11.1.60

Les yeux sans visage (Georges Franju, 1960)

Augen ohne Gesicht

Was geschieht, wenn die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter und die Besessenheit eines Wissenschaftlers für sein Fachgebiet Hand in Hand gehen? – Wenn die Tochter einen Unfall hatte, bei dem sie ihres engelhaften Gesichtes verlustig ging, und das Fachgebiet des Vaters die Transplantationsmedizin ist, kann es beispielsweise passieren, daß unschuldige junge Frauen verschleppt und im Keller einer einsam gelegenen Klinik zu Tode operiert werden, um eine verlorene Schönheit wiederherzustellen. So in »Les yeux sans visage«, mit dem Georges Franju den Surrealisten und den Pionieren des expressionistischen Kinos seine Reverenz erweist. Pierre Brasseur spielt den Chirurgen mit der Anmaßung eines großen Staatsmannes, seine Assistentin Alida Valli dient ihm mit maligner Bewunderung, und die arme Edith Scob, die Tochter, der nichts als Augen blieben, die Schreckliches sehen müssen, findet die ersehnte Ruhe erst, als sie die Hunde losläßt ... Dies dargeboten zu einem drehorgelig-moritatenhaften Score von Maurice Jarre und in Eugen Schüfftans Bildern, die die Klarheit des Wahnsinns atmen. Was diesen zarten, langsamen Horrorfilm so intensiv macht, ist, daß alles gleichermaßen normal und schrecklich erscheint: die Hingabe und die Hoffnung, die Schuld und die Verzweiflung, der Ehrgeiz und die Hybris.

R Georges Franju B Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Claude Sautet, Jean Redon, Pierre Gascar V Jean Redon K Eugen Schüfftan M Maurice Jarre A Auguste Capelier S Gilbert Natot P Jules Borkon D Pierre Brasseur, Alida Valli, Edith Scob, Juliette Mayniel, François Guérin | F & I | 88 min | 1:1,66 | sw | 11. Januar 1960

6.1.60

Rocco e i suoi fratelli (Luchino Visconti, 1960)

Rocco und seine Brüder

Nach dem Tod ihres Mannes folgt Rosaria Parondi (Katina Paxinou) mit den Söhnen Simone, Rocco, Ciro und Luca ihrem Ältesten, Vincenzo, aus dem rückständigen Lukanien ins neonglänzende Mailand – wie Hunderttausende haben sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Heimat verlassen, um zu Fremden im eigenen Land zu werden. In fünf Kapiteln, benannt nach den Sprößlingen der übermütterlichen Witwe, thematisiert Luchino Visconti die Gegensätze von Stadt und Land, Arm und Reich, Nord und Süd, Tradition und Moderne, und er erzählt, in einer Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und melodramatischer Opernhaftigkeit, vom Verfall einer Familie, von ihrer Entwurzelung und Entfremdung, von ihrer Entwürdigung und Entsolidarisierung im Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus. Das Epizentrum der Ereignisse bildet die konfliktgeladene Beziehung zwischen dem unbeherrschten Simone (Renato Salvatore) und dem sanftmütigen Rocco (Alain Delon), die beide – mehr oder weniger ehrgeizig – ihr Glück im Boxring suchen, sowie der temperamentvollen Prostituierten Nadia (Annie Girardot), die im Spannungsfeld der verzweifelten Brutalität des einen und der bedingungslosen Güte des anderen Bruders jämmerlich zugrunde geht. So bleibt, mithin Vincenzo sich zum biederbraven Ehemann (unter dem schmucken Pantoffel von Claudia Cardinale) gewandelt hat, außer dem Duft von Orangen oder der Erinnerung an schattige Olivenhaine in tristen Sozialwohnungen und betonierten Höfen, nur die vage Aussicht auf eine glücklichere Zukunft für die beiden jüngsten Parondis: Ciro, der als Arbeiter in einer Automobilfabrik politisches Bewußtsein entwickelt, und Luca, der vielleicht eines Tages in eine veränderte Heimat zurückkehren mag.

R Luchino Visconti B Luchino Visconti, Suso Cecchi S’Amico, Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Enrico Medioli K Giuseppe Rotunno M Nino Rota A Mario Garbuglia S Mario Serandrei P Goffredo Lombardo D Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Claudia Cardinale | I & F | 177 min | 1:1,66 | sw | 6. Januar 1960

# 1161 | 21. Mai 2019

1.1.60

Heller in Pink Tights (George Cukor, 1960)

Die Dame und der Killer

Eine Schauspielertruppe schlägt sich – immer am Rand der Pleite, oft auf der überstürzten Flucht vor den Gläubigern – durch den Wilden Westen. Der eigensinnig-selbstbestimmte weibliche Star des Ensembles (: Sophia Loren – erblondet) steht zwischen zwei Männern: einem sympathisch-virilen hitman, der sie begehrt (: Steve Forrest), und dem sensibel-unentschlossenen Chef der company, den sie liebt (: Anthony Quinn). George Cukors (einziger) Western wechselt die Tonlagen so behende wie die Darstellerinnen ihre rauschenden Roben: von der Sittenkomödie zum Melodram zur Farce zur Romanze. Edith Heads exaltiertes Kostümbild und die aparte color coordination des Modefotografen George Hoyningen-Huene verleihen »Heller in Pink Tights« einen Hauch von ›Harper’s Bazaar‹, und wenn am Schluß des Films (nach reichlich Kitsch und einigen shoot-outs) die resolute Frau dem Mann ihrer Wahl mit dem Geld, das sie raffiniert ergaunert hat, »sein« Theater schenkt, lösen sich nicht nur alle Probleme sondern auch die klassischen Geschlechterrollen in verspieltes Wohlgefallen auf.

R George Cukor B Walter Bernstein, Dudley Nichols V Louis L’Amour K Harold Lipstein M Daniele Amfitheatrof A Gene Allen, Hal Pereira S Howard A. Smith P Marcello Girosi, Carlo Ponti D Sophia Loren, Anthony Quinn, Margaret O’Brien, Steve Forrest, Ramon Novarro | USA | 100 min | 1:1,85 | f | 1. Januar 1960

30.12.59

Our Man in Havana (Carol Reed, 1959)

Unser Mann in Havanna 

Der Kalte Krieg als karibische Farce: Ein britischer Staubsaugervertreter im vorrevolutionären Kuba (grandios durchschnittlich: Alec Guinness), der wegen seiner pferdenärrischen Tochter anhaltend in pekuniären Schwierigkeiten lebt, läßt sich als Geheimdienstagent anheuern und füttert die Zentrale mit (zu gut) erfundenen Informationen; obwohl die nach London gelieferten Pläne militärischer Anlagen fatal an Haushaltsgeräte erinnern, wächst sich die Fiktion zur blutigen Realität aus… »Our Man in Havana«, eine weitere Expedition des »The Third Man«-Regisseurs Carol Reed nach Greeneland, legt sarkastisch dar, daß ›intelligence‹ nichts mit Intelligenz zu tun haben muß, und bietet darüberhinaus einige prononcierte Schauspielerleistungen: Noël Coward als aufgeblasener Führungsoffizier ohne jede Menschenkenntnis, Burl Ives als sentimental-konspirativer Fettsack auf der Suche nach dem Geheimnis des Käseblaus, Ernie Kovacs als korrupter Bluthund mit Hang zu Klosterschülerinnen, Ralph Richardson als entrückter Spionagechef, der den Unterschied zwischen West- und Ostindien wohl nicht mehr lernen wird. Die Verschiebung der erzählerischen Tonlage von der politischen Satire zum moralischen Drama (und wieder zurück) irritiert zwar zunächst, macht aber auch die Hintergründigkeit des Films aus.

R Carol Reed B Graham Greene V Graham Greene K Oswald Morris M Frank Deniz, Laurence Deniz A John Box S Bert Bates P Carol Reed D Alec Guiness, Burl Ives, Maureen O’Hara, Ernie Kovacs, Noël Coward, Ralph Richardson | UK | 111 min | 1:2,35 | sw | 30. Dezember 1959

28.12.59

Voulez-vous danser avec moi? (Michel Boisrond, 1959)

Wollen Sie mit mir tanzen?

Gefällig arrangierte Petitesse mit BB in der Rolle einer amateurdetektivischen Ehefrau, die die Unschuld ihres (noch gar nicht verdächtigten) Ehemannes (massig: Henri Vidal) in einer Mordsache beweisen will. Tatort ist eine Tanzschule, deren nebenberuflich als Erpresserin tätige Chefin (rassig: Dawn Addams) schnöde abgeknallt wurde. Hauptattraktionen der possenhaften (und leicht homophoben) Thriller-Romanze sind weder intelligente Handlung noch nervenzerreißende Spannung sondern (neben dem Kurzauftritt von Serge Gainsbourg als segelohriger Kleinganove und einem verruchten Ausflug ins Pariser Transvestitenlokal ›Fétiche bleue‹) sinnliche Unbefangenheit und entspannte Körperlichkeit der BB. Nur wenige flirten so unverblümt mit der Kamera (und werden so aufrichtig von ihr geliebt), kaum ein anderer Star des (kommerziellen) Kinos verwandelt Drehbuchkonstruktionen und Inszenierungsplatitüden so einnehmend und restlos in (auf-)reizende Natürlichkeit wie Brigitte Bardot.

R Michel Boisrond B Gérard Oury, Jean-Charles Tachella, Michel Boisrond, Annette Wademant V Kelley Roos K Robert Lefebvre M Henri Crolla, André Hodeir A Jean André S Claudine Bouché P François Cosne D Brigitte Bardot, Henri Vidal, Dawn Addams, Paul Frankeur, Noël Roquevert | F & I | 91 min | 1:1,37 | f | 28. Dezember 1959

26.12.59

Ansiktet (Ingmar Bergman, 1958)

Das Gesicht

Schweden, Mitte des 19. Jahrhunderts: »Doktor« Vogler, ein reisender Schausteller und Magnetiseur (Max von Sydow), und seine Truppe müssen sich, bevor sie in einem Provinznest auftreten dürfen, von den Honoratioren des Städtchens – Konsul, Polizeichef und Medizinalrat – examinieren lassen. Ingmar Bergman entwickelt einen bald farcenhaften, bald pathetischen Künstler-Bürger-Konflikt, in dem die Gaukelspieler als Projektionsfläche geheimer bürgerlicher Begierden herhalten, während sie sich gleichzeitig höhnischen Erniedrigungen durch die sogenannte bessere Gesellschaft ausgesetzt sehen. Noch eine weitere Kontroverse wird ausgetragen: die zwischen dem Glauben an das Unerklärliche und einem ganz und gar diesseitigen Rationalismus. Vor allem der schmallippige Dr. Vergérus (Gunnar Björnstrand) erweist sich als brutaler Entzauberer, der die Vernunft mit perfider Lust zur Waffe schmiedet – und selbst für die eigene Todesangst noch wissenschaftliche Erklärungen beibringt. Zum Ende naht dem fahrenden Volk Rettung (= Anerkennung) durch reitende Boten: Der König lädt Vogler und sein Ensemble zum Auftritt im Schloß. Wahre Noblesse, scheint diese märchenhafte Wendung zu sagen, erkennt sich gegenseitig – sei es der Adel des Blutes oder der Adel der (künstlerischen) Seele.

R Ingmar Bergman B Ingmar Bergman K Gunnar Fischer M Erik Nordgren A P. A. Lundgren S Oscar Rosander P Allan Ekelund D Max von Sydow, Ingrid Thulin, Gunnar Björnstrand, Naima Wifstrand, Erland Josephson | S | 100 min | 1:1,37 | sw | 26. Dezember 1958

16.12.59

Pickpocket (Robert Bresson, 1959)

Pickpocket

Ein Ballett der Hände, eine Choreographie von Griffen. Michel ist ein Taschendieb, sein Revier sind die Rennbahn, die Métro, die Rummelplätze, die Bahnhöfe von Paris. Michel ist davon besessen zu stehlen, er reklamiert für sich die Freiheit, die einem überragenden Wesen zustehe. Sein Antrieb liegt nicht im geldlichen Gewinn (er bleibt, trotz steigender Einkünfte, in seiner ärmlichen Dachstube, behält den abgetragenen Anzug) sondern in der Ästhetik der verbotenen Tat, in der kalten Lust, die ritualisierte Bewegungen verschaffen. Michels so obsessives wie hochmütiges Tun gleicht einer Flucht: vor sich selbst, vor den Menschen, vor der Liebe. Aber, wie Jeanne, die weibliche Gegenfigur des Protagonisten, vermutet: »Tout a peut-être une raison.« Den Alptraum des jungen Mannes, dieses Abenteuer, in das er aus Schwäche gerät, für das er nicht gemacht ist, das ihm schließlich die angemaßte Freiheit nimmt, versteht Robert Bresson als notwendigen Umweg, an dessen Ziel erst Michel die Seele finden kann, die ihn erlöst. Ein Film von heiligem Ernst, von spröder Feierlichkeit, ein Film der abgezirkelten Gesten, der fragmenta­rischen Ausschnitte. Am Ende ist es ein eisernes Gitter, das die Vereinzelung aufhebt, das die Getrennten verbindet.

R Robert Bresson B Robert Bresson K Léonce-Henri Burel M Jean-Bapstiste Lully A Pierre Charbonnier S Raymond Lamy P Agnès Delahaie D Martin LaSalle, Marika Green, Pierre Leymarie, Jean Pélégri, Kassagi, Pierre Étaix | F | 76 min | 1:1,37 | sw | 16. Dezember 1959

# 955 | 19. Juni 2015

4.12.59

À double tour (Claude Chabrol, 1959)

Schritte ohne Spur 

Als Prolog eine lange Kamerafahrt, über einen Teich mit künstlichen Blumen, durch einen Garten, in ein gelbes Haus, das an einen japanisches Teepavillon erinnert, vorbei an einer Staffelei, über einen blauen Teppich voller verstreuter Gegenstände, Kleidungsstücke, umgestürzte Gläser und Figuren, bis zu einem kinetischen Objekt, einer rotierenden polychromen Scheibe, die einen hypnotischen Effekt erzeugt. Die eigentliche Erzählung beginnt mit einem Fensterladen, der geöffnet wird, und endet mit einer aufflammenden Laterne; dazwischen ein Frühlingstag in der Provence, strahlender Himmel, blühender Mohn, eine große Villa, eine kaputte Familie, eine attraktive Nachbarin, ein Mord, ein Geständnis … Mittels durchdachter Farbdramaturgie, einer originellen Rückblendenkonstruktion und dem exzessiven Einsatz von Spiegeln schafft Claude Chabrol ein südfranzösisches Äquivalent zur amerikanischen Southern Gothic. »À double tour« präsentiert, in stellenweise grotesker Überzeichnung, eine dysfunktionale Sippschaft – repressive Mutter, blockierter Vater, verweichlichter Sohn, indifferente Tochter – in vollgestopften Interieurs, auf die farbige Glasfenster grünliche Verwesungsschimmer werfen. Zwei Katalysatoren, der impertinente Schwiegersohn in spe (Belmondo gibt dem Affen Zucker), und eine Künstlerin sans gêne, lassen die erstarrten Konventionen, die Verkarstung der Gefühle, die Zerrüttung und die Häßlichkeit der bürgerlichen Lebenswelt sichtbar werden. Vor der Tat betrachtet der Mörder sein Gesicht im Spiegel und stellt fest: »C’est le visage d’un mort vivant, la négation, la laideur.« Also muß die Schönheit sterben, und mit ihr vergeht das Versprechen auf Freiheit.

R Claude Chabrol B Claude Chabrol, Paul Gégauff V Stanley Ellin K Henri Decaë M Paul Misraki A Jacques Saulnier, Bernard Evein S Jacques Gaillard P Raymond Hakim, Robert Hakim D Jean-Paul Belmondo, Madeleine Robinson, Antonella Lualdi, Jacques Dacqmine, André Jocelyn | F & I | 100 min | 1:1,66 | f | 4. Dezember 1959

1.12.59

Ballada o soldatje (Grigori Tschuchrai, 1959)

Die Ballade vom Soldaten

Eine alte Frau sieht in die Ferne, ihr Blick folgt einer Straße. Vor Jahren ist ihr Sohn auf dieser Straße weggefahren und nicht zurückgekommen … Für seine Tapferkeit vor dem Feind (er hat »aus Angst« zwei deutsche Panzer abgeschossen) erhält der 19jährige Funker Aljoscha (blühend: Wladimir Iwaschow) sechs Tage Heimaturlaub: zwei Tage für den Weg ins Dorf, zwei Tage zum Reparieren von Mutters Dach, zwei Tage für den Weg zurück zur Front. Doch dieselbe Unbekümmertheit, die ihn zum Helden machte, verhindert, daß der junge Rotarmist seine strenge Reiseplanung einhält. Immer wieder läßt er sich vom Moment forttragen: Wenn er einen vergrämten Invaliden begleitet und ihm neuen Lebensmut gibt, wenn er die Frau eines Kameraden aufsucht, um ihr ein Stück Seife als (kostbares!) Geschenk zu bringen, wenn er für das Mädchen Schura (anmutig: Schanna Prochorenko), dem er unterwegs begegnete, Wasser holt und die Weiterfahrt seines Zuges verpaßt. Als er schließlich sein Dorf erreicht, bleiben ihm nur wenige Minuten: Das kurze Wiedersehen zwischen Aljoscha und seiner Mutter ist ein Abschied für immer … Ein paar Tage zwischen Krieg und Liebe, ein paar Tage, die zur Lebensreise werden: Bei allem Sinn für realistische Dramatik und die Poesie des Augenblicks beweist Grigori Tschuchrai gesunden Mut zum großen Gefühl, um seine humanistische Botschaft ans Publikum zu bringen. Er kann es sich erlauben, denn die Natürlichkeit der jugendlichen Hauptdarsteller bewahrt den Film vor jedem falschen Ton platter Sentimentalität. »Ballada o soldatje« betört und erschüttert als komprimierter Bildungsroman zwischen condition humaine und éducation sentimentale, als pikareske Fahrt durch zerstörte Städte und geschundene Landschaften, als unschuldig-zärtliche Romanze, als Hohelied auf Offenheit, Menschlichkeit und Individualismus, als bewegender Nachruf auf einen wundervollen Jungen, der vielleicht ein wundervoller Mann geworden wäre.

R Grigori Tschuchrai B Walentin Jeschow, Grigori Tschuchrai K Wladimir Nikolajew, Era Saweljewa M Michail Siw A Boris Nemetschek S Marija Timofejewa P Mosfilm D Wladimir Iwaschow, Schanna Prochorenko, Antonina Maximowa, Jewgeni Urbanski, Nikolai Krjutschkow | SU | 88 min | 1:1,37 | sw | 1. Dezember 1959

22.11.59

Am Tag, als der Regen kam (Gerd Oswald, 1959)

»Charlie Brown, der hat nur immer Unsinn im Sinn.« Eine Jugendbande in (West-)Berlin: Unter Führung des herrischen, dabei höchst ver­letzbaren Werner (trinkt nur Milch: Mario Adorf), überfallen manierliche Rowdys (alle gehen – der Tarnung halber – ordentlichen Berufen nach) lüsterne Autofahrer oder mürrische Geldboten (ausnahmslos unsympathische, bezasterte Kleinbürgertypen), planen schließlich einen bewaffneten Coup auf die Abendkasse eines Autobusdepots; sie wollen alles und zwar sofort, das schöne Leben heute und nicht später – schließlich weiß niemand, ob es nicht vielleicht morgen schon den großen (atomaren) Knall gibt. Einer der Jungs, Bob (Christian Wolff), der sich verliebt hat (in ein nettes Mädchen aus dem Osten), einer, der weiter denkt als an den Kick, an den Augenblick, will aussteigen, was natürlich nicht erlaubt ist, weswegen sein verzweifeltes Befreiungsmanöver in einer Tragödie enden muß … Gerd Oswald – gebürtiger Berliner, Emigrant, Regisseur von Genrefilmen in Hollywood – nutzt die äußerlich und innerlich kaputte Stadt (die schäbigen Wohnlauben, die schuttigen Brachen, die Katakomben des zerstörten Reichstags) als Schauplatz eines dichten, visuell pointierten Noir-Krimis, der von Verlangen und Verbrechen erzählt, von abgewirtschafteten Vätern (schmierig-suberb: Gert Fröbe als versoffener Arzt ohne Approbation) und skeptischen Söhnen, die nicht so taff sind, wie sie glauben – und auch (metaphorisch) vom Regen, vom lang ersehnten, heiß erflehten, der eines Tages die Bäume erblühen, die Träume erwachen, die Glocken erklingen, von Liebe sie singen lassen wird.

R Gerd Oswald B Heinz-Oskar Wuttig, Gerd Oswald, Will Berthold K Karl Löb M Martin Böttcher A Paul Markwitz, Hans-Jürgen Kiebach S Brigitte Fredersdorf P Artur Brauner D Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer | BRD | 89 min | 1:1,37 | sw | 22. November 1959

20.11.59

Buddenbrooks – II. Teil (Alfred Weidenmann, 1959)

Alfred Weidenmanns Verfilmung der »Buddenbrooks« überzeugt weder als künstlerisch geglückte Transponierung des Erzählstoffes in ein anderes Medium noch als reine Inhaltsangabe: Nachdem schon die joviale Großelterngeneration des Romans komplett aus der Leinwandadaption gestrichen wurde, verkürzt der zweite Teil das Leben des kleinen Hanno, reduziert den Letzten des Stammes zur gescheiterten Hoffnung seines Vaters Thomas (der den ungeratenen Sohn, anders als im Buch, überlebt). Die Besetzungsliste wartet mit großen Namen auf, doch Hansjörg Felmys gequälter Dackelblick läßt so wenig hanseatisches Patriziertum ahnen wie Liselotte Pulvers honigkuchenpferdige Einfalt oder Lil Dagovers überlagerte Kurfürstendamm-Mondänität in der Rolle Konsulin; Nadja Tiller hat schlicht zu wenig Zeit, die über und neben den Dingen des Lebens schwebende Gerda zu entwickeln; allein Hanns Lothar gelingt es, das Wesen eines Charakters, Christians hoffnungslos-lustige Melancholie, spürbar zu machen. Interessant ist eine formale Parallele zum ersten Teil des Films: Wieder gibt es eine (einzige) sommerliche Freiluftszene – Thomas’ Kutschfahrt durch wogendes Getreide, das er auf dem Halm zum Schnäppchenpreis zu kaufen gedenkt –, wieder führt die lichtdurchflutete Außenaufnahme auf direktem Wege in den (diesmal geschäftlichen) Mißerfolg.

R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Günther Lüders | BRD | 107 min | 1:1,37 | sw | 20. November 1959

# 823 | 6. Januar 2014

17.11.59

Ukigusa (Yasujiro Ozu, 1959)

Abschied in der Dämmerung 

Ein Mann und sein Sohn –
zusammen allein auf der 

Bühne des Lebens.

R Yasujiro Ozu B Kogo Noda, Yasujiro Ozu K Kazuo Miyagawa M Kojun Saito A Tomoo Shimogawara S Toyo Suzuki P Masaichi Nagata D Ganjiro Nakamura, Machiko Kyo, Ayako Wakao, Hiroshi Kawaguchi, Haruko Sugimura | JP | 119 min | 1:1,37 | f | 17. November 1959

12.11.59

La notte brava (Mauro Bolognini, 1959)

Wir von der Straße

Mauro Bolognini inszeniert, nach einem Drehbuch des Romanautors, gleichsam die Alta-moda-Version von Pier Paolo Pasolinis römischer Lumpenproletariatsapotheose »Ragazzi di vita«. Die jugendlichen Straßenmädchen und Gassenjungen des Films – verkörpert von kommenden Stars des internationalen Kinos wie Laurent Terzieff und Jean-Claude Brialy, Elsa Martinelli und Rosanna Schiaffino – entbehren jeglicher randständigen Ungeschliffenheit, ihre stolze Obszönität erscheint eher als trendige Pose denn als Ausdruck von Herkunft oder Naturell. Die Schauplätze der episodischen, einen Tag und eine Nacht umspannenden Handlung, trostlose Vororte, enge Sozialwohnungen, struppige Brachflächen, wirken wie dekorative Kulissen für das ziellose Treiben der Protagonisten, für Diebstähle und Betrügereien, Hurerei und Gewaltausbrüche. Unter der (von Armando Nannuzzi effektvoll fotografierten) Oberfläche zeigt sich indes das Drama eines Daseins am Rande – der Stadt, der Gesellschaft, der Hoffnung –, das Drama eines Daseins, das bei aller Abwesenheit von Freundschaft, von Solidarität, von Perspektive so etwas wie Momente einer glanzvollen, schäbigen, wilden Freiheit kennt, Momente, die zwar mit Geld zu bezahlen, aber in Wahrheit unbezahlbar sind.

R Mauro Bolognini B Pier Paolo Pasolini, Jacques-Laurent Bost V Pier Paolo Pasolini K Armando Nannuzzi M Piero Piccioni A Carlo Egidi S Nino Baragli P Antonio Cervi, Alessandro Jacovini D Laurent Terzieff, Jean-Claude Brialy, Rosanna Schiaffino, Elsa Martinelli, Antonella Lualdi, Mylène Demongeot | I & F | 95 min | 1:1,85 | sw | 12. November 1959

# 919 | 18. November 2014

11.11.59

Buddenbrooks – I. Teil (Alfred Weidenmann, 1959)

Nicht den »Verfall einer Familie« schildert Alfred Weidenmanns Adaption des Jahrhundertromans von Thomas Mann, statt von schwindender Lebenstüchtigkeit bei gleichzeitiger musischer Verfeinerung über vier Generationen hinweg erzählt die Verfilmung (ohne viel gesellschaftliches Bewußtsein) vom Scheitern dreier Geschwister aus großbürgerlichem Hause, die die Last ihres Erbes nicht zu tragen wissen: Thomas (Hansjörg Felmy) versagt als Geschäftsmann und Vater, Tony (Liselotte Pulver) verfehlt im Standesdünkel die Liebe; ihr Bruder Christian (Hanns Lothar) verweigert sich gleich ganz, flieht erst hinaus in die Welt, dann in den Suff und weiter in die geistige Umnachtung. Bemerkenswert hermetisch sind die von Robert Herlth gebauten Kulissen: leere Wände, schwere Möbel, wenige Durchblicke, fast keine Aussicht nach draußen – Räume wie Gruften, in denen alles Leben begraben liegt. (Das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte) Lübeck erscheint in engen Ausschnitten von Fassaden und Giebeln, in Architekturfragmenten, aus denen sich keine Stadt zusammensetzen will. Alles macht den Eindruck des Ungelüfteten, Verbauten, Sterilen. Weidenmann trifft kaum je den Ton der Vorlage; von Mannscher Ironie zeugt immerhin jene Sequenz, die (als beinahe einzige Freiluftszene des Films) Tonys zukunftslose Begegnung mit einem revolutionären Medizinstudenten in strahlend sonniges Tageslicht taucht.

R Alfred Weidenmann B Erika Mann, Harald Braun, Jacob Geis V Thomas Mann K Friedel Behn-Grund M Werner Eisbrenner A Robert Herlth S Caspar van den Berg P Hans Abich D Werner Hinz, Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Hanns Lothar, Robert Graf | BRD | 99 min | 1:1,37 | sw | 11. November 1959

# 822 | 6. Januar 2014

29.10.59

Die Wahrheit über Rosemarie (Rudolf Jugert, 1959)

Jeder sein eigenes Wirtschaftswunder … Wie alle, verkauft auch Rosemarie Nitribitt, was sie hat. Indem sie ihr körperliches Potential ausschöpft, kommt sie zu einem schicken Apartment, zu üppigen Pelzen, zu einem schwarzen Mercedes 190 SL. Rosemarie ist das ideale Glied der Konsumgesellschaft: Der Sinn ihres Lebens liegt im Anhäufen von Waren, während sie sich selbst zum Verbrauch freigibt. Rosemaries (gewaltsamer) Tod erscheint insofern nur konsequent: Ihre Existenz endet, als sie alles für sie Erreichbare erreicht hat, als ihre Substanz aufgezehrt ist … Rudolf Jugerts Verfilmung DES bundesdeutschen Skandalstoffs der fünfziger Jahre, der sich um den unaufgeklärten Mord an einer Frankfurter Luxushure aus einfachsten Verhältnissen rankt, enthält sich aller kabarettistischen Stilisierungen, mit der Rolf Thiele den gerichtsnotorischen Fall ein Jahr zuvor zum soziologisch-satirischen Zeitbild formte. Jugert erzählt die Trivialgeschichte konsequent trivial, mit abgedroschenen Kunstmitteln, als hechelnd-billige Boulevardphantasie, als kurvenreich-pralle Auf- und Abstiegsstory, als ordinär-moralisierendes Sittentraktat voller platter Charaktere, die platte Dialoge führen: »Kehren Sie um!« – »Und wie stellen Sie sich das vor?« – »Gehe hin und liebe. Denn helfen wird dir keines Menschen Hand.« Gekonnt wuchert »Die Wahrheit über Rosemarie« mit den Pfunden seiner vulgär-sensiblen Hauptdarstellerin: Belinda Lee läßt gleichermaßen den kurzatmigen Furor des Alles-und-zwar-sofort-Habenwollens wie auch die hundserbärmliche Leere einer nur materiellen Wunschbefriedigung beeindruckend spürbar, ja beinahe schmerzhaft fühlbar werden.

R Rudolf Jugert B J. Joachim Bartsch K Georg Krause M Willi Mattes A Hermann Warm, Bruno Monden S Herbert Taschner P Wolf C. Hartwig, Dieter Fritko D Belinda Lee, Jan Hendriks, Hans Nielsen, Lina Carstens, Karl Lieffen | D | 101 min | 1:1,37 | sw | 29. Oktober 1959