»In einer Demokratie muß man ja alles Mögliche genehmigen.« 1957: Ein neuer Baudezernent kommt in die Stadt, zugleich korrekt-altmodisch und aufgeschlossen-modern. Die expansiven Kräfte gelte es zu unterstützen, verkündet Herr von Bohm (Armin Mueller-Stahl) bei seinem Amtsantritt. Er verliebt sich in die attraktive Marie-Louise (Barbara Sukowa), geht tags mit ihr wandern, nicht ahnend, daß sie nachts die Hure Lola ist und zudem Geliebte von Schuckert (Mario Adorf), dem führenden Bauunternehmer des Ortes: »Ein Mensch hat viele Gesichter.« Als er seine Gefühle verraten sieht, wird der Moralist zum Don Quijote, der gegen die Windmühlen des Systems reitet. Das Kartell aus guten Familien und Banken, aus Politik und Presse erweist sich indes als ebenso widerstandsfähig wie flexibel. Am Ende steht eine gelungene Integration, und auch Lola, die bislang beklagte, daß man sie »nicht richtig mitmachen« lasse, wird vom Establishment adoptiert. Inspiriert von Heinrich Manns »Professor Unrat«, entwirft Rainer Werner Fassbinder ein schrilles Panorama der bürgerlichen Welt »in stampfender, rollender Zeit«: Im 3. Teil seiner BRD-Trilogie zeigt er die Welt als Puff, das allgegenwärtige Kaufen und Verkaufen, die Lust am Profit und die wechselseitige Befriedigung von Bedürfnissen. Die übertriebene Buntheit der Bilder erinnert an die Cartoon-Palette eines Frank Tashlin, wie auch an Edward Dmytryks rosa-azurblau schillerndes Fünfziger-Jahre-Remake des »Blauen Engel«, das den Mann-Roman ebenfalls in ein deutsches Provinznest der Nachkriegszeit verlegte. Die Sicht auf die allgegenwärtige Korruption ist bitter und aufgekratzt zugleich – »Lola« verbindet als knallige Sittenkomödie sarkastische Schärfe und resignative Fröhlichkeit: »Deswegen nennen wir unsere Marktwirtschaft sozial, weil für jeden etwas hängen bleibt.«
R Rainer Werner Fassbinder B Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder K Xaver Schwarzenberger M Peer Raben A Rolf Zehetbauer Ko Barbara Baum S Juliane Lorenz, Franz Walsch (= Rainer Werner Fassbinder) P Horst Wendlandt D Barbara Sukowa, Armin Mueller-Stahl, Mario Adorf, Karin Baal, Matthias Fuchs, Ivan Desny | BRD | 113 min | 1:1,66 | f | 20. August 1981
# 1115 | 29. Mai 2018
Posts mit dem Label Baal werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Baal werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
20.8.81
9.3.72
Cosa avete fatto a Solange? (Massimo Dallamano, 1972)
Das Geheimnis der grünen Stecknadel
»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«
R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972
# 800 | 16. November 2013
»Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein Rendezvous auf der Themse, ein Boot zwischen im Wasser hängenden Zweigen, ein schreiendes Mädchen im Ufergebüsch, ein aufgerissenes Auge, ein blitzendes Messer zwischen weiblichen Schenkeln. Später: das Röntgenbild eines Unterleibes, in dem die Mordwaffe steckt … Massimo Dallamano zeigt nichts und zeigt alles, zeigt die Beziehung von Rache und Verzweiflung, die Nähe von Sehen und Sterben, zeigt nackte Angst, hoffnungslose Gewalt, unumkehrbare Zerstörung: »Was habt ihr mit Solange gemacht?« Ein später Edgar-Wallace-Krimi, ein melancholischer Giallo – Klavierklänge, tröpfelnd wie Regen, schneidende Streicher, wehmütige Frauenstimmen (Musik: Ennio Morricone) … Im Zentrum des Verbrechens: eine katholische Mädchenschule – kindlicher Glauben und begieriges Wissenwollen und todbringende Erkenntnis. Ein geheimer Club und ein falscher Priester, ein Vater und seine Tochter, Genuß und Reue, Freundschaft und Panik, Liebe und Horror, die vergebliche Suche nach der verlorenen Unschuld und die brutale Wiederkehr des Verdrängten: »Was habt ihr mit Solange gemacht?«
R Massimo Dallamano B Massimo Dallamano, Bruno Di Geronimo, Peter M. Thouet V Edgar Wallace K Aristide Massaccesi (= Joe D’Amato) M Ennio Morricone A Gastone Carsetti S Antonio Siciliano, Clarissa Ambach P Leo Pescarolo, Horst Wendlandt D Fabio Testi, Joachim Fuchsberger, Christine Galbo, Karin Baal, Günther Stoll | I & BRD | 103 min | 1:2,35 | f | 9. März 1972
# 800 | 16. November 2013
Labels:
Abtreibung,
Baal,
Dallamano,
Edgar Wallace,
Fuchsberger,
Giallo,
Krimi,
Lehrer,
London,
Mord,
Polizei,
Priester,
Rache,
Schule,
Serienmörder
18.1.68
Der Hund von Blackwood Castle (Alfred Vohrer, 1968)
Eine filmische Ode an die Berliner Pfaueninsel: das »preußische Paradies« als englische Idealszenerie und adäquate Edgar-Wallace-Kulisse. Inmitten der herbstlich-idyllischen Parklandschaft, zwischen nebligem Gehölz und hungrigem Sumpf, geschehen gräßliche Dinge: Diverse Spaziergänger (allesamt Gäste des rustikalen, von Lady Agathy Beverton (Agnes Windeck) (groß-)mütterlich geleiteten Gasthofes »Old Inn«) sterben an den Bissen einer mordgierigen Bestie. Zentrum des Schreckens: Blackwood Castle, das vom kürzlich verstorbenen Schloßherrn seiner lange negierten Tochter (Karin Baal) vermacht wurde. Nach dem Tod des Besitzers wird der alte, spinnverwebte Kasten unversehens von einer Schar zwielichtiger Interessenten (Hans Söhnker, Heinz Drache, Horst Tappert und andere) umlagert, die hinter den morschen Mauern schlummernde Reichtümer vermuten … Alfred Vohrer arrangiert ein gewitztes Katz-und-Maus-, besser gesagt: Hund-und-Mensch-Spiel, verrührt die hergebrachten Zutaten der Endlosserie zu einer amüsanten Thrillerfarce, antwortet auf jede Sinnfrage mit einem billigen Schaueffekt. Den Fall, der deutliche Anleihen bei Arthur Conan Doyles »The Hound of the Baskervilles« und bei Stanley Donens »Charade« nimmt, untersucht Scotland-Yard-Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) höchstpersönlich, assistiert von seiner pfiffigen Assistentin Miss Finley (Ilse Pagé) – die Ermittler stoßen unter anderem auf einen gepolsterten Sarg für lebende Tote und Schachfiguren, die als Fernsteuerung dienen, auf schatzhütende Schlangen und einen ausgestopften Bären mit Funkanschluß …
R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Horst Tappert, Karin Baal, Agnes Windeck, Siegfried Schürenberg | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1968
R Alfred Vohrer B Axel Berg (= Herbert Reinecker) V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Wilhelm Vorwerg, Walter Kutz S Jutta Hering P Horst Wendlandt D Heinz Drache, Horst Tappert, Karin Baal, Agnes Windeck, Siegfried Schürenberg | BRD | 92 min | 1:1,66 | f | 18. Januar 1968
14.4.66
Ganovenehre (Wolfgang Staudte, 1966)
»Eine Leiche im Puff war noch nie eine gute Reklame.« Eine Gauner- und Nuttenkomödie aus dem Berlin der 1920er Jahre: Einbrecher Artisten-Orje (liebenswert-tumb: Mario Adorf), nach drei Jahren Brandenburg in die sogenannte Freiheit entlassen, findet dank seiner Freundin Nelly Unterkunft im Massagesalon »Venus von Milo« und Aufnahme in den Sparverein »Biene«, die Berufsorganisation der hauptstädtischen Zuhälter. So wird der (leicht beschränkte) Schränker nolens volens zum Luden, der sich freilich an den feinen Unterschied zwischen »hergeben« und »hingeben« ebensowenig gewöhnen kann wie an den strengen Komment seiner ehrpusseligen Standesgenossen … Vermutlich hatte Wolfgang Staudte eine parodistischen Schwank über die Doppelbödigkeit bürgerlicher Moralvorstellungen im Sinn (»Recht ist, was dem Verein nützt.«), doch seine in synthetischen Studiokulissen über die Bühne gehende Eingroschenoper (≈ Franz Biberkopf in der Pension Schöller) kommt – trotz glanzvoller Besetzung: Curt Bois als windiger »Seiden-Emil«, Gert Fröbe als klotziger »Importen-Paul«; dazu Helen Vita, Karin Baal, Ilse Pagé – kaum je über harmlos-betusame Klamottigkeit hinaus.
R Wolfgang Staudte B Curth Flatow, Hans Wilhelm V Charles Rudolph K Friedel Behn-Grund M Hans Martin Majewski A Werner Schlichting, Isabella Schlichting S Susanne Paschen P Wenzel Lüdecke D Mario Adorf, Curt Bois, Helen Vita, Karin Baal, Gert Fröbe | BRD | 94 min | 1:1,37 | f | 14. April 1966
# 1024 | 2. September 2016
R Wolfgang Staudte B Curth Flatow, Hans Wilhelm V Charles Rudolph K Friedel Behn-Grund M Hans Martin Majewski A Werner Schlichting, Isabella Schlichting S Susanne Paschen P Wenzel Lüdecke D Mario Adorf, Curt Bois, Helen Vita, Karin Baal, Gert Fröbe | BRD | 94 min | 1:1,37 | f | 14. April 1966
# 1024 | 2. September 2016
Labels:
20er Jahre,
Adorf,
Baal,
Berlin,
Bordell,
Fröbe,
Gangster,
Komödie,
Prostitution,
Staudte
28.3.61
Die toten Augen von London (Alfred Vohrer, 1961)
»Ist es wahr, daß die Mortadella von Blinden gemacht wird?« fragte einst der Surrealist Benjamin Péret. »Die toten Augen von London« gibt hierauf keine Antwort – in Alfred Vohrers nebeldurchzogener erster Edgar-Wallace-Adaption beschäftigen sich die Blinden (unter ihnen Ady Berber, der österreichische Tor Johnson) nicht mit der Herstellung schmackhafter Wurstwaren sondern, im Auftrag geldgieriger Hintermänner, mit der gewinnbringenden Ersäufung reicher älterer Herren. Neben dem effektsicheren Regisseur geben auch Klaus Kinski (als dubioser Sekretär mit dunkler Vergangenheit und verspiegelter Sonnenbrille) sowie Kameramann Karl Löb, der wie kaum ein anderer deutscher Bildformulierer der 1960er Jahre das reißerische Helldunkel des Vulgärexpressionismus zu forcieren weiß, ihr erfreuliches Reihendebüt. Dazu: Karin Baal als blonde Unschuld, Wolfgang Lukschy als sinistrer Versicherungsmakler und der schrecklich integre Dieter Borsche als (sich selbst) wohlwollender Reverend.
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961
R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961
Labels:
Baal,
Borsche,
Edgar Wallace,
Fuchsberger,
Kinski,
Krimi,
London,
Vohrer
28.10.60
Die junge Sünderin (Rudolf Jugert, 1960)
Eine Frau will nach oben oder Wie angelt man sich einen Millionär. Was eine derartige Ambition in Wirtschaftswunderzeiten mit Sünde zu tun haben soll (wie es der Titel des Films insinuiert) bleibt offen – zumal Eva (!), die Heldin dieses bundesrepublikanischen Entwicklungsromans, bei aller Gier nach Reichtum und gesellschaftlicher Anerkennung ihre Unberührtheit geradezu löwinnenhaft verteidigt … Eva Reck (Karin Baal) und ihre beste Freundin Carola Ortmann (Vera Tschechowa) wurden, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, am gleichen Tag im gleichen Haus geboren, die eine im Keller als Tochter armer Leute, die andere im ersten Stock mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund. Die Familien bleiben über die bewegten Jahre hinweg in engem Kontakt. Zur attraktiven jungen Dame gereift, lebt Eva als Hauskind in der riesigen Villa der Ortmanns, schreckt nicht davor zurück, Carolas verwitweten Vater (Rudolf Prack) ins Visier zu nehmen, malt sich schon die Hochzeit aus: »300 Gäste, nur Prominenz. Und alles kommt in die Zeitung, mit Bildern.« – »Geld allein macht nicht glücklich«, mahnt kopfschüttelnd ihre rechtschaffene Mutter (Grethe Weiser). »Doch«, widerspricht Eva, »Geld macht glücklich! Weil man nicht mehr danke sagen muß.« Rudolf Jugert zeichnet Eva ohne Mißbilligung, aber auch ohne Sympathie, er nimmt sie als lebendigen Ausdruck der sozialen Marktwirtschaft und ihres Wahlspruchs »Wohlstand für alle«. »Sie sind der Typ der arbeitenden jungen Frau von heute«, sagt jener (reiche) Mann zu Eva, den sie nach einigen Umwegen schließlich heiraten wird. Er meint es als Kompliment. Und wenn am Ende jeder Topf einen Deckel gefunden hat, singt wissend eine samtige Stimme: »Es muß ja nicht gleich Liebe sein, / Wenn’s manchmal auch so scheint.«
R Rudolf Jugert B Peter Berneis, Maria von der Osten-Sacken K Ekkehard Kyrath, Werner M. Lenz M Ernst Simon A Otto Pischinger, Helga Hareither S Aribert Geier P Kurt Ulrich D Karin Baal, Vera Tschechowa, Rudolf Prack, Grethe Weiser, Paul Hubschmid | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 28. Oktober 1960
# 887 | 26. Juni 2014
R Rudolf Jugert B Peter Berneis, Maria von der Osten-Sacken K Ekkehard Kyrath, Werner M. Lenz M Ernst Simon A Otto Pischinger, Helga Hareither S Aribert Geier P Kurt Ulrich D Karin Baal, Vera Tschechowa, Rudolf Prack, Grethe Weiser, Paul Hubschmid | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 28. Oktober 1960
# 887 | 26. Juni 2014
Labels:
Baal,
Berlin,
Familie,
Freundschaft,
Geld,
Gesellschaft,
Hubschmid,
Jugert,
Nachkrieg,
Prack,
Romanze,
Weiser,
Wirtschaftswunder
6.10.60
Wir Kellerkinder (Jochen Wiedermann, 1960)
»Die Vergangenheit ist unbewältigt. Und wo bleibt der Film darüber? Schließlich müssen wir ja mal damit fertig werden.« Das Leben des Macke Prinz, von ihm selbst (in die Wochenschau-Kamera) erzählt … Macke (Wolfgang Neuss), 1938, zu Beginn der Geschichte, elf Jahre alt, Sohn eines Berliner Blockwarts, Trommler im Jungvolk, will nur eines: Schlagzeuger werden. In seinem Keller übt er fleißig; außerdem versteckt er dort während des Krieges einen verfolgten Kommunisten (der ihm kulturelle und menschliche Grundwerte vermittelt), später dann den eigenen Vater (den er immer gut leiden konnte – weil er ihn nicht kannte). Über die politisch-ideologische Schizophrenie von Nazi- und Nachkriegszeit verliert Macke den Verstand und landet in der Klapsmühle, wo er auf einen musikalischen Toilettenmann mit Führerkomplex (Jo Herbst) und einen aus der Zone geflüchteten Jazzpianisten (Wolfgang Gruner) trifft … Von Hitler zu Adenauer und Ulbricht sowie ein Ausflug zurück – eine satirische Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung aus der Kellerperspektive. Visuell betont unspektakulär, über weite Strecken die filmische Illustration des von Neuss vorgetragenen Off-Kommentars, zeigt »Wir Kellerkinder« deutsch(-deutsche) Charaktertypen an stilisierten Schauplätzen: alte und neue Kameraden, Pseudokommunisten und künstliche Demokraten, »ein ganzes Volk auf Zelluloid«, zwischen Ost und West, zwischen Heute und Gestern. »Es ist nicht einfach mit so etwas Schluß zu machen.«
R Jochen Wiedermann B Wolfgang Neuss, Herbert Kundler K Werner Lenz M Peter Sandloff A Ernst H. Albrecht S Walter von Bonhorst P Hans Oppenheimer D Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Achim Strietzel | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. Oktober 1960
# 802 | 22. November 2013
R Jochen Wiedermann B Wolfgang Neuss, Herbert Kundler K Werner Lenz M Peter Sandloff A Ernst H. Albrecht S Walter von Bonhorst P Hans Oppenheimer D Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Achim Strietzel | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw | 6. Oktober 1960
# 802 | 22. November 2013
Labels:
(Real-)Sozialismus,
30er Jahre,
Baal,
Berlin,
Erinnerung,
Klinik,
Kommunismus,
Komödie,
Musik,
Nachkrieg,
Nachtclub,
Nationalsozialismus,
Neuss,
Ost/West,
Politik,
Satire,
Wiedermann,
Zweiter Weltkrieg
28.8.58
Das Mädchen Rosemarie (Rolf Thiele, 1958)
»Ja, die Blüten unseres Wunders / leuchten hell im Neonlicht.« Rolf Thieles Dreigroschenoper für Nadja Tiller – den ersten Groschen gibt der Film für (vage) Kritik an den Verhältnissen der ökonomisch prosperierenden Bundesrepublik, den zweiten Groschen für (prüde) Fleischeslust, den dritten Groschen für die (deutlich) auf Bertolt Brecht schielenden Couplets in satirisch verfremdelndem Moritatenstil (vorgetragen von Jo Herbst und Mario Adorf, Karin Baal und Helen Vita). Tiller (mal im Trenchcoat, mal im Catsuit, mal im Babydoll) verkörpert die zu skandalöser Berühmtheit gelangte Frankfurter Luxusnutte Rosemarie Nitribitt, die nicht so clever ist, wie sie annimmt, und ins tödliche Visier jener betuchten und einflußreichen Herren (dargestellt unter anderem von Gert Fröbe, Carl Raddatz, Peter van Eyck, Werner Peters) gerät, welche sie zu schröpfen gedenkt. Mit der (freilich recht nebulösen) historischen Wahrheit des medienwirksamen Kriminalfalles nehmen es Thiele und sein Autor Erich Kuby nicht so genau, auch der soziologische Gestus bleibt attraktiv arrangiere Pose – so erweist sich das aufklärerisch tuende Sittenstück in Summe als kabarettistisch-moralisierender Gesellschaftsklatsch. PS: »Doch wer von den Herren dich besessen / wird dich lange nicht vergessen.«
R Rolf Thiele B Erich Kuby, Rolf Thiele, Jo Herbst, Rolf Ulrich K Klaus von Rautenfeld M Norbert Schultze A Wolf Englert, Ernst Richter S Elisabeth Neumann P Luggi Waldleitner D Nadja Tiller, Peter van Eyck, Carl Raddatz, Gert Fröbe, Mario Adorf, Jo Herbst, Karin Baal | BRD | 101 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1958
R Rolf Thiele B Erich Kuby, Rolf Thiele, Jo Herbst, Rolf Ulrich K Klaus von Rautenfeld M Norbert Schultze A Wolf Englert, Ernst Richter S Elisabeth Neumann P Luggi Waldleitner D Nadja Tiller, Peter van Eyck, Carl Raddatz, Gert Fröbe, Mario Adorf, Jo Herbst, Karin Baal | BRD | 101 min | 1:1,37 | sw | 28. August 1958
Labels:
Adorf,
Baal,
Drama,
Frankfurt,
Fröbe,
Geld,
Gesellschaft,
Kuby,
Prostitution,
Raddatz,
Rolf Thiele,
Satire,
Tiller,
van Eyck,
Wirtschaftswunder
27.9.56
Die Halbstarken (Georg Tressler, 1956)
»Hart sein mußte!« So viel Wirklichkeit war selten im bundesdeutschen Film der 1950er Jahre. »Die Halbstarken« zeigt seine jugendlichen Helden da, wo sie ihr Leben leben und sich ein besseres ausmalen: im Hallenbad, in der Eisdiele, im Espresso, an der Tankstelle, aber auch in der engen Wohnung, wo der frustrierte Vater herumpoltert, und im grauen Hinterhof, wo die noch grauere Mutter Wäsche zum Trocknen aufhängt. Die Ansprüche der zornigen jungen Männer (und Frauen) sind, ganz zeitgeistig, vor allem materieller Natur: ein flotter Schlitten, ein großes Haus, das schnelle Geld. Kulturfilmer Georg Tressler (Regie) und Boulevardreporter Will Tremper (Drehbuch) stricken um ihre Figuren zwar eine reichlich klischierte Räuberpistole, aber immer wieder lassen Heinz Pehlkes ungeschönte Berlin-Bilder sowie insbesondere die lebendig skizzierten und gespielten Charaktere den schablonenhaften Plot links liegen: Da ist Freddy Borchert (Horst Buchholz), der juvenile Bandenchef, der seine Unreife und seine vage Sehnsucht nach Geborgenheit hinter Brüllerei und vorgetäuschter Härte versteckt, der durch Imponiergehabe und Herrscherallüre zum Abklatsch des verhaßten Erzeugers wird; da ist Sissy Bohl (Karin Baal), eine proletarische fille fatale, eine nimmersatte Miss Macbeth vom Wedding, die ihren Appetit zum Maß aller Dinge macht. Das mal bedrohlich grinsende, mal ungerührt flunschmündige Rebellentum wirkt wie die Kehrseite des wirtschaftswunderlichen Konsum- und Statusstrebens der Alten. In kurzen Augenblicken scheint den Protagonisten zu dämmern, daß es nicht nur ein Haben gibt sondern auch ein Sein, doch wie es zu realisieren wäre, liegt (noch) jenseits ihrer Vorstellungskraft.
R Georg Tressler B Will Tremper, Georg Tressler K Heinz Pehlke M Martin Böttcher A Lothar Wloch S Wolfgang Flaum P Wenzel Lüdecke D Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Jo Herbst, Viktoria von Ballasko | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1956
R Georg Tressler B Will Tremper, Georg Tressler K Heinz Pehlke M Martin Böttcher A Lothar Wloch S Wolfgang Flaum P Wenzel Lüdecke D Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Jo Herbst, Viktoria von Ballasko | BRD | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. September 1956
Labels:
Baal,
Berlin,
Buchholz,
Familie,
Gesellschaft,
Heist,
Jugend,
Krimi,
Musik,
Rock'n'Roll,
Tremper,
Tressler,
Wirtschaftswunder
Abonnieren
Posts (Atom)