25.9.53

Flucht ins Schilf (Kurt Steinwendner, 1953)

Ein Sonntag auf dem Lande: Im Schilfgürtel des Neusiedler Sees wird ein Toter gefunden. Es handelt sich um den örtlichen Postboten, der um eine größere Geldsendung erleichtert wurde. Wacker macht sich der Gendarm an die Aufklärung der Tat. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, doch die Verhältnisse liegen nicht so klar, wie zunächst vermutet. Die überschaubare dörfliche Gemeinschaft erweist sich als verworrenes Beziehungsgeflecht, das von dumpfen Abhängigkeiten, verborgenen Gemütsbewegungen und latenter Rohheit beherrscht wird. Kurt Steinwendner erzählt einen echten Heimatfilm, der die Stereotypen des Genres – den Wilderer, den Jäger und den Gastwirt, den verstockten Beamten, den dürftigen Tonangeber und die einfältige Gans – aus der Wirklichkeit eines abgelegenen Provinznestes destilliert. Die Kamera (Walter Partsch) fängt die archaische Atmosphäre des österreichisch-ungarischen Grenzlandes vital und realistisch ein, dennoch entsteht kein reines Tatsachen-Bild: Die plane Weite der pannonischen Ebene erinnert an die wilde Endlosigkeit der Prärie, das karge Straßendorf mit seinen staubigen Straßen läßt an gesetzlose Westernstädte denken, der flache, von wogendem Schilf umgebene See wird zum symbolischen und tatsächlichen Ort tödlicher Gefahr. Zigeunermusik breitet die Schwermut eines drückend heißen Sommertages über eine Welt der aggressiv-schwachen Männer und ihrer resolut-enttäuschten Frauen – und die Aufklärung des Verbrechens enthüllt einmal mehr die triste Banalität des Bösen.

R Kurt Steinwendner B Kurt Steinwendner, Werner Riemerschmid K Walter Partsch M Paul Kont S Irene Tomschik P Walter Robert Lach, Walter Hössig D Alexander Kerst, Kurt Jaggberg, Ilka Windisch, Gerhard Riedmann, Grita Pokorny | A | 91 min | 1:1,37 | sw | 25. September 1953

14.9.53

Gycklarnas afton (Ingmar Bergman, 1953)

Abend der Gaukler 

»Empty spaces – what are we living for?« Ein schäbiger Wanderzirkus zieht unter bleiernem Himmel durch die graue schwedische Provinz. Verachtet nicht nur von den guten Bürgersleuten, sondern auch sich selbst ein Ekel, suchen die Artisten Auswege aus der Misere: Der spindeldürre weiße Clown findet Trost im Schnaps, seine verlebte Frau hängt ihr Herz an eine alte Bärendame, »Direktor« Alberti (kraftprotzig-kleinmütig: Åke Grönberg) bittet (vergeblich) um Unterschlupf bei seiner ehrbar gewordenen Exfrau, während seine Geliebte Anne (schlampig-explosiv: Harriet Andersson) sich einem (wie sich zeigen wird: eiskalten) Schmierenschauspieler an den Hals wirft. Ingmar Bergman entwirft ein Universum aus Sägemehl und Flitter als Gleichnis einer unbarmherzigen Welt, er verbindet poetischen Realismus und grimmigen Sarkasmus, erbärmliche Lustigkeit und ehrliche Sentimentalität zu einer ex­pressiven Studie menschlicher (Selbst-)Demütigung. Am Schluß bezahlt die einzig unschuldige Kreatur für die allseitige Entwürdigung mit dem Leben. Erlösung bleibt aus, und der Zirkus zieht weiter: »The show must go on« – warum auch immer…

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Sven Nykvist, Hilding Bladh M Karl-Birger Blomdahl A Bibi Lindström S Carl-Olov Skeppstedt P Rune Waldekranz D Åke Grönberg, Harriet Andersson, Hasse Ekman, Anders Ek, Gunnar Björnstrand | S | 93 min | 1:1,37 | sw | 14. September 1953

1.9.53

Hokuspokus (Kurt Hoffmann, 1953)

Ein Lustspiel über den Anschein und die Wahrheit, über Beweise und Vermutungen, über die Nähe von Zirkus und Justiz. Die Witwe eines erfolglosen Malers ist angeklagt, ihren Gatten ermordet zu haben. Sie lügt, sie verwickelt sich in Widersprüche, und wenn sie gar nicht mehr weiterweiß, fällt sie in Ohnmacht. Ihr Anwalt legt das Mandat nieder. Ein Unbekannter, der felsenfest von der Unschuld dieser Frau überzeugt ist, übernimmt ihre Verteidigung … Geschliffene Dialoge, prägnante Charakterzeichnungen, bühnenwirksame Verblüffungseffekte – Curt Goetz, Antispießbürger par excellence, Meister des deutschsprachigen Boulevards, schrieb mit »Hokuspokus« eine luftige Komödie voller Intelligenz und Esprit. Kurt Hoffmann verläßt sich ganz und gar auf die Zugkraft des Stücks und auf die kultivierten Hauptdarsteller (Goetz selbst und dessen Ehefrau Valérie von Martens); er inszeniert die elegant verspukte Mitternachtsatmosphäre des ersten Akts mit ebenso leichter Hand wie die folgende turbulente Verhandlung im Schwurgerichtsaal: »Ich habe einen Polizeibericht über Sie angefordert. Wollen Sie ihn hören?« – »Ist er gut?«

R Kurt Hoffmann B Curt Goetz V Curt Goetz K Richard Angst M Franz Grothe A Hermann Warm, Kurt Herlth S Fritz Stapenhorst P Hans Domnick D Curt Goetz, Valérie von Martens, Hans Nielsen, Ernst Waldow, Erich Ponto, Elisabeth Flickenschildt | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 1. September 1953

# 815 | 19. Dezember 2013

27.8.53

Roman Holiday (William Wyler, 1953)

Ein Herz und eine Krone

»I’d do just whatever I liked all day long.« 1953, im Frühling des Paparazzi-Zeitalters, wissen Royals noch, was sich gehört: Einen Tag frei nehmen – warum nicht; inkognito Eis essen – gebongt; einen Bürgerlichen küssen – geht klar (sogar wenn es sich um einen Amerikaner handelt). Aber dann folgt man auch schon wieder ergeben dem Ruf der Pflicht: Pressekonferenz, Worthülsen, shake hands, business as usual … William Wyler reichert seine attraktive Rom-Romcom um eine Thronfolgerin auf (vorübergehenden) Abwegen und einen Reporter auf (verheißungsvoller) Großwildjagd ausgiebig mit touristischen Highlights und possierlichen Italien-Klischees an; »Roman Holiday« besticht indes vor allem durch die bezaubernde Hauptdarstellerin: Audrey Hepburn ist so zartblütig, so magazinschön, so prinzessinenhaft, daß über jeder Einstellung das Funkeln von Kronjuwelen zu flimmern scheint. Für ein makelloses Lächeln ihrer Hoheit opfert Gregory Peck – als Journalist mit Riecher (»It’s always open season on princesses.«) und Ethos (!) – sogar die Story seines Lebens. Seufz.

R William Wyler B Dalton Trumbo, John Dighton K Henri Alekan, Franz Planer M Georges Auric A Hal Pereira, Walter H. Tyler S Robert Swink P William Wyler D Gregory Peck, Audrey Hepburn, Eddie Albert, Hartley Power, Harcourt Williams | USA & I | 118 min | 1:1,37 | sw | 27. August 1953

26.8.53

I vitelloni (Federico Fellini, 1953)

Die Müßiggänger

»›Warum tun sie den ganzen Tag nichts?‹ – ›Das wissen nicht einmal sie selber.‹« Fünf Freunde in einem italienischen Provinzkaff. Sie haben die 30 hinter sich gelassen und nichts auf die Reihe gekriegt – Taugenichtse, Tagediebe, Prahlhänse, phlegmatisch und fidel, lümmelhaft und doch irgendwie liebenswert. Sie sitzen im Café, starren aufs Meer, lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Sie warten – aber worauf? –: ein notorischer Weiberheld, ein verkrachter Dramatiker, ein aufgeblasenes Muttersöhnchen, ein sangesfroher Dicker und einer, ein einziger, der ahnt, daß hinter dem Tellerrand (des Städtchens, der Bequemlichkeit, der Angst vor der eigenen Courage) etwas anderes liegen könnte: das Leben möglicherweise. In der ihn kennzeichnenden Mischung aus karikierendem Naturalismus und nachsichtiger Liebe reiht Federico Fellini Episoden aus dem tristen und grauen und engen Dasein seiner Protagonisten aneinander: Miss-Wahlen und Kinobesuche, Hochzeiten und Faschingsbälle, melancholische Lustbarkeiten und burleske Tragödien, imaginäre Hoffnungen auf ein besseres Morgen – und einen, einen einzigen, konkreten Aufbruch in die ungewisse Zukunft.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli K Ortello Martelli, Carlo Carlini, Luciano Trasatti M Nino Rota A Mario Chiari S Rolando Benedetti P Jacques Bar, Mario De Vecchi, Lorenzo Pegoraro D Franco Interlenghi, Alberto Sordi, Franco Fabrizi, Leopoldo Trieste, Riccardo Fellini | I & F | 107 min | 1:1,37 | sw | 26. August 1953

9.7.53

The Band Wagon (Vincente Minnelli, 1953)

Vorhang auf!

»The world is a stage / The stage is a world of entertainment.« Vincente Minnelli, meisterhafter Erzeuger glanz-, stil-, und schwungvoller Traumfabrikate, bietet mit seiner Show über Entstehung und Geburtswehen einer Show intelligenten MGM-Technicolor-Glamour: »The Band Wagon« ist selbstreferentiell, selbstbewußt und selbstironisch – die Metamorphose einer leichten musikalischen Komödie in eine rotglühend-dramatische »Faust«-Adaption (und wieder zurück) hält für die Beteiligten Verunsicherung und Begeisterung, Reinfälle und Höhenflüge, Wut und Liebe bereit. Es spielen: Fred Astaire als famous star of yesteryear, der noch einmal zu großer Form aufläuft; Cyd Charisse als up-and-coming Primaballerina, die ihre Neigung zu einer lebenden Legende entdeckt; Jack Buchanan als mephistophelischer Produzent, der die Revue mit seinen brillanten Ideen fast ruiniert; Nanette Fabray & Oscar Levant (»We’re not fighting! We’re in complete agreement! We hate each other!«) als geistreiches Autorenpaar, ein Selbstportrait des geistreichen Autorenpaares Betty Comden & Adolph Green, die sich nach »Singin’ in the Rain«, ihrer mokanten Hommage an den frühen Tonfilm, die Exzentriker vom Broadway vorknöpfen. »Everything that happens in life / Can happen in a show!«

R Vincente Minnelli B Betty Comden, Adolph Green K Harry Jackson M diverse A Preston Ames, Cedric Gibbons S Albert Akst P Arthur Freed D Fred Astaire, Cyd Charisse, Oscar Levant, Nanette Fabray, Jack Buchanan | USA | 112 min | 1:1,37 | f | 9. Juli 1953

1.7.53

Gentlemen Prefer Blondes (Howard Hawks, 1953)

Blondinen bevorzugt

»Well, it’s no trick to make a lot of money ... if what you want to do is make a lot of money«, heißt es in »Citizen Kane«. Es ist auch keine Kunst, postuliert »Gentlemen Prefer Blondes«, einen reichen Mann zu heiraten, vorausgesetzt es das ist, was man will – jedenfalls wenn man auf so clevere Art beschränkt ist und auf so flagrante Weise gut aussieht wie Lorelei Lee (Marilyn Monroe). Die blonde Revuesängerin – gleich ihrer brünetten (und bodenständigeren) Partnerin Dorothy Shaw (Jane Russell) »a little girl from Little Rock« (aufgewachsen »on the wrong side of the tracks«) – läßt (fast) nichts unversucht, ihr Gefühlsglück in pekuniärer Erfüllung zu finden. Die ökonomische Potenz der Männer bildet für Lorelei das natürliche Äquivalent zur physischen Attraktivität der Frauen. Howard Hawks scheint dieser Idee von Tauschbeziehung (wie auch Dorothy) durchaus kritisch gegenüberzustehen. Möglicherweise bezeugen die parodistisch übersteigerte Erotik, der nicht sonderlich feingeschliffene Humor und die quietschbunte Künstlichkeit der Inszenierung – die eher an den billigen Glanz von Strass als an das feurige Funkeln der von Lorelei lüstern besungenen Diamanten (»a girl’s best friend«) denken läßt – seine ironische Distanz zum Geschehen: entschlossene filmische Vulgarität als Bloßstellung eines brachialen Turbomaterialismus

R Howard Hawks B Charles Lederer V Anita Loos, Joseph Fields K Harry J. Wild M diverse A Lyle Wheeler, Joseph C. Wright S Hugh S. Fowler P Sol C. Siegel D Marilyn Monroe, Jane Russell, Charles Coburn, Elliott Reid, Tommy Noonan, Marcel Dalio | USA | 91 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

# 989 | 8. März 2016

Genevieve (Henry Cornelius, 1953)

Die feurige Isabella

»I don’t know what it is about these silly old cars. The moment people get into them, they start behaving like idiots.« Alle Jahre wieder findet der Veteran Car Run des königlich Automobilclubs statt: von London nach Brighton und zurück. Und wie immer nehmen zwei alte Freunde (und Konkurrenten) mit ihren betagten Fahrzeugen (beide Jahrgang 1904) und jungen Frauen an der Traditionsrallye teil: Alan McKim (John Gregson) mit seinem Darracq (genannt ›Genevieve‹) und Ehefrau Wendy (Dinah Sheridan) sowie Ambrose Claverhouse (Kenneth More) mit seinem Spyker und Freundin Rosalind (Kay Kendall) … Ein Wochenende im Herbst: frische Luft und Abgasgestank, Sonne und Regen, Kameradschaft und Rivalität, Zärtlichkeit und Niedertracht, Streit und Versöhnung. »Genevieve« nimmt das Rennen – das eigentlich keine Wettfahrt ist, aber, aufgrund einer Wette, in eine solche ausartet – zum Anlaß, den verschiedenen Charakteren (wozu auch die beteiligten Oldtimer zählen) freien Lauf zu lassen, ihre Beziehungen zu erkunden, ihre Stärken und Schwächen auszuloten. Henry Cornelius entwickelt die erzbritische Exzentrik dieser von einem Amerikaner geschriebenen Komödie mit französischer Ungezwungenheit – spielerisch bewegt sich das Roadmovie von einer vergnüglichen Situation zur nächsten; und Larry Adlers Mundharmonikaklänge verbinden virtuos die fein abgestuften Stimmlagen dieser überaus charmanten (in bilderbogenbuntem Technicolor fotografierten) romantischen Farce: Nostalgie und Naturalismus, Klamauk und Ironie, schrille Übertreibungen und lyrische Zwischentöne.

R Henry Cornelius B William Rose K Christopher Challis M Larry Adler A Michael Stringer S Clive Donner P Henry Cornelius D Dinah Sheridan, John Gregson, Kay Kendall, Kenneth More, Joyce Grenfell | UK | 86 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

# 911 | 14. September 2014

The 5,000 Fingers of Dr. T. (Roy Rowland, 1953)

Die 5000 Finger des Dr. T.

»Ten happy little fingers and they're mine all mine.« Das Musical entwickelte aus sich selbst heraus den höchsten Surrealismus-Gehalt aller Hollywood-Genres, und das surrealste aller Musicals dürfte wohl »The 5,000 Fingers of Dr. T.« sein. Basierend auf einem Szenarium des mit absurdem Witz gesegneten Kinderbuchautoren und Cartoonisten Dr. Seuss, wird die Geschichte des kleinen Bart (Tommy Rettig) erzählt, der in die Fänge des größenwahnsinnigen Klavierlehrers Dr. Terwilliker gerät – der missionarische Zuchtmeister versklavt 500 Knaben (= 5000 Finger) an einem monströsen Piano und verwandelt darüberhinaus Barts Mutter in seine willenlose Gehilfin: »The work for the happy finger method must go on.« Mit Unterstützung des befreundeten Klempners Mr. Zapladowski konstruiert der clevere Junge einen Schallschlucker, der das Riesenklavier unschädlich machen und so die gezwiebelten Kinder aus der pianistischen Leibeigenschaft befreien soll … Die comichaft stilisierten Kulissen sehen aus, als hätte sich der Ausstatter von »Broadway Melody« im Vollrausch an »Metropolis« erinnert, und kein Geringerer als Friedrich Hollaender komponierte die Musik für dieses exaltierte Vergnügen in Technicolor und Wonderama: »Is it atomic?« – »Yes, Sir, very atomic!«

R Roy Rowland B Dr. Seuss, Allan Scott V Dr. Seuss K Franz Planer M Friedrich Hollaender A Rudolph Sternad S Al Clark P Stanley Kramer D Tommy Rettig, Hans Conried, Peter Lind Hayes, Mary Healy, Jack Heasley | USA | 89 min | 1:1,37 | f | 1. Juli 1953

23.6.53

Ein Herz spielt falsch (Rudolf Jugert, 1953)

O. W. Fischer als verstrolchter Glücksritter Peter van Booven, der die unheilbar kranke Unternehmenserbin Billa (Ruth Leuwerik) freit, um ihr Vermögen zu ergattern. Dann kommt die Liebe (die wahre, die große, die einzige) dazwischen, und der Lump wird zum Menschen … Das Rascheln der Illustriertenseiten, auf denen die Romanvorlage des Filmwerks gedruckt wurde, ist in jeder Szene zu vernehmen, untermalt vom steten Tropfen des sämigen Kinoschmalzes. Indem er erst gar nicht versucht, die Ausgedachtheit der melodramatischen Wirrungen zu verleugnen, gelingt Rudolf Jugert so etwas wie die wahrhaftige Interpretation eines unwahren Stücks; Fischers larmoyante Windmacherei und die jüngferliche Sprödigkeit der Leuwerik bilden dabei einen reizvollen Kontrast … Douglas Sirk wird eine ähnliche Konstellation schon bald in »Magnificent Obsession« entwickeln, formal gewiefter natürlich, in Technicolor, und versehen mit jenem Quentchen ironischer Distanz, das bundesdeutschen Cinéasten allzumeist abgeht. Jugert indes traut sich, auf höhere Mächte und auf ein glattes happy ending zu verzichten: Der von den Zeitläuften ramponierte Lebemann und die »alte Schachtel«, die nie gelernt hatte zu leben, dürfen einander zwar gegenseitig erlösen – aber der sichere Tod läßt sich vom Drehbuch nicht besiegen.

R Rudolf Jugert B Erna Fentsch V Hans-Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Helmuth Ashley M Werner Eisbrenner A Franz Bi S Claus von Boro P Georg Witt D Ruth Leuwerik, O. W. Fischer, Carl Wery, Gertrud Kückelmann, Günther Lüders | BRD | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. Juni 1953

5.6.53

Le retour de Don Camillo (Julien Duvivier, 1953)

Don Camillos Rückkehr

Der schlagkräftige Seelenhirt Don Camillo (Pfernandel) kehrt aus dem Exil eines abgelegenen Bergdorfes – wohin er auf Betreiben seines bolschewistischen Widersachers Peppone (Stalino Cervi) verbannt wurde – triumphal zurück in das geliebte Heimatstädtchen, um dortselbst die geistig-physische Auseinandersetzung mit seinem alten Haßfreund und Lieblingsfeind voller Gusto und Enthusiasmus fortzusetzen. Stärker noch als der Vorgänger zerfällt Julien Duviviers zweite Leinwandadaption der Erzählungen von Giovannino Guareschi in eine Vielzahl (mehr oder weniger) launiger episodischer Einzelheiten und (halbwegs) poetischer Bruchstücke: In Erinnerung bleiben etwa der verschneite Kreuzweg des unbotmäßigen Priesters oder der sonderbare Seelenhandel zwischen einem unsterblichen Reaktionär und einem derben Kommunisten oder Don Camillos pädagogischer Sonntagsspaziergang mit Peppones aufmüpfig-sensiblen Sohn durch die vernebelte Landschaft der winterlichen Poebene. Nach viel (ideologischem) Zank, (handgreiflichem) Streit und (mehrfach) versuchtem Totschlag tritt zum Ende der Erzählung der breite Fluß über die Ufer, überschwemmt den Ort (die morsche Kirche wie das rote Volkshaus) – und alle (wirklich alle) sitzen sie wieder in einem Boot.

R Julien Duvivier B Julien Duvivier, René Barjavel, Giuseppe Amato V Giovannino Guareschi K Anchise Brizzi M Alessandro Cicognini A Virgilio Marchi S Marthe Poncin P Giuseppe Amato D Fernandel, Gino Cervi, Édouard Delmont, Paolo Stoppa, Alexandre Rignault | F & I | 115 min | 1:1,37 | sw | 5. Juni 1953

27.5.53

La môme vert-de-gris (Bernard Borderie, 1953)

Im Banne des blonden Satans

FBI-Agent Lemmy Caution (echsenhaft: Eddie Constantine) schlägt sich durch eine augenzwinkernd-whiskygeschwängerte crime story, die aus den Nachtclubs von Casablanca über das offene Meer und die marokkanische Wüste bis in die Medina von Tanger führt: Eine raffgierige Bande unter Führung des skrupellos-verschlagenen Edelschurken Rudy Saltierra (sinister: Howard Vernon) plant und unternimmt den (nebenbei mörderischen) Raub von US-amerikanischem Gold im Wert von zwei Millionen Dollar. Rudys Geliebte, die kurvenreiche Barsängerin Carlotta de la Rue, genannt ›la môme vert-de-gris‹ (transvestitig: Dominique Wilms), erliegt Lemmys pockennarbigem Charme und kommt dem G-Man in entscheidenden Augenblicken erbötig zu Hilfe. Liebenswürdiger Chauvinismus und marionettenhafte Faustkämpfe, halbtrockene Sprücheklopferei und hölzerne Regiekunst (Bernard Borderie) verbinden sich recht vergnüglich zum naiv-parodistischen B-Movie à la française.

R Bernard Borderie B Jacques Berland, Bernard Borderie V Peter Cheney K Jacques Lemare M Guy Lafarge A René Moulaert S Jean Feyte P Raymond Borderie D Eddie Constantine, Dominique Wilms, Howard Vernon, Jean-Marc Tennberg, Darío Moreno | F | 97 min | 1:1,37 | sw | 27. Mai 1953

25.5.53

It Came from Outer Space (Jack Arnold, 1953)

Gefahr aus dem Weltall

»This is Sand Rock, Arizona, on a late evening in early spring. It's a nice town, knowing its past ... and sure of its future.« Hobbyastronom John Putnam (Richard Carlson) beobachtet einen über der Wüste niedergehenden Himmels­körper. Im Einschlagskrater entdeckt er statt Meteoritentrümmern ein Raumschiff, das kurz darauf von einem Erdrutsch verschüttet wird. Niemand glaubt dem als kauzig verschrienen Sternenforscher, nicht einmal Johns Verlobte Ellen (Barbara Rush) ist sich sicher, ob sie die Worte ihres Zukünftigen für bare Münze nehmen soll … Peu à peu erschüttert Regisseur Jack Arnold die Gewißheit der Kleinstädter, die irritiert bemerken, wie sich etliche ihrer Mitbürger in sonderbar gefühllose Wesen verwandeln. Freilich erweisen sich nicht die außerirdischen Besucher (»We have souls and minds, and we are good.«) als Gefahr für den interstellaren Frieden sondern aggressive Erdenbewohner, die allem, was sie nicht verstehen, tätlich zu Leibe rücken. Untermalt von sphärischen Theremin-Klängen, teilweise aus gläsern starrender Alien-Perspektive gefilmt, schildert »It Came from Outer Space« (nach einer Vorlage von Ray Bradbury) einen clash of civilizations, dessen katastrophaler Ausgang nur um Haaresbreite verhindert werden kann. »It wasn't the right time for us to meet«, resümiert John, »but there'll be other nights, other stars for us to watch. They'll be back.«

R Jack Arnold B Harry Essex V Ray Bradbury K Clifford Stine M Herman Stein, Henry Mancini, Irving Gertz A Robert Boyle, Bernard Herzbrun S Paul Weatherwax P William Alland D Richard Carlson, Barbara Rush, Charles Drake, Joe Sawyer, Russell Johnson | USA | 81 min | 1:1,37 | sw (3D) | 25. Mai 1953

# 983 | 29. Dezember 2015

1.5.53

Les statues meurent aussi (Alain Resnais & Chris Marker, 1953)

Auch Statuen sterben 

»Quand les hommes sont morts, ils entrent dans l’histoire. Quand les statues sont mortes, elles entrent dans l’art.« Ein gedankenwindungsreicher, bilderströmender Essay über die Spuren, die Zivilisationen im Sand der Zeit hinterlassen, über das Sehen und wie es den betrachteten Dingen seinen Stempel von Bedeutung aufdrückt, über die verlorene Einheit von Mensch und Kosmos, über Schwarz und Weiß, über die Rätsel der Geschichte und die Demütigungen des Kolonialismus. Und, vor allem, über afrikanische Kunst – betrachtet von den Augen der Weißen: ein heimatloses Volk pittoresker Figuren, menschengemachte Objekte, die aus ihrem spirituellen oder gebrauchsgegenständlichen Sinnzusammenhang gefallen sind (oder gerissen wurden), ihres Stolzes beraubte Zeugen einer versunkenen Kultur, exotische Gefangene in den Museumsvitrinen der westlichen Welt. Die Kamera läßt die toten Seelen der Statuen noch einmal lebendig werden, dem Zuschauer naherücken, läßt sie erzählen, auch wenn sie eine unbekannte Sprache sprechen. Bei aller Melancholie bleibt eine Hoffnung auf das Überwinden von Bevormundung und Fremdheit, auf eine Schule des Blicks, die lehrt, uns im anderen zu erkennen.

R Alain Resnais, Chris Marker B Chris Marker K Ghislain Cloquet M Guy Bernard S Alain Resnais P Présence Africaine D Jean Négroni | F | 30 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1953

# 804 | 21. November 2013

2.4.53

Vergiß die Liebe nicht (Paul Verhoeven, 1953)

»Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!« riet gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein berühmter Riesenschnauzer – in den flotten Fünfzigern durfte das Weib immerhin schon Liebe einfordern. Paul Verhoeven erzählt eine harmlose, aber feinfühlig gespielte Familienkomödie um eine hingebende, kluge Frau (Luise Ullrich – ein seltener Fall von Natürlichkeit im deutschen Film), die, ungeachtet ihres pianistischen Talents, von der Familie nur als Putz-, Bügel- und Kochmaschine wahrgenommen wird – bis sie auf einer spontanen Reise eine Ahnung von ihren besseren Möglichkeiten bekommt. Der chauvinistische Ehemann (Paul Dahlke: »Ich habe doch gesagt, daß immer ein Aschenbecher auf dem Tisch stehen soll!«) kriegt gerade noch rechtzeitig die Kurve, bevor der attraktiv-charmante Fremde (Will Quadflieg: »Leise flehen meine Lieder / Durch die Nacht zu dir.«) das brachliegende Terrain erobern kann. Am Ende wird 1. ihr alter Flügel (fein)gestimmt, haben 2. alle etwas gelernt und bleibt 3. der Deckel auf dem Topf. PS: Herrlicher Auftritt von Annie Rosar als böhmakelnde Perle.

R Paul Verhoeven B Juliane Kay K Franz Weikmayr M Alois Melichar A Heinz Weidemann, Hermann Warm S Klaus Dudenhöfer P Franz Tappers D Luise Ullrich, Paul Dahlke, Will Quadflieg, Annie Rosar, Carl-Heinz Schroth | BRD | 102 min | 1:1,37 | sw | 2. April 1953