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9.2.77

Providence (Alain Resnais, 1977)

Providence

»I’m not a person. I’m a fucking construction.« In seinem feudal-morbiden Landhaus »Providence« verbringt Schriftsteller Clive Langham (John Gielgud) die lange Nacht vor seinem 78. Geburtstag – saufend, scheißend, sich unruhig im Bett wälzend, stöhnend vor stechenden Schmerzen. In Langhams zunehmend umnebelten Kopf (»More booze, more nightmares.«) kreist der Roman seiner Familie wie ein Orkan, heillose Geschichten um seine beiden Söhne, den vor Selbstkontrolle schier explodierenden Juristen Claud (Dirk Bogarde) und den vibrierend in sich ruhenden Astrophysiker Kevin (David Warner), um die angespannt-abgeklärte Schwiegertochter Sonia (Ellen Burstyn) und um die janusköpfige Molly/ Helen (Elaine Stritch), die, bald verstorbene Ehefrau des Autors, bald todgeweihte Geliebte des Sohnes, zwischen den Fronten der Generationen changiert. Die biographisch-metaphori­sche, von Miklós Rózsa düster-opulent orchestrierte Story wuchert wild, kollabiert kläglich, setzt sich wieder zusammen, stürzt wieder ein, ein Höllenritt der quälenden Erinnerungen und chaotischen Fiktionen, der eiskalten Standpunkte und irrationalen Ausdrucks formen, ein Strudel des kreativen Materials, ein Aufruhr unzähliger Motive, die sich verweben, sich überlagern, kontinuierlich neue, divergente Muster bilden, wobei sich Räume und Stimmungen von einem Moment auf den anderen verwandeln können, je nach Lust (und Leiden) des von seiner desolaten Fabel versklavten allmächtigen Erzählers. Der Ort des Geschehens: eine ideelle (ideale?) Stadt, komponiert aus Dutzenden Städten, ein kinematographisches Arkham der narrativen Imagination, die kunstvoll-künstliche Traumwelt des Literaten Clive Langham, des Szenaristen David Mercer, des Regisseurs Alain Resnais. Nur Form? Kein Emotionen? »It’s been said about my work that the search for style has often resulted in a want of feeling. However I’d put it another way, I'd say that style IS feeling, in its most elegant and economic expression.« Sagt Langham, sagt Mercer, sagt Resnais … Der Tag, der auf die dunkle Nacht des Dichters folgt, bringt dem Jubilar strahlendes Wetter, entzückende Geschenke, ein versöhnliches Mittagessen im Kreise der Seinen: »Nothing is written … We all believe that, don’t we.«

R Alain Resnais B David Mercer K Ricardo Aronovich M Miklós Rózsa A Jacques Saulnier S Albert Jurgenson P Yves Gasser, Klaus Hellwig, Yves Peyrot D Dirk Bogarde, Ellen Burstyn, John Gielgud, David Warner, Elaine Stritch | F & CH | 110 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1977

26.12.73

The Exorcist (William Friedkin, 1973)

Der Exorzist

Trotz stellenweise eher belustigender als schockierender Effekte (Stichwort: grüne Kotze) bemerkenswerte Studie einer dämonischen Inbesitznahme und ihrer Austreibung – vor allem weil das Unbehagen an greifbaren Orten in einem präzise gezeichneten Alltag unter psychologisch stimmigen Figuren entwickelt wird. Wie kaum einem anderen Mainstream-Regisseur der 1970er Jahre gelingt es William Friedkin, in seinen (stets außerordentlich spannenden) Genre-Erzählungen die Erosionsprozesse der westlichen Gesellschaft – das heißt: den tiefen Fall aus dem goldenen Nachkriegszeitalter der Prosperität, Ordnung und Selbstgewißheit in eine Ära der politischen, wirtschaftlichen, sozialen (und in der Folge auch individuellen) Depression – bildhaft zu machen. In »The Exorcist« sind es in erster Linie Owen Roizmans naturalistische Kamera, die reduziert-wirkungsvolle Tongestaltung (Chris Newman und Buzz Knudson) und das affektive Spiel der Darsteller – Ellen Burstyn als empört-verstörte Mutter, Lee J. Cobb als analytisch-blinder Ermittler sowie Jason Miller als einfühlsam-schuldbeladener Priester ragen heraus –, die Angst und Verunsicherung unmittelbar spürbar werden lassen, während Linda Blair als junge Besessene und Max von Sydow als alter Teufelsbeschwörer zumeist stereotypisch agieren (müssen). »The Exorcist« (entstanden im Jahr von Ölkrise, Watergate und Chile-Putsch) akzeptiert die Existenz des Bösen in der Welt als Realität – eine Realität, deren Überwindung (wenn überhaupt) nur durch Glauben und Opfer möglich ist. Den einen mag dies als Beweis für den reaktionäre Standpunkt des Films dienen, anderen gilt es vielleicht als Indiz für seine revolutionäre Gesinnung.

R William Friedkin B William Peter Blatty V William Peter Blatty K Owen Roizman A Bill Malley S Norman Gay, Evan Lottman P William Peter Blatty D Ellen Burstyn, Max von Sydow, Lee J. Cobb, Jason Miller, Linda Blair | USA | 122 min | 1:1,85 | f | 26. Dezember 1973

3.10.71

The Last Picture Show (Peter Bogdanovich, 1971)

Die letzte Vorstellung

»When old age shall this generation waste …« Der Ort: ein abgelegenes Nest in Texas. Die Zeit: 1951/52. Schon die erste Einstellung, ein langsamer Schwenk über die main street von Anarene, verbreitet Abschiedsschmerz – und das bleierne Gefühl des Leerlaufs: So vergeblich wie die Bemühung des einfältigen Billy, im ewigen Wind den ewigen Staub von der Straße zu fegen, mutet das Leben und Trachten aller Bewohner der Kleinstadt an. Jugendliche Träume spiegeln sich düster in der Desillusion der Erwachsenen: Die großen Erwartungen von Jacy (Cybill Shepherd als engelhaftes Biest), von Duane (Jeff Bridges als grüner Heißsporn), von Sonny (Timothy Bottoms als stilles Wasser) sprießen in einer Atmosphäre seelischer Beklemmung, verpaßter Gelegenheiten, sexueller Frustration. Und dann wird mit Sam the Lion (Ben Johnson), dem knorrig-wortkargen Betreiber des Cafés, der pool hall und des einzigen Kinos, auch noch der gute Geist, die moralische Instanz des tristen Fleckens zu Grabe getragen … Peter Bogdanovich entfaltet sein meisterliches Sittenbild in strengen, fast asketischen Schwarzweiß-Bildern (Kamera: Robert Surtees), wobei er das Geschehen mittels eleganter erzählerischer Ellipsen rafft und die spröde Stimmung des Provinz-Panoramas durch ausschließliche Verwendung von zeitgenössischer source music (Hank Williams, Eddie Fisher, Tony Bennett im Autoradio oder vom Plattenspieler) intensiviert. Vieles geht zu Ende in »The Last Picture Show«: die Schulzeit, das Jungsein, die Unbedarftheit. Auch das Kino muß schließen. In der letzten Vorstellung des ›Royal Theater‹ sehen Duane und Sonny einen Western von Howard Hawks. »Red River« zeigt Herausforderungen und Konflikte, einen Aufbruch und die Versöhnung der Generationen: »Well, that was a good movie.« – »Yeah, seen it here before once.«

R Peter Bogdanovich B Larry McMurtry, Peter Bogdanovich V Larry McMurtry K Robert Surtees M diverse A Polly Platt S Donn Cambern P Stephen J. Friedman D Timothy Bottoms, Cybill Shepherd, Jeff Bridges, Ben Johnson, Cloris Leachman, Ellen Burstyn, Eileen Brennan | USA | 127 min | 1:1,85 | sw | 3. Oktober 1971

# 962 | 10. Juli 2015