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8.7.66

Operazione paura (Mario Bava, 1966)

Die toten Augen des Dr. Dracula

Um die Jahrhundertwende. Dr. Eswai wird in ein abgelegenes Dorf gerufen, wo sich merkwürdige Selbstmordfälle häufen. Der Mediziner gelangt an einen verwunschenen Ort, auf dem ein unnennbarer Fluch liegt. Das Klima aus Angst, Schuld, Verzweiflung und Sterbensmüdigkeit, die unlösbare Kettung ans Gestern, die nicht zu lokalisierende Geographie, die nicht einordenbaren Namen (Kruger, Schuftan, Hollander, Graps) – all dies läßt die kleine Gemeinde mit ihren moosbedeckten Ruinen, ihren labyrinthischen Gäßchen, ihrer von unsichtbarer Hand geläuteten Glocke wie eine Modellkulisse des alten, von der Bürde einer schrecklichen Geschichte bedrückten Europa erscheinen. »Operazione paura« präsentiert ein Kind als Inkarnation dieses Unglücks, den ruhelosen Geist der kleinen blonden Melissa, deren Ball immer wieder unheilverkündend durch die Szenen hüpft, deren gickerndes Lachen baldigen Tod verheißt … Mario Bavas spinnverwebte Elegie der (Selbst-)Zerstörung und des Zerfalls ist ein feingeschliffenes (Kino-)Juwel der Schwarzen Romantik, eine fantastische Wundertüte, vollgestopft mit Symbolen der Vergänglichkeit, ein dramatisches Renkontre von Ratio und Wahn, ein heimtückisches Familienstück, ein Hexentanz durch endlos vervielfachte Salons, in denen der Mensch sich selbst verfolgt, und – nicht zuletzt – ein kreativer Kratzfuß vor Hitchcock und Cocteau. Schwebende Kamerafahrten wechseln mit messerstichartigen Zooms, trostlose Kammern kontrastieren mit barocken Farbräumen, das Innen fällt ins Außen, und eine Wendeltreppe wird zum Auge, das ins Grauen blickt.

R Mario Bava B Romano Migliorini, Roberto Natale, Mario Bava K Antonio Rinaldi M Carlo Rustichelli A Alessandro Dell’Orco S Romano Fortini P Luciano Cantenacci, Nando Pisani D Giacomo Rossi-Stuart, Erika Blanc, Fabienne Dali, Piero Lulli, Giovanna Galletti | I | 85 min | 1:1,85 | f | 8. Juli 1966

15.9.65

Terrore nello spazio (Mario Bava, 1965)

Planet der Vampire

Terrore nella Cinecittà: Angelockt von rätselhaften Signalen, stranden die Mannschaften zweier Raumschiffe auf dem unwirtlichen, aber höchst kunstvoll ausgeleuchteten Kulissenplaneten Aura, wo bösartige immaterielle Wesen Jagd auf potentielle Wirtskörper machen. Diverse B- und C-Stars begeben sich in Gefahr und kommen darin um – die beiden einzigen Überlebenden gehören, soviel kann verraten werden, der überlegenen Rasse an … Mit viel Bühnennebel, Plastikfolien, Lichtblitzen, einem guten Dutzend Ledermonturen und ein paar alten Weckern (= Plutoniumbomben) zaubert Mario Bava grotesk-fantastischen Horror-Trash-Fiction, die (nicht) von Pappe ist.

R Mario Bava B Mario Bava, Alberto Beviacqua, Callisto Cosulich, Antonio Román, Rafael J. Salvia K Antonio Pérez Olea, Antonio Rinaldi M Gino Marinuzzi Jr. A Giorgio Giovannini S Romana Fortini, Antonio Gimeno P Fulvio Lucisano D Barry Sullivan, Norma Bengell, Ángel Aranda, Evi Marandi, Stelio Candelli | I & E | 88 min | 1:1,85 | f | 15. September 1965

14.3.64

Sei donne per l’assassino (Mario Bava, 1964)

Blutige Seide

Mario Bavas exquisites Killer-Thriller-Kunstprodukt schickt die gesamte weibliche Belegschaft des vornehmen römischen Modehauses ›Christiana‹ in den Orkus. Der maskierte Mörder beweist dabei eine bemerkenswert morbide Phantasie: Die hübschen Mannequins werden wahlweise in der häuslichen Badewanne ersäuft, mit der dornenbewehrten Pranke einer mittelalterlichen Rüstung erschlagen oder gegen einen glühenden Ofen gedrückt. Wenn auch »Sei donne per l'assassino« erzählerisch kaum mehr bietet denn einen solide konstruierten Whodunit (mit recht hämischer Auflösung), zeigen die brutale Eleganz der Regie, die labyrinthisch-barocken Szenerien und insbesondere die psychedelische Farbdramaturgie Bava auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft als Verfertiger sublimer Trivialitäten.

R Mario Bava B Marcello Fondato, Giuseppe Barilla, Mario Bava K Ubaldo Terzano M Carlo Rustichelli A Arrigo Breschi S Mario Serandrei P Alfredo Mirabile, Massimo Patrizi D Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner, Ariana Gorini, Dante DiPaolo | I & F | 88 min | 1:1,85 | f | 14. März 1964

29.8.63

La frustra e il corpo (Mario Bava, 1963)

Der Dämon und die Jungfrau

Mario Bavas Ballade von der sexuellen Hörigkeit: In schillernden Verwesungsfarben erzählt »La frusta e il corpo« (= Peitsche und Körper) eine sado-masochistisch grundierte Beziehungsgeschichte über den Tod hinaus. Ort der (stellenweise blutigen) Handlung ist ein Spukschloß am Meer, die Bilder sind von schlichter, dämonischer Schönheit, der sehr dezente, romantische Horror findet seinen Ausdruck in der haßerfüllt-wollüstigen Besessenheit, mit der sich die anmutige Nevenka (Daliah Lavi) unter der Knute von Kurt Menliff (Christopher Lee) windet – das kommt in den besten Familien vor …

R Mario Bava B Ernesto Gastaldi, Ugo Guerra, Luciano Martino K Ubaldo Terzano M Carlo Rustichelli A Ottavio Scotti S Renato Cinquini P Federico Magnaghi D Daliah Lavi, Christopher Lee, Tony Kendall, Ida Galli, Harriet Medin | I & F | 91 min | 1:1,85 | f | 29. August 1963

17.8.63

I tre volti della paura (Mario Bava, 1963)

Die drei Gesichter der Furcht 

Ein korrekt gekleideter alter Herr steht in einer pulsierend illuminierten Kunstlandschaft und begrüßt das Publikum: »Signore i signori, io sono Boris Karloff.« Freundlich annonciert die Horrorlegende drei Nachtstücke über Terror und Supranaturales … Den (zeitgenössisch-irdischen) Auftakt von Mario Bavas Episodenfilm bildet die elegante Thriller-Etüde »Il telefono«, ein Proto-Giallo im Kurzformat: Nacht, Schatten, ein luxuriöses Apartment, hübsche Frauen, ein blitzendes Messer, ein zur Schlinge gezogener Seidenstrumpf – und ein penetrant schrillender knallroter Telefonapparat, der Todesdrohungen übermittelt … »I Wurdalak«, die zweite und längste Geschichte, führt an den östlichen Rand Europas, in ein dämonisches 19. Jahrhundert: Blutsauger nähren sich vom Lebenssaft derjenigen, die sie am meisten lieben – Roger Cormans irreale Poe-Adaptionen mögen Pate gestanden haben für diesen melodramatischen Familienspuk ohne Ausweg … Als Höhepunkt der kleinen Anthologie schildert »La goccia d’acqua« eine Rache aus dem Jenseits: Eine jüngst verblichene Spiritistin verfolgt die diebische Leichenfrau wegen eines gestohlenen Ringes – es sind vor allem die ausgefransten, in allen Farben eines toten Herings ausgeleuchteten bürgerlichen Interieurs, die dieser Erzählung ein extraordinäres Flair von Dekadenz und Fäulnis verleihen … Nach dem Übersinnlichen folgt die ironische »Entzauberung«: Karloff, im Kostüm des Wurdalak, reitet auf einer struppigen Pferdeattrappe, winkt den Zuschauern zum Abschied, während die Kamera langsam zurückfährt und die Betriebsamkeit des Filmstudios offenbart – ein würdige Schlußpointe für dieses üppige Bouquet bavaesker Stilübungen.

R Mario Bava B Marcello Fondato, Alberto Bevilacqua, Mario Bava V F. G. Snyder, Alexei Tolstoi, Anton Tschechow K Ubaldo Terzani M Roberto Nicolosi A Riccardo Domenici S Mario Serandrei P Salvatore Billitteri, Paolo Mercuri D Boris Karloff, Michèle Mercier, Mark Damon, Susy Andersen, Jacqueline Pierreux | I & F & UK | 92 min | 1:1,85 | f | 17. August 1963

16.11.61

Ercole al centro della terra (Mario Bava, 1961)

Vampire gegen Herakles

Die Sagenwelt des klassischen Altertums im farbstarken Licht von Mario Bava: Von gefahrvollen Abenteuern in die Heimat zurückkehrend, findet Herakles (Muskelklotz Reg Park) seine Geliebte, die schöne Königin Deianira von Ikalien, in einem Zustand seelischer Paralyse. Um den Zauberbann zu lösen, mit dem die rechtmäßige Herrscherin von ihrem bösen Onkel Lykus (Christopher Lee als blutdürstiger Prinz der Dunkelheit) belegt wurde, begibt sich der Halbgott mit seinem Freund Theseus auf der Suche nach dem rettenden »Stein des Vergessens« in die Unterwelt … Handlung, Dialoge und Darstellerleistungen sind, einem Peplum gemäß, simpel, hölzern und plump – aber schon in seinem ersten Farbfilm als Regisseur entfaltet Bava jenes spezifische kreative Genie, mit dem er Pappe, Gips und Flitter in phantastisch-naive, buntschillernde Kinolandschaften zu transformieren vermag. Wie in einer Geisterbahn blenden die Stationen der Heldenreise poppig leuchtend aus dem Dunkel auf – so werden die Orakelstätte der Medea, der Garten der Hesperiden, das Bett des Prokrustes, die Fluten des Hades, die Höhlen unter dem Palast, wo sich die Untoten aus den Gräbern erheben, zu Etappen eines psychedelischen Trips.

R Mario Bava B Mario Bava, Sandro Continezza, Franco Prosperi, Duccio Tessari K Mario Bava M Armando Trovajoli A Franco Lolli S Mario Serandrei P Achille Piazzi D Reg Park, Christopher Lee, George Ardisson, Leonora Ruffo, Franco Giacobini | I | 84 min | 1:2,35 | f | 16. November 1961

11.8.60

La maschera del demonio (Mario Bava, 1960)

Die Stunde, wenn Dracula kommt

Ein Horrormelodram über die Last der Vergangenheit und die Wiederkehr des Verdrängten: Moldawien, im frühen 17. Jahrhundert – vom eigenen Bruder als Hexe verurteilt, wird der jungen Prinzessin Asa (Barbara Steele) eine Dornenmaske aufs schöne Gesicht genagelt. Ein heftiger Regenguß löscht das Feuer des Scheiterhaufens, so daß die Satanstochter 200 Jahre später durch einen zufällig vergossenen Blutstropfen von den Toten erwachen kann, um ihren satanischen Geliebten zu wecken und Besitz vom Körper ihrer ebenbildlichen Nachfahrin Katia (Barbara Steele) zu nehmen. Ironischerweise ist es ein abgeklärter Wissenschaftler, der das Rad des übersinnlichen Grauens wieder in Schwung bringt (und selbst dem Bösen anheimfällt), während sein tapferer junger Assistent gegen die rachsüchtigen Dämonen um das bedrohte Leben der verehrten Fürstentochter kämpft … Ohne großen bühnenbildnerischen Aufwand, mit expressivem Chiaroscuro und grellen Effekten kreiert Regisseur (und Kameramann) Mario Bava in »La maschera del demonio« ein schauerromantisches Setting voller spillerigem Geäst und morbider Ruinen, durchzogen von winkligen Geheimgängen, unterkellert von finsteren Verliesen, bedrückt vom Fluch einer uralten Schuld, eine unheimliche Sphäre zwischen Verfall und Vernunft, eine heillose Welt doppelgängerischer Zerrissenheit, wo Furcht und Verlockung seltsame Schnittmengen bilden.

R Mario Bava B Ennio De Concini, Mario Serandrei V Nikolai Gogol K Mario Bava M Roberto Nicolosi A Giorgio Giovannini S Mario Serandrei P Massimo De Rita D Barbara Steele, John Richardson, Andrea Checchi, Ivo Garrani, Arturo Dominici | I | 87 min | 1:1,66 | sw | 11. August 1960

5.4.57

I vampiri (Riccardo Freda, 1957)

Der Vampir von Notre-Dame

»I vampiri« ist kaum ein Horrorfilm, und um Blutsauger geht es nur im übertragenen Sinne. Im Rahmen eines melodramatischen Gruselkrimis phantasieren Riccardo Freda und Mario Bava über unglückliche Liebe und den Schrecken des Alter(n)s, über unstillbare Sehnsucht und den Traum von ewiger Schönheit … Eine schauderhafte Mordserie erschüttert Paris: Die blutleeren Leichen junger Frauen werden aus der Seine gefischt. Ein Inspektor und ein Reporter gehen dem Geheimnis rivalisierend auf den Grund; die dünne Fabel führt sie aus der Gegenwart der Großstadt in den bedrückend-düsteren, aus Zeit und Welt gefallenen Palast der greisen Herzogin du Grand und ihrer schönen Nichte Giselle (Gianna Maria Canale) … Freda (Buch & Regie) und Bava (Kamera & Regie) enthalten sich psychologischer Subtilität, setzen ganz auf Licht und Atmosphäre, auf das stimmungsvolle Ausmalen von böser Ahnung und schleichender Gefahr, spielen geschickt mit motivischen Doppelungen, die Zerrissenheit und Angstgefühle der handelnden Figuren spiegeln. Vor allem in der zweiten Hälfte erinnert die filmische Gestaltung an Illustrationen aus viktorianischen Mystery-Romanen, schafft immer wieder Augenblicke von beklagenswerter Wahrheit, Situationen von spukhafter Melancholie.

R Riccardo Freda, Mario Bava B Riccardo Freda, Piero Regnoli K Mario Bava M Roman Vlad A Beni Montresor S Roberto Cinquini P Ermanno Donati, Luigi Carpentieri D Gianna Maria Canale, Dario Michaelis, Carlo d’Angelo, Wandisa Guida, Paul Muller | I | 85 min | 1:2,35 | sw | 5. April 1957