30.6.57

Love in the Afternoon (Billy Wilder, 1957)

Ariane – Liebe am Nachmittag

»How would Lubitsch do it?« Kaum je ist Billy Wilder einer befriedigenden Antwort auf diese Frage nähergekommen als mit »Love in the Afternoon«, seiner märchenhaft-ironischen Pariser Romanze um Ariane Chavasse (Audrey Hepburn), die erblühende Tochter eines cleveren Privatdetektivs (Maurice Chevalier), die sich in das abenteuerliche Dossier des notorischen Frauenhelden Frank Flanagan (Gary Cooper) verliebt, denselben zunächst vor den Nachstellungen eines gehörnten Ehemannes schützt und sodann unter Vorspiegelung eigener einschlägiger Erfahrungen ihrerseits zu verführen trachtet … Wilder umschifft nonchalant erzählerische Eindeutigkeiten, spielt filmisch gleichsam über Bande, indem er einfallsreich mit Symbolen und Metaphern, Andeutungen und Zwischentönen arbeitet (Glanzpunkte bilden hierbei die wiederholten, zwischen »Hot Paprika« und »Fascination« changierenden, Auftritte einer Zigeunerkapelle), um den gereiften Playboy, dessen Liebesleben eine endlose Folge von Begegnungen zwischen den Flügen, zwischen den Zügen, zwischen den Akten darstellt, und das schwärmerische »thin girl« peu à peu zueinanderfinden zu lassen. Dadurch ist es auch zu verschmerzen, daß hin und wieder die scharfen Falten im Gesicht des bejahrten Hauptdarstellers den Zauber der graziösen Lovestory zerschneiden.

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Claude Anet K William Mellor M Franz Waxman A Alexandre Trauner S Léonide Azar P Billy Wilder D Gary Cooper, Audrey Hepburn, Maurice Chevalier, John McGiver, Van Doude | USA | 130 min | 1:1,85 | sw | 30. Juni 1957

30.5.57

Lissy (Konrad Wolf, 1957)

»Groß ist der Bedarf an Träumen, wenn die Zeiten dunkel und die Menschen ohne Hoffnung sind.« Berlin, Anfang der 1930er Jahre. Lissy Schröder (Sonja Sutter), Tochter eines sozialdemokratischen Schuhmachers arbeitet als Zigarettenverkäuferin im Automatenrestaurant »Quick«. Sie heiratet einen kleinen Angestellten, bekommt ein Kind. Der Alltag ist hart. Die weltweite Wirtschaftskrise hat auch Deutschland fest im Griff. Lissy erlebt Arbeitslosigkeit, Armut, Erniedrigung … Nach einem Roman von F. C. Weiskopf (seit 1928 Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller) verfolgt Konrad Wolf die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die in Versuchung gerät. Der Aufstieg ihres Mannes in der SA bringt auch Lissy das, was sie immer wollte: ein gutbürgerliches Leben in einer großen Wohnung mit Dienstmädchen und Klavier. Der Tod ihres Bruders, eines früheren Kommunisten, der von seinen Nazikameraden gemeuchelt wird, löst jedoch einen schmerzlichen Erkenntnisprozeß aus, der zu politischer Bewußtwerdung führt. Das Ziehen der richtigen Schlußfolgerung überläßt Wolf allerdings nicht dem Publikum sondern dem Off-Kommentar: »Ein jeder muß sich entscheiden, und Lissy wußte jetzt, es gibt einen Weg, einen schweren und mühsamen, aber einen ehrlichen Weg. Jeder geht ihn für sich, und doch geht keiner allein.« Die ostentative Belehrung verleiht dem Gesellschaftsdrama eine klare Parteilichkeit, die insbesondere durch das differenzierte Spiel der Hauptdarstellerin und die um einen feinschattierten Realismus bemühten Bilder des Kameramanns Werner Bergmann ihren menschlichen Bezug nicht verliert.

R Konrad Wolf B Konrad Wolf, Alex Wedding V F. C. Weiskopf K Werner Bergmann M Joachim Werzlau A Gerhard Helwig S Lena Neumann P Eduard Kubat D Sonja Sutter, Horst Drinda, Hans-Peter Minetti, Kurt Oligmüller, Raimund Schelcher | DDR | 89 min | 1:1,37 | sw | 30. Mai 1957

# 1021 | 25. August 2016

16.5.57

Designing Woman (Vincente Minnelli, 1957)

Warum hab’ ich ja gesagt?

Beziehungskomödie um ein Paar, das sich erst nach der Hochzeit kennenlernt. Gregory Peck, legerer Sportreporter mit Hang zu Poker und Whisky, verliebt sich (wer könnte es ihm verdenken?) in Lauren Bacall, anmutige Modedesignerin mit Geschmack und Verstand – und heiratet sie vom Fleck weg. Seine Exgeliebte (eine Dame mit scharfen Kurven und verräterischem Pudel) sowie ihr Exverehrer plus eine Meute von spleenigen Freunden potenzieren die Problematik der ohnehin heiklen zwischenmenschlichen Annäherung bis zum großen Knall. Außerdem im Getümmel: ein Exboxer, der die Nase innen trägt, und ein krimineller Sportpromoter mit seinen Hand- bzw. Faustlangern. Vincente Minnelli choreographiert die hübsche Erzählung (nach einer Idee der Kostümbildnerin Helen Rose) in John Altons schick de­signten CinemaScope-Kadragen mit mal zarter, mal schlagender Ironie – und erzeugt durch den freigiebigen Einsatz diverser Off-Kommentare einen reizvollen stimmlichen Vielklang.

R Vincente Minnelli B George Wells K John Alton M André Previn A Preston Ames, William A. Horning S Adrienne Fazan P Dore Schary D Gregory Peck, Lauren Bacall, Dolores Gray, Mickey Shaughnessy, Tom Helmore | USA | 118 min | 1:2,35 | f | 16. Mai 1957

10.5.57

Le notti di Cabiria (Federico Fellini, 1957)

Die Nächte der Cabiria

»Es gibt eine Gerechtigkeit auch auf dieser Welt. Man leidet, muß vieles durchmachen, aber dann kommt für alle der Augenblick des Glücks.« Für Cabiria (die eigentlich Maria heißt), eine kleine römische Straßendirne mit losem Mundwerk und einem Herzen aus Gold (Giulietta Masina), kommt vor dem Glück zunächst einmal der Moment der Wahrheit, genauer gesagt eine schier endlose Folge von Momenten der Wahrheit = der Enttäuschung, der Verzweiflung, der Einsamkeit, der (Todes-)Angst. Als eine Art weiblicher Don Quijote der (Nächsten-)Liebe kämpft Cabiria mit naiver (und manchmal nervtötender) Entschlossenheit gegen die Windmühlen der allgegenwärtigen Seelenlosigkeit und Entfremdung. Federico Fellinis vielleicht katholischster Film, eine handfest-spirituelle Pleiten-, Pech- und Pannenrevue (mit keifenden Nutten und schmierigen Filmstars, gutmütigen Bettelmönchen und niederträchtigen Frauenverstehern), kombiniert die typischen Szenerien des Neorealismus – jämmerliche Vororte, struppiges Ödland, fade Sozialbausiedlungen – mit den luxuriösen Quartieren der Reichen (wo nur eine andere Art von Armut herrscht) zu einer allegorischen Bühne der Suche nach dem Sinn des Lebens. »Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.« Fellinis Maria/Cabiria verspürt schmerzlich die Abwesenheit der Gnade und verliert dennoch nicht die Hoffnung: In gestreifter Bluse und räudigem Pelz wandert die Stehauffrau mit den strahlenden Augen durch kleine und große Katastrophen unbeirrt der Erlösung entgegen – mag sie kommen oder auch nicht …

R Federico Fellini B Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Pier Paolo Pasolini V Maria Molinari K Aldo Tonti, Otello Martelli M Nino Rota A Piero Gherardi S Leo Cattozzo P Dino De Laurentiis D Giulietta Masina, François Périer, Franca Marzi, Dorain Gray, Amedeo Nazzari | I & F | 110 min | 1:1,37 | sw | 10. Mai 1957

5.5.57

Toute la mémoire du monde (Alain Resnais, 1957)

Das Gedächtnis der Welt

»Parce que leur mémoire est courte, les hommes accumulent d’innombrables pense-bêtes.« Ein Traktat über die imposante Technik und den leisen Schrecken der Erinnerung – Erinnerung an das, was Menschen gedacht, formuliert, aufgezeichnet haben. Die Pariser Bibliotèque Nationale als gebautes Gedächtnis, als strukturiertes Sammelsurium, als einerseits vielstimmiges, ande­rer­seits lautloses Silo des Weltwissens. Die Kamera gleitet durch Gänge, durch Säle, durch Lager. Vorbei an Regalen, Regalen, Regalen. 100 Kilometer voll mit Büchern und Akten, mit Zeitungen und Folianten, mit Manuskripten und Comics, mit Tonnen und Abertonnen von bedrucktem und beschriebenem Papier, aber auch mit Münzen und Globen, mit Graphiken und Photographien. Die Bibliothek – ein Depot, ein Zettelkasten, ein Festung der Ideen und der Fiktionen, der Dokumentation und der Phantasie.

R Alain Resnais B Rémo Forlani K Ghislain Cloquet M Maurice Jarre S Alain Resnais P Pierre Braunberger D Jacques Dumesnil | F | 21 min | 1:1,37 | sw | 5. Mai 1957

# 803 | 21. November 2013

24.4.57

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Kurt Hoffmann, 1957)

»Eine der hoffnungsreichsten Lebenslagen ist die, wenn es uns so schlecht geht, daß es uns nicht mehr schlechter gehen kann.« Thomas Manns sprachlich hochgestelzter, die Grenzen der Selbstparodie immer wieder fröhlich überschreitender Schelmenroman über den glücksritterlichen Sohn eines fallierten Schaumweinfabrikanten aus dem Rheingau wird von Kurt Hoffmann zu einer charmant-harmlosen Komödie verarbeitet, die sich weniger für die gesellschaftlichen als für die amourösen (und von Drehbuchautor Robert Thoeren dazuerfundenen kriminalistischen) Abenteuer des attraktiven Sonntagskindes in Grand Hotels, Nachtlokalen und Luxuszügen der Belle Époque interessiert. Horst Buchholz (in der Titelrolle) gibt rein äußerlich weiß Gott keinen Thomas-Mann-Helden ab – andererseits ist es gut vorstellbar, daß der durchkultivierte hanseatische Patrizier genau für so einen bildungsfernen, wohlge­form­ten Jungen glühend geschwärmt hätte … Zudem sorgt eine stattliche Zahl im­posanter Chargen für gehobenes Amüsement: Paul Henckels (Pate Schimmelpreester) und Paul Dahlke (Professor Kuckuck), Liselotte Pulver (Zaza) und Ingrid Andree (Zouzou) sowie Walter Rilla als Lord Kilmarnock (das krypto-schwule Wunsch-Alter-Ego des Dichters), der den hübschen Felix nur zu gerne in seine Dienste nehmen würde.

R Kurt Hoffmann B Robert T. Thoeren, Erika Mann V Thomas Mann K Friedl Behn-Grund M Hans-Martin Majewski A Robert Herlth S Caspar van der Berg P Hans Abich D Horst Buchholz, Liselotte Pulver, Ingrid Andree, Susi Nicoletti, Paul Dahlke | BRD | 107 min | 1:1,37 | sw | 24. April 1957

20.4.57

Kanał (Andrzej Wajda, 1957)

Der Kanal

»Kanał« beginnt mit dem Blick auf die Ruinen der zerstörten polnischen Hauptstadt, Ende September 1944, unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Warschauer Aufstandes. Ein Trupp von müden Kriegern zieht am Auge der Kamera vorbei. Die Protagonisten werden in einem knappen dramatis personae vorgestellt, das mit den Worten schließt: »Dies sind die Helden einer Tragödie. Schaut sie euch gut an. Es sind die letzten Stunden ihres Lebens.« Was folgt, ist die Chronik der im Prolog angekündigten Tode. Der erste Teil des Films – high-key und dokumentarisch – spielt oben, unter freiem Himmel, wo deutsche Bomben und Artillerie die Trümmer tanzen lassen; der zweite Teil – low-key und apokalyptisch – spielt unten, im stickigen, stinkenden Labyrinth der Kloaken von Warschau. Hier in der Tiefe (wo außer irdische Klänge durch die Kanäle wehen, wo Licht nicht Erlösung sondern Sterben bedeutet) zitiert man Dante, küßt man zum letzten Mal ein Mädchen, verrät man die Kameraden, ertrinkt man in der Scheiße, wird man wahnsinnig und bläst die Okarina – oder man kämpft weiter, auch wenn man längst verloren hat. Andrzej Wajda und seine Mitstreiter (Assistenz: Kutz und Morgenstern / Kamera: Lipman und Wójcik) setzen dem so aussichtslosen wie unabdingbaren Widerstand ein wuchtig-elendes Denkmal: »Noch ist Polen nicht verloren.« PS: Und auf dem anderen Ufer der Weichsel – einmal sieht man (durch ein eisernes Gitter) hinüber – stehen sowjetische Truppen. Schauen zu. Warten ab.

R Andrzej Wajda B Jerzy Stefan Stawiński V Jerzy Stefan Stawiński K Jerzy Lipman, Jerzy Wójcik M Jan Krenz A Roman Mann S Halina Nawrocka P Stanisław Adler D Tadeusz Janczar, Teresa Iżewska, Wieńczysław Gliński, Tadeusz Gwiazdowski, Władysław Sheybal | PL | 91 min | 1:1,37 | sw | 20. April 1957

16.4.57

Die Zürcher Verlobung (Helmut Käutner, 1957)


»Ich produziere auch nicht gerne Schnulzen.« Umständlich-romantische Verwicklungskomödie unter Filmfuzzis, Zahnärzten und lilage­spülten Schweizer Damen (und Pudeln). Helmut Käutner stichelt anfangs gegen die alten Leiern des Adenauer-Kintopp, macht im folgenden aber eigentlich auch nichts anderes (»Ja, ich glaube, so etwas sehen die Leute immer wieder gern.«) – er verpackt die rosarot-himmelblaue Einfalt allerdings in viel Selbstironie, und statt eines gutaussehenden Försters mit Reh bietet er einen gutaussehenden Arzt (Paul Hubschmid) mit Büffel (Bernhard Wicki): Liselotte Pulver (als beziehungsnotleidende Unterhaltungsschriftstellerin, die nach eigenen Erlebnissen ein Drehbuch verfaßt) glaubt den höflichen Hubschmid zu lieben, kriegt aber den rauhbautzigen Wicki, dem sie in Wirklichkeit zugetan ist, auch wenn sie es hundert Minuten lang nicht wahrhaben wollte – das alles mit viel Berg, viel Schnee, viel Hüttenzauber (»Ja, ja, die Liebe in der Schweiz«). Nett: Werner Finck spielt einen Zahnarzt, der den Nerv trifft, Rudolf Platte spielt Herrn Uri (nach dem gleichnamigen Kanton), Sonja Ziemann spielt Sonja Ziemann, die im Film, der im Film gedreht wird, die Rolle von Liselotte Pulver spielt, und Käutner spielt einen Reporter, der es nicht gut findet, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt.

R Helmut Käutner B Heinz Pauck, Helmut Käutner V Barbara Noack K Heinz Pehlke M Michael Jary A Herbert Kirchhoff, Albrecht Becker S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel D Liselotte Pulver, Paul Hubschmid, Bernhard Wicki, Wolfgang Lukschy, Werner Finck, Sonja Ziemann | BRD | 106 min | 1:1,37 | f | 16. April 1957

9.4.57

The Smallest Show on Earth (Basil Dearden, 1957)

Die kleinste Schau der Welt

»Well, I’m sure there is a business like show business, but somehow I don’t think this is it.« Wer träumte nicht von einer Erbschaft aus heiterem Himmel? Dem jungen Schriftsteller Matt Spencer fällt dieses unverhoffte Glück in den Schoß. Zusammen mit seiner Ehefrau Jean reist er nach Sloughborough, um die Hinterlassenschaft des unbekannten Großonkels in Augenschein zu nehmen: ein Kino. Dabei handelt es sich allerdings nicht, wie kurz zu vermuten steht, um den ultramodernen Filmpalast ›The Grand‹ sondern um das gegenüberliegende, vormals ehrwürdige ›Bijou Kinema‹ – am Ort auch als »the flea pit« bekannt. Zwischen zwei vielbefahrene Bahnstrecken gezwängt, atmet der marode Kintopp die schwülstig-staubige Atmosphäre längst vergangener Stummfilmzeiten. Als einzige Chance, Geld zu erlösen, erscheint der Verkauf an den überheblichen Besitzer des ›Grand‹, der das ›Bijou‹ abreißen will, um das Terrain als Parkplatz zu nutzen … Regisseur Basil Dearden, lange Jahre für die Ealing-Studios tätig, knüpft, zusammen mit Autor William Rose (der unter anderem »The Ladykillers« schrieb), an die spezifische Komödientradition des Hauses an: ein Zusammenstoß von Klein (bzw. Alt) und Groß (bzw. Neu), ein pittoreskes Setting, kuriose Situationen und – most of all: spleenige Typen. Tatsächlich ist es vorrangig das skurrile Personal des ererbten Kinos, das den großen Reiz der »Smallest Show on Earth« ausmacht: die kauzige Kartenverkäuferin (und einstige Geliebte des Verstorbenen) Mrs. Fazackalee (Margaret Rutherford), der stets vom Alkohol versuchte Projektionist Mr. Quill (Peter Sellers) sowie – last but not least: Old Tom (Bernard Miles), der verhuschte Hausmeister und Platzanweiser, der sich nichts sehnlicher wünscht als eine stattliche Uniform. Letzterer ist es, der die beste (sehr heiße) Lösung für alle Probleme findet: »It were the only way, weren't it?«

R Basil Dearden B William Rose, John Eldridge K Douglas Slocombe M William Alwyn A Allan Harris S Oswald Hafenrichter P Michael Relph D Bill Travers, Virginia McKenna, Peter Sellers, Margaret Rutherford, Bernard Miles | UK | 80 min | 1:1,37 | sw | 9. April 1957

# 908 | 12. September 2014

5.4.57

I vampiri (Riccardo Freda, 1957)

Der Vampir von Notre-Dame

»I vampiri« ist kaum ein Horrorfilm, und um Blutsauger geht es nur im übertragenen Sinne. Im Rahmen eines melodramatischen Gruselkrimis phantasieren Riccardo Freda und Mario Bava über unglückliche Liebe und den Schrecken des Alter(n)s, über unstillbare Sehnsucht und den Traum von ewiger Schönheit … Eine schauderhafte Mordserie erschüttert Paris: Die blutleeren Leichen junger Frauen werden aus der Seine gefischt. Ein Inspektor und ein Reporter gehen dem Geheimnis rivalisierend auf den Grund; die dünne Fabel führt sie aus der Gegenwart der Großstadt in den bedrückend-düsteren, aus Zeit und Welt gefallenen Palast der greisen Herzogin du Grand und ihrer schönen Nichte Giselle (Gianna Maria Canale) … Freda (Buch & Regie) und Bava (Kamera & Regie) enthalten sich psychologischer Subtilität, setzen ganz auf Licht und Atmosphäre, auf das stimmungsvolle Ausmalen von böser Ahnung und schleichender Gefahr, spielen geschickt mit motivischen Doppelungen, die Zerrissenheit und Angstgefühle der handelnden Figuren spiegeln. Vor allem in der zweiten Hälfte erinnert die filmische Gestaltung an Illustrationen aus viktorianischen Mystery-Romanen, schafft immer wieder Augenblicke von beklagenswerter Wahrheit, Situationen von spukhafter Melancholie.

R Riccardo Freda, Mario Bava B Riccardo Freda, Piero Regnoli K Mario Bava M Roman Vlad A Beni Montresor S Roberto Cinquini P Ermanno Donati, Luigi Carpentieri D Gianna Maria Canale, Dario Michaelis, Carlo d’Angelo, Wandisa Guida, Paul Muller | I | 85 min | 1:2,35 | sw | 5. April 1957

24.2.57

Der gläserne Turm (Harald Braun, 1957)

»Merkwürdig, diese Mischung von Erfolg und Untergang.« Sie bilden ein explosives (oder eher implosives) Dreieck: der herrische Unternehmer Robert Fleming (O. E. Hasse), ein Mann, der hält, was er hat, seine hochsensible Gattin Katja (Lilli Palmer), eine Theaterschauspielerin, die dem Rampenlicht (nicht ganz freiwillig) den Rücken kehrte, der forsche Dramatiker John Lawrence (Peter van Eyck), der die labil-begnadete Aktrice aus dem komfortablen Ruhestand (≈ einem goldenen Käfig im obersten Stockwerk des höchsten Hauses von Berlin) zurück auf die Bühne (≈ in die Freiheit) locken will. Was wie ein fashionables Melodram beginnt, wandelt sich peu à peu zur dunklen Sittenbild mit abschließendem Gerichtsverfahren – zur Verhandlung bringen Regisseur Harald Braun und seine Autoren (darunter Wolfgang Koeppen, einer der bedeutendsten bundesdeutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit) neben einem vermeintlichen Giftmordfall auch die Überholtheit gesellschaftlich zugeschriebener Geschlechterrollen, die Geistlosigkeit eines selbstbesoffenen Aufsteigertums, die (vage) Chance auf Emanzipation. Hauptschauplatz des Stückes um Macht und Schwäche, um Kunst und Konjunktur (aber auch um Liebe und Hoffnung) ist eine luxuriös ausstaffierte Dachetage, ein Exzeß aus Glas und Stuck, Marmor und Fell, Kunststoff und Velours, ein (von Walter Haag entworfener) faszinierender Alptraum des Gelsenkirchener Eklektizismus, wo die Spiegelung eines lodernden Kaminfeuers als eifersüchtig brennendes Herz erscheint. Wird die beschädigte Heldin imstande sein, dieses überspannt-menschenfeindliche Ambiente, halb Treibhaus, halb Kühlhalle, hinter sich zu lassen? »Wo soll sie hin: vorwärts oder zurück?« – die über allem schwebende, alles grundierende Frage findet schließlich eine recht mutlose Antwort: Katja Fleming nimmt einmal mehr den ihr zugewiesenen Platz ein.

R Harald Braun B Odo Krohmann, Wolfgang Koeppen, Harald Braun K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Walter Haag S Hilwa von Boro P Hans Abich D Lilli Palmer, O. E. Hasse, Peter van Eyck, Hannes Messemer, Brigitte Horney | BRD | 104 min | 1:1,37 | sw | 24. Oktober 1957

# 1090 | 5. Dezember 2017

16.2.57

Det sjunde inseglet (Ingmar Bergman, 1957)

Das siebente Siegel

»Dies irae, dies illa / solvet saeclum in favilla.« Ein finster-groteskes Mittelalter als ferner Spiegel moderner Ängste und Zweifel: Ein grüblerischer Ritter (Max von Sydow) und sein neunmalkluger Knappe (Gunnar Björnstrand) kehren aus dem Heiligen Land zurück in ihre von der Pest heimgesuchte Heimat; der Tod erscheint, den Ritter zu holen, läßt sich aber zu einer Schachpartie beschwatzen (der Schnitter spielt Schwarz – was sonst?) und gewährt Aufschub, solange das Match nicht entschieden ist. Auf ihrem weiteren Weg erleben der traurige Herr und sein wackerer Begleiter die Gefangenschaft der Menschen in existentieller Furcht vor dem großen Nichts, eine Furcht, die sich als moralische Verwesung, religiöser Wahn oder oberflächliche Sinnenlust manifestiert. Nur in der Gesellschaft eines naiven Gauklers, seiner treuherzigen Frau und ihres kleinen Sohnes – eine sympathische Travestie der heiligen Familie! – findet der Ritter Momente von Ruhe und Frieden. Das Idyll mit Lauten spiel, frisch gemolkener Milch und wilden Erdbeeren ist freilich nicht von Dauer, denn gegen den Tod ist à la longue kein Spiel zu gewinnen… Ingmar Bergmans danse macabre nutzt die dunkle Epoche als Folie einer, in stilisierten Tableaus (Kamera: Gunnar Fischer) ausgemalten, Sinn-(= Gott-)suche, die einmal mehr ohne greifbares Ergebnis bleibt: Das Schweigen des Schöpfers schallt stumm durch die Tiefe der Zeit.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Lennart Wallén P Allan Ekelund D Max von Sydow, Gunnar Björnstrand, Nils Poppe, Bibi Andersson, Bengt Ekerot | S | 96 min | 1:1,37 | sw | 16. Februar 1957

15.2.57

Königin Luise (Wolfgang Liebeneiner, 1957)

Liebe und Leid einer Königin oder Ein Frauenschicksal aus bewegter Zeit. Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: ein kleiner (natürlich friedliebender) Staat zwischen rivalisierenden Giganten. Im Westen lauert der postrevolutionäre Heilsbringer aus Paris, im Osten brummt der russische Bär. Vergessen möchte man werden, übersehen von den globalen Gegenspielern – allein die Geschichte ist unerbittlich und verlangt eine Entscheidung. Friedrich Wilhelm III., der ältlich-schwache preußische Monarch (Dieter Borsche), zögert, zaudert, zweifelt, seine volkstümlich-mädchenhafte Gemahlin Luise (Ruth Leuwerik) ermuntert ihn zu handeln: »Tu doch ganz einfach das was dir dein Herz sagt. Das ist immer das Richtige.« Er tut es, doch es ist das Falsche. Napoleon marschiert durch bis an die Memel, den Zaren kümmert es nicht, Preußen geht perdu. Wolfgang Liebeneiner erzählt Historie im simplifizierdend-dekorativen Stil von Schokoladen-Sammelbildern, sein Werk erinnert, vor allem dank Rolf Zehetbauers kunstvoll abstrahierter Ausstattung, an ein erbauliches Kinderbuch aus Kaisers Zeiten: »Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt« … Kurz vor ihrem dekorativen Filmtod, der sie zum elegischen Denkmal entschlafen läßt, wendet sich die Königin der Herzen direkt an das nachgeborene Publikum im Kinosaal: »Was wir durchgemacht haben, Krieg, Flüchtlinge, Auseinanderreißen des Landes, fremde Besatzung, das darf doch nie wieder geschehen. Ja, und wenn alle lernen und aufpassen und mithelfen, dann kann es auch nie wieder geschehen.« Wie schon Goethe sagte: »Doch rufen von drüben / Die Stimmen der Geister,
 / Die Stimmen der Meister: / Versäumt nicht zu üben, / Die Kräfte des Guten!«

R Wolfgang Liebeneiner B Georg Hurdalek K Werner Krien M Franz Grothe A Rolf Zehetbauer S Lisbeth Neumann P Utz Utermann D Ruth Leuwerik, Dieter Borsche, Bernhard Wicki, René Deltgen, Hans Nielsen | BRD | 105 min | 1:1,66 | f | 15. Februar 1957

# 869 | 25. Mai 2014

13.2.57

Funny Face (Stanley Donen, 1957)

Ein süßer Fratz

Zum ersten Mal ohne den irrealen Glanz von MGM, mithin auch ohne das Ingenium des Produzenten Arthur Freed im Hintergrund, sucht Musical-Regisseur Stanley Donen seinen Weg zwischen unverhohlenem Starkult und ironischer Zeitkritik. »Funny Face« erzählt von einem (nicht allzu) häßlichen Entlein, das sich unter den durchdringenden Blicken eines Mannes (und zu den Melodien von George Gershwin) in einen stolzen Schwan verwandelt – ein flüchtiges Märchen aus der Welt der Mode und der Modejournale, eine fast gegenstandslose Story, so durchsichtig wie Seidenvoile, so verweht wie eine Magazinseite im Wind der Zeit: Ein in Sack und Asche gehender New Yorker Blaustrumpf (Audrey Hepburn) wird von einem fashionablen Fotografen (Fred Astaire als Richard-Avedon-Surrogat) in Paris zum Gesicht bzw. zum Kleiderständer der Epoche stilisiert ... Die Romanze zwischen dem jungen Ding und dem alten Profi, der schon (fast) alle(s) gesehen hat, bleibt schwärmerische Behauptung; die antiintellektuellen Sottisen gegen Philosophen, denen das Hirn in die Hose fällt, bedienen (nicht unwitzig) landläufige Klischees; doch indem die Herstellung von Trends, von Idealen, von Bedürfnissen durch die Bewußtseinsindustrie (energisch verkörpert von Kay Thompson als ›Quality‹-Chefredakteurin) musikalisch und tänzerisch transparent gemacht wird, gewinnt der Film einen Hauch von oberflächlicher Tiefe: »Think pink!«

R Stanley Donen B Leonard Gershe K Ray June M George Gershwin A George W. Davis, Hal Pereira S Frank Bracht P Roger Edens D Audrey Hepburn, Fred Astaire, Kay Thompson, Michel Auclair, Robert Flemyng | USA | 103 min | 1:1,85 | f | 13. Februar 1957

8.2.57

Schlösser und Katen (Kurt Maetzig, 1957)

Auch Affirmation kann Kunst hervorbringen: Thälmann-Regisseur Kurt Maetzig und Stalin-Hymniker Kuba erzählen mit geballten Fäusten und epischem Atem den großen sozialistisch-realistischen Heimatroman der 1950er Jahre. Vom Kriegsende 45 über Bodenreform und beginnende (Zwangs-)Kollek­tivierung bis zum Juniaufstand 53 schildert »Schlösser und Katen« (durch die ideologische Brille aber ohne Brett vorm Kopf) die Geschichte eines mecklenburgischen Dorfes und die verschlungenen Schicksale seiner Bewohner. Der Kampf zwischen dem dunklen Gestern und dem lichten Morgen führt durch ein intrigantes Heute, in dem es von buckligen Knechten, verschlagenen Gutsinspektoren, unehelichen Töchtern und argwöhnischen Bauern nur so wimmelt. Daß am Ende das Alte dem Neuen weichen muß, damit alles gut und rot werde, versteht sich von selbst. Trotz alledem: erzählerisch sehr taugliche, handwerklich überzeugende Defa-Ware.

R Kurt Maetzig B Kuba (= Kurt Barthel), Kurt Maetzig K Otto Merz M Wilhelm Neef A Alfred Hirschmeier S Ruth Moegelin P Hans Mahlich D Raimund Schelcher, Erika Dunkelmann, Karla Runkehl, Erwin Geschonneck, Harry Hindemith | DDR | 204 min | 1:1,37 | sw | 8. Februar 1957