21.2.49

The Small Back Room (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1949)

Experten aus dem Hinterzimmer 

London, Frühjahr 1943: In der schier endlosen Nacht des Blackouts machen sich Experten Gedanken darüber, wie der (mittlerweile totale) Krieg zu gewinnen sei. Einer von ihnen ist Sammy Rice (David Farrar), ein brillanter Bombenfachmann (gehandicapt allerdings durch ein schmerzendes künstliches Bein und den destruktiven Hang zum Alkohol), der nicht nur an Sprengkörpern (oder deren Entschärfung) laboriert sondern auch am zermürbenden Gezänk zwischen Technologen und starrköpfigen (oder schlicht inkompetenten) Beamten der Kriegsbürokratie. Sammys aus beruflicher Frustration und physischem Defizit entspringende aggressive Larmoyanz lähmt seine Ambition und stellt die Beziehung zu seiner engagierten Freundin Susan (Kathleen Byron) in Frage … Nach den eskapistischen Technicolor-Eruptionen von »The Red Shoes« gestalten Powell und Pressburger ein hermetisch-finsteres Schwarzweiß-Drama vor realistischem Hintergrund (eine surreale Sequenz mit ins Gigantische wachsenden Whiskyflaschen und boshaft tickenden Uhren erinnert gleichwohl an die visuellen Exzentrizitäten des Ballett-Films) – die Lichtlosigkeit der nächtlich-bedrückenden Innenräume wird nur zweimal aufgebrochen: zum ersten Mal anläßlich eines Waffentests bei den Megalithen von Stonehenge (!), dann noch einmal, am Ende des Films, wenn Sammy im weißen Kies von Chesil Beach, unter ziehenden Wolken und kreisenden Möwen, eine deutsche Sprengfalle unbekannten Typs unschädlich machen muß. In der Auseinandersetzung mit dem heimtückischen Explosivkörper sieht der (in mehrfacher Hinsicht) gefährdete Held wohl auch dem eigenen Zerstörungsmechanismus ins Auge …

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger V Nigel Balchin K Christopher Challis M Brian Easdale A Hein Heckroth S Clifford Turner P Michael Powell, Emeric Pressburger D David Farrar, Kathleen Byron, Jack Hawkins, Leslie Banks, Michael Gough | UK | 106 min | 1:1,37 | sw | 21. Februar 1949

26.1.49

The Passionate Friends (David Lean, 1949)

Die große Leidenschaft

»Should old acquaintance be forgot …« Mit »The Passionate Friends« transponiert David Lean sein in der Provinz angesiedeltes Mittelklasse-Melodram »Brief Encounter« gleichsam in großstädtisch-kosmopolitisches Ambiente. Mary (Ann Todd), ansprüchlich und ein wenig preziös, will alles: die Sekurität und das Vermögen ihres älteren Banker-Gatten Howard (Claude Rains) sowie Vitalität und Leidenschaft des idealistischen Biologen Steven (Trevor Howard), der die attraktive Frau schon tief verehrte, bevor sie den distanzierten Geldmann ehelichte. In einer effektvollen Rückblendenkonstruktion, die das sorglos-elegante Londoner Leben des letzten Friedensjahres mit dem ersten Nachkriegsurlaub der Protagonisten in den romantischen Schweizer Alpen verbindet, bringt die Erzählung die divergierenden Seiten des emotionalen Dreiecks gegeneinander in Stellung – wobei Marys selbstüberzeugte Autonomie sich schließlich als ebenso brüchige Charaktermaske erweist wie Howards kalte Beherrschtheit. Bei aller Raffinesse der Inszenierung – insbesondere der noirisch angehauchten Lichtregie und der stellenweise beinahe expressiven Kadrierungen (Kamera: Guy Green) – bleibt Lean mit seinem Gefühlsroman aus der Oberschicht in jenen (freilich feingewebten) Genremustern befangen, die er wenige Jahre zuvor mit der Chronik einer kurzen Begegnung gewöhnlicher Liebender (durch sensible Milieuzeichnung und psychologische Verfeinerung) so eindrucksvoll unterlaufen hatte.

R David Lean B Eric Ambler V H.G. Wells K Guy Green M Richard Addinsell A John Bryan S Geoffrey Foot P Ronald Neame D Ann Todd, Claude Rains, Trevor Howard, Betty Ann Davis, Isabel Dean | UK | 89 min | 1:1,37 | sw | 26. Januar 1949

20.1.49

A Letter to Three Wives (Joseph L. Mankiewicz, 1949)

Ein Brief an drei Frauen

»Why is it that sooner or later no matter what we talk about ... we wind up talking about Addie Ross?« Die Geschichte(n) dreier Freundinnen in einer amerikanischen Provinzstadt. Eigentlich waren sie zu viert. Doch Addie Ross ist fortgegangen. Zuvor hat sie einen Abschiedsbrief geschrieben, an Rita, Lora Mae und Deborah, einen Brief, in dem sie ihren »very dearest friends« mitteilt, sie habe, als sie die Stadt verließ, ein Andenken mitgenommen: einen ihrer Ehemänner. Welcher ist es? George, der Schullehrer, dessen Gattin Karriere als Autorin von radio soap operas machte? Porter, der wohlhabende Kaufhausbesitzer, der eine zielstrebige Angestellten heiratete? Brad, der ehemalige Navy-Offizier, der ein Mitglied der weiblichen Hilfstruppe als Ehefrau mit nach Hause nahm? Eine sonnabendliche Bootsfahrt lang haben die Empfängerinnen des Briefes Zeit nachzudenken: über ihre privaten und gesellschaftlichen Beziehungen, über Wünsche und Ängste, über die Liebe und das Leben. Die süffisante Gesellschaftskomödie, die Joseph L. Mankiewicz in drei Rückblenden entbreitet, zeigt die latente Gefährdung einer geordnet-behaglichen Welt: Das Gewohnte, das Vertraute, das sicher Geglaubte ist längst nicht so selbstverständlich, wie es scheint; die Möglichkeit des Verlustes steht immer im Raum, so unsichtbar, so beunruhigend wie die abwesende und doch allgegenwärtige Addie Ross. »I wonder if she knows how much we do talk about her, what we say and how we feel about her.« – »I know. Believe me, I do.«

R Joseph L. Mankiewicz B Joseph L. Mankiewicz, Vera Caspary V John Klempner K Arthur Miller M Alfred Newman A Lyle Wheeler, J. Russell Spencer S J. Watson Webb Jr. P Sol C. Siegel D Jeanne Craine, Ann Sothern, Linda Darnell, Kirk Douglas, Paul Douglas, Thelma Ritter | USA | 103 min | 1:1,37 | sw | 20. Januar 1949

# 991 | 12. März 2016

19.1.49

Une si jolie petite plage (Yves Allégret, 1949)

Ein hübscher kleiner Strand

Ein kleiner Flecken am Meer, ein verlassener Strand im Winter, ein schwarzes Melodram unter endlosem Regen. Ein junger Mann (Gérard Philipe), einsam und unendlich traurig, kommt zur Unzeit (»En été, c’est une si jolie petite plage.«) als Gast in den tristen Badeort. (Ist es eine Flucht? Ist es eine Rückkehr? Oder beides?) Er sucht Ruhe und Vergessen, findet jedoch nichts als Trübsinn und quälende Erinnerungen. Nach und nach, in flüchtigen Blicken und beiläufigen Dialogen, durch alltägliche Geräusche und ein schmalziges Chanson, in Szenen, die wie Spiegelungen einer häßlichen Vergangenheit erscheinen, enthüllt sich die Vorgeschichte des rätselhaften Besuchers: Da sind ein geschundener Waisenjunge und der Glaube an einen Ausweg, eine schöne Frau und das trügerische Versprechen auf Glück, und da ist – ein Mord. Yves Allégrets Film über die Nachsaison des Lebens, ein dunkles Glanzstück des poetischen Pessimismus (von Henri Alekan erlesen in schwermütigstem Schwarzweiß fotografiert), macht nur wenig Hoffnung auf ein besseres Morgen und erlaubt (fast) keine Illusionen über das Wesen der Menschen: Im großen und ganzen sind sie alle so gemein wie die Hotelwirtin, die sich für ihr lausiges Städtchen ein Tuberkulose-Sanatorium wünscht – denn die Schwindsucht ist (wie übrigens die Bosheit) eine Krankheit, die dauert …

R Yves Allégret B Jacques Sigurd K Henri Alekan M Maurice Thiriet A Maurice Colasson S Léonide Azar P Emile Darbon, Raymond Borderie D Madeleine Robinson, Gérard Philipe, Jean Servais, Jane Marken, Julien Carette | F | 91 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1949

Nachtwache (Harald Braun, 1949)

»Will Satan mich verschlingen, / so laß die Englein singen: / ›Dies Kind soll unverletzet sein.‹« Wenige Jahre nach dem Krieg treffen in der fiktiven deutschen Kleinstadt Burg(!)dorf(!) vier noch einmal Davongekommene aufeinander: eine nach dem Bombentod ihres Kindes vom Glauben abgefallene Ärztin (patent: Luise Ullrich), ihr früherer Geliebter, ein desillusionierter Schauspieler (rabiat: René Deltgen), ein protestantischer Pastor (leutselig: Hans Nielsen), ein katholischer Kaplan (teilnehmend: Dieter Borsche). Angesichts der kürzlich erlebten historisch-moralischen Katastrophe drängen sich Sinn-, Schuld- und Zweifelsfragen auf, deren Verhandlung jedoch – wie üblich in jenen Jahren – weitgehend privat (und damit paradoxerweise abstrakt) bleibt. »Gott spricht, auch wenn er schweigt«, heißt es einmal im Dialog. In »Nachtwache« wird nicht geschwiegen, ganz im Gegenteil: es wird pausenlos in hohen bis höchsten Tönen gesprochen, dabei jedoch kaum etwas Greifbares gesagt … Harald Braun, der sein symbolbefrachtetes Seelen- und Erbauungsdrama schattenreich-düster wie einen film noir inszeniert und einige Hiobsbotschaften für seine Figuren bereithält, redet keineswegs dem Nihilismus das Wort: Am Ende wird in der Finsternis ein ewiges Licht entzündet und den Skeptikern (auf der Leinwand und im Publikum) dringend empfohlen, sich ins himmlisch-unbegreifliche Geschick zu fügen. Als Film ist »Nachtwache« streckenweise eine Art göttliche Prüfung, als Zeitdokument hingegen sehr aufschlußreich.

R Harald Braun B Harald Braun, Paul Alverdes K Franz Koch, Josef Illig M Mark Lothar A Walter Haag S Fritz Stapenhorst P Harald Braun, Hans Abich, Rolf Thiele D Luise Ullrich, Hans Nielsen, René Deltgen, Dieter Borsche, Käte Haack | D (W) | 110 min | 1:1,37 | sw | 19. Januar 1949

23.11.48

Der Apfel ist ab (Helmut Käutner, 1948)

»Oh jemine, oh homine, / Wärst du doch sapiens gewesen.« Ein Mann, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann: hier die reine, dort die verführerische, die eine blond, die andere brünett. Apfelsafthersteller Adam Schmidt (Bobby Todd), von den Alternativen zerrissen, verzweifelt über sein Dilemma, denkt an Selbstmord. In der Nervenklinik von Professor Petri wird ihm erklärt, die ganze Welt sei krank, und jeder Einzelne trüge daran Schuld. Entgiftung und Selbsterziehung stehen auf dem Programm des Mediziners: Erst wenn der Mensch genäse, könne auch die Zeit wieder in den Takt kommen … Es ist eine sonderbare Chimäre, die Helmut Käutner in seiner filmischen Retorte erzeugt – das Studio als Laboratorium, wo Kabarett und Psychotherapie, Revue und Zeitkritik, Quatsch und Mysterienspiel ungeniert verpanscht werden. Das Ergebnis ist eine aparte Mißgeburt, die ihren spezifischen Reiz allenfalls aus der Disparität der zusammengerührten Elemente gewinnt. In einer bizarren Traumsequenz, die surreale Kulissen und naive Puppentricks, jubelnde Engelsorgeln und teuflische Jazzarrangements bemüht, streift Adam durch Himmel (mit Käutner als vollbärtigem Petrus) und Hölle (wo Arno Assmann als frivoler Luzifer um Kundschaft buhlt), gelangt – man weiß, warum – vom Paradies auf die Erde, erlebt Genesis und Sündenfall als (mehr oder weniger lustiges) Tingeltangel. Adams Problem erfährt schließlich eine göttliche Lösung: Eva, das weiße Häschen (Bettina Moissi), und Lily, die schwarze Schlange (Joana Maria Gorvin), werden zu einem einzigen Wesen verquickt. Wer mag, darf in dieser symbolischen Verschmelzung von Gut und Böse (≈ von Links und Rechts, von Ost und West) so etwas wie die treuherzige Vorstellung eines dritten Weges erkennen, auf dem der gesundete Mensch seinem Glück entgegenwandern darf.

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Bobby Todd V Kurd E. Heyne, Helmut Käutner, Bobby Todd K Igor Oberberg M Bernhard Eichhorn A Gerhard Ladner, Wolfgang Znamenacek S Wolfgang Wehrum P Helmut Käutner D Bobby Todd, Bettina Moissi, Joana Maria Gorvin, Helmut Käutner, Arno Assmann, Irene von Meyendorff | D (W) | 103 min | 1:1,37 | sw | 23. November 1948

# 881 | 15. Juni 2014

30.9.48

The Fallen Idol (Carol Reed, 1948)

Kleines Herz in Not 

»You know what happens to little boys who tell lies?« Ein elegantes Stadtpalais bietet den Schauplatz für ein (melo-)dramatisches Spiel um Geheimnis und Betrug, Mißtrauen und Vertuschung – gesehen aus der Perspektive eines 8jährigen Jungen. Phile (Bobby Henrey) wächst als Sohn des französischen Botschafters in London auf. Sein Held ist Baines, des Vaters Butler (Ralph Richardson), der aufregende Geschichten aus seinem früheren Leben in Afrika zu erzählen weiß: ein Hüter menschlicher Wärme in der kalten Welt der Erwachsenen. In Wirklichkeit hat Baines England nie verlassen; er lebt gefangen in der Ehe mit einer herrischen, alle Kindheitsängste inkarnierenden Frau (Sonia Dresdel) und träumt von der Freiheit an der Seite seiner feinfühligen Geliebten (Michèle Morgan). Phile wird in den Strudel der sich zuspitzenden Ereignisse gerissen, von den Großen instrumentalisiert, in ihre Täuschungsmanöver verwickelt, mal zum Mitspielen, mal zum Schweigen vergattert – bis er zwischen Lüge und Wahrheit die Orientierung verliert. »We make one another«, lautet einer der Kernsätze des Drehbuchs von Graham Greene, der keinen Zweifel daran läßt, daß die Menschen mit dieser Herausforderung heillos überfordert sind… Als Ermittler im nicht ausbleibenden Todesfall absolvieren Jack Hawkins und Bernard Lee knapp und sicher konturierte Kurzauftritte; Carol Reed inszeniert sein erstklassiges Ensemble mit gelassener Perfektion. Der eigentliche Star von »The Fallen Idol« ist indes Victor Kordas barock-labyrinthisches Bühnenbild, dessen luxuriös-triste Atmosphäre von Georges Périnal kongenial in verkantete, tiefenscharfe Bilder voller starker Kontraste gefaßt wird. PS: »Shall I tell you a secret?«

R Carol Reed B Graham Greene V Graham Greene K Georges Périnal M William Alwyn A Vincent Korda S Oswald Hafenrichter P Carol Reed, Alexander Korda D Ralph Richardson, Michèle Morgan, Sonia Dresdel, Bobby Henrey, Jack Hawkins | UK | 95 min | 1:1,37 | sw | 30. September 1948

6.9.48

The Red Shoes (Michael Powell & Emeric Pressburger, 1948)

Die roten Schuhe 

»Put on your red shoes and dance.« Michael Powell und Emeric Pressburger verlängern Hans Christian Andersens Märchen über ein Paar roter Schuhe, die nicht mehr aufhören wollen zu tanzen und ihre Trägerin in den Tod befördern, in die synthetische Wirklichkeit ihrer melodramatischen Kinoerzählung: Es geht um die Relation von Kunst und Leben, und es geht um die Macht der Liebe, die – je nach Auffassung – das Fundament für alles Menschenwerk legt oder jeden Schöpfungsimpuls per se entweiht. Der mephistophelische Impressario Boris Lermontov (»Life is so unimportant.« – Adolf Wohlbrück), der Ballett nicht nur als »poetry of motion« betrachtet, sondern wie eine Religion zelebriert, entdeckt für seine weltberühmte Compagnie die vielversprechende Tänzerin Vicky Page (Moira Shearer). Er will sie zur Primaballerina formen und verlangt von ihr Entsagung (gegen das Leben) und Hingabe (an die Kunst) zugleich. Auf seine Frage: »What do you want from life? To live?« antwortet sie: »To dance.« Der Meister ist's zufrieden, sieht sich jedoch ent- und getäuscht, als Gefühle ins Spiel kommen, die seine Kreation an einen jungen Komponisten (Marius Goring) binden – und schließlich ins Unglück stürzen (= tanzen) lassen … »The Red Shoes« versammelt (neben der britischen Tänzerin Moira Shearer in der tragischen Hauptrolle) mit Léonide Massine, dem einstigen Chef-Choreographen der Ballets Russes, Robert Helpmann, der mit der Pavlova und Margot Fonteyn auftrat, und Ludmilla Tchérina, die von Serge Lifar entdeckt wurde, eine Reihe von Ballettgöttern seiner Zeit. Darsteller, die ihren eigenen Mythos einbringen, Jack Cardiffs dynamische Technicolor-Kamera, Hein Heckroths surrealistisch inspirierte Bühnenbilder, der romantische Score von Brian Easdale und (nicht zuletzt) die barocke Leidenschaft der Archers für das Milieu, in dem sie ihre Kunstbetrachtung an siedeln, schaffen eine »Poesie der Bewegung«, deren lyrischer Zauber jeder Mode trotzen wird.

R Michael Powell, Emeric Pressburger B Michael Powell, Emeric Pressburger V Hans Christian Andersen K Jack Cardiff M Brian Easdale A Hein Heckroth S Reginald Mills P Michael Powell, Emeric Pressburger D Moira Shearer, Anton Walbrook (=Adolf Wohlbrück), Marius Goring, Robert Helpmann, Léonide Massine | UK | 133 min | 1:1,37 | f | 6. September 1948

28.8.48

Rope (Alfred Hitchcock, 1948)

Cocktail für eine Leiche

Im Bewußtsein ihrer geistigen Überlegenheit erwürgen die Freunde Brandon (John Dall) und Phillip (Farley Granger) einen ehemaligen Kommilitonen: »Nobody commits a murder just for the experiment of committing it. Nobody except us.« Das Konzept des Übermenschen à la Nietzsche wird im Verlauf der sich an die Tat anschließenden Cocktailparty (zu Gast ist auch der Vater des Toten) direkt verhandelt, aber Alfred Hitchcock, der noch nie ein spezifisches Interesse für Thesenstücke zeigte, nutzt das Drama (das einen realen Fall aus den 1920er Jahren variiert) in erster Linie als Anlaß für eine inszenatorische Etüde über die Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Die ehrgeizige Idee, »Rope« als eine einzige, ununterbrochene Einstellung (in einem Apartment mit Blick über die langsam ins Dunkel der Nacht sinkende Stadt) zu gestalten, erweist sich als ziemlich forciert, zumal die harten Schnitte des Films unsichtbarer sind als die sogenannten unsichtbaren Bildübergänge zwischen den einzelnen Rollen – paradoxerweise betont der Verzicht auf die Mittel der Montage die selbstzweckhafte Künstlichkeit des Dargebotenen. Süffisante Dialoge (»Do you know when I was a girl I used to read quite a bit.« – »We all do strange things in our childhood.«) und eine eindrucksvolle Performance von James Stewart (als intellektuell mißbrauchter Mentor der Mordbuben) verkürzen die Wartezeit bis zum Eintreffen der Polizei. PS: Die für das Jahr 1948 ungewöhnliche Präsenz eines schwulen Paares auf der Leinwand wird vermutlich durch den Umstand gerechtfertigt, daß es sich um psychopathische (dabei tadellos gekleidete) Kriminelle handelt.

R Alfred Hitchcock B Arthur Laurents, Hume Cronyn V Patrick Hamilton K Joseph Valentine, William V. Skall M diverse A Perry Ferguson Ko Adrian S William H. Ziegler P Alfred Hitchcock, Sidney Bernstein D James Stewart, John Dall, Farley Granger, Cedric Hardwicke, Edith Evanson | USA | 80 min | 1:1,37 | f | 28. August 1948

20.8.48

A Foreign Affair (Billy Wilder, 1948)

Eine auswärtige Affäre

»Amidst the ruins of Berlin / Trees are in bloom as they have never been.« Billy Wilders böse Komödie aus den Gründerjahren der deutsch-amerikanischen Freundschaft handelt über eine politisch-militärisch-private Dreieckgeschichte in den Ruinen von Berlin: Da ist die spröde republikanische Congresswoman Phoebe Frost (!) (Jean Arthur), die die ethische Konstitution der US-Besatzungstruppen scharf unter die Lupe nehmen will, da ist der scheinbar so adrette Captain John Pringle (John Lund), der einen reichlich erweiterten Moralbegriff hat, und da ist die magnetische Diseuse Erika von Schlütow (mit der Betonung auf ›von‹) (Marlene Dietrich), die sich mit Uniformträgern aller Couleur gut stand und steht. Es geht um Liebe (was man nach einem verlorenen bzw. gewonnenen Krieg halt so Liebe nennt), Schwarzmarkt (»Laces for the missis, chewing gum for kisses.«) sowie historische Altlasten (und deren (versuchte) Entsorgung). Nachdem die Protagonisten über das breite Trümmerfeld zwischen Tugend und Laster gestolpert sind, kriegen sie am Ende ihres (Erkenntnis-)Weges vom illusionslosen Wilder (der ein gewisses Maß an Unsittlichkeit der Bigotterie stets vorzieht) allesamt das, was sie verdienen. PS: Friedrich Hollaender steuert drei tolle Chansons für Marlene bei (und begleitet höchstselbst am Klavier).

R Billy Wilder B Billy Wilder, Charles Brackett K Charles Lang M Friedrich Hollaender A Hans Dreier, Walter Tyler S Doane Harrison P Charles Brackett D Jean Arthur, Marlene Dietrich, John Lund, Millard Mitchell, Peter von Zerneck | USA | 116 min | 1:1,37 | sw | 20. August 1948

16.7.48

Key Largo (John Huston, 1948)

Gangster in Key Largo

Die Handlung des Films – Kriminelle halten die Bewohner eines Florida-Hotels in Schach – basiert auf einem Bühnenstück, und John Hustons Inszenierung fühlt sich entsprechend stagy an. Der Magnetismus zwischen Humprey Bogart (als desillusionierter Ex-Offizier) und Lauren Bacall (als junge Witwe) ist zwar nicht ganz so ausgeprägt wie bei früheren Gelegenheiten, aber Edward G. Robinson als altgewordener Mobster Johnny Rocco und Claire Trevor als seine alkoholische Geliebte liefern vollreife Leistungen. In der besten Szene des Films zwingt Rocco, seine um einen Drink bettelnde Freundin für Whisky zu singen – eine gnadenlos-peinliche Infamie und genau der Moment, in dem sich der gebrochene Bogey-Charakter endlich zum Widerstand entschließt.

R John Huston B Richard Brooks, John Huston V Maxwell Anderson K Karl Freund M Max Steiner A Leo K. Kuter S Rudie Fehr P Jerry Wald D Humphrey Bogart, Edward G. Robinson, Lauren Bacall, Lionel Barrymore, Claire Trevor | USA | 100 min | 1:1,37 | sw | 16. Juli 1948

9.7.48

Grube Morgenrot (Erich Freund & Wolfgang Schleif, 1948)

Es weht noch viel Ufa-Flair durch die Inszenierung des ersten Defa-Films, der sich ganz der Schilderung von Proletarierschicksalen verschreibt – rhetorisches Pathos, idealisierende Kameraarbeit und schmetternde Musikbegleitung werden auch nach der historischen Katastrophe ganz selbstverständlich zum Einsatz gebracht. Das Stück selbst kündet indes von einer neuen Zeit. Es beginnt kurz nach dem Krieg, in der arg ramponierten Grube Morgenrot im Erzgebirge: Arbeiter übernehmen das Regiment – und erinnern sich an die (kurze) Zeitspanne, als sie schon einmal Grubenherren waren. 1931, während der Weltwirtschaftkrise, hatten die Bergleute den (damals unwirtschaftlichen) Betrieb von den Zechenbesitzern geschenkt bekommen (und nach 71 Tagen wieder verloren) … Den Regisseuren Erich Freund und Wolfgang Schleif (der sein Handwerk als Cutter und Assistent von Veit Harlan lernte) gelingt es, trotz gelegentlicher Phraseologie, sehr überzeugend, die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kumpel und den verzweifelten, ja selbstmörderischen Kampf der Hauer, Stößer, Schrämer gegen die Schließung ihres Bergwerks, gegen die Vernichtung ihrer Existenz anschaulich zu gestalten. Zentralfigur der (auf tatsächlichen Ereignissen beruhenden) Erzählung ist ein junger Steiger (Claus Holm), der als einziger darauf beharrt, daß es nur besser werden kann, wenn sich die (Besitz-)Verhältnisse insgesamt ändern, wenn Rentabilität und Sicherheit keinen Widerspruch mehr darstellen. Am Ende darf er mahnend aber zukunftsfroh verkünden: »Arbeiten müssen wir mehr denn je, denn ihr wißt ja, was heute die Kohle bedeutet. Für uns bedeutet sie Schweiß und Brot, für unser Volk Arbeit und besseres Leben, und daß sie Frieden bedeutet, das soll unser aller Sorge sein.«

R Erich Freund, Wolfgang Schleif B Joachim Barckhausen, Alexander Graf Stenbock-Fermor K Ernst Wilhelm Fiedler M Wolfgang Zeller A Franz F. Fürst S Hermann Ludwig P Adolf Hannemann D Claus Holm, Karl Hellmer, Arno Paulsen, Gisela Trowe, Lotte Loebinger | D (O) | 88 min | 1:1,37 | sw | 9. Juli 1948

11.6.48

The Pirate (Vincente Minnelli, 1948)

Der Pirat 

»There’s a pirate known to fame / Black Macoco was the pirate’s name.« Ein fahrender Schauspieler («It's hard to kill an actor.« – Gene Kelly), der vorgibt ein berüchtigter Seeräuber zu sein; ein einst berüchtigter Seeräuber (»The sound of my name was like thunder rolling in from the sea!« – Walter Slezak), der vorgibt, ein wohlhabender Ehrenmann zu sein; dazwischen Judy Garland (»Underneath this prim exterior, there are depths of emotion, romantic longings, unfulfilled dreams.«), die sich danach sehnt, von einem berüchtigten Seeräuber aus der gepflegten Langeweile ihrer Mädchenjahre erlöst zu werden. Mit allem, was MGM an Talent (Songs: Cole Porter / Technicolor-Kamera: Harry Stradling / Bauten: Jack Martin Smith / Kostüme: Irene) auf die Leinwand knallen konnte, phantasiert Vincente Minnelli nach der Devise »more is more« ein hochparodistisches, extravagant ausstaffiertes, karibisch-romantisches Swashbuckler-Musical zusammen, das in hermetischer Irrealität und budenzauberhaftem overstatement die Wechselwirkung von Tatsachen und Wunschbildern ausmalt. »And I’m ›loco‹ for Mack, Mack / Mack the Black, Macoco!«

R Vincente Minnelli B Albert Hackett, Frances Goodrich V S. N. Behrman K Harry Stradling M diverse A Cedric Gibbons, Jack Martin Smith S Blanche Sewell P Arthur Freed D Judy Garland, Gene Kelly, Walter Slezak, Gladys Cooper, George Zucco | USA | 102 min | 1:1,37 | f | 11. Juni 1948

1.5.48

Berlin Express (Jacques Tourneur, 1948)

Berlin-Express

Eine Eisenbahnfahrt von Paris nach Berlin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Im Zug sitzen ein Amerikaner (patent: Robert Ryan), ein Brite, ein Franzose, ein Russe, ein Deutscher und eine polyglotte Sekretärin (stylisch: Merle Oberon). Set-up und Handlung – im Mittelpunkt steht ein Repräsentant des besseren Deutschland (geistesadlig: Paul Lukas), dem verschlagene Nazi-Untergründler an den Kragen wollen, was die Vertreter der Alliierten zu verhindern suchen – wirken ein wenig schematisch; die aus der Erzählung sprießenden Blütenträume von der Versöhnung der Ideologien und der staatlichen Vereinigung der geschlagenen, in Besatzungszonen zerteilten deutschen Nation erscheinen, eingedenk der weiteren historischen Entwicklung (kaum zwei Monate nach der Premiere des Films werden die Sowjets die Blockade über Westberlin verhängen) einigermaßen naiv. Die Inszenierung allerdings beweist Sinn für die unwirkliche Atmosphäre der Ruinenlandschaften (anders als der Titel vermuten läßt, spielt »Berlin Express« hauptsächlich in Frankfurt am Main), und die eindrücklichen Bilder der zerstörten Städte (Kamera: Lucien Ballard) machen Jacques Tourneurs politisch grundierten film noir zu einem wertvollen Dokument der Trümmersteinzeit.

R Jacques Tourneur B Harold Medford, Curt Siodmak K Lucien Ballard M Friedrich Hollaender A Albert S. D’Agostino S Sherman Todd P Bert Granet D Robert Ryan, Merle Oberon, Charles Korvin, Paul Lukas, Robert Coote | USA | 87 min | 1:1,37 | sw | 1. Mai 1948

3.4.48

The Emperor Waltz (Billy Wilder, 1948)

Kaiserwalzer

»Ich küsse Ihre Hand, Madame / und träum’, es wär’ Ihr Hund.« Äh … nein, genau umgekehrt. Oder doch nicht? Billy Wilders technicolorierte Promenadenmischung aus Musical, Romcom und Tierfilm beschreibt einen schmalzig-bizarren clash of civilizations im Wien der ausgehenden Kaiserzeit: Der amerikanische Grammophon-Vertreter Virgil Smith (Bing Crosby) verliebt sich in die österreichische Gräfin Johanna von Stolz(!)enburg-Stolz(!!)enburg (Joan Fontaine), die natürlich (zunächst) nichts, aber auch gar nichts von dem dahergelaufenen Handelsreisenden zu wissen wünscht. Erst die nichtebenbürtige Zuneigung ihrer Köter – ›Buttons‹ (proletarischer US-Mischling) und ›Helena‹ (aristokratische Großpudeldame) – verkündet das baldige Fallen der Klassenschranken. Es scheint, als würde Wilder im Jahre 1948 alle Platitüden der kommenden Heimat- und Sissi-Filme hellseherisch verspotten: Mit »The Emperor Waltz« empfiehlt er sich als Trivial-Lubitsch und liefert Kitsch as Kitsch can durch die parodistische Hintertür. PS: Grandioser Auftritt von Sig Ruman als Hofveterinär Dr. Zwieback (Studienkollege von Sigmund Freud), der seinen kläffenden Patienten die Geheimnisse ihrer tierischen Seelen entlockt.

R Billy Wilder B Billy Wilder, Charles Brackett K George Barnes M Victor Young A Hans Dreier, Franz Bachelin S Doane Harrison P Charles Brackett D Bing Crosby, Joan Fontaine, Roland Culver, Lucille Watson, Sig Ruman | USA | 106 min | 1:1,37 | f | 3. April 1948