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12.4.80

Bad Timing (Nicolas Roeg, 1980)

Blackout – Anatomie einer Leidenschaft

»They’re happy.« – »That’s because they don’t know each other well enough yet.« Gemälde von Gustav Klimt und Egon Schiele. »Der Kuß« und »Der Tod und das Mädchen«. Ein Mann, eine Frau, versunken in die Betrachtung der Bilder. Tom Waits singt: » Well, it's just an invitation to the blues.« Ein Rettungswagen rast durch das nächtliche Wien. Eine Frau, bewußtlos, ein Mann, sprachlos. Milena (Theresa Russell) hat einen Selbstmordversuch unternommen, ihr Freund Alex (Art Garfunkel) hat sie gefunden. Ein Inspektor (Harvey Keitel) untersucht Milenas Fall, um Widersprüche in Alex’ Aussagen aufzuklären. Noch radikaler als in seinen vorhergehenden Werken hebt Nicolas Roeg in »Bad Timing« die Chronologie die Ereignisse auf. Zeitschichten existieren im Universum des Films parallel, Gestern und Heute (und Morgen) bilden das Mosaik eines erotischen Melodramas, eines psychologischen Thrillers, einer unsentimentalen Beziehungsstudie. »If we don’t meet, there could always be the possibility that it would have been perfect.« Das Verhältnis zwischen dem kontrollierten Intellektuellen (der am Geburtsort der Psychoanalyse die Geheimnisse der Seele erforscht) und der impulsiven Hedonistin (die Symptome einer bipolaren Störung zeigt) entwickelt die hohe Gefühlsamplitude eines amour fou – einerseits Überschwang bis zur Hysterie, andererseits Depression bis zur (Selbst-)Zerstörung. »Leave and you kill me, leave and I’m dead.« Alex’ beharrliches Dominanzstreben, seine obsessive Eifersucht, Milenas unstillbarer Liebeshunger, ihre aggressive Freizügigkeit lassen die Affäre schließlich in ein Debakel münden. Ein Koma, eine Vergewaltigung, eine Nacht im Krankenhaus. Ein stummes Wiedersehen, nach Jahren, in einer anderen Stadt. Eine Narbe. Ein Fluß, über den keine Brücke führt. Billie Holiday singt: » The same old story. It's as old as the stars above.«

R Nicolas Roeg B Yale Udoff K Anthony Richmond M diverse A David Brockhurst Ko Marit Allen S Tony Lawson P Jeremy Thomas D Art Garfunkel, Theresa Russell, Harvey Keitel, Denholm Elliott, Daniel Massey | UK | 123 min | 1:2,35 | f | 12. April 1980

# 1064 | 31. Juli 2017

20.12.79

All That Jazz (Bob Fosse, 1979)

Hinter dem Rampenlicht

»It’s showtime, folks!« Egomaner Workaholic, unersättlicher Schürzenjäger, ketterauchender Amphetamin-Junkie, perfektionistischer Alleskönner (und -woller) – Joe Gideon (Roy Scheider als Bob-Fosse-Substitut), als Regisseur am Broadway so erfolgreich wie in Hollywood, emotional hin- und hergerissen zwischen Exfrau und Freundin, Betthäschen und Tochter, probt seine neue Bühnenshow, während er seinen zuletzt abgedrehten Film ein ums andere Mal umschneidet ... und in den Kulissen seines Lebens schon ein lächelnder Todesengel (Jessica Lange) auf ihn wartet. »Sometimes I don’t know where the bullshit ends and the truth begins.« Fosse knallt eine radikal narzißtische, um nicht zu sagen: eine einmalig eitle Selbstbespiegelung in der Tradition von Federico Fellinis »8 ½ « auf die Leinwand – und durch seine traumwandlerisch sichere Beherrschung der erzählerischen und formalen Mittel schlägt der im Übermaß versprühte Flitter dieses autobiographischen Backstage-Musicals in fröhliche, traurige, glamouröse, herzergreifende Wahrheit (und atemberaubende Filmkunst) um. Das Porträt des Künstlers als sterbender Mann gipfelt –konsequent makaber – in einer fulminanten Abschiedsnummer (»Bye-bye, my life, goodbye!«), die unmißverständlich klarmacht: There’s no people like show people.

R Bob Fosse B Bob Fosse, Robert Alan Aurthur K Giuseppe Rotunno M Ralph Burns A Philip Rosenberg S Alan Heim P Robert Alan Aurthur D Roy Scheider, Jessica Lange, Leland Palmer, Ann Reinking, Ben Vereen | USA | 123 min | 1:1,85 | f | 20. Dezember 1979

18.6.59

The Nun’s Story (Fred Zinnemann, 1959)

Geschichte einer Nonne

»There is no resting place. Ever.« Brügge, Anfang der 1920er Jahre: Gabrielle van der Mal (Audrey Hepburn), Tochter eines namhaften Arztes, entscheidet sich für das Leben als Nonne, bewegt von der (nicht allzu) stillen Hoffnung, ihr Orden möge sie als Krankenschwester in den Kongo entsenden. Gabrielles angeborener Eigensinn bringt sie vom ersten Tag an immer wieder in Konflikt mit dem strengen Reglement der klösterlichen Gemeinschaft, das Demut und Gehorsam bis hin zur Aufgabe der individuellen Persönlichkeit verlangt. Fred Zinnemann erzählt die Geschichte der Nonne als unsentimentales Gewissensdrama in rigidem Schwarz-Weiß-Grau (Ausstattung: Alexandre Trauner), das vorübergehend durch die vitale Farbigkeit der Tropen befreiend aufgerissen wird, als Abfolge von Prüfungen, deren tieferer (oder höherer) Sinn letzten Endes rätselhaft bleibt. So ist Schwester Lukas’ schließliche Entscheidung, den eigenen Weg zu gehen – insbesondere nach der Begegnung mit dem ausgesprochen diesseitigen Dr. Fortunati (Peter Finch), der ihre religiöse Bestimmung mitmenschlich-kritisch hinterfragt –, nicht als Scheitern zu begreifen, sondern als mutige Behauptung von Souveränität: »Dear Lord, forgive me, I cannot obey anymore. What I do from now on is between You and me alone.«

R Fred Zinnemann B Robert Anderson V Kathryn Hulme K Franz Planer M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Walter Thompson P Henry Blanke D Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger | USA | 149 min | 1:1,78 | f | 18. Juni 1959

# 1102 | 2. März 2018

27.2.52

Roma ore 11 (Giuseppe De Santis, 1952)

Es geschah Punkt 11

»Cercasi dattilografa primo impiego miti pretese presentarsi ore 11 Largo Circense 37« Auf eine knappe Zeitungsannonce hin strömen über 200 junge Frauen an einem regnerischen Wintermorgen zur angegebenen römischen Adresse, um die Stellung einer Schreibkraft zu ergattern. Die Bewerberinnen quetschen sich im Treppenhaus des alten Gebäudes, das dem Ansturm nicht standhält: Die Treppe bricht unter der Last der Arbeitsuchenden zusammen. Viele werden verletzt, ein Mädchen kommt zu Tode … Ausgehend von einem Vorfall, der sich im Januar 1951 tatsächlich ereignete, schildern Giuseppe De Santis und seine Mitautoren, unter ihnen Cesare Zavattini und Elio Petri, mit unpathetischer Anteilnahme die verschiedenen Facetten eines Massenschicksals: Zeigt der Anfang des Films vor allem die – zumeist gereizten – Interaktionen einer von wirtschaftlicher Not und sozialen Entbehrungen zusammengewürfelten Gruppe, löst der zweite, nach dem Einsturz der Treppe spielende, Teil eine Handvoll Figuren aus dem Ensemble heraus, um mit großem dramaturgischem Geschick die mannigfaltigen Aspekte einer allgemeinen Misere zu veranschaulichen. Otello Martellis – häufig bewegte – Kamera erforscht alle Schattierungen von Grau, Mario Nascimbenes Musik kombiniert das freudlose Sirren eines Theremins mit dem marschartigen Gehämmer von Typenhebeln, während ein komplexes Zeitbild Gestalt gewinnt. Auch wenn es den Machern darum geht, die Hintergründe des Unglücksfalls zu erhellen, verzichtet »Roma ore 11«auf bequeme Schuldzuweisungen: Der egoistische Akt, mit dem eine Vordränglerin die Katastrophe heraufbeschwört, findet seine Erklärung in den verzweifelten Umständen, die vom Einzelnen kaum zu ertragen, die alleine nicht zu überwinden sind.

R Giuseppe De Santis B Cesare Zavattini, Basilio Franchina, Guiseppe De Santis, Rodolfo Sonego, Gianni Puccini, Elio Petri K Otello Martelli M Mario Nascimbene A Léon Barsacq S Gabriele Variale P Paul Graetz D Carla Del Poggio, Massimo Girotti, Lucia Bosè, Raf Vallone, Paolo Stoppa | I & F | 105 min | 1:1,37 | sw | 27. Februar 1952

# 923 | 4. Dezember 2014