31.8.61

Victim (Basil Dearden, 1961)

Der Teufelskreis

»It is not, in our view, the function of the law to intervene in the private life of citizens, or to seek to enforce any particular pattern of behaviour«, stellte der legendäre Wolfenden report im Jahre 1957 fest und empfahl (zunächst wirkungslos), die Strafbarkeit »einvernehmlicher homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen« in Großbritannien abzuschaffen … Thema von »Victim« ist indes weniger schwules Leben unter der Fuchtel des Gesetzes, problematisiert wird vielmehr eine kriminelle Folgeerscheinung der Kriminalisierung von Sexualität: Erpressung. Der renommierte (und verheiratete) Anwalt Melville Farr (Dirk Bogarde) fühlt sich von ›Boy‹ Barrett, einem »Bekannten«, unter Druck gesetzt, muß aber – nach dessen Selbstmord – erkennen, daß dieser selbst unter Druck stand: ›Boy‹, ein Junge aus der working class, zahlte (gestohlene) 2000 Pfund, um die Öffentlichmachung eines verfänglichen Fotos von ihm und Farr zu verhindern. Der erschütterte Anwalt nimmt den Kampf gegen die anonymen Erpresser auf, wobei seine zwiespältige Haltung den eigenen Begierden gegenüber ebenso offenbar wird wie die fatale Angst der (vom »Recht« und vom Verbrechen gleichermaßen) ins Dunkel Gedrängten: Keiner mag sich bekennen – der Friseur, der Antiquar, der Autohändler, der Schauspieler, sie alle wollen lieber schweigen, lieber dulden, lieber zahlen … Regisseur Basil Dearden und sein formstarker Kameramann Otto Heller siedeln ihr beklemmendes social drama in einem rauhen, kalten, unwirtlichen London an, das kaum ein Lächeln kennt, kaum eine Geste der Zärtlichkeit oder des Mitgefühls. Am Ende ist es Farrs ambivalenter Opfermut (= seine Bereitschaft, auf eine Zukunft als Queen’s Counsel zu verzichten, um vor Gericht gegen die Nötiger auszusagen, bei gleichzeitiger Aussicht auf wiedererstarkendes Eheglück), das die Gesellschaft – immerhin – ein kleines Stück weiter in Richtung sexueller Befreiung schubsen wird.

R Basil Dearden B Janet Green, John McCormick K Otto Heller M Philip Green A Alex Vetchinsky S John D. Guthridge P Michael Relph D Dirk Bogarde, Sylvia Sym, Dennis Price, Peter McEnery, John Barrie | UK | 96 min | 1:1,66 | sw | 31. August 1961

25.8.61

Mann im Schatten (Arthur Maria Rabenalt, 1961)

»Und wie hat’s Ihnen in Wien gefallen?« – »Och, eigentlich sehr gut, aber ich hab’ ja das Wichtigste nicht gesehen: Prater und Riesenrad, Heurigen und Grinzing, na ja, das ›goldene Wiener Herz‹, Sie wissen ja …« – »Wahrscheinlich hat es Ihnen gerade deshalb so gut gefallen.« Eigentlich geht es um die Aufklärung einer Bluttat, genauer gesagt um die Untersuchung des Mordes an der erfolgreichen Geschäftsfrau und Strickmodemacherin Miriam Capell (Ellen Schwiers) – in Wirklichkeit aber stehen nicht die Ermittlungen im Zentrum dieses sich dokumentarisch gerierenden Whodunits (Drehbuch: Wolfgang ›Stahlnetz‹ Menge) sondern die Person des Ermittlers: Helmut Qualtinger spielt den Oberpolizeirat Dr. Radosch als freundlich-verachtungsvollen Menschenkenner, dessen improvisiert wirkendes Herumschnüffeln eher überraschend denn zielgerichtet zum Ergebnis zu führen scheint. Die leutselige Gemütlichkeit des dicken Kriminalers kann sich überraschend schnell ins Gegenteil verkehren – seine Stimme schlägt dann vom einschmeichelnden Singsang des sympathischen Grantlers um ins herrische Blaffen des allmächtigen Hausbesorgers: »Wien, Wien, nur du allein …«

R Arthur Maria Rabenalt D Wolfgang Menge K Elio Carniel M Friedrich Gulda A Fritz Mögle, Heinz Ockermüller S Hermine Diethelm, Margarethe Novotny P Alfred Lehr D Helmut Qualtinger, Helmut Lohner, Fritz Tillmann, Ellen Schwiers, Barbara Frey | A | 97 min | 1:1,37 | sw | 25. August 1961

24.8.61

Der Fall Gleiwitz (Gerhard Klein, 1961)

Knochentrockene Chronik eines Kriegsausbruchs. Geometrische Stilübung über Befehl und Gehorsam.  Parteiliche Geschichtsstunde aus Babelsberg. Der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz, Vorwand für den deutschen Überfall auf Polen im Jahr 1939, wird von Gerhard Klein als eiskaltes politisch-militärisches Lehrstück inszeniert. Das Drehbuch konzentriert die Abläufe radikal auf das Wesentliche. Die Musik (Kurt Schwaen) mischt eindringlich Dessau und Herrmann. Jedes Bild eine Grafik. Jeder Schnitt sitzt. Alle Schauspieler reflektiert: Herwart Grosse als Machthaber, Hannjo Hasse als Saboteur, Hilmar Thate als Menschenopfer. Kurz und gut. Ein Klassiker.

R Gerhard Klein B Wolfgang Kohlhaase, Günther Rücker K Jan Curík M Kurt Schwaen A Gerhard Helwig S Evelyn Carow P Erich Albrecht D Hannjo Hasse, Herwart Grosse, Hilmar Thate, Rolf Ludwig, Günter Naumann | DDR | 70 min | 1:1,37 | sw | 24. August 1961

15.8.61

Der Fälscher von London (Harald Reinl, 1961)

Ein überraschend trockener Edgar-Wallace-Film fast ohne Auftritte von Witzfiguren (Eddi Arent spukt nur zweimal kurz herein): Regisseur Harald Reinl und Autor Johannes Kai ent- bzw. verwickeln eine der gewohnten Familienintrigen mit den bekannten Hinterzimmern und den vertrauten Mordfällen, interessieren sich aber weniger für das »Wer war’s?« als vielmehr für die ironische Enthüllung von Charaktermasken, für gewiefte Doppelspiele und grelle Spiegelungen, die sich insbesondere in der rätselhaft gespaltenen (und rätselhaft reichen) Hauptfigur Peter Clifton (verstört: Hellmut »Scarface« Lange) verkörpern. Auch der biedere Onkel (Walter Rilla), der weltläufige Nervenarzt (Viktor de Kowa) sowie der eifrige Inspektor (Ulrich Beiger) erweisen sich jeweils als Rückseite ihrer eigenen Medaille. Die Ambivalenzen setzen sich fort in den Personen des jovialen Chefermittlers (Siegfried Lowitz), der zur Wahrheitsfindung in großen Mengen Beweise beiseite schafft, und einer Ehefrau (Karin Dor), die hinter vormaliger Berechnung die wahre Liebe findet. Ein feiner, kleiner Versuch über die Lüge des Anscheins, über verschobene Schuld und konstruierten Wahnsinn.

R Harald Reinl B Johannes Kai V Edgar Wallace K Karl Löb M Martin Böttcher A Matthias Matthies S Hermann Ludwig P Horst Wendlandt D Karin Dor, Hellmut Lange, Siegfried Lowitz, Viktor de Kowa, Walter Rilla | BRD | 93 min | 1:1,66 | sw | 15. August 1961

12.8.61

Pit and the Pendulum (Roger Corman, 1961)

Das Pendel des Todes

»Thus the condition of man: bound on an island from which he can never have hope to escape, surrounded by the waiting pit of hell, subject to the inexorable pendulum of fate, which must destroy him finally.« Roger Cormans zweite Poe-Adaption beginnt abstrakt mit ineinanderströmenden grellen Farbschlieren, deren züngelnde Vermischung Assoziationen von Infektion und Vergiftung weckt … Spanien (oder was Corman dafür hält) im 16. Jahrhundert (oder was Corman dafür hält): Ein junger Mann (ziemlich präpotent: John Kerr), der das Geheimnis um den jähen Tod seiner Schwester (gar nicht so tot: Barbara Steele) lüften will, besucht das ungemütliche Schloß seines Schwagers (jenseits von sonderbar: Vincent Price), dessen Vater (vollkommen übergeschnappt: Vincent Price) ein brutal-einfallsreicher Inquisitor war – der alte Kasten am tosenden Meer entpuppt sich als Vorkeller zur Hölle, wo der Hausherr und die Seinen in einer Zeitschleife des familiären Horrors gefangen sind. »Pit and the Pendulum« collagiert windigen Drive-in-Grusel, piranesieske Settings (Bauten: Daniel Haller) und viragierte Flashbacks, die formal zwischen Stummfilmlook und Psychedelik wabern (Kamera: Floyd Crosby), zu einer schrägen Ballade von Wahnsinn, Eifersucht und der ewigen Wiederkehr des Bösen.

R Roger Corman B Richard Matheson V Edgar Allan Poe K Floyd Crosby M Les Baxter A Daniel Haller S Anthony Carras P Roger Corman D Vincent Price, John Kerr, Barbara Steele, Luana Anders, Anthony Carbone | USA | 80 min | 1:2,35 | f | 12. August 1961

3.7.61

Das Wunder des Malachias (Bernhard Wicki, 1961)

Der glaubensinnig-naive Benediktinerpater Malachias (Horst Bollmann) versetzt die in unmittelbarer Nachbarschaft eines Gotteshauses gelegene ›Eden-Bar‹, einen so zwielichtigen wie beliebten Amüsierschuppen, kraft seines Gebetes auf eine entlegene Nordseeinsel. Ein Wunder! Schnell entwickelt sich ein gewaltiger (Medien-)Rummel um das Loch, das an der Stelle klafft, wo zuvor das Bumslokal seine Besucher anlockte. In rasantem Tempo, mit grotesk überzeichneten Typen und atemlosen Plapperdialogen, gestaltet Bernhard Wicki ein hypertroph-fellineskes Gesellschaftspanorama der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik. Gieriger Konsum, emotionale Kälte, schuldbeladenes Vergessen, überwältigende Angst, beliebige Sinnsuche beherrschen die Bewohner dieses armen reichen, dieses tief versehrten Landes, das ohne jedes Mitleid (und sehr von oben herab) porträtiert wird: Presse und Banken, aalglatte Werbeprofis und abergläubischer Pöbel, Intelligenz und Hautevolee, gemütsarme Geschäftemacher und zielstrebige Betthäschen bekommen gleichermaßen ihr brachial-satirisches Fett weg. Eine geschickt aus mehreren Städten (Hamburg, Düsseldorf, Gelsenkirchen) zusammengesetzte idealtypische provinzielle Metropole bildet den unwirtlichen Hintergrund dieser hysterisch-nervigen, fiktiv-veristischen Bestandaufnahme eines Lebens, das ohne Zukunft und ohne Alternative ist. Da hilft wohl tatsächlich nur noch beten …

R Bernhard Wicki B Heinz Pauck, Bernhard Wicki V Bruce Marshall K Klaus von Rautenfeld, Gerd von Bonin M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Ernst Schomer S Carl Otto Bartning P Otto Meissner D Horst Bollmann, Richard Münch, Karin Hübner, Günter Pfitzmann, Brigitte Grothum | BRD | 126 min | 1:1,66 | sw | 3. Juli 1961

1.7.61

Une femme est une femme (Jean-Luc Godard, 1961)

Eine Frau ist eine Frau 

Sie (belle à regarder: Angéla – Karina) will ein Kind. Er (Émile – Brialy) will ihr keins machen. Der beste Freund (Alfred – Belmondo) ist nicht abgeneigt einzuspringen. Godards Hommage in Eastmancolor und Franscope an das Kino, an Paris, an Lubitsch, an das Leben, an die Liebe und an seine Frau, die eine Frau ist (und bleibt). »C’est parce qu’ ils aiment que tout va tourner mal pour Émile et Angéla.« Nun, ganz so schlimm kommt es dann doch nicht – schließlich befinden wir uns in einer comédie musicale. JLG schüttelt Spiel, Spaß und Alltag aus dem Handgelenk: ein Striptease in einem Cabaret Dancing; eine beiläufige Huldigung an Bob Fosse; eine Radfahrt durch eine Mansardenwohnung; ein Streit in (Fragmenten von) Buchtiteln (»… Monstre« – »… te faire foutre« – »Bourreau…« – »Toutes les femmes…« »… au poteau«); ein Aznavour-Chanson (»Tu te laisses aller«) aus der Musicbox eines kleinen Cafés; neugierige Blicke in die Gesichter von Passanten. So salopp, so leichtfüßig, so boulevardesk wird Godard nie wieder sein. C’est eigentlich dommage.

R Jean-Luc Godard B Jean-Luc Godard K Raoul Coutard M Michel Legrand A Bernard Evein S Agnès Guillemot, Lila Herman P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Anna Karina, Jean-Claude Brialy, Jean-Paul Belmondo, Marie Dubois, Ernest Menzer | F & I | 85 min | 1:2,35 | f | 1. Juli 1961

29.6.61

Goodbye Again (Anatole Litvak, 1961)

Lieben Sie Brahms?

»Goodbye Again« erzählt aus dem Leben einer sehnsüchtigen Frau von 40 Jahren (Ingrid Bergman), die sich nicht traut, an die wahre Liebe in Gestalt eines stürmischen Mittzwanzigers (Anthony Perkins) zu glauben, und stattdessen an der Seite ihres alerten, flatterhaften longtime companion (Yves Montand) verbittern wird. Die Romanvorlage von Françoise Sagan (»Aimez-vous Brahms?«) berührt durch knappe, kühle Melancholie, Anatole Litvaks Adaption buchstabiert den tristen Pariser Dreier melodramatisch aus: feuchte Augen (Bergman), überspanntes Lachen (Perkins), demonstrative Dackelfalten (Montand). Auch wenn Alexandre Trauner (Bauten), Georges Auric (Musik), Armand Thirard (Kamera) und der supporting cast (unter anderem Jessie Royce Landis als spleenige Mutter – was sonst?) vorzügliche Arbeit leisten, ist das Ganze weniger als die Summe seiner Teile. »It’s farewell and goodbye again, my love.«

R Anatole Litvak B Samuel A. Taylor V Françoise Sagan K Armand Thirard M Georges Auric A Alexandre Trauner S Bert Bates P Anatole Litvak D Ingrid Bergman, Yves Montand, Anthony Perkins, Jessie Royce Landis, Pierre Dux | USA & F | 120 min | 1:1,66 | sw | 29. Juni 1961

28.6.61

The Ladies Man (Jerry Lewis, 1961)

Zu heiß gebadet | Ich bin noch zu haben 

»Boy, what a little imagination can do!« Schnöde verlassen von seiner hübschen jungen Braut, schwört der nette College-Absolvent Herbert H. (= Herbert) Heebert (Jerry Lewis) sowohl seiner Heimatstadt Milltown, New Jersey (»a very nervous little community«), als auch der Damenwelt ab und geht nach Westen. In Holly­wood, California, tritt der tief traumatisierte Mann eine Stelle als Mädchen für alles im boarding house der Ex-Operndiva Mrs. Wellenmellon an. Was Herbert Herbert zunächst nicht weiß: Die exklusiven Pension beherbergt ausschließ­lich hübsche junge Frauen … Auch in seinem Regie-Zweitling reiht Lewis eine (ziemlich) zusammenhanglose Folge von (mehr oder weniger) witzigen Szenen und körpersprachlichen Exzessen aneinander; und wie in »The Bellboy« steht eine überwältigende Architektur im Zentrum der Inszenierung: Ein mehrstöckiges Puppenhaus (mit Treppen und Galerien, mit Fahrstuhl und Dutzenden von plüschigen Salons), ein Märchenschloß der Kinophantasie (inklusive eines verbotenen Zimmers) übernimmt die eigentliche Hauptrolle, bietet Raum für schrullige Choreographien, gewährt hinreißende Ein-, Aus-, An- und Durchblicke (und verwandelt sich sogar in ein Live-Fernsehstudio). Lewis, an der Erkundung der Geschlechterordnung kaum interessiert (nicht einmal im Hinblick auf deren komödiantische Möglichkeiten), gesteht den Puppen seines Spiels bestenfalls karikatureske Persönlichkeit zu, wartet dafür mit einer gefühligen Schlußmoral auf: »Nice persons are needed everywhere.«

R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Ross Bellah S Stanley Johnson P Jerry Lewis D Jerry Lewis, Kathleen Freeman, Helen Traubel, Pat Stanley, George Raft | USA | 95 min | 1:1,85 | f | 28. Juni 1961

# 790 | 4. November 2013

25.6.61

L'année dernière à Marienbad (Alain Resnais, 1961)

Letztes Jahr in Marienbad

»Laissez-moi, je vous supplie!« Ein Trugschloß. Ein Irrgarten. Darin ein Dreieck: sie (›A‹) und zwei Männer (›X‹ & ›M‹). Der eine ist möglicherweise ihr Mann, dem anderen begegnete sie eventuell letztes Jahr in Marienbad und versprach gegebenenfalls, mit ihm fortzugehen. Kino als ein »Vielleicht« in endlosen Variationen, als verschnörkeltes Durchspielen von (Un-)Möglichkeiten, als Verschlüsselung einer (unbekannten) Botschaft, als kühles Rätsel ohne Lösung, als Labyrinth ohne Eingang und Ausgang. Kino ohne Trennung von Wirklichkeit, Traum und (Wunsch-)Vorstellung, ohne Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne Gewißheit, ohne Möglichkeit der Orientierung. Kino als verwinkelter Korridor durch Raum und Zeit, als mäandrierender Sound, als Puzzle der (behaupteten) Erinnerungen, als barockes Theater der Starre, der Posen, des Geheimnisses. Dies alles in gestochen scharfen, ultrafiktiven, bald fließend bewegten, bald zu Tode gefrorenen Dyaliscope-Bildern (Kamera: Sacha Vierny) über einem feierlichen, weit ausgelegten Orgeltonteppich (Musik: Francis Seyrig). Die beiden Alains – Resnais (Regie) und Robbe-Grillet (Buch) – spielen ein Spiel mit dem Zuschauer, das dieser nicht gewinnen kann – aber (wenn er sich nicht frustrieren läßt) gerade deshalb immer wieder zu spielen beginnt: ein Spiel um Leere und Fülle, Versuch und Irrtum, Erinnern und Vergessen, alles und nichts. »Auf den ersten Blick schien es unmöglich, sich darin verlieren zu können … auf den ersten Blick.«

R Alain Resnais B Alain Robbe-Grillet K Sacha Vierny M Francis Seyrig A Jacques Saulnier S Henri Colpi, Jasmine Chasney P Pierre Courau, Raymond Froment D Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi, Sacha Pitoëff | F & I | 94 min | 1:2,35 | sw | 25. Juni 1961

24.6.61

Die Ehe des Herrn Mississippi (Kurt Hoffmann, 1961)

»Die Welt muß geändert werden.« Angelegt als schwarze Komödie über die Abgründe des Idealismus, präsentiert (und konfrontiert) Friedrich Dürrenmatts freie Adaption des eigenen Schauspiels eine Reihe von bühnengestaltgewordenen Motiven: das himmlische (≈ gnadenlose) Gesetz, die irdische (≈ repressive) Gerechtigkeit, den edelmütigen (≈ einfältigen) Humanismus, den undogmatischen (≈ zynischen) Pragmatismus, den instinktiven (≈ amoralischen) Lebenswillen. Verkörpert werden diese ethischen und sozialen Prinzipien von einem Generalstaatsanwalt und einem Berufsrevolutionär (beide begannen ihre Karriere als Angestellte im Bordell), von einem Arzt und einem Politiker, sowie von einer Dame der Gesellschaft. Preziöse, mit spöttischer Distanz vorgetragene Dialoge, absurd zugespitzte Verwicklungen, plakative Kabaretteffekte, ein synthetisch-symbolischer Handlungsort (»Europa-City«) betonen lehrhafte Tendenz und allgemeine Gültigkeit der gesellschaftskritisch-misanthropischen Staatsposse, die mit dem Triumph des gesinnungslosen Machtbewußtseins endet. Kurt Hoffmanns Neigung zum Spieluhrenhaft-Gespreizten kommt der betonten Künstlichkeit des Stücks durchaus entgegen, die politische Erkenntnisschärfe geht jedoch in der zwischen Komplexität und Konfusion schlingernden Dramaturgie dieser satirisch-melodramatischen Farce weitgehend verloren.

R Kurt Hoffmann B Friedrich Dürrenmatt V Friedrich Dürrenmatt K Sven Nykvist M Hans-Martin Majewski A Otto Pischinger, Hertha Hareiter S Hermann Haller P Lazar Wechsler, Artur Brauner D O. E. Hasse, Johanna von Koczian, Charles Regnier, Martin Held, Hansjörg Felmy | CH & BRD | 95 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1961

# 928 | 3. Januar 2015

20.5.61

Tschistjoje nebo (Grigori Tschuchrai, 1961)

Klarer Himmel

Geschichte einer Liebe in den Zeiten der roten Finsternis: Die schwärmerische Sascha (Nina Dobrischewa wirkt mitunter wie eine russische Giulietta Masina) verehrt das kühne Fliegeras Alexei (Jewgeni Urbanski). Der Große Vaterländische Krieg hat schon begonnen, als die beiden ein Paar werden. Ihnen bleiben nur wenige Tage des Glücks: Alexei kommt von einem Feindflug nicht zurück. Sascha fügt sich in ihr Witwenlos, bis der Totgeglaubte eines Tages vor der Tür steht. Der Heimkehrer ist zweifach gezeichnet: von einer tiefen Narbe quer durchs Gesicht und von der Schande, die deutsche Gefangenschaft überlebt zu haben. Im real-existierenden Stalinismus des Nachkriegs gilt Alexei als Verräter, der weder Pilot noch Kommunist sein darf. Erlösung bringt erst der Tod des Diktators. Die Wolken brechen auf. Das Eis schmilzt. Tauwetter … »Tschistjoje nebo«, eine expressiv fotografierte Schicksalssymphonie in Rückblenden, spart weder mit politischer Melodramatik noch mit visuellen Symbolismen. Vor allem im zweiten Teil des Films inszeniert Grigori Tschuchrai die Stalinsche Ära als ewigen Winter des Duckertums, dem Freude und Hoffnung nur mit größter Mühe abzutrotzen sind, als tristes Schattenreich der Willkür, wo zu Unrecht Angeklagte an ihre fiktive »Schuld« glauben, um den Verstand nicht zu verlieren. Auch wenn Alexei (der seine Rehabilitierung mit versteinerter Miene zur Kenntnis nimmt) sich wieder in die Lüfte erheben wird, zeigt Tschuchrai den Einzelnen nicht als Herrn und Helden der Geschichte sondern als deren Knecht und Opfer: Schrecken und Heil kommen und gehen wie die Jahreszeiten. Was bleibt, ist zuversichtlicher Fatalismus.

R Grigori Tschuchrai B Daniil Chabrowitski K Sergei Polujanow M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Nina Dobrischewa, Jewgeni Urbanski, Natalja Kusmina, Witali Konjajew, Grigori Kulikow | SU | 110 min | 1:1,37 | f | 20. Mai 1961

13.4.61

Schwarzer Kies (Helmut Käutner, 1961)

»Früher war es ein Kuhstall, jetzt ist es ein Saustall.« Das Dorf Sohnen im Hunsrück: 250 bundesdeutsche Seelen, daneben die 6000 Mann eines amerikanischen Jagdbomber-Stützpunkts. Tagsüber wird der Untergrund für eine weitere Startbahn der Airbase geschüttet, nachts verschiebt man gestohlenen Kies oder vergnügt sich fraternisierend in der Atlantic Bar. Die Provinz, in der Helmut Käutner sein krawalliges Sittenbild – eine wirkungsvolle Mischung aus Noir-Melodram und B-Thriller mit Westernanklängen – ansiedelt, wird von den dunklen Wolken der Weltpolitik ebenso verschattet wie von Gier und Eigennutz, Stupfsinn und Einsamkeit der zusammengewürfelten Bewohnerschaft. Die Hauptrolle des desillusionierten Kraftfahrers Robert Neidhardt hat Käutner mit Helmut Wildt besetzt, einem kantigen, sinnlichen Typen, der deutschen Ausgabe eines Jeff Chandler (»Ten Seconds to Hell«) oder eines Yves Montand (»Le salair de la peur«); ihm gegenüber: Ingmar Zeisberg als Gattin eines US-Offiziers, deren Wunsch nach Sicherheit und Ruhe auf frustrierende Weise in Erfüllung gegangen ist. Träume von einem besseren Leben führen aus dieser Endstation, wo jeder nur seinen Schnitt machen will und das erste Bumslokal am Platze von einem Holocaust-Überlebenden betrieben wird, nicht hinaus: Unter dem Dröhnen der Düsenjäger, begleitet vom Getöse der Jukebox wird im schwarzen Kiesbett der neuen Piste nicht nur ein toter Hund begraben.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Walter Ulbrich K Heinz Pehlke M diverse A Gabriel Pellon S Klaus Dudenhöfer P Walter Ulbrich D Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg, Anita Höfer, Hans Cossy, Wolfgang Büttner | BRD | 117 min | 1:1,66 | sw | 13. April 1961

# 985 | 4. Februar 2016

31.3.61

Pleins feux sur l’assassin (Georges Franju, 1961)

Der Mitternachtsmörder 

»Mais où sont les funérailles d’antan?« Als er fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht, legt der alte comte de Kéraudren (Pierre Brasseur) das Gewand eines Malteser-Ritters an, setzt sich in seinen geheimen Wandschrank und stirbt. Hinter einer Spiegelscheibe verborgen, beobachtet der Tote das weitere Geschehen: Solange die Leiche des Grafen verschwunden ist, können die Hinterbliebenen (unter ihnen Jean-Louis Trintignant als vorwitziger Medizinstudent und Marianne Koch als herb-sinnliche deutsche Cousine) ihr Erbe nicht antreten; während der Wartezeit schrumpft der Kreis der Anwärter auf das gräfliche Vermögen erheblich … Es ist nicht der von Boileau-Narcejac nachlässig konstruierte Zehn-kleine-Negerlein-Krimi, der Georges Franju interessiert (keiner der zahlreichen Todesfälle zieht polizeiliche Ermittlungen nach sich!), es sind vielmehr die Kulisse eines spitztürmig-verwinkelten Märchenschlosses, das Gemisch aus nachtwandlerischem Schattentheater und makabrem Schicksalsspiel voller Stimmenhören und Vogelgeflatter, die »Pleins feux sur l’assassin« ein eigentümlich schwarzes (und schwarzhumoriges) Kolorit verleihen. Halluzinatorische Qualität entwickelt der Film, wenn die mittelalterliche Familienlegende vom eifersüchtigen Ritter und seinem ungetreuen Weib mittels moderner Technik als publikumswirksames son-et-lumière-Spektakel im Schloßhof nachinszeniert wird (die verhinderten Erben brauchen Geld!): Einst und Jetzt fließen wie im Traum zusammen, bis die Gegenwart tödlich aus der Vergangenheit hervorbricht …

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Robert Thomas, Georges Franju K Marcel Fradetal M Maurice Jarre A Roger Briaucourt S Gilbert Natot P Jules Borkon D Jean-Louis Trintignant, Marianne Koch, Philippe Leroy, Dany Saval, Pierre Brasseur | F | 95 min | 1:1,37 | sw | 31. März 1961

28.3.61

Die toten Augen von London (Alfred Vohrer, 1961)

»Ist es wahr, daß die Mortadella von Blinden gemacht wird?« fragte einst der Surrealist Benjamin Péret. »Die toten Augen von London« gibt hierauf keine Antwort – in Alfred Vohrers nebeldurchzogener erster Edgar-Wallace-Adaption beschäftigen sich die Blinden (unter ihnen Ady Berber, der österreichische Tor Johnson) nicht mit der Herstellung schmackhafter Wurstwaren sondern, im Auftrag geldgieriger Hintermänner, mit der gewinnbringenden Ersäufung reicher älterer Herren. Neben dem effektsicheren Regisseur geben auch Klaus Kinski (als dubioser Sekretär mit dunkler Vergangenheit und verspiegelter Sonnenbrille) sowie Kameramann Karl Löb, der wie kaum ein anderer deutscher Bildformulierer der 1960er Jahre das reißerische Helldunkel des Vulgärexpressionismus zu forcieren weiß, ihr erfreuliches Reihendebüt. Dazu: Karin Baal als blonde Unschuld, Wolfgang Lukschy als sinistrer Versicherungsmakler und der schrecklich integre Dieter Borsche als (sich selbst) wohlwollender Reverend.

R Alfred Vohrer B Trygve Larsen (= Egon Eis) V Edgar Wallace K Karl Löb M Heinz Funk A Matthias Matthies, Ellen Schmidt, Siegfried Mews S Ira Oberberg P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Klaus Kinski | BRD | 99 min | 1:1,66 | f | 28. März 1961