17.8.63

I tre volti della paura (Mario Bava, 1963)

Die drei Gesichter der Furcht 

Ein korrekt gekleideter alter Herr steht in einer pulsierend illuminierten Kunstlandschaft und begrüßt das Publikum: »Signore i signori, io sono Boris Karloff.« Freundlich annonciert die Horrorlegende drei Nachtstücke über Terror und Supranaturales … Den (zeitgenössisch-irdischen) Auftakt von Mario Bavas Episodenfilm bildet die elegante Thriller-Etüde »Il telefono«, ein Proto-Giallo im Kurzformat: Nacht, Schatten, ein luxuriöses Apartment, hübsche Frauen, ein blitzendes Messer, ein zur Schlinge gezogener Seidenstrumpf – und ein penetrant schrillender knallroter Telefonapparat, der Todesdrohungen übermittelt … »I Wurdalak«, die zweite und längste Geschichte, führt an den östlichen Rand Europas, in ein dämonisches 19. Jahrhundert: Blutsauger nähren sich vom Lebenssaft derjenigen, die sie am meisten lieben – Roger Cormans irreale Poe-Adaptionen mögen Pate gestanden haben für diesen melodramatischen Familienspuk ohne Ausweg … Als Höhepunkt der kleinen Anthologie schildert »La goccia d’acqua« eine Rache aus dem Jenseits: Eine jüngst verblichene Spiritistin verfolgt die diebische Leichenfrau wegen eines gestohlenen Ringes – es sind vor allem die ausgefransten, in allen Farben eines toten Herings ausgeleuchteten bürgerlichen Interieurs, die dieser Erzählung ein extraordinäres Flair von Dekadenz und Fäulnis verleihen … Nach dem Übersinnlichen folgt die ironische »Entzauberung«: Karloff, im Kostüm des Wurdalak, reitet auf einer struppigen Pferdeattrappe, winkt den Zuschauern zum Abschied, während die Kamera langsam zurückfährt und die Betriebsamkeit des Filmstudios offenbart – ein würdige Schlußpointe für dieses üppige Bouquet bavaesker Stilübungen.

R Mario Bava B Marcello Fondato, Alberto Bevilacqua, Mario Bava V F. G. Snyder, Alexei Tolstoi, Anton Tschechow K Ubaldo Terzani M Roberto Nicolosi A Riccardo Domenici S Mario Serandrei P Salvatore Billitteri, Paolo Mercuri D Boris Karloff, Michèle Mercier, Mark Damon, Susy Andersen, Jacqueline Pierreux | I & F & UK | 92 min | 1:1,85 | f | 17. August 1963

19.7.63

For Eyes Only (János Veiczi, 1963)

»Euer Dienst ist die Aufklärung, / Namen bleiben geheim. / Unauffällig die Leistungen, / Stets im Blickfeld der Feind.« – Nur für Augen oder Defa goes Bond. Sein Name ist Lorenz, Genosse Lorenz. Gespielt wird er von Müller, Alfred Müller. Schon die ostentative Durchschnittlichkeit der Namen verrät: Hier geht es nicht um einen versnobten Glamour-Spion, hier geht es um einen Kundschafter wie du und ich. Der Stasi-Kämpfer an der unsichtbaren Front (Würzburg!) versucht, den Amis die geheimen Pläne zum Angriff auf das Weltfriedenslager abzuluchsen. Der Westen sieht aus, wie ihn sich der kleine Nikita vorstellt (Nachtbars mit Ponyreiten!), und alle englischen Dialoge werden von einer blechernen Wochenschaustimme deutsch übersprochen. Die Dramaturgie knattert wie ein Trabant auf den unausweichlichen Sieg des Sozialismus zu, während irgendwo im Dunkel der Kulissen Mischa Wolf zufrieden in sich hineingrinst. Ein unterhaltsames Agentenstück aus dem kühlschrankkalten Krieg, das zur Festigung des Klassenstandpunkts bestens geeignet ist und nebenbei noch eine Rechtfertigung des Mauerbaus nachliefert. PS: »Wachsam sein, immerzu — wachsam sein!«

R János Veiczi B Harry Thürk, János Veiczi K Karl Plintzner M Günter Hauk A Alfred Drosdek S Christel Ehrlich P Siegfried Kabitzke D Alfred Müller, Helmut Schreiber, Hans Lucke, Werner Lierck, Martin Flörchinger | DDR | 103 min | 1:2,35 | sw | 19. Juli 1963

17.7.63

The Thrill of It All (Norman Jewison, 1963)

Was diese Frau so alles treibt

»I’m Beverly Boyer and I’m a pig.« Es ist nicht ohne Reiz, sich diese von Ross Hunter produzierte Komödie als Douglas-Sirk-Melodram vorzustellen: Eine latent unterforderte Arztfrau und Mutter (vielleicht gespielt von Dorothy Malone) erhält das überraschende Angebot, die Präsentation einer Werbesendung (für ›Happy‹-Seife – was für ein Symbol!) zu übernehmen; sie hat (beruflichen und finanziellen) Erfolg, wird berühmt, gewinnt Selbstständigkeit, während ihr platzhirschhafter Gatte (vielleicht gespielt von Robert Stack) mit der Metamorphose seines Weibchens zur ernstzunehmenden Partnerin nicht klarkommt und in eine tiefe Identitätskrise gerät … Norman Jewisons »The Thrill of It All« will von der Hinterfragung (oder gar Infragestellung) geschlechtlicher Rollenmuster selbstverständlich nichts wissen. Überkommene Stereotypen werden mit schaumweicher Gnadenlosigkeit bestätigt: Das, was eine Frau außerhalb von Küche und Schlafzimmer tut, kann niemals glücklich machen, kann keinesfalls so relevant sein wie die Tätigkeit eines Mannes. So kehrt Beverly Boyer (gespielt von Doris Day), nach einem kurzen, aufregenden Ausflug in die (großstädtische) Souveränität, artig zurück unter die (suburbane) Fuchtel ihres gönnerhaft-repressiven Herrn und Meisters (gespielt von James Garner). »What did mommy say?« – »She said she was a pig.«

R Norman Jewison B Carl Reiner, Larry Gelbart K Russell Metty M Frank De Vol A Alexander Golitzen, Robert F. Boyle S Milton Carruth P Ross Hunter, Martin Melcher D Doris Day, James Garner, Arlene Francis, Edward Andrews, Elliot Reid, Zasu Pitts | USA | 108 min | 1:1,85 | f | 17. Juli 1963

# 827 | 13. Januar 2014

5.7.63

Der schwarze Abt (Franz Josef Gottlieb, 1963)

Nebelhafter Edgar-Wallace-Mummenschanz ohne viel Sinn und mit noch weniger Verstand: ein Schloß im englischen Irgendwo, ein spleeniger Lord (der 18. (und wohl letzte) seines degenerierten Stammes), ein mythischer Schatz, hinter dem alle her sind. Die Zwangslagen, Intrigen, Begierden der miteinander ungut verstrickten Beteiligten überlagern, kreuzen, hintertreiben sich, ohne daß Regisseur Franz Josef Gottlieb daraus viel Spannungskapital zu schlagen vermöchte; unter der Kutte des »schwarzen Abtes« verbirgt sich mal dieser, mal jener; am Ende sind, bis auf das glücklich vereinte Paar (Joachim Fuchsberger & Grit Boettcher) und die Ermittler (Charles Regnier & Eddi Arent), alle über die Klinge einer wirren Dramaturgie gesprungen, und das begehrte Gold begräbt seinen beharrlichsten Sucher. Die Abwesenheit von erzählerischer Prägnanz wird freilich als Spielraum für das eine oder andere schauspielerische Kabinettstückchen genutzt – etwa von Werner Peters (als liebestoll-entschlossener Fettwanst), vor allem aber von Dieter Borsche, der den unbeirrbaren Weg eines (aristokratischen) Fanatikers in den Wahnsinn mit Lust und Verve gestaltet.

R Franz Josef Gottlieb B Johannes Kai, Franz Josef Gottlieb V Edgar Wallace K Richard Angst M Martin Böttcher A Wilhelm Vorweg, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt D Joachim Fuchsberger, Dieter Borsche, Grit Boettcher, Werner Peters, Charles Regnier | BRD | 88 min | 1:2,35 | sw | 5. Juli 1963

4.7.63

Verspätung in Marienborn (Rolf Hädrich, 1963)

Eine bundesdeutsche Film-Fernsehen-Koproduktion mit internationaler Beteiligung und einem veritablen Oscar-Preisträger in einer Hauptrolle. Basierend auf einem Drehbuch von Will Tremper (der den Film wegen des Konkurses der vorgesehenen Produktionsfirma nicht selbst realisieren konnte) inszeniert TV-Regisseur Rolf Hädrich auf engem Raum eine spannende deutsch-deutsch-alliierte Flüchtlingsstory, die einem Ereignis aus dem Dezember 1961 folgt: Bei einem kurzen Zwischenhalt irgendwo in der Zone springt ein junger DDR-Bürger auf den US-Militärzug von Berlin nach Frankfurt; seine Anwesenheit bleibt nicht unbemerkt: Eine Krankenschwester hilft ihm sich zu verstecken; ein mitreisender Journalist (knurrig: José Ferrer) wittert einen Knüller und führt mit dem Republikflüchtling, der seinen Eltern in den Westen folgen will, ein exklusives Tonband-Interview; schließlich schöpfen auch östliche Transportpolizisten Verdacht und melden die Sache ihren Vorgesetzten. Nur der junge amerikanische Kommandant (Sean Flynn, ein Sohn von Errol) ahnt von alldem nichts, schwört Stein und Bein, daß sich kein blinder Passagier an Bord befände, als die Sowjets den Zug am Kontrollpunkt festhalten und die Lokomotive abkoppeln … Als Musterbeispiel eines geschlossenen Dramas wahrt »Verspätung in Marienborn« strikt die Einheit von Zeit (eine Nacht und ein Tag), Ort (ein versiegelter Zug und ein abgeriegelter Grenzbahnhof) und Handlung. Von Interesse erscheinen weniger die Überzeugungen oder Motivationen der knapp gezeichneten Charaktere, sondern ihre Gefangenschaft in einem abstrakten System technisch-administrativer Mechanismen, das weder persönlichen Handlungsspielraum noch individuelle Rücksichtnahme zuläßt – nicht einmal die rivalisierenden Ideologien der feindlichen Mächte spielen in diesem kalten (Nerven-)Krieg noch eine wesentliche Rolle. Am Ende sind es folgerichtig nicht die Personen des Stücks sondern anonyme Instanzen, die per Telefonbefehl das Schicksal des Flüchtlings besiegeln.

R Rolf Hädrich B Will Tremper, Victor Vicas (englische Fassung »Stop Train 349«) K Roger Fellous M Peter Thomas, Claude Vasori A Dieter Bartels, Albrecht Hennings S Margot Jahn, Georges Arnstam P Hans Oppenheimer, Hessischer Rundfunk D José Ferrer, Sean Flynn, Nicole Courcel, Jess Hahn, Hans-Joachim Schmiedel | BRD & F & I | 94 min | 1:1,37 | sw | 4. Juli 1963

24.6.63

Murder at the Gallop (George Pollock, 1963)

Der Wachsblumenstrauß

Miss Marple hoch zu Roß – natürlich nicht rittlings und in neumodischen Reithosen, sondern, wie es sich für eine traditionsbewußte Sportsfrau gehört, kultiviert gewandet im Damensitz. Noch lieber als ein Vollblut reitet die rüstige Amateurdetektivin (in allen Sätteln gerecht: Margaret Rutherford) freilich ihr Steckenpferd: die Aufklärung von Gewaltverbrechen in gepflegt-ländlicher Atmosphäre. »Murder at the Gallop« erlaubt es ihr, das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden, und so untersucht sie ein, zwei, drei rätselhaften Todesfälle, in die (neben diversen raffgierigen Mitgliedern einer (nicht besonders) respektablen Familie) auch eine Katze, eine Hutnadel und ein Gemälde verwickelt sind. Im Zuge der (selbstverständlich erfolgreichen) Ermittlungen erliegt – außer dem bänglich-zuverlässigen Gefolgsmann Mr. Stringer (Davis) und dem liebenswert-beschränkten Inspektor Craddock (Charles Tingwell) – auch ein beleibter Pferdenarr (Robert Morley) dem resoluten Charme des altehrwürdigen Fräuleins. Wer könnte es ihm verdenken?

R George Pollock B James P. Kavanagh V Agatha Christie K Arthur Ibbetson M Ron Goodwin A Frank White S Bert Rule P George H. Brown, Lawrence P. Bachmann D Margaret Rutherford, Stringer Davis, Robert Morley, Flora Robson, Charles Tingwell | UK | 81 min | 1:1,66 | sw | 24. Juni 1963

21.6.63

Der Würger von Schloß Blackmoor (Harald Reinl, 1963)

Kurz vor Erhebung in den Adelsstand wird der steinreiche Lucius Clark (Rudolf Fernau) von einem maskierten Unbekannten bedroht: Der Nabob müsse dafür bezahlen, daß er sein Vermögen durch tödlichen Verrat an einem früheren Partner gemacht habe. Alle Versuche Clarks, seinen Edelsteinschatz zu verhökern, werden von dem anonymen Rächer hintertrieben … Zwar schleppt sich die Story ein wenig lustlos durch die vertrauten Gruselkulissen des bundesdeutschen Britenkrimis (Schloß, Park, Spelunke, Friedhof, Keller), aber Harald Reinl darf, auf Schloß Blackmoor und im ›Old Scavenger (≈ Aasfresser) Inn‹, ein stimmiges Ensemble fragwürdiger Typen inszenieren: Hans Nielsen als raffgieriger Hehler, Richard Häussler als wendiger Anwalt, Ingmar Zeisberg als zweideutiges Weibsbild und vor allem Dieter Eppler als diamantenfetischistischer Butler Anthony. Ein besonders schräges Highlight des Films ist zudem die Elektronenmusik von Oskar Sala, ein am Mixturtrautonium erzeugtes Klanggewebe aus Klirren, Sirren, Scheppern und Blubbern, Gurgeln, Pochen.

R Harald Reinl B Gustav Kampendonk, Ladislas Fodor V Bryan Edgar Wallace K Ernst W. Kalinke M Oskar Sala A Werner Achmann S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Karin Dor, Harry Riebauer, Rudolf Fernau, Walter Giller, Dieter Eppler | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 21. Juni 1963

12.6.63

Cleopatra (Joseph L. Mankiewicz, 1963)

Cleopatra

Tage und Nächte einer Königin: nachdem sie ihren Bruder und Mitregenten mit Hilfe Cäsars (Rex Harrison) in die Wüste geschickt hat, strebt die ägyptische Pharaonin Cleopatra (Elizabeth Taylor) nach der Weltherrschaft. Dazu hängt sie sich zunächst an den liebestollen römischen Diktator, nach dessen Meucheltod an den Feldherrn Marc Anton (Richard Burton), der zwar das Schwert zu führen weiß, auf dem politischen Kampfplatz jedoch konsequent die falschen Entscheidungen trifft ... Joseph L. Mankiewicz’ vierstündiges Spektakel um Macht und Gier, Ehrgeiz und Leidenschaft offeriert Weltgeschichte als kolossale Seifenoper, als multiplen Kulissenorgasmus, als römisch-ägyptische Modenschau in DeLuxe Color und 70mm Todd-AO. Taylor, bis zum finalen Schlangenbiß variantenreich coiffiert, stets exaltiert geschminkt und in jeder Szene aufregend neu gewandet, gibt mit der Inbrust des millionenteuren Superstars das widerspenstig-ungestüme royale Vollweib: »My breasts are full of love and life. My hips are rounded and well apart.«

R Joseph L. Mankiewicz B Joseph L. Mankiewicz, Ranald MacDougall, Sidney Buchman V Plutarch, Sueton, Carlo Maria Franzero K Leon Shamroy M Alex North A John DeCuir S Dorothy Spencer P Walter Wanger D Elizabeth Taylor, Rex Harrison, Richard Burton, Hume Cronyn, Martin Landau, Roddy McDowall | USA | 248 min | 1:2,20 | f | 12. Juni 1963

# 995 | 10. April 2016

6.6.63

Reserviert für den Tod (Heinz Thiel, 1963)

Trau! Schau! Wem? Ein artifizielles Agentendrama im Interzonenzug D 104 zwischen Frankfurt am Main und Erfurt. DDR-Wissenschaftler Jadenburg soll in den Westen gelockt werden. Zwei seiner ehemaligen Assistenten, die beide mittlerweile im Sold des Bundesnachrichtendienstes stehen, sowie Jadenburgs eigene (politisch-moralisch gefallene) Tochter sind auf das wertvolle Zielobjekt angesetzt … Regisseur Heinz Thiel erörtert in kammerspielhafter, beinahe klaustrophobischer Verdichtung Fragen von Vertrauen und Zweifel, von Verrat und (zu) später Einsicht. Natürlich erscheint die Wühlarbeit des imperialistischen Klassenfeindes in einem Defa-Film als mieses Komplott der Niedertracht, während den Mitarbeitern der Staatssicherheit aus ihrer gesinnungsmäßigen Überlegtheit die (vorläufige) historische Überlegenheit zuwächst. In den bedrückend kalt arrangierten Schwarzweiß-Bildern des Kameramanns Horst E. Brandt wirkt allerdings das geheimdienstlich-ideologischen Gegenspiel insgesamt wie in ein unmenschliches Raster der Ausweglosigkeit gepreßt.

R Heinz Thiel B Gerhard Bengsch K Horst E. Brandt M Helmut Nier A Alfred Tolle S Anneliese Hinze-Sokolowa P Erich Kühne D Hans-Peter Minetti, Peter Herden, Irma Münch, Martin Flörchinger, Hannjo Hasse | DDR | 85 min | 1:1,37 | sw | 6. Juni 1963

# 808 | 27. November 2013

5.6.63

Irma la Douce (Billy Wilder, 1963)

Das Mädchen Irma la Douce

Die Geschichte der Irma la Douce, »a story of passion, bloodshed, desire and death ... everything, in fact, that makes life worth living«. In Alexandre Trauners verwinkelt-pittoresken Studionachbauten des quartier des Halles entfaltet sich, zwischen Theke und Stundenhotel, Mansarde und Marktständen, ein Possenspiel um die ganz große (und ziemlich verrückte) Liebe, eine Tragikomödie der Eifersucht und vor allem ein Loblied auf die Philosophie des Lebens und Lebenlassens, die vom charmanten Bistrowirt Moustache (schnauzbärtig-weise: Lou Jacobi) postuliert wird. Billy Wilder gestaltet die menschlich und erzäh­lerisch vertrackte Romanze zwischen einem gefallenen Mädchen (reizend-vulgär: Shirley MacLaine) und einem gefallenen Polizisten (arglos-raffiniert: Jack Lemmon) als grell-melan­cholische Hommage an den legendären Bauch von Paris, so als ahnte er, daß das quirlig-sündige Viertel nur wenig später dem rigiden Säuberungsfuror moderner Stadtplaner zum Opfer fallen würde. »But that's another story.«

R Billy Wilder B Billy Wilder, I. A. L. Diamond V Alexandre Breffort K Joseph LaShelle M André Previn, Marguerite Monnod A Alexandre Trauner S Daniel Mandell P Billy Wilder D Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Lou Jacobi, Bruce Yarnell, Herschel Bernardi | USA | 147 min | 1:2,35 | f | 5. Juni 1963

4.6.63

The Nutty Professor (Jerry Lewis, 1963)

Der verrückte Professor

»Are you tired of being a square? Are you tired of a dull, dull, dull existence?« Nach drei Werken, die auf Entwicklung einer Fabel mehr oder weniger entschlossen verzichteten, unternimmt »total film-maker« Jerry Lewis erstmals den Versuch, seine Gags in eine (halbwegs) konventionell aufgebaute Handlung zu integrieren. Durch erzählerische Konzentration und eine exstatische Farbdramaturgie nähert sich Lewis’ Inszenierung dabei deutlich dem Vorbild seines Regie-Mentors Frank Tashlin. »The Nutty Professor« schildert (inspiriert von Stevensons »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«) einen krassen Fall von Persönlichkeitsstörung (»split, schizo, and all that jazz«): Um das Herz einer Studentin zu erobern und einigen jugendlichen Raufbolden zu trotzen, befreit Chemielehrer Julius F. Kelp (Lewis), ein kurzsichtiger, hasenzähniger, piepsstimmiger Katheder-Tolpatsch, mittels einer selbstgebrauten Wundermixtur sein Alter Ego Buddy Love (Lewis), einen schmalzlockigen, großmäuligen, schlagkräftigen nightclub-crooner … Basierte der Erfolg seiner zehnjährigen Komikerehe mit Dean Martin in erster Linie auf den lustvoll ausgereizten Gegenspielen zweier antithetischer Typen (»a handsome man and a monkey«), bündelt Jerry Lewis den Dualismus nunmehr in einer einzigen, in seiner eigenen Person: Der nette, gute Trottel und der große, böse Wolf erscheinen als zwei widerstreitende Seiten desselben (Show-)Charakters; jeder von beiden ist der »inner man« des anderen … Der Film endet (nach dem larmoyanten Vorbild des späten Chaplin) mit einer überlangen, belehrenden Botschaft von Professor Kelp: »You might as well like yourself. If you don’t think much of yourself, how can others?« Der Geist von Buddy Love obsiegt jedoch in einem fiebrig-zynischen Nachklapp: »Try Kelp’s Kool Tonic! You too can be the life of a party.«

R Jerry Lewis B Jerry Lewis, Bill Richmond K W. Wallace Kelley M Walter Scharf A Hal Pereira, Walter Tyler S John Woodcock P Ernest D. Glucksman D Jerry Lewis, Stella Stevens, Del Moore, Kathleen Freeman, Howard Morris | USA | 107 min | 1:1,85 | f | 4. Juni 1963

# 794 | 9. November 2013

19.5.63

The Damned (Joseph Losey, 1963)

Sie sind verdammt

»When the time comes …« Joseph Losey goes Hammer. Das spröde Science-fiction-Drama (in schwarzweißem ›Hammerscope‹) beginnt ungemütlich in scheinbar heiterer südenglischer Ferienatmosphäre: Ein amerikanischer Tourist gabelt ein Mädchen auf, das ihn in einen Hinterhalt der Rockergang ihres latent inzestuösen Bruders lockt. Übel zugerichtet muß sich das Opfer von einem soignierten Herrn darüber aufklären lassen, daß auch Merry England im Zeitalter der sinnlosen Gewalt angekommen sei. Bei der nächsten Begegnung der Männer erweist sich der beredte Gentleman als genial-kaltblütiger Wissenschaftler, der in einer geheimen unterirdischen Forschungsstätte das Überleben der Menschheit nach einem Atomkrieg vorbereitet. Thinking about the unthinkable! Ein knappes Dutzend radioaktiv mutierter Kinder wird darauf eingestimmt, die strahlenden Trümmer unserer Zivilisation zu erben: »Life has the power to change.« Am Ende sind sich der triebgesteuerte Bandenführer King (Oliver Reed), der nur, indem er zerstört, so etwas wie Lust erleben kann, und der von seiner Mission besessene Gelehrte Bernard (Alexander Knox), der auch vor der Liquidierung seiner Geliebten Freya (Viveca Lindfors), einer prä-apokalyptischen Künstlerin, nicht zurückschreckt, erstaunlich ähnlich: Sie sind zwei Seiten einer Medaille, verkörpern zwei Spielarten von Nötigung, von Verrohung, von Angst im Angesicht einer kommenden Katastrophe. PS: »Black leather, black leather! / Kill, kill, kill!«

R Joseph Losey B Evan Jones V H. L. Lawrence K Arthur Grant M James Bernard A Bernard Robinson S Reginald Mills P Anthony Hinds D Macdonald Carey, Shirley Ann Field, Viveca Lindfors, Alexander Knox, Oliver Reed | UK | 105 min | 1:2,35 | sw | 19. Mai 1963

8.5.63

Die endlose Nacht (Will Tremper, 1963)

Der unprätentiösere Arbeitstitel des Films lautete »Nebel über Tempelhof« und beschreibt die Ausgangssituation des episodenhaften Geschehens: Wegen schlechten Wetters werden sämtliche Flüge von und nach (West-)Berlin gestrichen – Reisende hängen am Flughafen fest, erwartete Gäste bleiben aus. Will Tremper, rasender Klatschreporter (»Deutschland deine Sternchen«) und Drehbuchautor am Puls der Zeit (»Die Halbstarken«), beobachtet in seiner zweiten Regiearbeit bald boulevardesk, bald lakonisch, immer aber atmosphärisch genau: einen Pleitier (Harald Leipnitz), der auf die Ankunft eines potentiellen Geldgebers brennt (und zu dessen Beglückung seine Freundin (Karin Hübner) in Stellung bringt), einen alten Schauspieler, der den seit Jahren herbeigesehnten König-Lear-Auftritt verpassen wird, einen Farmer (Bruce »Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand« Low), der ein wildfremdes Mädchen (atemberaubend schön: Alexandra Stewart) dazu überreden möchte, mit ihm nach Afrika zu gehen, ein abgebranntes Starlet (keß-melancholisch: Hannelore Elsner), das hände- und körperringend Anschluß sucht, zwei Düsseldorfer Geschäftsleute, die für ein paar Stunden in ihrer alten Berliner Heimat stranden. »Die endlose Nacht«, stimmungsvoll fotografiert in schwarzweißem Ultrascope, hat weder Anliegen noch Botschaft, schaut einfach nur neugierig hin, nimmt sich Zeit und dabei nicht besonders ernst, zeigt flüchtige Momente, Ausschnitte aus dem Leben.

R Will Tremper B Will Tremper K Hans Jura M Peter Thomas S Susanne Paschen P Hans Eckelkamp, Wenzel Lüdecke, Will Tremper D Karin Hübner, Harald Leipnitz, Paul Esser, Werner Peters, Hannelore Elsner | BRD | 86 min | 1:2,35 | sw | 8. Mai 1963

26.4.63

Der Zinker (Alfred Vohrer, 1963)

»CinemaScope«, so Regielegende Fritz Lang in Jean-Luc Godards Film-Film »Le mépris«, »ist nichts für menschliche Wesen, es ist nur gut für Schlangen und Begräbnisse.« Mit anderen Worten: Breitwand ist das perfekte Format für einen Edgar-Wallace-Reißer, durch den sich eine Schwarze Mamba schlängelt, deren Gift zahlreiche Herrschaften vom Leben zum Tode befördert. Ansonsten bieten die wohlkomponierten Bilder von Karl Löb viel Raum für Kinskis Wahnsinn, für Arents Possen, für Draches eckige Bewegungen, für Schürenbergs exaltierten Dünkel – vor allem aber für die prächtige Performance von Agnes Windeck, dieser liebenswürdigsten aller komischen Alten des bundesdeutschen Films, die wie keine andere ein nicht existentes Orchester zu dirigieren versteht. Alfred Vohrer inszeniert den Fall des geheimnisvoll hinter den Gittern einer Raubtierhandlung wirkenden erpresserischen Absah­ners fachmäßig mit der serientypischen grob-ironischen Munterkeit. PS: Der Butler ist nicht der Mörder (und somit auch nicht »Der Zinker«).

R Alfred Vohrer B Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Herbert Kirchhoff, Walter Kutz S Hermann Haller P Horst Wendlandt, Jacques Willemetz D Heinz Drache, Barbara Rütting, Günter Pfitzmann, Eddi Arent, Agnes Windeck | BRDF | 89 min | 1:2,35 | sw | 26. April 1963

17.4.63

The Man from the Diners’ Club (Frank Tashlin, 1963)

Der Mann vom Diners Club

Heute leben, später zahlen – auch ein auf Kaution freigelassener Gangster (Telly Savalas) träumt den verlockenden Kreditkartentraum, um sich auf Pump nach Mexico abzusetzen, doch: »What idiot can approve a Diners’ Club card for ›Foots‹ Pulardos?« Es ist der neurasthenische Angestellte Ernest Klenk (Danny Kaye), dem das folgenschwere Versehen unterläuft, den Antrag des Banditen zu bewilligen. Mit boshaften Seitenblicken auf die absurden Begleiterscheinungen des modernen Lebens (Hochzeitsproben, Fitneßtraining, Datenverarbeitung), aber ohne allzu große kinematographische Verve schildert Frank Tashlin die zunehmend verzweifelten Bemühungen des zappeligen Ernest, seinen Fehler auszubügeln, bevor die Vorgesetzten Wind von der Sache bekommen – während der hartgesottene ›Foots‹ den Mann, der ihm nachsetzt (und mit dem er eine anatomische Besonderheit teilt), kaltmachen will, um so den eigenen Tod vorzutäuschen. Höhepunkte der mild-verwegenen Jagd: die schneesturmartige Entladung eines computergesteuerten Karteikartensystems (»It’s a gorgeous, complicated brain with delicate little nerve endings.«), die Hatz durch ein tortureskes Sportstudio (»Your Loss is Our Gain«), eine Soirée bei freidichtenden Beatniks (»This is the way the world ends, not with a bang but a weeding fork.«)

R Frank Tashlin B Bill Blatty (= William Peter Blatty), John Fenton Murray K Hal Mohr M Stu Phillips A Don Ament S William A. Lyon P Bill Bloom (= William Bloom) D Danny Kaye, Telly Savalas, Cara Williams, Martha Hyer, Everett Sloane | USA | 96 min | 1:1,85 | sw | 17. April 1963

# 1077 | 16. September 2017