Der Schrei
Von seiner langjährigen Lebensgefährtin Irma (Alida Valli) wegen eines anderen verlassen, mit einem Schlag aus der (scheinbar) geordeneten Lebensbahn in die (faktische und metaphysische) Unbehaustheit geworfen, streift der Fabrikarbeiter Aldo (Steve Cochran) in Begleitung seiner kleinen Tochter durch die winterliche Po-Ebene, eine beispiellos triste, von Gianni Di Venanzo freilich in überaus delikat komponierten Schwarzweiß-, oder eher: Graubildern fotografierte Landschaft: von kahlen Baumreihen gesäumte Straßen und schlammige Wege zwischen krautigen Wiesen, ärmliche Dörfer und einsame Hütten am Fluß. Bei drei Frauen macht Aldo auf seiner Reise Station – bei der früheren Freundin Elvia (Betsy Blair), die ihn trotz eines Aufflackerns der alten Zuneigung abweist, bei der Tankstellenbesitzerin Virginia (Dorian Gray), deren selbstbewußte Resolutheit ihn in die Flucht schlägt, bei der flotten Gelegenheitsprostiuierten Andreina (Lynn Shaw), die er nach einem kurzen Techtelmechtel in ihrem Elend sitzenläßt –, bevor er schließlich in seinen Heimatort zurückkehrt, wo er ein für alle Mal feststellen muß, daß es dort keinen Platz mehr für ihn gibt, vielleicht nie gegeben hat. Michelangelo Antonioni läßt sein existenzialistisches Roadmovie – eine eindrückliche Studie der Sprachlosigkeit, der Isolation, der Entmutigung – auf einen definitven Augenblick der Wahrheit zielen, den (alles und nichts) entscheidenden Moment, da stille Verzweiflung in schreienden Schmerz umschlägt.
R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Elio Bartolini, Ennio De Concini K Gianni Di Venanzo M Giovanni Fusco A Franco Fontana S Eraldo Da Roma P Franco Cancellieri D Steve Cochran, Mirna Girardi, Alida Valli, Betsy Blair, Dorian Gray, Lynn Shaw | I & USA | 116 min | 1:1,37 | sw | 14. Juli 1957
# 1162 | 2. Juli 2019
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14.7.57
5.6.53
Le retour de Don Camillo (Julien Duvivier, 1953)
Don Camillos Rückkehr
Der schlagkräftige Seelenhirt Don Camillo (Pfernandel) kehrt aus dem Exil eines abgelegenen Bergdorfes – wohin er auf Betreiben seines bolschewistischen Widersachers Peppone (Stalino Cervi) verbannt wurde – triumphal zurück in das geliebte Heimatstädtchen, um dortselbst die geistig-physische Auseinandersetzung mit seinem alten Haßfreund und Lieblingsfeind voller Gusto und Enthusiasmus fortzusetzen. Stärker noch als der Vorgänger zerfällt Julien Duviviers zweite Leinwandadaption der Erzählungen von Giovannino Guareschi in eine Vielzahl (mehr oder weniger) launiger episodischer Einzelheiten und (halbwegs) poetischer Bruchstücke: In Erinnerung bleiben etwa der verschneite Kreuzweg des unbotmäßigen Priesters oder der sonderbare Seelenhandel zwischen einem unsterblichen Reaktionär und einem derben Kommunisten oder Don Camillos pädagogischer Sonntagsspaziergang mit Peppones aufmüpfig-sensiblen Sohn durch die vernebelte Landschaft der winterlichen Poebene. Nach viel (ideologischem) Zank, (handgreiflichem) Streit und (mehrfach) versuchtem Totschlag tritt zum Ende der Erzählung der breite Fluß über die Ufer, überschwemmt den Ort (die morsche Kirche wie das rote Volkshaus) – und alle (wirklich alle) sitzen sie wieder in einem Boot.
R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel, Giuseppe Amato V Giovannino Guareschi K Anchise Brizzi M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Marthe Poncin P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Édouard Delmont, Paolo Stoppa, Alexandre Rignault | F & I | 115 min | 1:1,37 | sw | 5. Juni 1953
Der schlagkräftige Seelenhirt Don Camillo (Pfernandel) kehrt aus dem Exil eines abgelegenen Bergdorfes – wohin er auf Betreiben seines bolschewistischen Widersachers Peppone (Stalino Cervi) verbannt wurde – triumphal zurück in das geliebte Heimatstädtchen, um dortselbst die geistig-physische Auseinandersetzung mit seinem alten Haßfreund und Lieblingsfeind voller Gusto und Enthusiasmus fortzusetzen. Stärker noch als der Vorgänger zerfällt Julien Duviviers zweite Leinwandadaption der Erzählungen von Giovannino Guareschi in eine Vielzahl (mehr oder weniger) launiger episodischer Einzelheiten und (halbwegs) poetischer Bruchstücke: In Erinnerung bleiben etwa der verschneite Kreuzweg des unbotmäßigen Priesters oder der sonderbare Seelenhandel zwischen einem unsterblichen Reaktionär und einem derben Kommunisten oder Don Camillos pädagogischer Sonntagsspaziergang mit Peppones aufmüpfig-sensiblen Sohn durch die vernebelte Landschaft der winterlichen Poebene. Nach viel (ideologischem) Zank, (handgreiflichem) Streit und (mehrfach) versuchtem Totschlag tritt zum Ende der Erzählung der breite Fluß über die Ufer, überschwemmt den Ort (die morsche Kirche wie das rote Volkshaus) – und alle (wirklich alle) sitzen sie wieder in einem Boot.
R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel, Giuseppe Amato V Giovannino Guareschi K Anchise Brizzi M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Marthe Poncin P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Édouard Delmont, Paolo Stoppa, Alexandre Rignault | F & I | 115 min | 1:1,37 | sw | 5. Juni 1953
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Duvivier,
Fernandel,
Kleinstadt,
Kommunismus,
Komödie,
Poebene,
Politik,
Priester,
Religion
5.3.52
Le petit monde de Don Camillo (Julien Duvivier, 1952)
Don Camillo und Peppone
»Rot und Schwarz« in einem italienischen Städtchen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Während ganz in der Nähe gemächlich der Po vorbeizieht, ringen der großtuerische kommunistische Bürgermeister Peppone (mit Stalin-Schnauzer: Gino Cervi) und der streitbare katholische Priester Don Camillo (mit Pferdegesicht: Fernandel) wortreich (und schlagend) um die Seelen (und Körper) ihrer Schutzbefohlenen. Julien Duvivier malt das heroikomische, vor allem aber heimelig-provinzielle Sittenbild einer überschaubaren Welt, durch die zwar im Eifer des Gefechts schon mal Tische geworfen werden, in der aber letztlich der Geist der Versöhnung herrscht – wo der proletarische Romeo seine oberschichtige Julia kriegt, wo das uralte royalistische Lehrerfräulein (Sylvie) unter der Flagge des Königs von Bolschewisten zu Grabe getragen wird, wo sich der antagonistische Widerspruch zwischen der überirdischen Kraft des Glaubens und der Macht der revolutionären Weltanschauung auflöst in ein burleskes Katz- und Mausspiel zwischen Pfaffe und Parteisoldat, die als liebenswürdige Kontrahenten eines kleinen Welttheaters der Harmlosigkeit ihre possierlichen Auftritte absolvieren.
R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel V Giovannino Guareschi K Nicolas Hayer M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Maria Rosada P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Vera Talchi, Franco Interlenghi, Sylvie | F & I | 107 min | 1:1,37 | sw | 5. März 1952
»Rot und Schwarz« in einem italienischen Städtchen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Während ganz in der Nähe gemächlich der Po vorbeizieht, ringen der großtuerische kommunistische Bürgermeister Peppone (mit Stalin-Schnauzer: Gino Cervi) und der streitbare katholische Priester Don Camillo (mit Pferdegesicht: Fernandel) wortreich (und schlagend) um die Seelen (und Körper) ihrer Schutzbefohlenen. Julien Duvivier malt das heroikomische, vor allem aber heimelig-provinzielle Sittenbild einer überschaubaren Welt, durch die zwar im Eifer des Gefechts schon mal Tische geworfen werden, in der aber letztlich der Geist der Versöhnung herrscht – wo der proletarische Romeo seine oberschichtige Julia kriegt, wo das uralte royalistische Lehrerfräulein (Sylvie) unter der Flagge des Königs von Bolschewisten zu Grabe getragen wird, wo sich der antagonistische Widerspruch zwischen der überirdischen Kraft des Glaubens und der Macht der revolutionären Weltanschauung auflöst in ein burleskes Katz- und Mausspiel zwischen Pfaffe und Parteisoldat, die als liebenswürdige Kontrahenten eines kleinen Welttheaters der Harmlosigkeit ihre possierlichen Auftritte absolvieren.
R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel V Giovannino Guareschi K Nicolas Hayer M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Maria Rosada P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Vera Talchi, Franco Interlenghi, Sylvie | F & I | 107 min | 1:1,37 | sw | 5. März 1952
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Komödie,
Poebene,
Politik,
Priester,
Religion
16.5.43
Ossessione (Luchino Visconti, 1943)
Ossessione – Von Liebe besessen
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Mario Alicata, Giuseppe De Santis, Gianni Puccini V James M. Cain K Domenico Scala, Aldo Tonti M Giuseppe Rosati A Gino Franzi S Mario Serandrei P Libero Solaroli D Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan da Landa, Elio Marcuzzo, Dhia Cristiani | I | 140 min | 1:1,37 | sw | 16. Mai 1943
# 1156 | 19. April 2019
Unter den Titeln der Ausblick durch die geteilte Frontscheibe eines Lastwagens: vorne die staubige Straße, links der breite Fluß, rechts das platte Land, über allem der nackte Himmel – eine eintönige Gegend, wie geschaffen für ein mörderisches Drama. Der Lastwagen hält an einer Trattoria mit Zapfstelle. Ein Vagabund steigt von der Ladefläche, argwöhnisch beäugt vom Wirt, einem brummigen Dickwanst. In der Küche trifft der Ankömmling auf die junge Gattin des Besitzers, die sich singend die Nägel lackiert, und schon ihr erster Blickwechsel ist ein gegenseitiges Verschlingen, Ausdruck einer Gier, die kommendes Unheil erahnen läßt. Luchino Visconti verlegt für seinen Debütfilm die Handlung von James M. Cains schwarzem Kriminalroman »The Postman Always Rings Twice« aus dem ländlichen Kalifornien der Depressionszeit in die Tristesse der oberitalienischen Poebene. Prekäre soziale Lage und personelle Konstellation – der attraktiv-willensschwache Drifter (Gino: Massimo Girotti), die frustriert-materialistische Frau (Giovanna: Clara Calamai), der begütert-ahnungslose Alte (Giuseppe: Juan da Landa) – gleichen einander, auch folgt der fatale Ablauf der Geschehnisse – leidenschaftliche Affäre, halbherziger Fluchtversuch, berechnender Mord – weitgehend der Vorlage; doch immer wieder bereichern Visconti und seine Koautoren den Plot um präzise Milieustudien – ein Tanzvergnügen im Gasthaus, das Getriebe eines Marktplatzes, ein volkstümlicher Gesangswettbewerb – und lassen eine Figur auftreten, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Verlangen, Abhängigkeit, Enttäuschung aufzeigt: der »Spanier«, ein Straßenkünstler, der wie Gino am Rande der Gesellschaft lebt, bietet ein Beispiel für Uneigennützigkeit, Solidarität, Kameradschaft, ein Beispiel das allerdings im konkreten Fall den tödlichen Lauf der Dinge nicht aufhalten kann, sondern (günstigenfalls) Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht.
R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Mario Alicata, Giuseppe De Santis, Gianni Puccini V James M. Cain K Domenico Scala, Aldo Tonti M Giuseppe Rosati A Gino Franzi S Mario Serandrei P Libero Solaroli D Clara Calamai, Massimo Girotti, Juan da Landa, Elio Marcuzzo, Dhia Cristiani | I | 140 min | 1:1,37 | sw | 16. Mai 1943
# 1156 | 19. April 2019
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