18.1.62

Tanz am Sonnabend – Mord? (Heinz Thiel, 1962)

Mühlbach ist ein ganz normales Dorf in der DDR. Es gibt einen Gasthof und einen Feuersee, eine aufstrebende LPG und den Club der Ewiggestrigen, es wird gesächselt, daß sich die Scheunenbalken biegen. Apropos: Eines Sonnabends im Februar 1960 (nach einer Tanzveranstaltung) hängt in Paul Gäblers (lichterloh brennender) Scheune ein Toter am Balken: Paul Gäbler selbst. Alles spricht dafür, daß die gesellschaftspolitischen Umstände den eigensinnigen Bauern in den Freitod getrieben haben – alles, nur nicht das Seil: Es ist zu kurz für einen Selbstmord … Ein winterkalter Milieukrimi aus der Schlußphase der (Zwangs-)Kollektivierung der ostdeutschen Landwirtschaft; neben Mord bringt Regisseur Heinz Thiel – teilweise in Rückblenden, die aus subjektiver (Zeugen-)Sicht präsentiert werden – noch Brandstiftung und unerlaubten Waffenbesitz, Betrug und Ehebruch ins Spiel. Auch wenn hinter der beschaulichen Kulisse also einiges im Argen liegt, hat der ermittelnde Oberleutnant der Volkspolizei (latent verschnupft: Gerry Wolff) nicht allzu viel Mühe, den Fall zu lösen und die Ordnung der sozialistischen Gesellschaft wiederherzustellen – zumal Raffgier und Egoismus ja lediglich betrübliche Nachwirkungen von historisch längst überwundenen Denkmustern und Verhaltensweisen darstellen.

R Heinz Thiel B Lothar Creutz, Carl Andrießen K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Herbert Nitzschke S Wally Gurschke P Paul Ramacher D Gerry Wolff, Rudolf Ulrich, Albert Garbe, Johannes Arpe, Ruth Kommerell | DDR | 87 min | 1:1,37 | sw | 18. Januar 1962

# 979 | 23. November 2015

12.1.62

Bachelor Flat (Frank Tashlin, 1962)

Dinosaurier bevorzugt

Frank Tashlins Sechziger-Jahre-Update von Howard Hawks’ Screwball-Klassiker »Bringing Up Baby«: Die aus zahlreichen mehr oder weniger grotesken Episoden lose zusammengezimmerte bedroom farce erzählt im allgemeinen von der unbändigen Leidenschaft amerikanischer Frauen für die feine Gesittung englischer Männer, im speziellen von den vorehelichen Turbulenzen, in die der britische Paläontologe Bruce Patterson im Malibu-Strandhaus seiner abwesenden Verlobten durch deren unvermutet auftauchende halbwüchsige Tochter (Tuesday Weld) gerät. Terry-Thomas, zahnlückiger Inbegriff des liebenswert-kauzigen Gentlemans, verkörpert den immer vorschriftsmäßig gekleideten (allerdings gelegentlich ohne Hose dastehenden) Universitätsprofessor, der auch bei strahlendstem kalifornischen Sonnenschein nie ohne Regenschirm unterwegs ist, mit ebenso viel chevaleresker Würde wie Lust an körperlicher und mimischer Verrenkung. Tashlin spart weder mit derbem Tür-auf-Tür-zu-Humor noch mit der grellen Ausmalung kultureller und sozialer Stereotypen; gelegentlich auftretende Leerstellen der Handlung füllen (passend zum CinemaScope-Format des Films) die knochensuchenden Aktivitäten einer gewissen Jessica Dachshund.

R Frank Tashlin B Frank Tashlin, Budd Grossman V Budd Grossman K Daniel L. Fapp M Johnny Williams A Jack Martin Smith, Leland Fuller S Hugh S. Fowler P Jack Cummings D Terry-Thomas, Tuesday Weld, Richard Beymer, Celeste Holm, Francesca Bellini | USA | 91 min | 1:2,35 | f | 12. Januar 1962

# 1076 | 16. September 2017

4.1.62

Auf der Sonnenseite (Ralf Kirsten, 1962)

Sozialistisch-musikalisches Lustspiel um den jungen Stahlschmelzer Martin (Manfred Krug), der trotz (und wegen) einiger Fisimatenten auf die Schauspielschule delegiert wird. Dort nicht so ganz bei der Sache und von Fächern wie Stimmbildung (»Ba-la-lo – da kann man doch alles hineinlegen.«) ziemlich gelangweilt, folgt er der netten, aber (zunächst) widerstrebenden Ottilie (Marita Böhme als – Achtung: Emanzipation! – Bauleiterin) auf eine Großbaustelle, wo er wiederum jede Menge Theater macht und die Angebete schließlich von sich überzeugen kann … Eine Reihe charmanter Songs (Musik: André Asriel), der hansdampfmäßige Enthusiasmus das Hauptdarstellers (aus dessen Biographie der Film reichlich schöpft) und prägnante Auftritte sympathischer Chargen wie Carola Braunbock, Rolf Herricht und Heinz Schubert lassen »Auf der Sonnenseite« – unter fast vollständigem Verzicht auf platte Indoktrinierungsversuche des Publikums – zu einem ebenso harmlosen wie gelungenen Exemplar deutsch-demokratischer Unterhaltungskunst werden: »Ottilie / du bist süß wie Petersilie / komm, wir gründen ’ne Familie. / Ich habe dich so lieb.«

R Ralf Kirsten B Heinz Kahlau, Gisela Steineckert, Ralf Kirsten K Hans Heinrich M André Asriel A Alfred Tolle S Christel Röhl P Alexander Lösche D Manfred Krug, Marita Böhme, Heinz Schubert, Fred Mahr, Carola Braunbock | DDR | 101 min | 1:1,37 | sw | 4. Januar 1962

25.12.61

The Innocents (Jack Clayton, 1961)

Schloß des Schreckens

»What shall I sing to my lord from my window?« Miss (!) Giddens (Deborah Kerr als daughter of a preacher man – empathisch und fanatisch) kommt als Erzieherin der Waisenkinder Miles und Flora auf den abgelegenen Landsitz Bly. Bald schon wähnt sie hinter der scheinbar (?) arglosen Altklugheit ihrer Schutzbefohlenen einen Abgrund des Grauens: Haben die Geister des triebhaften Hausdieners und der ihm verfallenen Gouvernante Besitz von den Seelen der Geschwister ergriffen? Vielleicht erzählt Jack Clayton mit »The Innocents« tatsächlich die Geschichte der Besessenheit der beiden Kinder – das wäre die komfortabelste Erklärung für die Dinge, die wir sehen (oder sehen sollen) –, vielleicht handelt es sich auch um eine Tauchfahrt in die Geheimnisse einer verkarsteten (in diesem Falle: weiblichen) Psyche: Verdrängtes, Projektionen, Begierden – Unbewußtes, das wie Sumpfgas blubbernd ans Licht steigt. Der Film legt sich nicht fest, Erklärungen hängen in der Luft wie wehende Vorhänge in der Nacht. Und dann: dieses wispernde Kaminfeuer, diese allzeit welkenden weißen Rosen, dieses penetrante Vogelgezwitscher, diese Küsse zwischen einer Frau und einem Jungen, diese unheimlich tiefenscharfen Bilder (Freddie Francis), diese spukig-spieldosenhafte Musik (Georges Auric), diese intensive Beschwörung der grauen-vollen Paradiese der Kindheit (Buch: Truman Capote nach Henry James). Ein alptraumhaftes Meisterwerk. »Waking a child can sometimes be worse than any bad dream.« Gilt nicht nur für Kinder …

R Jack Clayton B Truman Capote, William Archibald V Henry James K Freddie Francis M Georges Auric A Wilfried Shingleton S Jim Clark P Jack Clayton D Deborah Kerr, Martin Stephens, Pamela Franklin, Clytie Jessop, Michael Redgrave | USA & UK | 100 min | 1:2,35 | sw | 25. Dezember 1961

20.12.61

Divorzio all’italiana (Pietro Germi, 1961)

Scheidung auf italienisch

Agramonte, eine Kleinstadt im sizilianischen Hinterland: Baron Ferdinando ›Féfé‹ Cefalù (Marcello Mastroianni), Sproß einer verarmten Adelssippe, gelangweilt und abge­stoßen von seiner ergebenen Ehefrau Rosalia, verliebt sich unsterblich in seine Cousine, die bildhübsche Klosterschülerin Angela (!) (Stefania Sandrelli). Weil Scheidung nach italieni­sch-katholischem Familienrecht ausgeschlossen ist, träumt der ehrenwerte Taugenichts davon, die verabscheute Gattin zu verseifen, sie im Moor zu versenken oder mit einer Rakete ins All zu schießen. Voller Sarkasmus betrachtet Pietro Germi, wie der (schein-)heilige Sittenkodex die Ungeheuer der Mordlust gebiert: Mit gewissenloser Spitzfindigkeit denkt ›Féfé‹ den Geist des überkommenen Gesetzes zu Ende und arrangiert eine verfängliche Situation, die ihm das befreiende »Verbrechen aus Leidenschaft« erlaubt. Sogar die bewußte (Selbst-)Erniedrigung zu einem von aller Welt lauthals geschmähten »cornuto« zieht der machistische Baron ungerührt ins Kalkül, bleibt ihm doch, auf diese schändliche Weise befleckt, gar keine andere Wahl, als dem blutrünstigen Ehrbegriff seiner Landsleute Rechnung zu tragen … Germis makabre Satire liefert neben unterhaltsam-geräuschvollen Volks- und Familienszenen das kritische Bild einer Gesellschaft, deren rigoroses Reglement zur fatalen Formalie erstarrt ist.

R Pietro Germi B Ennio De Concini, Pietro Germi, Alfredo Giannetti K Leonida Barboni, Carlo Di Palma M Carlo Rustichelli A Carlo Egidi S Roberto Cinquini P Franco Cristaldi D Marcello Mastroianni, Daniela Rocca, Stefania Sandrelli, Leopoldo Trieste, Odoardo Spadaro | I | 108 min | 1:1,85 | sw | 20. Dezember 1961

# 922 | 2. Dezember 2014

Murder She Said (George Pollock, 1961)

16 Uhr 50 ab Paddington

»Marple her name, marble her nature.« Miss Jane Marple (mit Haaren auf den Zähnen und wahrscheinlich auch anderswo: Margaret Rutherford) als Augenzeugin eines Mordes in der Eisenbahn. Zugpersonal und Polizei schenken ihrer Aussage keinen Glauben, und so macht sich die kriminalistisch hochbegabte reife Dame – mal in der Maske eines Gleisarbeiters, dann wieder getarnt als Dienstmädchen in einem zweitklassigen Herrenhaus – selbst auf den Weg, die Leiche aufzuspüren und den Täter zu stellen. George Pollock formt Agatha Christies teegebäckiges Whodunit-Material zur Apotheose der alten Jungfer: Wieso eine stressige Beziehung führen, weshalb einem Partner zu Willen sein, warum undankbaren Blagen sein Bestes geben – wenn man stattdessen in aller Ruhe stricken, Krimis lesen oder zur Abwechslung auch mal in anderer Leute Ställen und Kommoden herumschnüffeln kann? Neben Rutherford und ihrem Helferlein Mr. Stringer (Davis) wird »Murder She Said« von James Robertson Justice als brummigem landlord (»I live here because I want to, not because I can afford it.«), Arthur Kennedy als dienstfertigem Arzt, Charles Tingwell als begriffsstutzigem Inspektor sowie (last but not least) von Ron Goodwins zwischen Rokoko und Swinging London oszillierendem ›Miss Marple’s Theme‹ in Schwung gebracht – und gehalten.

R George Pollock B Jack Seddon, David Pursall, David Osborn V Agatha Christie K Geoffrey Faithfull M Ron Goodwin A Harry White S Ernest Walter P George H. Brown D Margaret Rutherford, Arthur Kennedy, Muriel Pavlov, James Robertson Justice, Charles Tingwell | UK | 87 min | 1:1,66 | sw | 20. Dezember 1961

Lover Come Back (Delbert Mann, 1961)

Ein Pyjama für zwei 

»In these steel and concrete beehives are born the ideas that decide what we will eat, drink, drive and smoke, and how we will dress, sleep, shave and smell.« Die New Yorker Madison Avenue, pulsierendes Zentrum der Werbewelt (und -wirtschaft), bietet das ideale Setting für die zweite ménage à trois von Day/Hudson/Ran­dall und eine hysterisch-konsumkritische Auseinandersetzung mit dem american way of life. Doris steht für die Sinnlosigkeit ehrlicher Arbeit in einer Welt, in der ein Scharlatan wie Rock ganz en passant das Marketing ohne Produkt erfindet – und damit nicht nur durch­kommt, son­dern durchschlagenden Erfolg feiert –, wohingegen Tony eindrucksvoll das Ge­fühl von Entfremdung in der Überflußgesellschaft verkörpert. Außer­dem zu genießen: Beton­frisuren (Doris), Dackelblicke (Rock), knallfarbene Gesichter (Tony), rollende Augen (alle) sowie unbe­schreib­liche (weil unsichtbare) Exzesse unter Einfluß von ›Vip‹. ›Vip‹? ›Vip‹! (»Everything I’ve got, I owe to ›Vip‹.«)

R Delbert Mann B Stanley Shapiro, Paul Henning K Arthur E. Arling M Frank De Vol A Alexander Golitzen, Robert Clatworthy S Marjorie Fowler P Martin Melcher, Stanley Shapiro D Doris Day, Rock Hudson, Tony Randall, Edie Adams, Jack Kruschen | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 20. Dezember 1961

19.12.61

Der Traum von Lieschen Müller (Helmut Käutner, 1961)

Helmut Käutners kabarettistische Revue vom Tanz ums goldene Kalb: Lieschen Müller (Sonja Ziemann), die kleine Bankangestellte aus Dingskirchen, träumt den Traum vom großen Glück: Roben aus goldener Seide, darauf Saphirsterne, darüber Platinnerze, dazu offene Luxuswagen, feudale Hotels und ein attraktiver Bräutigam auf Bestellung – das Leben als einzige Wunscherfüllung. Möglich macht es Impressario Dr. Schmidt (Martin Held), der für die Durchschnittsfrau einen toten Onkel aus Amerika und eine Erbschaft in Höhe von drei Milliarden Dollar erfindet. Das brave Lieschen Müller verwandelt sich in die allseits umschwärmte Liz Miller, der man auf Grund ihres fiktiven Vermögens unbegrenzten Kredit gewährt … In eastmancolorbunten Showkulissen und allegorischen Szenen, mit satirischen Songs und allerlei skurrilen Filmtricks erklärt Käutner das Geheimnis des wirtschaftlichen Wachstums: Wo Geld ist, kommt Geld hin – denn: »Das Geld ist gern beim Geld zu Gast.« Und auch das virtuelle Kapital trägt (jedenfalls für manche) greifbare Früchte, ganz einfach »weil man jeden Käse glaubt«. Was die einen miesepetrig als Betrug bezeichnen, ist für die anderen eine reife Leistung der ökonomischen Phantasie. Das oberste Gebot des Finanzkapitalismus lautet: So tun, als ob. Letztlich schreckt Käutner leider vor der Konsequenz seiner eigenen Analyse zurück und verkündet – vermutlich wider besseres Wissen: »Das Glück, das kann keiner sich kaufen, / Und gäb’ er Milliarden dafür.« Lieschen Müller wird aus ihrem bunten Traum in die schwarzweiße Rahmenhandlung zurückversetzt, wo sie Tröstung durch einen adretten jungen Mann (Helmut Griem) und die Aussicht auf ein Einfamilienhaus im Wiesengrund erfährt.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Willibald Eser K Günther Senftleben M Bernhard Eichhorn, Michel Legrand A Otto Pischinger, Herta Pischinger S Klaus Dudenhöfer P Ilse Kubaschewski D Sonja Ziemann, Martin Held, Helmut Griem, Cornelia Froboess, Peter Weck, Wolfgang Neuss | BRD | 92 min | 1:1,66 | sw/f | 19. Dezember 1961

# 904 | 31. August 2014

15.12.61

One, Two, Three (Billy Wilder, 1961)

Eins, zwei, drei

»Is everybody in this world corrupt?« – »I don't know everybody.« Berlin, der Nabel des Kalten Krieges, kurz vor der (fürs erste) endgültigen Abdichtung des Eisernen Vorhangs (»The situation is hopeless, but not serious.«): Während Coca-Cola nach Osten expandieren will, verführen die Roten (ohne Unterwäsche!) die schönsten Frauen der freien Welt. Dazu noch Umlautunterricht, Säbeltanz und verschiedenfarbige Brüste in gepunkteten Kleidern. Bei einem mopsfidelen Abend im Grand Hotel Wilder (»It used to be the Grand Hotel Göring, and before that, it was the Grand Hotel Bismarck.«) vermittelt »One, Two, Three« nicht nur alles, was man über Kapitalismus (»… is like a dead herring in the moonlight. It shines, but it stinks.«) und Kommunismus (»No comment!«) wissen muß – der Film ist auch ein lohnendes Studienobjekt für perfektes Komödientiming: Cagney! Pulver!! »Schlemmer!!!« PS: Nicht zu vergessen: Hotte Ludwig Piffl (der ideale Schwiegersohn) und Graf Hubsi von Droste-Schattenburg (aus einem uralten Geschlecht von Blutern).

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Ferenc Molnár K Daniel L. Fapp M André Previn A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Billy Wilder D James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Liselotte Pulver | USA | 115 min | 1:2,35 | sw | 15. Dezember 1961

13.12.61

Paris nous appartient (Jacques Rivette, 1961)

Paris gehört uns

»Paris n'appartient à personne.« – Anne, eine junge Frau aus der Provinz (Betty Schneider), zum Studium nach Paris gekommen, gerät in den Strudel einer mysteriösen (möglicherweise imaginären) Intrige: Juan, ein Exilspanier ist tot, vielleicht hat er sich umgebracht, vielleicht ist er ermordet worden; Anne, von den peu à peu ins Spiel gebrachten Verdachtsmomenten eines weltumspannenden Komplotts gleichermaßen beunruhigt und fasziniert, macht sich daran, die Hintergründe des rätselhaften Todes aufzuklären – auch um das Leben des (mutmaßlich) ebenfalls im Visier der nebulösen Verschwörer stehenden Theaterregisseurs Gérard (Giani Esposito) zu schützen … Jacques Rivette läßt ein paar vage Andeutungen fallen – McCarthy, Franco und die Falange, Schatten von Hiroshima – und schickt seine unbedarfte Protagonistin auf eine konfuse Recherche durch die Dachkammern, Hotelzimmer und Rive-gauche-Appartements der intellektuellen Bohème. Das Paris des Films – feindlich, eng, entseelt – wird zur Bühne eines kalten, (bewußt) inkohärenten Theaters der Paranoia, das seine sonderbare Stimmung in erster Linie aus dem Kontrast zwischen den statisch-distanzierten, oft beinahe manierierten Darbietungen der Akteure und der improvisatorischen Flüchtigkeit der Bilder gewinnt. Das Leben, von dem es einmal heißt, es sei nicht absurd aber chaotisch, scheint fundamental bedroht von zerstörerischen Kräften – Geld, Polizei, Ideologien –, die, verderblich hinter der Szene wirkend, allezeit zu ahnen, doch niemals zu greifen sind: »Le mal n’a pas qu’un visage. Ça serait trop facile.«

R Jacques Rivette B Jacques Rivette, Jean Gruault K Charles L. Bitsch M Philippe Arthuys S Denise de Casabianca P Roland Nonin, Claude Chabrol D Betty Schneider, Giani Esposito, Françoise Prévost, Daniel Crohem, François Maistre | F | 140 min | 1:1,37 | sw | 13. Dezember 1961

6.12.61

Le comte de Monte Christo (Claude Autant-Lara, 1961)

Der Graf von Monte Christo

Claude Autant-Lara verarbeitet Alexandre Dumas’ unvergängliche Vergeltungskolportage zu respektabler (und durchgehend kurzweiliger) filmischer Dutzendware. Die abenteuerlich-romantische Mär von der Wiederkunft des von »guten Freunden« verratenen und in den Abgrund des (vorläufigen) Vergessens gestürzten Seemannes Edmond Dantès in der Gestalt des steinreichen Rachegrafen von Monte Christo prunkt mit einer Reihe visueller Schauwerte, wobei der Regisseur seine eigentliche Stärke, die formale Stilisierung, dem herkömmlicher Naturalismus gediegener Unterhaltungsepik opfert – nur selten sorgen schrille Beleuchtungseffekte oder farbsymbolische Dekors für gestalterischen Mehrwert. Die Akteure (allen voran Louis Jourdan in der Titelrolle und Yvonne Furneaux als seine große Liebe Mercédès) tragen ihre pathosklirrenden Texte mit jener tiefen Inbrunst vor, zu der nur die allerbesten zweitklassigen Schauspieler fähig sind.

R Claude Autant-Lara B Jean Halain V Alexandre Dumas père K Jacques Natteau M René Cloërec A Max Douy S Madeleine Gug P Georges Charlot D Louis Jourdan, Yvonne Furneaux, Pierre Mondy, Jean-Claude Michel, Bernard Dhéran | F & I | 180 min | 1:2,35 | f | 6. Dezember 1961

28.11.61

Diesmal muß es Kaviar sein (Géza von Radványi, 1961)

Im Anschluß an eine ellenlange Zusammenfassung des bisherigen Geschehens schleppt sich der zweite Teil der CCC-Verhunzung von Johannes Mario Simmels ironisch-amüsantem Illustriertenroman über die gefahrvollen und amourösen Erlebnisse des zwischen die (Weltkriegs-)Fronten geratenen Zwangsagenten Thomas Lieven träge von der französischen Riviera (per Schiff) auf den Affenfelsen Gibraltar, weiter (per Pferd) nach Lissabon und schließlich (irgendwie) in das soeben befreite Paris. Nachdem ihm sämtliche bekannten Miezen und Schergen noch einmal über den lang(weilig)en Weg gelaufen sind, bringt das Ende der bräsigen Erzählung dem Antihelden zwar keine Befreiung aus spionischen Frondiensten, aber immerhin bleibt ihm (und dem Zuschauer) eine weitere filmische Fortsetzung erspart.

R Géza von Radványi B Henri Jeanson, Paul Andréota, Jean Ferry V Johannes Mario Simmel K Friedel Behn-Grund M Rolf Wilhelm A Otto Pischinger, Herta Hareiter S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D O. W. Fischer, Senta Berger, Eva Bartok, Viktor de Kowa, Jean Richard | BRD & F | 99 min | 1:1,66 | sw | 28. November 1961

# 1017 | 17. August 2016

The Errand Boy (Jerry Lewis, 1961)

Der Bürotrottel

»You just liked what you saw, and you believed what you liked.« Hollywoodmogul Tom ›T.P.‹ Paramutual (Brian Donlevy) ist ratlos: Sein Studio verliert Geld. Das Problem sind nicht die Zuschauerzahlen; das Defizit entsteht im Inneren der Traumfabrik. Ein Spitzel muß her, einer, der das Rätsel der schwindenden Dollars ergründet, dabei allerdings nicht ahnen soll, wozu er ge-, besser gesagt: mißbraucht wird. Der linkisch-zutunlich-reizbare Morty S. (»the S ist for scared«) Tashman (Jerry Lewis spielt ihn mit letztmöglicher Unschuld und Tolpatschigkeit) erweist sich als nützlicher Idiot des Vertrauens … Regisseur Lewis 
verortet in seinem dritten Film die körper- und gesichtsakrobatischen Gags des Hauptdarstellers Lewis wiederum konsequent an einem einzig(artig)en abgeschlossenen Schauplatz: sound stages und backlots, Büros und Chefzimmer eines Filmstudios werden zur Bühne der locker verbundenen Sketche. »This is Hollywood, land of the real and the unreal«, verkündet ein Off-Sprecher gleich zu Beginn des Geschehens programmatisch. Diesem Motto folgend, werden die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination aufgehoben: Lewis läßt seinen kindlichen Helden (= sich selbst) mit Puppen sprechen, läßt ihn fortgesetzt (und wie im Traum folgenlos) alle Arten von Inventar zerstören (oder zumindest transformieren), läßt ihn schließlich (quasi autobiographisch) zum gefeierten (und geldbringenden!) Star aufsteigen – und faßt das Geheimnis seines (= seines) Erfolges in zwei Worten zusammen: »He communicates.« Well, well …

R
Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Arthur Lonergan S Stanley Johnson P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Brian Donlevy, Howard McNear, Stanley Adams, Dick Wesson | USA | 92 min | 1:1,85 | sw | 28. November 1961

# 791 | 5. November 2013

16.11.61

Ercole al centro della terra (Mario Bava, 1961)

Vampire gegen Herakles

Die Sagenwelt des klassischen Altertums im farbstarken Licht von Mario Bava: Von gefahrvollen Abenteuern in die Heimat zurückkehrend, findet Herakles (Muskelklotz Reg Park) seine Geliebte, die schöne Königin Deianira von Ikalien, in einem Zustand seelischer Paralyse. Um den Zauberbann zu lösen, mit dem die rechtmäßige Herrscherin von ihrem bösen Onkel Lykus (Christopher Lee als blutdürstiger Prinz der Dunkelheit) belegt wurde, begibt sich der Halbgott mit seinem Freund Theseus auf der Suche nach dem rettenden »Stein des Vergessens« in die Unterwelt … Handlung, Dialoge und Darstellerleistungen sind, einem Peplum gemäß, simpel, hölzern und plump – aber schon in seinem ersten Farbfilm als Regisseur entfaltet Bava jenes spezifische kreative Genie, mit dem er Pappe, Gips und Flitter in phantastisch-naive, buntschillernde Kinolandschaften zu transformieren vermag. Wie in einer Geisterbahn blenden die Stationen der Heldenreise poppig leuchtend aus dem Dunkel auf – so werden die Orakelstätte der Medea, der Garten der Hesperiden, das Bett des Prokrustes, die Fluten des Hades, die Höhlen unter dem Palast, wo sich die Untoten aus den Gräbern erheben, zu Etappen eines psychedelischen Trips.

R Mario Bava B Mario Bava, Sandro Continezza, Franco Prosperi, Duccio Tessari K Mario Bava M Armando Trovajoli A Franco Lolli S Mario Serandrei P Achille Piazzi D Reg Park, Christopher Lee, George Ardisson, Leonora Ruffo, Franco Giacobini | I | 84 min | 1:2,35 | f | 16. November 1961

8.11.61

Die seltsame Gräfin (Josef von Báky, 1961)

»Ich bin die Gräfin Eleanora Moron! Niemand hat das Recht mich anzurühren!« Altgediente Stummfilmstars (Lil Dagover und Fritz Rasp), zähe Ufa-Kämpen (Marianne Hoppe und Rudolf Fernau), das immerzurstellige Rialto-Ensemble (›Blacky‹ und Eddi und Kinski) sowie der breiteste Berliner Boulevard (Brigitte Grothum und Edith Hancke) in einem ganz und gar außerenglischen Edgar-Wallace-Klassiker. Die verwinkelte Handlung (es geht im weitesten Sinne um komplizierte Familienverhältnisse und eine darin unterschlagene Erbschaft) spielt überall dort, wo obligaterweise das Verderben lauert: in einer Irrenanstalt und in einem Gefängnis, auf einem alten Schloß und in einer Anwaltskanzlei. Abgesehen davon, daß ständig bedrohlich das Telefon klingelt, Klaus K. irre lacht (»Ich mußte es doch tun!«) und schon mal ein brüchiger Balkon von der Fassade fällt, entwickelt die Inszenierung (zum letzten Mal auf dem Regiestuhl: Josef von Báky) das subtile Grauen eines nichtendenwollenden Fünfuhrtees. PS: »Niemand!«

R Josef von Báky B Robert A. Stemmle, Curt Hanno Gutbrod V Edgar Wallace K Richard Angst M Peter Thomas A Helmut Netwig, Albrecht Hennings S Hermann Ludwig P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Brigitte Grothum, Lil Dagover, Klaus Kinski, Marianne Hoppe | BRD | 94 min | 1:1,66 | sw | 8. November 1961