»Was ist meine Vergangenheit? Die meines Körpers oder die meines Kopfes?« ¾ Mad-Scientist-Horror-SciFi + ¼ Unterwäsche-Revue, made in Adenauer-Deutschland: Mittels ›Serum Z‹ gelingt es dem genialen Mediziner Prof. Abel (legendär: Michel Simon), einen Hundekopf getrennt vom Körper am Leben zu halten. Kurz darauf muß Abels eigener Kopf mitansehen, wie er von seinem begabten, aber leider völlig verrückten Assistenten Dr. Ood (satanisch: Horst Frank) dem gleichen Experiment unterzogen wird. Außerdem verpflanzt der irre Arzt – mit Erfolg! – den bildschönen Kopf einer buckligen Krankenschwester auf den makellosen Körper einer Stripteasetänzerin aus dem ›Tam-Tam‹ (mehr oder weniger nackt: Christiane Maybach) ... Unter der Ägide des späteren »Schulmädchen«-Reporters Wolf C. Hartwig versammelt Remigrant Victor Trivas nicht nur einen illustren Cast sondern vor allem eine filmhistorisch imposante Crew – Kamera: Georg Krause (»Paths of Glory«) / Bauten: Hermann Warm (»Dr. Caligari«) / Effekte: Theo Nischwitz (»Münchhausen«). Heulen und Zähneklappern wollen sich zwar nicht einstellen, für makabres Amüsement sorgt »Die Nackte und der Satan« aber allemal. Auf die alte Frage, wie weit Wissenschaftler gehen dürfen, gibt der Film im übrigen eine klare, moralisch-fundierte Antwort: bis in die nächste Nachtbar.
R Victor Trivas B Victor Trivas K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Friedel Buckow P Wolf C. Hartwig D Horst Frank, Michel Simon, Paul Dahlke, Karin Kernke, Christiane Maybach | BRD | 96 min | 1:1,37 | sw | 24. Juli 1959
24.7.59
23.7.59
Menschen im Netz (Franz Peter Wirth, 1959)
Einer der ganz wenigen Versuche des bundesdeutschen Nachkriegskinos, sich mit der Wirklichkeit des geteilten Landes auseinanderzusetzen. Anders als für das DDR-Filmstudio Defa spielt die Existenz zweier deutscher Staaten mit gegensätzlichen (und gegnerischen) Gesellschaftssystemen für westliche Produzenten jahrzehntelang praktisch keine Rolle. »Menschen im Netz« verarbeitet die Problematik zu einem kolportagehaften Genrestück mit zaghaft veristischen Ansätzen: Nach fünf Jahren Bautzen-Haft wird Klaus Martens (Hansjörg Felmy) vorzeitig entlassen und reist zu seiner Frau Gitta (Johanna von Koczian) nach München. Die Wiedersehensfreude ist groß, doch schon bald fallen Schatten auf das wiedervereinigte Eheglück. Klaus ist mißtrauisch: Wovon bezahlt seine Frau ihre schicke Wohnung? Warum erzählt sie nie von ihrer Arbeit im ›Schreib- und Übersetzungsbüro Fischer‹? Wohin geht sie Abend für Abend wirklich? Die traurige Wahrheit: Um ihren Mann freizubekommen, trat Gitta in den Dienst des ostzonalen Geheimdienstes – eine Kooperation, die tödlich endet … Franz Peter Wirth inszeniert das (auf einem Illustriertenroman basierende) Kriminaldrama straff und unsentimental, mit Blick aufs »Menschliche« und Sinn für stimmige Alltagsimpressionen, jedoch ohne politische Vertiefung und weitgehend beherrscht von gattungstypischen Klischees. Die Ostagenten heißen Olga, Karel, Janosch – und sehen auch so aus. Ihre Treffpunkte sind Hotellobbys, Bumslokale, Lagerhallen. Interessant allerdings, daß die westliche Konkurrenz auch nicht einnehmender ist: Ein gewisser Herr Braun von der Spionageabwehr (Hannes Messemer) fällt stets mit der Tür ins Haus, erklärt sich nicht, stellt ohne Umschweife bohrende Fragen, droht mit bellender Wochenschaustimme Unangenehmes an, wirft, wie seine Gegenspieler, Netze aus, in denen sich Unschuldige verfangen.
R Franz Peter Wirth B Herbert Reinecker V Will Tremper, Erich Kern K Günther Senftleben M Hans-Martin Majewski A Franz Bi S Claus von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Hannes Messemer, Ingeborg Schöner, Olga von Togni | BRD | 96 min | 1:1,66 | sw | 23. Juli 1959
R Franz Peter Wirth B Herbert Reinecker V Will Tremper, Erich Kern K Günther Senftleben M Hans-Martin Majewski A Franz Bi S Claus von Boro P Hans Abich D Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Hannes Messemer, Ingeborg Schöner, Olga von Togni | BRD | 96 min | 1:1,66 | sw | 23. Juli 1959
17.7.59
North by Northwest (Alfred Hitchcock, 1959)
Der unsichtbare Dritte
Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«
R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye Ko Harry Kress S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959
Jemand mußte Roger O. Thornhill verwechselt haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Tages verschleppt ... Nach der komplexen Gefühlsspirale von »Vertigo« folgt Alfred Hitchcock in »North by Northwest« einer einfachen linearen Bewegung von New York über Chicago nach Rapid City, South Dakota. Auf diesem pfeilgeraden Weg liegt allerdings – neben Mord, Betrug und Angst – das beklemmende Gefühl der Geworfenheit in eine unverständliche Welt, begleitet vom galoppierenden Ich-Zerfall des fassungslosen Helden (the ideal average man: Cary Grant). Mit alptraumhafter Klarheit und hochentwickeltem Sinn für das Absurde – besonders intensiv in einer knapp zehnminütigen, auf jede musikalische Untermalung verzichtenden Sequenz mitten im strahlend sonnigen Nirgendwo der Prärie – läßt Hitchcock die Geschichte eines Mannes ablaufen, der nicht nur in die Rolle eines anderen gedrängt wird, sondern (höhnische Quadratur des Identitätsverlustes!) in die Rolle eines anderen, den es gar nicht gibt. »All I want to do is write the Hitchcock picture to end all Hitchcock pictures«, bemerkte Drehbuchautor Ernest Lehman; Hitchcock jedoch wäre nicht Hitchcock, hätte er nicht zwischen »wit, glamor, sophistication and suspense« den Altar plaziert, auf dem er mit Inbrunst seiner Religion der Willkür huldigt – und auf diese Weise ein »real movie movie« erhöht zu einem fantastischerweise zugleich abstrakten und anschaulichen (und dabei noch romantischen) Thriller über Ausgeliefertsein und (Un-)Schuld, zu einer kulinarisch-kalkulierten Studie reiner Emotion und reiner Bewegung. PS: »You gentlemen aren't REALLY trying to kill my son, are you?«
R Alfred Hitchcock B Ernest Lehman K Robert Burks M Bernard Herrmann A William A. Horning, Merrill Pye Ko Harry Kress S George Tomasini P Alfred Hitchcock D Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll | USA | 131 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1959
1.7.59
Der Rest ist Schweigen (Helmut Käutner, 1959)
Die Bundesrepublik statt Dänemark, Essen statt Helsingør: John H. (!) Claudius (≈ Hamlet = Hardy Krüger) kehrt nach langjähriger Abwesenheit aus amerikanischer Emigration heim (?) ins wirtschaftswunderliche Deutschland, um den 15 Jahre zurückliegenden Tod seines Vaters, eines ehemaligen Reichswirtschaftsführers, zu untersuchen und (nachdem sich das Ableben des Ruhrbarons als heimtückischer Brudermord erwiesen hat) zu rächen – wobei, wie zu erwarten, Unentschlossenheit und Zweifel aufkommen… Helmut Käutner verschiebt das Shakespeare-Stück recht klug in die Villa einer Industriellensippschaft der Nachkriegszeit, deren blutig-intrigante Geschichte durchaus zur Allegorie der versuchten Verdrängung von Schuld und des eitrigen Hervorquellens einer unbewältigten Vergangenheit taugt. Hartes Licht (Kamera: Igor Oberberg), ungemütliche elektronische Klänge (Musik: Bernhard Eichhorn), ein sehenswertes Ensemble – darunter Peter van Eyck, Rudolf Forster und Ingrid Andrée (als erst ent-, dann verrückte Fee ≈ Ophelia) – sowie der flackernde Schein der Hochöfen am nächtlichen Himmel sorgen für eine explosive Atmosphäre, in der unbequeme Wahrheiten über die (verbrecherische) Verstrickung von Politik und Wirtschaft ans Licht gebracht werden; doch vor allem in der zweiten Hälfte des erstaunlich bitteren Films drängelt sich der familiäre Krimiplot vor die gesellschaftliche Tragödie, und ohne die stilistische Brillanz und die erleuchtende Tiefe der dichterischen Sprache des großen englischen Dramatikers entgeht »Der Rest ist Schweigen« nicht ganz dem Schematismus einer Seifenoper.
R Helmut Käutner B Helmut Käutner V William Shakespeare K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Herbert Kirchhoff, Albecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Helmut Käutner, Harald Braun, Wolfgang Staudte D Hardy Krüger, Peter van Eyck, Ingrid Andrée, Adelheid Seeck, Rudolf Forster | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 1. Juli 1959
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Wirtschaftswunder
18.6.59
The Nun’s Story (Fred Zinnemann, 1959)
Geschichte einer Nonne
»There is no resting place. Ever.« Brügge, Anfang der 1920er Jahre: Gabrielle van der Mal (Audrey Hepburn), Tochter eines namhaften Arztes, entscheidet sich für das Leben als Nonne, bewegt von der (nicht allzu) stillen Hoffnung, ihr Orden möge sie als Krankenschwester in den Kongo entsenden. Gabrielles angeborener Eigensinn bringt sie vom ersten Tag an immer wieder in Konflikt mit dem strengen Reglement der klösterlichen Gemeinschaft, das Demut und Gehorsam bis hin zur Aufgabe der individuellen Persönlichkeit verlangt. Fred Zinnemann erzählt die Geschichte der Nonne als unsentimentales Gewissensdrama in rigidem Schwarz-Weiß-Grau (Ausstattung: Alexandre Trauner), das vorübergehend durch die vitale Farbigkeit der Tropen befreiend aufgerissen wird, als Abfolge von Prüfungen, deren tieferer (oder höherer) Sinn letzten Endes rätselhaft bleibt. So ist Schwester Lukas’ schließliche Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – insbesondere nach der Begegnung mit dem ausgesprochen diesseitigen Dr. Fortunati (Peter Finch), der ihre religiöse Bestimmung mitmenschlich-kritisch hinterfragt –, nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als mutige Behauptung von Souveränität: »Dear Lord, forgive me, I cannot obey anymore. What I do from now on is between You and me alone.«
R Fred Zinnemann B Robert Anderson V Kathryn Hulme K Franz Planer M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Walter Thompson P Henry Blanke D Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger | USA | 149 min | 1:1,78 | f | 18. Juni 1959
# 1102 | 2. März 2018
»There is no resting place. Ever.« Brügge, Anfang der 1920er Jahre: Gabrielle van der Mal (Audrey Hepburn), Tochter eines namhaften Arztes, entscheidet sich für das Leben als Nonne, bewegt von der (nicht allzu) stillen Hoffnung, ihr Orden möge sie als Krankenschwester in den Kongo entsenden. Gabrielles angeborener Eigensinn bringt sie vom ersten Tag an immer wieder in Konflikt mit dem strengen Reglement der klösterlichen Gemeinschaft, das Demut und Gehorsam bis hin zur Aufgabe der individuellen Persönlichkeit verlangt. Fred Zinnemann erzählt die Geschichte der Nonne als unsentimentales Gewissensdrama in rigidem Schwarz-Weiß-Grau (Ausstattung: Alexandre Trauner), das vorübergehend durch die vitale Farbigkeit der Tropen befreiend aufgerissen wird, als Abfolge von Prüfungen, deren tieferer (oder höherer) Sinn letzten Endes rätselhaft bleibt. So ist Schwester Lukas’ schließliche Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – insbesondere nach der Begegnung mit dem ausgesprochen diesseitigen Dr. Fortunati (Peter Finch), der ihre religiöse Bestimmung mitmenschlich-kritisch hinterfragt –, nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als mutige Behauptung von Souveränität: »Dear Lord, forgive me, I cannot obey anymore. What I do from now on is between You and me alone.«
R Fred Zinnemann B Robert Anderson V Kathryn Hulme K Franz Planer M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Walter Thompson P Henry Blanke D Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger | USA | 149 min | 1:1,78 | f | 18. Juni 1959
# 1102 | 2. März 2018
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10.6.59
Hiroshima, mon amour (Alain Resnais, 1959)
Hiroshima, mon amour
Über das Unsagbare sprechen, das nicht Darstellbare zeigen, das Unmögliche wagen: »Hiroshima, mon amour« – der Ort der totalen Zerstörung und das höchste der Gefühle. Körperteile, in Asche gehüllt, Fleisch, bedeckt mit Schweiß, verschlungene Leiber: Sie (Emmanuelle Riva) ist eine französische Schauspielerin, er (Eiji Okada) ist ein japanischer Architekt. Sie ist nach Hiroshima gekommen, um in einem Film mitzuwirken, in einem Film über den Frieden. Sie hat das Krankenhaus gesehen und das Museum und den Fluß und das Denkmal und den Park und die Kraniche aus Papier. Alain Resnais zeigt alles, was sie gesehen hat, zeigt es in dokumentarischen Bildern. »Tu n’a rien vu à Hiroshima, rien«, sagt er zu ihr. »J’ai tout vu, tout«, sagt sie zu ihm. Sie lieben sich. Es ist der letzte Drehtag. Er fordert sie auf zu bleiben. Bei ihm. In Hiroshima. Sie will nach Hause zurückkehren. Sie ist glücklich verheiratet. So wie er. Marguerite Duras’ Dialoge klingen wie Opernduette, unwirklich-klar, sachlich-pathetisch. Er fragt sie, wo sie war, als in Hiroshima die Bombe fiel. Sie war in Paris, antwortet sie. Sie war glücklich. Weil der Krieg vorbei war. Weil ihr Unglück vorbei war. Ihr Unglück, das war auch und vor allem ihr Glück. Ein deutscher Soldat. Ihre erste Liebe. In ihrer Heimatstadt. In Nevers in Frankreich. Der deutsche Soldat wurde erschossen. Sie wurde geschoren. Sie wurde in einen Keller gesperrt. Weil sie einen Feind geliebt hatte. Sie wurde verrückt. Sie kam wieder zur Vernunft. Als sie ihre Liebe vergessen hatte. In Hiroshima, am Ort der Katastrophe, findet sie ihre erste Liebe wieder, ihr Glück, ihren Schmerz, ihr Leben. »Hi-ro-shi-ma … c’est ton nom«, sagt sie zu ihm. Und er sagt zu ihr: »Ton nom à toi est Nevers. Ne-vers-en-Fran-ce.« Hiroshima. Nevers. Erinnern. Vergessen. Liebe. Tod. Gestern. Heute. Immer. Überall.
R Alain Resnais B Marguerite Duras K Michio Takahashi, Sacha Vierny M Giovanni Fusco, Georges Delerue A Minoru Esaka, Mayo (= Antoine Malliarakis) S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Samy Halfon D Emmanuelle Riva, Eiji Okada, Bernard Fresson | F & JP | 91 min | 1:1,37 | sw | 10. Juni 1959
# 842 | 7. März 2014
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12.5.59
Ohayo (Yasujiro Ozu, 1959)
Guten Morgen
Nachbarn und Kinder:
Sie sägen an den Nerven,
auch wenn sie schweigen.
R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Yuharu Atsuta M Toshiro Mayuzumi A Tatsuo Hamada S Yoshiyasu Hamamura P Shizuo Yamanouchi D Keji Sada, Yoshiko Kuga, Chishu Ryu, Kuniko Miyake, Haruko Sugimura | JP | 94 min | 1:1,37 | f | 12. Mai 1959
Nachbarn und Kinder:
Sie sägen an den Nerven,
auch wenn sie schweigen.
R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Yuharu Atsuta M Toshiro Mayuzumi A Tatsuo Hamada S Yoshiyasu Hamamura P Shizuo Yamanouchi D Keji Sada, Yoshiko Kuga, Chishu Ryu, Kuniko Miyake, Haruko Sugimura | JP | 94 min | 1:1,37 | f | 12. Mai 1959
4.5.59
Les 400 coups (François Truffaut, 1959)
Sie küßten und sie schlugen ihn
François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.
R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959
François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.
R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959
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Freundschaft,
Kindheit,
Léaud,
Nouvelle Vague,
Paris,
Schule,
Truffaut
21.4.59
Sapphire (Basil Dearden, 1959)
Das Mädchen Saphir
»You always can tell.« Latenter Rassismus, aufbereitet in einem formal stilsicheren, positionell zeitweilig indifferenten Londoner Problemkrimi: Eine junge Frau liegt ermordet unter einem Busch in Hampstead Heath. Die polizeilichen Ermittler registrieren Anspannung beim Verlobten der Toten und dessen Angehörigen, doch erst als der Bruder des Opfers zur Aussage erscheint, platzt die Bombe: Die Tote war »coloured«, Tochter eines britischen Arztes und einer schwarzen Tänzerin. Irgendwann hatte Sapphire, die temperamentvolle Musikstudentin, entdeckt, daß sie mit ihrer »lily skin« als Weiße durchgehen konnte, ihr Leben daraufhin radikal geändert und neue Chancen ergriffen. Nicht einmal ihr Verlobter David, Sproß einer engstirnigen Kleinbürgerfamilie, hatte etwas von der (menschlich und sozial gespaltenen) Identität seiner Liebsten bemerkt. Als er es erfuhr, war es ihm egal – jemand anderem allerdings nicht … Basil Dearden nutzt das Whodunit-Format geschickt, um beim nachforschenden Zug durch die Gemeinde eingefleischte Vorurteile und unterschwellige wie offene Verachtung gegenüber »Fremden« zu desavouieren (vor allem die verkniffenen landladies bekommen ihr Fett weg), hin und wieder jedoch rutscht er bei der Darstellung des »Anderen« selbst ins Stereotypische: Der Schwarze wippt »naturgemäß« im jazzigen Rhythmus der Musik, bleckt bei Gefahr die Zähne und rollt die Augen, wenn er lustig ist (oder umgekehrt). Unsentimentale Blicke in enge Stuben, trübgraue Straßen und bittere Seelen machen den Reiz von »Sapphire« aus, als Beitrag zum Kampf gegen ethnische Diskriminierung stößt der Film jedoch an seine immanenten Grenzen – oder wie der abgeklärte Superintendent nach der Lösung des Falls zu seinem jungen Kollegen sagt: »We didn't solve anything, Phil. We just picked up the pieces.«
R Basil Dearden B Janet Green, Lukas Heller K Harry Waxman M Philip Green A Carmen Dillon S John D. Guthridge P Michael Relph D Nigel Patrick, Paul Massie, Bernard Miles, Yvonne Mitchell, Earl Cameron | UK | 92 min | 1:1,66 | f | 21. April 1959
»You always can tell.« Latenter Rassismus, aufbereitet in einem formal stilsicheren, positionell zeitweilig indifferenten Londoner Problemkrimi: Eine junge Frau liegt ermordet unter einem Busch in Hampstead Heath. Die polizeilichen Ermittler registrieren Anspannung beim Verlobten der Toten und dessen Angehörigen, doch erst als der Bruder des Opfers zur Aussage erscheint, platzt die Bombe: Die Tote war »coloured«, Tochter eines britischen Arztes und einer schwarzen Tänzerin. Irgendwann hatte Sapphire, die temperamentvolle Musikstudentin, entdeckt, daß sie mit ihrer »lily skin« als Weiße durchgehen konnte, ihr Leben daraufhin radikal geändert und neue Chancen ergriffen. Nicht einmal ihr Verlobter David, Sproß einer engstirnigen Kleinbürgerfamilie, hatte etwas von der (menschlich und sozial gespaltenen) Identität seiner Liebsten bemerkt. Als er es erfuhr, war es ihm egal – jemand anderem allerdings nicht … Basil Dearden nutzt das Whodunit-Format geschickt, um beim nachforschenden Zug durch die Gemeinde eingefleischte Vorurteile und unterschwellige wie offene Verachtung gegenüber »Fremden« zu desavouieren (vor allem die verkniffenen landladies bekommen ihr Fett weg), hin und wieder jedoch rutscht er bei der Darstellung des »Anderen« selbst ins Stereotypische: Der Schwarze wippt »naturgemäß« im jazzigen Rhythmus der Musik, bleckt bei Gefahr die Zähne und rollt die Augen, wenn er lustig ist (oder umgekehrt). Unsentimentale Blicke in enge Stuben, trübgraue Straßen und bittere Seelen machen den Reiz von »Sapphire« aus, als Beitrag zum Kampf gegen ethnische Diskriminierung stößt der Film jedoch an seine immanenten Grenzen – oder wie der abgeklärte Superintendent nach der Lösung des Falls zu seinem jungen Kollegen sagt: »We didn't solve anything, Phil. We just picked up the pieces.«
R Basil Dearden B Janet Green, Lukas Heller K Harry Waxman M Philip Green A Carmen Dillon S John D. Guthridge P Michael Relph D Nigel Patrick, Paul Massie, Bernard Miles, Yvonne Mitchell, Earl Cameron | UK | 92 min | 1:1,66 | f | 21. April 1959
17.4.59
Imitation of Life (Douglas Sirk, 1959)
Solange es Menschen gibt
»Without love you’re only living / an imitation, an imitation of life.« Zwei Frauen, zwei Mädchen, zehn Jahre – Armut und Ambition, Hoffnung und Leid, Ruhm und Tod. Die erfolglose, aber brennend ehrgeizige Schauspielerin Lora Meredith (Lana Turner) trifft auf die heimatlose, aber herzensgute Annie Johnson (Juanita Moore). Die beiden alleinerziehenden Mütter sind sich sympathisch, und so beschließen die Platinblondine und die Farbige fortan zusammenzuleben: Die eine will Karriere machen, die andere wird sich um die Kinder und um den Haushalt kümmern. Lora, deren Stern zu leuchten beginnt, weist die Zuneigung eines fordernden Verehrers zurück und bemerkt nicht, wie sie sich im Emporkommen von ihrer Tochter Susie entfremdet; Annie muß schmerzlich erkennen, daß sie von ihrer hellhäutigen Tochter Sarah Jane verleugnet wird, die nach einem weißen Leben fiebert: »I'm someone else.« … Mit den Diamanten, die sich unter den Anfangstiteln häufen, gibt Douglas Sirk einen Vorgeschmack auf den funkelnden Look dieses Hochglanz-Melodramas über Selbstbetrug und die Leere des Triumphs, über Einsamkeit und die Trivialität eines Daseins ohne Liebe, über die Relationen von Dienen und Gebieten, von Mann und Frau, von Weiß und Schwarz. Ja, auch »Rassenfragen« werden gestellt, allerdings weniger in gesellschaftspolitischer Hinsicht, eher unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Problematik von Identität und Fremdheit. Das Ende des Films – das alle Tränenschleusen öffnet, wenn Mahalia Jackson von der finalen Überwindung der »troubles of the world« singt – bringt eine bemerkenswerte Mischung der Farben (und eine definitive Synthese von Ironie und Seifenoper): reinweiße Blumen und weiße Pferde für eine tote Schwarze, tiefschwarze Kleider und eine schwarze Limousine für die trauernden Weißen. Nach »Imitation of Life« wird Sirk keinen weiteren Spielfilm inszenieren: »No more weepin' and wailin' …«
R Douglas Sirk B Eleanor Griffin, Allan Scott V Fannie Hurst K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter D Lana Turner, Juanita Moore, Susan Kohner, Sandra Dee, John Gavin | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 17. April 1959
»Without love you’re only living / an imitation, an imitation of life.« Zwei Frauen, zwei Mädchen, zehn Jahre – Armut und Ambition, Hoffnung und Leid, Ruhm und Tod. Die erfolglose, aber brennend ehrgeizige Schauspielerin Lora Meredith (Lana Turner) trifft auf die heimatlose, aber herzensgute Annie Johnson (Juanita Moore). Die beiden alleinerziehenden Mütter sind sich sympathisch, und so beschließen die Platinblondine und die Farbige fortan zusammenzuleben: Die eine will Karriere machen, die andere wird sich um die Kinder und um den Haushalt kümmern. Lora, deren Stern zu leuchten beginnt, weist die Zuneigung eines fordernden Verehrers zurück und bemerkt nicht, wie sie sich im Emporkommen von ihrer Tochter Susie entfremdet; Annie muß schmerzlich erkennen, daß sie von ihrer hellhäutigen Tochter Sarah Jane verleugnet wird, die nach einem weißen Leben fiebert: »I'm someone else.« … Mit den Diamanten, die sich unter den Anfangstiteln häufen, gibt Douglas Sirk einen Vorgeschmack auf den funkelnden Look dieses Hochglanz-Melodramas über Selbstbetrug und die Leere des Triumphs, über Einsamkeit und die Trivialität eines Daseins ohne Liebe, über die Relationen von Dienen und Gebieten, von Mann und Frau, von Weiß und Schwarz. Ja, auch »Rassenfragen« werden gestellt, allerdings weniger in gesellschaftspolitischer Hinsicht, eher unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Problematik von Identität und Fremdheit. Das Ende des Films – das alle Tränenschleusen öffnet, wenn Mahalia Jackson von der finalen Überwindung der »troubles of the world« singt – bringt eine bemerkenswerte Mischung der Farben (und eine definitive Synthese von Ironie und Seifenoper): reinweiße Blumen und weiße Pferde für eine tote Schwarze, tiefschwarze Kleider und eine schwarze Limousine für die trauernden Weißen. Nach »Imitation of Life« wird Sirk keinen weiteren Spielfilm inszenieren: »No more weepin' and wailin' …«
R Douglas Sirk B Eleanor Griffin, Allan Scott V Fannie Hurst K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter D Lana Turner, Juanita Moore, Susan Kohner, Sandra Dee, John Gavin | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 17. April 1959
1.4.59
Whirlpool (Lewis Allen, 1959)
Die schwarze Lorelei
»He’s got me spinning in a whirlpool of love.« Ein Rheinfahrt gegen den Strom, ein Strudel von Kitsch und Existenzialismus, eine Drift durch die Schatten der Vergangenheit in die Sehnsucht nach einem besseren Morgen, eine schwarzromantische Heimatmär, die Ahnung gibt, was der bundesdeutsche Film der Nachkriegszeit auch hätte sein können, wenn er hin und wieder so englisch gewesen wäre wie der Regisseur von »Whirlpool« (Lewis Allen), so amerikanisch wie der Autor (Lawrence P. Bachmann), so französisch wie der weibliche Star (Juliette Gréco als Frau auf der Flucht), so verschroben wie der österreichische Hauptdarsteller (O. W. Fischer als Kapitän ohne Hafen) – und: wenn er ab und zu so frei, so frech, so frivol gewesen wäre zu mischen, was nach landläufiger Auffassung nicht zu mischen ist: Weinseligkeit und Traumata, Sentimentalität und Schroffheit, Plein-air-Realismus und travelling mattes. So bleibt es diesem wundersam-uneinheitlichen, ruhelos-schlafwandlerischen (britischen) B-Film vorbehalten einen schießwütigen Maniac in Tiroler Tracht zu stecken, eine unnahbare Pariser Bohémienne als Schankfräulein in Köln anzuheuern, ein Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe eines Kahnschiffers namens Rolf sprießen zu lassen, einen Showdown am Fuße der Loreley in Szene zu setzen.
R Lewis Allen B Lawrence P. Bachmann V Lawrence P. Bachmann K Geoffrey Unsworth M Ron Goodwin A Jack Maxsted S Russell Lloyd P George Pitcher D O. W. Fischer, Juliette Gréco, William Sylvester, Marius Goring, Muriel Pavlow | UK | 95 min | 1:1,37 | f | 1. April 1959
»He’s got me spinning in a whirlpool of love.« Ein Rheinfahrt gegen den Strom, ein Strudel von Kitsch und Existenzialismus, eine Drift durch die Schatten der Vergangenheit in die Sehnsucht nach einem besseren Morgen, eine schwarzromantische Heimatmär, die Ahnung gibt, was der bundesdeutsche Film der Nachkriegszeit auch hätte sein können, wenn er hin und wieder so englisch gewesen wäre wie der Regisseur von »Whirlpool« (Lewis Allen), so amerikanisch wie der Autor (Lawrence P. Bachmann), so französisch wie der weibliche Star (Juliette Gréco als Frau auf der Flucht), so verschroben wie der österreichische Hauptdarsteller (O. W. Fischer als Kapitän ohne Hafen) – und: wenn er ab und zu so frei, so frech, so frivol gewesen wäre zu mischen, was nach landläufiger Auffassung nicht zu mischen ist: Weinseligkeit und Traumata, Sentimentalität und Schroffheit, Plein-air-Realismus und travelling mattes. So bleibt es diesem wundersam-uneinheitlichen, ruhelos-schlafwandlerischen (britischen) B-Film vorbehalten einen schießwütigen Maniac in Tiroler Tracht zu stecken, eine unnahbare Pariser Bohémienne als Schankfräulein in Köln anzuheuern, ein Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe eines Kahnschiffers namens Rolf sprießen zu lassen, einen Showdown am Fuße der Loreley in Szene zu setzen.
R Lewis Allen B Lawrence P. Bachmann V Lawrence P. Bachmann K Geoffrey Unsworth M Ron Goodwin A Jack Maxsted S Russell Lloyd P George Pitcher D O. W. Fischer, Juliette Gréco, William Sylvester, Marius Goring, Muriel Pavlow | UK | 95 min | 1:1,37 | f | 1. April 1959
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Drama,
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Rhein,
Romanze,
Thriller
13.3.59
Ware für Katalonien (Richard Groschopp, 1959)
Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Zum Beispiel die Geschichte von Hasso Schützendorf, der große Mengen optischer Geräte (Fotoapparate, Feldstecher, Fernrohre) aus der Deutschen Demokratischen Republik ins kapitalistische Ausland schmuggelt (bzw. von Spießgesellen schmuggeln läßt) und dortselbst mit Millionengewinn verscherbelt. Das volkseigene Kino der solchermaßen ökonomisch geschädigten DDR kann diese schöne Geschichte natürlich nicht ungestraft geschehen lassen und schreibt (= filmt) sie deswegen entschieden um. Auf der Defa-Leinwand kommen zwei VP-Offiziere den kriminellen Aktivitäten des Optik-Schiebers Hasso Teschendorf (genannt »der Spanier«) gewitzt auf die Schliche und souverän in die Quere. Die Karriere des unlizensierten Interzonenhändlers endet (ganz anders als in der Wirklichkeit), nach einer dramatischen Verfolgungsjagd, auf der Ostseite des Brandenburger Tores. Richard Groschopp setzt diesen frommen Wunschtraum vom Sieg der sozialistischen Gerechtigkeit mit politisch bewußtem Genreschmackes und einer gehörigen Portion Hintertreppenwitz in Szene.
R Richard Groschopp B Lothar Creutz, Carl Andrießen, Richard Groschopp K Eugen Klagemann M Hans Hendrik Wehding A Erich Zander S Helga Emmrich P Willi Teichmann D Hartmut Reck, Heinz-Dieter Knaup, Eva-Maria Hagen, Ivan Malré, Wilfried Ortmann, Hanna Rimkus | DDR | 99 min | 1:1,37 | sw | 13. März 1959
# 978 | 21. November 2015
R Richard Groschopp B Lothar Creutz, Carl Andrießen, Richard Groschopp K Eugen Klagemann M Hans Hendrik Wehding A Erich Zander S Helga Emmrich P Willi Teichmann D Hartmut Reck, Heinz-Dieter Knaup, Eva-Maria Hagen, Ivan Malré, Wilfried Ortmann, Hanna Rimkus | DDR | 99 min | 1:1,37 | sw | 13. März 1959
# 978 | 21. November 2015
12.3.59
Der Mann, der sich verkaufte (Josef von Báky, 1959)
»Wenn man bedenkt, wo wir waren, und wo wir jetzt sind.« Niko Jost, junger, hungriger Journalist bei der »FWZ« (mit geblähten Nüstern: Hansjörg Felmy) kommt zufällig der Schiebervergangenheit eines erfolgreichen Hoteliers auf die Schliche, wittert die große Story, schreibt mit Feuereifer (»Da ist was faul, wenn einer derart hochkommt!«) die Serie »Schwarzer Markt und weiße Westen« – und läuft doch eigentlich nur an der (kurzen) Leine seines bedenkenlos-auflagengeilen Herausgebers (wohlgenährt: Ernst Schröder) ... Autor Erich Kuby (der seinem gesellschaftskritischen Unmut zuvor bereits mit »Das Mädchen Rosemarie« Luft machte) feuert eine Breitseite auf Medien, Politik und Wirtschaft, Regisseur Josef von Báky inszeniert das zeitdiagnostische Traktat über Seilschaftsdenken, Pharisäertum und Futterneid in der jungen Bundesrepublik mit der kühlen, schwarzen Präzision des späten Fritz Lang. In pointierten Nebenrollen treten auf: Hildegard Knef als vornehme Dame mit Vergangenheit, Kurt Ehrhardt als Unternehmer in plötzlichen Nöten und Hans Paetsch (der nachmalige »Märchenonkel der Nation«) als ebenso abgewogener wie abgemeldeter Chefredakteur.
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959
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von Báky,
Wirtschaftswunder
11.3.59
Les cousins (Claude Chabrol, 1959)
Schrei, wenn du kannst
Eine Art Gegenstück zu Claude Chabrols Erstling »Le beau Serge«: wieder Jean-Claude Brialy und Gérard Blain in den Hauptrollen zweier gegensätzlicher junger Männer, die diesmal allerdings nicht in der Provinz sondern in Paris aufeinandertreffen. Charles (Blain), Muttersöhnchen und Unschuld vom Lande, zieht zu seinem extravaganten Vetter Paul (Brialy), um, wie dieser, an der Sorbonne die Rechte zu studieren, versinkt jedoch bald schon im hektischen Vergnügungsbetrieb der hauptstädtischen jeunesse dorée. Auf feuchtfröhlichen Partys, bei nächtlichen Spritztouren, insbesondere aber im rivalisierenden Werben um die Gunst der flatterhaften Florence (Juliette Mayniel) treten die konträren Charaktere der Cousins deutlich zu Tage. Der neutrale Beobachter Chabrol und sein unbarmherziger Koautor Paul Gégauff lassen keinen Zweifel daran, wer das (Ratten-)Rennen macht, wenn ein oberflächlich-charmanter Zyniker (der schon mal einen dösenden jüdischen Freund mit geschnarrten deutschen Kommandorufen aus dem Schlaf reißt) und ein strebsam-naiver Idealist (der an die Offenheit des Herzens wie auch an den Nutzeffekt von Redlichkeit und Fleiß glaubt) miteinander im Wettbewerb stehen.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Jean-Claude Brialy, Gérard Blain, Juliette Mayniel, Claude Cerval, Guy Decomble | F | 108 min | 1:1,37 | sw | 11. März 1959
# 999 | 9. Mai 2016
Eine Art Gegenstück zu Claude Chabrols Erstling »Le beau Serge«: wieder Jean-Claude Brialy und Gérard Blain in den Hauptrollen zweier gegensätzlicher junger Männer, die diesmal allerdings nicht in der Provinz sondern in Paris aufeinandertreffen. Charles (Blain), Muttersöhnchen und Unschuld vom Lande, zieht zu seinem extravaganten Vetter Paul (Brialy), um, wie dieser, an der Sorbonne die Rechte zu studieren, versinkt jedoch bald schon im hektischen Vergnügungsbetrieb der hauptstädtischen jeunesse dorée. Auf feuchtfröhlichen Partys, bei nächtlichen Spritztouren, insbesondere aber im rivalisierenden Werben um die Gunst der flatterhaften Florence (Juliette Mayniel) treten die konträren Charaktere der Cousins deutlich zu Tage. Der neutrale Beobachter Chabrol und sein unbarmherziger Koautor Paul Gégauff lassen keinen Zweifel daran, wer das (Ratten-)Rennen macht, wenn ein oberflächlich-charmanter Zyniker (der schon mal einen dösenden jüdischen Freund mit geschnarrten deutschen Kommandorufen aus dem Schlaf reißt) und ein strebsam-naiver Idealist (der an die Offenheit des Herzens wie auch an den Nutzeffekt von Redlichkeit und Fleiß glaubt) miteinander im Wettbewerb stehen.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Jean-Claude Brialy, Gérard Blain, Juliette Mayniel, Claude Cerval, Guy Decomble | F | 108 min | 1:1,37 | sw | 11. März 1959
# 999 | 9. Mai 2016
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Brialy,
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Drama,
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Gesellschaft,
Jugend,
Paris,
Romanze,
Universität
5.3.59
Das indische Grabmal (Fritz Lang, 1959)
»Die wunderbare Rettung der Liebenden« versprachen die Schlußtitel von »Der Tiger von Eschnapur«, nachdem die indische Tänzerin Sitah (Debra Paget) und ihr deutscher Geliebter Harald Berger (Paul Hubschmid), auf der Flucht vor dem eifersüchtigen Maharadscha Chandra (Walter Reyer) entkräftet in der Wüste zusammengebrochen waren … Im zweiten Teil seiner fernwehtrunkenen Epos-Illusion verschiebt Fritz Lang den dramaturgischen Akzent von der lebensgefährlichen Romanze zum höfischen Ränkespiel: Sitah wird zum Dreh- und Angelpunkt einer Palastintrige gegen den Fürsten – für Lang eine willkommene Gelegenheit, ausgiebig durch das doppelte Kulissen-Labyrinth der prächtig-kalten Korridore und Säle des Schlosses sowie der darunterliegenden düster-feuchten Grotten und Gänge zu streifen. Erzählerisch und visuell weitgehend eine Reprise des ersten Teils, bietet »Das indische Grabmal« zwei Szenen, die als Steigerung des schon Gesehenen filmischen Eindruck hinterlassen: Zum einen Sithas in rasantem Show-off-Kostüm dargebotener Schlangentanz auf Leben und Tod unter den Augen einer bühnenumnebelten Pappmaché-Göttin (die deutlich sichtbaren Fäden der zu beschwörenden Marionetten-Kobra mögen als Brechtscher Verfremdungseffekt durchgehen); zum anderen der Sturz einer properen, weißen Frau (Bergers besorgte Schwester auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder) in die unter Eschnapur gelegene Höhle der Leprakranken – die schockierende Begegnung einer sozial Bevorzugten mit den gesellschaftlich Vergessenen wirkt wie das klamottige Menetekel einer drohenden Konfrontation von Unten und Oben.
R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke, Fritz Lang V Thea von Harbou K Richard Angst M Gerhard Becker A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann | BRD & F & I | 101 min | 1:1,37 | f | 5. März 1959
R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke, Fritz Lang V Thea von Harbou K Richard Angst M Gerhard Becker A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann | BRD & F & I | 101 min | 1:1,37 | f | 5. März 1959
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