Sie küßten und sie schlugen ihn
François Truffauts semiautobiographische Abrechnung mit den Autoritäten seiner Jugend: Als sei er selbst noch einmal 12½, stellt der Regisseur sein Alter Ego, den halbwüchsigen Antoine Doinel (intensiv: Jean-Pierre Léaud), frontal einem verständnislos-unverständlichen Milieu gegenüber, das mit dem Tunnelblick der Pubertät betrachtet wird: Die Mutter ist ein garstiges Flittchen, der (Stief-)Vater ein überforderter Schlappschwanz, die Lehrer erscheinen als bösartige Witzfiguren; Momente der Freundlichkeit, gar des Verstehens zwischen den Generationen (= Fronten) sind trügerisch, werden im nächsten Augenblick schon wieder von gefühlskalten Böen hinfortgeweht. Alle gegen einen – einer gegen alle: Dem ungeliebten Antoine, der seine Liebe Balzac und dem Kino schenkt, bleibt nichts als die Flucht aus der Gemeinheit – in die Matineen und auf den Rummel, in die Bücher und in die Pariser Nacht –, ein (mitunter kleinkrimineller) Freiheitsdrang, der von den elterlichen, schulischen, schließlich auch polizeilichen Gewalten nur als Renitenz gedeutet werden kann, die gebrochen werden muß. Durch die konsequente filmische Verabsolutierung der Perspektive des ungestüm-bevormundeten Helden verzichtet Truffaut zwar (willentlich) auf eine differenzierte Beschreibung des eng(herzig)en Kosmos seines Entwicklungsromans, führt (und trifft) aber auf diese Weise mitten hinein in die problematische Seelenwelt seines so melancholischen wie couragierten Protagonisten.
R François Truffaut B François Truffaut, Marcel Moussy K Henri Decaë M Jean Constantin A Bernard Evein S Marie-Josèphe Yoyotte P François Truffaut D Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Patrick Auffay | F | 99 min | 1:2,35 | sw | 4. Mai 1959
4.5.59
21.4.59
Sapphire (Basil Dearden, 1959)
Das Mädchen Saphir
»You always can tell.« Latenter Rassismus, aufbereitet in einem formal stilsicheren, positionell zeitweilig indifferenten Londoner Problemkrimi: Eine junge Frau liegt ermordet unter einem Busch in Hampstead Heath. Die polizeilichen Ermittler registrieren Anspannung beim Verlobten der Toten und dessen Angehörigen, doch erst als der Bruder des Opfers zur Aussage erscheint, platzt die Bombe: Die Tote war »coloured«, Tochter eines britischen Arztes und einer schwarzen Tänzerin. Irgendwann hatte Sapphire, die temperamentvolle Musikstudentin, entdeckt, daß sie mit ihrer »lily skin« als Weiße durchgehen konnte, ihr Leben daraufhin radikal geändert und neue Chancen ergriffen. Nicht einmal ihr Verlobter David, Sproß einer engstirnigen Kleinbürgerfamilie, hatte etwas von der (menschlich und sozial gespaltenen) Identität seiner Liebsten bemerkt. Als er es erfuhr, war es ihm egal – jemand anderem allerdings nicht … Basil Dearden nutzt das Whodunit-Format geschickt, um beim nachforschenden Zug durch die Gemeinde eingefleischte Vorurteile und unterschwellige wie offene Verachtung gegenüber »Fremden« zu desavouieren (vor allem die verkniffenen landladies bekommen ihr Fett weg), hin und wieder jedoch rutscht er bei der Darstellung des »Anderen« selbst ins Stereotypische: Der Schwarze wippt »naturgemäß« im jazzigen Rhythmus der Musik, bleckt bei Gefahr die Zähne und rollt die Augen, wenn er lustig ist (oder umgekehrt). Unsentimentale Blicke in enge Stuben, trübgraue Straßen und bittere Seelen machen den Reiz von »Sapphire« aus, als Beitrag zum Kampf gegen ethnische Diskriminierung stößt der Film jedoch an seine immanenten Grenzen – oder wie der abgeklärte Superintendent nach der Lösung des Falls zu seinem jungen Kollegen sagt: »We didn't solve anything, Phil. We just picked up the pieces.«
R Basil Dearden B Janet Green, Lukas Heller K Harry Waxman M Philip Green A Carmen Dillon S John D. Guthridge P Michael Relph D Nigel Patrick, Paul Massie, Bernard Miles, Yvonne Mitchell, Earl Cameron | UK | 92 min | 1:1,66 | f | 21. April 1959
»You always can tell.« Latenter Rassismus, aufbereitet in einem formal stilsicheren, positionell zeitweilig indifferenten Londoner Problemkrimi: Eine junge Frau liegt ermordet unter einem Busch in Hampstead Heath. Die polizeilichen Ermittler registrieren Anspannung beim Verlobten der Toten und dessen Angehörigen, doch erst als der Bruder des Opfers zur Aussage erscheint, platzt die Bombe: Die Tote war »coloured«, Tochter eines britischen Arztes und einer schwarzen Tänzerin. Irgendwann hatte Sapphire, die temperamentvolle Musikstudentin, entdeckt, daß sie mit ihrer »lily skin« als Weiße durchgehen konnte, ihr Leben daraufhin radikal geändert und neue Chancen ergriffen. Nicht einmal ihr Verlobter David, Sproß einer engstirnigen Kleinbürgerfamilie, hatte etwas von der (menschlich und sozial gespaltenen) Identität seiner Liebsten bemerkt. Als er es erfuhr, war es ihm egal – jemand anderem allerdings nicht … Basil Dearden nutzt das Whodunit-Format geschickt, um beim nachforschenden Zug durch die Gemeinde eingefleischte Vorurteile und unterschwellige wie offene Verachtung gegenüber »Fremden« zu desavouieren (vor allem die verkniffenen landladies bekommen ihr Fett weg), hin und wieder jedoch rutscht er bei der Darstellung des »Anderen« selbst ins Stereotypische: Der Schwarze wippt »naturgemäß« im jazzigen Rhythmus der Musik, bleckt bei Gefahr die Zähne und rollt die Augen, wenn er lustig ist (oder umgekehrt). Unsentimentale Blicke in enge Stuben, trübgraue Straßen und bittere Seelen machen den Reiz von »Sapphire« aus, als Beitrag zum Kampf gegen ethnische Diskriminierung stößt der Film jedoch an seine immanenten Grenzen – oder wie der abgeklärte Superintendent nach der Lösung des Falls zu seinem jungen Kollegen sagt: »We didn't solve anything, Phil. We just picked up the pieces.«
R Basil Dearden B Janet Green, Lukas Heller K Harry Waxman M Philip Green A Carmen Dillon S John D. Guthridge P Michael Relph D Nigel Patrick, Paul Massie, Bernard Miles, Yvonne Mitchell, Earl Cameron | UK | 92 min | 1:1,66 | f | 21. April 1959
17.4.59
Imitation of Life (Douglas Sirk, 1959)
Solange es Menschen gibt
»Without love you’re only living / an imitation, an imitation of life.« Zwei Frauen, zwei Mädchen, zehn Jahre – Armut und Ambition, Hoffnung und Leid, Ruhm und Tod. Die erfolglose, aber brennend ehrgeizige Schauspielerin Lora Meredith (Lana Turner) trifft auf die heimatlose, aber herzensgute Annie Johnson (Juanita Moore). Die beiden alleinerziehenden Mütter sind sich sympathisch, und so beschließen die Platinblondine und die Farbige fortan zusammenzuleben: Die eine will Karriere machen, die andere wird sich um die Kinder und um den Haushalt kümmern. Lora, deren Stern zu leuchten beginnt, weist die Zuneigung eines fordernden Verehrers zurück und bemerkt nicht, wie sie sich im Emporkommen von ihrer Tochter Susie entfremdet; Annie muß schmerzlich erkennen, daß sie von ihrer hellhäutigen Tochter Sarah Jane verleugnet wird, die nach einem weißen Leben fiebert: »I'm someone else.« … Mit den Diamanten, die sich unter den Anfangstiteln häufen, gibt Douglas Sirk einen Vorgeschmack auf den funkelnden Look dieses Hochglanz-Melodramas über Selbstbetrug und die Leere des Triumphs, über Einsamkeit und die Trivialität eines Daseins ohne Liebe, über die Relationen von Dienen und Gebieten, von Mann und Frau, von Weiß und Schwarz. Ja, auch »Rassenfragen« werden gestellt, allerdings weniger in gesellschaftspolitischer Hinsicht, eher unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Problematik von Identität und Fremdheit. Das Ende des Films – das alle Tränenschleusen öffnet, wenn Mahalia Jackson von der finalen Überwindung der »troubles of the world« singt – bringt eine bemerkenswerte Mischung der Farben (und eine definitive Synthese von Ironie und Seifenoper): reinweiße Blumen und weiße Pferde für eine tote Schwarze, tiefschwarze Kleider und eine schwarze Limousine für die trauernden Weißen. Nach »Imitation of Life« wird Sirk keinen weiteren Spielfilm inszenieren: »No more weepin' and wailin' …«
R Douglas Sirk B Eleanor Griffin, Allan Scott V Fannie Hurst K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter D Lana Turner, Juanita Moore, Susan Kohner, Sandra Dee, John Gavin | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 17. April 1959
»Without love you’re only living / an imitation, an imitation of life.« Zwei Frauen, zwei Mädchen, zehn Jahre – Armut und Ambition, Hoffnung und Leid, Ruhm und Tod. Die erfolglose, aber brennend ehrgeizige Schauspielerin Lora Meredith (Lana Turner) trifft auf die heimatlose, aber herzensgute Annie Johnson (Juanita Moore). Die beiden alleinerziehenden Mütter sind sich sympathisch, und so beschließen die Platinblondine und die Farbige fortan zusammenzuleben: Die eine will Karriere machen, die andere wird sich um die Kinder und um den Haushalt kümmern. Lora, deren Stern zu leuchten beginnt, weist die Zuneigung eines fordernden Verehrers zurück und bemerkt nicht, wie sie sich im Emporkommen von ihrer Tochter Susie entfremdet; Annie muß schmerzlich erkennen, daß sie von ihrer hellhäutigen Tochter Sarah Jane verleugnet wird, die nach einem weißen Leben fiebert: »I'm someone else.« … Mit den Diamanten, die sich unter den Anfangstiteln häufen, gibt Douglas Sirk einen Vorgeschmack auf den funkelnden Look dieses Hochglanz-Melodramas über Selbstbetrug und die Leere des Triumphs, über Einsamkeit und die Trivialität eines Daseins ohne Liebe, über die Relationen von Dienen und Gebieten, von Mann und Frau, von Weiß und Schwarz. Ja, auch »Rassenfragen« werden gestellt, allerdings weniger in gesellschaftspolitischer Hinsicht, eher unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Problematik von Identität und Fremdheit. Das Ende des Films – das alle Tränenschleusen öffnet, wenn Mahalia Jackson von der finalen Überwindung der »troubles of the world« singt – bringt eine bemerkenswerte Mischung der Farben (und eine definitive Synthese von Ironie und Seifenoper): reinweiße Blumen und weiße Pferde für eine tote Schwarze, tiefschwarze Kleider und eine schwarze Limousine für die trauernden Weißen. Nach »Imitation of Life« wird Sirk keinen weiteren Spielfilm inszenieren: »No more weepin' and wailin' …«
R Douglas Sirk B Eleanor Griffin, Allan Scott V Fannie Hurst K Russell Metty M Frank Skinner A Alexander Golitzen, Richard H. Riedel S Milton Carruth P Ross Hunter D Lana Turner, Juanita Moore, Susan Kohner, Sandra Dee, John Gavin | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 17. April 1959
1.4.59
Whirlpool (Lewis Allen, 1959)
Die schwarze Lorelei
»He’s got me spinning in a whirlpool of love.« Ein Rheinfahrt gegen den Strom, ein Strudel von Kitsch und Existenzialismus, eine Drift durch die Schatten der Vergangenheit in die Sehnsucht nach einem besseren Morgen, eine schwarzromantische Heimatmär, die Ahnung gibt, was der bundesdeutsche Film der Nachkriegszeit auch hätte sein können, wenn er hin und wieder so englisch gewesen wäre wie der Regisseur von »Whirlpool« (Lewis Allen), so amerikanisch wie der Autor (Lawrence P. Bachmann), so französisch wie der weibliche Star (Juliette Gréco als Frau auf der Flucht), so verschroben wie der österreichische Hauptdarsteller (O. W. Fischer als Kapitän ohne Hafen) – und: wenn er ab und zu so frei, so frech, so frivol gewesen wäre zu mischen, was nach landläufiger Auffassung nicht zu mischen ist: Weinseligkeit und Traumata, Sentimentalität und Schroffheit, Plein-air-Realismus und travelling mattes. So bleibt es diesem wundersam-uneinheitlichen, ruhelos-schlafwandlerischen (britischen) B-Film vorbehalten einen schießwütigen Maniac in Tiroler Tracht zu stecken, eine unnahbare Pariser Bohémienne als Schankfräulein in Köln anzuheuern, ein Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe eines Kahnschiffers namens Rolf sprießen zu lassen, einen Showdown am Fuße der Loreley in Szene zu setzen.
R Lewis Allen B Lawrence P. Bachmann V Lawrence P. Bachmann K Geoffrey Unsworth M Ron Goodwin A Jack Maxsted S Russell Lloyd P George Pitcher D O. W. Fischer, Juliette Gréco, William Sylvester, Marius Goring, Muriel Pavlow | UK | 95 min | 1:1,37 | f | 1. April 1959
»He’s got me spinning in a whirlpool of love.« Ein Rheinfahrt gegen den Strom, ein Strudel von Kitsch und Existenzialismus, eine Drift durch die Schatten der Vergangenheit in die Sehnsucht nach einem besseren Morgen, eine schwarzromantische Heimatmär, die Ahnung gibt, was der bundesdeutsche Film der Nachkriegszeit auch hätte sein können, wenn er hin und wieder so englisch gewesen wäre wie der Regisseur von »Whirlpool« (Lewis Allen), so amerikanisch wie der Autor (Lawrence P. Bachmann), so französisch wie der weibliche Star (Juliette Gréco als Frau auf der Flucht), so verschroben wie der österreichische Hauptdarsteller (O. W. Fischer als Kapitän ohne Hafen) – und: wenn er ab und zu so frei, so frech, so frivol gewesen wäre zu mischen, was nach landläufiger Auffassung nicht zu mischen ist: Weinseligkeit und Traumata, Sentimentalität und Schroffheit, Plein-air-Realismus und travelling mattes. So bleibt es diesem wundersam-uneinheitlichen, ruhelos-schlafwandlerischen (britischen) B-Film vorbehalten einen schießwütigen Maniac in Tiroler Tracht zu stecken, eine unnahbare Pariser Bohémienne als Schankfräulein in Köln anzuheuern, ein Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe eines Kahnschiffers namens Rolf sprießen zu lassen, einen Showdown am Fuße der Loreley in Szene zu setzen.
R Lewis Allen B Lawrence P. Bachmann V Lawrence P. Bachmann K Geoffrey Unsworth M Ron Goodwin A Jack Maxsted S Russell Lloyd P George Pitcher D O. W. Fischer, Juliette Gréco, William Sylvester, Marius Goring, Muriel Pavlow | UK | 95 min | 1:1,37 | f | 1. April 1959
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13.3.59
Ware für Katalonien (Richard Groschopp, 1959)
Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Zum Beispiel die Geschichte von Hasso Schützendorf, der große Mengen optischer Geräte (Fotoapparate, Feldstecher, Fernrohre) aus der Deutschen Demokratischen Republik ins kapitalistische Ausland schmuggelt (bzw. von Spießgesellen schmuggeln läßt) und dortselbst mit Millionengewinn verscherbelt. Das volkseigene Kino der solchermaßen ökonomisch geschädigten DDR kann diese schöne Geschichte natürlich nicht ungestraft geschehen lassen und schreibt (= filmt) sie deswegen entschieden um. Auf der Defa-Leinwand kommen zwei VP-Offiziere den kriminellen Aktivitäten des Optik-Schiebers Hasso Teschendorf (genannt »der Spanier«) gewitzt auf die Schliche und souverän in die Quere. Die Karriere des unlizensierten Interzonenhändlers endet (ganz anders als in der Wirklichkeit), nach einer dramatischen Verfolgungsjagd, auf der Ostseite des Brandenburger Tores. Richard Groschopp setzt diesen frommen Wunschtraum vom Sieg der sozialistischen Gerechtigkeit mit politisch bewußtem Genreschmackes und einer gehörigen Portion Hintertreppenwitz in Szene.
R Richard Groschopp B Lothar Creutz, Carl Andrießen, Richard Groschopp K Eugen Klagemann M Hans Hendrik Wehding A Erich Zander S Helga Emmrich P Willi Teichmann D Hartmut Reck, Heinz-Dieter Knaup, Eva-Maria Hagen, Ivan Malré, Wilfried Ortmann, Hanna Rimkus | DDR | 99 min | 1:1,37 | sw | 13. März 1959
# 978 | 21. November 2015
R Richard Groschopp B Lothar Creutz, Carl Andrießen, Richard Groschopp K Eugen Klagemann M Hans Hendrik Wehding A Erich Zander S Helga Emmrich P Willi Teichmann D Hartmut Reck, Heinz-Dieter Knaup, Eva-Maria Hagen, Ivan Malré, Wilfried Ortmann, Hanna Rimkus | DDR | 99 min | 1:1,37 | sw | 13. März 1959
# 978 | 21. November 2015
12.3.59
Der Mann, der sich verkaufte (Josef von Báky, 1959)
»Wenn man bedenkt, wo wir waren, und wo wir jetzt sind.« Niko Jost, junger, hungriger Journalist bei der »FWZ« (mit geblähten Nüstern: Hansjörg Felmy) kommt zufällig der Schiebervergangenheit eines erfolgreichen Hoteliers auf die Schliche, wittert die große Story, schreibt mit Feuereifer (»Da ist was faul, wenn einer derart hochkommt!«) die Serie »Schwarzer Markt und weiße Westen« – und läuft doch eigentlich nur an der (kurzen) Leine seines bedenkenlos-auflagengeilen Herausgebers (wohlgenährt: Ernst Schröder) ... Autor Erich Kuby (der seinem gesellschaftskritischen Unmut zuvor bereits mit »Das Mädchen Rosemarie« Luft machte) feuert eine Breitseite auf Medien, Politik und Wirtschaft, Regisseur Josef von Báky inszeniert das zeitdiagnostische Traktat über Seilschaftsdenken, Pharisäertum und Futterneid in der jungen Bundesrepublik mit der kühlen, schwarzen Präzision des späten Fritz Lang. In pointierten Nebenrollen treten auf: Hildegard Knef als vornehme Dame mit Vergangenheit, Kurt Ehrhardt als Unternehmer in plötzlichen Nöten und Hans Paetsch (der nachmalige »Märchenonkel der Nation«) als ebenso abgewogener wie abgemeldeter Chefredakteur.
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959
R Josef von Báky B Erich Kuby K Friedl Behn-Grund M Georg Haentzschel A Erich Kettelhut, Johannes Ott S Caspar van den Berg P Hans Abich, Rolf Thiele D Hansjörg Felmy, Hildegard Knef, Ernst Schröder, Antje Weisgerber, Kurt Ehrhardt | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 12. März 1959
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11.3.59
Les cousins (Claude Chabrol, 1959)
Schrei, wenn du kannst
Eine Art Gegenstück zu Claude Chabrols Erstling »Le beau Serge«: wieder Jean-Claude Brialy und Gérard Blain in den Hauptrollen zweier gegensätzlicher junger Männer, die diesmal allerdings nicht in der Provinz sondern in Paris aufeinandertreffen. Charles (Blain), Muttersöhnchen und Unschuld vom Lande, zieht zu seinem extravaganten Vetter Paul (Brialy), um, wie dieser, an der Sorbonne die Rechte zu studieren, versinkt jedoch bald schon im hektischen Vergnügungsbetrieb der hauptstädtischen jeunesse dorée. Auf feuchtfröhlichen Partys, bei nächtlichen Spritztouren, insbesondere aber im rivalisierenden Werben um die Gunst der flatterhaften Florence (Juliette Mayniel) treten die konträren Charaktere der Cousins deutlich zu Tage. Der neutrale Beobachter Chabrol und sein unbarmherziger Koautor Paul Gégauff lassen keinen Zweifel daran, wer das (Ratten-)Rennen macht, wenn ein oberflächlich-charmanter Zyniker (der schon mal einen dösenden jüdischen Freund mit geschnarrten deutschen Kommandorufen aus dem Schlaf reißt) und ein strebsam-naiver Idealist (der an die Offenheit des Herzens wie auch an den Nutzeffekt von Redlichkeit und Fleiß glaubt) miteinander im Wettbewerb stehen.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Jean-Claude Brialy, Gérard Blain, Juliette Mayniel, Claude Cerval, Guy Decomble | F | 108 min | 1:1,37 | sw | 11. März 1959
# 999 | 9. Mai 2016
Eine Art Gegenstück zu Claude Chabrols Erstling »Le beau Serge«: wieder Jean-Claude Brialy und Gérard Blain in den Hauptrollen zweier gegensätzlicher junger Männer, die diesmal allerdings nicht in der Provinz sondern in Paris aufeinandertreffen. Charles (Blain), Muttersöhnchen und Unschuld vom Lande, zieht zu seinem extravaganten Vetter Paul (Brialy), um, wie dieser, an der Sorbonne die Rechte zu studieren, versinkt jedoch bald schon im hektischen Vergnügungsbetrieb der hauptstädtischen jeunesse dorée. Auf feuchtfröhlichen Partys, bei nächtlichen Spritztouren, insbesondere aber im rivalisierenden Werben um die Gunst der flatterhaften Florence (Juliette Mayniel) treten die konträren Charaktere der Cousins deutlich zu Tage. Der neutrale Beobachter Chabrol und sein unbarmherziger Koautor Paul Gégauff lassen keinen Zweifel daran, wer das (Ratten-)Rennen macht, wenn ein oberflächlich-charmanter Zyniker (der schon mal einen dösenden jüdischen Freund mit geschnarrten deutschen Kommandorufen aus dem Schlaf reißt) und ein strebsam-naiver Idealist (der an die Offenheit des Herzens wie auch an den Nutzeffekt von Redlichkeit und Fleiß glaubt) miteinander im Wettbewerb stehen.
R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Claude Chabrol D Jean-Claude Brialy, Gérard Blain, Juliette Mayniel, Claude Cerval, Guy Decomble | F | 108 min | 1:1,37 | sw | 11. März 1959
# 999 | 9. Mai 2016
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Gesellschaft,
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Paris,
Romanze,
Universität
5.3.59
Das indische Grabmal (Fritz Lang, 1959)
»Die wunderbare Rettung der Liebenden« versprachen die Schlußtitel von »Der Tiger von Eschnapur«, nachdem die indische Tänzerin Sitah (Debra Paget) und ihr deutscher Geliebter Harald Berger (Paul Hubschmid), auf der Flucht vor dem eifersüchtigen Maharadscha Chandra (Walter Reyer) entkräftet in der Wüste zusammengebrochen waren … Im zweiten Teil seiner fernwehtrunkenen Epos-Illusion verschiebt Fritz Lang den dramaturgischen Akzent von der lebensgefährlichen Romanze zum höfischen Ränkespiel: Sitah wird zum Dreh- und Angelpunkt einer Palastintrige gegen den Fürsten – für Lang eine willkommene Gelegenheit, ausgiebig durch das doppelte Kulissen-Labyrinth der prächtig-kalten Korridore und Säle des Schlosses sowie der darunterliegenden düster-feuchten Grotten und Gänge zu streifen. Erzählerisch und visuell weitgehend eine Reprise des ersten Teils, bietet »Das indische Grabmal« zwei Szenen, die als Steigerung des schon Gesehenen filmischen Eindruck hinterlassen: Zum einen Sithas in rasantem Show-off-Kostüm dargebotener Schlangentanz auf Leben und Tod unter den Augen einer bühnenumnebelten Pappmaché-Göttin (die deutlich sichtbaren Fäden der zu beschwörenden Marionetten-Kobra mögen als Brechtscher Verfremdungseffekt durchgehen); zum anderen der Sturz einer properen, weißen Frau (Bergers besorgte Schwester auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder) in die unter Eschnapur gelegene Höhle der Leprakranken – die schockierende Begegnung einer sozial Bevorzugten mit den gesellschaftlich Vergessenen wirkt wie das klamottige Menetekel einer drohenden Konfrontation von Unten und Oben.
R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke, Fritz Lang V Thea von Harbou K Richard Angst M Gerhard Becker A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann | BRD & F & I | 101 min | 1:1,37 | f | 5. März 1959
R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke, Fritz Lang V Thea von Harbou K Richard Angst M Gerhard Becker A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann | BRD & F & I | 101 min | 1:1,37 | f | 5. März 1959
25.2.59
Some Like It Hot (Billy Wilder, 1959)
Manche mögen’s heiß
Chicago, 1929: Die Bande von ›Toothpick Charlie‹ fällt einer Maschinengewehrattacke der rivalisierenden Gang von ›Spats Colombo‹ (George Raft als seine eigene Legende) zum Opfer. Eher selten beginnen Komödien mit einem Blutbad – hier dient es vor allem dazu, die Zeugen des Mafia-Shootouts, zwei arbeitslose Musiker, einen Film lang in tarnender Frauengarderobe festzuhalten. Die beiden tauchen kurzerhand in einer Damenkapelle ab – unter den Solistinnen: Sugar Kowalski alias Marilyn Monroe (»I always get the fuzzy end of the lollipop.«) –, wo Joe/Josephine (Tony Curtis/Saxophon) lediglich eine Rolle spielt, während Jerry/ Daphne (Jack Lemmon/Baßgeige) voll und ganz in der Maske aufgeht: Jerry: »I’m engaged.« – Joe: »Congratulations. Who's the lucky girl?« – Jerry: »I am!« Billy Wilders »Some Like It Hot« feuert – seiner Zeit weit voraus, will sagen: lange vor der Entwicklung von Gendertheorien – eine Garbe von Pointen auf die klassischen Geschlechtsbilder ab: Joe: »Why would a guy wanna marry a guy?« – Jerry: »Security!«
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond K Charles Lang M Adolph Deutsch A Ted Haworth S Arthur P. Schmidt P Billy Wilder D Marilyn Monroe, Tony Curtis, Jack Lemmon, George Raft, Joe E. Brown | USA | 120 min | 1:1,66 | sw | 25. Februar 1959
Chicago, 1929: Die Bande von ›Toothpick Charlie‹ fällt einer Maschinengewehrattacke der rivalisierenden Gang von ›Spats Colombo‹ (George Raft als seine eigene Legende) zum Opfer. Eher selten beginnen Komödien mit einem Blutbad – hier dient es vor allem dazu, die Zeugen des Mafia-Shootouts, zwei arbeitslose Musiker, einen Film lang in tarnender Frauengarderobe festzuhalten. Die beiden tauchen kurzerhand in einer Damenkapelle ab – unter den Solistinnen: Sugar Kowalski alias Marilyn Monroe (»I always get the fuzzy end of the lollipop.«) –, wo Joe/Josephine (Tony Curtis/Saxophon) lediglich eine Rolle spielt, während Jerry/ Daphne (Jack Lemmon/Baßgeige) voll und ganz in der Maske aufgeht: Jerry: »I’m engaged.« – Joe: »Congratulations. Who's the lucky girl?« – Jerry: »I am!« Billy Wilders »Some Like It Hot« feuert – seiner Zeit weit voraus, will sagen: lange vor der Entwicklung von Gendertheorien – eine Garbe von Pointen auf die klassischen Geschlechtsbilder ab: Joe: »Why would a guy wanna marry a guy?« – Jerry: »Security!«
R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond K Charles Lang M Adolph Deutsch A Ted Haworth S Arthur P. Schmidt P Billy Wilder D Marilyn Monroe, Tony Curtis, Jack Lemmon, George Raft, Joe E. Brown | USA | 120 min | 1:1,66 | sw | 25. Februar 1959
11.2.59
Die Halbzarte (Rolf Thiele, 1959)
Romy Schneider, wild entschlossen, sich vom Sissi-Image zu befreien, spielt für Rolf Thiele eine resche Tochter aus musischem Wiener Hause, die – um die stets klamme Familienkasse aufzubessern – einen rattenscharfen »autobiographischen« Bestseller verfaßt. Der erhoffte Skandal tritt ein, das Geld sprudelt, das Buch wird ein Bühnenerfolg, ein Broadway-Produzent (Carlos Thompson) will die Rechte kaufen – und Romy hat ein Problem. Glaubt doch jetzt alle Welt, sie sei das lüsterne junge Ding mit viel Erfahrung, (über) das (sie) geschrieben hat. Interessant an »Die Halbzarte« sind neben Bele Bachems zuckerbäckerhafter Ausstattung vor allem die Haken, die ein sogenannter erotischer Film in den 1950er Jahren schlagen muß, um alles zu behaupten und nichts zu zeigen.
R Rolf Thiele B Hans Jacoby K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Bele Bachem, Otto Pischinger, Herta Pischinger S Henny Brünsch P Karl Ehrlich D Romy Schneider, Carlos Thompson, Magda Schneider, Josef Meinrad, Gertraud Jesserer | A | 91 min | 1:1,37 | f | 11. Februar 1959
R Rolf Thiele B Hans Jacoby K Klaus von Rautenfeld M Hans-Martin Majewski A Bele Bachem, Otto Pischinger, Herta Pischinger S Henny Brünsch P Karl Ehrlich D Romy Schneider, Carlos Thompson, Magda Schneider, Josef Meinrad, Gertraud Jesserer | A | 91 min | 1:1,37 | f | 11. Februar 1959
1.2.59
City of Fear (Irving Lerner, 1959)
Stadt in Gefahr
»I’m not an animal. I’m a person. I want things.« Vince Ryker (Vince Edwards), entflohener Sträfling aus San Quentin, taucht in Los Angeles unter. Seine ganze Habe ist eine gestohlene Metallbüchse, von der er annimmt, sie enthalte ein Pfund reinen Heroins – in Wirklichkeit aber birgt sie hochradioaktives Cobalt-60. Verschlossen bedeutet der Behälter den sicheren Tod für seinen nichtsahnenden Besitzer, würde der Deckel geöffnet, bestünde akute Kontaminierungsgefahr für die Millionenstadt … Irving Lerners straffes Krimidrama zeigt in wirkungsvollen Parallelmontagen die kriminelle Geschäftstätigkeit des vergifteten, immer schwächer werdenden Flüchtlings (der glaubt, sich eine schwere Erkältung eingefangen zu haben) und die zunehmend verzweifelten (vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen) polizeilichen Anstrengungen, das verhängnisvolle Gefäß aufzuspüren. Überhaupt bestimmen gestalterische Kontraste die Inszenierung: Kameramann Lucien Ballard kombiniert die statische Tristesse steriler Innenräume mit hektischen Autofahrten durch die Stadt, mischt funktionale On-location-Fotografie und expressive Low-key-Aufnahmen; die fulminante Tonspur verbindet Jerry Goldsmiths bald fiebrig treibende, bald gespenstisch schwebende Musik mit dem aufgeregten Sirenengeheul der Einsatzwagen und dem unheilverkündenden Knirschen der Geigerzähler. Dabei steuert »City of Fear« (dessen Story Erinnerungen an zwei andere Nuklear-Thriller wachruft: Matés fatalistischen »D.O.A.« und Aldrichs exaltierten »Kiss Me Deadly«) ohne Umschweife auf sein süffisantes Ende zu: Vince, starrsinnig davon überzeugt, das große Los gezogen zu haben, klammert sich bis zuletzt, keuchend, schwitzend, stöhnend, an sein Verderben: »It’s worth a million!«
R Irving Lerner B Steven Rich, Robert Dilllon K Lucien Ballard M Jerry Goldsmith A Jack Poplin S Robert Lawrence P Leon Chooluck D Vince Edwards, Lyle Talbot, John Archer, Steven Ritch, June Marlowe, Joseph Mell | USA | 75 min | 1:1,85 | sw | 1. Februar 1959
# 886 | 25. Juni 2014
»I’m not an animal. I’m a person. I want things.« Vince Ryker (Vince Edwards), entflohener Sträfling aus San Quentin, taucht in Los Angeles unter. Seine ganze Habe ist eine gestohlene Metallbüchse, von der er annimmt, sie enthalte ein Pfund reinen Heroins – in Wirklichkeit aber birgt sie hochradioaktives Cobalt-60. Verschlossen bedeutet der Behälter den sicheren Tod für seinen nichtsahnenden Besitzer, würde der Deckel geöffnet, bestünde akute Kontaminierungsgefahr für die Millionenstadt … Irving Lerners straffes Krimidrama zeigt in wirkungsvollen Parallelmontagen die kriminelle Geschäftstätigkeit des vergifteten, immer schwächer werdenden Flüchtlings (der glaubt, sich eine schwere Erkältung eingefangen zu haben) und die zunehmend verzweifelten (vor der Öffentlichkeit geheimgehaltenen) polizeilichen Anstrengungen, das verhängnisvolle Gefäß aufzuspüren. Überhaupt bestimmen gestalterische Kontraste die Inszenierung: Kameramann Lucien Ballard kombiniert die statische Tristesse steriler Innenräume mit hektischen Autofahrten durch die Stadt, mischt funktionale On-location-Fotografie und expressive Low-key-Aufnahmen; die fulminante Tonspur verbindet Jerry Goldsmiths bald fiebrig treibende, bald gespenstisch schwebende Musik mit dem aufgeregten Sirenengeheul der Einsatzwagen und dem unheilverkündenden Knirschen der Geigerzähler. Dabei steuert »City of Fear« (dessen Story Erinnerungen an zwei andere Nuklear-Thriller wachruft: Matés fatalistischen »D.O.A.« und Aldrichs exaltierten »Kiss Me Deadly«) ohne Umschweife auf sein süffisantes Ende zu: Vince, starrsinnig davon überzeugt, das große Los gezogen zu haben, klammert sich bis zuletzt, keuchend, schwitzend, stöhnend, an sein Verderben: »It’s worth a million!«
R Irving Lerner B Steven Rich, Robert Dilllon K Lucien Ballard M Jerry Goldsmith A Jack Poplin S Robert Lawrence P Leon Chooluck D Vince Edwards, Lyle Talbot, John Archer, Steven Ritch, June Marlowe, Joseph Mell | USA | 75 min | 1:1,85 | sw | 1. Februar 1959
# 886 | 25. Juni 2014
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21.1.59
Der Tiger von Eschnapur (Fritz Lang, 1959)
Indien made in (CCC-)Spandau: Der stolze Maharadscha Chandra liebt die schöne Tempeltänzerin Sitah (Debra Paget), die den deutschen Ingenieur Harald Berger (Paul Hubschmid) liebt, der sie wiederliebt und mit ihr flieht … Natürlich ist »Der Tiger von Eschnapur« naiv, pappig und wüst verkitscht – aber Fritz Lang nimmt die Naivität, die Pappe und den Kitsch ernst, und er tut dabei so, als könnte man Ende der 1950er Jahre (Jean-Luc Godard wird nur ein Jahr später »À bout de souffle« drehen) immer noch Filme machen wie 1920, als könnte man immer noch zu Kino-Abenteuerreisen aufbrechen, die sich um die Wirklichkeit nicht scheren, die statt dessen in vollen Zügen die fantasiegeschwängerte Luft des Studios atmen. Auf diese Weise erschafft er ein wunderbar abgedroschenes Klischee-Epos, so lupenrein wie ein Glasdiamant, eine heillos melodramatische Augenwischerei, so tiefempfunden wie eine Soap Opera. Langs Inder (unter anderem Walter Reyer, René Deltgen, Jochen Brockmann) sind Figurinen aus Straß, bunter Seide und rehbrauner Schuhcreme (fürs Gesicht), seine exotischen Paläste bestehen aus falschgoldenen Säulen, gemaltem Marmor und kunstfelsigen Irrgängen (im Untergrund). Das kinematographische Geheimnis liegt jederzeit offen zu Tage, und doch lädt es ein, sich darin zu verlieren. PS: Fortsetzung folgt – »noch spannender – noch gewaltiger – noch grandioser«.
R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke V Thea von Harbou K Richard Angst M Michel Michelet A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Valerij Ikijinow, René Deltgen | BRD & F & I | 100 min | 1:1,37 | f | 21. Januar 1959
R Fritz Lang B Werner Jörg Lüddecke V Thea von Harbou K Richard Angst M Michel Michelet A Willi Schatz, Helmut Nentwig S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Debra Paget, Paul Hubschmid, Walter Reyer, Valerij Ikijinow, René Deltgen | BRD & F & I | 100 min | 1:1,37 | f | 21. Januar 1959
25.12.58
Bell Book and Candle (Richard Quine, 1958)
Meine Braut ist übersinnlich
»You gave me something wonderful: You made me unhappy.« Magisch-skurrile love story zwischen einem älteren Vernunftmenschen (James Stewart) und einer gutaussehenden jungen Hexe (Kim Novak), angesiedelt im verschneit-weihnachtlichen New York. (Nachdem ihre Romanze in Hitchcocks »Vertigo« kurz zuvor tragisch endete, gewährt Richard Quine dem Paar gleichsam eine zweite Chance…) Hexen, so lernt man anfangs, vermögen weder zu erröten, noch zu weinen – und lieben können sie auch nicht. Zur Vorhersage, daß Novak in »Bell Book and Candle« erröten, weinen und lieben wird, bedarf es mithin keiner übersinnlichen Fähigkeiten. Der Weg ins Glück führt über allerlei Hürden (und durch einige Längen), die von gutaufgelegten Darsteller aus dem Weg geräumt (beziehungsweise charmant verkürzt) werden: Jack Lemmon als bongospielender Nachwuchszauberer, Ernie Kovacs als alkoholischer Sachbuchautor (»Magic in Mexico«, »Voodoo Among the Virgins«), Elsa Lancaster (kichernd) und Hermione Gingold (hochtönend) als Hexen von altem (!) Schrot und Korn. »Ring the bell. Close the book. Quench the candle.«
R Richard Quine B Daniel Taradash V John Van Druten K James Wong Howe M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Julian Blaustein D James Stewart, Kim Novak, Jack Lemmon, Ernie Kovacs, Hermione Gingold, Elsa Lanchester | USA | 106 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1958
»You gave me something wonderful: You made me unhappy.« Magisch-skurrile love story zwischen einem älteren Vernunftmenschen (James Stewart) und einer gutaussehenden jungen Hexe (Kim Novak), angesiedelt im verschneit-weihnachtlichen New York. (Nachdem ihre Romanze in Hitchcocks »Vertigo« kurz zuvor tragisch endete, gewährt Richard Quine dem Paar gleichsam eine zweite Chance…) Hexen, so lernt man anfangs, vermögen weder zu erröten, noch zu weinen – und lieben können sie auch nicht. Zur Vorhersage, daß Novak in »Bell Book and Candle« erröten, weinen und lieben wird, bedarf es mithin keiner übersinnlichen Fähigkeiten. Der Weg ins Glück führt über allerlei Hürden (und durch einige Längen), die von gutaufgelegten Darsteller aus dem Weg geräumt (beziehungsweise charmant verkürzt) werden: Jack Lemmon als bongospielender Nachwuchszauberer, Ernie Kovacs als alkoholischer Sachbuchautor (»Magic in Mexico«, »Voodoo Among the Virgins«), Elsa Lancaster (kichernd) und Hermione Gingold (hochtönend) als Hexen von altem (!) Schrot und Korn. »Ring the bell. Close the book. Quench the candle.«
R Richard Quine B Daniel Taradash V John Van Druten K James Wong Howe M George Duning A Cary Odell S Charles Nelson P Julian Blaustein D James Stewart, Kim Novak, Jack Lemmon, Ernie Kovacs, Hermione Gingold, Elsa Lanchester | USA | 106 min | 1:1,85 | f | 25. Dezember 1958
18.12.58
Romarei, das Mädchen mit den grünen Augen (Harald Reinl, 1958)
Ein deutscher Abenteuerfilm »nach dem gleichnamigen in der Bild-Zeitung erschienenen Roman« – das klingt doch vielversprechend: abgedroschene Exotik (der Zauber Arabiens und die Geheimnisse der Wüste), tödliche Rivalität unter internationalen Wirtschaftsbossen, eine gehörige Portion Okkultismus (der abergläubische Magnat und das Fräulein mit dem zweiten Gesicht), obendrein wahre Liebe, ein blinder Junge sowie ein treuer Hund – der Stoff, aus dem die guten schlechten Filme sind. Dazu die exzentrischen Rollennamen: Sir Boris Olinzoff, Papas Leonidas, Kees Falkenried, nicht zu vergessen der unsichtbar im Hintergrund spukende Schurke ›Mazareff‹ – was kann da noch schiefgehen? So manches, wie man in dieser erznaiven Geschichte um ein hellseherisch begabtes Waisenkind sieht: Harald Reinl (der Adenauer des bundesrepublikanischen B-Films) eiert unentschlossen zwischen Heimatkitsch, Reißer, Märchen und Romanze. Trotz pappiger Kulissen und billiger Flitterkostüme, trotz hanebüchener Kolonialklischees und hochkarätiger Knallchargen wie Dominique Wilms oder Reggie Nalder sinkt »Romarei, das Mädchen mit den grünen Augen« nur selten auf jenes Niveau, wo schlichter Blödsinn in brillanten Eskapismus umschlägt – wie etwa, wenn der verrückte Hobbybotaniker Baron de Tavel (Kurt Meisel) seinen staunenden Tischgenossen erklärt, daß der Mensch von den Pflanzen abstamme: »Sie sollten einmal die Form einer knospenden Lilia aphrodisia betrachten, wie sich in ihr die Gestalt eines schlanken Mädchenkörpers abzeichnet. Und wenn sich die Blume auftut, dann ...« Mit »Romarei« tut sich leider keine Blume auf.
R Harald Reinl B Gerda Corbett V Gerda Corbett K Hans Schneeberger M Willi Mattes A Ernst H. Albrecht S Johanna Meisel P Gero Wecker D Carola von Kayser, Leonard Steckel, Joachim Hansen, Reggie Nalder, Werner Peters | BRD & I | 89 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1958
R Harald Reinl B Gerda Corbett V Gerda Corbett K Hans Schneeberger M Willi Mattes A Ernst H. Albrecht S Johanna Meisel P Gero Wecker D Carola von Kayser, Leonard Steckel, Joachim Hansen, Reggie Nalder, Werner Peters | BRD & I | 89 min | 1:1,37 | f | 18. Dezember 1958
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Wüste
Some Came Running (Vincente Minnelli, 1958)
Verdammt sind sie alle
Tomographie einer amerikanischen Kleinstadt: Nach 16 Jahren kehrt der blockiert-verkrachte Schriftsteller Dave (Frank Sinatra) in seine Heimat zurück; im Gepäck trägt er viel Hader – mit sich und mit der Welt seines älteren Bruders (Arthur Kennedy), eines bigotten Gliedes der sogenannten besseren Gesellschaft. Untermalt von Elmer Bernsteins bald lyrisch-melancholischen, bald bedrohlich stampfenden Kompositionen, entwirft Vincente Minnelli das trostlos-ergreifende Cinema-Scope-Bild (Kamera: William H. Daniels) einer Lebensart, die von Frustration, Kleingeistigkeit, emotionaler Vereisung und Alkohol beherrscht wird. Beziehungen, Talente, Hoffnungen – alles ist irgendwie verpfuscht, und Mitleid scheint auf diesem Jahrmarkt der Traurigkeiten das höchste der möglichen Gefühle. Dean Martin verkörpert (als Inkarnation seiner selbst) einen professionellen Spieler, der – in einer hochprozentigen splendid isolation lebend – niemals den Hut absetzt (nur einmal, ganz zum Schluß, wird er ihn lüften); Martha Hyer flüchtet sich als hochmütig-mutlose Lehrerin ins platonische Unglück; im heimlichen Zentrum der Erzählung steht die von Shirley MacLaine gespielte Ginny: Das (nur vordergründig) sonnige Doofchen mit der rührenden Plüschtiertasche ist weit und breit die einzige, die in der Lage ist, ganz unverstellt Liebe zu geben und zu zeigen – im apokalyptisch illuminierten Finale wird ihr genau das zum Verhängnis. In seiner expressiv-analytischen Überspanntheit wirkt »Some Came Running« wie ein von Frank Tashlin inszeniertes Douglas-Sirk-Melodram.
R Vincente Minnelli B John Patrick, Arthur Sheekman V James Jones K William H. Daniels M Elmer Bernstein A William A. Horning, Urie McCleary S Adrienne Fazan P Sol C. Siegel D Frank Sinatra, Dean Martin, Shirley MacLaine, Arthur Kennedy, Martha Hyer | USA | 137 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1958
Tomographie einer amerikanischen Kleinstadt: Nach 16 Jahren kehrt der blockiert-verkrachte Schriftsteller Dave (Frank Sinatra) in seine Heimat zurück; im Gepäck trägt er viel Hader – mit sich und mit der Welt seines älteren Bruders (Arthur Kennedy), eines bigotten Gliedes der sogenannten besseren Gesellschaft. Untermalt von Elmer Bernsteins bald lyrisch-melancholischen, bald bedrohlich stampfenden Kompositionen, entwirft Vincente Minnelli das trostlos-ergreifende Cinema-Scope-Bild (Kamera: William H. Daniels) einer Lebensart, die von Frustration, Kleingeistigkeit, emotionaler Vereisung und Alkohol beherrscht wird. Beziehungen, Talente, Hoffnungen – alles ist irgendwie verpfuscht, und Mitleid scheint auf diesem Jahrmarkt der Traurigkeiten das höchste der möglichen Gefühle. Dean Martin verkörpert (als Inkarnation seiner selbst) einen professionellen Spieler, der – in einer hochprozentigen splendid isolation lebend – niemals den Hut absetzt (nur einmal, ganz zum Schluß, wird er ihn lüften); Martha Hyer flüchtet sich als hochmütig-mutlose Lehrerin ins platonische Unglück; im heimlichen Zentrum der Erzählung steht die von Shirley MacLaine gespielte Ginny: Das (nur vordergründig) sonnige Doofchen mit der rührenden Plüschtiertasche ist weit und breit die einzige, die in der Lage ist, ganz unverstellt Liebe zu geben und zu zeigen – im apokalyptisch illuminierten Finale wird ihr genau das zum Verhängnis. In seiner expressiv-analytischen Überspanntheit wirkt »Some Came Running« wie ein von Frank Tashlin inszeniertes Douglas-Sirk-Melodram.
R Vincente Minnelli B John Patrick, Arthur Sheekman V James Jones K William H. Daniels M Elmer Bernstein A William A. Horning, Urie McCleary S Adrienne Fazan P Sol C. Siegel D Frank Sinatra, Dean Martin, Shirley MacLaine, Arthur Kennedy, Martha Hyer | USA | 137 min | 1:2,35 | f | 18. Dezember 1958
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MacLaine,
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Rummelplatz,
Schriftsteller,
Sinatra,
Vincente Minnelli
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