Zusammen in Paris
»It’s an action, suspense, romantic melodrama with lots of comedy, of course. And deep down underneath, a substrata of social comment.« In jenem glücklichen Paralleluniversum, wo die Filmproduzenten auf ihren Kostümfesten als Kaiser Nero auftreten, sehen die Drehbuchautoren aus wie Doubles von William Holden, schütten während ihrer »Arbeit« gallonenweise teure Spirituosen in sich hinein und leben nicht schlecht von der frechen Behauptung, schreiben zu können. Tippfräulein mit dem gefälligen Äußeren einer Audrey Hepburn bringen den stilvollen Unfug, der den vernebelten Hirnen der überbezahlten Szenaristen entspringt, übers Wochenende zu Papier – und anschließend wird der ganze Quatsch an den schönsten Orten dieser besseren Welt fröhlich auf Zelluloid gebannt. Die Hauptrollen solch angenehm nutzloser Werke spielen sympathische Säufer wie (richtig geraten!) William Holden und ewige Mädchen wie (wer sonst?) Audrey Hepburn; gut gelaunte Knallchargen wie Noël Coward und Tony Curtis tragen das ihre zum Gelingen solcher Unternehmungen bei, und Legenden wie Marlene Dietrich sind sich nicht zu schade, völlig grundlos durchs Bild zu stöckeln, solange man ihnen genug Geld hinterherwirft… »Paris – When It Sizzles« (ein Remake von Julien Duviviers flotter 14-juillet-Komödie »La fête à Henriette«) ist so ein blödsinniger Film – mit der Besonderheit vielleicht, daß er den Blödsinn nicht einfach abspult, sondern gleichzeitig selbstironisch und leichtherzig kommentiert.
R Richard Quine B George Axelrod K Charles Lang M Nelson Riddle A Jean d'Eaubonne S Archie Marshek P Richard Quine, George Axelrod D William Holden, Audrey Hepburn, Grégoire Aslan, Noël Coward, Tony Curtis, Marlene Dietrich | USA | 110 min | 1:1,85 | f | 8. April 1964
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8.4.64
26.11.45
Brief Encounter (David Lean, 1945)
Begegnung
»I want to remember every minute, always, always to the end of my days.« Eine glücklich verheiratete Frau (energisch-verletzlich: Celia Johnson) trifft im Erfrischungsraum eines Kleinstadtbahnhofs einen anderen Mann (markant-durchschnittlich: Trevor Howard) – und plötzlich ist ihr Leben heller und dunkler zugleich. David Leans ebenso banale wie existenzielle Liebesgeschichte kommt ohne jede emotionale Scharfmacherei aus; interessanterweise ist es gerade das Understatement von »Brief Encounter«, das die Euphorie und die Entscheidungsnot der Liebenden ganz dicht an den Zuschauer heranträgt und aus einer Provinz-Romanze der Zwischenkriegszeit eine zeitlos gültige Erzählung macht. Alles an diesem Film ist geradezu aufreizend konventionell: die Gesichter und die Orte, die Charaktere und die Dialoge. Die Liebe rauscht wie ein Expreßzug durch die friedlich-verschlafene Normalität, es faucht und qualmt und donnert für ein paar unvergeßliche Augenblicke, und dann ist es auch schon wieder vorbei … Zurück bleiben die Ahnung, daß alles ganz anders sein könnte, und die Gewißheit, daß alles so bleibt, wie es immer schon war. »This can’t last. This misery can’t last. I must remember that and try to control myself. Nothing lasts really. Neither happiness nor despair. Not even life lasts very long.« Neben Leans meisterhaft-sensibler Regie bestechen das glaubwürdige Szenarium (Noël Coward), die malerische Kamera (Robert Krasker) und die plastisch gestalteten Nebenrollen (etwa Stanley Holloway als verliebter Stationsvorsteher und Joyce Carey als reservierte Buffetiere). Ein Meisterwerk des melancholischen Realismus.
R David Lean B Noël Coward, David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Robert Krasker M diverse A Lawrence P. Williams S Jack Harris P Noël Coward D Celia Johnson, Trevor Howard, Stanley Holloway, Joyce Carey, Cyril Raymond | UK | 86 min | 1:1,37 | sw | 26. November 1945
R David Lean B Noël Coward, David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Robert Krasker M diverse A Lawrence P. Williams S Jack Harris P Noël Coward D Celia Johnson, Trevor Howard, Stanley Holloway, Joyce Carey, Cyril Raymond | UK | 86 min | 1:1,37 | sw | 26. November 1945
5.4.45
Blithe Spirit (David Lean, 1945)
Geisterkomödie
Ein Schriftsteller (salonlöwenhaft: Rex Harrison) bittet zwecks Stimulierung seiner Inspiration die benachbarte Spiritistin Madame Arcati (so übersinnlich wie ein Becher Ovomaltine: Margaret Rutherford) zum Diner mit Gattin und Freunden. Als Dessert gibt es eine Séance – Nebeneffekt des okkulten Beisammenseins: Die verstorbene Exfrau des Autors erscheint als außerordentlich zungenfertiges Gespenst und erregt, obwohl nur für ihren früheren Ehemann sicht- und hörbar, allerlei Aufsehen … Noël Cowards versnobte Gesellschaftskomödie lebt von ausgefeilten Dialogen, von süffisanten Kommentaren über Zweisamkeit und englische Lebensart: »If you're trying to compile an inventory of my sex life, I feel it only fair to warn you that you've omitted several episodes. I shall consult my diary and give you a complete list after lunch.« David Lean tut gut daran, über weite Strecken seiner stilvoll kolorierten Inszenierung (die Jenseitigen tragen blasses Grün – auch im Gesicht), nichts weiter zu tun, als die formidablen Darsteller in eleganten Interieurs vorteilhaft ins Bild zu setzen; sobald er mit eigenen Einfällen aufwartet, das Stück »lüftet«, entweicht das Leben aus diesem ausgesucht überflüssigen Lustspiel wie der Geist aus einem entschlafenden Körper.
R David Lean B Noël Coward, David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Ronald Neame M Richard Addinsell A C. P. Norman S Jack Harris P Noël Coward D Rex Harrison, Constance Cummings, Kay Hammond, Margaret Rutherford, Joyce Carey | UK | 96 min | 1:1,37 | f | 5. April 1945
Ein Schriftsteller (salonlöwenhaft: Rex Harrison) bittet zwecks Stimulierung seiner Inspiration die benachbarte Spiritistin Madame Arcati (so übersinnlich wie ein Becher Ovomaltine: Margaret Rutherford) zum Diner mit Gattin und Freunden. Als Dessert gibt es eine Séance – Nebeneffekt des okkulten Beisammenseins: Die verstorbene Exfrau des Autors erscheint als außerordentlich zungenfertiges Gespenst und erregt, obwohl nur für ihren früheren Ehemann sicht- und hörbar, allerlei Aufsehen … Noël Cowards versnobte Gesellschaftskomödie lebt von ausgefeilten Dialogen, von süffisanten Kommentaren über Zweisamkeit und englische Lebensart: »If you're trying to compile an inventory of my sex life, I feel it only fair to warn you that you've omitted several episodes. I shall consult my diary and give you a complete list after lunch.« David Lean tut gut daran, über weite Strecken seiner stilvoll kolorierten Inszenierung (die Jenseitigen tragen blasses Grün – auch im Gesicht), nichts weiter zu tun, als die formidablen Darsteller in eleganten Interieurs vorteilhaft ins Bild zu setzen; sobald er mit eigenen Einfällen aufwartet, das Stück »lüftet«, entweicht das Leben aus diesem ausgesucht überflüssigen Lustspiel wie der Geist aus einem entschlafenden Körper.
R David Lean B Noël Coward, David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Ronald Neame M Richard Addinsell A C. P. Norman S Jack Harris P Noël Coward D Rex Harrison, Constance Cummings, Kay Hammond, Margaret Rutherford, Joyce Carey | UK | 96 min | 1:1,37 | f | 5. April 1945
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1.6.44
This Happy Breed (David Lean, 1944)
Wunderbare Zeiten
»This happy breed of men, this little world, / This precious stone set in the silver sea …« Das visionäre Bild eines sterbenden englischen Aristokraten von seiner Heimat (aus Shakespeares Königsdrama »Richard II«) schwebt als Motto über Noël Cowards Familiendramödie, die das Tun und Trachten einer Londoner Durchschnittssippschaft zwischen den Weltkriegen nachzeichnet: mum, dad, granny, aunt, two girls, one boy in einer x-beliebigen Reihenscheibe, dazu die Nachbarn und, little by little, die Schwiegerkinder und Enkel. Es ist die Welt der kleinen Angestellten, der Hausfrauen, der common men und women, die »This Happy Breed« mit (bisweilen garstiger) Liebe zum Detail und einigem Sinn für (mitunter schrille) Zwischentöne ausmalt: viel Grau, viel Beige, ein wenig Rosa und ein Quäntchen Schwarz. David Leans akkurate Leinwandadaption des Stücks zielt – mal heiter, mal bitter – auf das Leben im Allgemeinen und im Besonderen: Liebe und Gewohnheit, Aufregung und Langeweile, Hochzeiten und Todesfälle, arroganter Höhenfurz und Ergebung ins Schicksal, kleinmütiges appeasement und stolze Britishness. Der Film erscheint zwar gelegentlich wie die Kurzfassung einer (patriotischen) soap opera – doch die glänzenden Darsteller formen aus theatralen Scherenschnitten greifbare Charaktere, mit denen man seufzen und lächeln, die Zähne zusammenbeißen und auf bessere Zeiten hoffen darf. »… This blessed plot, this earth, this realm, this England.«
»This happy breed of men, this little world, / This precious stone set in the silver sea …« Das visionäre Bild eines sterbenden englischen Aristokraten von seiner Heimat (aus Shakespeares Königsdrama »Richard II«) schwebt als Motto über Noël Cowards Familiendramödie, die das Tun und Trachten einer Londoner Durchschnittssippschaft zwischen den Weltkriegen nachzeichnet: mum, dad, granny, aunt, two girls, one boy in einer x-beliebigen Reihenscheibe, dazu die Nachbarn und, little by little, die Schwiegerkinder und Enkel. Es ist die Welt der kleinen Angestellten, der Hausfrauen, der common men und women, die »This Happy Breed« mit (bisweilen garstiger) Liebe zum Detail und einigem Sinn für (mitunter schrille) Zwischentöne ausmalt: viel Grau, viel Beige, ein wenig Rosa und ein Quäntchen Schwarz. David Leans akkurate Leinwandadaption des Stücks zielt – mal heiter, mal bitter – auf das Leben im Allgemeinen und im Besonderen: Liebe und Gewohnheit, Aufregung und Langeweile, Hochzeiten und Todesfälle, arroganter Höhenfurz und Ergebung ins Schicksal, kleinmütiges appeasement und stolze Britishness. Der Film erscheint zwar gelegentlich wie die Kurzfassung einer (patriotischen) soap opera – doch die glänzenden Darsteller formen aus theatralen Scherenschnitten greifbare Charaktere, mit denen man seufzen und lächeln, die Zähne zusammenbeißen und auf bessere Zeiten hoffen darf. »… This blessed plot, this earth, this realm, this England.«
R David Lean B David Lean, Ronald Neame, Anthony Havelock-Allan V Noël Coward K Ronald Neame M Muir Mathieson A C. P. Norman S Jack Harris P Noël Coward D Robert Newton, Celia Johnson, Kay Walsh, Stanley Holloway, John Mills | UK | 114 min | 1:1,37 | f | 1. Juni 1944
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