1.7.53

Gentlemen Prefer Blondes (Howard Hawks, 1953)

Blondinen bevorzugt

»Well, it’s no trick to make a lot of money ... if what you want to do is make a lot of money«, heißt es in »Citizen Kane«. Es ist auch keine Kunst, postuliert »Gentlemen Prefer Blondes«, einen reichen Mann zu heiraten, vorausgesetzt es das ist, was man will – jedenfalls wenn man auf so clevere Art beschränkt ist und auf so flagrante Weise gut aussieht wie Lorelei Lee (Marilyn Monroe). Die blonde Revuesängerin – gleich ihrer brünetten (und bodenständigeren) Partnerin Dorothy Shaw (Jane Russell) »a little girl from Little Rock« (aufgewachsen »on the wrong side of the tracks«) – läßt (fast) nichts unversucht, ihr Gefühlsglück in pekuniärer Erfüllung zu finden. Die ökonomische Potenz der Männer bildet für Lorelei das natürliche Äquivalent zur physischen Attraktivität der Frauen. Howard Hawks scheint dieser Idee von Tauschbeziehung (wie auch Dorothy) durchaus kritisch gegenüberzustehen. Möglicherweise bezeugen die parodistisch übersteigerte Erotik, der nicht sonderlich feingeschliffene Humor und die quietschbunte Künstlichkeit der Inszenierung – die eher an den billigen Glanz von Strass als an das feurige Funkeln der von Lorelei lüstern besungenen Diamanten (»a girl’s best friend«) denken läßt – seine ironische Distanz zum Geschehen: entschlossene filmische Vulgarität als Bloßstellung eines brachialen Turbomaterialismus

R Howard Hawks B Charles Lederer V Anita Loos, Joseph Fields K Harry J. Wild M diverse A Lyle Wheeler, Joseph C. Wright S Hugh S. Fowler P Sol C. Siegel D Marilyn Monroe, Jane Russell, Charles Coburn, Elliott Reid, Tommy Noonan, Marcel Dalio | USA | 91 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

# 989 | 8. März 2016

Genevieve (Henry Cornelius, 1953)

Die feurige Isabella

»I don’t know what it is about these silly old cars. The moment people get into them, they start behaving like idiots.« Alle Jahre wieder findet der Veteran Car Run des königlich Automobilclubs statt: von London nach Brighton und zurück. Und wie immer nehmen zwei alte Freunde (und Konkurrenten) mit ihren betagten Fahrzeugen (beide Jahrgang 1904) und jungen Frauen an der Traditionsrallye teil: Alan McKim (John Gregson) mit seinem Darracq (genannt ›Genevieve‹) und Ehefrau Wendy (Dinah Sheridan) sowie Ambrose Claverhouse (Kenneth More) mit seinem Spyker und Freundin Rosalind (Kay Kendall) … Ein Wochenende im Herbst: frische Luft und Abgasgestank, Sonne und Regen, Kameradschaft und Rivalität, Zärtlichkeit und Niedertracht, Streit und Versöhnung. »Genevieve« nimmt das Rennen – das eigentlich keine Wettfahrt ist, aber, aufgrund einer Wette, in eine solche ausartet – zum Anlaß, den verschiedenen Charakteren (wozu auch die beteiligten Oldtimer zählen) freien Lauf zu lassen, ihre Beziehungen zu erkunden, ihre Stärken und Schwächen auszuloten. Henry Cornelius entwickelt die erzbritische Exzentrik dieser von einem Amerikaner geschriebenen Komödie mit französischer Ungezwungenheit – spielerisch bewegt sich das Roadmovie von einer vergnüglichen Situation zur nächsten; und Larry Adlers Mundharmonikaklänge verbinden virtuos die fein abgestuften Stimmlagen dieser überaus charmanten (in bilderbogenbuntem Technicolor fotografierten) romantischen Farce: Nostalgie und Naturalismus, Klamauk und Ironie, schrille Übertreibungen und lyrische Zwischentöne.

R Henry Cornelius B William Rose K Christopher Challis M Larry Adler A Michael Stringer S Clive Donner P Henry Cornelius D Dinah Sheridan, John Gregson, Kay Kendall, Kenneth More, Joyce Grenfell | UK | 86 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

# 911 | 14. September 2014

The 5,000 Fingers of Dr. T. (Roy Rowland, 1953)

Die 5000 Finger des Dr. T.

»Ten happy little fingers and they're mine all mine.« Das Musical entwickelte aus sich selbst heraus den höchsten Surrealismus-Gehalt aller Hollywood-Genres, und das surrealste aller Musicals dürfte wohl »The 5,000 Fingers of Dr. T.« sein. Basierend auf einem Szenarium des mit absurdem Witz gesegneten Kinderbuchautoren und Cartoonisten Dr. Seuss, wird die Geschichte des kleinen Bart (Tommy Rettig) erzählt, der in die Fänge des größenwahnsinnigen Klavierlehrers Dr. Terwilliker gerät – der missionarische Zuchtmeister versklavt 500 Knaben (= 5000 Finger) an einem monströsen Piano und verwandelt darüberhinaus Barts Mutter in seine willenlose Gehilfin: »The work for the happy finger method must go on.« Mit Unterstützung des befreundeten Klempners Mr. Zapladowski konstruiert der clevere Junge einen Schallschlucker, der das Riesenklavier unschädlich machen und so die gezwiebelten Kinder aus der pianistischen Leibeigenschaft befreien soll … Die comichaft stilisierten Kulissen sehen aus, als hätte sich der Ausstatter von »Broadway Melody« im Vollrausch an »Metropolis« erinnert, und kein Geringerer als Friedrich Hollaender komponierte die Musik für dieses exaltierte Vergnügen in Technicolor und Wonderama: »Is it atomic?« – »Yes, Sir, very atomic!«

R Roy Rowland B Dr. Seuss, Allan Scott V Dr. Seuss K Franz Planer M Friedrich Hollaender A Rudolph Sternad S Al Clark P Stanley Kramer D Tommy Rettig, Hans Conried, Peter Lind Hayes, Mary Healy, Jack Heasley | USA | 89 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

23.6.53

Ein Herz spielt falsch (Rudolf Jugert, 1953)

O. W. Fischer als verstrolchter Glücksritter Peter van Booven, der die unheilbar kranke Unternehmenserbin Billa (Ruth Leuwerik) freit, um ihr Vermögen zu ergattern. Dann kommt die Liebe (die wahre, die große, die einzige) dazwischen, und der Lump wird zum Menschen … Das Rascheln der Illustriertenseiten, auf denen die Romanvorlage des Filmwerks gedruckt wurde, ist in jeder Szene zu vernehmen, untermalt vom steten Tropfen des sämigen Kinoschmalzes. Indem er erst gar nicht versucht, die Ausgedachtheit der melodramatischen Wirrungen zu verleugnen, gelingt Rudolf Jugert so etwas wie die wahrhaftige Interpretation eines unwahren Stücks; Fischers larmoyante Windmacherei und die jüngferliche Sprödigkeit der Leuwerik bilden dabei einen reizvollen Kontrast … Douglas Sirk wird eine ähnliche Konstellation schon bald in »Magnificent Obsession« entwickeln, formal gewiefter natürlich, in Technicolor, und versehen mit jenem Quentchen ironischer Distanz, das bundesdeutschen Cinéasten allzumeist abgeht. Jugert indes traut sich, auf höhere Mächte und auf ein glattes happy ending zu verzichten: Der von den Zeitläuften ramponierte Lebemann und die »alte Schachtel«, die nie gelernt hatte zu leben, dürfen einander zwar gegenseitig erlösen – aber der sichere Tod läßt sich vom Drehbuch nicht besiegen.

R Rudolf Jugert B Erna Fentsch V Hans-Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Helmuth Ashley M Werner Eisbrenner A Franz Bi S Claus von Boro P Georg Witt D Ruth Leuwerik, O. W. Fischer, Carl Wery, Gertrud Kückelmann, Günther Lüders | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1953

5.6.53

Le retour de Don Camillo (Julien Duvivier, 1953)

Don Camillos Rückkehr

Der schlagkräftige Seelenhirt Don Camillo (Pfernandel) kehrt aus dem Exil eines abgelegenen Bergdorfes – wohin er auf Betreiben seines bolschewistischen Widersachers Peppone (Stalino Cervi) verbannt wurde – triumphal zurück in das geliebte Heimatstädtchen, um dortselbst die geistig-physische Auseinandersetzung mit seinem alten Haßfreund und Lieblingsfeind voller Gusto und Enthusiasmus fortzusetzen. Stärker noch als der Vorgänger zerfällt Julien Duviviers zweite Leinwandadaption der Erzählungen von Giovannino Guareschi in eine Vielzahl (mehr oder weniger) launiger episodischer Einzelheiten und (halbwegs) poetischer Bruchstücke: In Erinnerung bleiben etwa der verschneite Kreuzweg des unbotmäßigen Priesters oder der sonderbare Seelenhandel zwischen einem unsterblichen Reaktionär und einem derben Kommunisten oder Don Camillos pädagogischer Sonntagsspaziergang mit Peppones aufmüpfig-sensiblen Sohn durch die vernebelte Landschaft der winterlichen Poebene. Nach viel (ideologischem) Zank, (handgreiflichem) Streit und (mehrfach) versuchtem Totschlag tritt zum Ende der Erzählung der breite Fluß über die Ufer, überschwemmt den Ort (die morsche Kirche wie das rote Volkshaus) – und alle (wirklich alle) sitzen sie wieder in einem Boot.

R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel, Giuseppe Amato V Giovannino Guareschi K Anchise Brizzi M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Marthe Poncin P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Édouard Delmont, Paolo Stoppa, Alexandre Rignault | F & I | 115 min | 1:1,37 | sw | 5. Juni 1953

27.5.53

La môme vert-de-gris (Bernard Borderie, 1953)

Im Banne des blonden Satans

FBI-Agent Lemmy Caution (echsenhaft: Eddie Constantine) schlägt sich durch eine augenzwinkernd-whiskygeschwängerte crime story, die aus den Nachtclubs von Casablanca über das offene Meer und die marokkanische Wüste bis in die Medina von Tanger führt: Eine raffgierige Bande unter Führung des skrupellos-verschlagenen Edelschurken Rudy Saltierra (sinister: Howard Vernon) plant und unternimmt den (nebenbei mörderischen) Raub von US-amerikanischem Gold im Wert von zwei Millionen Dollar. Rudys Geliebte, die kurvenreiche Barsängerin Carlotta de la Rue, genannt ›la môme vert-de-gris‹ (transvestitig: Dominique Wilms), erliegt Lemmys pockennarbigem Charme und kommt dem G-Man in entscheidenden Augenblicken erbötig zu Hilfe. Liebenswürdiger Chauvinismus und marionettenhafte Faustkämpfe, halbtrockene Sprücheklopferei und hölzerne Regiekunst (Bernard Borderie) verbinden sich recht vergnüglich zum naiv-parodistischen B-Movie à la française.

R Bernard Borderie B Jacques Berland, Bernard Borderie V Peter Cheney K Jacques Lemare M Guy Lafarge A René Moulaert S Jean Feyte P Raymond Borderie D Eddie Constantine, Dominique Wilms, Howard Vernon, Jean-Marc Tennberg, Darío Moreno | F | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. Mai 1953

25.5.53

It Came from Outer Space (Jack Arnold, 1953)

Gefahr aus dem Weltall

»This is Sand Rock, Arizona, on a late evening in early spring. It's a nice town, knowing its past ... and sure of its future.« Hobbyastronom John Putnam (Richard Carlson) beobachtet einen über der Wüste niedergehenden Himmels­körper. Im Einschlagskrater entdeckt er statt Meteoritentrümmern ein Raumschiff, das kurz darauf von einem Erdrutsch verschüttet wird. Niemand glaubt dem als kauzig verschrienen Sternenforscher, nicht einmal Johns Verlobte Ellen (Barbara Rush) ist sich sicher, ob sie die Worte ihres Zukünftigen für bare Münze nehmen soll … Peu à peu erschüttert Regisseur Jack Arnold die Gewißheit der Kleinstädter, die irritiert bemerken, wie sich etliche ihrer Mitbürger in sonderbar gefühllose Wesen verwandeln. Freilich erweisen sich nicht die außerirdischen Besucher (»We have souls and minds, and we are good.«) als Gefahr für den interstellaren Frieden sondern aggressive Erdenbewohner, die allem, was sie nicht verstehen, tätlich zu Leibe rücken. Untermalt von sphärischen Theremin-Klängen, teilweise aus gläsern starrender Alien-Perspektive gefilmt, schildert »It Came from Outer Space« (nach einer Vorlage von Ray Bradbury) einen clash of civilizations, dessen katastrophaler Ausgang nur um Haaresbreite verhindert werden kann. »It wasn't the right time for us to meet«, resümiert John, »but there'll be other nights, other stars for us to watch. They'll be back.«

R Jack Arnold B Harry Essex V Ray Bradbury K Clifford Stine M Herman Stein, Henry Mancini, Irving Gertz A Robert Boyle, Bernard Herzbrun S Paul Weatherwax P William Alland D Richard Carlson, Barbara Rush, Charles Drake, Joe Sawyer, Russell Johnson | USA | 81 min | 1:1,37 | sw (3D) | 25. Mai 1953

# 983 | 29. Dezember 2015

1.5.53

Les statues meurent aussi (Alain Resnais & Chris Marker, 1953)

Auch Statuen sterben 

»Quand les hommes sont morts, ils entrent dans l’histoire. Quand les statues sont mortes, elles entrent dans l’art.« Ein gedankenwindungsreicher, bilderströmender Essay über die Spuren, die Zivilisationen im Sand der Zeit hinterlassen, über das Sehen und wie es den betrachteten Dingen seinen Stempel von Bedeutung aufdrückt, über die verlorene Einheit von Mensch und Kosmos, über Schwarz und Weiß, über die Rätsel der Geschichte und die Demütigungen des Kolonialismus. Und, vor allem, über afrikanische Kunst – betrachtet von den Augen der Weißen: ein heimatloses Volk pittoresker Figuren, menschengemachte Objekte, die aus ihrem spirituellen oder gebrauchsgegenständlichen Sinnzusammenhang gefallen sind (oder gerissen wurden), ihres Stolzes beraubte Zeugen einer versunkenen Kultur, exotische Gefangene in den Museumsvitrinen der westlichen Welt. Die Kamera läßt die toten Seelen der Statuen noch einmal lebendig werden, dem Zuschauer naherücken, läßt sie erzählen, auch wenn sie eine unbekannte Sprache sprechen. Bei aller Melancholie bleibt eine Hoffnung auf das Überwinden von Bevormundung und Fremdheit, auf eine Schule des Blicks, die lehrt, uns im anderen zu erkennen.

R Alain Resnais, Chris Marker B Chris Marker K Ghislain Cloquet M Guy Bernard S Alain Resnais P Présence Africaine D Jean Négroni | F | 30 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1953

# 804 | 21. November 2013

2.4.53

Vergiß die Liebe nicht (Paul Verhoeven, 1953)

»Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!« riet gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein berühmter Riesenschnauzer – in den flotten Fünfzigern durfte das Weib immerhin schon Liebe einfordern. Paul Verhoeven erzählt eine harmlose, aber feinfühlig gespielte Familienkomödie um eine hingebende, kluge Frau (Luise Ullrich – ein seltener Fall von Natürlichkeit im deutschen Film), die, ungeachtet ihres pianistischen Talents, von der Familie nur als Putz-, Bügel- und Kochmaschine wahrgenommen wird – bis sie auf einer spontanen Reise eine Ahnung von ihren besseren Möglichkeiten bekommt. Der chauvinistische Ehemann (Paul Dahlke: »Ich habe doch gesagt, daß immer ein Aschenbecher auf dem Tisch stehen soll!«) kriegt gerade noch rechtzeitig die Kurve, bevor der attraktiv-charmante Fremde (Will Quadflieg: »Leise flehen meine Lieder / Durch die Nacht zu dir.«) das brachliegende Terrain erobern kann. Am Ende wird 1. ihr alter Flügel (fein)gestimmt, haben 2. alle etwas gelernt und bleibt 3. der Deckel auf dem Topf. PS: Herrlicher Auftritt von Annie Rosar als böhmakelnde Perle.

R Paul Verhoeven B Juliane Kay K Franz Weikmayr M Alois Melichar A Heinz Weidemann, Hermann Warm S Klaus Dudenhöfer P Franz Tappers D Luise Ullrich, Paul Dahlke, Will Quadflieg, Annie Rosar, Carl-Heinz Schroth | BRD | 102 min | 1:1,37 | sw | 2. April 1953

23.3.53

The Blue Gardenia (Fritz Lang, 1953)

Gardenia – Eine Frau will vergessen

To go astray: sich verlaufen, vom Weg abkommen, auf die schiefe Bahn geraten … Nachdem sie brieflich von ihrem Verlobten verlassen wurde, flieht die gefühlsbetonte Norah (Anne Baxter) aus der behüteten Wohngemeinschaft mit ihren beiden Freundinnen, sucht Ablenkung beim Date mit einem notorischen Frauenhelden (Raymond Burr); der feuchtfröhliche Abend endet mit Zudringlichkeiten und gewaltsamer Abwehr. Am nächsten Morgen erwacht Norah neben der Leiche des Aufreißers, kann sich an nichts mehr erinnern, ergreift panisch die Flucht … Indem er die Aufklärung einer im Dunkel des Vergessens liegenden Bluttat betreibt, erforscht Fritz Lang mit schwarzer Ironie den Gegensatz von romantischen Wunschbildern und berechnender Erotik, die Kollision von (medial generierten) Träumen und nackten Tatsachen in einer Gesellschaft, die Mord als prickelnden Unterhaltungsstoff goutiert. Der Starreporter (Richard Conte), der den mysteriösen Fall ausschlachtet, verwandelt die Suche nach Wahrheit in einen einträglichen Knüller, während die schuldverstrickte Unschuld auf ihrem Fehlgang immer weiter in die Enge getrieben wird – eine banale Geschichte von überraschender Komplexität. Stellenweise wirkt »The Blue Gardenia« wie eine boshafte Entgegnung auf die im selben Jahr gedrehte Breitwand-Romanze »How to Marry a Millionaire«: (drei) Frauen in der Wartschleife für das Glück, das am Ende darin besteht, noch einmal davonzukommen, wieder nach Hause zu finden.

R Fritz Lang B Charles Hoffman, Vera Caspary K Nicholas Musuraca M Raoul Kraushaar A Daniel Hall S Edward Mann P Alex Gottlieb D Anne Baxter, Richard Conte, Ann Sothern, Raymond Burr, George Reeves | USA | 90 min | 1:1,37 | sw | 23. März 1953

22.3.53

I Confess (Alfred Hitchcock, 1953)

Zum Schweigen verurteilt

Unter Verzicht auf ironische Distanzierung erzählt Alfred Hitchcock von einem mordverdächtigen katholischen Priester (gemessen: Montgomery Clift), der, durch das Beichtgeheimnis gebunden, die Identität des wahren Täters nicht preisgeben darf. »I Confess« ist ein Film des Nicht-reden-Könnens und darum in erster Linie ein Film der Blicke, der Gesichter, der intensiven Großaufnahmen – und es ist der Film einer Stadt: Québec, Schauplatz der Ereignisse, ein Stück Alter Welt in der Neuen, erscheint mit seinen dunkel abschüssigen Gassen und bedrohlich ragenden Türmen, seinen steinharten Fassaden und feuchtspiegelnden Pflastern wie das Abbild der schattenreich-prekären Seelenlandschaft der handelnden Personen. Ein Mensch, der für seinen Glauben (und dessen Prinzipien) die Schuld eines anderen (noch dazu eines Deutschen: O. E. Hasse) auf sich nimmt und diesen Weg (= diese Prüfung) mit allen Konsequenzen bis zum Ende (= bis zum Martyrium) ginge, mag für sogenannte Vernunftwesen (wie den von Karl Malden verkörperten Inspektor) exotisch erscheinen, die Figur könnte jedoch auch stellvertretend für alle stehen, die sich (Selbst-)Blockaden, (Ordnungs-)Systemen, inneren oder äußeren Beschränkungen ausgesetzt sehen – und wer wäre das nicht? … Die malerisch-pathetische Schwarzweiß-Fotografie (Robert Burks) und das nachdrücklich-ernste Spiel der Darsteller (darunter Anne Baxter als tief liebende sowie Dolly Haas als tief zerrissene Frau) verleihen dem Werk eine außerordentliche emotionale Dichte, ja eine regelrecht metaphysische Sinnlichkeit.

R Alfred Hitchcock B George Tabori, William Archibald V Paul Anthelme K Robert Burks M Dimitri Tiomkin A Edward S. Haworth Ko Orry-Kelly S Rudi Fehr P Alfred Hitchcock, Sidney Bernstein D Montgomery Clift, Anne Baxter, Karl Malden, O. E. Hasse, Dolly Haas | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 22. März 1953

4.3.53

The Titfield Thunderbolt (Charles Crichton, 1953)

Der Titfield-Express

Im Zuge der Schließung unrentabler Nebenstrecken, entscheidet das zuständige Komitee der kürzlich verstaatlichten British Railways, auch die Verbindung zwischen dem Dörfchen Titfield und Mallingford Junction zu kappen – die Busunternehmer von Pearce & Crumb Ltd. reiben sich schon die Hände. Im idyllischen Winkel (von Regisseur Charles Crichton und Kameramann Douglas Slocombe in lebhaftem Technicolor gemalt) regt sich indes Widerstand gegen die behördliche Maßnahme: Der eisenbahnnärrische Vikar, der junge Squire, dessen Urgroßvater einst die Strecke erbauen ließ, ein ehemaliger Bahnarbeiter (und gelegentlicher Wilddieb) sowie der reiche Mann von Titfield (Stanley Holloway spielt einen liebenswürdigen Saufaus, den die Aussicht auf einen fahrenden Barbetrieb lockt) verkünden, unter dem Beifall (fast) aller Dorfbewohner, den Betrieb in Eigenregie zu übernehmen … Einmal mehr gibt eine Ealing-Komödie der Bockigkeit den Vorzug vor dem Konformismus, doch wirkt der beherzte Kampf der Provinzler für ihr altes Dampfroß wie eine symbolische Abwehrschlacht gegen jede Form von Veränderung. Die Herren Pearce und Crumb, die vor gemeinster Sabotage nicht zurückscheuen, kommen daher wie Büttel des Bösen, und wenn am Ende eine Museumslokomotive das Rennen gegen den Fortschritt macht, scheint ihr jubelndes Tuten den Untergang eines Empire übertönen zu wollen.

R Charles Crichton B T. E. B. Clarke K Douglas Slocombe M Georges Auric A C. P. Norman S Seth Holt P Michael Balcon D Stanley Holloway, George Relph, Naunton Wayne, John Gregson, Hugh Griffith | UK | 84 min | 1:1,37 | f | 4. März 1953

# 907 | 12. September 2014

26.2.53

La signora senza camelie (Michelangelo Antonioni, 1953)

Die Dame ohne Kamelien

Eine sarkastische Betrachtung des Filmgeschäfts, ein trauriger Blick auf die Liebe: Am Verkaufstresen eines Mailänder Stoffgeschäfts wird die junge, hübsche Clara Matti (Lucia Bosè) von Produzent Gianni Franchi für die Leinwand rekrutiert. Das erfolgreiche Debüt in einem zweitklassigen Streifen eröffnet ihr die Aussicht auf eine belanglose Karriere als Trivialkino-Star. Gianni, der seine Entdeckung vom Fleck weg heiratet, hat indes Größeres vor: Clara soll die Jeanne d’Arc spielen. Das ambitionierte Unternehmen gerät zum Fiasko … Es ist ein durch und durch falsches Leben, in das Clara fällt wie in einen glänzenden Alptraum. In dieser Welt der oberflächlichen Gefühle, der inneren Leere, der stumpfen Geschäftigkeit sucht sie orientierungslos nach sich selbst, doch keiner ihrer Ausbruchsversuche führt an ein Ziel: nicht die Schauspielstunden, die sie nimmt, nicht die Affäre, auf die sie sich einläßt, nicht die Flucht aus ihrer riesigen Villa, nicht die Trennung von ihrem Mann. Wenn sie im eleganten schwarzen Kostüm oder im wadenlangen Pelzmantel verloren in halbfertigen Studiobauten steht oder durch öde Vorstadtstraßen läuft, wirkt die »Dame ohne Kamelien« wie eine Vorgängerin der ungeborgenen Frauenfiguren, denen Antonioni in »L’avventura«, »La notte«, »L’eclisse« und »Il deserto rosso« folgen wird. »La donna senza destino« heißt einer der billigen Filme, in denen die Clara reüssiert – am Ende fügt sie sich in ihr Schicksal. »Das ist dein Reich«, verkündet ihr ein fetter Produzent und weist mit großer Geste auf eine schäbige Kulisse. Clara weint. Und lächelt für die Fotografen.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Suso Cecchi D’Amico, Francesco Maselli, Pier Maria Pasinetti K Enzo Serafin M Giovanni Fusco A Gianni Polidori S Eraldo Da Roma P Domenico Forges Davanzati D Lucia Bosè, Andrea Checchi, Ivan Desny, Gino Cervi, Alain Cuny | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 26. Februar 1953

# 927 | 30. Dezember 2014

25.2.53

Les vacances de Monsieur Hulot (Jacques Tati, 1953)

Die Ferien des Monsieur Hulot

Scènes de la vie des vacances: ein beschaulicher Ferienort an der französischen Atlantikküste – das Meer und der Strand, das Hôtel de la Plage mit seinen Angestellten und Gästen. Einer der Touristen ist Monsieur Hulot, ein schlaksiger Sonderling, der wie ein unbeholfen-gutmütiger Außerirdischer über die unbewölkte Sommerbühne stakst. Jacques Tati bietet keine Handlung, keine Psychologie, keine Entwicklung, er blättert ein Album auf, skizziert Typen, beobachtet Situationen, macht sich diskret lustig über Gewohnheiten und Eigenarten, über Verhaltensweisen und die kleinen Absurditäten des Lebens. Bei aller Freude an visuellen Gags – ein Reifenschlauch verwandelt sich in einen Trauerkranz, Hulots dilettantisch-eckiges Tennisspiel fegt reihenweise erfahrene Sportler von Platz, ein in der Mitte durchgebrochenes Ruderboot wird zum Maul eines Riesenhais, Hulot unternimmt hilflose Versuche, ein versehentlich entzündetes Feuerwerk zu löschen – richtet Tati seine besondere Aufmerksamkeit auf Geräusche, die immer wieder absurde Komik entfalten: unverständliche Lautsprecherdurchsagen auf einem Bahnhof, denen die Reisenden folgen wie die Lemminge, eine quäkende Hupe, die schon mal einen schießwütigen Entenjäger auf Hochtouren bringt, das beängstigende Schnauben von Pferden, das gleichmütige Klappen einer Schwingtür. In die sonnige Heiterkeit mischt sich fast unmerklich eine gewisse Melancholie: Die Saison geht zu Ende, die Gesellschaft der Urlauber zerstreut sich, und der freundliche Kauz Hulot reist so alleine ab, wie er gekommen ist.

R Jacques Tati B Jacques Tati, Henri Marquet, Pierre Aubert, Jacques Lagrange K Jacques Mercanton, Jean Mousselle M Alain Romans A Henri Schmitt S Suzanne Baron, Charles Bretoneiche, Jacques Grassi P Fred Orain D Jacques Tati, Nathalie Pascaud, Micheline Rolla, Valentine Camax, Lucien Frégis | F | 114/88 min | 1:1,37 | sw | 25. Februar 1953

# 930 | 5. Januar 2015

9.2.53

Sommaren med Monika (Ingmar Bergman, 1953)

Die Zeit mit Monika

Freiheit ist ein großes Wort, das alle gern im Munde führen. Doch was heißt es, frei zu sein? Für Monika, ein 18jähriges Mädchen aus tristen Stockholmer Verhältnissen, heißt es: den stupiden Job zu schmeißen, sich einen Freund (Lars Ekborg) anzulachen, mit ihm durchzubrennen, den Sommer auf einem Boot in den Schären zu verbringen, nackt über Felsen zu springen, Essen zu klauen, ein Kind zu wollen und zu kriegen – und dann den Mann und das Kind zu verlassen, weil alles so trist und stupide ist. Freiheit heißt (in diesem Fall), im Augenblick zu leben, die Konsequenzen weder zu bedenken noch zu tragen, bei sich zu sein, egal ob es Glück oder Unglück für einen selbst oder andere bedeutet. Monika (vulgär-vital: Harriet Andersson) stößt ab und zieht an, macht sich unmöglich und bleibt verlockend dabei. Und wenn Ingmar Bergman sie, zu den Klängen einer Musicbox, eine unglaubliche halbe Minute lang durch das Objektiv der Kamera dem Publikum direkt in die Augen blicken läßt, mag wohl keiner mehr einen Stein nach ihr werfen.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman, Per Anders Fogelström K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Tage Holmberg, Gösta Lewin P Allan Ekelund D Harriet Andersson, Lars Ekborg, Dagmar Ebbesen, Åke Fridell, Naemi Briese | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 9. Februar 1953