25.12.52

The Bad and the Beautiful (Vincente Minnelli, 1952)

Stadt der Illusionen

»I like gods. I like them very much. I know exactly how they feel«, wird Jean-Luc Godard in seinem 1963er Film-Film »Le mépris« den archetypischen Hollywood-Produzenten Jeremy Prokosch sagen lassen. Die Geschichte eines solchermaßen Besessenen erzählt »The Bad and the Beatiful« aus drei Perspektiven. Das egomane Kinomonster Jonathan Shields (brennend-kalt: Kirk Douglas) formt und beherrscht die Karrieren eines vielversprechenden Regisseurs (Barry Sullivan), dem er das Herzensprojekt stiehlt, einer fragilen Schauspielerin (Lana Turner), der er, um einer herausragenden Performance willen, Liebe vorgaukelt, und eines aufstrebenden Autors (Dick Richards), den er von seiner reizenden, aber plagegeistigen Ehefrau (Gloria Grahame) befreit. Die Manipulationen gereichen dem maniac stets zum Vorteil, dienen dabei zugleich den höheren Zielen der Filmkunst – und geschehen ironischerweise zum Besten der Opfer. Als der große Mann schließlich über die eigene Größe stürzt, bittet er seine »alten Freunde« um Hilfe – Anlaß für Rückblicke von angeekelter Bewunderung und liebevoller Bitterkeit. Vincente Minnelli, einer der raffiniertesten Stilisten der Studioära, unterzieht in einer Milieustudie voller glamour and doom (Kamera: Robert Surtees) den schöpferischen Fanatismus, der das (menschliche Beziehungen zu Sternenstaub zermahlende) Räderwerk der Traumfabrik antreibt, einer eher faszinierten (und faszinierenden) denn kritischen Betrachtung. PS: »If you dream, dream big.«

R Vincente Minnelli B Charles Schnee K Robert Surtees M David Raskin A Cedric Gibbons, Edward Carfagno S Conrad A. Nervig P John Houseman D Kirk Douglas, Lana Turner, Barry Sullivan, Dick Powell, Walter Pidgeon, Gloria Grahame | USA | 118 min | 1:1,37 | sw | 25. Dezember 1952

3.12.52

Le carrosse d’or (Jean Renoir, 1952)

Die goldene Karosse

»Where is truth? Where does the theatre end and life begin?« Der rote Samtvorhang hebt sich. Die Kamera fährt durch das Portal auf die Szene. Das Spiel beginnt. Es zeigt eine Frau zwischen Bühne und Leben, eine Schauspielerin zwischen drei Männern, dazu eine prächtige Kutsche als katalytisches Objekt aller Begierden: Die naturgewaltige Anna Magnani als Camilla (im (Film-)Leben) und Colombine (auf der (Kino-)Bühne) – quirlige Protagonistin einer Commedia-dell’arte-Truppe auf Gastspiel in einer spanischen Kolonie Südamerikas – verdreht die Köpfe eines honetten Offiziers, eines großtuerischen Stierkämpfers, eines genußfreudigen Vizekönigs, dessen eigenmächtiger Umgang mit dem titelgebenden Fuhrwerk allerhand Aufregung verursacht ... In leuchtendem Technicolor, animiert von den Klängen Antonio Vivaldis verschachtelt Jean Renoir eine Aufführung in eine andere Aufführung, verwischt die Grenzen zwischen Darstellung der Realität und der Realität selbst, stiftet Verwirrung zwischen dem Spiel auf der Bühne und dem Spiel im Leben: hier wie dort Masken und Kostüme, Perücken und Requisiten, Verstellung und Posen, Kabale und Liebe – oder um es mit Shakespeare zu sagen: »Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.« Am Ende triumphiert die Darstellung über das sogenannte richtige Leben. Glück ist für Camilla/Colombine nur auf eine Art zu haben, »on the stage and in platform and in public place during those two little hours when you become another person, your true self.«

R Jean Renoir B Jean Renoir, Jack Kirkland, Renzo Avanzo, Giulio Macchi, Ginette Doynel V Prosper Mérimée K Claude Renoir M Antonio Vivaldi A Mario Chiari S David Hawkins P Francesco Alliata D Anna Magnani, Duncan Lamont, Riccardo Rioli, Odoardo Spadaro, Ralph Truman | F & I | 103 min | 1:1,37 | f | 3. Dezember 1952

#1100 | 1. März 2018

28.11.52

Die Spur führt nach Berlin (Franz Cap, 1952)

Hoch über der Stadt, auf der Aussichtsplattform des Funkturms, wird ein Mann erschossen; eine junge Frau, die mit dem Mordopfer eine Verabredung hatte, flüchtet panisch vom Tatort. Kurz darauf kommt ein amerikanischer Anwalt nach Berlin; er ist auf der Suche nach dem Erben eines großen Vermögens, findet aber nur dessen Tochter – es ist die Dame vom Funkturm … Der Krimi, der sich im und unter dem Schutt der zerbombten Reichshauptstadt abspielt, handelt von Menschenraub und Geldfälschung, von vorgetäuschten Gefühlen und kalter Berechnung. Ein Hauch von »The Third Man« liegt in der staubigen Trümmerluft; Produzent Artur Brauner (der auch die zwischen den Sektoren driftende Story erfand) und Regisseur Franz Cap geht es indes nicht so sehr um expressive Ruinenmalerei oder Verhandlung von Fragen der Nachkriegsmoral, sie erzählen in erster Linie einen unprätentiösen Reißer (in den gleichwohl die Vergangenheit ihre dunklen Schatten wirft), wobei die dokumentarisch-sachliche Kamera des Ex-Kriegsberichters Helmuth Ashley die grandiose Schäbigkeit der zerstörten Metropole – von der Verfolgungsjagd durch den baumlosen Tiergarten über die Ansichten der (fast) menschenloser Trümmerzonen bis zum Showdown im ausgebrannten Reichstag – sehr einprägsam ins Bild setzt. Zwar agieren der steife Held (Gordon Howard) und die spröde Protagonistin (Irina Garden) bisweilen mit der Ausdruckskraft von Licht­doubles, aber Barbara Rütting überzeugt als kühl-sinnliche russische Dolmetscherin und Kurt Meisel setzt einen schillernden Glanzpunkt als einnehmend niederträchtiger Schurke (dem Wolfgang Neuss als augenkneifender Scherge zur Hand gehen darf).

R Franz Cap (= František Čáp) B Hans Rameau K Helmuth Ashley M Herbert Trantow A Emil Hasler, Walter Kutz S Johanna Meisel P Artur Brauner D Irina Garden, Gordon Howard, Kurt Meisel, Hans Nielsen, Barbara Rütting | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 28. November 1952

14.11.52

Les belles de nuit (René Clair, 1952)

Die Schönen der Nacht

»Au bord de l’ombre, / au fond des songes, / c’est mon souvenir que tu suis: / au bout du monde, / au creux des nuits.« Claude, ein sensibler junger Komponist (Gérard Philipe) – frustriert ob seiner beständigen Erfolglosigkeit und entnervt vom allgegenwärtigen Lärm des modernen Lebens (Motoren, Hupen, Preßlufthämmer, Flugzeuge, Kinder) –, träumt sich in die (vermeintliche) Hochstimmung und den (falschen) Frieden der (sogenannten) guten alten Zeit hinein. Da aber jede »gute alte Zeit« ihre eigene »gute alte Zeit« hat, fällt er, von Morpheus umarmt, immer tiefer in den Abgrund der Epochen – vom tristen Jetzt der Nachkriegsjahre in die opulente Belle Epoque in die koloniale Euphorie der Julimonarchie in den Befreiungsfuror der französischen Revolution in die chevalereske Ära der Musketiere und im Strudel der Geschichte weiter, weiter, bis hinab in die rohe Steinzeit… René Clair, der in der 1920er Jahren mit den Surrealisten gefrühstückt hat, extrapoliert aus der verdrießlichen Gegenwart seines Protagonisten ein hochmusikalisches, beschwingt zwischen den Äonen tanzendes Nachtstück von künstlerischem Erfolg und emotionaler Verzückung (verkörpert unter anderem von Gina Lollobrigida und Martine Carol), dessen hoffnungsfrohe Operettenhaftigkeit freilich schon bald in bedrohliche Alptraumvisionen (von schwirrenden Krummsäbeln, blanken Fallbeilen und schweren Keulen) umschlägt – denn merke: Wahres Glück ist nicht im Schlaf sondern nur, wachen Geistes und sehenden Auges, im Hier und Heute zu haben (in diesem (schönen) Fall mit der Tochter des scheppernden Automechanikers).

R René Clair B René Clair, Pierre Barillet, Jean-Pierre Grédy K Armand Thirard M Georges Van Parys A Léon Barsacq S Louisette Hautecœur P René Clair, Angelo Rizzoli D Gérard Philipe, Martine Carol, Gina Lollobrigida, Magali Vendeuil, Raymond Bussières | F & I | 87 min | 1:1,37 | sw | 14. November 1952

11.11.52

Ferien vom Ich (Hans Deppe, 1952)

»Bleiben Sie so!« – »Ja, wie denn?« Ein amerikanischer Millionär (Rudolf Prack) reist in Geschäften durch Deutschland, klappt unterwegs vor Erschöpfung zusammen. Der beigezogene Arzt (Willy Fritsch) rät zu einer Radikalkur: alles vergessen, komplett ausspannen, Ferien vom Ich machen. Der Millionär ist begeistert von der Idee des philanthropischen Mediziners, wittert dabei auch ein gutes Geschäft. Ein idyllischer Gutshof wird (günstig) gekauft, als landwirtschaftiche Kurklinik umgenutzt; Anzeigen werden geschaltet, die Mühseligen und Beladenen des anlaufenden Wirtschaftwunders kommen in Scharen. Ein hypernervöser Notar, ein unzufriedener Angestellter, eine durchgedrehte Schauspielerin, ein untergebutterter Ehemann – sie alle wollen die strapaziöse Existenz hinter sich lassen, das belastende Ego austreiben wie einen bösen Geist. In der gediegenen Heilstätte erhalten die Patienten Einheitskleidung und neue Namen, verrichten sogenannte niedere Dienste, finden in Entäußerung und Anonymität zu sich selbst und zum (persönlichen oder partnerschaftlichen) Glück, wodurch sie hinfort den Herausforderungen des Lebens gewachsen sein werden. Hans Deppe inszeniert einen doppelbödigen Heimatfilm – einerseits friedvolle Landschaften, sentimentale Musik, boulevardeske Liebeshändel, andererseits Motivationsprogramm zur nutzbringenden Selbstoptimierung: Die Prosperität dressiert ihre Kinder.

R Hans Deppe B Peter Francke V Paul Keller K Willy Winterstein M Marc Roland A Ernst H. Albrecht S Walter Wischniewsky P Hans Deppe D Rudolf Prack, Marianne Hold, Willy Fritsch, Grethe Weiser, Paul Henckels | BRD | 107 min | 1:1,37 | f | 11. November 1952

# 863 | 18. Mai 2014

23.10.52

Alraune (Arthur Maria Rabenalt, 1952)

»Sie herzte sanft ihr Spielzeug, / Bevor sie es zerbrach, / Und hatte eine Sehnsucht
 / Und wußte nicht wonach.« Hildegard Knef als künstliches Mädchen (»ihr Mund so rot wie Wein«, »ihr Herz so tot wie Stein«), das Männern erst die Herzen bricht und sie sodann kaltlächelnd in den Tod schickt. Alraune ist die Kreatur des genialen Forschers (oder eher: genialischen Alchimisten) Jakob ten Brinken (knurrig: Erich von Stroheim), der im Labor das Erbgut eines Mörders mit dem einer Prostituierten kreuzte, um die Gesetze der Genetik ergründen und der mißgünstigen Mitwelt einen Beweis seiner Begnadung zu liefern. Im Moment, da das kalte, einsame Wesen erfährt, was echtes Gefühl, was wahre Liebe ist, könnte alles gut werden, wenn es dafür nicht längst zu spät wäre … Nur am Rande thematisiert »Alraune« die Risiken des naturwissenschaftlichen Fortschritts; eher ist es Arthur Maria Rabenalt darum zu tun, die betörenden Reize der Knef in schimmernden Roben auszustellen und die jenseitig-zeitlose spätromantische Welt der Fabel flackernd zu illuminieren. Bei aller Trivialität der Erzählung evoziert der müde, dunkle Fatalismus des Werkes das Erbe des Stummfilms (Bauten: Robert Herlth) und erteilt (im tiefen Schatten eines verlorenen Krieges) dem hybriden Kult des Machbaren eine deutliche Absage: »Was blieb von ihrem Leben – 
/ Ein Lied, das niemand sang.«

R Arthur Maria Rabenalt B Kurt Heuser V Hanns Heinz Ewers K Friedl Behn-Grund M Werner Richard Heymann A Robert Herlth S Doris Zeltmann P Günther Stapenhorst D Hildegard Knef, Erich von Stroheim, Karlheinz Böhm, Harry Meyen, Trude Hesterberg | BRD | 92 min | 1:1,37 | sw | 23. Oktober 1952

6.9.52

Lo sceicco bianco (Federico Fellini, 1952)

Der weiße Scheich

»Das Leben ist ein Traum, aber manchmal ist der Traum ein tödlicher Abgrund.« Ivan und Wanda, ein frisch verheiratetes Paar aus der Provinz, reisen in den Flitterwochen nach Rom. Der korrekt-adrette Ehemann hat alles perfekt organisiert: Treffen mit Verwandten, Stadtbesichtigung, Audienz beim Heiligen Vater. Die schüchtern-schwärmerische Braut indes will nur eines: den Mann ihrer Träume treffen, Fernando Rivoli, den ›weißen Scheich‹ – Hauptdarsteller und -figur des gleichnamigen exotischen ›fotoromanzo‹. Die seifigen Trash-Epen dieser massenhaft gedruckten Bilderstorys – einer Kreuzung aus Kino und Comic, geboren im Italien der Nachkriegszeit – liefern Wanda (als einer von Zigtausenden sehnsüchtiger Konsument(inn)en) die romantischen Idole und Ideale  … Federico Fellinis temperamentvolle (stellenweise etwas eckig inszenierte) Posse von der Macht der Illusion schlägt um in einer bittere Komödie der Ernüchterung und endet als realistische Groteske: die Existenz als Zirkus, der Alltag als Nummernrevue, der Mensch als Gaukler seines Daseins. Die italienische Hauptstadt bietet die barocke Kulisse für ein absurdes kleines Welttheater, das von Nino Rotas Rummelmusik kongenial akzentuiert wird. »Lo sceicco bianco« – ein Film fast so aberwitzig wie das richtige Leben.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Tullio Pinelli, Ennio Flaiano K Arturo Gallea M Nino Rota A Raffaello Tolfo S Rolando Benedetti P Luigi Rovere D Alberto Sordi, Brunella Bovo, Leopoldo Trieste, Giullietta Masina, Lilia Landi | I | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. September 1952

2.9.52

Monkey Business (Howard Hawks, 1952)

Liebling, ich werde jünger

Dr. Barnaby Fulton (Cary Grant), Chefchemiker des Oxley-Konzerns, arbeitet an einem Präparat, das den Alterungsprozeß umkehren soll. Während der greise Firmenchef (Charles Coburn) dem Ergebnis sowohl aus persönlichen Gründen wie auch aus geschäftlichem Interesse entgegenfiebert, müht sich Fulton im Labor, das richtige Verhältnis der Ingredienzen zu treffen. Daß nicht der genial-zerstreute Wissenschaftler (der bedingt durch seine forscherischen Bemühungen die eigene Ehefrau (Ginger Rogers) schon mal wie Luft behandelt) sondern ein Laborschimpanse die Lösung findet, belegt Howard Hawks’ Sinn für hämischen Humor. Die weitere Handlung, in deren zunehmend chaotischem Verlauf die Beteiligten nach (mal gewolltem, mal ungewolltem) Genuß des Zaubermittels (»the most dubious discovery since itching powder«) mehrfach in den Zustand von präpotent-albernen, kindisch-prüden oder enthemmt-meschuggenen Heranwachsenden zurückgeworfen werden, offenbart die Zweifelhaftigkeit des uralten Menschheitstraums von ewiger Jugend: »Maladjustment, near-idiocy, and a series of low-comedy disasters, that’s what youth is.« Wieder zur Besinnung gekommen, findet Fulton schließlich die wahre Formel für körperliche und geistige Frische: »You’re old only when you forget you’re young.« Hawks hat es nicht vergessen.

R Howard Hawks B Ben Hecht, Charles Lederer, I. A. L. Diamond K Milton Krasner M Leigh Harline A Lyle Wheeler, George Patrick S William B. Murphy P Sol C. Siegel D Cary Grant, Ginger Rodgers, Charles Coburn, Marilyn Monroe, Hugh Marlowe | USA | 97 min | 1:1,37 | sw | 2. September 1952

# 990 | 9. März 2016

21.8.52

Abenteuer in Wien (Emil Edwin Reinert, 1952)

»Jeder Mensch hat einmal eine Chance. Meine ist heute gekommen – und ich lasse sie nicht aus.« Abenteuer einer Silvesternacht: Toni Sponer (Gustav Fröhlich) lebt ohne Papiere in der nachkriegerischen Hauptstadt Österreichs, wo er illegal als Taxifahrer sein karges Brot verdient; als ein Kunde in seinem Wagen erschossen wird, stiehlt er dessen verheißungs­volle (amerikanische) Identität (»Sicher … frei … Bürger …«) – und wird unversehens in das Ehe-Schauerstück eines fanatisch-eifersüchtigen Pianisten (Francis Lederer) und seiner rührend-verzweifelten Gattin (Cornell Borchers) verwickelt … Es sind vor allem die ungemütlichen Schwarzweiß-Bilder eines grauen, kalten Wien ganz ohne Schmäh und fern aller Heurigen-Seligkeit (Kamera: Helmuth Ashley), die Emil Edwin Reinerts Thriller-Melodram auszeichnen. Nach der Jagd durch dunkle Straßen, enge Durchhäuser und sonstige hoffnungslose Gefilde öffnet sich zum (mehr oder weniger) guten Schluß der Ausblick auf eine wunderbare Freundschaft …

R Emil Edwin Reinert B Michael Kehlmann, Franz Tassié V Alexander Lernet-Holenia K Helmuth Ashley M Richard Hagemann A Friedrich Jüptner-Jonstorff, Fritz Mögle S Henny Brünsch P Turhan Bey, Ernest Müller D Gustav Fröhlich, Cornell Borchers, Francis Lederer, Adrienne Gessner, Hermann Erhardt | A & USA | 90 min | 1: 1,37 | sw | 21. August 1952

13.6.52

Frauenschicksale (Slatan Dudow, 1952)

»Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter«, schrieb August Bebel im Jahre 1879; Slátan Dudow läßt diesen Satz des sozialdemokratischen Übervaters an zentraler Stelle seines Werkes zitieren. Überhaupt ist »Frauenschicksale« – ein filmisches Kaleidoskop, das mehrere weibliche Lebenswege in den Berliner Nachkriegsjahren verfolgt und miteinander verknüpft – nicht frei von ideologischem Verkündungseifer: Immer wieder wird in hohem Ton deklamiert (und gesungen). Jenseits weltverbesserischen Predigertums, fröhlich wehender roter Fahnen und des klischiert-parteilichen Blicks auf die Zustände im verfaulten Westen (eine Betrachtungsweise, die sich kaum von konservativer Zivilisationskritik unterscheidet) schildert Dudow mit veristischem Zugriff und viel Zuneigung zu seinen Frauenfiguren die Umstände, in denen diese Heldinnen des Alltags leben – und nicht mehr leben wollen. Als Katalysator der persönlich(-politisch)en Emanzipationen und Bindeglied der Erzählung fungiert ein Kerl. Conny Lohmüller ist Charmeur, Lebemann, Schieber und: ein Mann von gestern. Während seine herzlos abgelegten Liebschaften (eine Juristin, eine Schneiderin sowie ein Mädchen, das für ein schönes blaues Kleid zur Verbrecherin wird), gerade wegen ihrer desillusionierenden Erfahrungen, profundes Glück in der sozialistischen Menschengemeinschaft finden, stürzt der oberflächliche Genußmensch unter asozialen Kapitalisten ab. »Man lebt ja nur einmal«, ist Connys Motto, aber einmal ist keinmal. Das Schicksal, so Dudow (mit Brecht), ist nicht nur Schicksal, es kann (und muß) geformt werden: »Drum rührt geschäftig die Hände, / Legt euer Herz hinein. /
 Will doch das Glück erst erkämpfet sein,
/ Kommt es nicht von allein.«

R Slátan Dudow B Slátan Dudow, Gerhard Bengsch, Ursula Rumin K Robert Baberske M Hanns Eisler A Otto Erdmann S Lena Neumann P Robert Leistenschneider D Sonja Sutter, Anneliese Book, Susanne Düllmann, Lotte Loebinger, Hanns Groth | DDR | 105 min | 1:1,37 | f | 13. Juni 1952

29.5.52

Postlagernd Turteltaube (Gerhard T. Buchholz, 1952)

Es beginnt mit einem Geschwisterstreit: die Schwester aus dem Westen ist entgeistert über den Bruder aus dem Osten, der sich (als Hausvertrauensmann) zum unkritischen Parteigänger der Unfreiheit in einer Gesellschaft der Angst entwickelt habe; er widerspricht ihr und schickt zum Beweis, daß niemand in seinem Staat in Furcht lebe, anonyme Drohbriefe (»Es ist alles herausgekommen!«) an die fünf Parteien seiner Hausgemeinschaft; die Probe aufs Exempel mißglückt – alle Angeschriebenen, die Lehrerin und der Volksrichter, der Lebensmittelhändler mit Frau und drei Söhnen, der Philosophieprofessor mit Gattin und adliger Schwiegermutter, ja selbst der denunziatorische Pressezeichner, flüchten Hals über Kopf vor der namenlosen Gefahr auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs (wo auch nicht alles Gold ist, was glänzt) ... Gerhard T. Buchholz, als Regisseur, Szenarist und Produzent einer der wenigen originären Autorenfilmer der jungen Bundesrepublik, unterzieht die konkrete deutsch-deutsche Situation der Nachkriegszeit einer leichten künstlerischen Verfremdung (die DDR heißt nicht DDR, die BRD nicht BRD, die Begriffe Sozialismus und Kapitalismus werden mehr oder weniger kunstvoll umschifft) und entwickelt aus seiner etwas papiernen Prämisse eine wunderliche Mischung von Politsatire und Gesellschaftsdrama, Paranoiakomödie und ideologischem Mysterienspiel. Zwar scheint die propagandistische Hauptstoßrichtung des Werkes eindeutig (»Alle Unfreiheit ist tödlich, wenn sie von materialistischen Gewalten ausgeht.«), doch läßt Buchholz dabei auch der Verfettung und Entmenschung, der schnöden Man-kann-ja-nicht-allen-helfen-Mentalität der vermeintlich besten aller Wirtschafts(wunder)welten eine durchaus (zivilisations)kritische Würdigung angedeihen.

R Gerhard T. Buchholz B Gerhard T. Buchholz K Peter Zeller M Hans-Martin Majewski A Max Arthur Bienek S Gertrud Hinz-Nischwitz P Gerhard T. Buchholz D Barbara Rütting, Horst Niendorf, Lu Säuberlich, Alf Marholm, Paul Albert Krumm | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 29. Mai 1952

# 1049 | 26. März 2017

23.5.52

Rancho Notorious (Fritz Lang, 1952)

Engel der Gejagten

»Oh listen, listen well«, heißt der Sänger das Publikum, während die Anfangstitel laufen: »Listen to the legend of Chuck-a-Luck, Chuck-a-Luck, listen to the wheel of fate.« Fritz Langs »tale of the old frontier« erzählt die Geschichte des Farmarbeiters Vern Haskell (Arthur Kennedy), der nach Ermordung seiner Braut auf die Jagd nach dem Täter geht. Mehrfach kommentiert der Sänger strophenweise das Geschehen – ein Kunstgriff, der die extreme Theatralität des (fast ausschließlich im Studio gedrehten) B-Films ironisch betont … Seine Nachforschungen führen Vern zur Ranch ›Chuck-a-Luck‹ und deren Besitzerin Altar Keane (Marlene Dietrich), die gesuchten Banditen gegen Bezahlung Unterschlupf gewährt. In diversen Flashback-Berichten wird das fast mythische Bild dieser durch und durch unabhängigen Frau gezeichnet: wie sie auf dem Rücken eines Mannes ein Juxrennen durch einen Saloon reitet, wie sie in großer Robe eine von zwei Schimmeln gezogene Kutsche durch eine staubige Grenzstadt lenkt, wie sie mit Hilfe des charmanten Revolverhelden Frenchy Fairmont (Mel Ferrer) beim Glücksspiel (›Chuck-a-Luck‹) jenes Vermögen gewinnt, das es ihr gestattet, sich eine (zeitweilig) gesicherte Existenz im Schatten des Gesetzes aufzubauen. Als sie leibhaftig ins Zentrum der Handlung tritt, erscheint die Patronin des Hideouts gleichermaßen herrisch (»I am the boss of this ranch. I make the rules.«) und wehmütig – ihre Zeit, die große Zeit des Wilden Westens, so ahnt sie wohl, geht zu Ende: »Go away«, sagt Altar zu Vern, dem ihr Herz sich zuneigt, »go away and come back ten years ago.« Aber die Uhr läßt sich nicht zurückstellen, weder für die alternde Schönheit, noch für den Gunman oder den Rächer. Das Schicksalsrad dreht sich unaufhaltsam – »round and round with a whispering sound, it spins, it spins the old story of hate, murder and revenge«.

R Fritz Lang B Daniel Taradash, Silvia Richards K Hal Mohr M Emil Newman, Ken Darby A Wiard Ihnen S Otto Ludwig P Howard Welsch D Marlene Dietrich, Arthur Kennedy, Mel Ferrer, Lloyd Gough, Gloria Henry | USA | 89 min | 1:1,37 | f | 23. Mai 1952

# 934 | 18. Januar 2015

16.4.52

Casque d’or (Jacques Becker, 1952)

Goldhelm

»Ce sont là des mœurs d’Apaches, du Far West …« Nein, die Frauen sind natürlich nicht an allem schuld – aber die schöne Marie (Simone Signoret) sorgt allein aufgrund ihrer atemberaubenden Anwesenheit und wegen des schimmernden Goldglanzes ihrer kunstvoll aufgetürmten Haare für das Ableben dreier (um sie rivalisierender) Männer: Der erste, ein eitler Fatzke, stirbt durch einen Messerstich, der zweite, ein falscher Fuffziger, kommt im Kugelhagel um, der dritte, ein aufrichtig Liebender (Serge Reggiani), endet unter dem Fallbeil … »Casque d’or«, Jacques Beckers meisterhaftes Melodram aus dem Pariser Apachen-Milieu der Belle Époque, entwirft ein zärtlich-grausames Sittenbild der gefahrvollen gesellschaftlichen und urbanen Randzonen, in welche die wahre Liebe wie eine (zerstörerische) Himmelsmacht hereinbricht. Mit großer Zuneigung zu seinen Figuren erzählt Becker (sehr frei nach einer wahren Begebenheit, die um die Jahrhundertwende Schlagzeilen machte) von großen Gefühle und kleinlicher Mißgunst, von Freundschaft und Verrat, von den (tödlichen) Fragen der Ehre und den (so banalen wie wunderbaren) Dingen des Lebens. Die pittoreske Welt von 1900 – die Welt der Amüsierschuppen und Handwerkstätten, der billigen Pensionen und idyllischen Ausflugsorte (für dem Film authentisch erfunden von Jean d’Eaubonne, Max Ophüls’ bevorzugtem Szenenbilder) – erscheint nicht als nostalgischer Fluchtort, nicht als gute alte Zeit: Das Glück währt (wenn überhaupt) nur kurz, und Pardon wird nicht gegeben.

R Jacques Becker B Jacques Becker, Jacques Companeez K Robert Lefebvre M Georges Van Parys A Jean d’Eaubonne S Marguerite Renoir P Robert Hakim, Raymond Hakim D Simone Signoret, Serge Reggiani, Claude Dauphin, Raymond Bussières, Gaston Modot | F | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. April 1952

27.3.52

Singin' in the Rain (Stanley Donen & Gene Kelly, 1952)

Du sollst mein Glücksstern sein

»If we bring a little joy into your humdrum lives, it makes us feel as though our hard work ain’t been in vain for nothin’.« Zwei Jahre nach Paramounts düster-sarkastischer Hollywood-Autopsie »Sunset Blvd.« (ein Werk, für das Regisseur Billy Wilder laut Filmzar Louis B. Mayer ausgepeitscht gehört hätte) kontert MGM mit dem funkelnd-affirmativen Dream-factory-Märchen »Singin’ in the Rain«. Produzent Arthur Freed und seine Regiegenies Stanley Donen und Gene Kelly setzen ein technicolorsattes, furios choreographiertes Musical gegen den schrillen, melodramatischen film noir, sie erwidern die bitter-ironische Geisterbeschwörung mit bissig-fröhlicher Legendenbildung. Die Tonfilm-Revolution der späten 1920er Jahre (»Notice, it is a picture of me and I am talking.«) bildet den historischen Hintergrund für eine phänomenale musikalisch-tänzerische Nummernrevue sowie für die, den ganzen Eskapismus locker zusammenbindende, prickelnde Romanze zwischen einem Star (glänzend: Kelly) und einem Sternchen (zuckersüß: Debbie Reynolds). Donald O’Connor (als immer gutgelaunter Sidekick) singt und tanzt sich mit seiner durchgeknallten Soloperformance »Make ’Em Laugh« in die Annalen der Filmgeschichte; die von Jean Hagen mitleidlos dargestellte prototypische Stummfilmdiva (»What's wrong with the way I talk?«) piepst und quäkt dem Sturz ins Vergessen entgegen. (Wer dächte da nicht an Norma Desmond, the famous star of yesteryear, und ihr Wachsfigurenkabinett?) »Sunset Blvd.« und »Singin’ in the Rain«: Schatten und Licht, Elend und Glanz, zwei Seiten einer Medaille – die eine nicht ohne die andere zu haben, und beide viel bigger than life. PS: »I don't go to the movies much. If you've seen one you've seen them all.«

R Stanley Donen, Gene Kelly B Betty Comden, Adolph Green K Harold Rossen M diverse A Cedric Gibbons, Randall Duell S Adrienne Fazan P Arthur Freed D Gene Kelly, Donald O’Connor, Debbie Reynolds, Jean Hagen, Cyd Charisse | USA | 103 min | 1:1,37 | f | 27. März 1952

5.3.52

Le petit monde de Don Camillo (Julien Duvivier, 1952)

Don Camillo und Peppone 

»Rot und Schwarz« in einem italienischen Städtchen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Während ganz in der Nähe gemächlich der Po vorbeizieht, ringen der großtuerische kommunistische Bürgermeister Peppone (mit Stalin-Schnauzer: Gino Cervi) und der streitbare katholische Priester Don Camillo (mit Pferdegesicht: Fernandel) wortreich (und schlagend) um die Seelen (und Körper) ihrer Schutzbefohlenen. Julien Duvivier malt das heroikomische, vor allem aber heimelig-provinzielle Sittenbild einer überschaubaren Welt, durch die zwar im Eifer des Gefechts schon mal Tische geworfen werden, in der aber letztlich der Geist der Versöhnung herrscht – wo der proletarische Romeo seine oberschichtige Julia kriegt, wo das uralte royalistische Lehrerfräulein (Sylvie) unter der Flagge des Königs von Bolschewisten zu Grabe getragen wird, wo sich der antagonistische Widerspruch zwischen der überirdischen Kraft des Glaubens und der Macht der revolutionären Weltanschauung auflöst in ein burleskes Katz- und Mausspiel zwischen Pfaffe und Parteisoldat, die als liebenswürdige Kontrahenten eines kleinen Welttheaters der Harmlosigkeit ihre possierlichen Auftritte absolvieren.

R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel V Giovannino Guareschi K Nicolas Hayer M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Maria Rosada P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Vera Talchi, Franco Interlenghi, Sylvie | F & I | 107 min | 1:1,37 | sw | 5. März 1952