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14.6.80

Le dernier métro (François Truffaut, 1980)

Die letzte Metro

1942. Paris ist von den Deutschen besetzt. Im théâtre Montmartre wird ein neues Stück geprobt. Lucas Steiner (Heinz Bennent), jüdischer Intendant und Besitzer der Spielstätte, ist untergetaucht. Seine Frau Marion (Catherine Deneuve), umschwärmter Star des Hauses, bemüht sich nach Kräften, den Betrieb am Laufen zu halten. Der hitzköpfige Nachwuchsschauspieler Bernard Granger (Gérard Depardieu) ist ihr dabei nicht nur eine Hilfe … Eine delikate Dreieckskonstellation als Aufhänger eines atmosphärischen Zeitbildes: François Truffaut, der die Okkupation seiner Geburtsstadt als Kind erlebte, erinnert (sich) an Schwarzmarkt und Sperrstunde, an Widerstand und Kollaboration, gestaltet seinen Film jedoch nicht als düsteres Panorama, eher als schillerndes Divertimento, als Aufeinanderfolge schlaglichtartiger (Alltags-)Beobachtungen. Ein geschmuggelter Schinken im Cellokasten, aufgemalte Seidenstrümpfe oder Autoscheinwerfer, die als Bühnenbeleuchtung dienen, haben die gleiche erzählerische Relevanz wie antisemitische Hetzreden im Rundfunk, nächtliche Besuche der Gestapo oder das Leben im Kellerversteck. Daß »Le dernier métro« über besinnliches Qualitätskino dennoch weit hinausgeht, verdankt sich neben Truffauts tiefem Humanismus und dem differenzierten Spiel der Darsteller insbesondere der dramaturgischen Idee, einen der Handelnden aus dem Spiel zu nehmen, das er gleichwohl lenkt: Lucas Steiner, der zwangsweise »Verschwundene«, inszeniert das Drama »La disparue«, von seinem heimlichen Zufluchtsort unter der Bühne aus – so wird er zum Symbol des Geächteten, das eben nicht verschwindet, das sich nicht sang- und klanglos vernichten läßt, das fortbesteht und weiterwirkt.

R François Truffaut B François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean-Claude Grumberg K Nestor Almendros M Georges Delerue A Jean-Pierre Kohout-Svelko Ko Lisele Roos S Martine Barraqué P François Truffaut D Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Heinz Bennent, Andréa Ferréol, Jean Poiré, Jean-Louis Richard | F | 131 min | 1:1,66 | f | 16. September 1980

# 950 | 3. Juni 2015

30.1.74

Lacombe Lucien (Louis Malle, 1974)

Lacombe, Lucien

Echoes of France … Sommer 1944. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet, die deutschen Truppen weichen zurück. Weiter südlich, in einer kleinen Stadt im Midi, sucht der 17jährige Bauernsohn Lucien (Pierre Blaise) Anschluß an die Résistance. Vom örtlichen Chef des Widerstandes als zu jung abgelehnt, gerät Lucien, eher zufällig, in die Fänge von Mitarbeitern der Gestapo française, die ihn in ihre Reihen aufnehmen. Eine Art unbedarfte Brutalität eignet dem (Anti-)Helden; er wirkt gleichermaßen präpotent und so zerbrechlich wie die Singvögel, die er mit der Zwille abschießt. Das Gemisch aus Grausamkeit und Unschuld, das im Zwischenraum von Jugend und Erwachsensein herrscht, bestimmt die Erzählung des Films. Lucien erfüllt ohne weiteres seine Rolle als Hilfspolizist, genießt die daraus ersprießende Macht, fügt sich wie selbstverständlich in die zynisch-vulgäre Gesellschaft der Kollaborateure ein, drängt sich ohne Scham der versteckt lebenden Familie eines kultivierten jüdischen Herrenschneiders auf, dessen Tochter France (!) (Aurore Clément) er offen begehrt, linkisch umschwärmt, ehrlich liebt, schlußendlich rettet. Louis Malle und sein Koautor Patrick Modiano (der die schummerlichtigen Landschaften der Okkupation schon in seinen brillanten ersten Romanen beschrieb) suchen nicht, das Verhalten ihres Protagonisten zu beschönigen, vermeiden jede moralische Bewertung, betonen eine Ambivalenz, die sich einfachen Zuschreibungen wie »gut« oder »böse« entzieht. Sie stehen vor Lucien, dieser seltsamen Kreuzung aus Engel und Ungeheuer, wie der Vater von France, der ratlos-fasziniert gestehen muß: »C’est curieux, je n’arrive pas à vous détester tout à fait.«

R Louis Malle B Louis Malle, Patrick Modiano K Tonino Delli Colli M Django Reinhardt A Ghislain Uhry S Suzanne Baron P Louis Malle, Claude Nedjar D Pierre Blaise, Aurore Clément, Holger Löwenadler, Therese Giehse | F & I & BRD | 137 min | 1:1,66 | f | 30. Januar 1974

# 951 | 4. Juni 2015

5.4.71

Le chagrin et la pitié (Marcel Ophüls, 1969/1971)

Das Haus nebenan

Chronique d’une ville française sous l’occupation … Marcel Ophüls nimmt Clermont-Ferrand, Heimat des Michelin-Männchens und Hauptstadt der Auvergne, als Ausgangs- und Angelpunkt für ein filmisches Panorama der deutschen Besatzung Frankreichs. Seine gut vierstündige Dokumentation hinterfragt beharrlich, aber ohne Rechthaberei, die Nachkriegsmythologie einer Nation, die angeblich aus einem Heer von Résistance-Kämpfern und einer Handvoll verirrter Deutschenfreunde bestand. Der erzählerische Bogen spannt sich von der katastrophalen Niederlage gegen die Truppen der Wehrmacht und der Abwicklung der Dritten Republik, über die Etablierung des ›État français‹ durch den greisen Marschall Pétain, der statt der konstitutionellen Devise »Liberté, Égalité, Fraternité« das konservative Motto »Travail, Famille, Patrie« wählte und in der Zusammenarbeit mit den Deutschen die einzige Chance sah, einen Rest von Souveränität zu bewahren, bis hin zur Befreiung Frankreichs durch die Alliierten und dem glanzlosen Ende des Vichy-Regimes im Schloß von Sigmaringen. In den Aussagen einer großen Zahl von Zeitzeugen läßt Ophüls die Widersprüche dieser düsteren Epoche lebendig werden; er hört ihnen allen aufmerksam zu: den Gaullisten, Kommunisten und Faschisten, den Adligen, Bürgerlichen und Bauern, den Widerständlern, Mitläufern und Verrätern, dem vorgestrigen deutschen Offizier, dem schwulen britischen Spion dem distinguierten französischen SS-Mann. Das vielfältige Konzert der Stimmen führt freilich nicht zur filmischen Unverbindlichkeit. Ophüls legt klar, daß Frankreich der einzige im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besiegte Staat war, dessen Regierung, offen oder insgeheim unterstützt von der Mehrheit des Volkes, sich freiwillig zur (reibungslos funktionierenden) Kollaboration mit den nationalsozialistischen Besatzern entschloß, daß es neben der später glorifizierten Résistance viel Indifferenz, viel Pragmatismus, viel Perfidie gab: Mit »Le chagrin et la pitié« geht die Heldenerzählung vom kollektiven Abwehrkampf gegen die feindlichen Okkupanten ein für alle Mal zu Ende.

R Marcel Ophüls B Marcel Ophüls, André Harris K André Gazut, Jürgen Thieme S Claude Vajda P André Harris, Alain de Séduy | F & BRD & CH | 256 min | 1:1,37 | sw | 5. April 1971 (TV BRD: 18. Dezember 1969)

# 952 | 8. Juni 2015

12.9.69

L’armée des ombres (Jean-Pierre Melville, 1969)

Armee im Schatten

Scènes de la vie de résistance … Jean-Pierre Melville verfolgt – unpathetisch, aber keinesfalls leidenschaftslos – die Aktivitäten einer Widerstandsgruppe im von Deutschen besetzten Frankreich. Die episodische Erzählung umfaßt einen Zeitraum von vier Monaten zwischen dem 20. Oktober 1942 und dem 23. Februar 1943 und führt von Marseille nach Paris, von Lyon nach London (wo General de Gaulle, der Anführer der France libre, sein Hauptquartier aufgeschlagen hat), durch Hinterzimmer und Geheimverstecke, durch Internierungslager und Foltergefängnisse. Melville, während des Krieges selbst Mitglied der Résistance, schildert dabei keine Partisanenaktionen im eigentlichen Sinne: keine Nachrichtenbeschaffung, keinen Sabotageakt, kein Attentat; Pierre Lhommes Kamera zeigt, in dunklen, entsättigten Bildern, ausschließlich Menschen in Gefahr, Menschen auf der Flucht, Menschen in der Falle, Menschen, die in Erfüllung einer höheren Pflicht schreckliche Dinge tun müssen. Kaum je verraten die Gesichter von Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret und all den anderen etwas über die Emotionen der Protagonisten dieses bei aller formalen Distanziertheit sehr persönlichen, sehr anrührenden Films. Es ist ein unsichtbares Band von stiller Kameradschaft und wortlosem Mitgefühl, das die Armee der Schatten zusammenhält. Auch wenn ihr klandestines Tun vergeblich scheint, bleibt es doch ohne Alternative – so gehen Gerbier, Jardie, Mathilde und all die anderen den vorgezeichneten Weg, aufrecht und unbeirrt, bis zum bitteren Ende.

R Jean-Pierre Melville B Jean-Pierre Melville V Joseph Kessel K Pierre Lhomme M Éric Demarsan A Théobald Meurisse S Françoise Bonnot P Jacques Dorfmann D Lino Ventura, Paul Meurisse, Simone Signoret, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Serge Reggiani | F & I | 145 min | 1:1,66 | f | 12. September 1969

# 949 | 1. Juni 2015

27.3.68

L’homme qui ment (Alain Robbe-Grillet, 1968)

Der Mann, der lügt

»Je vais vous raconter mon histoire … ou du moins je vais essayer.« Soldaten verfolgen einen Mann durch den Wald. Schüsse. Explosionen. Der Mann wird getroffen. Bricht zusammen. Stirbt. Erwacht. Steht auf. Läuft weiter. Der Mann erzählt seine Geschichte. Oder er versucht es zumindest: »Mon nom est Robin … Jean Robin.« Dem Kopf des Mannes (Jean-Louis Trintignant), seinen (inkonsistenten) Ausführungen entwächst ein fiktives (Erzähl-)Universums, dessen unauflösliche Widersprüche Alain Robbe-Grillet kinematokulinarisch zelebriert. Ein Mann kommt aus dem Wald. Gelangt in ein Dorf. Macht seine Aufwartung im Schloß. Auf dem Schloß warten drei Frauen auf die Heimkehr von Jean Robin: die Schwester, die Ehefrau, ein Dienstmädchen. »Il est mort! Mort! Mort!« heißt es über Jean Robin, von dem man glaubt, daß er eines schönen Tages zurückkommen werde. Der Mann aus dem Wald nennt sich Boris Varissa. Er berichtet von seinem Freund, von seinem Kampfgefährten Jean Robin. Der ein Held des Widerstandes gegen die Besatzer war. Der ein Kollaborateur war. Der fliehen konnte. Der erschossen wurde. Den man in eine Falle lockte. Der seine Kameraden verraten hat. Ein Mann erfindet eine wahre Geschichte. Ein Mann erfindet seine wahre Geschichte. Oder er versucht es zumindest. Immer wieder von neuem. Drei Frauen warten auf einen Mann. Sie spielen Blindekuh im Schloß. In der Bibliothek. Auf dem Speicher. Zwischen Büchern und Spiegeln. Zwischen alten Möbeln und leeren Bilderrahmen. Träumen die drei Frauen von einem Mann, der kommt, um ihnen seine wahren Geschichten zu erzählen? Geschichten von Tod und Überleben, von Heldentum und Verrat, von Geheimnis und Zweifel. Geschichten, die Hingabe fordern, Auslieferung, Unterwerfung. Geschichten von der zeremoniellen Gewalt eines sexuellen Rollenspiels. Geschichten wie Gefängnisse, wie unterirdische Höhlen ohne Ausgang. Die Welt Robins, Varissas, Robbe-Grillets, dieser Legendenwald der Gespenster und Vorahnungen, des Spechtklopfens und Glockengeläuts, der Rollenspiele und Anachronismen, des Stöhnens und Schreiens, ist nichts als eine Lüge, nichts als eine Erzählung, und eben darum ist diese Welt wahr. »Et maintenant je vais vous raconter ma vraie histoire … ou du moins je vais essayer.«

R Alain Robbe-Grillet B Alain Robbe-Grillet K Igor Luther A Anton Krajcovic S Bob Wade P Samy Halfon D Jean-Louis Trintignant, Zuzana Kocúriková, Sylvie Turbová, Sylvie Bréal, Ivan Mistrík | F & CSSR | 93 min | 1:1,66 | sw | 27. März 1968

# 830 | 21. Januar 2014

27.3.64

Kennwort: Reiher (Rudolf Jugert, 1964)

Belgien und Frankreich im Zweiten Weltkrieg: Eine Geheimorganisation schleust alliierte Soldaten quer durch die von der Wehrmacht besetzten Länder zur spanischen Grenze. Es ist weniger die äußere Bedrohung durch deutsche Verfolger, die Dramatik erzeugt, es sind vielmehr die Konflikte innerhalb des kleinen Fluchttrupps, die den Ton und die Bewegungen von Rudolf Jugerts Film bestimmen, die wachsenden Spannungen zwischen dem aufreizend gelassenen Anführer, Major Barton (Peter van Eyck), der suspekterweise die Sprache des Feindes spricht, und dem hochfahrenden Hektiker (Charles Hickman), dem schneidigen Abwehrmann (Geoffrey Toone) sowie dem anlehnungsbedürftigen Jungspund (Fritz Wepper), es sind die kalten Bilder unwirtlicher Winterland­schaften in der ersten Hälfte und die klaustrophische Enge eines Dachbodens, wo der zweite Teil von »Kennwort: Reiher« spielt, es sind die kleinen Dramolette an den diversen Stationen des gefahrvollen Weges, die Miniaturportraits, die gezeichnet werden – die Gebete des hasenfüßigen Pfarrers, der Genuß eines edlen Rotweins bei der Witwe mit den drei hübschen Töchtern, die tiefe Haßliebe zu allem Deutschen, die den alten Professor (Walter Rilla) beherrscht –, es ist das (bisweilen schwer erträgliche) Feldausgaben-Pathos des Reineckerschen Dialogs: »Verantwortung ist ein hartes Brot, das zu saurem Wein gegessen wird.« Das kalte, bedauernswert ehrliche Ende läßt einen Unschuldigen über die Klinge des falschen Ver­dachts springen und die hilflosen Zuschauer unfroh zurück.

R Rudolf Jugert B Herbert Reinecker V Charles Morgan K Wolf Wirth, Hans Jura M Rolf A. Wilhelm A Wolf Englert S Heidi Genée P Franz Seitz D Peter van Eyck, Maria Versini, Walter Rilla, Fritz Wepper, Charles Hickman | BRD | 97 min | 1: 1,66 | sw | 27. März 1964

8.6.62

Königskinder (Frank Beyer, 1962)

Es beginnt in den frühen 1930er Jahren in Berlin und endet kurz vor Kriegsende auf einem Flugplatz bei Moskau: Ein aufrechter Kommunist (Armin Mueller-Stahl) und eine Kleinbürgertochter (Annekathrin Bürger), die ihr Leben und Streben später ebenfalls der großen Sache widmet, haben einander so lieb, werden aber von den Zeitläuften immer wieder auseinandergerissen; ein Dritter (Ulrich Thein) steht erst im Abseits, geht dann zur SA, um im entscheidenden Moment seine menschliche (= rote) Seite zu entdecken. Frank Beyers »Königskinder« diffundiert zwischen lyrisch-melodramatischer Ballade und hochmoralisch unterfüttertem Kriegsfilm. Die Bilder (Günter Marczinkowsky) vermeiden dabei jeden Naturalismus zugunsten einer attraktiven, symbolisch-präziösen Zuspitzung. Zwischendurch singen immer mal wieder die Thomaner, um daran zu erinnern, daß das Wasser viel zu tief ist. »Königskinder«: ein formal exquisiter, erzählerisch konsequent linksgestrickter Musterfall von pathetischer Romantik, kämpfender Kunst, einfacher Wahrheit.

R Frank Beyer B Walter Gorrish, Edith Gorrish K Günter Marczinkowsky M Joachim Werzlau A Alfred Hirschmeier S Anneliese Hinze-Sokolowa P Hans Mahlich D Annekathrin Bürger, Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Marga Legal, Betty Loewen | DDR | 89 min | 1:1,37 | sw | 8. Juni 1962

20.4.57

Kanał (Andrzej Wajda, 1957)

Der Kanal

»Kanał« beginnt mit dem Blick auf die Ruinen der zerstörten polnischen Hauptstadt, Ende September 1944, unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstandes. Ein Trupp von müden Kriegern zieht am Auge der Kamera vorbei. Die Protagonisten werden in einem knappen dramatis personae vorgestellt, das mit den Worten schließt: »Dies sind die Helden einer Tragödie. Schaut sie euch gut an. Es sind die letzten Stunden ihres Lebens.« Was folgt, ist die Chronik der im Prolog angekündigten Tode. Der erste Teil des Films – high-key und dokumentarisch – spielt oben, unter freiem Himmel, wo deutsche Bomben und Artillerie die Trümmer tanzen lassen; der zweite Teil – low-key und apokalyptisch – spielt unten, im stickigen, stinkenden Labyrinth der Kloaken von Warschau. Hier in der Tiefe (wo außer irdische Klänge durch die Kanäle wehen, wo Licht nicht Erlösung sondern Sterben bedeutet) zitiert man Dante, küßt man zum letzten Mal ein Mädchen, verrät man die Kameraden, ertrinkt man in der Scheiße, wird man wahnsinnig und bläst die Okarina – oder man kämpft weiter, auch wenn man längst verloren hat. Andrzej Wajda und seine Mitstreiter (Assistenz: Kutz und Morgenstern / Kamera: Lipman und Wójcik) setzen dem so aussichtslosen wie unabdingbaren Widerstand ein wuchtig-elendes Denkmal: »Noch ist Polen nicht verloren.« PS: Und auf dem anderen Ufer der Weichsel – einmal sieht man (durch ein eisernes Gitter) hinüber – stehen sowjetische Truppen. Schauen zu. Warten ab.

R Andrzej Wajda B Jerzy Stefan Stawiński V Jerzy Stefan Stawiński K Jerzy Lipman, Jerzy Wójcik M Jan Krenz A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Tadeusz Janczar, Teresa Iżewska, Wieńczysław Gliński, Tadeusz Gwiazdowski, Władysław Sheybal | PL | 91 min | 1:1,37 | sw | 20. April 1957

10.11.56

Un condamné à mort s’est echappé (Robert Bresson, 1956)

Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen

Mit einer Schrifttafel weist Robert Bresson zu Beginn des Films auf die Wahrhaftigkeit der Geschichte hin und erklärt, sie so wiederzugeben, wie sie ist, schmucklos, nüchtern: »Je la donne comme elle est, sans ornement.« Lyon, 1943: Fontaine (François Leterrier), wird als Häftling der Gestapo ins Gefängnis Montluc gebracht. Schon auf dem Transport unternimmt er einen Fluchtversuch, in der Zelle zielen sein Denken und Handeln ganz und gar auf das Entkommen. Begleitet von fernen Geräuschen – Zugrattern, Glockengeläut, Schüsse der Pelotons – und Fontaines nüchternen Kommentaren aus dem Off zeigt Bresson die immergleichen Abläufe des Haftalltags – Essensausgabe, Appell, Hofgang, Kübelreinigung –, die immergleichen Situationen – Zelle, Flur, Treppe, Waschraum –, die heimliche Solidarität der Gefangenen, die minutiösen Fluchtvorbereitungen des Protagonisten (Löffel und Rasierklinge als gegebene Werkzeuge, Stoff und Draht als vorgefundene Materialien) ausschließlich in halbnahen und nahen Kameraeinstellungen, in Groß- und Detailaufnahmen. Das permanente Enge der Kadrage, die konsequente Verweigerung der Übersicht schaffen – ohne Einsatz klassischer Spannungselemente – ein drückendes Klima der Unsicherheit, der Beklemmung, des Ausgeliefertsein, in dem Fontaines beharrliche (wenn auch kaum aussichtsreich scheinende) Aktivität zur Methode des Überlebens wird. Erst in der letzten Einstellung, nachdem der zum Tode Verurteilte (zusammen mit einem Kameraden) entflohen ist, öffnet sich das Bild, einmalig, zur Totale. Die Rückkehr in die Freiheit ist dabei kein Triumphzug, sondern ein Gang in die Nacht, in den Nebel.

R Robert Bresson B Robert Bresson V André Devigny K Léonce-Henri Burel M Wolfgang Amadeus Mozart A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Alain Poiré, Jean Thuillier D François Leterrier, Charles Le Clainche, Roland Monod, Jack Ertaud, Maurice Beerblock | F | 101 min | 1:1,37 | sw | 10. November 1956

# 1125 | 11. Juni 2018

23.2.55

Des Teufels General (Helmut Käutner, 1955)

»Wer auf Erden des Teufels General war, muß ihm auch Quartier in der Hölle machen.« Nazi-Noir in Uniform: Curd Jürgens als polternder Luftwaffen-General Harras, Verantwortlicher für Entwicklung und Produktion von großdeutschen Kampfflugzeugen, der den verachteten Vertretern der Herrenrasse mit respektlosen Herrenwitzen Paroli zu bieten versucht: »Prost mit'm leeren Glas. Der Führer ist Abstinenzler.« Erst als Harras, nach zahlreichen Unglücksfällen und noch zahlreicheren Unbotmäßigkeiten, zu Abschreckungszwecken verhaftet und einer »psychologischen Behandlung« unterzogen wird, erkennt der alte Flieger die wirkliche Lage der Dinge … Jürgens verleiht dieser hochgradig ambivalenten, zwischen lukullischer Machtlust und sentimentaler Lebensfreude, soldatischer Überheblichkeit und verspäteter Erkenntnis pendelnden Figur (stellenweise übertrieben) saftig-kräftiges Leinwandleben. Die von Helmut Käutner zelebrierte grell-dunkle (Kriegs-)Stimmung – mani­scher Frohsinn, verzweifelter Idealismus, resignierte Romantik, lauernde Angst – überzeugt ebenso wie die süffisante Besetzung des schwarzledernen SS-Schurken Schmidt-Lausitz mit Viktor de Kowa, einem Sonnyboy der Ufa-Films und gelegentlichem Propagandaregisseur von Goebbels’ Gnaden; weniger treffend wirken hingegen einige kokette visuelle Chiffren (Görings dicker Schatten, Himmlers Zwicker) sowie Carl Zuckmayers (drehbuchmäßig entschärfte) Sabotage-Story um den widerständlerischen Konstrukteur Oderberg (Karl John): Gerade die sogenannten unpolitischen Techniker waren (und sind) es ja, die sich zumeist als kritiklos ergebene Helfer der Mächtigen erweisen.

R
 Helmut Käutner B Helmut Käutner, Georg Hurdalek V Carl Zuckmayer K Albert Benitz A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel D Curd Jürgens, Viktor de Kowa, Karl John, Eva-Ingeborg Scholz, Marianne Koch | BRD | 120 min | 1:1,37 | sw | 23. Februar 1955

26.1.55

Pokolenie (Andrzej Wajda, 1955)

Eine Generation

Während Andrzej Wajda im volksdemokratischen Nachkriegspolen seinen Erstling dreht, liegt der ›Vater der Völker‹ gerade mal ein Jahr neben Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz – und so wehen denn durch »Pokolenie« noch dicke Schwaden stalinistischen Gesinnungsdampfes. Die Geschichte des hitzköpfigen Lumpenproletariers Stach aus den Slums von Warschau, der im Widerstand gegen die deutschen Besatzer zum vorbildlichen Kommunisten reift, wird mit viel heroischer Untersicht und schimmernden Glanzlichtern in den Augen erzählt. Alte Arbeiter dozieren über den Mann mit dem weißen Bart, der das Gesetz des Mehrwerts erkannt hat, und wenn ein Gerechter fällt, stehen fünf andere für ihn auf. Daß dieser Film aus der Polnischen (Vor-)Schule trotz gestanzter Charaktere und genormter Handlung über weite Strecken fesselt, verdankt er neben Wajdas inszenatorischer Prägnanz und den ruinösen Settings (die teils von der Wirklichkeit, teils vom Ausstatter Roman Mann geschaffen wurden) nicht zuletzt der Darstellungskraft von Tadeusz Łomnicki, der die zentrale Heldenfigur immer wieder zu brechen vermag und ihr mit seinem naiven Grinsen, seinen pubertären Posen, seiner jugendlichen Impulsivität etwas zutiefst Menschliches und Anrührendes verleiht.

R Andrzej Wajda B Bohdan Czesko V Bohdan Czesko K Jerzy Lipmann M Andrzej Markowski A Roman Mann S Czesław Raniszewski P Ignacy Taub D Tadeusz Łomnicki, Urszula Modrzyńska, Tadeusz Janczar, Janusz Paluszkiewicz, Roman Polański | PL | 83 min | 1:1,37 | sw | 26. Januar 1955

30.12.54

Canaris (Alfred Weidenmann, 1954)

In der Tradition des großdeutschen Geniefilms sowie unter Ausblendung einiger wesentlicher historischer Fakten stilisieren Herbert Reinecker (Drehbuch) und Alfred Weidenmann (Regie) den Abwehrchef der Wehrmacht, Admiral Wilhelm Canaris, zum Verfechter der Wahrheit im Reich der Lüge, zum Kämpfer für den Frieden in Zeiten des Krieges. Es waren nicht alle schlecht, postuliert diese erzählerisch gewiefte Mischung aus Spionagereißer und Gewissensdrama, ein Film, der voll stolzer Inbrunst so tut, als könnte ein richtiges Leben im falschen gelingen. Charakterliche Zwiespältigkeiten leger beiseite schiebend, rückt »Canaris« die Titelfigur ins pathetische Licht des allzeit guten Gewissens – und O. E. Hasse versieht den aufrechten Mahner und Warner, den jovialen Hunde- und Menschenfreund mit dem stechenden Blick und der sonoren Stimme des überlegen-widerständigen Geistes: »Im Grunde wissen wir immer ganz genau, was wir tun müssen. Nur dieses bißchen Angst hindert uns daran, den richtigen Weg zu gehen.«

R Alfred Weidenmann B Herbert Reinecker, Erich Ebermayer K Franz Weihmayr M Siegfried Franz A Rolf Zehetbauer, Albrecht Hennings S Ilse Voigt P F. A. Mainz D O. E. Hasse, Barbara Rütting, Adrian Hoven, Martin Held, Wolfgang Preiss | BRD | 112 min | 1:1,37 | sw | 30. Dezember 1954

13.7.47

In jenen Tagen (Helmut Käutner, 1947)

Das Land ist eine Trümmerwüste. Kriegskrüppel durchwandern den Schutt. Zeit nach dem Ende der Zeit. Gibt es noch Menschen? Hat es je welche gegeben? Sinnlos erscheint es den Überlebenden, angesichts der totalen Katastrophe den Versuch zu unternehmen, äußere und innere Ordnung zu schaffen. Ein toter Gegenstand meldet sich zu Wort, ein schrottreifes Auto (es spricht mit der Stimme des Regisseurs Helmut Käutner) will berichten, nicht von großen Ereignissen, nicht von Helden, nur von ein paar Schicksalen, von ein paar Menschen, denen es begegnet ist, damals … Der Titel des ersten westdeutschen Nachkriegsfilms sagt viel, wenn nicht alles: Zwölf Jahre mörderischer Diktatur werden zu »jenen Tagen« – das klingt nach dämmerigem Mythos, nach ferner Vorgeschichte, nach geheimnisvollem Unglück. Käutner stellt sich denn auch nicht dem Bösen, der Schuld, dem konkreten Verbrechen, stattdessen spricht er vom Guten, von der Hilflosigkeit, von einer allgemeinen Menschlichkeit, die es auch (und gerade) in »dunkler Zeit« gegeben haben muß. In sieben Episoden, die zwischen dem 30. Januar 1933 und dem Zusammenbruch 1945 spielen, sucht der Film fast verzweifelt nach Bildern vom richtigen Leben im falschen, wühlt nach positiven Bruchstücken von Biographien wie nach nutzbaren Gegenständen im Scherbenhaufen: »Die Zeit war stärker als sie, aber ihre Menschlichkeit war stärker als die Zeit.« Das Schlußkapitel versammelt einen Mann namens Josef, eine Frau namens Marie und ein Kind in einer Scheune. In den Ruinen blühen die Sträucher. Die Hoffnung stirbt zuletzt … Der trotzige Glaube an eine ewige Humanitas und die kaum verhüllte Abgespanntheit der Schauspieler machen »In jenen Tagen« – bei allem aufdringlichen Symbolismus und aller Schlichtheit des historischen Denkens – zu einem erhellenden Zeitdokument der deutschen Befindlichkeit nach dem Sprung in den Abgrund.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Ernst Schnabel K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff S Wolfgang Wehrum P Helmut Käutner D Winnie Markus, Werner Hinz, Alice Treff, Ida Ehre, Carl Raddatz, Bettina Moissi | D (W) | 98 min | 1:1,37 | sw | 13. Juni 1947

15.1.47

13 Rue Madeleine (Henry Hathaway, 1947)

Die zweite »semidocumentary« des Gespanns Louis de Rochemont (Produktion) und Henry Hathaway (Regie) folgt, anders als der Vorgänger »The House on 92nd Street«, sehr deutlich den Konventionen des klassischen Spionagefilms: Ein zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in den militärischen Nachrichtendienst der USA eingeschmuggelter deutscher Agent (entschlossen: Richard Conte) will die Pläne der Alliierten zur Errichtung einer zweiten Front auskundschaften; der Leiter der Einheit (kernig: James Cagney) setzt alles daran, die Mission seines Widersachers zu torpedieren. Der gnadenlose Kampf (»Fair play? That’s out!«) führt schließlich hinter die feindlichen Linien ins besetzte Frankreich … Zwar erhält in »13 Rue Madeleine« die Darstellung von geheimdienstlicher Ausbildung und Alltagsarbeit wiederum viel Raum, auch werden die tödlichen Risiken des zweitältesten Gewerbes der Welt nicht durch wundersame (Drehbuch-)Rettungen in letzter Minute beschönigt, doch die faktenorientierte Sachlichkeit tritt in den Hintergrund zugunsten herkömmlicher Mechanismen von Spannungsentwicklung, bis hin zum finalen Duell der Gegenspieler in einem schummrigen Folterkeller.

R Henry Hathaway B Sy Bartlett, John Monks Jr. K Norbert Brodine M David Buttolph A James Basevi, Maurice Ransford S Harmon Jones P Louis de Rochemont D James Cagney, Richard Conte, Annabella, Frank Latimore, Walter Abel | USA | 95 min | 1:1,37 | sw | 15. Januar 1947

28.9.46

Cloak and Dagger (Fritz Lang, 1946)

Im Geheimdienst

»There was a time when I thought I wanted to be some kind of secret agent. I gave it up when I was eight.« Dennoch läßt sich der amerikanische Kernphysiker Alvah Jesper, von Gary Cooper mit kraftvollem Understatement gespielt, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs überzeugen, in den Dienst des Office of Strategic Services einzutreten, um den Stand der großdeutschen Atom(bomben)forschung zu eruieren. Jespers Weg führt durch die (spionisch unterwanderte) Schweiz ins faschistische Italien, wo er nicht nur einen von braunen Schurken zur Mitarbeit gepreßten Wissenschaftler aufspürt, sondern auch der spröden Widerstandkämpferin Gina (Lilli Palmer) näherkommt; die (vom Produzenten geschnittene) Schlußetappe der Expedition hätte ihn das Herz der Finsternis, das unter Zurücklassung von zigtausend toten Zwangsarbeitern geräumte (mutmaßlich nach Südamerika verlegte) deutsche Nuklearlabor, entdecken lassen sollen ... Die Figur des geheimdienstlichen Laien erinnert an die unheldischen Helden der frühen Romane von Eric Ambler, Journalisten, Ingenieure, Geschäftsleute, die sich nolens volens in unübersichtlichen (und lebensgefährlicher) Umständen bewähren müssen. »The Dark Frontier«, »Uncommon Danger«, »Journey Into Fear« wären denn auch passende Titel für Fritz Langs (vierten und letzten) Anti-Nazi-Thriller, der seinen Protagonisten zumeist beobachtend, zuhörend, reagierend, in Momenten der Gefahr aber entschlossen handelnd zeigt: Mit der betont nüchtern gestalteten Szene des lautlosen Totmachens eines Verfolgers nimmt Lang gar die (ungleich kokettere) Darstellung eines ähnlichen Vorgangs in Alfred Hitchcocks vergleichbarem Amateuragentenstück »Torn Curtain« vorweg.

R Fritz Lang B Ring Lardner Jr., Albert Maltz, Boris Ingster, John Larkin V Corey Ford, Alastair MacBain K Sol Polito M Max Steiner A Max Parker S Christian Nyby P Milton Sperling D Gary Cooper, Lilli Palmer, Robert Alda, Vladimir Sokoloff, Marc Lawrence | USA | 106 min | 1:1,37 | sw | 28. September 1946

# 1112 | 18. Mai 2018

11.10.44

To Have and Have Not (Howard Hawks, 1944)

Haben und Nichthaben

»Martinique, in the summer of 1940, shortly after the fall of France …« Auf den ersten Blick wirkt Howard Hawks’ Hemingway-Adaption wie eine Variation von »Casablanca«: im Mittelpunkt ein (von Humphrey Bogart gespielter) Einzelgänger, der zunächst verbissen seine an Herzlosigkeit grenzende Autonomie verteidigt, dann aber um so couragierter für die gute Sache eintritt; ein Handlungsort in den vom Vichy-Regime kontrollierten französischen Kolonien (Karibik statt Nordafrika); ein Freiheitskämpfer (in Begleitung seiner liebenden Ehefrau) auf der Flucht vor Nazi-Schergen (Paul de Bursac statt Victor László); ein schleimig-tückischer Polizeioffizier (Capitaine Renard als Mischung aus Louis Renault, Major Strasser und dem Fettsack Ferrari); ein immer überfülltes Etablissement (mit hauseigenem Pianist), in dem alle Ereignisfäden zusammenlaufen (›Hotel Marquis‹ statt ›Rick’s Café Américain‹). Der entscheidende Unterschied liegt in der völlig anders gearteten zentralen Romanze, die Tonfall und Atmosphäre des Films bestimmt. Harry Morgan (Bogart), der sich und sein Fischerboot an wohlhabende Touristen vermietet, und die coole Herumtreiberin (und behende Gelgenheitsdiebin) Marie Browning (Lauren Bacall in ihrem atemberaubenden Leinwanddebüt) belegen sich schon beim zweiten Zusammentreffen mit frotzelnden Spitznamen (›Steve‹ vs. ›Slim‹), schenken einander nichts in Sachen Unabhängigkeit, Beherrschtheit und Intelligenz. Ihre Liebe erwächst aus gegenseitigem Respekt und bringt in beiden das Beste zum Vorschein – anders als in »Casablanca« ohne jede melancholische Grundierung. »You know how to whistle, don't you, Steve? You just put your lips together and ... blow.«

R Howard Hawks B Jules Furthman, William Faulkner V Ernest Hemingway K Sidney Hickox M Franz Waxman A Charles Novi S Christian Nyby P Howard Hawks D Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Walter Brennan, Dolores Moran, Marcel Dalio, Hoagy Carmichael | USA | 100 min | 1:1,37 | sw | 11. Oktober 1944

# 987 | 2. März 2016

26.3.43

Hangmen Also Die! (Fritz Lang, 1943)

Auch Henker sterben

»Heydrich been shot!« Schüsse auf den Schlächter oder: Ein Mörder wird ermordet. Fritz Lang und Bertolt Brecht, zwei deutsche Emigranten in Hollywood, nehmen das gelungene Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren und Chef des Reichssicherheitshauptamtes zum Anlaß, das Wirken zweier gegnerischer Kräfte zu beschreiben, der übermächtigen (vollkommen skrupellos agierenden) großdeutschen Geheimpolizei im besetzten Prag und der hochgradig gefährdeten (dabei allgegenwärtigen) tschechischen Untergrundbewegung. Waltet das eine System als straff durchorganisierter, krakenhafter Apparat, erscheint das andere als ebenso filigranes wie fest geknüpftes Netzwerk, das Stadt und Bevölkerung mycelartig durchdringt. Willkür, Folter und Terror der (verbrecherischen) Macht setzt der (freiheitliche) Widerstand (nicht nur) Ungehorsam, Sabotage und Idealismus entgegen. Eher raffiniert gebautes Spannungsdrama Langscher Prägung als didaktisches Lehrstück im Brechtschen Sinne, stellt »Hangmen Also Die!« bei aller propagandistischen Zustimmung für die Sache der Antifaschisten (»Die if you must, / for a cause that’s just. / But shout to the end: / ›No Surrender!‹«) auch die Frage, ob der (politische) Zweck tatsächlich alle (gewalttätigen) Mittel heilige.

R Fritz Lang B Fritz Lang, Bertolt Brecht, John Wexley K James Wong Howe M Hanns Eisler A William Darling S Gene Fowler Jr. P Fritz Lang, Arnold Pressburger D Brian Donlevy, Walter Brennan, Ann Lee, Gene Lockhart, Alexander Granach | USA | 134 min | 1:1,37 | sw | 26. März 1943

# 1105 | 23. April 2018

26.11.42

Casablanca (Michael Curtiz, 1942)

Casablanca

Neben dem Marxschen Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität gibt es auch das kinematographische Gesetz des Umschlagens von Lüge in Wahrheit. »Casablanca« ist so durch und durch falsch, so künstlich und konstruiert, so fern von sogenanntem Realismus, daß seine Authentizität kaum in Zweifel gezogen werden kann. Das Propaganda-Märchen vom zynisch-alkoholischen Gutmenschen Rick Blaine, der in einer verrückten Welt (Krieg, Nazis, Kollaboration, Widerstand, Sehnsucht, Liebe) den Überblick behält, persönliche Belange (= Ilsa Lund) souverän (aber ohne gefühllos zu sein) hintanstellt und Entscheidungen im Hinblick auf moralische und historische Notwendigkeiten trifft, funktioniert nicht nur als perfektes, hochemotionales Melodram, es ist ein (wenn nicht das) Destillat des Golden Age of Hollywood. Die Leistungen aller Beteiligten – angefangen beim Regisseur (Michael Curtiz) über die Stars (Humphrey Bogart und Ingrid Bergman), die Autoren (Epstein, Epstein & Koch) und den Komponisten (Max Steiner) bis hin zum bewegenden Stelldichein der Emigranten (Bois, Grüning, Henreid, Lorre, Szakall, Veidt – die Vertreter der »Echtheit« in diesem Film) – sind untadelig, aber erst der aus jeder Einstellung funkelnde genius of the system macht »Casablanca« zu einem der unsterblichen Sehnsuchtsorte des Kinos.

R Michael Curtiz B Julius J. Epstein, Philip G. Epstein, Howard Koch V Murray Burnett, Joan Alison K Arthur Edeson M Max Steiner A Carl Jules Weyl S Owen Marks P Hal B. Wallis D Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Rains, Conrad Veidt | USA | 102 min | 1:1,37 | sw | 26. November 1942

6.3.42

To Be or Not to Be (Ernst Lubitsch, 1942)

Sein oder Nichtsein

»They named a brandy after Napoleon, they made a herring out of Bismarck, and the Führer is going to end up as a piece of cheese!« Warschau im Zweiten Weltkrieg – eine Theater-Truppe verhindert die geplante Eliminierung der polnischen Untergrundbewegung durch die deutschen Besatzer: Erstklassige Schmiere triumphiert über brutales Overacting. Ernst Lubitschs zauberhaft-kraftvollem Polit-Vaudeville »To Be or Not to Be« gelingt im Kino mit maliziöser Leichtigkeit, wofür in der Realität ein hoher Blutzoll verlangt wird: Hitler und die Nationalsozialisten an die Wand zu spielen. Das glamourös-eitle Bühnenkünstler-Ehepaar Maria und Josef Tura (ingeniös verkörpert von Screwball-Heroine Carole Lombard und Comedy-Star Jack Benny) sowie ihre kämpferischen Partner ridikülisieren nicht nur mit Grandezza das Wüten des Diktators (»just a man with a little mustache«) und seiner infam-törichten Schergen (Sig Ruman als mord(s)lustiger Gestapo-Chef ›Concentration Camp‹ Ehrhardt!), sie bezeugen auch eine von Felix Bressart alias ›Greenberg‹ formulierte ewige Wahrheit: »A laugh is nothing to be sneezed at.«

R Ernst Lubitsch B Edwin Justus Mayer K Rudolph Maté M Werner R. Heymann A Vincent Korda S Dorothy Spencer P Ernst Lubitsch D Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Sig Ruman | USA | 99 min | 1:1,37 | sw | 6. März 1942