24.6.77

Sorcerer (William Friedkin, 1977)

Atemlos vor Angst 

»Where am I going? Where am I going?« Vier Männer – ein Kirchenräuber aus New Jersey (Roy Scheider), ein Bankrotteur aus Paris (Bruno Cremer), ein Terrorist aus Palästina (Amidou), ein Killer aus Vera Cruz (Francisco Rabal) – sind am verdammten Arsch der Welt gestrandet. Sie brauchen Geld, um wegzukommen. Darum fahren sie eine Ladung hochexplosives Nitroglyzerin durch den Dschungel. William Friedkin – dem es nicht gereicht hat, einen französischen Star (Jeanne Moreau) zu heiraten, der auch noch einen französischen Klassiker (»Le salaire de la peur«) ficken wollte – interessiert sich im Grunde für nichts: nicht für die vier Männer, nicht für ihre Mission, nicht für ihr Sterben. Er zeigt nur die kalte Welt, in der die Menschen (warum auch immer) überleben wollen – die Welt als Wildnis, als Sack­gasse, als Endstation. In Büchners »Woyzeck« erzählt die Großmutter ein Märchen, in dem der Mond ein Stück faules Holz ist und die Sonne eine verwelkte Sonnenblume und die Erde ein umgestürzter Hafen. »Sorcerer« führt an solch einen Ort: »It's the kind of place nobody wants to go looking.«

R William Friedkin B Walon Green V Georges Arnaud K Dick Bush, John M. Stephens M Tangerine Dream A John Box S Bud Smith P William Friedkin D Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Karl John | USA | 121 min | 1:1,85 | f | 24. Juni 1977

26.5.77

Der amerikanische Freund (Wim Wenders, 1977)

Das Leben, vom Tode aus betrachtet … Ja, da ist auch ein Thriller: betrügerische (Kunst-) Geschäfte, Gangster, die mit Pornos handeln, Auftragsmord in der Eisenbahn, Leichen, die beseitigt werden müssen. Aber vor allem ist da dieser epi-nostalgische, larmo-romantische Kinotraum über Männer: über ihren blöden Stolz und ihre noch blöderen Empfindlichkeiten, über ihre kindische Angst und ihre jungenhaften Sehnsüchte, über ihr Verlangen nach (unmöglicher!) Freundschaft, nach (utopischer!) Liebe, über ihre Fähigkeit zu beiläufiger Zärtlichkeit, zu wortlosem Verstehen. »Der amerikanische Freund« erzählt (frei nach Patricia Highsmiths Roman »Ripley’s Game«) davon, wie diese Männer in geisterhaften Städten, in Hamburg, in New York, in Paris, ihre riskanten, infamen, todbringenden Spiele spielen. Sie leben (?) in grandios-vergammelten Villen (Ripley = Dennis Hopper), in einsam ragenden Häusern am Fluß (Jonathan = Bruno Ganz), in weitläufigen Appartements über dem Häusermeer (Minot = Gérard Blain). Sie sind Tote auf Urlaub in einer Welt hinter Glas, (vergeblich) bemüht, Isolation, Melancholie, Distanz zu überwinden. Wim Wenders (der in Nebenrollen nicht ohne Grund Regielegenden wie Nicholas Ray und Sam Fuller besetzt) verschickt die mythischen Gestalten des Western, des film noir, des Melodrams in eine novembrige Gegenwart, in eine Zeit aus Blei, wo sie in kühlem Edward-Hopper-Licht (Kamera: Robby Müller) durch anonyme Flughäfen und menschenleere U-Bahnhöfe, über verlassene Parkways und urbane Brachflächen irren. Heimatlose. Suchende. Männer: »My thought just weigh me down / And drag me to the ground / And shake my head till there's no more life in me.« PS: Ja, da ist auch eine Frau: Sie heißt … wie heißt sie doch gleich?

R Wim Wenders B Wim Wenders V Patricia Highsmith K Robby Müller M Jürgen Knieper A Heidi Lüdi, Toni Lüdi S Peter Przygodda P Wim Wenders D Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Rudolf Schündler | BRD & F | 126 min | 1:1,66 | f | 26. Mai 1977

27.4.77

L’homme qui aimait les femmes (François Truffaut, 1977)

Der Mann, der die Frauen liebte

François Truffauts filmisches Hochamt für jene Dinge des Lebens, die er – neben dem Kino – wohl am meisten schätzt: Frauenbeine (»Les jambes des femmes sont des compas qui arpentent le globe terrestre en tout sens, lui donnant son équilibre et son harmonie«) und Bücher (»ll n'y a rien de plus beau que de faire un livre, sinon peut-être faire un enfant.«) … Die episodenhafte Struktur des Werks mit seinen komplex ineinandergewobenen Erzählebenen wird zusammengebunden von diesen beiden Leidenschaften des Regisseurs, die auch die Leidenschaften seiner (zweifellos autobiographisch grundierten) Hauptfigur Bertrand Morane (Charles Denner) sind. »L’homme qui aimait les femmes«, ein Film, der genausogut »Confessions d’un érotomane bibliophile« heißen könnte, beleuchtet nicht nur diverse Facet­ten von Truffauts Persönlichkeit – seine Obsessionen und seinen (unstillbaren) Appetit, seine tiefe Einsamkeit und das kränkende Gefühl, von der eigenen Mutter nicht geliebt worden zu sein –, der Film erweckt die austauschbar scheinenden Objekte seiner Begierde mit den Blicken des (nur für den Moment, aber immer wieder) aufrichtig Liebenden zu greifbarem Leben: Brigitte Fossey und Nathalie Baye, Nelly Bourgeaud und Leslie Caron zeigen eben nicht nur Bein, sie alle (und zahlreiche andere) zeigen Stolz und Witz, Leidenschaft und Verrücktheit, Intelligenz und Melancholie, kurz: unverwechselbare Persönlichkeit.

R François Truffaut B François Truffaut, Michel Fermaud, Suzanne Schiffman K Néstor Almendros M Maurice Jaubert A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Martine Barraqué P François Truffaut, Marcel Berbert D Charles Denner, Brigitte Fossey, Nathalie Baye, Nelly Bourgeaud, Leslie Caron | F | 120 min | 1:1,66 | f | 27. April 1977

20.4.77

Annie Hall (Woody Allen, 1977)

Der Stadtneurotiker 

»There’s an old joke… two elderly women are at a mountain resort, and one of them says: ›Boy, the food at this place is really terrible.‹ The other one says: ›Yeah, I know; and such small portions.‹« Mit »Annie Hall« wird Woody zu Woody Allen. Die Federleichtigkeit, mit der die formalen Register gezogen werden, läßt immer wieder staunen. Dank einer kongenialen Hauptdarstellerin (Diane Keaton), eines begnadeten Kameramanns (Gordon Willis), eines virtuosen Cutters (Ralph Rosenblum), eines Ausstatters (Mel Bourne) und eines Kostümbildners (Ralph Lauren), die den Lifestyle ihrer Ära auf den Punkt bringen, sowie natürlich aufgrund von Allens untrüglichem Gespür für Situationen und Dialoge, seines philosophischen Esprits, seines großstädtischen Flairs sowie einer grundsoliden Halbbildung, die es ihm erlaubt, über alles und jeden seine (klugen) Witze zu reißen, entsteht nicht nur ein tiefgründig-hochkomisches Zeit- und Gesellschaftsbild sondern eine völlig neue Form von Lustspiel: die realistische urban-intellektuelle Komödie. In einer raffiniert-simplen Boy-meets-girl-boy-loses-girl-Story öffnet sich ein ganzes Universum von Themenpaaren – Widersprüchen der menschlichen Existenz –, aus denen Allen sein erzählerisches Kapital schlägt: Männer und Frauen, Juden und Christen, Stadt und Land, Liebe und Tod, Gestern und Heute, New York und Hollywood, Hoffnung und Angst, schlechtes Essen und kleine Portionen.

R Woody Allen B Woody Allen, Marshall Brickman K Gordon Willis M diverse A Mel Bourne S Ralph Rosenblum P Jack Rollins, Charles H. Joffe D Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Paul Simon, Shelley Duvall | USA | 93 min | 1:1,85 | f | 20. April 1977

1.4.77

Black Sunday (John Frankenheimer, 1977)

Schwarzer Sonntag

A study in terror – John Frankenheimers energiegeladenes Action-Epos schildert (nach einem Roman des späteren Hannibal-Lecter-Autors Thomas Harris) die zunehmend verzweifelten Bemühungen des abgekämpfen Mossad-Agenten Kabakow (Robert Shaw), den monumentalen Anschlag eines palästinensischen Kommandos auf ein – zunächst unbekanntes – Ziel in den Vereinigten Staaten zu verhindern: Eine unter die Gondel eines Luftschiffs montierte gewaltige Nagelbombe soll während des Super Bowl, der heiligen Messe des American way of life, 80000 Menschen (inklusive des US-Präsidenten) töten. Frankenheimer kombiniert fieberhaften Dokumentarstil mit expressiver Symbolik (etwa wenn nach einem gelungenen Explosionstest tausende von Lichtstrahlen durch die zerlöcherte Blechhülle eines Hangars fallen) und begreift Dahlia Iyad, die unberirrbare Frontfrau des »Schwarzen September« (Marthe Keller), die den verbitterten Vietnam-Veteranen Lander (»I wanted to give this whole son-of-a-bitchin’ country something to remember me by!« – Bruce Dern) zum willigen Werkzeug ihres Schreckensplans formt, weniger als blindwütige Furie denn als folgerichtiges Produkt westlicher Nahost-Politik :»After all ... in a way, she’s your creation.«

R John Frankenheimer B Ernest Lehman, Kenneth Ross, Ivan Moffat V Thomas Harris K John A. Alonzo M John Williams A Walter Tyler S Tom Rolf P Robert Evans D Robert Shaw, Bruce Dern, Marthe Keller, Fritz Weaver, Steven Keats | USA | 143 min | 1:2,35 | f | 1. April 1977

# 1097 | 22. Februar 2018

25.2.77

Człowiek z marmuru (Andrzej Wajda, 1977)

Der Mann aus Marmor

Auf der Suche nach den verlorenen Helden einer verlorenen Zeit: Die Filmstudentin Agnieszka (enga­giert-strapaziös: Krystyna Janda) recherchiert die Biographie des Bestarbeiters Birkut (der einst unglaubliche 30.000 Ziegelsteine in einer einzigen Schicht vermauerte), eines – erst hochgejubelten, dann umgestürzten und tief gefallenen – Polit-Idols der frühen Jahren des volksdemokratischen Polen. Sie sichtet alte (Propaganda-) Filme, befragt Weggefährten des sozialistischen Heros, steigt hinab in die stalinistischen Kellergewölbe der Geschichte ihres Landes, stolpert über Trümmer zerschlagener Lebensentwürfe und sieht der Wahrheit in ihr bald versoffenes, bald zynisches, bald schöngelogenes Antlitz. Andrzej Wajdas »Człowiek z marmuru«, der eben so gut »Citizen Birkut« heißen könnte, handelt von Glauben und Desillusionierung, von Pathos und Berechnung, analysiert die mediale Konstruktion von Legenden sowie den zielgerichteten Mißbrauch von Leidenschaft – und bleibt damit (bei ungeschönt-präziser Beschreibung eines konkreten historischen und ideologischen Umfelds) zeitlos aktuell.

R Andrzej Wajda B Aleksander Ścibor-Rylski K Edward Kłosiński M Andrzej Korzyński A Wojciech Majda, Allan Starski S Halina Prugar-Ketling P Barbara Pec-Ślesicka D Jerzy Radziwiłowicz, Krystyna Janda, Tadeusz Łomnicki, Jacek Łomnicki, Michał Tarkowski | PL | 165 min | 1:1,37 | f | 25. Februar 1977

9.2.77

Providence (Alain Resnais, 1977)

Providence

»I’m not a person. I’m a fucking construction.« In seinem feudal-morbiden Landhaus »Providence« verbringt Schriftsteller Clive Langham (John Gielgud) die lange Nacht vor seinem 78. Geburtstag – saufend, scheißend, sich unruhig im Bett wälzend, stöhnend vor stechenden Schmerzen. In Langhams zunehmend umnebelten Kopf (»More booze, more nightmares.«) kreist der Roman seiner Familie wie ein Orkan, heillose Geschichten um seine beiden Söhne, den vor Selbstkontrolle schier explodierenden Juristen Claud (Dirk Bogarde) und den vibrierend in sich ruhenden Astrophysiker Kevin (David Warner), um die angespannt-abgeklärte Schwiegertochter Sonia (Ellen Burstyn) und um die janusköpfige Molly/ Helen (Elaine Stritch), die, bald verstorbene Ehefrau des Autors, bald todgeweihte Geliebte des Sohnes, zwischen den Fronten der Generationen changiert. Die biographisch-metaphori­sche, von Miklós Rózsa düster-opulent orchestrierte Story wuchert wild, kollabiert kläglich, setzt sich wieder zusammen, stürzt wieder ein, ein Höllenritt der quälenden Erinnerungen und chaotischen Fiktionen, der eiskalten Standpunkte und irrationalen Ausdrucks formen, ein Strudel des kreativen Materials, ein Aufruhr unzähliger Motive, die sich verweben, sich überlagern, kontinuierlich neue, divergente Muster bilden, wobei sich Räume und Stimmungen von einem Moment auf den anderen verwandeln können, je nach Lust (und Leiden) des von seiner desolaten Fabel versklavten allmächtigen Erzählers. Der Ort des Geschehens: eine ideelle (ideale?) Stadt, komponiert aus Dutzenden Städten, ein kinematographisches Arkham der narrativen Imagination, die kunstvoll-künstliche Traumwelt des Literaten Clive Langham, des Szenaristen David Mercer, des Regisseurs Alain Resnais. Nur Form? Kein Emotionen? »It’s been said about my work that the search for style has often resulted in a want of feeling. However I’d put it another way, I'd say that style IS feeling, in its most elegant and economic expression.« Sagt Langham, sagt Mercer, sagt Resnais … Der Tag, der auf die dunkle Nacht des Dichters folgt, bringt dem Jubilar strahlendes Wetter, entzückende Geschenke, ein versöhnliches Mittagessen im Kreise der Seinen: »Nothing is written … We all believe that, don’t we.«

R Alain Resnais B David Mercer K Ricardo Aronovich M Miklós Rózsa A Jacques Saulnier S Albert Jurgenson P Yves Gasser, Klaus Hellwig, Yves Peyrot D Dirk Bogarde, Ellen Burstyn, John Gielgud, David Warner, Elaine Stritch | F & CH | 110 min | 1:1,85 | f | 9. Februar 1977

21.12.76

Nickelodeon (Peter Bogdanovich, 1976)

Nickelodeon

»We’re going to make pictures.« Eine sepiagetönte Vergnügungsreise in die Jugendzeit des Kinos: Leo Harrigan (Ryan O’Neal), als Anwalt keine große Leuchte, heuert im Jahre 1910 als Autor und Regisseur (»Any jerk can direct.«) bei einem unabhängigen Produzenten an, der mehr oder weniger erfolgreich gegen Edisons übermächtigen Patent-Trust anfilmt … Peter Bogdanovich erzählt Leos wechselvolle Karriere sowie die rasante Entwicklung vom frühen Einakter-Kintopp bis zum Anbruch einer Epoche von kinematographischen Großereignissen à la »The Birth of a Nation« als launig-nostalgische Slapstick-Komödie voll handfester Romantik und possenhafter Abenteuer: Die musikalische Klavier-(und Mundharmonika-)Untermalung erinnert an beschwingte Stummfilmbegleitung; der bunt zusammengewürfelte Haufen der Filmschaffenden (darunter Burt Reynolds, Tatum O’Neal und John Ritter) gleicht eher fröhlichem Zirkusvolk als cineastischen Fachleuten (»Who wants to be respactable anyway?«); Hauptdarsteller O’Neal, ausgestattet mit Hut und runder Brille, wirkt wie ein Wiedergänger von Harold Lloyd. »A pratfall is better than anything«, wußte Preston Sturges, und Bogdanovich hält sich, vielleicht allzu strikt, an die Empfehlung des legendären Komödiengenies. Doch bei aller klamottigen Schablonenhaftigkeit stolpert »Nickelodeon« immer wieder in Situationen von burlesker Poesie, so etwa wenn ein umherirrender Heißluftballon, von der Kamera wild verfolgt, zufällig auf dem Dach eines Eisenbahnwaggons landet und das Luftschifferpaar, vom begeisterten Regisseur angefeuert, in eine zärtliche Umarmung sinkt: »Perfect! Hold it a little longer. Slow iris to black. And cease. Cut. That’s it.«

R Peter Bogdanovich B Peter Bogdanovich, W. D. Richter K Laszlo Kovacs M Richard Hazard A Richard Berger S William Carruth P Robert Cartoff, Irwin Winkler D Ryan O’Neal, Burt Reynolds, Tatum O’Neal, Brian Keith, Stella Stevens, John Ritter | USA & UK | 121 min | 1:1,85 | f | 21. Dezember 1976

# 969 | 8. September 2015

7.12.76

Il Casanova di Federico Fellini (Federico Fellini, 1976)

Fellinis Casanova

Ein Jahr nach »Barry Lyndon« folgt mit »Il Casanova di Federico Fellini« eine weitere außer­gewöhnliche Kino-Abenteuergeschichte aus dem galanten Zeitalter. Wo Stanley Kubrick gestalterisch auf penible Rekonstruktion der Epoche setzt, unternimmt Fellini (mit seinem Ausstatter Danilo Donati) die karnevaleske Neuerfindung der vorrevolutionären Ära: Die Lagune von Venedig wird zum Meer aus wogender Plastikfolie, London ist eine Brücke im (Bühnen-) Nebel, Dresden erscheint als barockes Theater, dessen leere Logen wie tote Augen glotzen. Der Titel- und Frauenheld stolziert wie ein gespreizter (gegen Ende des Films: wie ein gerupfter) Pfau durch diese üppig-stilisierte Kulissenwelt, trifft auf geile Nonnen und spiritistische Fürstinnen, auf feinfühlige Riesinnen und anämische Nähmädchen, erlebt eine endlos scheinende Abfolge erotischer Eskapaden. Die Freud- und Seelenlosigkeit, mit der Casanova (Donald Sutherland verkörpert den Vater aller Liebhaber als lächerlich-arroganten Deckhengst) seine sexuellen Aventüren exekutiert, hat etwas zutiefst Maschinenhaftes – die endgültige Erfüllung seiner totalen Begierde, die ihn rastlos ganz Europa durchjagen läßt, findet der alternde Stecher denn auch sinnigerweise im Beischlaf mit einer mechanischen Puppe. In diesem grotesken Ausdruck der Begeisterung des 18. Jahrhunderts für alle Arten von Automaten spiegelt sich nicht nur die heutige Fetischisierung von Technik und Machbarkeit, es wird auch die trostlose Kälte spürbar, die herrscht, wenn Liebe allein in Kategorien wie »schneller – länger – weiter« betrieben wird.

R Federico Fellini B Federico Fellini, Bernardino Zapponi V Giacomo Casanova K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Danilo Donati S Ruggero Mastroianni P Alberto Grimaldi D Donald Sutherland, Tina Aumont, Cicely Browne, Carmen Scarpitta, Clara Algranti | I & USA | 155 min | 1:1,85 | f | 7. Dezember 1976

27.10.76

Mado (Claude Sautet, 1976)

Mado

»Chacun se vend à sa façon«, sagt Mado: Jeder verkauft sich auf seine Weise. Mado (Ottavia Piccolo) verkauft ihren schönen Körper gelegentlich an wohlhabende Herren, unter anderem an den Baulöwen Simon (Michel Piccoli), der im Bett mit der jungen Frau die »Einsamkeit des reichen Mannes« zu vergessen sucht. »Mado« beginnt mit dem Selbstmord von Simons unlauterem Kompagnon und einem Loch von sechs Millionen Francs in der Firmenkasse. Simon, der bislang wert darauf legte, »das Spiel korrekt zu spielen«, sieht sich unversehens genötigt, selbst unfaire Mittel zu ergreifen, um die Aasgeier abzuwehren, die bereits über ihm kreisen … Die Beziehung zwischen dem Großbürger und der Nebenerwerbsprostituierten bildet den roten Faden, der durch ein komplexes Beziehungsgeflecht führt, in dem sich zahlreiche Lebenslinien kreuzen: Da sind (unter anderem) Pierre, der arbeitslose Buchhalter, Manecca, der betrogene Betrüger, Barachet, der korrupte Beamte, Lépidon, der skrupellose Geschäftemacher, und da ist Hélène, die in den Suff gestürzte Dame der Gesellschaft (Romy Schneider). Wieder eine dieser vielstimmigen, vielschichtigen Kompositionen, mit denen Claude Sautet, virtuos wie kein anderer, von den Dingen des Lebens erzählt – »Mado«, ein ungeschöntes Porträt der Wegwerfgesellschaft nach dem Ende des Booms, ein dunkler Film über die Käuflichkeit und über die Raffgier, über vermeintlichen Gewinn und über unvermeidlichen Verlust, gipfelt in einem Ausflug, in dessen Verlauf die genießende Klasse buchstäblich im Schlamm steckenbleibt. Die sarkastische Schlußsequenz wirkt, trotz nahender Rettung bei Sonnenaufgang, wie das Menetekel eines kommenden Systemzusammenbruchs.

R Claude Sautet B Claude Sautet, Claude Néron K Jean Boffety M Philippe Sarde A Pierre Guffroy S Jacqueline Thiédot P André Génovès D Michel Piccoli, Ottavia Piccolo, Jacques Dutronc, Charles Denner, Julien Guiomar, Romy Schneider | F & I & BRD | 121 min | 1:1,66 | f | 27. Oktober 1976

# 770 | 10. September 2013  

L’aile ou la cuisse (Claude Zidi, 1976)

Brust oder Keule 

Für seine Verdienste um die beiden heiligen Kühe Frankreichs – Küche und Sprache – soll Charles Duchemin (Louis de Funès), wortmächtiger Kulinarier und Herausgeber eines berühmten (und von vielen gefürchteten) Restaurantführers, in die Académie française aufgenommen werden. Bevor er, gewandet in den ehrwürdigen habit vert, das traditionelle Festessen im Kreise der ›Unsterblichen‹ genießen kann, muß Duchemin einerseits seinen Sohn und designierten Nachfolger Gérard (Coluche), der ein Doppelleben als Zirkusclown führt, bei der familiären Stange halten, andererseits in einem Fernsehduell die chemisch-industriellen Schweinereien des diabolischen Lebensmittel-Tycoons Jacques Tricatel (Julien Guiomar) ans Licht der Öffentlichkeit bringen. Duchemin gegen Tricatel, das heißt nicht nur ›grande cuisine‹ gegen ›malbouffe‹, sondern ganz allgemein: kulturelle Verfeinerung gegen profitgierige Barbarei. Gerade von einem doppelten Herzinfarkt genesen, wirkt die ewige Krawalltüte Louis de Funès in Claude Zidis satirischer Gastro-Farce etwas schallgedämpft; dem fröhlichen Wahnwitz seiner Reise vom Himmel der Feinschmeckerei in die Hölle der Fertiggerichte und wieder zurück tut dies freilich keinen Abbruch.

R Claude Zidi B Claude Zidi, Michel Fabre K Claude Renoir M Vladimir Cosma A Michel de Broin S Robert Isnardon, Monique Isnardon P Christian Fechner D Louis de Funès, Coluche, Julien Guiomar, Ann Zacharias, Claude Gensac, Marcel Dalio | F | 104 min | 1:2,35 | f | 27. Oktober 1976

# 900 | 4. August 2014

7.10.76

A Matter of Time (Vincente Minnelli, 1976)

Nina – Nur eine Frage der Zeit 

»No one dies unless we wish them to.« In seinen großen Tagen ließ Vincente Minnelli bei MGM die Puppen tanzen; um ein letztes Werk realisieren zu können, schloß der greise Meister einen Pakt mit dem »König des Low-Budget-Films«, Samuel Z. Arkoff, dessen Name nicht umsonst an Graf Zaroff, das Genie des Bösen, erinnert – »A Matter of Time«, vom Produzenten aufs Wüsteste verhackstückt, steht wie eine kurios-anrührende Ruine im Mondlicht der Kinogeschichte. Die Story kreist (besser gesagt: eiert) um die unbedarfte Nina (Liza Minnelli), die als Zimmermädchen in einem verlotterten römischen Luxushotel Freundschaft mit der betagten, geheimnisvoll-umnachteten Contessa Sanziani (Ingrid Bergman) schließt; die Alte entpuppt sich nicht nur als einstmals namhafte Kokotte, die zu ihrer Zeit die reichsten, klügsten und mächtigsten Männer ihrer Epoche um den kleinen Finger wickelte, sie weist dem jungen Ding auch den Weg zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und zum Ruhm als Filmstar… Neben Fragen der Identitätsfindung ist die Vergänglichkeit – der Schönheit, des Erfolges, des Glücks – das zentrale Thema des Films; in zwei, drei hochklassig-schrägen Momenten (etwa wenn die Sanziani schreiend durch ihr schäbiges Zimmer taumelt und es nicht fassen kann, in derart unwürdige Schrecknis geraten zu sein) bricht sich echte Tragik Bahn – ganz so, als sähe der Regisseur das eigene Schicksal im Schlamassel der zerrütteten Weltdame düster gespiegelt. PS: Neben Minnelli geben mit Charles Boyer und Amedeo Nazzari zwei weitere Ehrenmänner der Leinwand ihre Abschiedsvorstellung.

R Vincente Minnelli B John Gay V Maurice Druon K Geoffrey Unsworth M Nino Oliviero A Veniero Colasanti, John Moore S Peter Taylor P Samuel Z. Arkoff, Giulio Sbarigia D Liza Minnelli, Ingrid Bergman, Tina Aumont, Charles Boyer, Amedeo Nazzari | USA & I | 97 min | 1:1,85 | f | 7. Oktober 1976

6.10.76

Marathon Man (John Schlesinger, 1976)

Der Marathon-Mann

»Is it safe?« Nein, ist es nicht. Nichts ist sicher. Gar nichts. Im Bewußtsein dieser existentiellen Gefährdung funktioniert »Marathon Man« auf (mindestens) zwei Ebenen: zum einen als perfekter Thriller, der souverän mit den wesentlichen Ingredienzien des Genres umgeht: Spannung und Schock, Blick in den Abgrund und Flucht in die Tapferkeit; zum anderen als Bild einer Welt, die keine Gewißheit kennt, nur Bedrohung und Angst, Mißtrauen und Lüge. Aus der Konfrontation des früheren KZ-Zahnarztes Christian Szell (teuflisch-starr: Laurence Olivier) und des jungen jüdischen Intellektuellen ›Babe‹ Levy (dynamisch-verkrampft: Dustin Hoffman) – beide auf spezifische Weise Überlebende (sowie Gefangene) ihrer eigenen Biographie und der Zeitgeschichte – destilliert John Schlesinger wiederum (mindestens) zweierlei Resultate: ein bodenloses Kaleidoskop der Paranoia (als aktuellen politischen Kommentar = Nachlese der epochalen ›Watergate‹-Erschütterung) und eine diamantharte Rachephantasie (als historisch-kinematographische Vergeltungsmaßnahme = Auschwitzprozeß à la Hollywood). Formal brillant orchestriert – insbesondere durch Conrad Halls ungerührte Bilder und den eisigen Score von Michael Small – verortet »Marathon Man« das Diesseits im Jenseits einer zerstörerisch fortwirkenden Vergangenheit, in der tristen Ewigkeit von Verbrechen (≈ Schuld) und Strafe (≈ Sühne). PS: »Life can be that simple: relief – discomfort.« Sagt der »weiße Engel«. Und bohrt.

R John Schlesinger B William Goldman V William Goldman K Conrad Hall M Michael Small A Richard Macdonald S Jim Clark P Robert Evans, Sidney Beckerman D Dustin Hoffman, Laurence Olivier, Roy Scheider, William Devane, Marthe Keller | USA | 125 min | 1:1,85 | f | 6. Oktober 1976

22.9.76

Un élephant ça trompe énormément (Yves Robert, 1976)

Ein Elefant irrt sich gewaltig | Monsieur auf Abwegen 

Spezialität des Autors Jean-Loup Dabadie sind muntere Stücke über Männer in den sogenannten besten Jahren, über ihre Befindlichkeiten, ihre Flausen, ihre Fehltritte. Während Claude Sautet (etwa in »Vincent, François, Paul et les autres«) Dabadies Lockerflockigkeiten zur Grundlage für choral-vielschichtige menschliche Dramödien macht, beschränkt sich Yves Robert auf die Schaustellung der kuriosen Possenspiele einer Pariser Viererbande: Simon, der hypochondrische Arzt, leidet unter dem emotionalen Terror seiner Übermutter; Bouly, der virile Allesstecher, bricht zusammen, als er von seiner Frau verlassen wird; Daniel ist schwul, was so elliptisch erzählt wird, das es zwischen den ständigen Kameradschaftsbezeugungen kaum auffällt; Étienne schließlich, der kultivierte Erzähler (Jean Rochefort), Öffentlichkeitsarbeiter im Ministerium für Irgendwas, glücklich verheirateter Vater zweier bezaubernder Töchter, verliebt sich unsterblich in eine rotgewandete Schöne, die verführerische Protagonistin einer nationalen Imagekampagne. Wo schon die Männer jenseits ihrer Triebe kaum Persönlichkeit entwickeln, reduziert »Un élephant ça trompe énormément« die Frau konsequent zum appetitlichen Plakatmotiv, zum verlockenden Sahnetöpfchen, an dem sich die lüsternen Kater der Schöpfung auch schon mal hübsch die Tatzen verbrennen.

R Yves Robert B Jean-Loup Dabadie, Yves Robert K René Mathelin M Vladimir Cosma A Jean-Pierre Kohut-Svelko S Gérard Pollicand P Alain Poiré, Yves Robert D Jean Rochefort, Danièle Delorme, Annie Girardot, Claude Brasseur, Victor Lanoux | F | 105 min | 1:1,66 | f | 22. September 1976

# 851 | 19. März 2014

26.8.76

The Last Tycoon (Elia Kazan, 1976)

Der letzte Tycoon

»So how do you want the girl?« – »Perfect.« Harold Pinters Adaption des letzten, unvollendet gebliebenen Romans von F. Scott Fitzgerald, entwirft das Bildnis eines fanatischen Perfektionisten und egomanen Arbeitstiers: Die Figur des Monroe Stahr (Robert De Niro), Produktionschef der International World Films, eines der größten Studios im Hollywood der 1930er Jahre, ist angelehnt an Irving Thalberg, der eine vergleichbare Position bei MGM innehatte. Stahr, Erfinder der hierarchischen Arbeitsteilung im Studiosystem, eingeschworener Gegner des künstlerischen Mitspracherechts für Untergebene, unbeschränkter Herrscher im Atelier wie im Vorführraum, wird in diversen Situationen gezeigt, die schlaglichtartig seine Persönlichkeit beschreiben: wie er einem verunsicherten Star (Tony Curtis) über Potenzprobleme hinweghilft, wie er eine kapriziöse Diva (Jeanne Moreau) umschmeichelt, wie er einen unfähigen Regisseur (Dana Andrews) entläßt, wie er einem frustrierten Autor (Donald Pleasence) das Geheimnis des Kinos erklärt, wie er den skeptischen Studioboß (Robert Mitchum) in Schach hält, wie er betrunken einen radikalen Gewerkschafter (Jack Nicholson) attackiert, wie er eine Frau umgarnt, die ihn an seine verstorbene Gattin erinnert. Stahrs Leidenschaft für die enigmatische Kathleen Moore (Ingrid Boulting) entspricht seiner Obsession für das Medium Film, und wie ein Kinostück arrangiert er denn auch die Affäre mit der geisterhaft wirkenden Schönen, die sich ihm letztendlich entzieht. Elia Kazans sorgfältig-stilbewußte, unterkühlt-langsame Inszenierung der episodisch strukturierten Milieu- und Charakterstudie verfolgt das Schicksal des zwiespältigen Helden bis zu seinem unvermeidlichen Sturz, wobei das Ausmalen (un-)romantischer Stimmungen die Darstellung der in der Filmmetropole waltenden (Produktions-)Verhältnisse immer wieder in den Hintergrund treten läßt. PS: »All writers are children. Fifty percent are drunks. And up till very recently, writers in Hollywood were gag-men; most of them are still gag-men, but we call them writers.«

R Elia Kazan B Harold Pinter V F. Scott Fitzgerald K Victor J. Kemper M Maurice Jarre A Gene Callahan S Richard Marks P Sam Spiegel D Robert De Niro, Ingrid Boulting, Robert Mitchum, Theresa Russell, Ray Milland, Donald Pleasence, Jack Nicholson, Jeanne Moreau, Tony Curtis | USA | 123 min | 1:1,85 | f | 26. August 1976

# 1045 | 16. Februar 2017