30.6.62

Die Rote (Helmut Käutner, 1962)

»Wann geht der nächste Zug?« – »Wohin?« – »Irgendwohin.« In Mailand läßt die deutsche Dolmetscherin Franziska (Ruth Leuwerik) ihren schnöseligen Gatten im Café sitzen, später gibt sie telefonisch auch ihrem selbstgefälligen Lover den Laufpaß; sie flüchtet aus einem Leben, das sie plötzlich anekelt, das sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr versteht, obwohl sie es doch immer so wollte (oder so zu wollen glaubte) und im Grunde auch genoß … Die Liebesmüde treibt es ins nachsaisonale Venedig, wo sie auf der Suche nach sich selbst erneut zwischen die Männer gerät: Sie begegnet einem elegischen Schriftsteller (Rossano Brazzi), der ihr das Ende der Welt zeigt, einem schwulen Globetrotter (Giorgio Albertazzi), der von alter Schuld verfolgt wird, einem dämonischen Dickwanst (Gert Fröbe), der seine bösen Taten wie eine stolze Trophäe trägt. Helmut Käutners Adaption eines Romans von Alfred Andersch setzt sich mit Aplomb zwischen alle Stühle: Antonioneske Gefühlsleere trifft auf urdeutsche Selbstbespiegelung, pittoresker Neoverismo kollidiert mit kühler Schnulze, gedankenblasse Hochliteratur stößt auf lebendige Kolportage, Vergangenheitsbewältigung steht gegen den Zauber der Morbidezza. »Die Rote« ist ein zugleich epigonales und ganz eigentümliches Werk: Der betont modernistische Stilwillen der Inszenierung wird aufgehoben in den differenzierten Tonlagen des inneren Monologs, der Otello Martellis diffuse Bilder der herbstgrauen, nebeldurchzogenen Lagunenstadt begleitet: Die bald damenhaft-samtige, bald zickig-spitze, mal verunsicherte, mal kategorische, zwischen Dur und Moll irisierende Stimme der Leuwerik macht den Film zum Erlebnis. Überzeugend auch das offene Ende, die Absage an schnelle (Drehbuch-)Lösungen angesichts komplexer Lebensprobleme: Wieder steht Franziska am Schalter eines Bahnhofs, wieder fragt sie: »Wann geht der nächste Zug?«

R Helmut Käutner B Helmut Käutner, Alfred Andersch V Alfred Andersch K Otello Martelli M Emilia Zanetti A Saverio D'Eugenio, Robert Stratil S Klaus Dudenhöfer P Walter Koppel, Carlo Ponti D Ruth Leuwerik, Rossano Brazzi, Giorgio Albertazzi, Gert Fröbe, Harry Meyen | BRD & I | 100 min | 1:1,85 | sw | 30. Juni 1962

22.6.62

Frauenarzt Dr. Sibelius (Rudolf Jugert, 1962)

Dr. Georg Sibelius (Lex Barker) ist ein Arzt, dem die Frauen vertrauen – mit einer Ausnahme: seiner jungen Gattin Elisabeth (Senta Berger). Er bringt Kinder zu Welt, sie kann keine bekommen; er hat einen Beruf, den er liebt, sie hat lediglich ihre Zweifel … »Das Verschweigen« wäre ein guter Titel für Rudolf Jugerts kompromißlos reißbrettartiges Weißkittel-Melodram. Zwar wird viel (sehr viel!) geredet, doch letztlich verdecken die Worte zumeist nur das, was keiner auszusprechen wagt: die Wahrheit über (andere sowie eigene) seelische und körperliche Zustände. Sämtliche Beteiligten spielen einerseits einen phrasenhaft hölzernen Groschenfilm über Eifersucht und Intrige, über Mißverständnis und tödliches Schicksal, andererseits ein grausames Lehrstück über die Angst, das Entscheidende zu verlieren (indem man es benennt), und (daraus folgend oder darauf basierend) über die Unfähigkeit zu (mehr noch: die Verweigerung von) Kommunikation. Zwischenmenschlicher Austausch bleibt stets indirekt, fast alle Zeichen werden falsch interpretiert, niemand sieht oder hört mehr als das, was er (bzw. sie) sehen oder hören will. Kurz vor Schluß dann: ein Kaiserschnitt. Die dramatische Operation scheint den in sich verkapselten Protagonisten endlich den Zugang zu (anderen sowie eigenen) Emotionen zu erschließen – die künstliche Geburt als Metapher potentieller (Selbst-)Befreiung … Ein tief beklemmendes, streckenweise hysterisch verzweifeltes Werk.

R Rudolf Jugert B Janne Furch, Sigmund Bendkower, Artur Brauner K Karl Schröder M Raimund Rosenberger A Paul Markwitz S Walter Wischniewsky P Artur Brauner D Lex Barker, Senta Berger, Barbara Rütting, Sabine Bethmann, Elisabeth Flickenschildt, Harry Meyen | BRD | 98 min | 1:1,66 | sw | 22. Juni 1962

# 777 | 10. Oktober 2013 

Antoine et Colette (L’amour à vingt ans) (François Truffaut, 1962)

Antoine und Colette (Liebe mit zwanzig)

Nachdem sich François Truffaut mit »Les 400 coups« nicht ohne Bitterkeit an der eigenen freudlosen Kindheit abgearbeitet hatte, läßt er (im Rahmen eines internationalen film à sketches) sein zweites Ich Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) als Hauptfigur einer liebenswürdigen, keineswegs oberflächlichen Etüde zum Thema »L’amour à vingt ans« wiederauferstehen: Antoine, nun 16 Jahre alt, lebt alleine, preßt tagsüber bei Philips Schallplatten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen; abends besucht er regelmäßig die Konzerte der Jeunesses Musicales, wo er Colette (Marie-France Pisier) begegnet, in die er sich verliebt. Bald schon ist er regelmäßiger (und – für ihn besonders wichtig – gerngesehener) Gast bei ihr zu Hause; sie scheint ihn auch zu mögen, sieht in ihm letztlich aber nicht mehr als einen guten Kumpel … »Antoine et Colette« (der Titel evoziert, sicherlich nicht ganz zufällig, die Erinnerung an Jacques Beckers ausgelassene Pariser Beziehungsfilme »Antoine et Antoinette« und »Edouard et Caroline«) verweigert seinem Protagonisten zwar (ironisch) die Erfüllung der ersten großen Liebe, schenkt ihm aber – auch nicht zu verachten – Selbstwertgefühl und persönliche Freiheit: Wenn Antoine morgens zu den Klängen von Bach und den Zügen der Frühstückszigarette die Fenster seines Hotelzimmers öffnet, liegt ihm die ganze Welt (in Gestalt der belebten place Clichy) zu Füßen. Das einzige Manko dieser frischen, gekonnt aus dem Handgelenk geschüttelten Improvisation ist ihre allzu kurze Laufzeit – Truffaut, der sich hier wohl auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Potenz befindet, hätte mit einem Langfilm über Antoines salade de l’amour möglicherweise sein Meisterwerk gedreht.

R François Truffaut B François Truffaut K Raoul Coutard M Georges Delerue S Claudine Bouché P Pierre Roustang D Jean-Pierre Léaud, Marie-France Pisier, Patrick Auffay, Rosy Varte, François Darbon | F (& I & JP & PL & BRD) | 29 (120) min | 1:2,35 | sw | 22. Juni 1962

19.6.62

Die Tür mit den 7 Schlössern (Alfred Vohrer, 1962)

Hinter den sieben Schlössern des Titels liegt ein alt-adeliges Vermögen, über das sich die raffgierigen Hüter der sieben Schlüssel tödlich zerstreiten. Einmal mehr treibt der Spleen der englischen Aristokratie (und ihrer Dienerschaft) hübsche Blüten, doch in diesem Fall arrangiert Alfred Vohrer die Enthüllung des üblichen Wallaceschen Familiengeheimnisses ohne allzuviel Dramatik. Zu unvermutet schräger Größe erhebt sich allerdings gegen Ende des Schauer- und Schurkenstücks die wissenschaftskritische Nebenhandlung um den Quacksalber Dr. Antonio Staletti (des Wahnsinns fette Beute: Pinkas Braun), der im düsteren Kellergewölbe seines abgelegenen Landsitzes davon träumt, zur Unsterblichkeit vorzustoßen, indem er Menschenköpfe auf zottige Affenkörper verpflanzt. (Ein besonders eindrucksvolles Ergebnis seiner medizinischen Experimente wird von Ady Berber verkörpert.) Die entscheidende Operation verhindert dann – man möchte fast sagen: leider – das Eingreifen der pflichtbewußten polizeilichen Gerechtigkeit.

R Alfred Vohrer B Johannes Kai, Harald G. Petersson V Edgar Wallace K Karl Löb M Peter Thomas A Siegfried Mews, Helmut Nentwig S Carl Otto Bartning P Horst Wendlandt, Jacques Leitienne D Heinz Drache, Sabina Sesselmann, Hans Nielsen, Werner Peters, Pinkas Braun | BRD & F | 95 min | 1:1,66 | sw | 19. Juni 1962

8.6.62

Königskinder (Frank Beyer, 1962)

Es beginnt in den frühen 1930er Jahren in Berlin und endet kurz vor Kriegsende auf einem Flugplatz bei Moskau: Ein aufrechter Kommunist (Armin Mueller-Stahl) und eine Kleinbürgertochter (Annekathrin Bürger), die ihr Leben und Streben später ebenfalls der großen Sache widmet, haben einander so lieb, werden aber von den Zeitläuften immer wieder auseinandergerissen; ein Dritter (Ulrich Thein) steht erst im Abseits, geht dann zur SA, um im entscheidenden Moment seine menschliche (= rote) Seite zu entdecken. Frank Beyers »Königskinder« diffundiert zwischen lyrisch-melodramatischer Ballade und hochmoralisch unterfüttertem Kriegsfilm. Die Bilder (Günter Marczinkowsky) vermeiden dabei jeden Naturalismus zugunsten einer attraktiven, symbolisch-präziösen Zuspitzung. Zwischendurch singen immer mal wieder die Thomaner, um daran zu erinnern, daß das Wasser viel zu tief ist. »Königskinder«: ein formal exquisiter, erzählerisch konsequent linksgestrickter Musterfall von pathetischer Romantik, kämpfender Kunst, einfacher Wahrheit.

R Frank Beyer B Walter Gorrish, Edith Gorrish K Günter Marczinkowsky M Joachim Werzlau A Alfred Hirschmeier S Anneliese Hinze-Sokolowa P Hans Mahlich D Annekathrin Bürger, Armin Mueller-Stahl, Ulrich Thein, Marga Legal, Betty Loewen | DDR | 89 min | 1:1,37 | sw | 8. Juni 1962

7.6.62

Lulu (Rolf Thiele, 1962)

Ehrgeizige Erotikposse (man könnte auch sagen: Sexklamotte ohne Sex) in elaboriertem Stummfilm-Look: Lulu, von Männern gemacht, bringt Männer zur Strecke – »Laß sie nicht entkommen! Du bist der nächste!« –, bis sie schließlich von Jack the Ripper geschlitzt wird. Nadja Tiller in der Titelrolle ist – wie immer bei Rolf Thiele – eher teilnahmslose Projektionsfläche von Begierden denn gestaltende Akteurin. An ihrer Seite: Rudolf Forster als greiser Strippenzieher Schigolch, O. E. Hasse als kultivierter Alphamann Schön, Leon Askin als altersgeiler Fettsack Goll, Mario Adorf als weltläufiger Strizzi Rodrigo, Hilde Knef als melancholische Lesbe Geschwitz, Charles Regnier als Conférencier und Vollstrecker von Lulus Schicksal – alle tanzen sie zur vulgär-dissonanten Jahrmarktsmusik von Carl de Groof. Vielleicht mehr Edgar Wallace als Frank Wedekind – aber vergnüglich allemal.

R Rolf Thiele B Rolf Thiele, Herbert Reinecker V Frank Wedekind K Michel Kelber M Carl de Groof A Fritz Mögle, Heinz Ockermüller S Eleonore Kunze P Otto Dürer D Nadja Tiller, O. E. Hasse, Hildegard Knef, Mario Adorf, Charles Regnier | A | 100 min | 1:1,66 | sw | 7. Juni 1962

6.6.62

Advise & Consent (Otto Preminger, 1962)

Sturm über Washington

»Son, this is a Washington, D.C. kind of lie. It's when the other person knows you're lying, and also knows you know he knows. You follow?« Der Präsident der Vereinigten Staaten (Franchot Tone) nominiert einen neuen Außenminister. Die eigenen Parteifreunde sind wenig begeistert: Robert Leffingwell (Henry Fonda), ein liberaler Intellektueller, gilt als Mann des Ausgleichs, der Entspannung, der Koexistenz. Der Senatsauschuß, der über die Eignung des Kandidaten zu befinden hat, wird zur Kampfzone diametraler Ansichten und Interessen. Otto Preminger ist es in seiner detaillierten Fallstudie weniger um die Inhalte des demokratischen Meinungsstreits zu tun, er untersucht vielmehr die, von menschlichen Befindlichkeiten bestimmte, Funktionsweise staatlicher Organe. Breiten Raum widmet er dabei der Typologie des politischen Personals: da sind der ausgleichende Elder Statesman (Walter Pidgeon), der fickrige Arrivist (George Grizzard), der flamboyante Veteran (Charles Laughton), der ritterliche Dandy (Peter Lawford), die alerte Nachwuchshoffnung (Don Murray) – allesamt verstrickt in ein Netz aus Geheimnissen und Winkelzügen, Absprachen und Erpressungen, Eitelkeit und Ehrgeiz. Premingers Panavision-Blick hinter die Kulissen der Macht zeigt die angespannte Förmlichkeit der Tagungsräume, die drückende Gewitterstimmung der Hinterzimmer (und die danteske Vision einer New Yorker Schwulenbar), untersucht (unter dem Eindruck der kaum abgeklungenen McCarthy-Paranoia) die Wechselbeziehung von Intrige und Integrität, den Zusammenhang von schmutziger Wäsche und schmutzigen Tricks, das Verhältnis von Eigennutz und Vaterlandsliebe: »What I did was for the good of the country.« – »Fortunately, our country always manages to survive patriots like you.«

R Otto Preminger B Wendell Mayes V Allen Drury K Sam Leavitt M Jerry Fielding A Lyle Wheeler S Louis R. Loeffler P Otto Preminger D Walter Pidgeon, Charles Laughton, Don Murray, Henry Fonda, Franchot Tone, Peter Lawford, Gene Tierney | USA | 138 min | 1:2,35 | sw | 6. Juni 1962

# 1081 | 13. Oktober 2017

1.6.62

Die Parallelstraße (Ferdinand Khittl, 1962)

Unter Anleitung und Überwachung eines erbarmungslos-freundlichen Protokollführers (Friedrich Joloff) versuchen fünf Herren, den Sinn und Zusammenhang einer langen Reihe ihnen zur Prüfung und Einordnung vorgelegter (Film-)Dokumente zu entschlüsseln. Ihnen bleibt nur mehr wenig Zeit, und sie sind durch unergiebige Diskussionen über das Gesehene und Gehörte bereits hoffnungslos in Rückstand geraten. Es ist nicht die erste Gruppe, die diese Aufgabe zu bewältigen versucht, und es wird nicht die letzte sein, die daran scheitert. Die Persönlichkeit dessen, der die rätselhaften Unterlagen zusammengetragen hat, liegt dabei ebenso im Dunkeln wie die inhaltliche Zielrichtung des disparaten Materials: Da gibt es die Beschreibung des rückwärts gerichteten Alterungsprozesses eines gewissen Heinrich Himmelreich, Impressionen aus fünf verlassenen Städten, die zu einer einzigen Nekropole des Weltgeistes verschmelzen, Bilder von der New Yorker Börse und vom Overseas Highway, Spekulationen über den Begriff ›Löwenkraft‹ und die Blaue Mauritius, Nacherzählungen historischer Episoden, Fragmente von Feldforschungen aus Südamerika, aus Indochina, aus Ozeanien. Regisseur Ferdinand Khittl – entfernter Vetter von Resnais und Marker, reiselustiger Großonkel von Herzog und Greenaway –, Autor Bodo Blüthner und Kameramann Ronald Martini bieten mit »Die Parallelstraße« zugleich ein lyrisches Labyrinth und einen farbenprächtigen Gedankenfriedhof, eine pseudowissenschaftliche Kartothek und eine kulturkinematographische Wundertüte, einen spöttischen Essay über die Uferlosigkeit von Interpretation, über die Unmöglichkeit, in dieser Welt zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen, und einen Spiel-Film im Wortsinne: ein Spiel mit surrealen Wirklichkeitsverschiebungen und absurden Ordnungsmustern, mit falschen Beweisen und sicherer Todesahnung. »Wir sind in einer lächerlichen Situation. Es kommt mir vor, als würde man jemandem nach dem Weg fragen, und der sagt: ›Gehen Sie immer geradeaus, dann kommen Sie an einen Punkt, da gibt es nur noch zwei Straßen – und davon nehmen Sie die Parallelstraße.‹«

R Ferdinand Khittl B Bodo Blüthner K Ronald Martini M Hans Posegga S Irmgard Henrici P Otto Martini D Friedrich Joloff, Ernst Marbeck, Wilfried Schröpfer, Henry van Lyck, Werner Uschkurat, Herbert Tiede | BRD | 86 min | 1:1,37 | sw & f | 1. Juni 1962

24.5.62

Der rote Rausch (Wolfgang Schleif, 1962)

»Ich bin doch ein Mensch wie sie alle. Ich habe gelebt wie sie alle. Ich habe geredet wie alle. Ich habe gearbeitet wie alle.« Spätherbst. Tiefer Himmel. Flaches Land. Ein See an der Grenze. Aus dem Schilf stolpert ein Mann mit dem angstvollen Blick eines verirrten Kindes (Klaus Kinski). Die Bauern glauben, er komme von drüben. Ein Flüchtling. Ein Verfolgter. Auf dem nahegelegenen Hof gewährt man ihm Obdach. Die Gutstochter (Brigitte Grothum) hat vor Jahren ihren Ehemann an ebenjener Stelle verloren, wo der Fremde auftauchte. Die Hoffnung auf seine Rückkunft hat sie sich nie nehmen lassen. Der Ankömmling ist jedoch kein Heimkehrer sondern ein Entsprungener aus der ›Bewahranstalt für kriminelle Geisteskranke‹, ein liebebedürftiger Frauenwürger, dessen Tötungstrieb von roten Korallenketten ausgelöst wird, ein sanfter Killer, der sich an seine Taten nicht erinnern kann … »Der rote Rausch« verbindet wirksam das dezente Beziehungsdrama zwischen zwei unbehüteten Seelen mit einem expressiver Heimatthriller, der zum Ende – bei einer feurigen Mörderhatz – die Scheidelinie zwischen Mensch und Monster verwischt. Wolfgang Schleif inszeniert Landschaften und Leute mit grauer Poesie; Kinski nutzt seine hochexplosive Kunst mit überraschender Zurückhaltung: Wenn er das Fahndungsplakat mit seinem Konterfei erblickt, wenn er für ein Kind Oscar Wildes Märchen vom selbstsüchtigen Riesen rezitiert, wenn er eine schreiende Frau um Hilfe anfleht – stets ist er das schattenhafte Individuum ohne Ich, ein fassungsloses Wesen, das seine Schuld nicht greifen kann: »Mit diesen Händen habe ich gemordet, sagen sie. Bitte, guck dir diese Hände an. Sag mir, ob das die Hände eines Mörders sind!«

R Wolfgang Schleif B Hellmut Andics V Hans Ulrich Horster (= Eduard Rhein) K Walter Partsch M Hans-Martin Majewski A Theodor Harisch S Paula Dvorak P Ernest Müller D Klaus Kinski, Brigitte Grothum, Sieghardt Rupp, Jochen Brockmann, Dieter Borsche | BRD | 87 min | 1:1,66 | sw | 24. Mai 1962

22.5.62

Das Brot der frühen Jahre (Herbert Vesely, 1962)

Eigentlich ist alles klar: Walter Fendrich, Waschmaschinenmechaniker im Außendienst, immer nett, immer adrett, wird Ulla Wickweber, die attraktive Tochter seines Chefs, heiraten und am einträglichen Familiengeschäft beteiligt werden – Walters weiteres Leben ist praktisch schon gelebt: »Ich sehe mich in diesem Leben herumstehen, ich lächle, rede wie ein Zwillingsbruder, der lächeln und reden würde. Ich kaufe in diesem Leben, verkaufe, halte Kinder im Arm, die meine hätten sein sollen, ich halte Reden auf Betriebsfesten, drücke Hände.« Dann ein kurzer Moment, der alles in Frage stellt, ein alltägliches Ereignis, das alles verändert: Walter soll Hedwig Muller, ein hübsches Fräulein aus seiner Heimatstadt, vom Bahnhof abholen, ein junges Mädchen, das er kannte, als es noch viel jünger war – und Walter wechselt das Gleis, steigt um, vom falschen Leben in eines, das sich richtiger anfühlt. Herbert Veselys Adaption eines Textes von Heinrich Böll erzählt diese Geschichte einer Ein- und Umkehr nicht linear sondern zerfasert, zergliedert, zersprungen; das Thema – der fluchtartige Ausbruch eines Menschen, der immer Hunger litt, aus erbärmlichem Sattsein (≈ Geld) in unabdingbare Freiheit (≈ Brot) – wird in Variationen umkreist, in Reprisen vergegenwärtigt, in (gelegentlich etwas zu aparten) Bild-, Ton- und Gedankensplittern bespiegelt. Das konkrete Umfeld – die Stadt Berlin, ihre Staßen und Häuser, ihre Bahnen und Stationen, ihre Wohnungen und Cafés zwischen zertrümmertem Gestern und kühler Moderne – liefert den abstrakten Background für ein kaleidoskopisch-sprödes Beziehungsdrama, für ein jazzig-grafisches Gesellschaftsstück.

Das Brot der frühen Jahre | R Herbert Vesely B Herbert Vesely, Leo Ti (= Leo Tichat), Heinrich Böll V Heinrich Böll K Wolf Wirth M Attila Zoller S Christa Pohland P Hansjürgen Pohland D Christian Doermer, Vera Tschechowa, Karin Blanguernon, Tilo von Berlepsch | BRD | 88 min | 1: 1,37 | sw | 22. Mai 1962

8.5.62

El ángel exterminador (Luis Buñuel, 1962)

Der Würgeengel

Zwanzig Personen versammeln sich nach einer gemeinsam besuchten Aufführung von »Lucia di Lammermoor« im Haus des honorigen Señor Nobile. Wie auf eine geheime Verabredung hin haben zuvor die Dienstboten das Anwesen in Mexico Citys vornehmer Calle de la Providencia (Straße der (göttlichen) Vorsehung) verlassen; nur der Majordomus ist zurückgeblieben und teilt das Schicksal der Herrschaften, denen es aus unerklärlichen Gründen nicht möglich ist, nach der Soirée den Salon zu verlassen ... Ungeachtet einige Bizarrerien – Hühnerfüße, die aus einer Handtasche gezogen werden, ein junger Bär und eine Schafherde, die sich im Anrichtezimmer tummeln, eine fahle Hand, die aus einem Wandschrank kriecht –, die er in die mysteriöse Fabel einstreut, schildert Luis Buñuel das Geschehen mit fast lakonischem Realismus: Die rätselhafte, sich über Tage hinziehende Gefangenschaft der zunehmend derangierten, an der klaustrophobischen Situation und an sich selbst langsam irre werdenden gut(bürgerlich)en Gesellschaft legt peu à peu die menschlichen Schwächen der Eingeschlossenen bloß: Feigheit und Selbstmitleid, Zanksucht und Heimtücke, Indolenz und Aberglaube. Erst als alle Masken gefallen sind, finden die (überlebenden) Insassen des Salons einen Ausweg. Bis auf weiteres ...

R Luis Buñuel B Luis Buñuel, Luis Alcoriza K Gabriel Figueroa A Jesús Bracho S Carlos Savage P Gustavo Alatriste D Silvia Pinal, Enrique Rambal, Claudio Brook, Lucy Gallardo, Augusto Benedico | MEX | 95 min | 1:1,37 | sw | 8. Mai 1962

# 1027 | 1. Oktober 2016

2.5.62

L’œil du malin (Claude Chabrol, 1962)

Das Auge des Bösen

»Le bonheur est fragile.« Das Glück ist empfindlich, zerbrechlich, vergänglich. Und es ist eine Provokation. Albin Mercier jedenfalls, der mittelmäßige Autor, der (unter dem nom de plume André (!) Mercier) für eine mittelmäßige Pariser Zeitung den Alltag im Nachkriegsdeutschland (»notre ennemi d’hier, notre allié de demain«) feuilletonistisch unter die Lupe nehmen soll, fühlt sich herausgefordert vom Glück, das Andreas (!) und Hélène Hartmann, der deutsche Star-Schriftsteller und seine französische Ehefrau, in ihrer mondänen Villa am Starnberger See leben. Was er eigentlich will, dieser von den Objekten seiner verachtungsvollen Faszination freundlich, ja familiär aufgenommene Eindringling, bleibt ihm (und dem Zuschauer) (trotz gründlicher Selbsterforschung des Protagonisten) letztlich rätselhaft. Will Albin/André die Anerkennung des berühmten Kollegen, die Liebe der attraktiven Frau oder einfach nur die Zerstörung dessen, was er nicht hat, nicht haben kann, weil er zu ungefestigt ist, zu feige, zu indifferent? Claude Chabrol seziert mit eisiger Distanz die Zerstörungskraft der Mißgunst, die Perfidie der Schwäche – und macht gleichzeitig deutlich, daß auch der vermeintlich freieste Geist, der gelassen in seinem Weltwissen ruht, am Ende nichts anderes ist als ein Sklave seiner Affekte. Indem sich »L’œil du malin« formal und erzählerisch konsequent auf die klinisch-unbeteiligte Beobachtung der drei Ver­suchspersonen beschränkt, gelingt eine intensive Studie über Vorstellung und Verstellung, über Enthüllen und Entsetzen.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Martial Matthieu K Jean Rabier M Pierre Jansen S Jacques Gaillard P Georges de Beauregard, Carlo Ponti D Jacques Charrier, Stéphane Audran, Walter Reyer | F & I | 80 min | 1:1,66 | sw | 2. Mai 1962

12.4.62

L'eclisse (Michelangelo Antonioni, 1962)

Liebe 1962

Ein Film so modern, so endgültig, so unerbittlich schön wie die ›Concorde‹, wie die ›Helvetica‹, wie die Architektur von Brasília ... Eine elegante Wohnung, die Vorhänge geschlossen, vom Luftzug eines Ventilators durchweht. Zwischen Büchern, Antiquitäten, modernen Gemälden: ein Mann und eine Frau, sitzend, starrend, stehend, stöhnend, schweigend, schweigend, schweigend. Das stumme Ende einer Beziehung, die vielleicht einmal eine Liebe war. Als die Gardinen endlich geöffnet werden, sehen die Frau und der Mann hinaus in einen hellgrauen Morgen, auf einen Betonwasserturm, der an einen Atompilz erinnert. Nachdem sich Vittoria (suchend: Monica Vitti) von Riccardo (resigniert: Francisco Rabal) getrennt hat, trifft sie an der römischen Börse, wo ihre Mutter mit kleinen Summen spekuliert, den Broker Piero (quecksilbrig: Alain Delon). Mit bemerkenswerter Eindringlichkeit präsentiert Michelangelo Antonioni die Leidenschaften, von denen das Parkett beherrscht wird, die fieberhafte Extase der Hausse, die blanke Verzweiflung der Baisse, entfesselte Emotionen, die im zwischenmenschlichen Bereich längst nicht mehr möglich scheinen. Für eine gewisse Zeit sind Vittoria und Piero ein Paar. Eines Tages ist es vorbei, ohne Erklärung, einfach so. Die Ecke, an der sie sich immer trafen, bleibt verwaist – aber sie bleibt. Denn der Film macht einfach weiter, auch ohne Vitti und Delon. Steine, Zäune, der Wind im Laub der Bäume, Baustellen, Schatten, eine Regentonne, ein Zebrastreifen, ein Rinnsal, das in einen Gulli fließt, Passanten, Blicke, die quietschenden Reifen eines Busses, glatte Fassaden, spielende Kinder, ein Flugzeug am Himmel, Schritte, Risse im Asphalt, Dunkelheit, Laternen, blendendes Licht – eine siebenminüte Montage als einsamer Höhe- und Schlußpunkt des Erzählkinos.

R Michelangelo Antonioni B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra K Gianni Di Venanzo M Giovanni Fusco A Piero Poletto S Eraldo Da Roma P Raymond Hakim, Robert Hakim D Monica Vitti, Alain Delon, Francisco Rabal, Louis Seigner, Lilla Brignone | I & F | 126 min | 1:1,85 | sw | 12. April 1962

3.4.62

Ihr schönster Tag (Paul Verhoeven, 1962)

Kohlmiefende Berliner Alltagskomödie um ein dominantes Muttertier, das glaubt, Ehemann und Nachwuchs fest im Griff zu haben. Was sich eigentlich in ihrer Familie abspielt, weiß die Glucke nicht, weil sie weder hinschaut noch zuhört. Dabei hält Annie Wiesner (nervraubend: Inge Meysel) große Stücke auf ihre Menschenkenntnis: An den Beinen und am Gang verrate sich die ganze Persönlichkeit – der Ausblick aus ihrer Souterrainwohnung hat Annies Weltsicht geformt. Schließlich wird die Perspektive der selbstgerechten Portiersfrau zurechtgerückt, und sie muß erfahren, daß ihre millionenschwer nach Amerika verheiratete Tochter (Sonja Ziemann) nie getraut wurde, daß ihr süßer Enkel ein Kind der Liebe ist, daß ihr verhalbgötterter Sohn längst nicht mehr Medizin studiert, daß ihr teurer Gatte (Rudolf Platte) kurz vor einer schweren Operation steht, daß das schwarze Schaf (Brigitte Grothum) als Einzige alles richtig macht … Nach einem lebendigen Auftakt mit wirklichkeitsnahen Stadtimpressionen und einem Hauch von Spülbecken-Realismus inszeniert Paul Verhoeven den instabilen Kleine-Leute-Kosmos, ganz im Sinne der Bühnenvorlage, als robustes Boulevardstück ohne ernsthafte Komplikationen. Die Spitzen des Konflikts stechen in die Watte der Versöhnlichkeit, und die Kraft, die stets das Gute will, erfährt Bestätigung in einem gemütlich-stickigen Alles-Getrennte-findet-sich-(wieder)-Ende.

R Paul Verhoeven B Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius V Curth Flatow, Horst Pillau K Heinz Hölscher M Friedrich Schröder A Emil Hasler, Walter Kutz S Martha Dübber P Otto Meissner D Inge Meysel, Rudolf Platte, Brigitte Grothum, Sonja Ziemann, Götz George | BRD | 94 min | 1:1,66 | sw | 3. April 1962

30.3.62

Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse (Harald Reinl, 1962)

Totgesagte leben länger … Die freche Filmkunst-Verwurstung à la ›Atze‹ Brauner bekommt in »Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse« einen ridikülen Stich ins Wissenschaftlich-Utopische: In seinem dritten CCC-Abenteuer preßt der unverwüstliche Dr. Mabuse dem durch einen Unfall gräßlich entstellten Professor Erasmus das Geheimnis der Unsichtbarkeit ab. Die krause Story – in der ein suspekter Clown sein Wesen treibt und eine schöne Tänzerin mit den Tod unter der Bühnenguillotine bedroht wird – bewegt sich mit alptraumhafter Inkonsequenz zwischen Revuetheater, Leichenschauhaus, Laboratorium, Gruselhotel und Flughafen (wo eine »hochgestellte Persönlichkeit« von einer Tarnkappen-Armee abgemurkst werden soll). Dem scheinbar omnipotenten Erzscheusal nützt das kriminelle Genie wieder einmal nichts: Letzten Endes triumphiert wie gehabt das rechtschaffene Mittelmaß in Gestalt der staatlichen Ordnungsmacht.

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Harald Reinl B Ladislas Fodor K Ernst W. Kalinke M Peter Sandloff A Oskar Pietsch S Hermann Haller P Artur Brauner D Lex Barker, Karin Dor, Siegfried Lowitz, Rudolf Fernau, Werner Peters | BRD & F & I | 89 min | 1:1,66 | sw | 30. März 1962