canaris, zum Verfechter der Wahrheit im Reich der Lüge, zum Kämpfer für den Frieden in Zeiten des Krieges. Es waren nicht alle schlecht, postuliert diese erzählerisch gewiefte Mischung aus Spionagereißer und Gewissensdrama, ein Film, der voll stolzer Inbrunst so tut, als könnte ein richtiges Leben im falschen gelingen. Charakterliche Zwiespältigkeiten leger beiseite schiebend, rückt »Canaris« die Titelfigur ins pathetische Licht des allzeit guten Gewissens – und O. E. Hasse versieht den aufrechten Mahner und Warner, den jovialen Hunde- und Menschenfreund mit dem stechenden Blick und der sonoren Stimme des überlegen-widerständigen Geistes: »Im Grunde wissen wir immer ganz genau, was wir tun müssen. Nur dieses bißchen Angst hindert uns daran, den richtigen Weg zu gehen.«
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Erich Ebermayer K Franz Weihmayr M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Albrecht Hennings S Ilse Voigt P F. A. Mainz D O. E. Hasse, Barbara Rütting, Adrian Hoven, Martin Held, Wolfgang Preiss | BRD | 112 min | 1:1,37 | sw | 30. Dezember 1954
R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Erich Ebermayer K Franz Weihmayr M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Albrecht Hennings S Ilse Voigt P F. A. Mainz D O. E. Hasse, Barbara Rütting, Adrian Hoven, Martin Held, Wolfgang Preiss | BRD | 112 min | 1:1,37 | sw | 30. Dezember 1954
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22.3.53
I Confess (Alfred Hitchcock, 1953)
Zum Schweigen verurteilt
Unter Verzicht auf ironische Distanzierung erzählt Alfred Hitchcock von einem mordverdächtigen katholischen Priester (gemessen: Montgomery Clift), der, durch das Beichtgeheimnis gebunden, die Identität des wahren Täters nicht preisgeben darf. »I Confess« ist ein Film des Nicht-reden-Könnens und darum in erster Linie ein Film der Blicke, der Gesichter, der intensiven Großaufnahmen – und es ist der Film einer Stadt: Québec, Schauplatz der Ereignisse, ein Stück Alter Welt in der Neuen, erscheint mit seinen dunkel abschüssigen Gassen und bedrohlich ragenden Türmen, seinen steinharten Fassaden und feuchtspiegelnden Pflastern wie das Abbild der schattenreich-prekären Seelenlandschaft der handelnden Personen. Ein Mensch, der für seinen Glauben (und dessen Prinzipien) die Schuld eines anderen (noch dazu eines Deutschen: O. E. Hasse) auf sich nimmt und diesen Weg (= diese Prüfung) mit allen Konsequenzen bis zum Ende (= bis zum Martyrium) ginge, mag für sogenannte Vernunftwesen (wie den von Karl Malden verkörperten Inspektor) exotisch erscheinen, die Figur könnte jedoch auch stellvertretend für alle stehen, die sich (Selbst-)Blockaden, (Ordnungs-)Systemen, inneren oder äußeren Beschränkungen ausgesetzt sehen – und wer wäre das nicht? … Die malerisch-pathetische Schwarzweiß-Fotografie (Robert Burks) und das nachdrücklich-ernste Spiel der Darsteller (darunter Anne Baxter als tief liebende sowie Dolly Haas als tief zerrissene Frau) verleihen dem Werk eine außerordentliche emotionale Dichte, ja eine regelrecht metaphysische Sinnlichkeit.
R Alfred Hitchcock B George Tabori, William Archibald V Paul Anthelme K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Edward S. Haworth Ko Orry-Kelly S Rudi Fehr P Alfred Hitchcock, Sidney Bernstein D Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, O. E. Hasse, Dolly Haas | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 22. März 1953
Unter Verzicht auf ironische Distanzierung erzählt Alfred Hitchcock von einem mordverdächtigen katholischen Priester (gemessen: Montgomery Clift), der, durch das Beichtgeheimnis gebunden, die Identität des wahren Täters nicht preisgeben darf. »I Confess« ist ein Film des Nicht-reden-Könnens und darum in erster Linie ein Film der Blicke, der Gesichter, der intensiven Großaufnahmen – und es ist der Film einer Stadt: Québec, Schauplatz der Ereignisse, ein Stück Alter Welt in der Neuen, erscheint mit seinen dunkel abschüssigen Gassen und bedrohlich ragenden Türmen, seinen steinharten Fassaden und feuchtspiegelnden Pflastern wie das Abbild der schattenreich-prekären Seelenlandschaft der handelnden Personen. Ein Mensch, der für seinen Glauben (und dessen Prinzipien) die Schuld eines anderen (noch dazu eines Deutschen: O. E. Hasse) auf sich nimmt und diesen Weg (= diese Prüfung) mit allen Konsequenzen bis zum Ende (= bis zum Martyrium) ginge, mag für sogenannte Vernunftwesen (wie den von Karl Malden verkörperten Inspektor) exotisch erscheinen, die Figur könnte jedoch auch stellvertretend für alle stehen, die sich (Selbst-)Blockaden, (Ordnungs-)Systemen, inneren oder äußeren Beschränkungen ausgesetzt sehen – und wer wäre das nicht? … Die malerisch-pathetische Schwarzweiß-Fotografie (Robert Burks) und das nachdrücklich-ernste Spiel der Darsteller (darunter Anne Baxter als tief liebende sowie Dolly Haas als tief zerrissene Frau) verleihen dem Werk eine außerordentliche emotionale Dichte, ja eine regelrecht metaphysische Sinnlichkeit.
R Alfred Hitchcock B George Tabori, William Archibald V Paul Anthelme K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Edward S. Haworth Ko Orry-Kelly S Rudi Fehr P Alfred Hitchcock, Sidney Bernstein D Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, O. E. Hasse, Dolly Haas | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 22. März 1953
7.9.50
Epilog (Helmut Käutner, 1950)
»Du bist Orplid, mein Land! Das ferne leuchtet.« Geschlossene Gesellschaft auf hoher See oder: Die Hölle, das sind wir alle … Indem der Reporter Peter Zabel (Horst Caspar) den mysteriösen Untergang der Luxusyacht ›Orplid‹ auf ihrer letzten Fahrt von Hamburg nach Schottland recherchiert, enthüllt er einen abgründigen Fall von politischen Ränken, wirtschaftlichen Machenschaften und allgemeiner sozialer Verwahrlosung: Eine angebliche Vergnügungstour (unternommen anläßlich einer eigens arrangierten Hochzeit) tarnt die dunklen Geschäfte eines Waffenschiebers, irgendwo im Schiffsrumpf tickt eine Bombe, der Countdown läuft, die illustre Reisegruppe (unter anderem Hans-Christian Blech, Peter van Eyck, Hilde Hildebrandt, Paul Hörbiger, Fritz Kortner, Irene von Meyendorff, Bettina Moissi, Carl Raddatz) zerfleischt sich in Erwartung des angekündigten Todes gegenseitig … Helmut Käutner zieht exaltiert, fast spöttisch alle stilistischen Register des Film noir: Off-Kommentare, Rückblenden, subjektive Kamera, schräge Perspektiven, flirrende Reflexe, Low-Key-Beleuchtung (Bildgestaltung: Werner Krien); »Epilog« (womit wohl nicht nur die Nachrede auf ein einzelnes spektakuläres Ereignis gemeint sein soll, sondern der Abgesang auf die Humanitas als solche) zeigt knallig-resignativ den Menschen als des Menschen Wolf. Ein kolportagig-fatalistischer B-Thriller – bald aufgebrachte Wahrheitssuche, bald moralphilosophischer Illustriertenroman, bald hysterische Gardinenpredigt – über die (äußerst fotogene) Schlechtigkeit der Welt im Zeitalter der Angst.
R Helmut Käutner B Robert A. Stemmle, Helmut Käutner K Werner Krien M Bernhard Eichhorn A Emil Hasler S Johanna Meisel P Artur Brauner D Horst Caspar, Fritz Kortner, Carl Raddatz, Peter van Eyck, Bettina Moissi, O. E. Hasse | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 7. September 1950
# 879 | 12. Juni 2014
R Helmut Käutner B Robert A. Stemmle, Helmut Käutner K Werner Krien M Bernhard Eichhorn A Emil Hasler S Johanna Meisel P Artur Brauner D Horst Caspar, Fritz Kortner, Carl Raddatz, Peter van Eyck, Bettina Moissi, O. E. Hasse | BRD | 91 min | 1:1,37 | sw | 7. September 1950
# 879 | 12. Juni 2014
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6.11.42
Dr. Crippen an Bord (Erich Engels, 1942)
Erich Engels, seines Zeichens NSDAP-Mitglied und Regisseur zahlreicher Karl-Valentin-Filme, verlegt den aufsehenerregenden Fall des Arztes Dr. Hawley Crippen – der seine Ehefrau Cora vergiftete und sich sodann mit seiner, als Mann verkleideten, jungen Geliebten per Dampfer über den Atlantik absetzte – aus dem London des Jahres 1910 an einen nicht näher definierten europäischen Ort am Ende der 1920er Jahre; das gemeine Verbrechen mag dabei symbolisch für die angebliche moralische Entartung der sogenannten »Systemzeit« stehen. Engels, der immer wieder burleske Momente ins Krimigeschehen streut, gelingt es allerdings nur unvollkommen, Spannung zu erzeugen – allzu betulich plätschert die Handlung mit ihren wenig überraschenden Wendungen aus einem Varieté in eine Villa auf ein Linienschiff in einen Gerichtssaal … So beruht der Reiz von »Dr. Crippen an Bord« vor allem auf dem Darsteller der Titelrolle: Rudolf Fernau spielt den Mörder (der sich auf seiner Flucht ausgerechnet hinter der Maske eines Missionspriesters versteckt) als berechnendes Aas mit eiskaltem Charme und tückischer Kultiviertheit.
R Erich Engels B Kurt E. Walter, Erich Engels, Georg C. Klaren K Ernst Wilhelm Fiedler M Bernhard Eichhorn A Artur Günther, Willi Eplinius S Erich Palme P Alf Teichs D Rudolf Fernau, René Deltgen, Gertrud Meyen, O. E. Hasse, Paul Dahlke | D | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. November 1942
# 915 | 6. November 2014
R Erich Engels B Kurt E. Walter, Erich Engels, Georg C. Klaren K Ernst Wilhelm Fiedler M Bernhard Eichhorn A Artur Günther, Willi Eplinius S Erich Palme P Alf Teichs D Rudolf Fernau, René Deltgen, Gertrud Meyen, O. E. Hasse, Paul Dahlke | D | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. November 1942
# 915 | 6. November 2014
2.9.20
Berliner Ballade (Robert A. Stemmle, 1948)
Das Jahr 1948, gesehen aus der Entfernung eines Säkulums. Robert A. Stemmle inszeniert seine Adaption von Günter Neumanns zeitkritischem Kabarettprogramm »Schwarzer Jahrmarkt« als staunenden Rückblick auf die bizarre Situation des Nachkriegs, festgemacht an den Erlebnissen eines prototypischen Heimkehrers in seiner zerbombten, zwischen Ost und West geratenen Vaterstadt Berlin. Otto Normalverbraucher (hungerhakig: Gert Fröbe) sieht sich konfrontiert mit bürokratischer Idiotie und allgegenwärtigem Mangel, mit gesellschaftlicher Kälte und politischem Hader, er begegnet Schiebern und Kupplerinnen, Traumschönheiten und Demagogen. Die »Revue der Stunde Null« spiegelt die prekären Zustände in szenischen Pointierungen, kinematographischen Spielereien, sprachwitzelnden Kommentaren, musikalischen Intermezzi. Der historische Hintergrund des großen Schlamassels bleibt dabei weitgehend ausgespart, die Menschen der Trümmerzeit erscheinen als hilflose Spielbälle der unberechenbaren Weltläufte, als vom Schicksals schwer Gebeutelte, denen zum versöhnlichen Schluß eine wohlgemeinte moralische Botschaft mit auf den Weg gegeben wird: Begrabt den Haß, reicht euch die Hände.
R Robert A. Stemmle B Günter Neumann V Günter Neumann K Georg Krause M Werner Eisbrenner, Günter Neumann A Gabriel Pellon Ko Gertrud Recke S Walter Wischniewsky P Alf Teichs D Gert Fröbe, Tatjana Sais, Aribert Wäscher, O. E. Hasse, Ute Sielisch | D(W) | 89 min | 1:1,37 | sw | 31. Dezember 1948
# 1197 | 2. September 2020
R Robert A. Stemmle B Günter Neumann V Günter Neumann K Georg Krause M Werner Eisbrenner, Günter Neumann A Gabriel Pellon Ko Gertrud Recke S Walter Wischniewsky P Alf Teichs D Gert Fröbe, Tatjana Sais, Aribert Wäscher, O. E. Hasse, Ute Sielisch | D(W) | 89 min | 1:1,37 | sw | 31. Dezember 1948
# 1197 | 2. September 2020
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